Vierunddreißig

Astra Militarum (Kommissariat · Erste Vandauer Schachtschützen)

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„Sie sind für den Vollzug ausgebildet, nicht für die Ausnahme. Für die Ausnahme gibt es keine Ausbildung, weil es sie in der Vorschrift nicht gibt.“

I. Die Vorschrift

Dienstanweisung für Kommissare des Astra Militarum, Abschnitt 1, Satz 1: Der Kommissar ist bei der Truppe, nicht in ihr.

Lord-Kommissar Tammert war zweiundsechzig Jahre alt und hatte in vierzig Dienstjahren dreihunderteinundzwanzig Vollzüge geleistet, und er sagte diese Zahl in der ersten Minute, ohne dass jemand gefragt hätte.

Er sagte sie nicht wie einer, der prahlt. Er sagte sie wie einer, der eine Uhrzeit durchgibt.

»Sie werden das nicht schaffen«, sagte er. »Nicht weil Sie schwach sind. Weil kein Regiment mehr so lange lebt.«

Vor ihm standen neun frisch bestallte Kommissare in neuen Mänteln, die alle exakt gleich saßen, weil sie alle aus demselben Zuschnitt kamen, und Bercht Ohlwein war der Vierte von links und zweiundzwanzig Jahre alt und hatte seit dem elften Lebensjahr keine Nacht außerhalb einer Einrichtung der Schola Progenium verbracht.

Die Zuteilung wurde verlesen. Acht Namen fielen mit Regimentern, die es seit Jahrzehnten gab. Beim neunten sagte der Schreiber:

»Ohlwein, Bercht. Erste Vandauer Schachtschützen. Neuaufstellung.«

Jemand weiter hinten lachte, kurz, ohne Bosheit.

Eine Neuaufstellung galt als das Schlechteste, was man ziehen konnte. Ein altes Regiment hat Bräuche, an denen ein Kommissar sich festhalten kann, und ein Offizierskorps, das weiß, wie man mit ihm umgeht. Eine Neuaufstellung hat nichts. Eine Neuaufstellung ist zweitausendvierhundert Fremde, die alle gleichzeitig lernen, wovor sie Angst haben.

Tammert behielt ihn danach zurück.

Sie standen in einem Gang mit einer Fensterreihe, die auf einen Innenhof ging, in dem seit Jahren nichts stattfand, und Tammert sah nicht ihn an, sondern hinaus.

»Wissen Sie, was das Amt ist?«, fragte er.

»Die Aufrechterhaltung der Kampfkraft durch —«

»Nein. Das ist, was es tut.« Tammert winkte ab, eine kleine, müde Bewegung. »Das Amt ist eine Entscheidung, die aus dem Regiment herausgenommen wurde. Wenn ein Hauptmann einen Mann erschießen lässt, hat eine Kompanie das getan. Wenn ein Kommissar es tut, hat es niemand getan. Es ist geschehen. Verstehen Sie den Unterschied?«

Ohlwein verstand ihn nicht, sagte aber ja, weil man in der Schola auf diese Frage ja sagte.

»Nein, verstehen Sie nicht«, sagte Tammert. »Sie werden ihn verstehen, und wenn Sie ihn verstanden haben, ist der schwierige Teil, dass Sie danach weitermachen müssen.«

Dann sagte er den Satz, an den Ohlwein sich dreizehn Jahre lang gehalten hat und den er dreizehn Jahre lang für eine Erlaubnis hielt, bis er begriff, dass es eine Warnung war:

»Sie sind für den Vollzug ausgebildet, nicht für die Ausnahme. Für die Ausnahme gibt es keine Ausbildung, weil es sie in der Vorschrift nicht gibt. Wenn Sie eine machen, machen Sie sie allein, und Sie tragen sie allein, und Sie können sie niemandem zeigen.«

»Darf ich eine machen?«

Tammert sah ihn zum ersten Mal an.

»Das ist die falsche Frage«, sagte er. »Sie werden welche machen. Die Frage ist, ob Sie sie zählen.«

Die Ersten Vandauer Schachtschützen wurden ihm an einem Dock übergeben, in Zügen zu je zweiunddreißig, und er stand vier Stunden lang neben der Rampe und sah zweitausendvierhundert Menschen an sich vorbeigehen.

Sie sahen alle gleich aus, und zwar auf eine Weise, die er nicht erwartet hatte. Nicht die Uniform — die saß bei keinem. Es waren die Hände. Jede zweite Hand hatte einen Daumennagel, der schwarz war oder fehlte, und die Haltung der Schultern war bei allen dieselbe: leicht nach vorn, als rechne der Körper mit einer Decke, die zu niedrig ist.

Ein Regiment aus Bergleuten. Er hatte den Aktenvermerk gelesen und ihn für eine Verwaltungsangabe gehalten.

Am dritten Tag an Bord stellte er fest, dass sie paarweise gingen.

Nicht in Zweierreihen — das war Marschordnung. Sie gingen paarweise, auch wenn niemand es befohlen hatte, auch beim Essen, auch nachts zur Latrine. Er fragte den Ausbildungsfeldwebel von Zug drei danach, einen kleinen breiten Mann mit einem Gesicht wie eine zugeschlagene Tür, und bekam eine Antwort, die er in sein persönliches Merkbuch eintrug, weil er sie nicht einordnen konnte:

»Weil man um zwei nicht abstimmen kann, Kommissar.«

Ohlwein hat drei Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass dieser Satz das Regiment vollständig beschreibt, und weitere sieben, um zu verstehen, dass er auch sein Amt vollständig beschreibt, nur von der anderen Seite.

Ein Kommissar ist immer der Dritte.

Er ist der, der übrig bleibt, damit abgestimmt werden kann.

II. Der Vordruck K-3

Vordruck K-3, Vollzugsmeldung des Kommissariats. Sieben Felder. Feld sechs heißt „Anlass" und nimmt eines von neun zulässigen Kurzworten auf.

Der erste Vollzug fand statt, bevor das Regiment einen Feind gesehen hatte.

Das ist häufiger, als in den Ausbildungsschriften steht. Ein Regiment, das noch nichts erlebt hat, hält sich für unbeobachtet, und die neun Kurzworte auf dem Vordruck K-3 sind nicht ohne Grund so gewählt, wie sie gewählt sind: Vier von ihnen beschreiben Dinge, die nur an Bord passieren.

Es war der zweihundertsiebte Tag der Fahrt. Ein Gefreiter aus der Ersten Kompanie hatte einen Kameraden mit einem Schraubenschlüssel erschlagen, wegen einer Sache, die im Protokoll als Streit um Verpflegungsanteile geführt wird und die in Wahrheit ein Streit um einen Schlafplatz unter der Lüftung war, weil die Lüftung der einzige Ort im Laderaum war, an dem es nach etwas roch.

Ohlwein tat, was die Vorschrift verlangt. Er stellte den Sachverhalt fest, er hörte den Mann an, er sprach den Vollzug aus, und er vollzog ihn selbst, vor der Ersten Kompanie, im Laderaum, um sechs Uhr morgens.

Er hatte in der Schola achtzehn Monate lang trainiert, wie man das tut. Der Griff. Der Winkel. Die Ansprache davor, die kurz sein muss, weil eine lange Ansprache aus einem Vollzug eine Aufführung macht.

Was in der Schola nicht trainiert wird, ist, dass ein Laderaum mit zweihundert Menschen darin nach einem Schuss nicht still ist. Er hatte Stille erwartet. Es war nicht still. Es war voller kleiner Geräusche (Stoff, Atem, jemand, der die Füße verschob), und diese Geräusche gingen weiter, ohne Pause, als sei nichts geschehen, und genau das war das Schlimmste: dass der Körper von zweihundert Menschen weiterlief, während sie alle hinsahen.

