Zweimal verloren

Die Eisenadern

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„Der Orden verspricht, dass niemand zweimal verloren geht. Einmal im Tod, nicht noch einmal im Vergessen. Das Versprechen wird nicht vom Orden gehalten. Es wird von einem einzelnen Mann gehalten, und er hält es mit einer Zange.“

Randbemerkung im Aufnahmebuch des Apothecariums, unsigniert

I. Das Aufnahmebuch

Das Apothecarium der Eisenadern lag nicht im Fels.

Alles andere in der Schmelzkathedrale lag im Fels — die Reliquienhalle, die Waffenkammern, die Zellen der Novizen, die Werkstätten, in denen die Techmarines das taten, was sie taten. Aschgrat war eine Welt, die man betrat, indem man in sie hineinging. Wer auf ihr blieb, blieb unter ihr.

Das Apothecarium lag oben. Ein Anbau aus verschweißten Platten an der Südflanke des Grats, drei Kammern hintereinander, mit Fenstern. Es war der einzige Ort im Ordenssitz, an dem man ohne Umweg sehen konnte, wie das Licht von Aschgrat aussah, wenn es Tag war: rot, staubig, sehr weit. Der zweite Ordensmeister hatte den Anbau setzen lassen, und die Begründung stand noch immer auf einer Ceramitplatte über der äußeren Tür, in der abgehackten Schrift jener Jahre:

DAS FLEISCH BRAUCHT LICHT. DAS EISEN NICHT.

Es war als Zugeständnis gemeint gewesen. Rennik hatte über hundert Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass es auch eine Rangordnung war.

Es war der dritte Monat nach dem Sechsten Schacht.

Er stand an dem hohen Stehpult in der ersten Kammer, wo das Licht am besten war, und trug ein. Vor ihm lag das Aufnahmebuch: kein Buch im eigentlichen Sinn, sondern ein Stapel geschliffener Ceramitblätter in einem Rahmen aus Eisen, jedes Blatt zweiseitig, jede Seite in vier Spalten geteilt. Name. Herkunft. Halsdrüse. Brustdrüse. Es gab keine Spalte für den Todestag. Der Todestag stand in den Ordensbüchern, und die Ordensbücher führte der Ordenspriester, und die Ordensbücher waren für die Erinnerung da.

Das Aufnahmebuch war nicht für die Erinnerung da.

Rennik setzte den Stichel an und trug den siebzehnten Eintrag des Jahres ein. Er schrieb langsam. Er hatte in siebenundneunzig Jahren als Apothecarius gelernt, dass Schrift, die schnell entsteht, später gelesen wird wie etwas, das jemandem gleichgültig war.

Immarn, Bruder. Aschgrat, Siedlung Kette Vier. Halsdrüse: entnommen, Reifegrad voll, Lagerplatz zwölf-C-neun. Brustdrüse: —

Er hielt an dem Gedankenstrich an, wie er es immer tat, und wie es immer nichts änderte.

„Verloren" schrieb er nicht. Das Wort stand nicht im Vokabular des Buches. Ein Gedankenstrich war neutral. Ein Gedankenstrich sagte: hier fehlt etwas, und wir wissen nicht, warum, und wir tragen keine Schuld ein, weil Schuld keine Spalte hat.

Rennik wusste sehr genau, warum.

Bruder Immarn war zweiundvierzig Stunden auf einem Hangfeld gelegen, sechshundert Kilometer nordöstlich der Kathedrale, unter einer Wand aus abgerutschter Schlacke, weil eine Bergungsmannschaft das falsche Tal zuerst abgesucht hatte. Vierzig Stunden. Die Halsdrüse ist zäh; sie sitzt tief, sie ist klein, sie hält lange. Die Brustdrüse hält nicht lange. Die Brustdrüse ist das reifere, größere, wertvollere Organ, und sie ist auch das empfindlichere, und wenn ein Körper sechsunddreißig Stunden in der Wärme des aschgratschen Gerölls liegt, dann ist das, was der Reduktor herausholt, kein Organ mehr, sondern ein Befund.

Er hatte den Befund trotzdem gemacht. Man macht ihn immer. Man schneidet auch dann noch, wenn man schon weiß.

Rennik legte den Stichel weg und sah aus dem Fenster. Der Himmel über dem Grat hatte die Farbe, die er fast immer hatte, das tiefe glühende Rot, das der Welt ihren Namen gegeben hatte, bevor jemand auf die Idee gekommen war, sie liebevoll die Grauwelt zu nennen. Zweiunddreißig Meter unter ihm arbeitete eine Servitorenkolonne an der Schlackenrinne. Sie arbeiteten in vollkommener Gleichmäßigkeit, wie sie es seit vierzehn Jahren taten.

Er zählte im Kopf, weil er es nicht lassen konnte.

Dreihundertzweiundsiebzig Drüsenpaare im Gewölbe, verwertbar, geprüft, versiegelt. Davon einhundertsechs mit Abweichungen in der zweiten Kammerlinie, die man tolerierte, weil man sie tolerieren musste. Der Zehnt nach Terra: alle achtundvierzig Jahre, das nächste Mal in sechs. Was danach blieb, teilte sich auf in das, was in den Novizen ankam, und das, was im Gewölbe altern durfte, für den Fall, dass es einmal ein schlechtes Jahrzehnt gäbe.

Es gab immer ein schlechtes Jahrzehnt.

Aus dem Rechenwerk ergab sich eine Zahl, und die Zahl war der eigentliche Inhalt seines Amtes, und niemand außer ihm sprach sie je aus: Der Orden konnte, bei ehrlicher Buchführung, in jedem Jahr zwischen sieben und neun Novizen anlegen. Nicht mehr. Die Zahl schwankte nicht mit dem Willen des Ordensmeisters und nicht mit der Not an der Front. Sie schwankte damit, wie viele Brüder starben und wie schnell jemand bei ihnen war.

Das war der Satz, den Rennik nie laut gesagt hatte, und er hatte ihn oft genug gedacht, dass er inzwischen abgegriffen war wie ein Werkzeuggriff:

Der Orden wächst nicht daran, wie gut wir kämpfen. Er wächst daran, wie schnell ich laufe.

Hinter ihm ging die Tür. Er hörte an dem Schritt, wer es war, bevor er sich umdrehte — Delm ging, als würde er einen Boden prüfen, der ihm noch nicht gehörte.

„Erster Apothecarius. Sergeant Malm bittet um eine Untersuchung."

Rennik drehte sich nicht um. „Malm war vor sieben Monaten hier."

„Er sagt, es ist keine Untersuchung, um die er bittet. Er sagt, es ist eine Untersuchung, um die er bittet, damit die Aufzeichnung stimmt."

Jetzt drehte Rennik sich um.

„Wörtlich?"

„Wörtlich, Erster Apothecarius."

Rennik sah den Anwärter an, der neunzehn Jahre in seinem Dienst stand und der immer noch nicht gelernt hatte, dass man in diesen drei Kammern nicht in Habachtstellung steht. Dann sah er wieder aus dem Fenster, auf die Servitoren an der Rinne, auf das sehr weite, sehr rote Licht.

Ein Bruder, der wollte, dass die Aufzeichnung stimmte, wollte nie, dass die Aufzeichnung stimmte.

„Führ ihn in die zweite Kammer", sagte er. „Und mach die Platte warm. Er hat kalte Gelenke."

II. Vierzig Stunden

Bevor Malm kam, ging Rennik hinunter in die Kühlkammer, weil er es sich zur Regel gemacht hatte, keinen lebenden Bruder anzusehen, solange ein toter unversorgt lag.

Die Kühlkammer war der einzige Teil des Apothecariums, der doch im Fels lag. Man hatte sie hineingetrieben, als man merkte, dass Fenster für die Toten ein Problem waren. Sie war neun Meter tief, drei Meter breit, und an beiden Wänden lagen die Laden übereinander wie Schubfächer in einer Werkstatt, weil sie genau das waren.

Bruder Immarn lag in Lade sieben. Rennik zog sie heraus und arbeitete.

Er tat es ohne Delm. Der Anwärter hatte diesen Teil oft genug gesehen, und Rennik hatte inzwischen begriffen, dass es nicht das Sehen war, was einen Apothecarius machte, sondern das Alleinsein danach.

