Klopfzeichen

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„„Melden ist kein Senden. Melden ist Aufschreiben."“

— Astropathin Ruve Alant, Horchstation Terzin

I. Empfang eintausendeinhundertvier

Der Empfang kam vier Minuten vor der Zeit, und das war das Erste, was Marlein Guss daran störte.

Sie saß bereits. Sie saß immer bereits, eine Viertelstunde vor der Stunde, weil der Stuhl der zweiten Kammer eine Schraube in der linken hinteren Strebe hatte, die sich löste, wenn man sich zu schnell setzte, und weil sie in elf Jahren nicht dazu gekommen war, es zu melden. Der Boden unter ihren Sohlen war warm. Der Boden war immer warm; man heizte ihn von unten, weil eine Astropathin, die friert, im Empfang zittert, und ein Zittern verschiebt das Maß. Das stand so in der Verfahrensordnung, Abschnitt vier, und es war eine der wenigen Vorschriften, die Marlein für Fürsorge hielt, bis ihr jemand erklärte, dass es um das Maß ging und nicht um sie.

Es roch nach Messing und nach Fischöl. Die Lampen in der Chorhalle brannten mit echter Flamme, Tran aus den Tiefen von Halvest, weil Promethiumdämpfe den Empfang trüben und weil ein Adept der Astra Telepathica auf Terra vor achthundert Jahren geschrieben hatte, dass die Seele Rauch braucht, um sich zu erinnern, wo unten ist. Marlein hatte den Satz nie verstanden. Den Geruch kannte sie besser als ihren eigenen.

Dann kam er, vier Minuten zu früh, und schob ihr die Zähne auseinander.

So beschrieb sie es. Es gab kein besseres Wort. Der Empfang setzte nicht im Ohr an und nicht hinter der Stirn, wo die Prüfer es gern hatten, sondern im Kiefer, ein Druck von innen gegen die Backenzähne, als presse jemand die Hand von der falschen Seite gegen ihr Gesicht. Danach kam die Botschaft.

Die Botschaft war Routine. Sie war fast immer Routine.

Kel-Vantor an Horchstation Terzin, Bestätigung Zehnt sechsundvierzig-drei, Erzlieferung angenommen, Fehlmenge zweiundzwanzig Tonnen, Fehlmenge angemahnt. Kein Bild dazu, nur der Geschmack von kaltem Öl und Metallspänen, den die Schmiedewelt jedem Sendevorgang mitgab wie einen Siegellack. Marlein hatte die Fehlmengen von Kel-Vantor sechzig Mal empfangen. Sie schmeckten jedes Mal gleich.

Sie hob die rechte Hand, zwei Finger, das Zeichen für Aufnahme läuft.

Neben ihr, einen halben Schritt links und einen zurück, hörte sie Jarek Bihns Feder ansetzen. Jarek las alles mit, was er schrieb, halblaut, ein Murmeln knapp unterhalb der Verständlichkeit — auch seine eigenen Streichungen, auch die Kommata. Er war einundzwanzig und dachte, niemand höre es. In einer Halle, in der acht Blinde saßen und auf Druck in ihren Zähnen warteten, hörte es jeder.

„Kel-Vantor", sagte sie. „Zehnt sechsundvierzig-drei. Angenommen. Fehlmenge zweiundzwanzig Tonnen, angemahnt."

„…zweiundzwanzig Tonnen, angemahnt", murmelte Jarek zurück, und dann das Kratzen.

Und dann, wie in eintausendeinhundertdrei Empfängen davor, kam der Anhang.

Es gehörte zum Handwerk, dass eine Botschaft etwas mitbrachte, das nicht in ihr stand. Der Warp ist kein Rohr. Was hindurchgeht, streift, was daneben liegt, und bringt Fasern mit. Ein erfahrener Empfänger lernt, die Fasern zu erkennen und wegzulassen: das Kirchenlied, das an einer Botschaft aus dem Hilfssystem klebt, weil dort gerade Vesper war; der Rost auf einer Meldung aus einer Werft; einmal, in ihrem dritten Jahr, das Gefühl von Sonne auf der Innenseite eines Handgelenks, aus einer Ordre über Getreidekontingente, und sie hatte drei Nächte gebraucht, um wieder ohne dieses Handgelenk einzuschlafen.

Fasern ließ man weg. So stand es in Abschnitt neun.

Dieser Anhang war keine Faser. Dieser Anhang kam seit elf Jahren.

Zuerst die Luft. Immer zuerst die Luft, und die Luft war nass, war Wolle, war der Geruch von Menschen, die zu lange in derselben Kleidung in derselben Kälte gesessen hatten, und darunter, sehr schwach, etwas Süßliches, das sie nie hatte einordnen können und über das sie aufgehört hatte nachzudenken, weil man in diesem Beruf lernt, aufzuhören.

Dann das Eisen. Kalt, ungestrichen, feucht.

Dann die Schläge.

Acht.

Acht Schläge gegen etwas Dickes. Nicht Klopfen — Klopfen ist eine Bitte. Das hier war Arbeit: die volle Faust oder ein Werkzeug, mit dem ganzen Körper dahinter, achtmal, in einem Takt, den Marlein hätte mitgehen können, wenn sie gedurft hätte. Sie hatte ihn in elf Jahren nie mitgegangen. Sie war sich nicht sicher, warum nicht.

Und dann, einen halben Herzschlag zu spät, immer einen halben Herzschlag zu spät, der neunte.

Der neunte war anders. Er war leiser. Er kam aus einer anderen Richtung — und sie wusste, dass „Richtung" bei einem Empfang keine zulässige Kategorie war, sie hätte es keinem Prüfer sagen können, ohne dass er sich Notizen machte. Aber er kam aus einer anderen Richtung. Er war kleiner. Er war, und dieses Wort hatte sie sich in ihrem sechsten Jahr erlaubt und danach nie wieder gestrichen, höflich.

Dann war es vorbei, und der Druck ging aus ihrem Kiefer, und sie schmeckte wieder Fischöl.

Marlein Guss saß eine Zeit lang still. In der Chorhalle atmeten sieben andere. Zwei Kammern weiter hustete Chorältester Sivert Kroos, wie er nach jedem Empfang hustete, drei kurze Stöße, immer drei.

Dann sagte sie: „Nachtrag zur Aufnahme."

Jareks Feder hielt an. Sie hörte ihn den Kopf heben; sie hörte es an der Luft.

„Nachtrag", sagte sie noch einmal. „Unbestätigter Einzelempfang. Anhang, Reihe fortlaufend. Nasse Wolle. Kaltes Eisen. Acht Schläge, gleichmäßig, schwer. Ein neunter, verzögert, schwächer, abweichende Herkunft." Sie überlegte. „Streich ‚abweichende Herkunft'."

„…streich abweichende Herkunft", murmelte Jarek. Die Feder kratzte, hielt inne, kratzte zurück.

„Und die Nummer."

„Eintausendeinhundertvier", sagte er. Er sagte es sehr leise, und er sagte es, ohne nachzusehen.

Marlein zog die Kladde zu sich heran, ihre eigene, die zweite, die private, die in keinem Verzeichnis stand. Dann legte sie das Schreiblineal an. Es war ein Stück Messing, zwei Finger breit, mit Kerben am Rand, eine Kerbe je Zeile. Man tastete die Kerbe, setzte die Feder in die Rinne und schrieb geradeaus, und wenn man es elf Jahre lang jeden Tag tat, hatte man eine Furche im linken Mittelfinger, glatt wie ein alter Ring.

Sie zählte sich zur einunddreißigsten Kerbe hinunter und schrieb, in ihrer großen, langsamen, gleichmäßigen Blindenschrift des Sehenden — sie hatte schreiben gelernt, bevor man ihr die Augen genommen hatte, und sie hatte es nicht verlernt, weil sie es nicht hatte verlernen wollen:

1104. Acht und einer. Luft: alt, kaum Süße. Kalt.

Dann klappte sie die Kladde zu und schob sie in das Fach unter der Sitzfläche, wo eine Schraube in der linken hinteren Strebe sich löste, wenn man sich zu schnell setzte.