Er füllte den Vordruck K-3 noch am selben Vormittag aus. Sieben Felder. Feld sechs: Tötungsdelikt.

Es dauerte elf Minuten.

Danach saß er in der Kammer, die man ihm als Dienstraum zugewiesen hatte (zwei mal drei Meter, eine Pritsche, ein Klapptisch), und stellte fest, dass er ruhig war.

Nicht kalt. Ruhig. Der Vorgang war richtig gewesen. Er war nach Vorschrift, er war verhältnismäßig, er war notwendig, und er war vollständig dokumentiert. Es gab keinen Punkt, an dem er hätte anders entscheiden können, und diese Abwesenheit von Punkten war das, was ihn ruhig machte.

Er dachte an Tammert und an dessen dreihunderteinundzwanzig, und er verstand zum ersten Mal, wie ein Mensch auf diese Zahl kommt, ohne ein Ungeheuer zu sein.

Man kommt darauf, indem man jedes Mal recht hat.

Der Oberst ließ ihn drei Tage später kommen.

Das Regiment hatte noch keinen richtigen Stab, nur einen Tisch in einem abgeteilten Containerraum, und der Oberst (ein Mann, der Vandau nie gesehen hatte und ein Regiment führte, das aus nichts anderem bestand) schob ihm ein Blatt hin.

»Neunzehn Meldungen«, sagte er. »In drei Tagen. Zug für Zug. Alle mit demselben Inhalt.«

Ohlwein las. Es waren Anträge auf Verlegung des Schlafplatzes. Neunzehn Stück, aus neun verschiedenen Zügen, alle handschriftlich, alle mit derselben Formulierung, die offensichtlich einer aufgeschrieben und die anderen abgeschrieben hatten.

»Sie wollen unter die Lüftung.«

»Sie wollen, dass der Platz leer bleibt«, sagte der Oberst. »Lesen Sie den letzten Satz.«

Der letzte Satz war bei allen neunzehn derselbe. Er lautete: Der Platz soll nicht vergeben werden, solange die Fahrt dauert.

Ohlwein stand mit dem Blatt in der Hand und suchte in der Dienstanweisung nach dem Abschnitt, der auf diesen Fall passte, und fand ihn nicht, weil es ihn nicht gibt.

»Ist das Meuterei?«, fragte der Oberst.

Es war ein Test. Ohlwein hat Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass es keiner war — dass der Oberst tatsächlich nicht wusste, was es war, und dass er das erste Mal in seinem Leben einen Kommissar gefragt hat, weil er hoffte, dass ein Kommissar es wüsste.

»Nein«, sagte Ohlwein.

»Was dann?«

»Ich weiß es nicht, Herr Oberst.«

Der Oberst sah ihn an, und in diesem Blick lag etwas, das Ohlwein damals für Verachtung hielt und das Erleichterung war.

»Dann lassen wir den Platz leer«, sagte er.

Der Platz unter der Lüftung im Laderaum drei blieb elf Monate lang leer, bis zum Ende der Fahrt, und nirgendwo im Schriftgut der Ersten Vandauer Schachtschützen steht, warum.

Es war die erste Ausnahme.

Ohlwein hat sie damals nicht mitgezählt, weil er sie nicht als eine erkannte. Er hat sie neun Jahre später nachgetragen, in dem einzigen Verzeichnis, das er führte, und das Verzeichnis war sein Gedächtnis, weil es für diesen Vorgang keinen Vordruck gibt.

III. Nissen

Dienstanweisung, Abschnitt 4: Verweigerung des Vorgehens vor dem Feind ist unverzüglich zu ahnden. Ein Aufschub ist nur zulässig, wenn der Vollzug die Lage verschlechtern würde.

Auf Hallgart lernte Ohlwein, dass die Vorschrift von Menschen geschrieben worden ist, die niemals hundert Meter unter Fels gestanden haben.

Das Regiment war den Aufständischen in die Versorgungsstollen nachgeschickt worden, weil drei Regimenter vor ihnen dort unten gescheitert waren. Ohlwein ging mit der Zweiten Kompanie, Röhre elf, weil ein Kommissar dorthin geht, wo am ehesten etwas passiert, und weil die Zweite den jüngsten Hauptmann hatte.

In der vierten Stunde blieb Gardist Nissen stehen.

Er blieb nicht zurück und er brach nicht zusammen. Er blieb stehen, mitten in der Röhre, ließ die anderen an sich vorbei, und als der Zugführer ihn anfuhr, sagte er:

»Ich geh da nicht rein.«

»Nissen —«

»Ich geh da nicht rein, und ihr sollt auch nicht.«

Es war so laut, dass es die halbe Kompanie hörte. Nach der Vorschrift war der Fall in diesem Moment abgeschlossen: Verweigerung des Vorgehens vor dem Feind, in Hörweite anderer, ohne Not. Feld sechs, Kurzwort Gehorsamsverweigerung. Ohlwein hatte die Waffe bereits in der Hand, weil sie in der Ausbildung schon in der Hand ist, bevor man denkt.

Er fragte trotzdem. Er hat nie herausgefunden, warum.

»Warum nicht.«

»Weil da vorn keine Luft ist.«

»Woher wissen Sie das.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Nissen. »Ich hör's.«

Ohlwein stand in einer Röhre, in der man nicht aufrecht stehen konnte, mit einer Waffe in der Hand, vor einem Mann, der behauptete, Luft zu hören, und hinter ihm warteten hundertvierzig Menschen darauf, was ein Kommissar in so einem Fall tut.

Er sagte: »Zeigen Sie es mir.«

Nissen ging drei Schritte vor und legte die flache Hand an die Wand der Röhre, dort, wo eine Schweißnaht lief, und wartete.

»Da«, sagte er. »Und da wieder.«

Ohlwein legte die Hand daneben. Er spürte nichts. Er spürte kaltes Blech.

»Ich spüre nichts.«

»Sie müssen nicht spüren«, sagte Nissen. »Sie müssen zählen. Es kommt und geht. Wenn's regelmäßig kommt, ist die Röhre offen. Wenn's aufhört und einmal lang bleibt, ist vorn was zu.«

Sie standen sieben Minuten an einer Wand und zählten. Hundertvierzig Menschen warteten. Der Hauptmann der Zweiten kam nach vorn und sagte nichts, weil er sah, dass der Kommissar zählte.

Nach sieben Minuten hörte Ohlwein es.

Es war kein Geräusch. Es war ein Ausbleiben — eine Stelle, an der etwas hätte kommen müssen und nicht kam, und danach eine lange, dumpfe Gleichheit, die sich anfühlte wie ein Raum, den man von außen zumacht.

Er nahm die Hand von der Wand.

»Kompanie zurück«, sagte er.

Der Hauptmann sagte: »Kommissar, mein Auftrag lautet —«

»Ihr Auftrag lautet, Röhre elf zu räumen. Röhre elf ist ab Meter zweihundert eine Kammer ohne Ausgang. Sie können sie räumen, indem Sie Ihre Kompanie hineinstellen und die Tür zumachen, oder Sie kehren um.«

Sie kehrten um. Vierhundert Meter weiter vorn stand, wie sich zwei Tage später herausstellte, eine eingezogene Trennwand, hinter der der Luftstrom endete, und dahinter lagen die Toten des dritten Regiments, das nicht umgekehrt war.

Der Vorgang hätte damit gut ausgehen können.

Er ging insofern gut aus, als hundertvierzig Menschen lebten, die sonst nicht gelebt hätten, und insofern nicht, als Gardist Nissen vor Zeugen das Vorgehen verweigert hatte und der Kommissar es nicht geahndet hatte.

Ohlwein setzte sich abends an den Klapptisch und wollte es melden.

Es war ihm wichtig. Er wollte nicht, dass es unerwähnt blieb; er wollte, dass eine Stelle über ihm den Fall ansah und sagte, ob er richtig entschieden hatte. Er war einundzwanzig Monate im Dienst und hatte in diesem Moment noch die Vorstellung, dass es für alles eine Stelle gibt.