Der Körper war weniger beschädigt, als der Bericht vermuten ließ. Die Schlacke hatte ihn erdrückt, nicht zerrissen. Das Gesicht war ganz. Rennik kannte es. Er kannte alle. Er hatte Immarn vor sechsundzwanzig Jahren die erste Naht gelegt, und er hatte ihm vor sechzehn Jahren einen Splitter aus dem linken Auge geholt, und er wusste, dass Immarn beim Warten immer mit dem Daumennagel gegen den Zeigefingernagel geschlagen hatte, ein winziges, trockenes Ticken, das ihm selbst nicht bewusst war.

Rennik öffnete den Brustkorb.

Es gibt eine Vorstellung von diesem Vorgang, die unter den jüngeren Brüdern umgeht und die er nie korrigiert hatte, weil eine falsche Vorstellung manchmal freundlicher ist als eine richtige: dass der Reduktor ein feines Instrument sei. Er ist kein feines Instrument. Er ist ein Bohrer mit einem Kranz aus vier gebogenen Klingen, und er ist gebaut, um durch die verstärkte Rippenplatte eines Astartes zu kommen, und wenn er arbeitet, klingt er nicht wie Chirurgie. Er klingt wie ein Werkzeug in einer Werkstatt, und der Geruch, den er macht, ist der Geruch von heißem Knochenmehl, und der Geruch bleibt anschließend acht bis zehn Stunden in der Kammer, egal wie die Belüftung läuft.

Rennik setzte an, führte, hielt die Tiefe. Vier Sekunden. Dann der Wechsel auf die Greifzange, dann die kleine, sehr genaue Bewegung nach innen und links, die man nur mit dem Handgelenk macht und nie mit dem Arm.

Die Brustdrüse kam heraus, und sie war grau.

Sie sollte perlmuttfarben sein, fast durchscheinend, mit einer feinen dunklen Aderung, die aussieht wie Frost auf Metall. Diese hier war grau, und sie war weich, und als er sie in die Schale legte, verlor sie ihre Form.

Er stand einen Moment mit der Schale in der Hand.

Vierzig Stunden. Nicht vierzig Stunden Feindberührung, nicht vierzig Stunden Belagerung, nicht vierzig Stunden Sturm. Vierzig Stunden, weil ein Trupp das nördliche Tal zuerst abgesucht hatte statt das östliche, weil die Karte an dieser Stelle zwei Täler hatte und die Meldung nur eines.

Dafür gab es keinen Feind, den man bestrafen konnte, und keine Schlacht, die man umschreiben konnte, und das war der Grund, warum Rennik seit siebenundneunzig Jahren jeden Verlust zweimal erlebte: einmal, wenn der Bruder starb, und einmal, wenn er selbst zu spät kam.

Er versorgte den Körper. Er nähte die Rippenplatte zu, obwohl das niemand je wieder sehen würde, obwohl der Körper in achtzehn Stunden in der Schmelze sein würde. Er tat es, weil er es bei jedem tat, und er hatte aufgehört, sich dafür Gründe zu suchen.

Dann trug er die Schale in die Prüfkammer, setzte sie unter das Auge, ließ das Urteil laufen, und das Urteil sagte, was er wusste.

Nicht verwertbar.

Rennik ging zurück nach oben und wusch sich die Hände sehr lange in kaltem Wasser, wie immer nach einer Brustdrüse, und dachte an eine Sache, die ihm sein Vorgänger einmal gesagt hatte, in genau dieser Kammer, mit genau diesem Geruch in der Luft.

Wir sind nicht die Ärzte des Ordens, Junge. Ärzte sind wir nebenbei. Wir sind die Zöllner. Wir stehen an der Grenze und nehmen von jedem, der hinübergeht, das eine Stück ab, das er nicht mitnehmen darf.

Damals hatte Rennik das für einen bitteren Scherz gehalten.

III. Sergeant Orwin Malm

Malm saß auf der Platte, als Rennik hereinkam, und stand nicht auf.

Das war nicht Unhöflichkeit. Malm stand seit vier Jahren nicht mehr auf, wenn er nicht musste, weil das Aufstehen seit dem Bruch der linken Hüftschale ein Vorgang mit drei getrennten Bewegungen war, und weil er nicht wollte, dass jemand ihm dabei zusah. Rennik wusste das, weil er es in seine Blätter geschrieben hatte, vor vier Jahren, in einer Spalte, die es amtlich nicht gab.

„Erster Apothecarius."

„Sergeant."

Orwin Malm war einhundertneunzig Jahre alt und der zweitälteste noch dienende Kampfbruder des Ordens. Er war kein großer Astartes; er war einer von denen, die breit statt hoch geraten waren, mit einem kurzen, schweren Nacken und Händen, denen man ansah, dass sie vor der Erhebung Werkzeug gehalten hatten. Sein Gesicht war auf der rechten Seite von einer alten Verbrennung überzogen, und das war nicht ungewöhnlich in einem Orden, dessen Heimatwelt Asche hieß.

Er hielt sich sehr gerade. Auch das stand in Renniks Blättern.

„Du wolltest eine Untersuchung, damit die Aufzeichnung stimmt", sagte Rennik.

„Ja."

„Dann fangen wir mit der Aufzeichnung an, statt mit der Untersuchung." Rennik nahm das Blatt, das Delm herausgesucht hatte, und las laut, ohne Betonung. „Linke Hüftschale, Bruch mit Trümmerzone, vier Jahre. Wirbelsäule, Segmente elf bis vierzehn, Verkalkung fortschreitend, gemessen alle sieben Monate. Zunahme im letzten Zeitraum: gering. Lunge links, Vernarbung nach Rauchgasschaden, unverändert seit sechzehn Jahren. Ossmodula-Aktivität im unteren Normbereich, altersgemäß. Herzen beide unauffällig."

Er legte das Blatt hin.

„Die Aufzeichnung stimmt, Sergeant."

„Nein", sagte Malm.

„Was fehlt?"

„Was daraus folgt."

Rennik zog sich den niedrigen Hocker heran, den er für diese Gespräche hatte, und setzte sich, weil ein stehender Apothecarius über einem sitzenden Bruder eine Aussage ist, die er nicht machen wollte.

„Was folgt denn daraus, deiner Ansicht nach?"

„Dass ich noch elf Jahre habe. Vielleicht vierzehn." Malm sagte es, wie man eine Marschzeit angibt. „Und dass ich sie in der Waffenkammer verbringe, wo ich seit vier Jahren Novizen erkläre, warum ein Bolter klemmt. Und dass ich am Ende dieser elf Jahre in einer Lade in deiner Kühlkammer liege, und dass du dann zu mir hinuntergehst und das tust, was du tust, und dass daraus ein Novize wird. Einer."

„Zwei", sagte Rennik. „Bei deinem Alter und deiner Linie eher zwei."

„Zwei." Malm nickte langsam, als hätte er sich verrechnet und als wäre er froh darüber. „In elf Jahren zwei. Oder" — er hob eine Hand, und die Hand war ruhig — „in diesem Jahr zwei, und dazu zweihundert Jahre Dienst in einem Sarkophag."

Da war es also.

Rennik hatte es kommen sehen, seit Delm die Formulierung wiederholt hatte, und er hatte trotzdem gehofft, sich zu irren, und das war eine Regung, für die er zu alt war.

„Du willst eingebettet werden."

„Ich will das, was ein Bruder in meinem Zustand bekommt, wenn sein Zustand richtig aufgeschrieben ist."

„Dein Zustand ist richtig aufgeschrieben."

„Mein Zustand ist vollständig aufgeschrieben", sagte Malm. „Das ist nicht dasselbe wie richtig. Du schreibst Zunahme gering. Ein anderer schriebe Zunahme fortschreitend. Beides ist wahr. Nur das eine hat einen Sarkophag am Ende und das andere eine Waffenkammer."

Rennik sagte lange nichts.

Draußen, weit unten, arbeitete die Servitorenkolonne an der Schlackenrinne, und der Klang davon kam durch das Fenster herein wie ein sehr langsamer Herzschlag.

„Sag mir, warum", sagte er schließlich. „Nicht das, was du dem Ordensmeister sagen würdest. Das andere."

Malm sah ihn an, und Rennik sah ihm dabei zu, wie er entschied, die Wahrheit zu sagen, und wie ihn diese Entscheidung mehr kostete als der Bruch der Hüftschale.

„Weil ich in der Waffenkammer stehe", sagte Malm, „und den Novizen erkläre, warum ein Bolter klemmt, und weil ich dabei jedes Mal denke: einer von euch steht hier, weil ich noch nicht tot bin. Und der andere nicht."

IV. Was ein Befund ist

„Das ist falsch", sagte Rennik.

„Es ist arithmetisch."

