Zwei Marken

Astra Militarum (Erste Vandauer Schachtschützen) · die Glutwacht

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„Ein gestrichener Name ist ein Name mit einem Strich. Ein Loch ist ein Ort, an dem jemand gewesen ist.“

I. Der Zehnt

Der Markenwart hieß Warle, war zweiundsiebzig Jahre alt und hatte in seinem Leben zwei Dinge getan: Marken ausgegeben und Marken zurückgenommen. Am Morgen des Tages, an dem die Schiffe kamen, tat er das eine wie immer.

Vierte Sohle, Frühschicht. Hundertsechzig Grubenmarken an hundertsechzig Nägeln — Messingscheiben, jede mit einer Nummer, keine mit einem Namen. Wer einfuhr, nahm seine Marke vom Brett und hängte sie an den Haken über dem Korb. Wer ausfuhr, hängte sie zurück. Was am Abend noch am Haken hing, wurde gezählt, und was gezählt wurde, wurde gesucht.

Das war das ganze Verfahren. Es hatte auf Vandau sechshundert Jahre gehalten, weil es nichts enthielt, was man hätte falsch verstehen können.

Jarik Sund war dreizehn und hatte Nummer einhundertelf. Er nahm sie vom Nagel, ohne hinzusehen — man sah nicht hin, man griff, und wenn man richtig griff, war es die eigene —, und ging an Warle vorbei zum Korb, wo Onnen Roder schon stand und die Handschuhe zwischen den Zähnen hatte, weil er sich die Riemen der Lampe neu band.

»Zu spät«, sagte Onnen um die Handschuhe herum.

»Zu früh«, sagte Jarik. »Der Korb geht erst, wenn Warle gezählt hat.«

»Warle hat vor mir gezählt.«

»Warle zählt zweimal.«

Onnen nahm die Handschuhe aus dem Mund und grinste, und in dem Grinsen war die ganze Ordnung ihres Verhältnisses enthalten: Onnen war sechzehn und größer und schneller und hatte in drei Jahren keinen einzigen Streit gewonnen, weil Jarik nie stritt, sondern nur sagte, wie es war, und wartete.

Dann fuhren sie ein, und um die neunte Stunde ging über ihnen das Licht aus.

Nicht die Lampen. Das Licht am Schachtkopf, das Tageslicht, das durch den Förderturm bis auf die zweite Sohle fiel und dort in einem grauen Streifen endete, an dem man auch ohne Uhr wusste, wie spät es war. Der Streifen erlosch. Er kam nicht wieder.

Sie standen im Stollen und sahen nach oben, hundertzwanzig Meter Gestein über sich, und hörten etwas, das keiner von ihnen je gehört hatte: ein tiefes, gleichmäßiges Mahlen, das nicht aus dem Berg kam, sondern durch ihn hindurch, so wie Donner durch ein Haus geht, ohne es zu berühren.

»Bruch«, sagte einer weiter hinten.

»Kein Bruch«, sagte Onnen.

Bei einem Bruch fällt Staub. Es fiel kein Staub.

Sie fuhren aus. Es war die einzige richtige Entscheidung, und dreiundvierzig von hundertsechzig trafen sie nicht, weil dreiundvierzig weiterarbeiteten, bis die Schicht um war, und deshalb erst am Abend erfuhren, was inzwischen über ihrer Welt stand.

Auf dem Vorplatz vor dem Förderturm stand die halbe Siedlung und sah in den Himmel, und der Himmel war voll.

Vandau lag seit sechzig Jahren hinter einer Sperrzone. Der Grund dafür stand in keinem Dokument, das je auf der Welt selbst angekommen war: zwei Sektoren hatten sich nicht darauf einigen können, welchem von beiden sie zugeschlagen sei, und solange das nicht entschieden war, durfte niemand anfahren, weil jede Anfahrt eine Zuständigkeit behauptet hätte. Vandau hatte weiter Erz gefördert. Vandau hatte das Erz gestapelt. Es lag im Norden der Siedlung in Halden, die man von der Vierten Sohle aus als Hügelkette sah, und Kinder spielten darauf, und niemand hatte je gesagt, dass sie das nicht durften.

Jetzt kamen sie.

Es waren zwei Schiffe, und sie waren nicht gleich. Das eine hing hoch und schmal und war grau wie Schiefer, und an seiner Flanke stand in Buchstaben, die vom Boden aus zwei Meter hoch wirkten und in Wahrheit zwölf waren, ein Wort, das auf Vandau niemand lesen konnte, weil auf Vandau seit vier Generationen niemand mehr Hochgotisch gelernt hatte.

Das andere war kleiner, tiefer, und es brannte. So sah es aus. Es brannte nicht, es war so lackiert: ein Dunkelrot, das an den Kanten in Orange überging, und darüber, quer über den Bug, ein Zeichen wie eine Hand, die eine Glut hält.

Onnen sagte: »Erzschiffe.«

Warle, der Markenwart, der aus dem Kauenhaus getreten war und die Hände noch am Riemen seiner Schürze hatte, sagte: »Nein.«

Er sagte es leise und ohne jede Erregung, wie einer, der eine Zahl vorliest.

»Erzschiffe kommen von unten an die Halden. Die da stehen über der Siedlung.«

Sie brauchten neun Tage.

In den neun Tagen lernte Vandau ein Wort, das es nicht gekannt hatte, und das Wort war Zehnt.

Es wurde ihnen von einem Mann erklärt, der in einer schwarzen Uniform aus dem kleinen Beiboot stieg und sich als Subadjutor des Munitorum vorstellte, und er erklärte es sehr genau und sehr geduldig, dreimal an drei Tagen, mit einer Tafel und einem Zeigestab, wie einem Kind. Eine Welt schuldet dem Imperium einen Zehnt. Der Zehnt kann in Erz bestehen. Er kann in Getreide bestehen. Er kann in Menschen bestehen. Vandau schuldete sechzig Jahre.

Sechzig Jahre Erz lagen im Norden und waren nicht abholbar, weil der Abtransport eine Zuständigkeit vorausgesetzt hätte, die es weiterhin nicht gab.

Menschen konnte man mitnehmen, ohne etwas zu behaupten.

»Das ergibt keinen Sinn«, sagte Onnens Mutter am dritten Abend.

»Doch«, sagte Warle. »Es ergibt Sinn. Nur nicht für uns.«

Am siebten Tag hingen an der Wand des Kauenhauses zwei Listen, und zwischen den beiden Listen lag ein Zwischenraum von einer Handbreit, und dieser Zwischenraum war das Einzige an diesem Tag, woran Jarik Sund sich später noch genau erinnern konnte.

Auf der linken Liste standen zweihundertzwölf Namen. Darüber: Aushebung. Erstes Regiment Vandau.

Auf der rechten Liste standen neun.

Über den neun stand kein Wort, das erklärt hätte, wozu. Da stand nur: Vorgeführt.

Onnen Roder stand links, an dreiundneunzigster Stelle.

Jarik Sund stand rechts, an vierter.

II. Das Brett

Die neun wurden im Kauenhaus vorgeführt, weil das Kauenhaus der einzige Raum der Siedlung war, in dem hundertsechzig Männer gleichzeitig stehen konnten, und weil die, die kamen, sich nicht bücken wollten.

Sie kamen zu dritt. Sie trugen keine Rüstung, sondern etwas, das Jarik für Arbeitskleidung hielt, bis er begriff, wie viel Stoff nötig war, um solche Schultern zu bedecken. Ihre Haut war grau. Nicht schmutzig — grau wie ausgekühlte Asche, gleichmäßig bis unter die Ärmel, und ihre Augen hatten die Farbe von Lampenglas, wenn die Flamme dahinter fast aus ist.

Einer sprach. Die beiden anderen taten nichts, was Jarik hätte beschreiben können, und er merkte trotzdem, dass sie die ganze Zeit über arbeiteten.

»Ihr habt gehört, was der Schreiber gesagt hat«, sagte der Sprecher. Seine Stimme war nicht laut. Sie füllte den Raum trotzdem, weil sie an keiner Stelle zu ihm zurückkam. »Ihr schuldet einen Zehnt. Wir nehmen ihn nicht.«

Er ließ das stehen, bis es unbequem wurde.

»Wir nehmen nichts. Wir bitten um neun. Sieben werden zurückgeschickt, wenn sie den Berg nicht vertragen. Von den zwei, die bleiben, überlebt vielleicht einer die Einbettung des Herzens.«

Jemand im hinteren Teil des Raumes lachte kurz auf, ein Reflex, kein Spott, und der Sprecher wandte den Kopf nicht.