Er nahm den Vordruck K-3 und stellte fest, dass er nicht passte.

Der K-3 meldet einen Vollzug. Er hat sieben Felder, und jedes einzelne setzt voraus, dass etwas geschehen ist: Zeitpunkt des Vollzugs, Ort des Vollzugs, Name des Betroffenen, Dienstgrad, Anlass, Zeugen, Unterschrift. Es gibt kein Feld für einen Vollzug, der nicht stattgefunden hat, weil ein Vordruck, der Nichtgeschehenes meldet, unendlich viele Zeilen bräuchte.

Er suchte im Vorschriftenband nach einer Meldung für den Aufschub. Es gibt eine: Abschnitt 4, Satz 2. Sie ist für Fälle gedacht, in denen der Vollzug die Lage verschlechtern würde — ein Sprengmeister mitten in der Entschärfung, ein Fahrer im Gefecht. Sie ist ein Aufschub, kein Verzicht. Sie verlangt die Nachholung, sobald die Lage es zulässt, und sie hat ein Feld dafür: Nachgeholt am.

Ohlwein saß bis nach Mitternacht vor diesem Feld.

Wenn er den Aufschub meldete, musste er in vier Wochen etwas in dieses Feld schreiben. Wenn er nichts hineinschrieb, würde eine Stelle nachfragen, die Nissen nicht gesehen und die Wand nicht gefühlt hatte, und der Vorgang würde nicht bei ihm entschieden, sondern zweitausend Lichtjahre entfernt, von einem Schreiber, der neun Kurzworte zur Auswahl hat.

Er meldete nichts.

Er legte den Bogen zurück in die Mappe, löschte das Licht und lag zwei Stunden wach, und in diesen zwei Stunden entstand die Zahl.

Sie stand an diesem Abend auf zwei, der leere Schlafplatz und Nissen, und sie stand nirgendwo. Sie stand nicht auf Papier, sie stand in keinem Vorgang, sie war niemandem gemeldet, und es gab keinen Menschen im Imperium, der befugt gewesen wäre, sie zu prüfen.

Sie gehörte ihm.

Das ist, wie Ohlwein viel später begriff, der genaue Punkt, an dem ein Amt aufhört, ein Amt zu sein.

IV. Anfrage nach oben

Dienstanweisung, Abschnitt 9: Zweifel des Kommissars an der eigenen Eignung sind unverzüglich anzuzeigen.

Er versuchte es trotzdem. Nicht als Meldung — als Frage.

Im dritten Dienstjahr setzte Bercht Ohlwein eine Anfrage auf und schickte sie auf dem Dienstweg an das Kommissariat des Sektors. Sie war neunzehn Zeilen lang, sie nannte keinen Fall und keinen Namen, und sie stellte eine einzige Frage:

Existiert eine Meldeform für die Entscheidung, einen an sich gebotenen Vollzug zu unterlassen?

Er hat vier Fassungen verworfen. Die Erste war zu lang. Die Zweite las sich wie eine Beschwerde. Die Dritte enthielt Nissen, was sie unbrauchbar machte, weil sie damit eine Anzeige gegen Nissen und gegen ihn selbst gewesen wäre. Die Vierte war zu vorsichtig; sie stellte die Frage so, dass man sie mit ja beantworten konnte, ohne etwas zu sagen.

Die Fünfte ging raus. Er trug sie selbst zur Feldpost, was ein Kommissar nicht tut, und der Schreiber, der sie annahm, sah ihn dabei an.

Die Antwort kam nach vierzehn Monaten.

Sie kam auf einem halben Bogen, war gezeichnet von einem Verwaltungsrat des Kommissariats, dessen Name aus zwei Initialen und einem Nachnamen bestand, und sie war, das hat Ohlwein nie bestritten, vollkommen richtig.

Sie hatte zwei Absätze.

Der erste stellte fest, dass eine Meldeform für den beschriebenen Sachverhalt nicht existiere und auch nicht vorgesehen sei. Begründung: Meldepflichtig seien Vorgänge. Das Unterlassen eines Vollzugs sei kein Vorgang, sondern die Abwesenheit eines solchen. Die Verwaltung könne Abwesenheit nicht verzeichnen, ohne für jede unterlassene Handlung eine Zeile vorzuhalten, was die Zahl der Zeilen unbestimmt mache.

Der zweite Absatz war der, den Ohlwein dreizehn Jahre lang auswendig konnte.

Sollten dem Anfragenden hinsichtlich der eigenen Eignung Zweifel entstanden sein, steht der Weg des Abschnitts 9 offen.

Abschnitt 9 ist die Selbstanzeige.

Es gab also einen Weg. Es gab genau einen, und er führte nicht dazu, dass jemand seine Entscheidung prüfte, sondern dazu, dass jemand ihn prüfte — und zwar nicht die Entscheidung im Fall Nissen, sondern die Frage, ob ein Kommissar, der solche Fragen stellt, noch tragbar sei.

Ohlwein legte den halben Bogen in seine Mappe und ließ ihn dort dreizehn Jahre liegen.

Er hat der Sache danach selbst einen Namen gegeben, weil die Verwaltung keinen hatte: der Nichtvollzug. Das Wort steht in keiner Vorschrift und in keinem Vordruck. Es gibt es nur, weil ein einzelner Kommissar etwas benennen musste, das er sonst nicht hätte zählen können.

Er hat später einmal versucht, einem anderen zu erklären, warum ihn dieser Bescheid nicht empört hat.

Es war 933, bei einer Inspektion, und der andere war ein Hauptkommissar namens Veldt, und Ohlwein sagte:

»Der Bescheid hat recht.«

»Selbstverständlich hat er recht.«

»Nein — ich meine, er hat auf eine Weise recht, die nicht zu widerlegen ist. Man kann eine Verwaltung nicht bitten, das Nichtgetane zu führen. Sie würde daran ersticken. Wer das verlangt, hat die Verwaltung nicht verstanden.«

»Warum erzählen Sie mir das dann?«

Ohlwein hat auf diese Frage damals nichts geantwortet, und die Antwort, die er zwölf Stunden später im Bett fand und niemandem mehr sagen konnte, lautete:

Weil ein Satz, der nicht zu widerlegen ist, deshalb nicht folgenlos ist. Der Bescheid war richtig. Und aus seiner Richtigkeit folgte, dass es im gesamten Imperium keine einzige Stelle gab, die ihm sagen konnte, ob er einen Mann zu Unrecht am Leben gelassen hatte.

Für den Vollzug gab es Feld eins bis sieben, eine Gegenzeichnung, eine Ablage, eine Frist und im Zweifel ein Verfahren.

Für das andere gab es ihn.

Im vierten Dienstjahr fing er an, sie zu ordnen.

Nicht schriftlich. Im Kopf, und zwar nicht nach Datum, sondern nach Grund, weil ein Datum nichts prüft. Er legte vier Gründe fest und ordnete jeden Fall einem zu, und wenn ein Fall in keinen passte, dann war das ein Zeichen, und er ging ihn noch einmal durch.

Die vier Gründe hießen bei ihm:

Er hatte recht. (Nissen.)

Es hätte mehr gekostet, als es wert war.

Ich war es, der den Fehler gemacht hat.

Ich weiß es nicht.

Der Vierte war der Wichtigste, und er war der Einzige, den er nie kleiner bekam. Am Ende standen dort neun.

Er ging sie einmal im Monat durch. Immer in derselben Reihenfolge, immer nachts, immer vollständig — und wenn ihm einer nicht einfiel, blieb er wach, bis er ihn hatte.

Ein Kommissar des Astra Militarum führt kein Tagebuch. Es ist nicht verboten; es ist etwas Schlimmeres, es ist unüblich. Ein Kommissar, in dessen Nachlass Aufzeichnungen gefunden werden, hinterlässt seinem Nachfolger einen Vorgang.