„Es ist arithmetisch und falsch. Beides geht." Rennik stand auf, weil er jetzt doch stehen musste. „Deine Drüsen liegen im Gewölbe, wenn sie herauskommen. Sie liegen dort zwischen dreihundert anderen. Es gibt keine Kette von deinem Brustkorb zu einem bestimmten Jungen in einer bestimmten Zelle. Das ist keine Schuld, die du abtragen kannst, weil es keine Schuld ist."

„Du sagst mir, es gebe keine Kette." Malm neigte den Kopf ein Stück. „Erster Apothecarius. Du bist der Mann, der die Kette führt. Du weißt bis auf zwei genau, wie viele Novizen dieser Orden im nächsten Jahr anlegt. Ich habe dich vor elf Jahren gefragt, und du hast es mir gesagt, und du hast dabei nicht nachgedacht, weil du es immer weißt."

Rennik erinnerte sich an das Gespräch. Er hatte damals acht gesagt.

„Dass ich es weiß, macht es nicht zu einer Kette", sagte er. „Es macht mich zu jemandem, der zählt."

„Ja", sagte Malm ruhig. „Und wer zählt, weiß, was fehlt."

Rennik ging zum Fenster und blieb dort stehen, mit dem Rücken zu ihm, was gegen jede Gewohnheit war.

Der Sergeant hatte in einem Punkt vollkommen recht, und Rennik konnte es nicht aussprechen, ohne sein eigenes Amt zu beschädigen. Es gab tatsächlich zwei Sätze, und beide waren wahr, und der Unterschied zwischen ihnen war kein medizinischer. Er war ein Satzbau.

Die Verkalkung schreitet gering fort.

Die Verkalkung schreitet fort.

Man konnte das eine schreiben und das andere schreiben und niemals lügen. Und der Ordensmeister, der ein Blatt aus dem Apothecarium bekam, las kein Blatt. Er las eine Entscheidung, die schon getroffen war, und er las sie in dem Ton, in dem sie geschrieben war, und die Ordenspriester lasen sie so, und die Priesterschaft von Kel-Vantor las sie so, und am Ende dieses Lesens stand eine Kammer sehr weit unter einem Mond, und in der Kammer stand ein Sarkophag, und der Sarkophag war offen.

„Ich schreibe keinen Ton", sagte Rennik zum Fenster. „Ich schreibe einen Befund."

„Du schreibst einen Satz", sagte Malm hinter ihm. „Und aus dem Satz wird ein Urteil, weil niemand nach dir noch einmal hinsieht. Du bist die letzte Stelle, Rennik. Nach dir kommt nur noch der Vollzug."

Er hatte ihn beim Namen genannt, ohne Rang. In einhundertneunzig Jahren hatte er das vielleicht viermal getan.

Rennik drehte sich um.

„Nein", sagte er.

Malm nickte, ein einziges Mal, kurz.

„Ich sage dir auch, warum nein, damit du es nicht selbst zusammensuchen musst", sagte Rennik, und er merkte, dass seine Stimme lauter war, als er es gewollt hatte. „Nicht, weil ich dich nicht verstünde. Nicht, weil der Orden dich nicht brauchen könnte — er könnte. Zweihundert Jahre Orwin Malm in einem Sarkophag wären für diesen Orden ein besseres Geschäft als vierzehn Jahre Orwin Malm in einer Waffenkammer, und wir beide wissen das, und der Ordensmeister wüsste es auch."

„Warum dann."

„Weil an dem Tag, an dem ich einen Satz schreibe, der eine Wahrheit sagt und eine Entscheidung meint, dieses Blatt hier" — er schlug mit der flachen Hand auf das Aufnahmebuch, und der Klang war hell und falsch in der Kammer — „nichts mehr wert ist. Nicht deines. Alle. Rückwirkend. Jedes Blatt, das ich in siebenundneunzig Jahren geschrieben habe, wäre dann eines, bei dem jemand fragen dürfte: und was hat er sich dabei gewünscht?"

Er ließ die Hand liegen.

„Der Orden verspricht, dass niemand zweimal verloren geht. Damit dieses Versprechen etwas heißt, muss jemand da sein, der beim ersten Mal die Wahrheit sagt. Wenn ich anfange zu wählen, bin ich nicht mehr der, der zählt. Dann bin ich der, der zuteilt. Und der Orden hat für den, der zuteilt, keine Aufsicht vorgesehen, weil er nie damit gerechnet hat, dass dieser Mann sein Apothecarius ist."

Malm hörte es sich an, bis zum Ende. Dann tat er das, was Rennik danach jahrelang nicht mehr los wurde: Er wirkte erleichtert.

„Gut", sagte er.

„Gut?"

„Ich musste fragen." Malm rutschte von der Platte, in den drei getrennten Bewegungen, ohne sich dafür zu entschuldigen und ohne Hilfe zu nehmen. „Wenn ich nicht gefragt hätte, hätte ich in elf Jahren geglaubt, du hättest ja gesagt. Jetzt weiß ich es."

An der Tür blieb er stehen.

„Erster Apothecarius. Wenn es soweit ist — komm schnell."

V. Der Anwärter

„Warum grau?", fragte Delm.

Sie standen in der Kühlkammer, zwei Tage später, über der Schale mit dem, was aus Immarn gekommen war. Rennik hatte es nicht verworfen. Er verwarf nie sofort. Eine unbrauchbare Drüse war das einzige Lehrmittel, das der Orden nicht herstellen konnte.

„Sag du es mir."

Delm beugte sich vor. Er war jung — vierundvierzig, im zwanzigsten Jahr seiner Ausbildung, und er hatte die schmalen, sehr geschickten Hände, die man in diesem Amt entweder mitbringt oder nie bekommt. Er hatte auch die Eigenschaft, die Rennik an ihm fürchtete: Er wollte, dass die Dinge einen Grund hatten.

„Autolyse", sagte Delm. „Die eigenen Enzyme. Der Körper war warm, die Kapsel hat nachgegeben, das Gewebe hat sich selbst verdaut."

„Richtig. Wie lange hat es gedauert?"

„Der Bericht sagt zweiundvierzig Stunden bis zur Bergung."

„Ich habe nicht nach dem Bericht gefragt. Ich habe gefragt, wie lange es gedauert hat."

Delm zögerte. „Sechsunddreißig. Vielleicht vierunddreißig. Danach war es gleich, ob wir noch kommen."

„Sechsunddreißig", sagte Rennik. „Merk dir die Zahl nicht als Zahl. Merk sie dir als Weg. Sechsunddreißig Stunden sind, bei einem Sturmboot mit voller Ladung, achthundert Kilometer. Bei einer Bergungsmannschaft zu Fuß in Geröll sind es vierzig. Wenn du eines Tages hier stehst und einen Trupp losschickst, wirst du diese Umrechnung im Kopf machen, während dir jemand ins Gesicht redet. Du wirst sie nicht nachschlagen können."

„Ja, Erster Apothecarius."

Rennik nahm den Reduktor aus der Halterung und legte ihn zwischen sie auf die Platte.

„Nimm ihn."

Delm nahm ihn. Er hielt ihn richtig, seit sechs Jahren.

„Was ist das?"

„Ein Reduktor."

„Falsch."

Delm sah auf. Es war der Blick eines Mannes, der eine Prüfung erwartet hatte und stattdessen eine Falle bekam.

„Es ist ein Reduktor", sagte Rennik, „für die Dauer von vier Sekunden. In diesen vier Sekunden ist es ein Werkzeug, und du bist ein Handwerker, und was in der Schale landet, ist Material. Das ist notwendig. Wenn du in diesen vier Sekunden fühlst, zitterst du, und wenn du zitterst, reißt die Kapsel, und dann hältst du das hier in der Hand" — er zeigte auf die graue Masse in der Schale, ohne sie anzusehen — „und der Junge, der in acht Jahren nicht in einer Zelle sitzt, wird dir das nicht vorwerfen, weil er nichts davon weiß, weil es ihn nicht gibt."

Er nahm Delm das Instrument wieder ab.

„Und in der fünften Sekunde", sagte er, „legst du es hin und siehst dem Bruder ins Gesicht und weißt wieder, wer er war. Wenn du die vierte Sekunde in die fünfte hineinlaufen lässt, wirst du ein schlechter Apothecarius. Wenn du die fünfte Sekunde streichst, wirst du ein sehr guter, und dann ist der Orden verloren, und niemand wird merken, woran."

Delm sagte nichts. Nach einer Weile fragte er:

„Und wenn ich beides nicht kann?"