»Wenn ihr uns Söhne gebt, gebt ihr sie fort. Sie kommen nicht wieder. Sie schreiben nicht. Es gibt kein Verfahren, mit dem ihr erfahrt, ob sie leben. Ich sage euch das, weil es andere gibt, die es nicht sagen.«

Er wartete wieder.

»Wenn ihr uns keine gebt, gehen wir. Es hat auf dieser Welt niemand die Pflicht, uns etwas zu geben.«

Warle, der Markenwart, der ganz vorn stand, weil er immer ganz vorn stand, sagte in die Stille hinein: »Und wozu?«

»Wozu was?«

»Wozu nehmt ihr sie.«

Der Graue sah ihn an. Er brauchte länger, als Jarik erwartet hatte.

»Damit auf Welten wie dieser jemand steht, wenn etwas kommt«, sagte er. »Ein Orden, der Menschen nicht schützt, ist keiner.«

»Ihr wart sechzig Jahre nicht hier«, sagte Warle.

»Nein«, sagte der Graue. »Wir wussten nicht, dass es euch gibt.«

Das war, dachte Jarik viel später, die einzige Entschuldigung, die er je von einem der Ihren gehört hat, und sie war keine.

Sie prüften ihn an diesem Abend zu viert, aber es waren nur die drei, und Jarik hat nie verstanden, warum er sich an vier erinnert.

Sie maßen nichts. Es gab kein Gerät. Einer legte ihm die Hand flach auf die Brust, links, und ließ sie dort liegen, so lange, dass es aufhörte peinlich zu sein und anfing, etwas anderes zu werden. Einer fragte ihn nach der Vierten Sohle: wie tief, wie warm, wie lang der Weg vom Schacht zum letzten Stoß, wie viele Schritte, ob er sie gezählt habe.

Er hatte sie gezählt. Neunhundertvierzig, im Sommer neunhundertdreiunddreißig, weil man im Sommer schneller ging.

Der Dritte fragte gar nichts. Er sah ihn an, mit diesen Lampenglasaugen, und irgendwann sagte er ein einziges Wort zu dem, der die Hand auf Jariks Brust hatte, und das Wort war nicht Hochgotisch und auch nicht die Sprache von Vandau.

Dann nahm der Erste die Hand weg und sagte: »Du kommst mit.«

Jarik sagte: »Wann?«

»Jetzt.«

»Ich muss —«

»Nein«, sagte der Graue, nicht unfreundlich. »Musst du nicht. Aber du darfst.«

Sie ließen ihn zweihundert Schritte gehen. Nicht mehr. Einer ging mit, blieb aber am Ende der Gasse stehen, mit dem Rücken zur Siedlung, was Jarik damals für Höflichkeit hielt und was vermutlich Vorschrift war.

Onnen saß auf der Schwelle des Kauenhauses und hatte die Aushebungspapiere in der Hand, drei Bögen, schlecht gefaltet.

»Sie geben dir eine Nummer«, sagte er, ohne aufzusehen. »Steht hier. Erkennungsnummer. Die muss man auswendig können, sagt der Schreiber, weil man sie mal aufsagen muss, wenn man nicht mehr weiß, wie man heißt.«

»Onnen.«

»Ich hab sie schon. Vier-eins-sieben-null-neun. Willst du sie hören? Vier-eins-sieben-null-neun.« Er sah hoch. »Und du?«

»Ich weiß nicht.«

»Die geben dir keine?«

»Ich glaube, die geben gar nichts.«

Onnen faltete die Bögen noch einmal falsch und steckte sie weg.

Dann standen sie eine Weile nebeneinander, und weil beide dreizehn und sechzehn waren und weil es auf Vandau keine Sprache für so etwas gab, taten sie das Einzige, was sie konnten: Sie gingen zum Brett.

Das Brett hing im Kauenhaus, hundertsechzig Nägel, und Warle saß daneben auf seinem Schemel, wie an jedem Abend, und tat, als sähe er nicht hin.

Onnen nahm seine Marke vom Nagel. Zweiundvierzig.

Jarik nahm einhundertelf.

»Das darfst du nicht«, sagte Onnen.

»Du auch nicht.«

»Warle sieht zu.«

»Warle sieht nicht zu.«

Warle sah nicht zu.

Sie tauschten. Es war keine Zeremonie, es dauerte drei Sekunden, und keiner von beiden sagte dabei etwas, weil das, was man dabei hätte sagen können, in jeder Fassung falsch gewesen wäre. Onnen steckte die Einhundertelf in die Brusttasche seines Kittels. Jarik schob die Zweiundvierzig in den Schaft seines Stiefels, weil er keine Tasche hatte, die zuging.

Dann hängten sie zwei leere Nägel zurück ins Brett und gingen hinaus, und hinter ihnen stand Warle auf, nahm zwei Marken aus der Kiste unter dem Schemel — zweiundvierzig, einhundertelf, aus dem alten Bestand, ungestempelt — und hängte sie an die leeren Nägel, damit die Zählung am Abend aufging.

Er hat das nie jemandem gesagt. Es war die einzige Fälschung seines Lebens, und er hat sie für richtig gehalten bis zu seinem Tod.

III. Erste Ausfahrt

Das Regiment hieß nicht Erstes Regiment Vandau. So hatte es auf der Liste gestanden, aber Listen sind Absichten, und was am Ende in den Rollen des Munitorum stand, war: Die Ersten Vandauer Schachtschützen.

Über den Zusatz stritt der Regimentsstab acht Monate lang, und der Streit ist deshalb dokumentiert, weil er dreimal auf dem Dienstweg nach oben ging. Schachtschützen war der Vorschlag eines Adjutanten, der Vandau nie gesehen hatte und annahm, man schieße dort in Schächte. Der Gegenvorschlag hieß Vandauer Bergjäger und kam von Oberst Vessen, der die Welt ebenfalls nie gesehen hatte, aber fand, Jäger klinge besser.

Die Mannschaft nannte sich vom ersten Tag an die Vierte Sohle, und niemand hat je versucht, ihnen das auszutreiben, weil niemand im Stab merkte, dass es geschah.

Die Ausbildung fand nicht auf Vandau statt. Sie fand an Bord statt, auf dem Truppentransporter Beharrlicher Vorsatz, in einem Laderaum, aus dem man die Ladung ausgeräumt und in den man Böden eingezogen hatte, drei Ebenen übereinander, zweitausendvierhundert Mann. Sie dauerte vierzehn Monate, weil die Fahrt vierzehn Monate dauerte, und ihr Umfang bestimmte sich nicht danach, was ein Gardist können musste, sondern danach, wie viel Zeit übrig war.

Feldwebel Hedde Mork war für Zug drei zuständig, zweiunddreißig Mann, und er begann seinen Dienst damit, dass er ihnen etwas wegnahm.

»Lampen«, sagte er.

Sie hatten alle ihre Grubenlampen mitgebracht. Jeder Einzelne. Es war das erste Mal in der Geschichte der Ersten Vandauer, dass sich ein Ausbilder über eine Selbstverständlichkeit wunderte.

»Ihr kriegt keine Lampen. Ihr kriegt Lasergewehre. Wer Licht macht, wenn geschossen wird, sagt dem anderen, wo er ist.«

Onnen Roder, dritte Reihe, sagte: »Und wenn man nichts sieht?«

Mork sah ihn an. Er war ein kleiner, breiter Mann von einer Welt, deren Namen er nie nannte, mit einem Gesicht wie eine zugeschlagene Tür, und er hatte, das erfuhren sie viel später, achtzehn Jahre und vier Regimenter hinter sich, von denen zwei nicht mehr existierten.

»Dann tastest du«, sagte er. »Wie im Berg.«

»Im Berg haben wir Lampen.«

»Im Berg«, sagte Mork, »hat euch auch keiner geschossen. Setz dich, Roder. Du hast recht, und es hilft dir nichts, und daran gewöhnst du dich, oder du bist im ersten Jahr tot.«

Es war kein guter Anfang, und es war der beste, den sie kriegen konnten.

Was Mork ihnen beibrachte, war nicht das, was im Ausbildungsplan stand.

Im Ausbildungsplan stand: Waffenkunde, Marschordnung, Feldbefestigung, Erkennungszeichen, Gebete zum Gebrauch im Felde, Verhalten bei Gasangriff, Verhalten bei Kontakt mit dem Feind, Verhalten bei Kontakt mit Angehörigen der Adeptus Astartes.

Der letzte Punkt umfasste vier Zeilen und lief darauf hinaus, dass man stehenblieb, nicht sprach und nicht im Weg war.

Was Mork ihnen beibrachte, war Nähe.