Also führte Bercht Ohlwein das einzige Verzeichnis, das man nicht beschlagnahmen kann, und er führte es dreizehn Jahre lang sorgfältiger als jeder Schreiber seine Bücher, weil er wusste, dass es beim ersten Fehler ganz verschwinden würde.

V. Die Vierte Sohle

Dienstanweisung, Abschnitt 1, Satz 2: Vertraulichkeit zwischen Kommissar und Mannschaft ist zu vermeiden. Sie beschädigt beide Seiten.

Die Ersten Vandauer nannten sich selbst nie bei ihrem Namen. Im Schriftgut steht Erste Vandauer Schachtschützen; im Mund der Mannschaft hieß das Regiment die Vierte Sohle, nach dem Schacht einer einzigen Siedlung, aus der nicht einmal ein Zehntel von ihnen stammte.

Ohlwein hat drei Jahre gebraucht, um jemanden zu finden, der ihm das erklärte, und die Erklärung kam von einem Sanitäter aus der Zweiten und lautete: »Weil die Vierte die tiefste war.«

Das war alles. Es reichte ihnen.

Er lernte in diesen Jahren eine Sprache, die in keinem Wörterbuch steht. Der Stoß steht hieß, dass die Lage hielt. Es zieht hieß, dass etwas nicht stimmte, und zwar noch bevor jemand sagen konnte, was. Er ist heraus hieß, dass einer tot war, und es wurde ohne jede Bitterkeit gesagt, was ihn im ersten Jahr entsetzt hat und was er im fünften selbst sagte.

Und er lernte, dass sie ihn beobachteten. Nicht misstrauisch — genau, so wie man einen Wetterhahn beobachtet.

Im sechsten Jahr merkte er, warum.

Es begann damit, dass die Vorfälle aufhörten.

In den ersten drei Jahren hatte er im Schnitt alle sieben Wochen einen Sachverhalt zu prüfen: Diebstahl, Schlägerei, Wachvergehen, zweimal Trunkenheit im Dienst. Ab dem vierten Jahr wurden es zwei im Jahr. Im sechsten war es einer.

Ein Kommissar, der bei zweitausend Mann nichts zu tun hat, hat kein gutes Regiment. Er hat ein Regiment, das ihn umgeht.

Ohlwein fing an, genauer hinzusehen, und was er fand, war kein Komplott. Es war etwas Schlimmeres, weil es freundlich war.

Sie regelten es vorher.

Ein Gardist, der zu trinken anfing, bekam von seinem Paar zwei Wochen — nicht als Drohung, sondern als Angebot: zwei Wochen, in denen der andere für ihn mitmachte, den Dienst deckte, die Meldungen schrieb. Ein Diebstahl in der Kompanie wurde in derselben Nacht bereinigt, meist mit Gewalt, aber mit einer Gewalt, die nichts hinterließ, was ein Arzt hätte melden müssen. Zweimal wurde ein Mann versetzt, bevor Ohlwein von dem Grund erfuhr, und beide Versetzungen waren formal einwandfrei.

Sie hielten ihn nicht heraus, weil sie ihn hassten.

Sie hielten ihn heraus, damit er nicht musste.

Als er das begriff, saß er eine ganze Nacht in seiner Kammer und wusste nicht, ob er gerade das größte Kompliment seines Lebens bekommen hatte oder ob er soeben aufgehört hatte, seinen Dienst zu tun.

Er ging zum Feldwebel der Zweiten und fragte ihn geradeheraus.

Der Feldwebel war ein Vandauer wie alle, zweiundvierzig, mit einem Daumennagel, der seit zwanzig Jahren fehlte. Er hörte sich die Frage an, dachte eine Weile nach und antwortete so ausführlich, wie er in vier Jahren nichts beantwortet hatte:

»Im Berg gibt's einen Mann, der die Wetter misst. Der geht rum, der misst, und wenn's schlecht steht, fährt die Schicht aus. Der ist nicht beliebt, aber keiner käm auf die Idee, ihn wegzuwünschen, weil ohne ihn fährt keiner ein.«

»Und?«

»Und trotzdem sagt keiner dem Wettermann, wenn einer säuft. Das regelt man vorher.«

»Warum?«

»Weil er's dann messen müsste«, sagte der Feldwebel. »Und wenn er's misst, muss er's sagen. Und wenn er's sagt, fährt die Schicht aus, und dann sind zweihundert Mann ohne Lohn wegen einem.«

Er sah Ohlwein an.

»Sie sind der Wettermann, Kommissar. Wir wollen Sie nicht weg. Wir wollen bloß nicht, dass Sie messen müssen.«

Ohlwein hat diesen Satz in den folgenden sieben Jahren nicht mehr losbekommen.

Er war die freundlichste Beschreibung seines Amtes, die er je gehört hat, und sie enthielt exakt das, was Lord-Kommissar Tammert an einem Fenster mit Blick auf einen leeren Innenhof gemeint hatte, nur von der anderen Seite gesehen: Wenn ein Kommissar erschießt, hat es niemand getan.

Und daraus folgt, dass ein Regiment, das seinen Kommissar mag, ihm die Gelegenheiten wegnimmt.

Er hat nie entschieden, ob das Gehorsam war oder das Gegenteil.

In seinem Verzeichnis hat er die zwei Versetzungen unter Ich weiß es nicht geführt, und sie standen dort bis zum Schluss, weil er sie zwar aufgeklärt hatte, aber nie herausfand, ob er sie hätte verhindern müssen.

Die Zahl stand im sechsten Jahr auf einundzwanzig.

Er hat sie in dieser Zeit einmal jemandem beinahe gesagt. Es war Neujahr nach imperialer Rechnung, es war laut, jemand hatte etwas gebrannt, was er nach Vorschrift hätte beschlagnahmen müssen, und ein Gefreiter aus der Zweiten, der ihn für weniger nüchtern hielt, als er war, fragte ihn quer über den Tisch:

»Kommissar, wie viele haben Sie eigentlich?«

Der ganze Tisch wurde still. Es war die Frage, die man einem Kommissar nicht stellt.

Ohlwein sagte: »Drei.«

Es war die Wahrheit. Es war die kleinere Wahrheit, und es war die Einzige, für die es einen Vordruck gab, und er hat an diesem Abend zum ersten Mal gemerkt, wie leicht es ihm fiel.

VI. Kortum

Vordruck K-3, Feld sechs, zulässiges Kurzwort Nr. 5: Tötung eines Angehörigen der eigenen Truppe.

Am Verkehrsknoten Gramm verlor das Regiment an einem Vormittag hundertneunzig Mann, und Bercht Ohlwein leistete an diesem Nachmittag seinen vierten Vollzug.

Die Lage war einfach und in jedem Bericht gleich beschrieben: Eine Brücke, ein Silo, sechs Tage Beschuss, am siebten der Befehl zum Absetzen, und beim Absetzen ein Einsturz, der die Straße unter sich begrub.

Was die Berichte nicht beschreiben, ist die Sammelstelle.

Sie lag zweihundert Meter hinter der Brücke, in einem Kuhstall ohne Dach, und dort lagen um die Mittagszeit einundvierzig Verwundete auf Stroh, und es gab zwei Sanitäter, keinen Arzt, keine Transportmittel und einen Rückzugsbefehl mit einer Uhrzeit darauf.

Vierzehn von den einundvierzig waren nicht transportfähig.

Das ist ein Wort aus der Verwaltungssprache und bedeutet, dass ein Mensch die nächsten drei Stunden nicht überlebt, wenn man ihn bewegt, und die nächsten sechs nicht, wenn man ihn liegen lässt, und dass es keinen dritten Fall gibt.

