Lossprechung

Cadia hält stand · Dritter Teil

Die Entpflichteten (Riss-Kult) · Black Legion (Die Lossprecher) · Astra Militarum (331. Cadianisches Stoßtruppenregiment)

Teil 3 von 5 · 7 Min. Lesezeit

„Der Eid war an eine Mauer gebunden. Die Mauer ist fort. Das Band ist gelöst.“

Ischyron, genannt der Lossprecher, zu Major Lennart Saltzer, am einundzwanzigsten Tag

I. Was ich schulde

Man hat mich nicht gefoltert. Ich sage das zuerst, weil es das ist, was alle wissen wollen, und weil es das ist, was niemand glaubt.

Ich war am Halrik-Tor, als es fiel. Ich hatte das Zweite Bataillon, oder was davon nach drei Wochen übrig war, und ich hatte den Befehl, es einzuschiffen, und dazu brauchte ich das Tor, und dazu brauchte ich die Kasrkin. Ich habe Feldwebel Kalvek den Befehl gegeben, das Tor zu halten, bis ich es sage. Das war der Wortlaut. Bis ich es sage. Ich habe ihn gewählt, weil ein Kasrkin einen Befehl braucht, der ein Ende hat, und weil ich das Ende bestimmen wollte, wenn die letzte Kompanie durch war.

Die letzte Kompanie ist nicht durchgekommen. Sie ist zwischen dem Tor und der Torstraße in etwas geraten, das ich nicht beschreiben werde, weil man es nicht beschreibt, und ich war bei ihr, weil ein Major bei seiner letzten Kompanie ist, und dann war ich der Einzige, der noch stand, und dann stand er vor mir.

Er hat nichts gesagt. Er hat mich angesehen, und ich habe zu ihm hochgesehen, weil man zu ihnen hochsieht, und er hat mir das Lasergewehr aus der Hand genommen, wie man einem Kind etwas aus der Hand nimmt, das es nicht halten sollte, und dann hat er mich mitgenommen. Über das Tor sind wir nicht gegangen. Das Tor haben die Kasrkin gehalten, oben, von den Türmen, und ich habe hinaufgesehen, während er mich wegtrug, und ich habe sie schießen sehen, auf alles, was unten war, und ich habe nicht gerufen. Ich weiß nicht, warum ich nicht gerufen habe. Ich habe seither viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, und die Antwort, zu der ich gekommen bin, ist die, die er mir drei Wochen später gegeben hat, und ich habe sie nicht gern.

Drei Wochen. Auf seinem Schiff, in einer Kammer, die ein Fenster hatte, was ich nicht erwartet hatte, und Essen, was ich nicht erwartet hatte, und niemanden, der mich anrührte. Am einundzwanzigsten Tag kam er herein und setzte sich, was die Kammer klein machte, und sah mir beim Essen zu, und dann sagte er drei Sätze.

Der Eid war an eine Mauer gebunden. Die Mauer ist fort. Das Band ist gelöst.

Ich habe weitergegessen. Das ist die Wahrheit. Ich habe den Löffel nicht sinken lassen, ich bin nicht aufgesprungen, ich habe ihm nicht gesagt, was ein Major einem Verräter sagt. Ich habe gegessen, und irgendwo zwischen dem einen Löffel und dem nächsten habe ich gemerkt, dass er recht hatte, nicht mit dem Kopf, sondern so, wie man merkt, dass man müde ist. Ich hatte den Eid auf Cadia geschworen, mit vierzehn, auf dem Wall von Halrik, mit der Hand auf dem Stein, und der Stein war weg. Er war nicht erobert. Er war nicht besetzt. Es gab ihn nicht mehr, nirgends, und ein Eid auf etwas, das es nicht gibt, ist ein Satz.

Er hat mich dann gefragt, ob ich gehen wolle. Die Tür stand offen. Ich bin nicht gegangen. Nicht, weil ich Angst hatte. Weil ich nicht wusste, wohin ein Mann geht, der nichts schuldet, und weil er der Einzige war, der es zu wissen schien.

Er heißt Ischyron. Seine Brüder nennen ihn den Lossprecher, und es ist kein Name, den er sich selbst gegeben hat; er trägt ihn, wie man einen Rang trägt, den andere einem verliehen haben. Was er tut, nennen sie die Lossprechung, und was aus denen wird, die er losspricht, nennen wir selbst die Entpflichteten, weil das Wort aus der Vorschrift kommt und nicht aus einem Gebet.

Seither nennt er mich Cadianer. Nur er. Alle anderen nennen mich, was ich geworden bin.

II. An die Cadianer von Ederhaven

Hier spricht Major Lennart Saltzer, Dreihunderteinunddreißigstes Cadianisches, Zweites Bataillon. Ich weiß, dass ich in Ihrem Buch als gefallen stehe. Ich bitte, das zu berichtigen. Ich bin nicht gefallen. Ich bin gegangen.

Ich spreche zu Ihnen über die Vox-Anlage des Sammelraums, die seit heute früh uns gehört, weil die, die sie bedient haben, nichts mehr schulden und zu uns gekommen sind. Sie werden sie zurückbekommen. Wir brauchen sie nur für diese eine Ansprache, und dann können Sie wieder Befehle darüber geben.