II. Die Horchstation Terzin

Die Horchstation Terzin war kein Ort, sondern ein Verfahren mit einer Hülle darum.

Sie hing im Schatten eines Gasriesen ohne Namen — er hatte eine Nummer, und die Nummer stand auf keinem Schild, weil niemand auf Terzin je hinaussah. Vierzehn Menschen, zwei Dutzend Servitoren, acht Kammern in der Chorhalle, ein Reaktor, eine Küche, eine Kapelle, in der der Boden nicht geheizt war. Ihre Aufgabe bestand darin, den Zehnt der Botschaften des Sektors Mordacis anzunehmen, zu ordnen, weiterzureichen und zu vergessen. Terzin sendete an vier Knoten und empfing von neun. Terzin hatte in zweihundert Jahren nie eine Botschaft erzeugt, die nicht die Weitergabe einer anderen gewesen wäre.

Die Musterung war um die sechste Stunde.

Marlein fand ihren Platz an der Wand, wie immer, dritte Stelle von der Tür, wo die Wandheizung durch die Uniform ging und man wach blieb. Neben ihr Ruve Alant, die vor jedem Satz drei Töne summte, immer dieselben drei, die ersten des Achtundzwanzigsten Psalms, um ihre Höhe zu finden, bevor sie sprach. Ruve war siebenundzwanzig, war seit vier Jahren hier und hatte in diesen vier Jahren nie eine Meldung falsch wiedergegeben.

„Mm-mm-mmh. Guten Morgen, Guss."

„Alant."

„Sie riechen nach Tran."

„Sie riechen nach Seife. Einer von uns hat geschlafen."

Kuratorin Bendicta Nauheim betrat die Halle um die sechste Stunde und nicht eine Sekunde später, und sie las die Tagesordnung mit dem Zeigefinger auf der Zeile. Marlein wusste das, weil man es hörte: das trockene Streichen der Fingerkuppe über das Papier, Zeile für Zeile, eine Gewohnheit aus dreißig Jahren Abschreibdienst, die sie behalten hatte, obwohl ihre Augen tadellos waren und obwohl es sie vor dem versammelten Chor jeden Morgen langsamer aussehen ließ, als sie war.

„Sechsundvierzig-drei ist bestätigt", sagte Nauheim. „Kel-Vantor mahnt zweiundzwanzig Tonnen an. Das ist nicht unser Problem, aber es wird unser Problem, wenn wir es dreimal weiterreichen und beim vierten Mal falsch. Guss."

„Kuratorin."

„Ihre Aufnahme ist sauber. Ihr Nachtrag ist der einhundertsiebenundvierzigste in diesem Jahr."

Die Halle war sehr still. Achtzehn Ohren, dachte Marlein, und keine Augen, die sich abwenden könnten.

„Ja, Kuratorin."

„Ich sage es nicht als Vorwurf." Der Finger strich weiter. „Ich sage es, damit Sie die Zahl gehört haben. Es ist meine Pflicht, dass Sie die Zahl hören. Sonst nichts." Eine Pause, in der Papier umgeschlagen wurde. „Alant, Sie übernehmen die dritte Kammer für die Vierzehn-Uhr-Reihe, Kroos geht in die Ruhe. Kroos, das ist keine Bitte."

„Vier", sagte Chorältester Sivert Kroos von der anderen Wand. Seine Stimme klang wie etwas, das man über Stein zieht. „Vier Tage bis zur Ruhe, hatte es geheißen. Es sind sechs geworden."

„Sechs, ja. Und jetzt gehen Sie."

Kroos nannte nie eine Zahl, ohne dazuzusagen, wovon sie eine war. Marlein hatte in ihrem zweiten Jahr geglaubt, es sei Altersstarrsinn. Sie war inzwischen der Meinung, dass es eine Vorsichtsmaßnahme war, und sie hatte aufgehört, sich zu fragen, wogegen.

Nach der Musterung fasste Ruve sie am Ellbogen. Das tat man auf Terzin nicht ungefragt; Marlein zuckte, und Ruve ließ los.

„Verzeihung."

„Was ist."

„Mm-mm-mmh." Ruve fand ihre Höhe. „Einhundertsiebenundvierzig", sagte sie. „In einem Jahr."

„So wird gezählt."

„Ich habe drei", sagte Ruve. „In vier Jahren. Zwei davon waren Wetterleuchten aus dem Nebel bei Thorvar, das war ein Anfängerfehler, und einen habe ich zurückgezogen." Sie ließ eine Lücke, in die man etwas hätte legen können. Marlein legte nichts hinein. „Ich frage nicht, was Sie hören."

„Gut."

„Ich frage, ob es immer dasselbe ist."

Am anderen Ende des Ganges klapperte ein Servitor mit dem Wagen für die Lampen, und irgendwo darunter, tief im Schiffsleib, wechselte der Reaktor in den Tagestakt, ein Geräusch wie ein sehr großes Tier, das sich im Schlaf umdreht. Marlein hatte das in ihrem ersten Monat für bedrohlich gehalten. Jetzt schlief sie schlecht, wenn es ausblieb.

„Alant", sagte sie. „Wie viele Kammern hat die Chorhalle?"

„Acht."

„Und wie viele davon sind belegt?"

Ruve überlegte tatsächlich. Das war das Gute an ihr. „Sechs."

„Sechs", sagte Marlein. „Als ich hier ankam, waren es acht. Fragen Sie mich das nicht noch einmal."

Sie ging. Sie brauchte keinen Stock auf Terzin; sie kannte den Gang an der Art, wie die Warmluft aus den Bodengittern gegen ihre Waden schlug, alle elf Schritte ein Gitter, und am neunten Gitter war eine Schraube herausgefallen, und dort klang es hohler. Sie zählte die Gitter, wie sie alles zählte.

Hinter ihr, viel zu leise für einen Menschen mit Augen und viel zu laut für diesen Gang, summte Ruve Alant drei Töne und sagte nichts dazu.

III. Abschnitt neun

Aus der Verfahrensordnung der Adeptus Astra Telepathica für Horch- und Weitergabestationen, siebenundzwanzigste Fassung, Abschnitt 9: Vom unbestätigten Einzelempfang.

9.1 — Ein Empfang gilt als bestätigt, wenn er von mindestens zwei Empfängern desselben Chores in derselben Reihe unabhängig wiedergegeben wird. Alles andere ist ein unbestätigter Einzelempfang.

9.2 — Der unbestätigte Einzelempfang ist kein Vergehen. Er ist zu melden. Die Meldung ist kein Geständnis und wird nicht als solches behandelt.

9.3 — Nicht gemeldete Einzelempfänge sind ein Vergehen. Die Unterscheidung ist wesentlich und dem Empfänger bei Dienstantritt in Gegenwart eines Zeugen zu erläutern.

9.4 — Der Kurator führt über jeden Empfänger eine fortlaufende Zählung. Die Zählung wird dem Empfänger auf Verlangen mitgeteilt und ihm mindestens einmal jährlich unaufgefordert bekanntgegeben.

9.5 — Überschreitet die Zählung eines Empfängers innerhalb von zwölf Monaten das Dreifache des Chormittels, ist eine Reinheitsprüfung anzusetzen. Die Prüfung erfolgt durch einen Prüfer, der dem Chor nicht angehört.

9.6 — Die Reinheitsprüfung findet in Gegenwart des vollzähligen Chores statt. Abwesenheit ist nur bei Empfangsdienst zulässig. Die Anwesenheit ist kein Schauspiel, sondern Teil der Prüfung: Ein Chor, der nicht weiß, was geprüft wird, kann nicht wissen, was er selbst zu melden hat.

9.7 — Das Ergebnis der Prüfung ist eine von drei Feststellungen: unbedenklich; unter Beobachtung; nicht mehr im Dienst.

9.8 — Die dritte Feststellung ist keine Strafe. Sie ist eine Feststellung.

Anmerkung des Herausgebers zur siebenundzwanzigsten Fassung: Der frühere Wortlaut von 9.8 lautete „Die dritte Feststellung ist endgültig." Die Änderung erfolgte auf Anregung von zweiundvierzig Kuratoren und ändert nichts an der Sache.