Gardist Kortum war zweiunddreißig Jahre alt, saß seit dem Vormittag neben einem der Vierzehn und hielt dessen Hand, und der eine war sein Paar seit dem Dock von 923.

Um vierzehn Uhr zwanzig nahm er die Waffe und erschoss ihn.

Er tat es leise, ohne Ankündigung, und dann tat er es bei den drei anderen, die neben ihnen lagen und die er nicht kannte, und beim Fünften kam ein Sanitäter dazwischen und schlug ihn nieder.

Es gab neun Zeugen. Zwei davon waren Unteroffiziere.

Ohlwein kam um vierzehn Uhr fünfzig.

Er brauchte vier Minuten für den Sachverhalt. Es gab nichts aufzuklären; Kortum saß auf dem Stroh, war bei Bewusstsein, sagte auf jede Frage die Wahrheit und machte keinen Versuch, es anders darzustellen, als es war.

»Warum die drei anderen?«

»Weil's dann nicht so aussieht, als ob ich's für ihn gemacht hätte.«

Ohlwein hat sich diesen Satz später oft vorgesagt. Er ist der klarste Satz, den er in dreizehn Dienstjahren von einem Soldaten gehört hat. Kortum hatte in der Sekunde, in der er die Waffe hob, verstanden, dass eine Ausnahme, die einem Einzelnen gilt, keine Ausnahme ist, sondern eine Bevorzugung — und er hatte, weil er nichts anderes tun konnte, die Bevorzugung durch Gleichbehandlung ersetzt.

Er hatte es besser verstanden als das Kommissariat des Sektors.

»Wissen Sie, was das ist?«, fragte Ohlwein.

»Ja.«

»Sagen Sie es.«

»Kurzwort fünf«, sagte Kortum. »Ich hab das Blatt mal gesehen.«

Es gab neun Zeugen, und darauf kam es an.

Ohlwein hat in dieser halben Stunde jeden Weg geprüft, den es gab. Er hat sie in der Reihenfolge geprüft, in der er sie in der Schola gelernt hatte, und er hat sie zum ersten Mal in seinem Leben nicht geprüft, um zu einem Ergebnis zu kommen, sondern um an dem Ergebnis vorbeizukommen, das schon feststand.

Notstand: nein — Notstand setzt eine Gefahr für den Handelnden voraus.

Befehl: nein — es gab keinen, und der Hauptmann der Zweiten war seit dem Vormittag tot.

Unzurechnungsfähigkeit: das wäre gegangen. Zwei Sätze in Feld sieben, und der Fall wäre ein Krankenfall geworden. Ohlwein hat es erwogen, ernsthaft, drei Minuten lang, und es dann verworfen, weil Kortum bei jeder einzelnen Frage klarer geantwortet hatte als er selbst.

Eine Lüge in Feld sieben hätte den Mann gerettet und aus ihm einen Verwirrten gemacht, der er nicht war.

Aufschub nach Abschnitt 4: möglich — und dann in vier Wochen Feld Nachgeholt am mit neun Zeugen im Rücken, von denen zwei Unteroffiziere waren, in einem Regiment, das ohnehin unter Beobachtung stand, weil sein Kommissar in acht Jahren drei Vollzüge gemeldet hatte.

Er hat es getan.

Er hat es um fünfzehn Uhr dreißig getan, im Hof neben dem Stall, vor der Zweiten Kompanie, weil das die Vorschrift ist, und er hat die Ansprache kurz gehalten, weil das die Vorschrift ist, und Kortum hat ihn dabei angesehen und einmal genickt, kurz, wie einer, der eine Absprache bestätigt.

Der Vordruck K-3 war um sechzehn Uhr fertig. Sieben Felder. Feld sechs: Kurzwort 5. Feld sieben, Zeugen: neun Namen.

In dieser Nacht ist Bercht Ohlwein an dem Punkt angekommen, an dem sein Amt für ihn zerbrach, und es zerbrach nicht an dem, was er getan hatte, sondern an einer Frage, die er nicht mehr loswurde.

Er hatte vierzehn Menschen sterben sehen, die man nicht transportieren konnte. Er hatte selbst, im dritten Jahr, auf Hallgart, einen Verwundeten in einer Röhre zurückgelassen und den Befehl dazu gegeben.

Er hatte an diesem Nachmittag einen Mann getötet.

Kortum hatte an diesem Nachmittag vier Menschen getötet.

Der Unterschied zwischen ihnen bestand darin, dass es für Ohlweins Tötung einen Vordruck gab.

Nicht: dass sie richtiger war. Nicht: dass sie notwendiger war. Es gab ein Blatt mit sieben Feldern, auf dem sie vorgesehen war, und für Kortums Tötung gab es dasselbe Blatt, aber er stand darauf in Feld drei statt in Feld sieben.

Das war alles. Das war der ganze Unterschied, und er war nicht klein — Ohlwein hat nie behauptet, dass er klein sei; der Unterschied zwischen einer Ordnung und keiner Ordnung ist der Größte, den es gibt.

Aber er war nicht moralisch. Er war verfahrensmäßig.

Und ein Mann, der das einmal gedacht hat, denkt es jedes Mal wieder, wenn er ein Blatt mit sieben Feldern vor sich liegen hat.

Ohlwein hat nach Gramm nie wieder einen Vollzug geleistet.

Es ist ihm zweimal nahegelegt worden. Beide Male hat er einen anderen Weg gefunden, und beide Male hat er hinterher eine halbe Nacht wach gelegen und geprüft, ob der andere Weg der richtige war oder nur der bequemere — und beide Male ist er zu keinem Ergebnis gekommen und hat sie unter Ich weiß es nicht geführt.

Die Zahl stand am Ende des Jahres 931 auf sechsundzwanzig.

VII. Veldt

Dienstanweisung, Abschnitt 12: Die Amtsführung des Kommissars wird alle fünf Jahre durch einen Vorgesetzten des Kommissariats geprüft. Grundlage der Prüfung ist das Schriftgut.

Hauptkommissar Veldt kam im Frühjahr 933 an Bord, blieb neun Tage und war der höflichste Mensch, der Ohlwein je begegnet ist.

Er war Ende fünfzig, hatte einen Mantel, der zweimal geflickt und beide Male gut geflickt worden war, und er begann die Prüfung damit, dass er sich in Ohlweins Dienstkammer setzte, in der es nur einen Stuhl gab, und diesen Stuhl Ohlwein anbot.

»Sie wohnen hier?«

»Es ist der Dienstraum.«

»Ich weiß, was es ist. Ich habe gefragt, ob Sie hier wohnen.«

Neun Tage lang las Veldt Akten. Er las alles: die vier Vollzugsmeldungen, die Sachverhaltsprüfungen, die Wachbücher, die Verlustmeldungen, die Vermerke über Versetzungen. Er las langsam und machte sich Notizen in einer winzigen, sehr ordentlichen Schrift.

Am achten Tag legte er einen Stapel zusammen und sagte:

»Ich habe nichts.«

»Herr Hauptkommissar?«

»Es ist nichts zu beanstanden. Nicht ein Vorgang. Die Fristen stimmen, die Zeugen sind vollzählig, die Kurzworte sind richtig gewählt — das ist selten, die meisten nehmen Nummer eins für alles. Vier Vollzüge in zehn Jahren bei einem Regiment dieser Größe liegt unter dem Mittel, aber nicht auffällig; das Regiment hat auch keine Meutereien, keine Fahnenflucht und eine Verlustquote, die für Stollenkampf niedrig ist.«

Er tippte auf den Stapel.

»Nach dem Schriftgut sind Sie ein sehr guter Kommissar.«

Ohlwein sagte nichts.

»Das war kein Lob«, sagte Veldt. »Das war die Feststellung, dass ich Sie nach dem Schriftgut nicht beurteilen kann. Ich beurteile nach dem Schriftgut, weil Abschnitt 12 das so vorsieht. Ich weiß seit dreißig Jahren, dass das nicht reicht.«

Am neunten Tag bot er ihm eine Versetzung an.