Er tat es, ohne das Wort zu benutzen, und er tat es mit einer Konsequenz, die Onnen erst nach Jahren als Methode erkannte. Er teilte die Zweiunddreißig in Paare, und die Paare wechselte er nie. Er ließ sie paarweise antreten, paarweise essen, paarweise wachen, paarweise bestraft werden. Wenn einer zu spät kam, standen beide. Wenn einem das Gewehr fiel, trugen beide es eine Nacht lang abwechselnd durch den Laderaum, und der, der es nicht getragen hatte, ging daneben her.

»Das ist Schikane«, sagte Kalle Brue, Onnens Paar, in der zweiten Woche, während sie um drei Uhr nachts zum vierzehnten Mal an derselben Wandnaht vorbeikamen.

»Ja«, sagte Onnen.

»Sag was dagegen.«

»Ich sag nichts dagegen. Ich hab bloß nachgedacht.«

»Über was.«

»Warum er nicht will, dass wir zu dritt sind.«

Brue trug das Gewehr eine Weile schweigend.

»Weil drei einen übrig lassen«, sagte er dann.

»Ja«, sagte Onnen. »Und weil man um zwei nicht abstimmen kann.«

Sanne Lunde kam aus einer Siedlung sechshundert Kilometer nördlich, wo sie nicht Erz, sondern Wasser aus dem Fels holten, und sie war die Einzige in Zug drei, die vorher schon einmal auf jemanden geschossen hatte, was sie nicht erzählte, sondern was man daran merkte, dass sie beim Anschlag nicht blinzelte.

Mikkel Dubb war siebzehn und der jüngste im Zug, und er war der Einzige, der freiwillig gegangen war. Er hatte auf der Liste gestanden und war trotzdem noch zum Schreiber gegangen und hatte gefragt, ob er sicher darauf stehe. Er hatte einen älteren Bruder gehabt, der 919 in der Sohle geblieben war, unter einem Stoß, den man nie geräumt hat, weil das Räumen mehr gekostet hätte, als der Stoß wert war.

»Und?«, fragte Brue ihn einmal. »Ist es besser?«

»Es ist heller«, sagte Mikkel Dubb.

Er sagte solche Sätze, ohne zu merken, dass sie etwas waren, und der Zug gewöhnte sich an, sie weiterzugeben. Es ist heller wurde in den Ersten Vandauern zu einer Redewendung, die noch dreizehn Jahre später von Männern benutzt wurde, die nie erfahren haben, wer sie zuerst gesagt hat.

Im achten Monat der Fahrt ließ Mork sie im Dunkeln antreten.

Er hatte die Beleuchtung des Laderaums abstellen lassen, alle drei Ebenen, und das Notlicht dazu, und er stand irgendwo in dieser Schwärze und sprach, und seine Stimme kam von einer Stelle, die nicht die war, an der er vorher gestanden hatte.

»Fasst euren Mann.«

Zweiunddreißig Hände suchten in der Dunkelheit und fanden sechzehnmal eine andere Hand.

»Das ist alles«, sagte Mork. »Das ist der ganze Unterricht. Alles andere kann euch der Feind auch beibringen.«

Er ließ sie zwei Stunden so stehen.

Onnen Roder hielt in der einen Hand Kalle Brues Handgelenk und in der anderen, in der Faust, in der Brusttasche, durch den Stoff hindurch, eine Messingscheibe mit der Nummer einhundertelf, und er dachte an einen Jungen, von dem er nicht wusste, ob es ihn noch gab, und an ein Brett in einem Kauenhaus, an dem jeden Abend gezählt wurde.

IV. Der Berg

Auf Kaldrath fällt an dreihundert Tagen im Jahr Asche.

Das steht so in den Verzeichnissen, und wie die meisten Sätze in Verzeichnissen ist er richtig und sagt nichts. Was er nicht sagt: dass die Asche warm ist. Dass sie nicht fällt wie Schnee, sondern wie Staub durch einen Lichtschacht, langsam, seitwärts, ohne Eile. Dass man nach drei Tagen aufhört, sie wegzuwischen. Dass sie nach Feuerstein riecht und nach nichts sonst, und dass dieses Nichts das Schlimmste daran ist, weil ein Geruch, der an nichts erinnert, keine Gewöhnung zulässt.

Jarik Sund kam an einem der fünfundsechzig anderen Tage an, und es war der einzige klare Himmel, den er in vier Jahren gesehen hat.

Sie waren neun gewesen. Auf Kaldrath waren sie einhundertdreiundzwanzig, aus elf Welten, und die neun aus Vandau waren die letzten, die eintrafen.

Der Aspirantenberg lag zwölf Kilometer westlich des Festungsklosters, und er war kein Berg, sondern der abgesackte Hang eines alten Kraters, in den man Kammern getrieben hatte, Kammern ohne Türen, zweiundvierzig Stück, jede für dreißig. Es gab kein Tor und keine Wache. Man konnte jederzeit hinauslaufen. In den ersten neun Tagen taten es vierzehn, und keiner von ihnen wurde geholt, und drei kamen von selbst zurück und wurden aufgenommen, als sei nichts gewesen, und einer davon, Torve Skarv aus Vandau, wurde später erhoben.

Sergeant Tolm hatte die Aufsicht über die Kammern eins bis vierzehn. Er war neunzig Jahre alt, was Jarik erst erfuhr, als es keine Rolle mehr spielte, und er hatte in seinem linken Unterarm keinen Knochen mehr, sondern etwas, das dieselbe Arbeit tat und dabei ein Geräusch machte.

Er sprach mit ihnen wie mit Erwachsenen, und das war das Erste, was Jarik an ihm auffiel, und das Zweite war, dass er nie log.

»Ihr werdet gemessen«, sagte Tolm am ersten Abend. »Nicht heute. Ihr werdet vier Jahre lang gemessen, und ihr werdet nicht erfahren, woran. Wenn ihr es erfahrt, könnt ihr es nachmachen, und dann messen wir das Nachmachen.«

Aske Nossen, der auch aus Vandau kam und der Kleinste der Neun war, fragte: »Wie viele bleiben?«

»Von euch Neun?« Tolm rechnete nicht. Er hatte die Zahl. »Zwei. Vielleicht drei. Es hängt am Herz, und das Herz kann man nicht sehen.«

»Und die anderen?«

»Gehen nach Hause.«

»Wirklich nach Hause?«

Tolm sah ihn an.

»Junge«, sagte er, »wir sind ein Orden von Salamanders-Blut. Wir bringen keine Kinder um, weil sie den falschen Vater hatten.«

Was sie im ersten Jahr taten, war zu einem Drittel Arbeit, zu einem Drittel Ausbildung und zu einem Drittel etwas, wofür Jarik nie ein Wort gefunden hat.

Die Arbeit war einfach: Sie räumten Asche. Der ganze Hang musste freigehalten werden, jeden Tag, mit Schaufeln und Körben, und es hatte keinen Zweck, weil es am nächsten Tag wieder lag. Nach vier Monaten fragte niemand mehr, wozu.

Die Ausbildung war Laufen, Tragen, Klettern, Stillhalten. Vor allem Stillhalten. Sie standen bis zu zwölf Stunden in der Asche, ohne Aufgabe, ohne Ansprache, und wer sich setzte, wurde nicht bestraft, sondern notiert.

Das Dritte fand abends statt.

Abends kam ein Bruder in die Kammer, jeden Abend ein anderer, und erzählte. Nicht vom Orden. Von Welten. Von einer Hivewelt, auf der es zwölf Jahre lang keinen Strom gegeben hatte und die trotzdem noch stand. Von einem Dorf auf einer Agrarwelt, das eine Kompanie Symbiontenkultisten drei Wochen lang mit Sensen und einer Mauer aus Dung aufgehalten hatte. Von einer Ordensfestung, die ihre Tore nicht geöffnet hatte, als die Bevölkerung davor stand, und von dem, was danach aus diesem Orden geworden war.

Sie durften fragen. Sie durften alles fragen.

Jarik fragte einmal — im zweiten Jahr, als er sich schon traute —, warum sie das machten.

Der Bruder an diesem Abend war jung, jedenfalls nach Ordensmaßstab, und er dachte lange nach.

»Weil ihr in vier Jahren aufhört, Menschen zu sein«, sagte er. »Und weil ihr euch dann erinnern müsst, wie es war.«

Torve Skarv war der Erste von den Vandauern, der zusammenbrach, und er brach nicht körperlich zusammen.

Es war im vierzehnten Monat, nach einer Nacht in der Asche, und er saß in der Kammer auf dem Boden und weinte nicht und sprach nicht und stand nicht auf, und am Morgen ging er los, den Hang hinunter, in Richtung des Schotterwegs, der zur Küste führte.

Jarik lief ihm nach. Es war verboten, nicht ausdrücklich, aber in dem Sinn, in dem alles verboten war, was einen von den Kammern wegführte.