„Dann sagst du es mir", sagte Rennik. „Und ich schreibe ein Blatt, und du bist nach vier Wochen Sergeant in einer Kompanie und wirst hundert Jahre lang glücklicher sein, als ich es je war."

Er schob die Lade zu.

„Es hat schon zwei gegeben. Beide leben noch. Einer davon führt den zweiten Zug der Vierten. Frag ihn irgendwann, ob er es bereut."

„Und?", sagte Delm. „Bereut er es?"

„Nein", sagte Rennik. „Er kann inzwischen wieder essen."

VI. Der Nachhall

Einmal im Monat, immer am selben Tag, kam Bruder Tal'ir in die dritte Kammer und setzte sich, und Rennik machte etwas, das amtlich Beobachtung hieß und das in Wahrheit vor allem darin bestand, dass zwei Männer im selben Raum saßen und einer von ihnen zuhörte.

Es gab dafür kein Verfahren.

Rennik hatte danach gesucht, in den Aufzeichnungen seines Vorgängers und in denen des Apothecariums überhaupt, und er hatte nichts gefunden, weil so etwas vorher nicht vorgekommen war. Der Orden hatte ein Verfahren für Wunden, ein Verfahren für Mutation, ein Verfahren für Gensaat-Abweichung, ein sehr genaues Verfahren für den Verdacht auf Besessenheit — und für einen Bruder, der aus dem Sechsten Schacht heraufgekommen war und seither manchmal auf seine eigenen Hände sah, als müsse er nachprüfen, ob sie noch ihm gehörten, gab es kein Verfahren.

Die Priesterschaft von Kel-Vantor hatte eines. Ihres hieß Aussonderung und war für Sterbliche, und Rennik hatte es sich einmal erklären lassen und danach zwei Tage lang nicht mit Achtals Adepten gesprochen.

„Wie lange dieses Mal?", fragte er.

„Vier Nächte", sagte Tal'ir. „Nicht am Stück. Die zweite war die längste."

„Worte?"

„Keine Worte. Es sind nie Worte." Tal'ir saß mit den Unterarmen auf den Knien und sah auf den Boden. Er war der jüngste Bruder, der an jenem Tag unten gewesen war, und er war seither derjenige, an dem man am deutlichsten sehen konnte, dass etwas geschehen war, weil er der einzige war, der noch jung genug gewesen war, um sich zu verändern. „Es ist eine Betonung. Als würde jemand in einem Nebenraum sprechen, und man versteht nichts, aber man hört, wo der Satz betont wird. Und man weiß, dass der Satz von einem selbst handelt."

Rennik schrieb mit.

„Und danach?"

„Danach ist es weg, und ich weiß nicht mehr, wo die Betonung lag." Tal'ir hob den Kopf. „Erster Apothecarius, ich habe eine Frage, die ich seit sieben Wochen stellen will."

„Stell sie."

„Wenn ich einmal so weit bin wie Bruder Vosk — " Er unterbrach sich, ordnete es neu. „Wenn ich einmal in dem Zustand bin, in dem man einen Sarkophag bekommt. Ist das dann eine Möglichkeit für mich? Oder bin ich davon ausgenommen?"

Rennik legte den Stichel hin.

Er hatte gewusst, dass die Frage kommen würde. Er hatte sie sich selbst dreißig Mal gestellt, und er hatte dreißig Mal dieselbe Antwort bekommen, und die Antwort war unbrauchbar.

Ein Ehrwürdiger ist wach. Nicht immer, nicht ganz — Sorvain hatte es einmal so gesagt, dass es Rennik noch im Ohr lag: Ich bin nie ganz wach und nie ganz nicht. Aber wach genug, und für sehr lange, und ohne Körper, mit dem man sich ablenken könnte, ohne Hunger, ohne Müdigkeit, ohne die tausend kleinen Verrichtungen, mit denen ein Fleischwesen sich die Stunden vertreibt.

Ein Mann mit einer Betonung in einem Nebenraum, zweihundert Jahre lang, in einem Kasten, in dem es keinen Nebenraum gibt.

„Ich weiß es nicht", sagte Rennik.

„Das ist keine Antwort."

„Doch. Es ist die einzige, die ich habe, und sie ist wahr, und sie ist schlimmer als beide anderen." Rennik sah ihn an. „Ich kann dir nicht sagen, ob der Sarkophag das, was du trägst, einsperrt oder ob er ihm einen Raum gibt, in dem es niemanden mehr stört, dass es spricht. Niemand kann dir das sagen. Es ist nie jemandem passiert. Wenn es dir passiert, bist du der Erste, und dann wissen wir es, und du bist die Antwort."

Tal'ir sah wieder auf den Boden. Er nickte.

„Der Ordenspriester sagt, ich soll darauf vertrauen, dass das Eisen bewahrt, was das Fleisch nicht halten kann."

„Vehn ist ein guter Mann."

„Das ist keine Antwort auf das, was ich gesagt habe."

„Nein", räumte Rennik ein. „Ist es nicht."

Er trug die vier Nächte ein, und die zweite als die längste, und dass keine Worte gefallen waren, und dass der Bruder gefragt hatte. Dann trug er in die Spalte, die es amtlich nicht gab, einen Satz ein, den er dort seit drei Monaten immer wieder eintrug, jedes Mal mit demselben Wortlaut, weil er noch keinen besseren gefunden hatte:

Der Orden hat kein Verfahren. Der Orden hat mich.

VII. Zwei Ämter

Ordenspriester Kaltas Vehn kam selten ins Apothecarium und nie ohne Anlass, und der Anlass war an diesem Abend, dass er die Listen für die nächste Vigil brauchte. Sie werden acht Jahre im Voraus geschrieben, weil die Kohorte von Kel-Vantor ihre Werkstätten so lange im Voraus verplant.

Er saß auf demselben Hocker, auf dem sonst die Brüder saßen, und er sah darauf falsch aus. Vehn war groß, auch für einen Astartes, und in der schwarzen Rüstung seines Amtes sah jeder Raum, in dem er saß, aus wie ein Raum, den man gerade räumte.

„Vier Ehrwürdige zur Erneuerung, wenn es soweit ist", sagte Rennik und schob ihm die Ceramitblätter hin. „Gorrath ist dabei. Kühlmittel, alle Dichtungen, und der linke Hüftaktuator ist seit der letzten Vigil auffällig."

„Ich lese keine Aktuatoren."

„Nein. Du liest die Namen." Rennik zog ein zweites Blatt vor. „Und das hier liest du auch, weil du es weitergeben musst. Es ist die Liste der Brüder, deren Zustand sich seit der letzten Vigil verschlechtert hat. Sie ist dieses Jahr lang."

Vehn nahm sie und las sie tatsächlich, langsam, mit dem Finger, wie ein Mann, der jeden Namen einzeln durchgehen will, damit keiner nur eine Zeile bleibt.

„Malm steht drauf", sagte er.

„Malm steht seit vier Jahren drauf."

„Er war bei mir." Vehn legte das Blatt weg. „Vor neun Tagen. Er hat gebeichtet — nichts, was ich weitergeben dürfte, und nichts, was du nicht ohnehin weißt. Danach hat er mich etwas gefragt, und ich habe ihm eine Antwort gegeben, mit der ich seither nicht zurechtkomme."

„Was hat er gefragt?"

„Ob der Sarkophag eine Ehre ist."

Rennik lehnte sich zurück. Von draußen kam der lange, langsame Klang der Schlackenrinne.

„Und was hast du gesagt?"

„Ich habe gesagt: Ja."

„Das ist die Lehre des Ordens."

„Das ist die Lehre des Ordens", sagte Vehn. „Ich habe sie hundertsiebzig Mal an einem Sarkophag gesprochen, und in diesen hundertsiebzig Malen habe ich sie geglaubt. Ich glaube sie immer noch. Und trotzdem habe ich, als ich das Wort Ja gesagt habe, zum ersten Mal gemerkt, dass ich nicht weiß, worauf sich das Ja bezieht. Auf den Zustand? Auf die Entscheidung? Auf das Amt, das ich dabei ausübe?"

Er sah Rennik an, und Rennik sah einen Mann, der sein Leben lang das Sichere verwaltet hatte und der irgendwann bemerkt hatte, dass unter dem Sicheren nichts lag, sondern nur weiteres Verwalten.

„Ich stelle dir dieselbe Frage", sagte Vehn. „Du bist der Einzige, der sie beantworten kann, ohne zu predigen."

„Nein."

„Nein, du beantwortest sie nicht, oder nein, es ist keine Ehre?"