Kommissariat des Sektors, Abteilung Nachprüfung, mit einem Rang, der zwei über seinem lag, und mit einer Begründung, die Veldt aussprach, ohne sie zu beschönigen:

»Sie sitzen zehn Jahre in einem Laderaum. Das ist lang. Die meisten wechseln nach vier, und die, die nicht wechseln, sind entweder faul oder sie sind angewachsen. Sie sind nicht faul.«

»Ich bin nicht angewachsen.«

»Sie haben mir am dritten Tag erklärt, warum man einen Stollen nicht betritt, wenn der Luftstrom aussetzt. Sie haben es mit den Händen erklärt.« Veldt lächelte, zum einzigen Mal in neun Tagen. »Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Ich sage, dass es das Gegenteil von Abschnitt 1 ist.«

Ohlwein lehnte ab. Er tat es sofort und ohne Bedenkzeit, was ein Fehler war, weil es Veldt genau das bestätigte, was er gerade gesagt hatte.

Veldt schrieb etwas in sein Heft. Dann klappte er es zu.

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen, die nicht zur Prüfung gehört?«

»Ja.«

»Wie viele führen Sie?«

Es entstand eine Pause, die vier oder fünf Sekunden gedauert hat und an die sich Ohlwein als sehr viel länger erinnert.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Hauptkommissar.«

»Doch, das wissen Sie«, sagte Veldt, ohne Schärfe. »Jeder von uns, der länger als zehn Jahre im Amt ist und nicht ausgebrannt, führt zwei Verzeichnisse. Das eine liegt in der Mappe. Das andere liegt da.« Er tippte sich nicht an die Stirn; er tippte auf die Tischplatte, was Ohlwein seltsamer vorkam und richtiger. »Es steht in keiner Vorschrift, es ist nicht verboten, und keiner von uns spricht darüber, weil wir alle die Antwort auf dieselbe Anfrage bekommen haben. Ich habe sie 907 gestellt. Zwei Absätze, Abschnitt 9 im zweiten. Sie auch?«

»Ja.«

»Vierzehn Monate?«

»Vierzehn.«

Veldt nickte, als sei damit etwas Verwaltungstechnisches geklärt.

»Also. Wie viele?«

»Achtundzwanzig«, sagte Bercht Ohlwein.

Es war das erste Mal, dass er die Zahl laut sagte, und es war das einzige Mal in dreizehn Jahren, dass ihm jemand darauf antwortete.

Veldt sah eine Weile aus dem Bullauge, hinter dem nichts war.

»Ich hatte einmal einundvierzig«, sagte er. »Oder zweiundvierzig. Es gab einen Fall auf Karsis, ein Fahrer, 911 oder 912 — ich weiß nicht mehr, ob ich ihn dazugezählt habe oder ob ich ihn nur dazuzählen wollte.«

»Und?«

»Und seitdem weiß ich es nicht mehr. Ich habe zwei Jahre versucht, es zu rekonstruieren. Man kann es nicht. Es gibt nichts, wogegen man prüfen könnte — das ist ja der ganze Punkt. Ein Verzeichnis, das nur im Kopf liegt, hat keine zweite Ausfertigung.«

Er stand auf und strich den geflickten Mantel glatt.

»Ich sage Ihnen das nicht als Trost. Ich sage es Ihnen, damit Sie es wissen, solange Ihre Zahl noch stimmt. Meine ist irgendwann eine ungefähre geworden, und in dem Moment war sie keine Prüfung mehr, sondern ein Gefühl. Ich bin danach ein schlechterer Kommissar geworden und ein zufriedenerer. Ich weiß nicht, was davon schlimmer ist.«

An der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Der Prüfbericht wird Ihnen eine einwandfreie Amtsführung bescheinigen. Er ist nicht falsch. Er ist bloß dünn.«

Der Bericht kam vier Monate später, umfasste zwei Seiten und bescheinigte eine einwandfreie Amtsführung.

Ohlwein legte ihn in die Mappe, zu dem halben Bogen von 926.

Von diesem Tag an ging er sein Verzeichnis nicht mehr einmal im Monat durch, sondern jede Woche.

VIII. Die zweite Ausfertigung

Dienstanweisung, Abschnitt 14: Der Nachlass eines im Dienst verstorbenen Kommissars ist ungeöffnet an das Kommissariat abzugeben.

Im Winter 934 fiel ihm einer nicht mehr ein.

Es war der Siebte in der Gruppe Es hätte mehr gekostet, als es wert war, und Ohlwein hatte ihn achtzig- oder neunzigmal durchgegangen: ein Gefreiter, Diebstahl aus dem Regimentsbestand, im fünften Jahr, und der Grund für die Ausnahme war gewesen, dass —

Er kam nicht darauf.

Er saß bis vier Uhr morgens auf der Pritsche und ging die Gruppe von vorn durch, dann von hinten, dann nach Jahren geordnet, und er bekam den Fall, er bekam den Mann, er bekam sogar die Kammer, in der er ihn angehört hatte. Der Grund fehlte.

Ohne den Grund war es kein Eintrag. Es war eine Erinnerung an einen Eintrag.

Am nächsten Morgen tat er etwas, das er sich neun Jahre lang verboten hatte: Er nahm ein Blatt und schrieb.

Er schrieb nicht die Namen. Er schrieb vier Zeilen, jede mit einer Zahl dahinter, und die vier Zeilen hießen A, B, C und D, und die Zahlen waren die Umfänge der vier Gruppen. Kein Name, kein Datum, kein Ort. Ein Blatt, das für jeden Fremden nichts bedeutete.

Er sah es zwölf Minuten lang an.

Dann verbrannte er es, weil ihm einfiel, was Abschnitt 14 vorschreibt.

Der Nachlass eines im Dienst verstorbenen Kommissars geht ungeöffnet an das Kommissariat. Nicht an den Nachfolger, nicht an das Regiment — an das Kommissariat, wo ihn ein Schreiber öffnet, der den Verstorbenen nie gesehen hat und dessen Aufgabe darin besteht, aus dem Nachlass festzustellen, ob mit dem Mann etwas nicht gestimmt hat.

Vier Buchstaben mit Zahlen dahinter, in der Handschrift eines Kommissars, der in dreizehn Jahren vier Vollzüge gemeldet hatte.

Ein solcher Schreiber braucht dafür keine Auflösung. Ihm genügt die Form.

Er hat danach vier Wege geprüft, und er hat sie alle verworfen, und die Reihenfolge, in der er sie verwarf, sagt mehr über das Imperium als über ihn.

Ein versiegeltes Schreiben an sich selbst, im Regimentsarchiv hinterlegt: fällt bei Auflösung des Regiments an das Munitorum, wird geöffnet, ist ein Vorgang.

Ein Brief an Veldt: macht Veldt zum Mitwisser, und Veldt hatte seine eigene Zahl verloren und würde sie um keinen Preis wiederhaben wollen.

Eine Beichte bei einem Feldpriester: Der Feldpriester der Ersten Vandauer war ein freundlicher, langsamer Mann, der jede Beichte in ein Buch eintrug, weil ihm das seine eigene Vorschrift befahl.

Die Selbstanzeige nach Abschnitt 9: hätte funktioniert. Sie hätte alle vierunddreißig (es waren im Frühjahr 936 vierunddreißig) in einen Vorgang gebracht, geprüft, geordnet, aktenkundig. Ein einziges Verfahren, an dessen Ende ein Urteil gestanden hätte.

Ohlwein hat drei Nächte lang ernsthaft erwogen, sie zu stellen.