Er holte ihn nach vier Kilometern ein.

»Geh zurück«, sagte Skarv.

»Nein.«

»Ich geh nicht mit.«

»Ich hab nicht gesagt, dass du mitgehst.«

Sie saßen bis zum Abend an dem Schotterweg. Sie redeten kaum. Jarik erzählte irgendwann von der Vierten Sohle, von den neunhundertvierzig Schritten, von Warle, der zweimal zählte, und von einem Brett mit hundertsechzig Nägeln, und Skarv, der aus einer Siedlung dreihundert Kilometer weiter kam und dasselbe Brett kannte, weil jede Siedlung auf Vandau dasselbe Brett hatte, fing an, dagegen zu reden, und sie stritten zwei Stunden lang darüber, ob der Markenwart die Marke selbst zurückhängen darf oder ob das der Hauer tun muss, und es war der sinnloseste Streit ihres Lebens, und er hat Torve Skarv gerettet.

Sie gingen abends zurück.

Sergeant Tolm stand vor der Kammer und sah sie kommen und sagte nichts, und Jarik erwartete den ganzen nächsten Tag eine Strafe, die nicht kam.

Erst Jahre später, als er selbst neben Tolm stand und selbst hinsah, verstand er, dass es die Messung gewesen war.

Nicht Skarvs Weglaufen.

Sein Nachlaufen.

V. Es ist heller

Auf Hallgart entdeckte das Munitorum, wofür die Ersten Vandauer zu gebrauchen waren, und es entdeckte es aus dem falschen Grund.

Hallgart war eine Industriewelt mit einem Aufstand, und der Aufstand hatte sich, nachdem die oberen Ebenen gefallen waren, in die Versorgungsstollen zurückgezogen — vierhundert Kilometer Röhren unter den Werken, gebaut für Rohrleitungen, hoch genug für einen gebückten Mann.

Drei Regimenter waren vor den Vandauern hineingeschickt worden. Zwei kamen mit Verlusten heraus, die man noch aufschreiben konnte. Das dritte kam nicht heraus, und in seinen Rollen stand achtzehn Monate später als Umstand das Kurzwort unklar, weil von den elf zulässigen Kurzworten keines passte.

Der Grund war nicht der Feind. Der Grund war, dass Menschen, die noch nie hundert Meter unter Fels gestanden haben, dort unten in der dritten Stunde anfangen, auf Geräusche zu schießen.

Oberst Vessen bekam den Befehl an einem Dienstag und stellte in derselben Stunde fest, dass sein Regiment aus zweitausendvierhundert Männern und Frauen bestand, die im Durchschnitt sieben Jahre unter Tage gearbeitet hatten, bevor sie ein Gewehr in die Hand bekamen.

In seinem Bericht steht dazu ein Satz, der später in zwei Stabslehrgängen zitiert wurde: Das Regiment ist für diese Aufgabe außerordentlich geeignet.

Es steht nicht darin, dass er das nicht gewusst hatte, als er sie annahm.

Zug drei ging am elften Tag hinein, Röhre sieben, zweiunddreißig Mann, Marschtiefe achtzig Meter.

Es war eng, es war warm, es roch nach altem Schmierfett, und es war für Onnen Roder das erste Mal seit vierzehn Monaten, dass er sich nicht falsch fühlte.

»Dreh die Lampe ab«, sagte Feldwebel Mork.

»Ich hab keine.«

»War ein Test.«

Sie tasteten sich vor. Die Vandauer taten es so, wie man es im Berg tut: linke Hand an der Wand, rechte Schulter frei, alle zwölf Schritte anhalten und hören. Kalle Brue ging vor Onnen, Sanne Lunde dahinter, Mikkel Dubb war der Vierte.

In der zweiten Stunde fanden sie das dritte Regiment.

Nicht alle. Neun. Sie lagen in einer Erweiterung, wo zwei Röhren zusammenliefen, und sie waren nicht erschossen worden. Sie waren erstickt, in einem Abschnitt, in dem irgendwo weiter vorn eine Trennwand eingezogen worden war, hinter der der Luftstrom endete, und sie hatten es nicht bemerkt, weil man es nicht bemerkt.

Mork ging von einem zum anderen und drehte jeden auf den Rücken. Das dauerte lange. Er tat es allein und ließ sich nicht helfen.

»Erkennungsnummern aufschreiben«, sagte er dann. »Alle neun. Brue, du schreibst.«

»Feldwebel, wir haben keinen Auftrag für —«

»Neun Nummern, Brue. Wenn die keiner aufschreibt, stehen die in achtzehn Monaten auch als unklar drin.«

Sie schrieben neun Nummern auf. Es dauerte zwanzig Minuten, die sie nicht hatten, und es hat, soweit sich das je feststellen ließ, in neun Fällen dazu geführt, dass irgendwo im Segmentum ein Vordruck M-9 vollständig ausgefüllt werden konnte.

Mikkel Dubb starb in der fünften Stunde, und es dauerte vier Sekunden.

Er ging als Vierter, er hatte die Hand an der Wand, und an einer Stelle, an der die Röhre einen Versatz machte, war die Wand nicht Wand, sondern ein Blech, das jemand vor eine Nische gestellt hatte. Er merkte es. Er sagte sogar noch etwas — Brue hat später ausgesagt, es sei »Warte« gewesen, Lunde meinte, es sei »Da« gewesen —, und dann ging hinter dem Blech ein Sprengsatz hoch, der nicht für ihn gedacht war, sondern für die schwere Waffe, die vier Mann weiter hinten getragen wurde, und der zwei Sekunden zu früh auslöste.

Onnen wurde gegen die gegenüberliegende Wand geworfen und hörte fünf Minuten lang nichts.

Als er wieder hörte, hörte er als Erstes Mork, der zählte.

Er zählte die Mannschaft ab. Er tat es ruhig, in der Reihenfolge der Paare, und als er bei Dubb keine Antwort bekam, zählte er weiter bis zweiunddreißig und fing dann noch einmal von vorn an, und beim zweiten Mal war er zwei Namen langsamer.

»Roder.«

»Feldwebel.«

»Dein Mann steht?«

Kalle Brue stand. Er stand vollständig unverletzt an der Wand und hatte beide Hände flach dagegen gelegt, als müsse er sie halten.

»Steht«, sagte Onnen.

»Gut.« Mork war schon bei Dubb. »Dann trag ihn.«

»Feldwebel —«

»Ich weiß, wie viel er wiegt. Trag ihn.«

Es waren achtzig Meter bis zum Schacht, dann hundertzwanzig Meter Leiter, und es gab kein Verfahren, mit dem man einen Toten eine Leiter hinaufbringt, außer dem einen. Onnen Roder brauchte zwei Stunden. Sanne Lunde stieg unter ihm und stützte, wenn er nicht mehr konnte, und Kalle Brue stieg über ihm und sprach die ganze Zeit, ununterbrochen, jeden Unsinn, der ihm einfiel, weil Mork ihm das befohlen hatte.

Oben war Tag. Hallgart hatte einen weißen, flachen Himmel ohne Sonne, aber es war Tag.

Sie legten ihn auf den Beton, und Onnen kniete daneben und bekam eine Minute lang keine Luft, und dann sagte er, ohne zu wissen, warum ausgerechnet das:

»Es ist heller.«

Feldwebel Mork, der drei Schritte weiter stand und aussah wie eine zugeschlagene Tür, sah nicht hin.

»Ja«, sagte er. »Ist es.«

Im Bericht des Regiments über Röhre sieben steht ein Verlust.

Im Bericht steht nicht, dass Zug drei danach vierzehn Tage lang der einzige Zug im Regiment war, in dem niemand mehr allein schlief. Dass sie die Paare nicht mehr trennten, auch außer Dienst. Dass Kalle Brue vier Monate lang keine Wand mehr anfasste.

Dass in der Ausrüstungskiste von Mikkel Dubb, die nach Vorschrift aufgelöst und verteilt wurde, ein Gegenstand lag, für den es keine Spalte gab: eine Messingscheibe, Nummer siebenundachtzig, alter Bestand, ungestempelt.

Und dass Feldwebel Hedde Mork, der achtzehn Jahre und vier Regimenter hinter sich hatte und nie eine Erklärung abgab, sie an dem Abend an die Innenseite seines Spindes hängte, an einen Nagel, den er selbst hineingeschlagen hatte.

Es war die zehnte. Bis Gramm hingen dort einundsechzig.

VI. Das Loch im Buch

Im dritten Jahr wurden vierzig Aspiranten zum Festungskloster abgestellt, weil im Reklusiam etwas zu tun war, wofür man Hände brauchte und keine Fragen.