IV. Die Ordnung der Luft

Es hatte in ihrem vierten Jahr angefangen, dass Marlein Guss die Luft aufschrieb.

Nicht die Schläge — die Schläge standen von Anfang an in der Kladde, weil man Schläge zählen konnte und Marlein zählte gern. Aber die Luft hatte sie zuerst für Beiwerk gehalten, für das, was man weglässt. Dann war ihr aufgefallen, dass die Luft nicht immer dieselbe war.

Es gab Empfänge mit Weihrauch darin. Billiger Weihrauch, der Sorte, die in Pilgerkapellen verbrannt wird und nach Zitrone und Staub riecht, wenn er frisch ist, und nur nach Staub, wenn er alt ist. Es gab Empfänge mit Essen: Grütze, gekochtes Wurzelgemüse, einmal (sie hatte es dreimal überprüft, weil sie es nicht glauben wollte) gebratenes Fleisch. Es gab Empfänge, in denen die Wolle nass war und Empfänge, in denen sie nur klamm war. Es gab welche, in denen es nach ungewaschenen Menschen roch, sehr vielen ungewaschenen Menschen, und es gab welche, in denen dieser Geruch fast weg war und stattdessen etwas anderes darunter lag, das Süßliche, und Marlein hatte im siebten Jahr aufgehört, sich vorzumachen, dass sie nicht wusste, was das war.

Also schrieb sie die Luft auf. Vier Merkmale, jedes Mal: Weihrauch ja oder nein. Essen ja oder nein. Wolle nass oder klamm. Süße stark, schwach, keine.

Elf Jahre. Eintausendeinhundertvier Zeilen.

In den Nächten, in denen sie nicht schlief, und sie schlief in etwa jeder dritten nicht, was unter dem Chormittel lag und worauf sie stolz war, saß sie im Fach unter dem Schreibtisch ihrer Kammer und ordnete.

Das ging so: Sie hatte die Kladde in Streifen abgeschrieben, jede Zeile auf einen eigenen Papierstreifen, den Rand einer jeden Zeile mit Nadelstichen versehen, weil man Nadelstiche im Dunkeln lesen kann und weil Marlein immer im Dunkeln las. Ein Stich für Weihrauch. Zwei für Essen. Drei Stiche in einer Reihe für nasse Wolle, zwei für klamm. Und am unteren Rand, unverkennbar, ein langer Riss für starke Süße.

Eintausendeinhundertvier Streifen passten in vier Blechdosen aus der Küche, in denen einmal Salzbrei gewesen war.

Elf Jahre lang hatte sie sie nach Datum sortiert, weil man Dinge nach Datum sortiert.

Nach Datum ergaben sie nichts. Weihrauch kam und ging. Das Essen verschwand im dritten Jahr, tauchte im achten wieder auf, verschwand wieder. Die Süße war im fünften Jahr stark gewesen, im neunten fast fort, im zehnten wieder da. Marlein hatte daraus gelesen, was jeder daraus gelesen hätte: dass es Unsinn war, dass es Rauschen war, dass sie elf Jahre lang Fasern aufgeschrieben hatte wie eine Frau, die Regentropfen zählt.

In der Nacht auf den vierzehnten Tag des Monats, sie wusste den Tag, weil sie am Vortag die Fehlmenge von Kel-Vantor empfangen hatte, zweiundzwanzig Tonnen, und weil zweiundzwanzig eine Zahl war, die hängen blieb, griff sie in die zweite Dose und zog einen Streifen heraus und tastete ihn ab, ohne nachzusehen, welcher es war.

Ein Stich. Zwei Stiche. Drei Stiche. Kein Riss.

Weihrauch, Essen, nasse Wolle, keine Süße.

Sie kannte diesen Streifen. Er war aus ihrem zweiten Jahr, Empfang einhundertneunzehn, und sie erinnerte sich daran, weil es der erste gewesen war, bei dem sie geweint hatte, was ihr peinlich gewesen war und was sie nicht gemeldet hatte.

Dann griff sie in die vierte Dose, ganz hinten, und zog wieder einen.

Ein Stich. Zwei Stiche. Drei Stiche. Kein Riss.

Marlein Guss saß eine sehr lange Zeit auf dem Boden ihrer Kammer und hielt zwei Papierstreifen in zwei Händen, und zwischen ihnen lagen neun Jahre.

Sie legte sie nebeneinander. Sie zog einen dritten, einen vierten. Sie kippte alle vier Dosen aus, und weil sie blind war, konnte sie das tun, ohne Licht zu machen, und weil sie blind war, dauerte es bis in die zweite Wache.

Sie sortierte nicht nach Datum. Sie sortierte nach Luft.

Ganz an den einen Rand: Weihrauch, Essen, klamme Wolle, keine Süße. Dann: Weihrauch, Essen, nass. Dann: kein Weihrauch mehr, Essen noch da. Dann: kein Essen. Dann: die Süße, schwach. Dann: die Süße, stark. Dann: die Süße wieder schwach, und nichts anderes mehr, gar nichts, nur Eisen und Kälte und Wolle, die so lange nass gewesen war, dass sie aufgehört hatte, wie Wolle zu riechen.

Es war eine Reihe. Es war eine vollkommen saubere Reihe, so sauber, wie Marlein in elf Jahren keine Reihe gesehen hatte, und sie ging von Anfang bis Ende und ließ sich in beide Richtungen lesen und hatte keine einzige Lücke.

Und sie hatte nichts, überhaupt nichts, mit den Daten zu tun, an denen die Empfänge eingegangen waren.

Der Streifen ganz am hinteren Ende der Reihe trug die Nummer zweihundertsechs: Eisen, Kälte, tote Wolle, das Ende von allem. Ihr drittes Jahr.

Der Streifen ganz am Anfang, Weihrauch und Grütze und ein Schiff voller Menschen, die noch aßen, trug die Nummer eintausendeinundneunzig. Vor sieben Wochen.

Marlein saß auf dem Boden zwischen elf Jahren, die jemand gemischt hatte wie ein Kartenspiel, und begriff zwei Dinge nacheinander, und das zweite war schlimmer als das erste.

Das erste war: Es kommt nicht in der Reihenfolge an, in der es geschieht.

Das zweite war: Dann weiß ich nicht, wo in der Reihe das Jetzt liegt.

V. Alant meldet

Neun Tage später meldete Ruve Alant einen unbestätigten Einzelempfang.

Sie tat es vorschriftsmäßig. Sie tat alles vorschriftsmäßig. Sie ging nach der Vierzehn-Uhr-Reihe zur Kuratorin, in Gegenwart eines Zeugen, wie es Abschnitt neun vorsah, und der Zeuge war Marlein Guss, weil Marlein zufällig im Vorraum saß und weil Ruve gefragt hatte und weil man so etwas nicht abschlägt.

Der Vorraum der Kuratorin roch nach Papier und nach kaltem Kaffeeersatz. Nauheim ließ sie beide stehen, weil es nur einen Stuhl gab und weil sie den nicht anbot.

„Mm-mm-mmh", machte Ruve. „Empfang zweitausendvierhundertelf, Reihe vierzehn Uhr, Absender Hyrne-Knoten, Inhalt Frachtraumzuteilung, sauber. Anhang: eine Stimme."

Die Fingerkuppe der Kuratorin hielt auf ihrer Zeile an.

„Weiter."

„Eine Frauenstimme. Sie sagt einen Namen."

„Welchen."

„Meinen."

Marlein hörte, wie die Kuratorin sich zurücklehnte, und wie das Leder des Stuhls es anders tat als sonst, langsamer.

„Alant", sagte Nauheim. „Sie wissen, dass ich Ihnen jetzt eine Frage stellen muss."

„Ja, Kuratorin."

„Ist es eine Stimme, die Sie kennen?"

Es entstand eine Pause, in der Ruve nicht summte. Marlein hatte in vier Jahren nie erlebt, dass Ruve sprach, ohne vorher zu summen, und sie merkte, dass sie die Hände in den Rockstoff gedrückt hatte.

„Sie klingt wie meine Mutter", sagte Ruve. „Meine Mutter ist neunzehn Jahre tot. Ich weiß, wie das heißt. Ich melde es trotzdem, weil neun-drei sagt, dass ich es melden muss, und weil neun-zwei sagt, dass die Meldung kein Geständnis ist."