Er hat es nicht getan, und der Grund war nicht Feigheit, jedenfalls hat er das bis zuletzt so gesehen: Eine Selbstanzeige hätte die vierunddreißig Fälle zu Anklagepunkten gemacht. Sie wären geprüft worden — aber nicht daraufhin, ob die Entscheidung richtig war, sondern daraufhin, ob der Kommissar geeignet ist. Das ist nicht dieselbe Frage. In vierunddreißig Fällen wäre am Ende dasselbe Wort gestanden, und dieses Wort hätte nichts von dem enthalten, was er dreizehn Jahre lang jede Woche geprüft hatte.

Er hätte sie abgegeben und dafür nichts bekommen.

Im Frühjahr 936, auf der Fahrt nach Immerhalt, kam er auf die Antwort, und sie war so einfach, dass er zwei Tage brauchte, um ihr zu misstrauen.

Es gibt genau einen Speicher im Imperium, der kein Vorgang ist, der nicht in einen Nachlass fällt, der von keiner Stelle geöffnet wird und den kein Schreiber auf seine Form prüft.

Ein anderer Mensch.

Ein Mensch, der etwas weiß, ist keine Aufzeichnung. Er ist ein Zeuge, und ein Zeuge existiert für die Verwaltung erst, wenn ihn jemand befragt, und niemand befragt einen Gardisten danach, was sein Kommissar ihm einmal gesagt hat.

Das Verfahren ist nicht sicher. Menschen vergessen, Menschen erzählen weiter, Menschen sterben — und in einem Regiment, das seit dreizehn Jahren in Stollen kämpft, sterben sie schneller als Papier verrottet.

Aber es ist das einzige Verfahren, das es gibt.

Bercht Ohlwein hat nach diesem Gedanken drei Wochen lang jeden Mann der Zweiten Kompanie daraufhin angesehen, ob er ihm vierunddreißig Fälle erzählen könnte, und er hat festgestellt, dass er es keinem erzählen konnte, ohne ihn in dieselbe Lage zu bringen, in der er selbst seit dreizehn Jahren war.

Also entschied er sich für weniger.

Nicht die Fälle. Nicht die Gründe. Nicht die Namen.

Nur die Zahl.

Eine Zahl allein ist harmlos. Sie belastet niemanden, sie klagt niemanden an, sie ist ohne die Fälle nicht einmal zu verstehen. Sie ist nur eine Zahl, und ein Mensch kann sie mit sich herumtragen, ohne davon etwas zu haben und ohne daran etwas zu tragen.

Er hat gewusst, dass das nicht reicht. Er hat es in derselben Nacht aufgeschrieben — in Gedanken, in seinem Verzeichnis, in der Gruppe Ich weiß es nicht, als fünfunddreißigsten Eintrag, der kein Fall war, sondern eine Entscheidung über das Verzeichnis selbst.

Es ist der einzige Eintrag, bei dem er sich selbst geprüft hat.

IX. Immerhalt

Dienstanweisung, Abschnitt 17: Bei angeordneter Räumung ist der Kommissar dem Kader zuzurechnen. Seine Ausschiffung hat mit dem Stab zu erfolgen.

Auf Immerhalt bekam Bercht Ohlwein einen Platz.

Es war ein Vorgang von drei Zeilen. Der Stab der Ersten Vandauer Schachtschützen war am neunten Tag der Räumung auf achtzehn Personen zusammengeschmolzen, für achtzehn Personen lag eine Zuweisung vor, und Ohlwein stand darauf, weil Abschnitt 17 ihn zum Kader zählt.

Das Regiment stand zu diesem Zeitpunkt bei sechshundertneunzig Mann und hielt die Zufahrt zum Ostbezirk, dreitausend Meter Unterführungen und Kabelkanäle, damit die Fähren weiter starten konnten.

Für die Sechshundertneunzig lag keine Zuweisung vor.

Ohlwein hat das am sechsten Tag erfahren, nicht am neunten, und er hat es nicht durch eine Mitteilung erfahren, sondern durch das Fehlen einer. Er hatte nach den Zahlen gefragt, dreimal, und war dreimal an eine andere Stelle verwiesen worden, und beim vierten Mal hatte ein übermüdeter Verbindungsoffizier ihm die Liste einfach hingeschoben, weil er zu müde war, um Vorschriften einzuhalten.

Der Schiffsraum war nicht knapp geworden.

Er war nie eingeplant gewesen.

Ein Kommissar, der das weiß, hat nach der Vorschrift eine einzige Aufgabe: dafür zu sorgen, dass die Truppe es nicht erfährt, bis der Auftrag erfüllt ist. Das steht nicht so in Abschnitt 17. Es steht in Abschnitt 2, in dem Satz über die Aufrechterhaltung der Kampfkraft, und jeder Kommissar weiß, wie dieser Satz in einer solchen Lage zu lesen ist.

Ohlwein hat es drei Tage lang nicht gesagt.

Er hat in diesen drei Tagen die Kompanien abgegangen, wie er es seit dreizehn Jahren tat, und er hat dieselben Fragen gestellt und dieselben kurzen Antworten bekommen, und einmal hat ein Unteroffizier ihn gefragt, ob es Nachricht über die Fähren gebe, und er hat gesagt: »Noch nicht.«

Das ist die genaueste Lüge seines Lebens gewesen. Sie enthielt kein falsches Wort.

Am zehnten Tag ging ein Bruder der Glutwacht in die nördliche Sperre und sagte es einem Zugführer ins Gesicht, ohne Auftrag, in seiner Dienstpause, in vier Sätzen.

Ohlwein hat davon am elften Tag erfahren.

Er hat sich dabei ertappt, dass er erleichtert war, und die Erleichterung war das Beschämendste, was er in dreizehn Jahren empfunden hat. Nicht weil sie unehrenhaft war. Weil sie bedeutete, dass er die ganze Zeit gewusst hatte, was richtig gewesen wäre, und darauf gewartet hatte, dass es ihm jemand abnimmt.

Es hat, soweit sich das feststellen lässt, nichts geändert. Die Zufahrt wurde bis zum dreizehnten Tag gehalten. Kein Zug hat sich abgesetzt. Es hat keine einzige Meldung gegeben, die einen Kommissar erfordert hätte.

Ohlwein hat nie herausgefunden, ob das an dem lag, was für ein Regiment sie waren, oder daran, dass sie ohnehin nirgendwohin konnten. Er hat es unter Ich weiß es nicht geführt, als sechsunddreißigsten Eintrag, und es war der Letzte.

Am zwölften Tag gab er den Platz weg.

Es war kein Vorgang. Für den Verzicht auf eine Ausschiffungszuweisung gibt es ebenso wenig einen Vordruck wie für alles andere, worum es in dreizehn Jahren gegangen war; es gibt lediglich eine Liste mit achtzehn Namen, und wenn ein anderer Name daraufsteht, steht ein anderer Name darauf.

Er wählte Gardist Reuel aus der Zweiten Kompanie.

Reuel war neunundzwanzig, war seit dem Dock dabei, war Bergmann gewesen wie alle und hatte in dreizehn Jahren nichts getan, was ihn von sechshundertneunundachtzig anderen unterschied — bis auf eine Sache, die im Schriftgut der Ersten Vandauer Schachtschützen nicht vorkommt.

Er stand in Ohlweins Verzeichnis. Gruppe Ich war es, der den Fehler gemacht hat, dritter Eintrag, Jahr 928.

Reuel wusste das nicht. Er hatte den Vorfall vermutlich vergessen; es war eine Sache von zwei Minuten gewesen, und die Entscheidung, die ihn am Leben ließ, hatte niemand außer Ohlwein mitbekommen, weil sie darin bestand, eine Meldung nicht zu schreiben.

»Warum ich?«, fragte Reuel.

»Weil auf der Liste ein Name frei ist und ich einen eintragen muss.«

»Das ist keine Antwort, Kommissar.«

»Nein«, sagte Ohlwein.

Sie standen an der letzten Sperre vor der Rampe, es war laut, und sie hatten vielleicht zwei Minuten.