Jarik Sund war unter den vierzig. Er hat nie erfahren, warum.

Sie trugen Wasser. Das war die ganze Aufgabe: Wasser aus den Zisternen der unteren Ebene in die Kammern des Reklusiams, in flachen Bottichen, zu zweit, vierzehn Stunden am Tag, sechs Tage lang. Man wusch dort etwas. Man wusch es sehr gründlich, und die vierzig durften nicht sehen, was.

Am vierten Tag sah Jarik es doch.

Er kam eine Kammer zu früh in einen Gang, weil er sich verzählt hatte — sechs Türen, nicht fünf —, und in der Kammer standen zwei Brüder an einem Tisch aus schwarzem Stein, und auf dem Tisch lagen neunzehn Behälter, unterarmlang, aus Plaststahl, geöffnet, und aus jedem einzelnen war die Kühlung gezogen und stand daneben.

Einer der beiden Brüder war der Apothecarius. Jarik kannte ihn nicht mit Namen, damals; er kannte ihn an dem, was am Arm hing.

Der Apothecarius hielt einen der Behälter gegen das Licht und sagte, ohne sich umzudrehen: »Neunzehn.«

»Ich habe neunzehn gezählt«, sagte der andere.

»Ich zähle sie nicht. Ich sage die Zahl, damit sie jemand gehört hat.«

Dann drehte er sich um und sah Jarik in der Tür stehen.

Er sagte nicht: Raus. Er sagte nichts. Er sah ihn an — grau, bernsteinfarben, sehr müde —, und Jarik hat später gedacht, dass er in diesem Moment gemessen worden ist, und er hat nie herausgefunden, ob das stimmte.

»Wasser«, sagte Jarik.

»Da drüben.«

Er stellte den Bottich ab und ging hinaus, und im Hinausgehen sah er, dass in der Ecke der Kammer ein Mann saß.

Der Mann war ein Astartes. Das erkannte man, auch wenn er saß, auch wenn er nichts tat. Er trug keine Rüstung, sondern etwas Graues ohne Zeichen, und an der Stelle über dem Herzen, wo bei allen anderen im Kloster ein Wappen war, war bei ihm kein Wappen, und man sah, wo es gewesen war.

Er sah nicht auf.

Am sechsten Tag wurden die vierzig in die große Halle des Reklusiams gerufen und mussten sich an die Wand stellen, und was dann geschah, dauerte elf Minuten.

Auf einem Pult in der Mitte lag ein Buch. Es war groß und alt und lag aufgeschlagen, und daneben stand ein Bruder mit einem Messer, dessen Klinge kürzer war als ein Finger.

Der Dreadnought stand an der Stirnseite.

Jarik hatte einen Dreadnought bis dahin nur einmal gesehen, von weitem, bei einer Prozession. Aus der Nähe war das Erste, was auffiel, nicht die Größe. Es war, dass er stand wie ein Mensch steht, der lange gestanden hat: minimal verlagert, mit einem Fuß etwas vor. Irgendwo in dieser Maschine war jemand, der Gewicht verteilte, obwohl er es nicht musste.

Er sprach nicht viel. Er sagte einen Satz, den Jarik nicht verstand, weil er in einer Formel war, und dann sagte er einen, den er verstand:

»Er kommt zurück. Alle sieben kamen zurück. Wir haben nie gewusst, was wir dann tun sollen, und wir tun jedes Mal dasselbe.«

Dann schnitt der Bruder mit dem kurzen Messer den Namen aus dem Buch.

Er tat es sorgfältig. Er tat es so, wie Warle die Marken zählte: ohne Eile und ohne Ausdruck, weil es getan werden musste und weil die Sorgfalt das Einzige war, was man dem Vorgang noch geben konnte. Es dauerte fast zwei Minuten für ein Wort. Als er fertig war, hob er das ausgeschnittene Stück Pergament nicht auf, sondern ließ es liegen, und ein anderer nahm es und trug es hinaus.

Im Buch blieb ein Loch von der Größe eines Daumennagels.

Das Buch wurde nicht geschlossen. Es blieb aufgeschlagen liegen, und die vierzig Aspiranten mussten daran vorbeigehen, einer nach dem anderen, und jeder musste hineinsehen.

Jarik Sund sah in das Loch, und durch das Loch sah er die Seite darunter, auf der auch etwas stand, und er begriff in diesem Moment etwas, das ihn den Rest seines Lebens nicht mehr losgelassen hat: dass ein Loch nicht dasselbe ist wie eine Streichung. Ein gestrichener Name ist ein Name mit einem Strich. Ein Loch ist ein Ort, an dem jemand gewesen ist.

Es war genau ein leerer Nagel.

Er hat das damals niemandem gesagt, weil es niemanden gab, dem man es hätte sagen können, ohne von Vandau anfangen zu müssen.

Draußen fiel Asche.

Aske Nossen ging neben ihm und war weiß im Gesicht, was bei der Asche schwer zu sehen war und deshalb umso mehr auffiel.

»Was hat er getan?«, fragte Nossen.

»Ich weiß es nicht.«

»Er muss was getan haben. Sonst schneidet man keinen raus.«

»Ich weiß es nicht.«

»Sund. Du hast ihn gesehen. Ich hab gehört, du warst in der Kammer.«

Jarik blieb stehen.

»Ich hab neunzehn Behälter gesehen«, sagte er. »Und einen, der sie gebracht hat.«

Nossen brauchte einen Moment.

»Das ist doch —«, sagte er. »Das ist doch das Gegenteil.«

»Ja«, sagte Jarik.

Sie gingen weiter. Sie waren fünfzehn und sechzehn Jahre alt, und sie hatten in diesem Alter noch die Vorstellung, dass zwischen dem, was einer tut, und dem, was ihm geschieht, ein Verhältnis besteht, und sie verloren sie an diesem Nachmittag beide, in verschiedene Richtungen.

Aske Nossen wurde im Jahr darauf zurückgeschickt. Er vertrug den Berg, aber nicht das Kloster.

Er lebt heute auf Vandau. Er hat es niemandem erzählt.

VII. Die Naht

Eine Beförderung im Astra Militarum ist ein Vorgang mit vier Unterschriften und einer Bearbeitungszeit, die im Segmentum Tempestus in guten Jahren bei elf Wochen liegt.

Onnen Roder wurde am neunzehnten Tag des achten Monats 931.M41 Unteroffizier. Das Schriftstück, das dies feststellte, erreichte ihn am vierten Tag des zweiten Monats 932.M41, gemeinsam mit einer Nachforderung des Munitorum über zwei Feldflaschen, die im Regimentsbestand fehlten und für die er nun zuständig war.

Zwischen beiden Daten lagen einhundertsechsundsechzig Tage, und in diesen einhundertsechsundsechzig Tagen führte er den Zug, ohne dass irgendjemand es angeordnet hätte, weil es niemanden mehr gab, der es hätte anordnen können, und weil dreiundzwanzig Männer und Frauen sich in der zweiten Nacht ohne Aussprache darauf geeinigt hatten.

Feldwebel Hedde Mork starb auf einer Welt, deren Namen die Vandauer nie richtig aussprachen, in einer Ortschaft, die im Befehl als Verkehrsknoten Gramm geführt wurde und aus einer Brücke, einem Silo und vierzig Häusern bestand.

Sie hielten die Brücke sechs Tage. Am siebten kam der Befehl zum Absetzen, und er kam spät, wie solche Befehle spät kommen, weil die Stelle, die sie ausstellt, die Lage aus Meldungen kennt, die zwölf Stunden alt sind.

Der Zug ging über die Brücke in zwei Gruppen. Die erste war drüben. Die zweite war zur Hälfte drüben, als das Silo einstürzte — nicht durch Beschuss, sondern weil sechs Tage Beschuss genügt hatten und es sich den siebten aussuchte — und die Straße unter dem Schutt lag und drei Leute darunter.

Onnen sah Mork stehenbleiben.

Er sah ihn stehenbleiben und den Kopf drehen und die Lage ansehen, und er sah, wie lange es dauerte: nicht lange. Zwei Sekunden. Es sah nicht aus wie eine Entscheidung. Es sah aus wie das Ende einer Rechnung, die schon vorher fertig gewesen war.

»Roder.«

»Feldwebel.«

»Du gehst.«

»Feldwebel —«

»Du gehst mit denen, die drüben sind, und du bleibst drüben.« Mork legte die Hand nicht auf seine Schulter. Er hat in acht Jahren keinen einzigen Mann angefasst, außer um ihn zu tragen. »Das ist ein Befehl, und ich gebe ihn dir, damit du ihn nicht dir selbst geben musst.«

Dann ging er zurück.