„Neun-zwei sagt das, ja."

„Dann melde ich es."

Wieder das Streichen der Fingerkuppe, drei Zeilen, vier. Nauheim las etwas, das schon dort stand.

„Ihre Zählung steht bei vier", sagte sie. „Das Chormittel liegt bei einundzwanzig. Sie sind so weit von einer Prüfung entfernt wie irgendein Mensch in diesem Sektor. Ich sage Ihnen das, damit Sie es gehört haben."

„Danke, Kuratorin."

„Danken Sie mir nicht. Es ist Vorschrift." Papier wurde umgeschlagen. „Guss."

„Kuratorin."

„Sie waren Zeugin. Bestätigen Sie den Vorgang."

„Ich bestätige den Vorgang."

„Und Sie werden nicht mit ihr darüber reden."

Das stand in keinem Abschnitt. Marlein wusste das, und Nauheim wusste, dass Marlein es wusste, und deshalb hatte sie es auch nicht als Vorschrift gesagt, sondern in demselben Ton, in dem sie Kroos in die Ruhe geschickt hatte.

„Nein, Kuratorin."

Draußen im Gang, am dritten Bodengitter, blieb Ruve stehen.

„Guss."

„Ich habe gesagt, dass ich nicht mit Ihnen rede."

„Sie haben gesagt, Sie reden nicht darüber. Ich rede über etwas anderes." Ruve summte, kurz, halb. „Wie ist Ihre Mutter gestorben?"

„Ich weiß es nicht."

„Ich weiß es bei meiner. Sehr genau sogar." Ein Geräusch, das Marlein nicht einordnen konnte, vielleicht war es die Hand am Geländer. „Es ist nicht ihre Stimme. Ich habe sie neunzehn Jahre nicht gehört, ich könnte sie gar nicht erkennen. Ich habe das gesagt, weil es das ist, was man sagt, wenn man will, dass jemand einen ernst nimmt."

„Und was ist es wirklich?"

„Es ist eine Frau, die meinen Namen sagt. Nicht ruft. Sagt. So wie man einen Namen von einer Liste abliest." Ruve ließ das Geländer los. „Man liest keine Namen von Listen ab, wenn niemand antworten soll."

Marlein hörte die eigene Stimme etwas sagen, und es dauerte einen Augenblick, bis sie merkte, dass sie es gewesen war.

„Melden Sie den nächsten nicht."

Elf Schritte. Ein Gitter. Warmluft an den Waden.

„Das haben Sie nicht gesagt", sagte Ruve.

„Nein", sagte Marlein. „Das habe ich nicht."

VI. Die Prüfung

Ruve Alant meldete den nächsten. Und den danach.

Bis zum Ende des Quartals stand ihre Zählung bei siebzehn. Im Quartal darauf bei vierzig.

Das Chormittel lag bei einundzwanzig. Das Dreifache lag bei dreiundsechzig. Ruve erreichte dreiundsechzig am elften Tag des dritten Monats, zwischen der Zehn-Uhr-Reihe und dem Mittag, und Marlein wusste es in dem Moment, in dem sie es wusste, weil Jarek Bihn im Vorraum aufhörte, mitzulesen.

Reinheitsprüfer Cordt Deeg kam mit dem Versorgungsschlepper. Er hatte kein eigenes Schiff. Prüfer haben keine eigenen Schiffe; das ist Absicht, damit sie nicht kommen, wann sie wollen.

Er entschuldigte sich, als er die Chorhalle betrat.

„Verzeihen Sie die Störung", sagte er. Er hatte eine angenehme Stimme, hell für einen Mann, ein wenig heiser. „Ich weiß, dass die Anwesenheit unangenehm ist. Sie ist unangenehm für mich auch. Wir bringen es hinter uns."

Der Chor saß vollzählig. Sechs Kammern, sechs Empfänger. Nauheim stand an der Tür. Jarek saß am Pult.

Die Prüfung dauerte zwei Stunden und elf Minuten.

Marlein hatte gedacht, sie wüsste, was eine Reinheitsprüfung ist. Sie hatte zwei erlebt, beide in ihren ersten Jahren, beide mit dem Ergebnis unbedenklich. Sie hatte sie als Befragung in Erinnerung.

Das hier war keine Befragung.

Deeg setzte sich in die leere siebte Kammer. Er war kein Astropath. Er war etwas anderes, und was das war, stand in keinem Abschnitt, den Marlein gelesen hatte.

Er machte den Chor auf.

So fühlte es sich an. Nicht Druck im Kiefer — ein Aufgehen, als würde eine Tür, von der man nicht gewusst hatte, dass sie eine Tür war, nach innen gedrückt. Sechs Menschen in sechs Kammern, und plötzlich saß in jedem von ihnen das Gleiche.

Marlein hörte Ruve Alant.

Nicht ihre Stimme. Ruve sagte kein Wort während der ganzen zwei Stunden und elf Minuten. Marlein hörte, was in Ruve drin war, und es war das Innere eines Zimmers, in dem jemand sehr lange sehr ordentlich gewesen war.

Da war die Frau, die den Namen sagte. Sie war genau so, wie Ruve sie beschrieben hatte. Sie las ihn ab. Sie las ihn von einer Liste ab, und hinter ihr war ein Raum mit vielen Menschen darin, und keiner von ihnen antwortete, und sie las weiter.

Da war anderes. Ein Bruder. Eine Hand, die einen Nacken hält. Der Achtundzwanzigste Psalm, die ersten drei Töne, tausendmal, zehntausendmal, hinter allem, unter allem, ein Metronom aus Angst.

Marlein wollte die Hände heben. Man hebt die Hände nicht während einer Prüfung.

Der Chor war offen. Der Chor war ganz offen, sechs Kammern weit, und deshalb war es keine Frage, ob Marleins acht Schläge und ihr höflicher neunter darin lagen.

Sie lagen darin.

Und Cordt Deeg ging daran vorbei.

Marlein spürte es, wie man in einem dunklen Zimmer spürt, dass jemand die Hand nach etwas ausstreckt und sie wieder zurückzieht. Er streifte es. Er hielt an. Er ging weiter.

Zwei Stunden und elf Minuten.

Dann war die Tür wieder zu, und der Boden war warm, und es roch nach Fischöl.

„Ich danke Ihnen", sagte Deeg in die Halle. „Es tut mir leid."

Er stand auf. Er hatte ein Bein, das beim Aufstehen knackte.

„Astropathin Alant. Unter Beobachtung."

Ruve atmete aus. Es war das lauteste Geräusch in der Halle.

„Astropathin Guss."

Marlein stand nicht auf. Man steht nicht auf.

„Unbedenklich."

Später, als sie darüber nachdachte, und sie dachte in den folgenden vierzehn Tagen über wenig anderes nach, kam sie darauf, dass er zweierlei getan haben konnte.

Er konnte gefunden und gedeckt haben.

Oder er hatte es gefunden, hineingesehen, und es hatte ihn nichts angegangen, weil acht Schläge und ein neunter kein Name auf einer Liste sind und keine Mutter und keine Stimme, sondern nur Lärm — und einen Chor prüft man nicht auf Lärm.

Marlein wusste nicht, welches von beidem sie sich wünschen sollte, und in den vierzehn Tagen wurde daraus keine Antwort, sondern nur eine Gewohnheit, die Frage nicht mehr zu stellen.

VII. Eine Zeile, die nicht geschrieben wird

Am dritten der vierzehn Tage schrieb Marlein Guss einen Empfang nicht auf.

Es war der einhundertsechsundsiebzigste des Jahres und der eintausendeinhundertdreiundsechzigste insgesamt, und er war so gewöhnlich, wie diese Empfänge sein konnten: Weihrauch, kein Essen, nasse Wolle, Süße schwach. Acht Schläge. Der neunte, verzögert, höflich.

Sie hob die rechte Hand nicht. Sie sagte „Aufnahme abgeschlossen", und Jarek Bihn schrieb Aufnahme abgeschlossen, und dann las er es halblaut mit, und dann tat er etwas, das er in vier Jahren nicht getan hatte: Er hörte auf zu schreiben und wartete.