„Nein, ich bin nicht der Einzige, der sie beantworten kann", sagte Rennik. „Frag Gorrath. Er hat sechzig Jahre lang nichts anderes gesagt als die Litanei des Zorns, und ich bin ziemlich sicher, dass das seine Antwort war."

Vehn lachte nicht. Aber er atmete einmal anders, und in einem Orden wie diesem war das dasselbe.

„Du weichst aus."

„Ja." Rennik nahm die Blätter wieder an sich und ordnete sie, weil er die Hände beschäftigen musste. „Ich sage dir, was ich weiß, und du machst daraus, was du willst. Ein Sarkophag ist eine Ehre für den Orden. Er ist ein Dienst für die Brüder, die nach dem Ehrwürdigen kommen. Und für den Mann darin ist er das, was der Mann darin daraus macht, und das erfahren wir erst, wenn es zu spät ist, ihn zu fragen."

„Und das ist deine Lehre?"

„Das ist mein Befund", sagte Rennik. „Ich habe keine Lehre. Dafür habe ich dich."

VIII. Der Zehnt

In sechs Jahren würde ein Schiff kommen.

Es kam alle achtundvierzig Jahre, und es hatte nie einen Namen, den man dem Orden mitteilte, und die Männer, die von Bord gingen, trugen die Roben des Adeptus Terra und die Abzeichen einer Behörde, deren vollständige Bezeichnung neunzehn Silben hatte. Sie blieben elf Tage. Sie waren höflich. Sie tranken nichts und aßen nichts und schliefen, soweit man das feststellen konnte, nicht.

Am achten Tag gingen sie ins Gewölbe, und am elften gingen sie mit dem Zehnt.

Rennik hatte es zweimal erlebt, und beide Male war er anschließend eine Woche lang zu nichts zu gebrauchen gewesen.

Es war nicht die Menge. Die Menge war erträglich; die Norm war seit dem Ende der Gründungszeit unverändert, und jeder Orden führte sie ab, und ein Orden, der sie nicht abführte, bekam Besuch von anderen Leuten. Es war die Auswahl. Die Männer des Adeptus Terra nahmen nicht irgendetwas. Sie nahmen nach einem Verfahren, das sie nicht erklärten, und was sie nahmen, war jedes Mal das Beste.

Rennik hatte beim zweiten Mal gefragt. Er hatte gefragt, weil er neunundvierzig Jahre alt im Amt gewesen war und noch geglaubt hatte, dass Fragen etwas nützt.

Nach welchem Maßstab wählt ihr?

Der Mann hatte ihn angesehen, freundlich, mit der Geduld eines Menschen, der die Frage kennt.

Nach dem Maßstab, dass in achthundert Jahren an einem Ort, den weder Ihr noch ich kennen werden, ein Orden gegründet wird, den es sonst nicht gäbe. Euer Bestes wird dort das Erste sein. Seid nicht traurig, Apothecarius. Ihr habt gerade erfahren, dass Ihr Vorfahren seid.

Rennik hatte darüber nachgedacht, jahrzehntelang, und er war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Satz nicht falsch war und dass er ihn trotzdem hasste, und dass beides gleichzeitig gelten durfte.

Er ging an diesem Abend ins Gewölbe hinunter, weil er das jeden achten Abend tat.

Das Gewölbe lag unter dem Apothecarium und war damit der einzige Teil des Anbaus, der doch wieder im Fels endete. Man kam über neununddreißig Stufen hinein. Die Luft war trocken und roch nach nichts. In den Wänden lagen die Fächer, in Reihen zu zwölf, jedes mit einer eingeschlagenen Kennung, und in jedem Fach lag eine versiegelte Kapsel, und in jeder Kapsel lag das, was von einem Mann übrig war, den es einmal nicht mehr geben würde.

Es waren dreihundertzweiundsiebzig.

Rennik ging die Reihen ab, wie immer, und las die Kennungen, wie immer, und er hätte, wenn ihn jemand danach gefragt hätte, zu ungefähr zweihundert davon den Namen sagen können.

Das war der Teil seines Amtes, den niemand kannte, weil niemand danach fragte.

Für den Orden war dieser Raum eine Reserve. Für die Priesterschaft von Kel-Vantor war er ein Bestand mit einer Verfallskurve. Für die Männer des Adeptus Terra, alle achtundvierzig Jahre, war er eine Ernte.

Für Rennik war es der einzige Raum in der Schmelzkathedrale, in dem die Toten nicht sortiert waren nach dem, was sie geleistet hatten.

Er blieb bei Fach zwölf-C-neun stehen, in dem seit sechs Tagen Immarns Halsdrüse lag, allein, ohne die zweite, ein halber Eintrag mit einem Gedankenstrich.

Und dann tat Rennik das, was er in siebenundneunzig Jahren dreiundvierzig Mal getan hatte und was in keiner Aufzeichnung stand.

Er sagte den Namen laut.

„Immarn."

Es hallte nicht. Der Raum war zu voll für Hall.

IX. Was er verlangte

Die Meldung kam vier Monate später, mitten im aschgratschen Frühjahr, wenn der Wind die Schlacke von den Nordhängen holte und drei Wochen lang niemand die Sonne sah.

Es war kein Feldzug. Es war eine Sicherungsaufgabe im Schutzgürtel: eine Grubenanlage, dreihundert Kilometer südlich, in der eine Handvoll Menschen etwas ausgegraben hatten, das sie besser hätten liegen lassen. Zwei Trupps der Zweiten, ein Trupp der Vierten, ein Sturmboot, achtzehn Stunden Marsch.

Rennik flog mit, weil er immer mitflog, wenn es ging, und weil ein Apothecarius, der auf dem Grat sitzt, ein Apothecarius ist, der die Sechsunddreißig-Stunden-Rechnung schon verloren hat, bevor sie beginnt.

Sie verloren zwei Brüder in der ersten Stunde und einen in der dritten.

Der dritte war Bruder Bodrek, und Bodrek starb nicht.

Rennik fand ihn in einem Stollenmund, halb unter einem Träger, mit einer Bauchwunde, die kein Narthecium der Galaxis mehr geschlossen hätte, und mit vollem Bewusstsein, weil das Fleisch eines Astartes ihn schützte, indem es ihn nicht ohnmächtig werden ließ.

Er brauchte nicht zu untersuchen. Er tat es trotzdem, vier Sekunden lang, weil ein Mann, der über einem liegt und nicht untersucht, ein Mann ist, der schon aufgegeben hat.

„Wie lange", sagte Bodrek.

„Zwei Stunden. Vielleicht drei."

„Und die Bergung?"

Rennik antwortete nicht sofort, und das war die Antwort.

Sie waren dreihundert Kilometer von der Kathedrale entfernt und vierzig Minuten vom Sturmboot, und das Sturmboot lag unter Beschuss, und über dem Schutzgürtel stand die Aschwand, und die Aschwand stand in solchen Wochen sechs bis neun Tage.

Sechs bis neun Tage.

„Nimm sie jetzt", sagte Bodrek.

Rennik sah ihn an.

„Ich kann dich betäuben."

„Wenn du mich betäubst, muss jemand hierbleiben und dich decken, und dann fehlt der Trupp da vorn." Bodreks Stimme war vollkommen ruhig, und das war das Schlimmste daran; man wird in diesem Orden darauf hin ausgebildet, und die Ausbildung hält bis zuletzt. „Ich habe es Malm versprochen. In der Waffenkammer. Er hat gesagt, wenn es soweit ist, sag es dem Apothecarius früh genug, damit er nicht warten muss."

Rennik kniete sich hin.

Dies ist die Stelle, an der die Aufzeichnung aufhört, und deshalb ist dies die Stelle, an der Rennik seit siebenundneunzig Jahren allein war.

Es gibt in den Ordensbüchern eine Formel für den Gnadenschuss, und es gibt für den Vollzug ein Verfahren, und beide sind sauber. Der Bruder wird betäubt. Der Bruder stirbt. Danach arbeitet der Apothecarius, und was er dabei tut, tut er an einem Toten, und alle Beteiligten haben die Ordnung gewahrt.

Und es gibt die andere Möglichkeit, für die es keine Formel gibt, weil eine Formel sie zu einer Praxis machen würde: dass man beginnt, solange das Herz noch schlägt, weil warmes Gewebe besser hält, weil eine Kapsel, die unter Druck steht, nicht reißt, weil aus dem, was man auf diese Weise herausholt, tatsächlich ein Junge in einer Zelle wird und aus dem anderen nur ein Gedankenstrich.

„Es wird sehr weh tun", sagte Rennik.

„Ich weiß."