Er holte zwei von den dreien heraus. Sanne Lunde war die zweite. Beim dritten war er noch dabei, als die Brücke ging.

Sechsundzwanzig Stunden später saß der Zug in einem ausgeräumten Getreidespeicher elf Kilometer weiter westlich, und es war die schlechteste Nacht in der Geschichte der Ersten Vandauer Schachtschützen, und sie war schlecht auf eine Art, für die es keinen Bericht gibt.

Sie stritten. Nicht laut. Es ging darum, ob man am Morgen zurückgeht.

»Wir sind elf Kilometer weg«, sagte Kalle Brue. »Elf. Das ist ein halber Tag.«

»Die Brücke ist weg.«

»Es gibt eine Furt drei Kilometer nördlich, das steht auf der Karte —«

»Auf der Karte steht auch das Silo.«

»Er hat Lunde geholt«, sagte Brue. »Er hat sie geholt, sie liegt da hinten, sie atmet, und wir sitzen hier und reden über eine Karte.«

Onnen Roder saß mit dem Rücken an einem Betonpfeiler und sagte zwei Stunden lang nichts.

Er dachte in diesen zwei Stunden nicht an Mork. Er dachte an Warle, den Markenwart, der zweiundsiebzig Jahre alt war und in seinem Leben zwei Dinge getan hatte, und an das, was Warle jeden Abend tat, wenn die Zählung nicht aufging: Er ging nicht in den Berg. Er schrieb die Nummer auf und gab sie weiter und blieb sitzen, und am nächsten Morgen gab er wieder Marken aus, und dafür hatte ihn auf Vandau niemand je einen Feigling genannt, weil jeder wusste, dass die Frühschicht am nächsten Morgen einen Mann am Brett brauchte.

Um vier Uhr stand er auf.

»Wir gehen nicht zurück«, sagte er.

Es blieb still.

»Sag was dagegen«, sagte er zu Brue.

Brue sah ihn an. Sie kannten sich seit zehn Jahren, sie hatten sich in einem dunklen Laderaum an den Handgelenken gehalten, und Kalle Brue war der Einzige im Zug, der in diesem Moment das Recht gehabt hätte, ihn zu schlagen.

»Ich sag nichts dagegen«, sagte Brue. »Ich hab bloß nachgedacht.«

»Über was.«

»Über gar nichts«, sagte Brue, und drehte sich weg, und es dauerte vier Monate, bis er wieder mit ihm sprach wie vorher.

Der Spind wurde nach Vorschrift aufgelöst.

Es gab dafür ein Verfahren: persönliche Gegenstände an die im Feld Zu benachrichtigen genannte Person, dienstliche an den Bestand. Feldwebel Mork hatte im Feld Zu benachrichtigen nichts eingetragen. Bei vier Regimentern hatte er es viermal nicht eingetragen, und ein Schreiber im Regimentsstab, der ihn nicht gekannt hatte, hatte dies jedes Mal ordnungsgemäß vermerkt.

Onnen Roder öffnete den Spind allein, weil er ihn als Zugführer öffnen musste, und an der Innenseite der Tür hingen einundsechzig Messingscheiben an einundsechzig Nägeln.

Sie waren nicht nummeriert in einer Ordnung. Sie hingen in der Reihenfolge, in der sie dazugekommen waren.

Nicht alle waren aus Vandau. Die ersten neun waren keine Marken, sondern etwas anderes: zwei Knöpfe, ein Erkennungsplättchen mit einer Nummer aus einer Prägeserie, die seit vierzig Jahren nicht mehr benutzt wurde, ein Stück Kette. Aus vier Regimentern.

Onnen stand acht Minuten davor.

Dann nahm er aus seiner Brusttasche die Messingscheibe mit der Nummer einhundertelf, die ihm nicht gehörte und die er seit acht Jahren trug, und hängte sie nicht dazu.

Er hängte sie an den freien Nagel daneben und nahm sie sofort wieder ab.

Es war eine sinnlose Bewegung. Sie hat ihn nichts gekostet, sie hat niemandem geholfen, und er hat sie nie jemandem erklärt.

Auf Vandau heißt das einhängen und ausfahren, und es bedeutet, dass einer noch lebt.

VIII. Die Herdkohle

Von den neun aus Vandau blieben zwei.

Aske Nossen ging im vierten Jahr. Vier weitere gingen früher, und über zwei von ihnen gibt es keine Auskunft, weil es über Zurückgeschickte grundsätzlich keine gibt. Einer starb 927 unter der Einbettung des Herzens, in der zweiten Nacht, an etwas, das der Apothecarius als nicht abwendbar verzeichnete und über das er drei Tage lang mit niemandem sprach.

Jarik Sund überstand die Einbettung. Torve Skarv, der einmal weggelaufen und zurückgekommen war, überstand sie ebenfalls, und die beiden haben nie darüber geredet, weil es dafür keine Sprache gibt, sondern nur Fachbegriffe.

Was danach kam, dauerte sieben Jahre und lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den Sergeant Tolm im ersten Jahr gesagt hatte und den keiner von ihnen damals verstanden hatte: Ihr hört auf, Menschen zu sein, und ihr müsst euch erinnern, wie es war.

Jarik erinnerte sich an neunhundertvierzig Schritte.

Er prüfte es nach, im fünften Jahr, aus einem Impuls, den er sich selbst nicht erklären konnte: Er ging die Kammerreihe des Aspirantenbergs ab, von der ersten bis zur zweiundvierzigsten und zurück, und zählte, und es waren dreihundertelf Schritte, weil seine Schritte inzwischen andere waren.

Er hat das Ergebnis nicht aufgeschrieben. Er hat aufgehört, sich auf die Zahl zu verlassen, und die Erinnerung daran behalten, dass er sie einmal hatte.

Die Erhebung fand im Reklusiam statt, im Winter 934.M41, für vierzehn Brüder.

Sie ist kein Fest. Bei der Glutwacht ist sie ein Vorgang von zweiundzwanzig Minuten, an dem drei Personen beteiligt sind: der Erhobene, der Apothecarius und ein Ordenspriester. Es gibt keine Zuschauer. Es gibt keine Musik. Es gibt eine Kammer mit einem Herd darin, der seit der Gründung des Ordens nicht ausgegangen ist, was vermutlich nicht stimmt und was niemand nachprüft.

Der Apothecarius war Sevrin Ott.

Er war alt geworden. Jarik kannte ihn inzwischen mit Namen und kannte auch die Geschichte, dass er neun Jahre zuvor an einem schwarzen Steintisch neunzehn Behälter gegen das Licht gehalten hatte, aber er kannte sie in der Fassung, in der sie im Orden erzählt wurde, und in dieser Fassung fehlte einiges.

Ott nahm mit der Zange ein Stück Holzkohle aus dem Herd. Fingergliedgroß. Er ließ es auf einer Steinplatte auskühlen, was zwei Minuten dauerte, und in diesen zwei Minuten sagte niemand etwas, und Jarik hörte zum ersten Mal, dass ein Herd nicht ein Geräusch macht, sondern drei.

Dann legte Ott die Kohle in das Gürtelfach und versiegelte es.

Seine Hände waren ruhig. Sie waren die ganze Zeit über vollkommen ruhig, und erst als das Siegel saß, hielt er einen Moment inne — nicht lang, eine halbe Sekunde, weniger — und sah das Fach an, als sei es nicht das erste, das er heute versiegelte, und auch nicht das erste, bei dem er das tat.

»Sie bleibt darin«, sagte er. »Bis sie mit dir verbrennt.«

»Ja.«

»Du wirst sie nie sehen.«

»Ja.«

»Das ist der Sinn«, sagte Sevrin Ott.

Der Ordenspriester war Hadrek Vurn.

Er war seit fünfundvierzig Jahren in einen Dreadnought eingebettet, und Jarik hatte ihn seit dem dritten Jahr nicht aus der Nähe gesehen. Aus der Nähe stand er immer noch wie ein Mensch, der lange gestanden hat.

Bei der Erhebung darf der Erhobene eine Frage stellen. Das steht in keiner Ordnung; es ist ein Brauch, und wie die meisten Bräuche der Glutwacht ist er praktisch: Ein Bruder, der etwas mit sich herumträgt, trägt es sonst dreihundert Jahre.

Die meisten fragen nichts.

Jarik Sund fragte: »Warum hat er ein Loch bekommen?«

Vurn bewegte sich nicht.

»Wer.«

»Der aus dem Buch. Neunzehn Behälter. Ich war in der Kammer, ich habe Wasser getragen, ich war fünfzehn.«

»Das ist neun Jahre her.«

»Ja.«

»Und du hast es neun Jahre getragen.«

»Ja.«

Es entstand eine Pause, und Jarik hat sie später oft in Gedanken abgemessen und ist nie zu einem Ergebnis gekommen.