Er wartete elf Sekunden. Marlein zählte sie.

„Ist das alles?", fragte er.

„Ja."

„…ist das alles", murmelte Jarek, und die Feder ging über das Papier, und Marlein wusste, dass er es nicht geschrieben hatte, weil das Kratzen zu kurz war.

Sie ging in ihre Kammer und setzte sich zu schnell hin, und die Schraube in der linken hinteren Strebe gab nach, und der Stuhl senkte sich um zwei Fingerbreit nach hinten und blieb schief.

Sie zog die Kladde heraus. Sie legte das Schreiblineal an. Sie zählte sich zur vierten Kerbe hinunter, weil eine neue Seite angefangen hatte, und setzte die Feder in die Rinne.

Dann saß sie da.

Es ist eine kleine Sache, eine Zeile nicht zu schreiben. Es kostet nichts. Es dauert nicht einmal Zeit; das Nicht-Schreiben dauert genau so lange, wie man es dauern lässt.

Marlein Guss saß eine Stunde und siebenunddreißig Minuten mit einer Feder in der Rinne eines Messinglineals und schrieb eine Zeile nicht.

Dann setzte sie die Feder ab, ohne dass Tinte auf das Papier gekommen wäre (das war schwerer, als es klingt; man muss die Feder gerade hochziehen), und legte das Lineal quer über die Seite und ließ es dort liegen, damit sie am nächsten Tag wüsste, wo sie aufgehört hatte, und weil sie nicht wusste, ob sie es je wieder wegnehmen würde.

In der Nacht ging sie in die Kapelle, in der der Boden nicht geheizt war.

Sie war nicht fromm. Astropathen sind selten fromm; wer dem Imperator einmal von innen begegnet ist, hat danach ein anderes Verhältnis zu Kerzen. Aber die Kapelle war der einzige Raum auf Terzin, in dem der Reaktor nicht zu hören war, und Marlein wollte ein Geräusch weniger.

Auf der dritten Bank saß jemand und hustete. Drei kurze Stöße.

„Kroos."

„Sechs", sagte Chorältester Sivert Kroos. „Sechs Nächte, in denen ich hier sitze, und Sie sind die Erste."

„Ich wusste nicht, dass Sie hier sitzen."

„Das ist der Sinn der Sache." Das Holz knarrte. Er rückte, wie ein alter Mann rückt, in drei Bewegungen. „Setzen Sie sich, oder gehen Sie. Stehen macht mich nervös, und ich sehe es nicht, ich höre es nur, und das ist schlimmer."

Marlein setzte sich ans andere Ende der Bank.

Eine Weile sagte niemand etwas. In der Kapelle roch es nach kaltem Stein und nach dem billigen Wachs, das das Munitorum als Kerzen ausgab und das beim Verbrennen nach nichts roch, was mit Bienen zu tun hatte.

„Sie haben heute nichts gemeldet", sagte Kroos.

„Nein."

„Zum ersten Mal."

„Woher wissen Sie das?"

„Eintausendeinhundertzweiundsechzig", sagte Kroos. „Eintausendeinhundertzweiundsechzig Meldungen in elf Jahren. Ich führe keine Liste. Ich merke es mir." Er hustete, drei Stöße. „Sie haben eine kleine Stimme, Guss, aber Sie melden mit einer sehr geraden. Wenn Sie mit dieser Stimme nichts sagen, hört man das."

„Es war nichts zu melden."

„Ja", sagte Kroos. „So fängt es an."

VIII. Was Kroos in seinem vierten Jahr aufhörte

Sie brauchte neun Nächte in der kalten Kapelle, um die Frage zu stellen, und als sie sie stellte, stellte sie die falsche.

„Kroos. Wie lange sind Sie hier?"

„Einundsechzig", sagte er. „Einundsechzig Jahre auf Terzin. Vier davon in der ersten Kammer, der Rest in der vierten, weil die erste zieht und weil ich mit dreißig noch der Meinung war, dass man nichts sagt."

„Und wie viele Meldungen?"

Der alte Mann atmete durch die Nase. Es klang wie Papier.

„Fragen Sie richtig, Guss."

Marlein legte die Hände flach auf das kalte Holz der Bank.

„Hören Sie es auch."

„Ja."

Sie hatte sich elf Jahre lang vorgestellt, wie es wäre, das zu hören. Sie hatte sich Erleichterung vorgestellt. Es war keine Erleichterung. Es war, als hätte man ihr den Boden weggenommen und einen anderen darunter geschoben, der genauso aussah und aus etwas anderem war.

„Seit wann?"

„Seit dem zweiten Monat meines Dienstes." Kroos hustete, drei Stöße. „Neunundfünfzig Jahre und zehn Monate. Acht Schläge. Dann der neunte, ein halber Schlag zu spät, und leiser, und aus einer Richtung, die es beim Empfang nicht gibt."

„Sie haben es gemeldet."

„Vier Jahre lang. Vierhundertelf Mal."

„Und dann?"

„Und dann nicht mehr."

Irgendwo weit unter ihnen drehte sich der Reaktor im Schlaf um. In der Kapelle hörte man ihn nicht, aber man spürte ihn durch die Bank, und Marlein hatte in elf Jahren nicht bemerkt, dass sie das immer gespürt hatte.

„Der Chor", sagte sie. „Wie viele?"

„Alle."

„Kroos."

„Alle", sagte er noch einmal. „Alle, die je hier saßen. Zweiundsiebzig Empfänger in einundsechzig Jahren, ich habe sie gezählt, weil ich Zahlen zähle. Es gibt keinen, der es nicht gehört hat. Es gibt nur welche, die es früher aufgegeben haben, und welche, die es später aufgegeben haben, und zwei, die es nie aufgegeben haben, und über die reden wir gleich, wenn Sie noch wollen."

„Alant hat es nicht gemeldet."

„Alant meldet eine Frau, die einen Namen von einer Liste abliest. Das ist etwas, worüber ein Prüfer sich Notizen macht." Er machte eine kleine, trockene Bewegung mit der Hand; Marlein hörte den Ärmel. „Acht Schläge sind Lärm. Wer Lärm meldet, ist gründlich. Wer Lärm elf Jahre lang meldet, ist etwas anderes, und was er ist, entscheidet nicht er."

„Warum hat mir das niemand gesagt?"

„Weil es niemand sagt", sagte Kroos. „Das ist der ganze Vorgang, Guss, es gibt keinen tieferen. Niemand hat je beschlossen zu schweigen. Es ist nur so, dass Sie im ersten Jahr denken, Sie hätten etwas Besonderes. Im zweiten fragen Sie sich, ob die anderen es auch haben, und Sie fragen nicht, weil die Frage Sie zu jemandem macht, der so etwas fragt. Im dritten haben Sie eine Zählung. Im vierten sieht Ihnen jemand beim Melden zu, und Sie sehen ihm dabei zu, wie er zusieht." Wieder das Papieratmen. „Und dann melden Sie es nicht mehr, und danach sind Sie einer von denen, die es nicht sagen. Sie können es dann gar nicht mehr sagen. Sie müssten ja damit anfangen zu erklären, warum Sie sieben Jahre lang nichts gesagt haben."

Marlein saß sehr still.

„Die zwei", sagte sie.

„Sind Sie sicher?"

„Nein."

„Gut." Kroos rückte, drei Bewegungen. „Der erste hieß Torbe Meel. Neunter Jahrgang vor meiner Zeit, ich kenne ihn nur aus dem Kammerbuch. Er hat es in siebzehn Jahren zweitausenddreihundert Mal gemeldet. Feststellung drei. Man hat ihn mit dem Versorgungsschlepper geholt."

„Und die zweite?"

„Die zweite hieß Idun Wesch, und sie saß in der Kammer, in der Sie sitzen."

Marlein merkte, dass sie die Kante der Bank hielt.

„Vierzehn Jahre", sagte Kroos. „Sie hat es nicht nur gemeldet. Sie hat einen Antrag gestellt. Auf Nachforschung. Über den Dienstweg, sauber, mit Anlagen, dreißig Seiten. Sie hat die Luft aufgeschrieben, so wie Sie das tun."