»Ich möchte, dass Sie sich etwas merken«, sagte Ohlwein.

»Eine Nachricht?«

»Nein. Eine Zahl.«

Reuel wartete.

»Vierunddreißig.«

»Vierunddreißig was?«

»Nichts«, sagte Ohlwein. »Es ist keine Menge von etwas. Sie müssen nichts damit tun, Sie müssen es niemandem sagen, es ist nicht dienstlich, und es belastet Sie nicht. Merken Sie es sich einfach.«

Reuel sah ihn an, und in diesem Blick war das, was Ohlwein in dreizehn Jahren an diesem Regiment am meisten geschätzt hat und was er nie hat benennen können: die vollkommene Bereitschaft, etwas Sinnloses ernst zu nehmen, wenn der, der es sagt, es ernst meint.

»Vierunddreißig«, sagte Reuel.

»Ja.«

»Soll ich's aufschreiben?«

»Nein«, sagte Bercht Ohlwein. »Auf keinen Fall.«

Dann ging der Gardist Reuel die Rampe hinauf, und der Kommissar Ohlwein ging zurück in die Unterführung, und keiner von beiden hat sich umgedreht, weil sich in diesem Regiment niemand umdrehte; das galt als Zeichen dafür, dass man mit dem Ausfahren rechnet.

Die letzte Fähre startete am dreizehnten Tag.

Über das, was zwischen dem dreizehnten und dem sechzehnten Tag in den Unterführungen des Ostbezirks geschehen ist, gibt es keine Aufzeichnung, weil es niemanden gab, der eine hätte machen können.

X. Feld vierzehn

Vordruck M-9, Verlustmeldung des Astra Militarum. Vierzehn Felder. Feld vierzehn heißt „Bemerkungen" und ist zwei Zentimeter hoch.

Die Ersten Vandauer Schachtschützen sind nie gestrichen worden.

Der Vorgang lief 937 an und wurde 946 eingestellt, ohne abgeschlossen zu sein, weil die Streichung einer Einheit die Sektorenzuordnung ihrer Aushebungswelt voraussetzt und Vandau keine hat. Die Akte trägt seither den Vermerk schwebend; das Regiment steht auf der Schwebeliste und ist damit versorgungsberechtigt, ohne zu bestehen.

Daraus folgt eine Reihe von Dingen, die niemand beabsichtigt hat.

Eines davon ist, dass Gardist Reuel nie entlassen wurde.

Man kann einen Soldaten nicht aus einer Einheit entlassen, die weder besteht noch erloschen ist. Es gibt keine Stelle, die es dürfte. Er wurde 937 einem Ersatztruppenteil zugeteilt, 941 einem Depot, 949 einer Wachkompanie auf einer Umschlagstation, und bei jeder dieser Zuteilungen stand in der Spalte Stammeinheit derselbe Name, und jedes Mal versuchte irgendein Schreiber, ihn aufzulösen, und jedes Mal kam er an dieselbe Stelle und gab auf.

Reuel bekam vierzig Jahre lang Sold von einem Regiment, das aus ihm bestand.

Er hat in diesen vierzig Jahren mit keinem Menschen über Immerhalt gesprochen. Nicht aus Verschwiegenheit; es hat ihn nur nie jemand gefragt, weil es niemanden gab, der gewusst hätte, dass es etwas zu fragen gab.

Im Jahr 976 kam ein Schreiber.

Er hieß Marbach, war Subadjutor des Munitorum, siebenundzwanzig Jahre alt und im vierten Jahr damit befasst, alte Schwebefälle abzuarbeiten — eine Aufgabe, die in seiner Abteilung als Strafe galt, weil sie nie zu einem Ergebnis führte.

Er fand Reuel in einer Wachstube auf einer Umschlagstation im Aschtor-Zwischenraum, neunundsechzig Jahre alt, seit elf Jahren im gleichen Dienst, mit einem Daumennagel, der fehlte.

»Sie sind der Letzte«, sagte Marbach.

»Von was?«

»Von den Ersten Vandauer Schachtschützen. Nach unseren Unterlagen sind Sie der Einzige, dessen Verbleib bekannt ist. Wenn ich Ihre Verlustmeldung nicht ausfüllen muss, kann ich die Akte auch nicht schließen, aber wenn ich alle übrigen als Verlust erfasse, kann ich sie wenigstens auf ›ruhend‹ setzen.«

»Und dann?«

»Dann ist sie ruhend.«

Reuel nickte, als sei das eine vernünftige Sache.

Sie brauchten elf Tage. Marbach hatte die Rollen von 936 mitgebracht, sechshundertneunzig Zeilen, und für jede Zeile brauchte er drei Pflichtangaben: Name, Erkennungsnummer, Umstand aus elf zulässigen Kurzworten.

Reuel kannte die meisten Namen. Bei zweihundertvierzig konnte er einen Umstand angeben. Bei den übrigen sagte er »unklar«, und Marbach schrieb unklar, und es war beide Male dasselbe Wort für etwas völlig anderes.

Am elften Tag, bei Zeile sechshundertneunundachtzig, sagte Marbach:

»Ohlwein, Bercht. Kommissar. Der steht gar nicht auf meiner Liste, der gehört zum Kommissariat.«

»Der war bei uns.«

»Dienstrechtlich nicht.«

»Der war bei uns«, sagte Reuel noch einmal.

Marbach sah ihn an, und weil er siebenundzwanzig war und im vierten Jahr in einer Abteilung saß, die nie zu einem Ergebnis kam, tat er etwas, wofür er keine Befugnis hatte: Er schrieb die Zeile trotzdem.

»Umstand?«

»Er ist geblieben.«

»Das ist kein Kurzwort.«

»Ich weiß.«

Marbach schrieb unklar.

Dann geschah das, was der einzige Grund ist, warum diese Geschichte überhaupt aufgeschrieben werden konnte.

Reuel sagte: »Es gibt da eine Zahl.«

»Eine Zahl.«

»Vierunddreißig. Der Kommissar hat mir das gesagt, bevor er mich auf die Fähre gestellt hat. Ich soll's mir merken. Hab ich.«

»Vierunddreißig was?«

»Weiß ich nicht«, sagte Reuel. »Er hat gesagt, es ist nichts. Er hat gesagt, ich soll's nicht aufschreiben.«

Marbach saß mit dem Federhalter über Feld vierzehn.

Feld vierzehn heißt Bemerkungen und ist zwei Zentimeter hoch. Es ist das einzige Feld auf dem Vordruck M-9, das keine Vorgabe hat, und in der Ausbildung wird gelehrt, es leer zu lassen, weil ein gefülltes Bemerkungsfeld eine Nachfrage auslöst und eine Nachfrage die Bearbeitungszeit verdoppelt.

Er hat vier Sekunden überlegt. Er hat später, als längst niemand mehr fragte, gesagt, er habe in diesen vier Sekunden nichts gedacht.

Dann schrieb er in Feld vierzehn:

34

Nichts weiter. Keine Erläuterung, keine Einheit, kein Bezug.

Er hat es getan, weil ein alter Mann in einer Wachstube ihm eine Zahl gesagt hatte und weil das Feld da war.

Die Akte der Ersten Vandauer Schachtschützen ruht seit 976.M41 in einem Verzeichnis, in dem sie nicht auffällt.

Auf Blatt sechshundertneunundachtzig, in einem zwei Zentimeter hohen Feld, unter dem Namen eines Kommissars, dessen Umstand als unklar geführt wird, steht die einzige Zahl im gesamten Schriftgut des Imperiums, die angibt, wie oft Bercht Ohlwein einen Menschen am Leben gelassen hat, für den ein Blatt mit sieben Feldern vorgesehen war.

Sie steht dort ohne Bedeutung.

Sie steht dort bis heute.

Sie ist die zweite Ausfertigung.

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