Dann sprach Hadrek Vurn.

Die erste Antwort gilt dem Menschen. Sie wird nicht aufgeschrieben, sie ist an keine Form gebunden, und niemand außer den beiden Beteiligten erfährt sie je. Sie dauerte bei Jarik Sund neun Sätze.

Im ersten sagte Vurn, dass er die Frage nicht beantworten könne.

Im zweiten sagte er, dass er sie sich selbst gestellt habe.

Im vierten sagte er, dass er sie 925 dem Ordensmeister gestellt und keine Antwort bekommen habe, weil es keine gab.

Im siebten sagte er, dass ein Orden Regeln braucht, die auch dann gelten, wenn sie im Einzelfall falsch sind, weil ein Orden sonst jedes Mal neu entscheidet, und ein Orden, der jedes Mal neu entscheidet, entscheidet am Ende nach dem, was gerade nützt.

Im achten sagte er, dass er das für richtig halte.

Im neunten sagte er: »Und es hat nie gereicht.«

Dann schwieg er lange genug, dass Jarik begriff, dass die erste Antwort zu Ende war.

Die zweite Antwort gilt dem Orden.

Sie steht seit der Gründung fest, sie ist einundsiebzig Wörter lang, und sie wird ohne Abweichung gesprochen. Mit ihr gilt die Sache als beschieden — nicht als gelöst. Wer sie erhalten hat, kommt in dieser Sache nicht wieder.

Jarik Sund hörte sie an und tat dabei etwas, das ihm selbst erst hinterher auffiel.

Er zählte mit.

Er zählte, weil er aus einer Siedlung kam, in der ein zweiundsiebzigjähriger Mann jeden Abend zweimal zählte, und weil das das Einzige war, was er aus dieser Siedlung hatte mitnehmen können, außer einer Messingscheibe mit der Nummer zweiundvierzig, die seit elf Jahren in einer Kiste unter seiner Pritsche lag, weil ein Bruder der Glutwacht nichts besitzt.

Es waren einundsiebzig.

Sie stimmten.

Und Jarik Sund, der an diesem Abend erhoben wurde und in dessen Gürtelfach ein Stück Holzkohle lag, das er nie sehen würde, verstand zum ersten Mal, warum ein Verfahren, das nichts erklärt, trotzdem etwas wert sein kann — und dass das nicht dasselbe ist wie eine Antwort, und dass man beides braucht, und dass die Glutwacht ihm gerade beides gegeben hatte, in dieser Reihenfolge, und die Reihenfolge war der ganze Unterschied.

IX. Immerhalt

Die Welt hieß Immerhalt, was ein Versprechen war, das ihr jemand vor sechzehnhundert Jahren gegeben hatte, und der Name stand noch, als von dem, was er meinte, nichts mehr stand.

Die Orks kamen im Frühjahr 936.M41 aus einer Richtung, in der nichts war. Sie kamen nicht als Waaagh, sondern als das, was von einer übrig bleibt, wenn sie irgendwo anders gebrochen wurde: keine Ordnung, kein Ziel, drei Millionen davon.

Am neunzehnten Tag war klar, dass Immerhalt nicht zu halten war. Am zweiundzwanzigsten stand das auch in einem Dokument. Zwischen beiden Tagen lagen dreitausend Tote, und über diese Differenz ist später nicht gesprochen worden.

Es blieb die Evakuierung.

Die Glutwacht kam am siebenundzwanzigsten Tag mit vier Schiffen, und der Orden tat, was der Orden seit Serrivan tut und wofür er in zwei Sektoren belächelt und in einem verehrt wird: Er räumte nicht die Werke und nicht die Depots und nicht die Sakralbauten, sondern die Wohnebenen.

Vierhundertzwölftausend Menschen in elf Tagen. Es war zu wenig. Es war mehr, als irgendjemand für möglich gehalten hatte, und es war zu wenig, und beides stand nebeneinander in demselben Bericht.

Bruder Jarik Sund von der Dritten Kompanie hatte in diesen elf Tagen eine einzige Aufgabe, und sie hatte nichts mit dem Kämpfen zu tun. Er stand am Fuß einer Laderampe im Ostbezirk und regelte den Zustrom. Zwölf Stunden, sechs Stunden Pause, zwölf Stunden. Er hob Kinder über die Kante, weil die Kante zu hoch war. Er hielt zweimal am Tag die Reihe an, weil eine Fähre voll war, und stand dann vor Menschen, die er zurückhalten musste, und sagte ihnen die Wahrheit, weil man ihm im Aspirantenberg beigebracht hatte, dass sie die Wahrheit vertragen.

Am neunten Tag hörte er einen Regimentsnamen.

Er kam aus einem Sprechgerät, das ein imperialer Verbindungsoffizier zwanzig Schritte weiter am Ohr hatte, und der Offizier gab ihn weiter an jemanden, der ihn ebenfalls nicht kannte, und in dem Satz, in dem er vorkam, ging es um die Freigabe eines Abschnitts.

Die Ersten Vandauer Schachtschützen.

Jarik Sund hob ein Kind über die Kante.

Dann hob er das nächste.

Er ging in der Nacht des zehnten Tages hin, in seiner Pause, und er hat später nicht behauptet, dass es dienstlich gewesen sei.

Die Vandauer hielten die Zufahrt zum Ostbezirk, dreitausend Meter, in den Unterführungen und Kabelkanälen der alten Werkbahn. Es war ihre siebte Welt und ihre vierte unter Tage. Von den zweitausendvierhundert, die 923 auf der Beharrlicher Vorsatz eingerückt waren, standen noch sechshundertneunzig.

Der Zugführer, der an der nördlichen Sperre saß, war ein Mann von neunundzwanzig Jahren mit einem grauen Streifen im Haar, den er seit Gramm hatte. Er war seit fünf Jahren Unteroffizier und trug seit dem Frühjahr die Tressen eines Feldwebels, die ihm ein Schreiber im Regimentsstab zugesprochen hatte, ohne ihn je gesehen zu haben. Er hatte gerade zum vierten Mal an diesem Tag mit dem Stab telefoniert, weil er wissen wollte, wie viele Fähren noch gingen, und zum vierten Mal keine Zahl bekommen.

Als der Astartes in die Unterführung trat, standen elf Leute auf, und Onnen Roder blieb sitzen, weil ihm die Knie nichts mehr taten, was sie sollten.

»Bleiben Sie«, sagte der Astartes.

Seine Stimme war tief und ohne Betonung, und Onnen dachte, dass er sie nie im Leben von einer anderen würde unterscheiden können.

»Sie sind die Nachhut«, sagte der Astartes.

»Wir halten die Zufahrt.«

»Bis wann?«

Onnen sah zu ihm hoch. Grau im Gesicht, bernsteinfarbene Augen, eine Rüstung, deren Kanten in Orange übergingen, und über dem Herzen ein Zeichen wie eine Hand, die eine Glut hält.

»Das steht in keinem Befehl«, sagte er. »Wenn's in einem Befehl stünde, hätten wir eine Uhrzeit. Wir haben keine.«

»Ich weiß.«

»Sie wissen es?«

»Es gibt keinen Schiffsraum für die Nachhut«, sagte der Astartes. »Er ist nicht knapp geworden. Er war nie eingeplant.«

Es wurde still in der Unterführung.

Onnen Roder hatte das seit vier Tagen gewusst, so wie man solche Dinge weiß: als eine Rechnung, die man aufmacht und dann liegen lässt. Er hatte es niemandem gesagt. Elf Leute standen jetzt hinter ihm und hatten es gehört, und er hätte in diesem Moment sehr gern gewusst, ob der da vor ihm das getan hatte, weil er dumm war oder weil er es für richtig hielt.

Er stand auf.

»Danke«, sagte er.

»Wofür.«

»Dass Sie's gesagt haben. Es hätte uns sonst einer erzählt, der's netter macht.«

Sie redeten neun Minuten.

Über nichts. Über die Kabelkanäle, über den Luftstrom im Abschnitt vier, über die Frage, ob man an einer Trennwand hören kann, dass dahinter keine Luft mehr ist. Onnen erklärte es. Der Astartes fragte zweimal nach, wie einer, der wirklich zuhört.

Dann sagte Onnen: »Kommen Sie nach Vandau?«

»Warum?«

»Weil da einer sein müsste. Der ist mit euch weg, vor dreizehn Jahren.« Er sagte euch, ohne es zu merken. »Neun waren's. Wir haben nie erfahren, ob einer bleibt.«

»Es kommt keine Nachricht«, sagte der Astartes. »Es gibt kein Verfahren dafür.«

»Ich weiß. Man hat's uns gesagt. Der, der's uns gesagt hat, hat's uns wenigstens gesagt.«

Er griff in die Brusttasche.