„Woher wissen Sie, dass ich —"

„Weil Sie es sind, die nach Salzbrei riecht, wenn Sie nicht geschlafen haben, und weil in der Küche vier Dosen fehlen." Er ließ es stehen, ohne Genugtuung. „Ihr Antrag ist beantwortet worden. Das war das Bemerkenswerte. Ein Antrag von einer Horchstation an das Wallfahrtsdirektorium, und sie haben geantwortet, nach sechs Jahren, mit zwei Sätzen. Ich habe die Antwort gelesen, weil ich damals Protokoll führte."

„Was stand darin?"

„Dass das Pilgerschiff Sankt Anwen im Jahr 758.M41 aus den Rollen gestrichen wurde. Und dass Streichungen keine Auskunft über Personen enthalten."

Die Kapelle war still. Marlein zählte ihren eigenen Puls und kam nicht mit.

„Sankt Anwen", sagte sie.

„Neuntausendvierhundert an Bord", sagte Kroos. „Das steht nicht in der Antwort. Das steht im Abgangsverzeichnis von Bregge, das jeder lesen kann, der weiß, dass es das gibt. Neuntausendvierhundert Pilger, ein Kapitän, zwölf Mann Besatzung, ein Navigator. Im Warp verschwunden auf dem Weg nach Terra. Zweiundneunzig Jahre her."

„Was ist mit Idun Wesch geschehen?"

„Feststellung drei", sagte Kroos. „Zwei Monate nach der Antwort. Nicht wegen der Antwort — die hat niemanden interessiert. Wegen der Zählung."

Er stand auf. Sein Bein knackte nicht; er war nicht Deeg; bei ihm knackte gar nichts, er war nur langsam.

„Ich sage Ihnen das nicht, damit Sie aufhören", sagte er an der Tür. „Das wäre eine Anmaßung. Ich sage es Ihnen, damit Sie wissen, dass Sie nichts entdecken. Sie sind die dreiundsiebzigste, die es hört, und die dritte, die es nicht lassen kann, und der Unterschied zwischen Ihnen und den anderen siebzig ist keine Tugend, Guss. Es ist eine Eigenschaft. Wie eine schlechte Hüfte."

„Kroos."

„Ja."

„Sie haben gesagt, alle hören es. Alle, die je hier saßen."

„Das habe ich gesagt."

„In neunundfünfzig Jahren." Sie stand auf. Sie merkte, dass ihre Stimme nicht gerade war. „Wenn eintausendeinhundert Empfänge in elf Jahren auf mich kommen, und dasselbe auf Sie, und dasselbe auf zweiundsiebzig andere — wie oft hat dieses Schiff geklopft?"

Sivert Kroos stand eine Weile in der Tür.

„Das", sagte er, „ist die erste Frage, die mir seit einundsechzig Jahren hier jemand gestellt hat, auf die ich keine Zahl habe."

IX. Sammelmeldung ausgehend

Horchstation Terzin — Sammelmeldung ausgehend, Monat sechs, Reihe drei. Abgehend mit dem Monatsversand. Bestätigt: Kuratorin B. Nauheim. Protokoll: J. Bihn.

01 — An Kel-Vantor (Adeptus Mechanicus). Zehnt sechsundvierzig-drei, Empfang bestätigt. Fehlmenge zweiundzwanzig Tonnen zur Kenntnis. Rückfrage der Station: keine.

02 — An Hyrne-Knoten. Frachtraumzuteilung Quartal drei, weitergereicht unverändert.

03 — An Sektorverwaltung Mordacis, Abteilung Personal. Astropathin R. Alant, unter Beobachtung, Grundlage 9.7. Beobachtungsfrist zwölf Monate. Kein Antrag.

04 — An Sektorverwaltung Mordacis, Abteilung Personal. Bestand Chor Terzin: sechs von acht Kammern besetzt. Anforderung Ersatz, zum vierten Mal gestellt. Bezug: Anforderungen aus den Monaten neun, siebzehn und neunundzwanzig.

05 — An Halvest-Werk (Tranlieferung). Bedarf Chorhalle für zwölf Monate, unverändert.

06 — An Thorvar III, Präfektur. Wetterleuchten im Nebel weiterhin unbeständig, Weitergabe nur unter Vorbehalt. Vierte Mitteilung dieser Art.

07 — An Morthis IV, Präfektur. Zehntabgleich, Jahr sieben ausstehend. Keine Bestätigung seit vierundzwanzig Monaten. Vermerk der Station: Empfänger antwortet nicht; Leitung wird gemäß Weisung weiter bedient, da eine Streichung nur durch die Sektorverwaltung erfolgen darf. Achte Mitteilung dieser Art.

08 — An Sankt-Anwen-Wallfahrtsdirektorium, Bregge. Rückfrage betreffend Schiffsliste, gestellt von Astropathin M. Guss, Dienstweg eingehalten, von der Kuratorin genehmigt. Wortlaut: „Erbitte Bestätigung, ob das Pilgerschiff ‚Sankt Anwen', gestrichen im Jahr 758.M41, mit Personen an Bord gestrichen wurde." Vermerk der Kuratorin: Die Rückfrage ist zulässig. Sie wird nicht beantwortet werden.

X. Der Abstand

Der Fehler steckte in dem Wort schwächer.

Marlein hatte es im zweiten Jahr in die Kladde geschrieben und danach eintausendeinhundert Mal abgeschrieben, ohne es noch einmal anzusehen, so wie man den eigenen Namen abschreibt. Ein neunter, verzögert, schwächer. Sie hatte es für eine Beschreibung gehalten. Es war eine Erklärung gewesen, und sie hatte sie selbst hineingelegt: schwächer, weil müder, weil der Arm nicht mehr, weil das Ende naht.

In der Nacht nach Kroos schüttete sie die vier Dosen zum zweiten Mal aus.

Diesmal sortierte sie nicht nach Luft. Die Luft hatte ihr die Reihe gegeben; die Reihe stand, sie hatte sie in einen Karton geklebt, in der Folge, in der sie gehörte, und die Nadelstiche darin waren jetzt eine Landschaft, die ihre Fingerkuppen kannten wie einen Weg.

Diesmal ging sie die Reihe entlang und fragte nur eines ab: den Abstand.

Sie hatte ihn nie aufgeschrieben. Man schreibt nicht auf, was immer gleich ist. Aber sie hatte ihn eintausendeinhundert Mal gespürt, und ein Mensch, der elf Jahre lang blind in einem warmen Raum sitzt und auf einen Druck hinter den Backenzähnen wartet, hat für so etwas ein Gedächtnis, das mit keinem Papier zu tun hat.

Sie ging die Reihe von vorn nach hinten und ließ jeden Empfang noch einmal in sich stattfinden. Es dauerte drei Nächte. Am Ende der dritten wusste sie es.

Der Abstand war nicht immer derselbe.

Ganz am Anfang der Reihe, Weihrauch, Grütze, klamme Wolle, kam der neunte Schlag fast sofort. Ein Wimpernschlag hinter dem achten, so dicht, dass sie ihn in ihren ersten Jahren manchmal für einen Nachhall des achten gehalten hatte.

In der Mitte der Reihe lag er weiter zurück. Ein halber Herzschlag. Der Abstand, den sie für den Abstand hielt.

Und am hinteren Ende der Reihe, dort, wo die Wolle aufgehört hatte, nach Wolle zu riechen, kam der neunte Schlag zwei volle Herzschläge nach dem achten. Er kam so spät, dass er in einem anderen Empfang hätte stehen können.

Marlein Guss saß auf dem Boden ihrer Kammer und hielt die Hände vor sich in die Luft und schlug achtmal gegen nichts.

Dann wartete sie zwei Herzschläge und schlug ein neuntes Mal.

Sie machte es noch einmal. Und noch einmal. Und beim vierten Mal hörte sie auf, weil sie es nicht mehr aushielt, und weil es keine Frage mehr war, sondern nur noch eine Sache, die man laut aussprechen musste, damit sie aufhörte, im Kopf zu stehen.

Ein müder Arm wird langsamer im Schlagen. Er wird nicht später im Antworten.