„Es wird nicht schnell gehen. Ich brauche die Brustdrüse, und die Rippenplatte ist bei dir stark. Ich schätze siebzig Sekunden bis zum ersten Schnitt."

„Rennik." Bodrek bewegte den Kopf ein Stück, und in seinen Augen stand nichts von dem, was Rennik erwartet hatte, sondern etwas viel Schlimmeres: Ungeduld. „Ich habe zweiundsechzig Jahre in diesem Orden gedient und in dieser Zeit vierhundert Mal gehört, dass niemand von uns zweimal verloren geht. Ich habe geglaubt, das sei ein Trost. Es ist ein Auftrag. Fang an."

Rennik fing an.

Der Reduktor braucht vier Sekunden, wenn der Körper still liegt.

Er lag nicht still.

X. Die fünfte Sekunde

Danach saß Rennik im Stollenmund und wartete, bis seine Hände wieder zu gebrauchen waren.

Es war ein Vorgang von etwa vier Minuten. Er kannte ihn. Es hatte nichts mit Erschütterung zu tun; es war rein mechanisch, eine Übersäuerung der kleinen Muskeln in der Handfläche, wie nach zu langem festen Griff. Man wartet, man öffnet und schließt die Hand elfmal, und dann geht es wieder.

Elf Meter weiter lag Bruder Bodrek unter einer Bahn Segeltuch, und in der Schale in Renniks Feldkasten lagen zwei Organe, und beide waren perlmuttfarben, und beide hatten die feine dunkle Aderung, die aussieht wie Frost auf Metall.

Zwei Novizen. Vielleicht drei. Bodreks Linie war gut.

Rennik saß da, und die Aschwand kam über den Grat, und er dachte an das, was er Delm über die fünfte Sekunde gesagt hatte, und dann dachte er darüber nach, dass er selbst die fünfte Sekunde seit ungefähr vierzig Jahren nicht mehr in der Kammer hatte, sondern hinterher, allein, mit elfmal Hand auf und zu.

Sergeant Berrun von der Zweiten fand ihn dort und blieb in respektvollem Abstand stehen, wie man bei einem Apothecarius stehenbleibt, der gerade gearbeitet hat.

„Erster Apothecarius. Wir haben die Anlage. Sechs Gefangene. Und wir haben Bodreks Waffe geborgen, wenn du sie ins Buch —"

„Ich führe keine Waffen."

„Nein. Verzeihung." Berrun zögerte. „Hat er noch gesprochen?"

Rennik sah auf seine Hände hinunter. Auf, zu. Neun. Zehn.

„Er hat gesagt, es sei ein Auftrag", sagte er. „Nicht ein Trost. Ein Auftrag."

Berrun nickte langsam, als hätte er etwas Erbauliches gehört, und ging.

Und Rennik saß im Stollenmund von Anlage Süd-Vier und begriff mit einer Klarheit, die ihm den Atem nahm, dass er soeben zum ersten Mal in seinem Leben einen Satz weitergegeben hatte, den er selbst nicht mehr glaubte.

XI. Malm, zum zweiten Mal

Sieben Wochen später brannte in der Schlackenrinne unter dem Apothecarium eine Pumpe durch.

Die Rinne war seit vierzehn Jahren automatisiert. Sie lief mit einer Servitorenkolonne und zwei Druckpumpen, und wenn eine Pumpe ausfiel, staute sich die flüssige Schlacke in einer Kammer, die genau dafür gebaut war, und die Kammer hielt neun Stunden. Danach lief sie über und lief den Grat hinunter und in den Ausbildungshof, in dem an diesem Nachmittag einunddreißig Novizen des zweiten Jahrgangs standen.

Es war keine Schlacht. Es war eine Pumpe.

Orwin Malm stand als Ausbilder auf dem Hof.

Was danach in den Ordensbüchern stand, war korrekt und vollständig und beschrieb einen Sergeanten, der die Novizen in achtzig Sekunden aus dem Hof gebracht und dann die Handschieber der Notrinne aufgerissen hatte, alle vier, nacheinander, was den Strom umlenkte und den Hof rettete und den Mann, der an den Schiebern stand, nicht.

Was nicht darin stand, war die Frage, warum die vier Handschieber nacheinander aufgerissen worden waren und nicht drei.

Drei hätten gereicht.

Rennik hatte die Anlage nach dem Unfall selbst durchgerechnet, zweimal, weil er es beim ersten Mal nicht geglaubt hatte. Drei Schieber lenkten sechsundachtzig Prozent des Stroms um. Der Rest wäre in den unteren Hof gelaufen, wo niemand stand. Wer den vierten Schieber aufreißt, steht neun Sekunden länger im Weg dessen, was er umlenkt, und diese neun Sekunden sind der ganze Unterschied.

Rennik brauchte zweiundzwanzig Minuten, um vom Apothecarium zum Ausbildungshof hinunterzukommen, und das war ein Rekord, und es war völlig gleichgültig.

Was aus einer Schlackenrinne kommt, hat achthundert Grad.

Er fand keinen Körper. Er fand eine Form.

Er arbeitete trotzdem, vierzig Minuten lang, in der ausgekühlten Rinne, auf den Knien, mit Werkzeug, das für etwas anderes gemacht war, und Delm stand neben ihm und hielt die Schale und sagte nichts, und irgendwann sagte Delm doch etwas, sehr leise:

„Erster Apothecarius. Es ist nichts mehr da."

„Ich weiß."

„Dann —"

„Ich weiß es erst, wenn ich nachgesehen habe", sagte Rennik. „Solange ich nicht nachgesehen habe, ist es eine Vermutung, und eine Vermutung kommt nicht ins Buch."

Er sah bis zum Ende nach.

XII. Der Eintrag

Am selben Abend stand Rennik an dem hohen Stehpult in der ersten Kammer, wo das Licht am besten war, und das Licht war seit vier Stunden weg.

Vor ihm lag das Blatt. Name. Herkunft. Halsdrüse. Brustdrüse.

Malm, Orwin, Sergeant. Aschgrat, Siedlung Grubenrand Zwei. Halsdrüse: — Brustdrüse: —

Zwei Gedankenstriche. Der zweite Eintrag dieser Art in siebenundneunzig Jahren, bei dem beide Spalten leer blieben; der erste war ein Bruder gewesen, den ein Titanenfuß erwischt hatte.

Es war nicht der Eintrag, an dem Rennik zwei Stunden stand.

Es war die vierte Spalte, die es amtlich nicht gab.

In sie schrieb ein Apothecarius die Umstände, sofern sie für die Bewertung des Materials von Belang waren. Zweiundvierzig Stunden bis zur Bergung. Feuerschaden. Warmentnahme, Zustimmung des Bruders. Es war eine technische Spalte. Sie war für den Nachfolger gedacht, damit er aus zweihundert Jahren Buchführung lernen konnte, woran es lag, wenn etwas grau herauskam.

Rennik setzte den Stichel an und schrieb nicht.

Vier Schieber statt drei.

Wenn er das schrieb, dann stand es da, für immer, in Ceramit, unauslöschlich, und Delm würde es in dreißig Jahren lesen und die Anlage durchrechnen, wie Rennik sie durchgerechnet hatte, und dann würde er verstehen, und dann gäbe es in diesem Orden zwei Männer, die es wussten, und nach Delm vier.

Und der Orden hatte für das, was Orwin Malm getan hatte, ein Wort. Es stand nicht in den Ordensbüchern; es stand in der Ausbildungsordnung, im Abschnitt über das Verhalten bei aussichtsloser Lage, und es lautete Fortwurf. Ein Bruder, der sein Leben wegwirft, wirft nicht sein Leben weg. Er wirft zwei Novizen weg, die es nun nicht geben wird, und er tut es aus einem Grund, den er für ehrenhaft hält, und der Orden hat entschieden, dass dieser Grund nicht ehrenhaft ist, sondern eine Rechenschwäche.

Rennik stand an dem Pult und dachte an einen Sergeanten, der auf einer Platte gesessen und gesagt hatte: Einer von euch steht hier, weil ich noch nicht tot bin. Und der andere nicht.

Er hatte ihm damals gesagt, dass es keine Kette gebe.

Er hatte gelogen. Nicht mit einem Satz, sondern mit einem Ton. Er hatte gesagt es gibt keine Kette, und er hatte gemeint ich möchte nicht, dass du sie siehst, und Malm hatte den Unterschied gehört, weil Malm einhundertneunzig Jahre alt gewesen war und ein Leben lang Männern zugehört hatte, die etwas anderes meinten, als sie sagten.