Es war eine Messingscheibe, abgegriffen bis in die Zahl hinein, und sie hatte dreizehn Jahre und sieben Welten in einer Tasche über einem Herzen verbracht.

»Einhundertelf«, sagte Onnen Roder. »Wenn Sie mal auf Vandau sind, egal wann, in hundert Jahren — die gehört ans Brett. Vierte Sohle. Der Markenwart weiß Bescheid, und wenn der tot ist, weiß es der nächste. Da hängt seit dreizehn Jahren ein falscher Nagel.«

Der Astartes nahm die Marke.

Er hielt sie in einer Hand, in der sie nicht zu sehen war, und sagte eine ganze Weile nichts.

Dann sagte er: »Neunhundertvierzig.«

Onnen Roder stand vier Sekunden vollkommen still.

»Im Sommer neunhundertdreiunddreißig«, sagte er.

»Weil man im Sommer schneller geht.«

Es gab in dieser Unterführung elf Zeugen, und keiner von ihnen hat je verstanden, was in diesem Moment geschah, und alle elf haben bis an ihr Lebensende erzählt, dass sie dabei gewesen sind.

Jarik Sund hat ihn nicht mitgenommen.

Er hätte es tun können. Ein Bruder der Glutwacht, der einen Gardisten auf eine Fähre setzt, wird dafür nicht bestraft; es hätte niemand nachgezählt, und wenn es einer nachgezählt hätte, wäre ein Platz von vierhundertzwölftausend nicht aufgefallen.

Er hat gefragt. Genau einmal, an der Sperre, im Gehen, ohne sich umzudrehen.

»Ich habe Zugriff auf die Rampe.«

Onnen Roder sagte: »Und die sechshundertneunundachtzig anderen?«

Darauf gab es keine Antwort, und Jarik Sund hat sie nicht gesucht, weil er zwei Jahre zuvor gelernt hatte, dass es Fragen gibt, auf die ein Orden einundsiebzig Wörter hat, und dass diese einundsiebzig Wörter nichts lösen.

Er ging zurück an die Laderampe.

Er hob Kinder über die Kante, zwölf Stunden, dann sechs Stunden Pause, dann zwölf Stunden, und in seinem Handschuh lag eine Messingscheibe, und am dreizehnten Tag ging die letzte Fähre.

X. Der Markenwart

Die Ersten Vandauer Schachtschützen sind nie gestrichen worden.

Der Vorgang lief 937.M41 an und ist neun Jahre später eingestellt worden, ohne abgeschlossen zu sein, weil die zuständige Abgleichkanzlei feststellte, dass die Streichung einer Einheit die Zuordnung ihrer Aushebungswelt voraussetzt und dass Vandau keine hat. Die Akte trägt seither den Vermerk schwebend und liegt in einem Verzeichnis, in dem sie nicht auffällt.

Eine Einheit auf der Schwebeliste ist weder bestehend noch erloschen. Sie bleibt versorgungsberechtigt.

Seit 938.M41 fährt deshalb alle vier Jahre ein Munitorum-Frachter Vandau an, entgegen der Sperrzone, weil ein Versorgungsauftrag eine Zuständigkeit nicht behauptet, sondern erfüllt. Er bringt Ausrüstung für ein Regiment: Stiefel, Feldflaschen, Ersatzläufe, Ölpapier, Verbandpäckchen in Mengen, die für zweitausendvierhundert Menschen berechnet sind.

Vandau nimmt es. Vandau hat sechzig Jahre lang nichts bekommen und nimmt alles.

Die Verbandpäckchen gehen in die Sohlen. Das Ölpapier auch. Aus den Feldflaschen trinken Kinder, die von den Ersten Vandauern nur wissen, dass es sie gegeben hat, und aus den Stiefeln, die niemandem passen, hat ein Schuster in der Nordsiedlung siebenundzwanzig Jahre lang Arbeitsschuhe gemacht.

Es ist die einzige Lieferung, die je durch die Sperrzone gekommen ist, und sie kommt, weil sechshundertneunzig Menschen auf Immerhalt eine Zufahrt gehalten haben, bis die letzte Fähre weg war, und weil danach niemand befugt war, sie aus einer Liste zu nehmen.

Das ist kein Trost. Es ist auch nicht nichts.

Bruder Jarik Sund kam 944.M41 nach Vandau.

Er kam nicht deswegen. Die Dritte Kompanie hatte im Aschtor-Zwischenraum zu tun, Vandau lag am Weg, und ein Bruder, der um zwei Tage bittet, muss den Grund nicht angeben.

Die Siedlung war kleiner geworden. Der Förderturm stand. Auf den Halden im Norden spielten immer noch Kinder, und das Erz lag immer noch da, sechzig Jahre plus einundzwanzig, und niemand hatte es je geholt.

Er ging durch die Gasse zum Kauenhaus und musste sich bücken.

Der Markenwart hieß Rothe und war neunundvierzig und hatte Warle noch gekannt, als Junge, drei Jahre lang, bevor der alte Mann 931 gestorben war — im Sitzen, auf seinem Schemel, nach der Zählung, die an dem Abend aufgegangen war.

Rothe sagte nichts, als der Astartes hereinkam. Er hatte in seinem Leben keinen gesehen und wusste nicht, wie man grüßt, und entschied sich fürs Aufstehen.

»Ich suche das Brett«, sagte Jarik Sund.

»Das ist es.«

Es war dasselbe. Hundertsechzig Nägel, ausgeschlagenes Holz, die Nummern in zwei Reihen, und an zweien der Nägel hingen Marken, die anders aussahen als alle übrigen: ungestempelt, glatt, ohne die Riefen, die dreißig Jahre Hand hinterlassen hatten.

»Die zwei da«, sagte Jarik. »Wie lange hängen die?«

Rothe sah hin, obwohl er es wusste.

»Immer«, sagte er. »Zweiundvierzig und einhundertelf. Die hängen, seit ich hier bin, und Warle hat gesagt, die bleiben, und ich hab nicht gefragt, weil er nicht der Mann war, den man fragt. Sie sind nie ausgegeben worden. Sie sind bloß da, damit's aufgeht.«

»Ich weiß«, sagte Jarik Sund.

Er nahm die beiden ungestempelten Marken von den Nägeln. Er tat es mit zwei Fingern, sehr langsam, weil seine Hände für dieses Brett nicht gebaut waren und weil er den Nagel nicht ausreißen wollte.

Dann legte er zwei andere hin.

Sie waren abgegriffen bis in die Zahl hinein. Die eine hatte dreizehn Jahre und sieben Welten in einer Brusttasche verbracht. Die andere hatte einundzwanzig Jahre in einer Kiste unter einer Pritsche gelegen, weil ein Bruder der Glutwacht nichts besitzt und weil es niemanden gab, der ihm die Kiste weggenommen hätte.

Er hängte sie ein. Zweiundvierzig. Einhundertelf.

Auf Vandau bedeutet eine Marke am Brett, dass der Mann heraus ist.

»Der zu einhundertelf«, sagte Rothe, »lebt der?«

»Nein.«

»Und der andere?«

Jarik Sund sah auf das Brett.

Er war einundvierzig Jahre alt und würde, wenn nichts dazwischenkam, noch dreihundert werden. In seinem Gürtelfach lag versiegelt ein Stück Holzkohle, das er nie sehen würde. Er hatte in siebzehn Dienstjahren einundzwanzigtausend Menschen über eine Kante gehoben und viertausend nicht, und er wusste von beiden Zahlen, dass sie stimmten, weil er zählte.

»Der ist auch heraus«, sagte er.

Rothe hat den Vorgang am Abend in das Schichtbuch eingetragen, weil ins Schichtbuch alles eingetragen wird, was am Brett geschieht.

Der Eintrag lautet vollständig:

Zwei Marken zurück. Zählung geht auf.

Er hat nicht dazugeschrieben, wer sie gebracht hat, weil er den Namen nicht erfragt hatte und weil man auf Vandau einen Mann nicht nach seinem Namen fragt, wenn er am Brett steht.

Das Schichtbuch der Vierten Sohle wird heute noch geführt. Es steht im Kauenhaus, in demselben Regal, und es ist das einzige Verzeichnis in diesem Teil des Segmentums, in dem Bruder Jarik Sund von der Glutwacht und Feldwebel Onnen Roder von den Ersten Vandauer Schachtschützen in derselben Zeile vorkommen.

In keiner der beiden Zeilen steht ein Name.

Es steht nur die Zahl da, und dass sie aufgeht.

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