Ein Abstand, der wächst, ist kein Nachlassen. Ein Abstand, der wächst, ist ein Weg, der länger wird.

Es waren zwei.

Es waren die ganze Zeit zwei gewesen. Acht Schläge, das war einer, mit der Faust oder einem Werkzeug, mit dem ganzen Körper dahinter, gegen etwas Dickes. Und der neunte, leiser, weil er von weiter herkam, und höflich, weil er nicht rief, sondern antwortete — das war ein anderer, hinter einer anderen Wand, in einem anderen Teil eines Schiffes, das zweiundneunzig Jahre lang aus den Rollen gestrichen war.

Und der Abstand zwischen ihnen wurde größer, weil einer von beiden weiter gehen musste, um an seine Wand zu kommen.

Marlein zog den Karton mit der Reihe zu sich heran und legte die Handfläche darauf. Elf Jahre in Papierstreifen, achtundzwanzig Zoll lang.

Sie hatte elf Jahre lang gedacht, sie höre einen Hilferuf.

Niemand hatte je nach ihr gerufen. Sie war in ein Gespräch hineingeraten.

Zwei Menschen, oder zwei Gruppen von Menschen, oder eine Gruppe und ein Einzelner, getrennt durch so viel Stahl, dass keiner den anderen je erreichen würde, und sie hatten sich einen Takt gegeben. Acht und einer. Ich bin hier. Ich auch.

Und irgendwann in diesen zweiundneunzig Jahren, die für sie vielleicht neun Monate waren oder vierhundert Jahre, denn im Warp ist Zeit kein Maß, sondern eine Meinung, war einer von beiden weiter weg gegangen und hatte trotzdem weiter geantwortet, jedes Mal, mit einem längeren Weg zur Wand.

Marlein saß, bis das Licht anging, was sie daran merkte, dass die Heizung umsprang.

Dann stand sie auf, richtete den schiefen Stuhl nicht, nahm das Schreiblineal von der Seite, auf der es seit vierzehn Tagen quer gelegen hatte, und schrieb den Empfang auf, den sie nicht aufgeschrieben hatte, mit dem richtigen Datum und dem Vermerk nachgetragen.

Dann schrieb sie den nächsten auf.

Und dann ging sie zur Kuratorin.

XI. Zwei Stunden Papier

Kuratorin Bendicta Nauheim ließ sie den Karton auf den Tisch legen und las ihn zwei Stunden lang.

Sie las mit dem Zeigefinger auf der Zeile. Marlein hörte es: das trockene Streichen über Papier, dann das Anheben, dann der nächste Streifen. Achtundzwanzig Zoll Papier. Zwei Stunden. Nauheim las alles.

Als sie fertig war, sagte sie zuerst nichts, und dann sagte sie etwas, mit dem Marlein nicht gerechnet hatte.

„Das ist gute Arbeit."

„Kuratorin —"

„Nein. Hören Sie zu. Es ist gute Arbeit, und ich sage das, weil es stimmt und weil Sie es von jemandem hören sollten, bevor der Rest kommt." Papier wurde geordnet, sorgfältig, in der Reihenfolge, in der es gelegen hatte. „Ich habe dreißig Jahre abgeschrieben, bevor man mich hierhergesetzt hat. Ich weiß, wie eine Ordnung aussieht, die jemand gefunden hat, und wie eine aussieht, die jemand haben wollte. Das hier ist die erste Sorte. Setzen Sie sich."

Es gab nur einen Stuhl. Marlein hörte, wie Nauheim aufstand und ihn ihr hinschob und sich selbst an die Tischkante lehnte.

„Jetzt der Rest", sagte die Kuratorin. „Ich stelle Ihnen drei Fragen. Antworten Sie ehrlich, es hat keinen Zweck, sich vorzubereiten, ich stelle sie seit elf Jahren in dieser Reihenfolge."

„Ja."

„Wo ist das Schiff?"

Marlein öffnete den Mund.

„Nein", sagte Nauheim. „Nicht im Warp. Wo. Ein Ort, den ich in eine Meldung schreiben kann. Ein Bezugspunkt. Ein Sprungrand, ein Gezeitenkorridor, irgendetwas, das ein Navigator anfassen kann."

Marlein sagte nichts.

„Zweite Frage. Wann ist das, was Sie da haben?"

„Ich weiß nicht, wo in der Reihe das Jetzt liegt."

„Ich weiß es auch nicht, und niemand weiß es, weil es diese Frage dort drinnen nicht gibt." Nauheims Stimme war nicht kalt. Das war das Schlimme daran. „Ihre Reihe kann bedeuten, dass in diesem Augenblick zwei Menschen an eine Wand schlagen. Sie kann bedeuten, dass sie es vor achtzig Jahren getan haben und seit siebenundsiebzig tot sind und dass wir das Echo davon noch dreihundert Jahre lang empfangen werden. Beides sieht in Ihrem Karton genau gleich aus. Widersprechen Sie mir, wenn ich falschliege."

„Sie liegen nicht falsch."

„Dritte Frage." Ein Papier wurde umgedreht. „Was soll ich tun?"

Marlein hatte sich drei Nächte lang auf diese Frage vorbereitet und stellte in dem Moment, in dem sie kam, fest, dass sie sich auf eine andere vorbereitet hatte.

„Melden Sie es weiter."

„An wen?"

„An die Sektorverwaltung."

„Die Sektorverwaltung Mordacis", sagte Nauheim, „hat auf vier Anforderungen von Ersatzempfängern nicht geantwortet. Sie hat auf acht Mitteilungen betreffend Morthis IV nicht geantwortet, und Morthis IV ist eine Welt mit einem Namen und einer Nummer und einem Zehnt, den sie schuldet. Sie werden Ihnen antworten, das schon. Sie werden antworten, dass eine Horchstation keine Nachforschung beantragt, sondern Botschaften weiterreicht, und dann werden sie fragen, wer die Meldung erstattet hat."

„Ich."

„Ja. Und dann steht in einer Akte in Mordacis, dass die Astropathin M. Guss, Zählung einhundertsiebenundvierzig im Jahr, dreifaches Chormittel seit acht Monaten überschritten, einen Antrag auf Nachforschung zu einem seit zweiundneunzig Jahren gestrichenen Pilgerschiff gestellt hat, gestützt auf eine selbst angelegte Zweitkladde, die in keinem Verzeichnis steht." Die Kuratorin machte eine Pause, in der Marlein sie atmen hörte. „Sie haben eine Zweitkladde geführt, Guss. Das allein ist neun-drei."

„Ich habe jeden Empfang gemeldet."

„Ich weiß. Ich habe nachgesehen, bevor Sie hereinkamen. Alle bis auf einen, und den haben Sie nachgetragen." Nauheim ging drei Schritte und kam zurück. „Es wird keine Rolle spielen. Deeg wird in vier Monaten wiederkommen, weil Alant unter Beobachtung steht, und wenn er wiederkommt, wird er nicht mehr an acht Schlägen vorbeigehen können, weil dann etwas in einer Akte steht."

Der Reaktor drehte sich unter ihnen um.

„Sie haben es auch gehört", sagte Marlein.

„Ich bin keine Empfängerin."

„Sie haben nicht nein gesagt."

Bendicta Nauheim lachte, einmal, kurz, ohne Freude, und es war das erste ungeplante Geräusch, das Marlein in elf Jahren von ihr gehört hatte.

„Ich habe dreißig Jahre abgeschrieben", sagte sie. „Wissen Sie, was man abschreibt, wenn man auf einer Horchstation abschreibt? Man schreibt die Kammerbücher ab, alle zwanzig Jahre einmal, weil das Papier hier unten stockt. Ich habe die Kammerbücher von Terzin von 612 bis 791 abgeschrieben, mit der Hand, Zeile für Zeile, und ich habe dabei nichts gehört, Guss, ich habe es gelesen. Zweiundsiebzig Empfänger. Ich weiß, wie oft das Wort acht in diesen Büchern steht."

Sie schob den Karton über den Tisch zurück. Marlein spürte die Kante an den Fingern.