Und dann war Malm hinausgegangen und hatte elf Jahre lang gewusst, dass es die Kette gab, und dass sie an ihm hing, und dass niemand sie ihm abnehmen würde.

Rennik schrieb:

Vollzug im Dienst. Rückstand ohne Verzug geborgen. Material vollständig verloren, Ursache Hitze.

Es war wahr. Jedes Wort davon war wahr.

Er legte den Stichel hin, und seine Hände zitterten nicht, weil sie das nie taten, und er blieb noch sehr lange stehen.

XIII. Der Ordensmeister

Ordensmeister Harn Vel'Ossa kam neun Tage später ins Apothecarium, allein und ohne Ankündigung, was er ungefähr zweimal im Jahrzehnt tat.

Er ging die drei Kammern ab, wie er es immer tat, und blieb schließlich vor der Ceramitplatte über der inneren Tür stehen, auf der die Begründung des zweiten Ordensmeisters stand.

DAS FLEISCH BRAUCHT LICHT. DAS EISEN NICHT.

„Ich habe mich immer gefragt", sagte Vel'Ossa, „ob er das als Zugeständnis gemeint hat oder als Urteil."

„Als beides", sagte Rennik. „Er hat es geschrieben, nachdem in einem Jahr elf Novizen an der Implantation gestorben waren. Es steht in den Blättern. Er kam herauf und hat den Anbau angeordnet und ist danach nie wieder hier gewesen."

„Das wusste ich nicht."

„Es steht nicht in den Ordensbüchern. Es steht in meinen."

Vel'Ossa nickte langsam und setzte sich nicht, weil er nirgends saß.

„Ich habe Malms Eintrag gelesen", sagte er.

Rennik wartete.

„Und ich habe den Bericht des Wartungsdienstes über die Notrinne gelesen, weil ich alle Berichte lese." Der Ordensmeister sah ihn an, und sein Gesicht war die Maske aus Ruhe, die ihn nach allem, was man hörte, viele Jahre gekostet hatte. „Drei Schieber hätten gereicht."

„Ja."

„Warum steht das nicht in deinem Buch?"

„Weil ich nicht weiß, ob er es wusste", sagte Rennik. „Er war Ausbilder. Er hat die Anlage gekannt. Aber er stand in achthundert Grad Strahlungshitze und hatte einunddreißig Novizen im Rücken, und ich kann nicht ausschließen, dass er einfach vier Schieber gesehen und vier Schieber gezogen hat."

„Kannst du es ausschließen?"

„Nein."

„Kannst du es glauben?"

Rennik sagte nichts.

Vel'Ossa ging zum Fenster und sah hinaus, auf die Rinne, in der seit neun Tagen eine neue Pumpe lief.

„Ich sage dir, was ich glaube", sagte er. „Ich glaube, dass Orwin Malm gewusst hat, dass drei reichen. Ich glaube, dass er den vierten gezogen hat. Und ich glaube, dass er dabei an eine Rechnung gedacht hat, die er nicht hätte aufmachen dürfen und die ihm irgendjemand aufgemacht hat."

Er drehte sich um.

„Ich habe dich nicht deswegen gefragt, damit du es einträgst. Ich habe dich gefragt, weil ich wissen wollte, ob du es weißt."

„Ordensmeister —"

„Ich bin nicht fertig." Vel'Ossa hob die Hand, nicht scharf. „Dieser Orden hat ein Versprechen, und du hörst es an jedem Grab und in jeder Litanei, und es lautet, dass keiner von uns zweimal verloren geht. Einmal im Tod, nicht noch einmal im Vergessen. Es ist ein gutes Versprechen. Ich habe es selbst hundertmal gesprochen."

Er kam einen Schritt näher.

„Aber es ist an dich adressiert, Apothecarius, und an niemanden sonst. Der Ordenspriester sorgt dafür, dass wir die Namen behalten. Die Techmarines sorgen dafür, dass wir die Körper behalten. Und du sorgst dafür, dass wir die Möglichkeit behalten, dass es uns in dreihundert Jahren noch gibt. Von den dreien ist deine die einzige Aufgabe, bei der man das Versagen nicht sieht. Ein vergessener Name fällt auf. Ein leerer Sarkophag fällt auf. Ein Novize, den es nicht gibt, fällt niemandem auf. Nie. Kein einziges Mal in vierhundert Jahren."

„Das ist mir bekannt", sagte Rennik.

„Ja. Das ist das Problem." Vel'Ossa sah ihn sehr direkt an. „Es ist dir bekannt, und du trägst es allein, und du trägst es seit siebenundneunzig Jahren, und ich habe in dieser Zeit zweimal mit dir darüber gesprochen. Das ist mein Versäumnis, nicht deines."

Er ging zur Tür.

„Ich nehme dir nichts ab. Ich könnte es nicht, und du würdest es nicht wollen. Aber ich sage dir eines, und ich möchte, dass du es aufschreibst, damit es an einer Stelle steht, wo jemand nach dir es findet." Er blieb stehen, ohne sich umzudrehen. „Der Orden verlangt von dir die Wahrheit. Er verlangt nicht von dir, dass du sie allein hältst. Wenn du das nächste Mal an einem Blatt zwei Stunden stehst, komm zu mir und stell dich zwei Stunden neben mich, und wir stehen zusammen, und danach schreibst du dasselbe hin, was du ohnehin geschrieben hättest. Es ändert nichts an dem Blatt. Es ändert etwas an dem Mann."

Dann ging er.

Rennik stand noch eine Weile in der leeren Kammer.

Danach nahm er ein neues Blatt und trug ein, was der Ordensmeister gesagt hatte, wörtlich, in die Spalte, die es amtlich nicht gab, weil er nach siebenundneunzig Jahren gelernt hatte, dass ein Satz, den man nicht aufschreibt, in diesem Orden nach zwei Generationen niemals stattgefunden hat.

XIV. Vosk

Vier Monate später, im vierzehnten Monat nach dem Sechsten Schacht, brachten sie Kaelin Vosk zum siebten Mal herauf.

Rennik hatte ihn seit jener Nacht in Behandlung, wie er alle in Behandlung hatte, die aus den unteren Ebenen von Kel-Vantor heraufgekommen waren. Anfangs alle vier Wochen, dann alle drei, dann alle zwei. Es war die Verdichtung der Abstände, an der man in diesem Amt erkennt, wohin ein Fall läuft, lange bevor man es aufschreibt.

Der Fall war nicht schwierig.

Das war das Erste, was er in seine Blätter schrieb, und es war der Satz, an den er sich später am deutlichsten erinnerte. Der Fall ist nicht schwierig. Die Wunden waren versorgt und heilten in dem Umfang, in dem sie heilen konnten. Was darunter lag, war die eigentliche Sache: eine fortschreitende Zersetzung der Bindegewebsmatrix, die von der linken Flanke ausging und die in jeder Messung ihren Weg um genau denselben Betrag weitergegangen war wie in der Messung davor. Nicht schneller. Nicht langsamer. Rost unter frischer Farbe.

Man musste den Verlauf nicht schätzen. Man konnte ihn ausrechnen.

Rennik rechnete ihn aus. Dann rechnete er ihn noch einmal aus, mit einem anderen Verfahren, weil zwei Verfahren, die dasselbe Ergebnis liefern, ein Ergebnis sind und ein Verfahren nur eine Meinung.

Beide sagten: elf bis vierzehn Monate.

Er saß danach lange in der dritten Kammer.

Elf bis vierzehn Monate. Und in seinen Händen lag die Spanne, und die Spanne war der ganze Raum, in dem sich sein Amt bewegte, und er sah sie zum ersten Mal so deutlich, dass ihm schlecht wurde.

Binnen etwa eines Jahres.

Binnen etwas mehr als einem Jahr.

Der Unterschied war eine Silbe. Und die Silbe entschied, ob ein Blatt in die Kammer des Ersten Schweigens führte oder in vierzehn Monate Warten, denn ein Sarkophag wird nicht für einen Bruder gebaut, der noch vierzehn Monate hat. Er wird für einen Bruder gebaut, der ein Jahr hat, weil die Herrichtung neun Monate dauert, weil die Anschlüsse auf eine genetische Signatur gearbeitet werden müssen, weil ein Techmarine dafür monatelang an einer Verbindungsstelle sitzt.

Vierzehn Monate hieß: wir fangen an.

Elf hieß: wir fangen sofort an.

Und ein Jahr hieß, in der Sprache, die alle lasen, ohne sie zu bemerken: es ist entschieden.