Ich werde Ihnen nicht sagen, dass der Mann auf Terra tot ist. Ich weiß es nicht. Ich werde Ihnen nicht sagen, dass er Sie belogen hat. Er hat Ihnen nie etwas gesagt. Andere haben in seinem Namen gesprochen, seit zehntausend Jahren, und Sie haben es geglaubt, weil Sie auf einem Boden standen, der es glaubte, und der Boden ist weg. Das ist alles, was ich Ihnen sage. Der Boden ist weg. Sehen Sie nach. Sehen Sie in den Himmel, der offen ist, und fragen Sie sich, warum er offen ist, wenn Cadia gehalten hat. Cadia hält nicht stand. Cadia ist Staub in einem Sturm, der kein Ende hat, und alles, was Sie darauf geschworen haben, ist mit ihm gegangen.

Das ist keine Ketzerei. Ketzerei wäre, wenn ich Ihnen etwas anderes zu glauben gäbe. Ich gebe Ihnen nichts. Ich nehme Ihnen etwas ab. Ziffer eins der Dienstvorschrift, die Sie alle kennen, sagt, dass der Eid des Soldaten an seine Welt gebunden ist. Ziffer zwei sagt, dass die Welt der Garant des Eides ist. Ich habe die Vorschrift nicht geschrieben. Ich lese sie nur zu Ende.

Wer nichts mehr schuldet, muss nicht mehr hinsehen. Darum das Tuch. Es ist kein Zeichen. Es ist eine Erleichterung. Sie werden es merken, wenn Sie es tragen: Zuerst fehlt Ihnen das Sehen, und dann fehlt Ihnen, dass Ihnen etwas fehlt, und dann ist es still.

Ich weiß, wer zuhört. Oberst Lorbeck, der eine Nummer wollte, die man ihm nicht gegeben hat. Hauptmann Rendel, der mein Adjutant hätte sein sollen, wenn ich noch einen gebraucht hätte. Kommissar Grothe, den ich nicht kenne und der mich jetzt kennt. Und Feldwebel Kalvek.

Feldwebel. Ich habe Ihnen befohlen, das Tor zu halten, bis ich es sage. Ich habe es nie gesagt. Ich habe nicht rufen können, als man mich wegtrug, oder ich habe nicht rufen wollen, ich weiß es nicht mehr, und Sie haben das Tor gehalten, bis es kein Tor mehr gab, und dann haben Sie die Ihren über den Wall zum Wassertor gebracht, und ich habe es von unten gesehen, und ich habe geschwiegen. Sie halten es noch. Ich höre es an dem, was man mir von Ihnen erzählt. Sie halten ein Tor, das es nicht gibt, weil ein Mann, den es nicht mehr gibt, Ihnen nie gesagt hat, dass Sie gehen dürfen.

Das ist das Letzte, was ich schulde. Ich werde es Ihnen abnehmen. Nicht heute. Aber ich komme, und ich bringe Ihnen den Befehl, den ich Ihnen schuldig geblieben bin.

An die Kinder mit den Strichen auf den Helmen, denen man die Striche abgekratzt hat, vor drei Wochen, im Moor: Ich habe die geschickt, die dort lagen. Ich habe gewusst, dass sie fallen würden, und sie haben es gewusst, und sie sind gegangen, weil man geht, wenn man nichts schuldet und jemand einen bittet. Es tut mir leid um die, die sie waren. Es tut mir nicht leid um das, was sie getan haben. Ihr Kinder schuldet am wenigsten von allen. Man hat euch auf Schiffe gebracht, bevor ihr je auf dem Wall gestanden habt, und man hat euch trotzdem schwören lassen, durch ein Bullauge. Wir kommen euch holen. Nicht mit Gewalt. Wir kommen, und wir warten, und wer mitgehen will, geht.

Ich schulde nichts. Ihr auch nicht. Ende der Ansprache.

Coda

Er hört sie sich an. Jedes Mal. Er sitzt in der Kammer, die er für so etwas hat, mit den Aufzeichnungen, die er macht, seit er das tut, was er tut, Tausende, in Regalen, die ein Mensch nicht erreicht, und hört sie sich an, mit geschlossenen Augen, wie jemand Musik hört, die er kennt.

Ich stehe dabei. Er hat mich nicht darum gebeten. Er hat mich auch nicht weggeschickt.

Als es zu Ende ist, öffnet er die Augen, und sie sind nicht das, was man erwartet. Man erwartet etwas Fremdes. Sie sind es nicht. Sie sind aufmerksam, und sie sind geduldig, und ich habe in sechsundzwanzig Dienstjahren nur einen Menschen gekannt, der so geduldig aussah, und das war der Alte, wenn er einem zuhörte, bevor er einen fertigmachte.

„Du hast ihr gesagt, dass du kommst“, sagt er.

„Ja.“

„Das war nicht verabredet.“

„Nein.“

Er nickt. Er steht auf, was die Kammer klein macht, und geht zur Tür, und an der Tür bleibt er stehen, ohne sich umzudrehen.

„Gut“, sagt er. „Ein Cadianer hält, was er sagt. Das ist es, was ich an euch mag.“

Dann geht er, und ich höre das Schiff, die Absolvo, unter mir die Richtung wechseln, langsam, wie große Dinge sich drehen, und ich weiß, ohne dass es jemand sagt, wohin.

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