Rennik ging an diesem Abend nicht ins Gewölbe.

Er ging in die Waffenkammer, in der seit vier Monaten ein anderer Sergeant den Novizen erklärte, warum ein Bolter klemmt, und er stand zehn Minuten in der Tür und sah zu, und der Sergeant bemerkte ihn nicht.

XV. Drei Wochen

Er schrieb das Blatt an einem Morgen, an dem der Wind von Süden kam und man den Grat bis zum dritten Kamm sehen konnte.

Er schrieb es im Stehen, an dem hohen Pult, wo das Licht am besten war. Er schrieb es allein; Delm hatte er weggeschickt, mit einem Auftrag, den er sich hatte ausdenken müssen.

Zuerst schrieb er die Befunde. Das war leicht; das waren Messwerte, in vier Reihen, mit Datum. Dann die Verfahren, beide, mit Angabe der Abweichung zwischen ihnen, die bei sechs Prozent lag.

Dann kam der Satz.

Rennik stand mit dem Stichel in der Hand und dachte an einen Mann, der auf einer Platte gesessen und gesagt hatte: Du bist die letzte Stelle. Nach dir kommt nur noch der Vollzug.

Er dachte an sich selbst, wie er geantwortet hatte, laut und zu schnell: Ich schreibe keinen Ton. Ich schreibe einen Befund.

Er dachte an Malm auf dem Ausbildungshof und an den vierten Schieber.

Und dann dachte er, sehr ruhig, an etwas, das er sich nie zuvor eingestanden hatte: dass er Orwin Malm nicht abgewiesen hatte, weil ein Befund kein Urteil sein darf. Er hatte ihn abgewiesen, weil er Angst gehabt hatte, dass er sonst herausfände, wie leicht ihm das Zuteilen fiele.

Er setzte den Stichel an und schrieb den wahrsten Satz, den er zur Verfügung hatte, und er wusste beim Schreiben genau, was der Satz auslösen würde, und das war das erste Mal in siebenundneunzig Jahren, dass er es beim Schreiben wusste.

Ohne den Sarkophag wird Bruder Kaelin Vosk binnen eines Jahres sterben. Mit ihm wird er weiterleben.

Er las es zweimal.

Es war wahr. Es war nachprüfbar, es war belegt, es lag in der Spanne, es war die Mitte der Spanne, es war der Satz, den jeder Apothecarius geschrieben hätte, und wenn Delm ihn in dreißig Jahren läse, würde er nichts daran finden.

Und es war eine Entscheidung.

Rennik legte den Stichel hin. Dann nahm er ihn wieder auf und schrieb in die Spalte, die es amtlich nicht gab, drei Worte:

Ich habe gewählt.

Er brachte das Blatt selbst hinunter, statt es Delm mitzugeben. Der Ordensmeister las es im Stehen, wie er alles las, und gab es weiter, und die Maschinerie begann sich zu drehen: eine Meldung nach Kel-Vantor, eine Anfrage an die Kohorte, eine Antwort, ein Termin, ein Techmarine, der von diesem Tag an monatelang an Verbindungsstellen arbeiten würde, ein Ordenspriester, der eine Litanei vorbereitete, die er nur bei Ersteinbettungen sprach.

Drei Wochen später lag Kaelin Vosk auf der Platte in der zweiten Kammer des Apothecariums, wach, mit dem kleinen, schiefen Lächeln, das er nach allem, was Rennik gehört hatte, immer dann zeigte, wenn er Angst hatte.

„Erster Apothecarius. Man hat mir gesagt, das hier kommt vor dem anderen."

„Ja."

„Warum eigentlich? Ich dachte, das macht man am Ende."

Rennik stellte die Schale bereit, und den Reduktor, und die Greifzange, und er richtete die Lampe aus, und er sagte die Wahrheit, weil er sich vor sehr langer Zeit einmal geschworen hatte, in dieser Kammer immer die Wahrheit zu sagen, und weil dieser Schwur der einzige war, den er noch vollständig gehalten hatte.

„Weil es an einem Toten nicht mehr geht, Bruder", sagte er. „Und weil du nicht sterben wirst. Du wirst nur aufhören, den Teil zu haben, der das könnte."

Vosk dachte darüber nach.

„Das ist ein sehr unangenehmer Satz."

„Ja", sagte Rennik. „Atme aus."

Vier Sekunden.

Und dann, wie immer, die fünfte.

XVI. Er ging nicht hin

Sechzehn Monate nach dem Sechsten Schacht fuhr eine Abordnung des Ordens nach Kel-Vantor hinunter, in die Kammer des Ersten Schweigens, tiefer als die Werkstätten und tiefer als die Archive, und bettete Bruder Kaelin Vosk ein.

Der Ordensmeister war dort. Der Ordenspriester war dort und sprach die Litanei des Zweiten Atems. Ein Techmarine stand am Kopfende, wo die neuronalen Anschlüsse warteten, weil ein Bruder sich das ausbedungen hatte, und ein Zeuge aus einem befreundeten Orden stand daneben, weil die Riten der Einbettung nach Legitimität verlangen, die über die eigenen Mauern hinausreicht.

Rennik ging nicht hin.

Er wurde nicht gebeten. Niemand fragte nach ihm; sein Teil war seit drei Wochen erledigt und lag versiegelt in Fach neunzehn-A-vier, und in der Kammer des Ersten Schweigens hat ein Apothecarius nichts zu tun. Was dort geschieht, geschieht mit Werkzeugen, die nicht ihm gehören, und die letzten organischen Reste eines Bruders werden dort von anderen Händen in die dafür vorgesehenen Behälter überführt, respektvoll, und das ist gut so, denn es sind Hände, die diesen Bruder nicht gekannt haben.

Rennik verbrachte den Tag im Apothecarium.

Am späten Nachmittag kam Delm und meldete, was über den Vox gekommen war: Die Einbettung sei vollzogen. Die neurale Kohärenz liege bei einundneunzig Prozent. Es habe eine Störung gegeben, Orks, Reste einer alten Waaagh in den unteren Ebenen, aber die Zeremonie sei zu Ende geführt worden, und der Ehrwürdige Vosk habe gesprochen.

„Was hat er gesagt?"

„Er hat den Techmarine gefragt, ob der in einer Schlägerei war."

Rennik nickte.

„Und", sagte Delm zögernd, „Gorrath hat gesprochen. Ein Wort. Nach sechzig Jahren."

Rennik sah auf.

„Welches?"

„Willkommen."

Der Anwärter stand da und wartete, sichtbar, auf irgendetwas — auf Erstaunen, auf Freude, auf eine Bemerkung, die sich später erzählen ließe. Rennik gab ihm nichts davon, nicht aus Härte, sondern weil ihm in diesem Moment nichts einfiel, was nicht falsch gewesen wäre.

„Danke", sagte er. „Geh essen."

Als Delm gegangen war, ging Rennik hinunter ins Gewölbe, neununddreißig Stufen, in die trockene Luft, die nach nichts roch.

Er ging die Reihen ab. Er las die Kennungen. Bei Fach neunzehn-A-vier blieb er stehen, in dem seit drei Wochen zwei Kapseln lagen, beide voll, beide geprüft, beide perlmuttfarben mit der feinen dunklen Aderung, die aussieht wie Frost auf Metall.

Zwei Novizen. Vielleicht drei. Vosks Linie war gut.

Der Mann, aus dem sie stammten, war an diesem Tag nicht gestorben. Er hatte weitergelebt, tausend Meter unter einem Mond, in zwölf Fuß Ceramit, und in ungefähr sechs Wochen würde er wieder Witze machen, und in zweihundert Jahren würde ein Techmarine, der heute noch nicht geboren war, zu ihm hinaufsehen und ihn nach einem Krieg fragen, den niemand sonst mehr erinnerte.

Es war das genaue Gegenteil eines Verlustes. Es war das Versprechen des Ordens, eingelöst, vollständig, an einem einzigen Mann, und Rennik hatte es eingelöst, mit einem Satz, den er selbst geschrieben hatte.

Er stand vor dem Fach und wartete darauf, dass er etwas dabei empfand.

Nach einer Weile sagte er den Namen laut, wie er es dreiundvierzig Mal getan hatte und wie es in keiner Aufzeichnung stand.

„Vosk."

Es hallte nicht. Der Raum war zu voll für Hall.

Rennik ging hinauf, wusch sich sehr lange die Hände in kaltem Wasser, obwohl er an diesem Tag nichts angefasst hatte, und trug in das Aufnahmebuch den elften Eintrag des Jahres ein.

Er schrieb langsam.

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