„Ich mache Ihnen ein Angebot, und ich mache es genau einmal", sagte die Kuratorin. „Geben Sie mir den Karton und die Zweitkladde. Ich verbrenne beides in der Kapelle, wo der Boden nicht geheizt ist und wo niemand hingeht, und ich schreibe nichts darüber auf. Danach melden Sie weiter, was Sie hören, jedes Mal, so wie es Ihre Pflicht ist, und Ihre Zählung wird steigen, und in vier Monaten wird Deeg feststellen, dass Sie gründlich sind. Mehr kann ich nicht. Es ist nicht viel, aber es ist das, was ich habe."

Marlein legte beide Hände auf den Karton.

„Und wenn ich ihn behalte?"

„Dann behalten Sie ihn", sagte Nauheim. „Und ich habe ihn nie gesehen. Auch das ist alles, was ich habe."

XII. Alant, unter Beobachtung

Vier Monate unter Beobachtung hatten aus Ruve Alant eine sehr ruhige Frau gemacht.

Marlein merkte es zuerst am Gang. Ruve war immer schnell gegangen, mit einem kleinen Schleifen am rechten Absatz, und jetzt ging sie so, wie man auf Terzin geht, wenn man weiß, dass alle hören: gleichmäßig, mittig, ohne Absicht.

Sie fand Marlein in der Küche, in der vier Dosen fehlten.

„Guss."

Kein Summen.

Marlein stellte den Napf ab. „Alant."

„Ich habe seit elf Wochen nichts gemeldet."

„Das ist Ihre Sache."

„Es ist nicht meine Sache, es ist neun-drei." Ruve setzte sich ihr gegenüber; der Stuhl kratzte. „Ich melde nichts, weil nichts da ist. Ich habe es weggekriegt."

Marlein wartete.

„Wollen Sie wissen, wie?"

„Nein."

„Ich sage es Ihnen trotzdem, denn Sie sind der einzige Mensch hier, dem ich es sagen kann, ohne dass es eine Meldung wird." Ruve legte etwas auf den Tisch — ein Löffel, an der Kante. „Man empfängt mit der Erwartung. Das ist das ganze Handwerk. Man macht sich innen einen Platz in der Form dessen, was kommen soll, und dann kommt es und passt hinein. Deshalb ist der erste Empfang eines Tages der schwerste und der vierte der leichteste."

„Ja."

„Wenn man den Platz nicht macht, kommt es trotzdem. Aber es findet nichts, worin es liegen kann. Es ist dann wie ein Wort in einer Sprache, die man nicht gelernt hat: Man hört, dass jemand spricht, und man weiß nicht einmal, wo das Wort aufhört." Ruve drehte den Löffel um. „Ich mache seit elf Wochen keinen Platz. Meine Mutter sagt weiter meinen Namen. Ich weiß es. Ich verstehe ihn nicht mehr."

„Und das ist besser."

„Meine Zählung steht bei null", sagte Ruve. „In elf Wochen. Deeg kommt in acht Tagen." Sie ließ es liegen. Dann: „Es dauert vier Wochen, bis es geht. Die ersten zwei sind sehr schlecht. Ich könnte es Ihnen zeigen."

Und da war er, der Grund, warum sie gekommen war, und er lag in einem Satz, der ein Angebot war und keines.

Marlein sah den Weg vor sich, wie man einen Gang sieht, den man tausendmal gegangen ist. Vier Wochen. Zwei davon sehr schlecht. Und danach eine Frau, die in einem warmen Raum sitzt und nasse Wolle riecht und kaltes Eisen und acht Schläge hört und einen neunten, und nicht mehr weiß, dass das ein Gespräch ist.

Es wäre nicht Vergessen. Das war das Genaue an Ruves Beschreibung, und Marlein war dankbar dafür. Es wäre kein Vergessen. Es wäre, danebenzusitzen.

„Alant", sagte sie. „Sie haben mich einmal gefragt, ob es immer dasselbe ist."

„Ich weiß."

„Sie haben nicht gefragt, was es ist."

„Nein."

„Warum nicht?"

Ruve Alant saß eine Weile still. In der Küche tropfte etwas, wie es seit elf Jahren tropfte.

„Weil ich es vielleicht gewusst hätte", sagte sie.

Dann stand sie auf und nahm den Löffel mit, weil man Löffel mitnimmt, und ging zur Tür, mit dem gleichmäßigen, mittigen Gang.

„Guss."

„Ja."

„Wenn Sie es nicht wegkriegen wollen." Ruve hielt sich am Rahmen fest; Marlein hörte den Ärmel am Metall. „Dann kriegen Sie es wenigstens aus dem Kopf heraus. Irgendwohin. Egal wohin. Ich habe vier Jahre lang geglaubt, das Schlimmste an diesem Beruf sei, was hereinkommt." Sie war schon halb draußen. „Es ist, dass es keinen Ausgang gibt. Alles, was Sie in elf Jahren gehört haben, ist immer noch in Ihnen drin, jedes einzelne Mal, weil Sie es zwar gemeldet, aber nie gesendet haben. Melden ist kein Senden. Melden ist Aufschreiben."

Sie war weg.

Marlein Guss saß in der Küche, in der vier Dosen fehlten, und hörte etwas tropfen, und irgendwann merkte sie, dass sie mit der rechten Hand einen Takt auf die Tischplatte legte, achtmal, und dann wartete, und dann noch einmal.

XIII. Eine Richtung, die es beim Empfang nicht gibt

Sie behielt ihn. Und dann lag sie neun Nächte wach und wusste nicht, wofür.

Das war der Teil, den ihr niemand abnahm. Nauheims drei Fragen waren nicht gemein gewesen; sie waren richtig. Es gab keinen Ort. Es gab keine Zeit. Es gab keine Behörde, die auf eine Meldung hin ein Schiff in den Warp schickt, um zweiundneunzig Jahre alten Schlägen nachzugehen, und es hätte auch keinen Sinn ergeben, denn wohin.

Marlein hatte elf Jahre lang gehört und drei Nächte lang verstanden und stand jetzt vor der Erkenntnis, dass Verstehen in diesem Beruf keine Handlung ist.

In der neunten Nacht dachte sie an das Wort, das sie an Kroos verschwendet hatte.

Aus einer Richtung, die es beim Empfang nicht gibt.

Sie hatte es zweimal in ihrem Leben ausgesprochen und beide Male sofort zurückgenommen, weil es eine unzulässige Kategorie war. Ein Empfang hat keine Richtung. Das lernt man in der ersten Woche: Der Warp ist kein Raum, und was hindurchkommt, kommt nicht von irgendwo, es ist einfach da, so wie ein Geräusch in einem Kopf da ist.

Das stimmt für den Empfang.

Für die Sendung stimmt es nicht.

Marlein setzte sich im Dunkeln auf und dachte an die Ausbildung, an das einzige Jahr ihres Lebens, in dem sie noch hatte sehen können, an einen Saal auf Bregge und an einen Adepten mit einer Stimme wie Kies, der neunzehn jungen Leuten beibrachte, wie man etwas fortschickt.

Man schickt nicht an eine Adresse. Es gibt keine Adressen. Man schickt an ein Gegenüber: an die Vorstellung eines bestimmten Menschen an einem bestimmten Ort, so fest und so genau, dass sie im Immaterium wie ein Gewicht wirkt. Man lernt die Empfänger auswendig. Marlein kannte die vier Knoten, an die Terzin sendete, so gut wie ihre eigenen Hände: den Geschmack von kaltem Öl und Metallspänen, der Kel-Vantor war; die trockene Hitze von Hyrne; das Läuten von Bregge; und Thorvar, das nach nassem Stein roch und immer ein wenig verrutschte.

Sie kannte ihre Gegenüber nicht, weil man es ihr gesagt hatte. Sie kannte sie, weil sie sie tausendmal empfangen hatte.

Und sie hatte, in elf Jahren, eintausendeinhundertneunzig Mal nasse Wolle und kaltes Eisen und acht Schläge und einen höflichen neunten empfangen.

Sie kannte dieses Gegenüber besser als Kel-Vantor.

Sie kannte es besser als jeden Menschen, den sie je berührt hatte.

Marlein Guss saß im Dunkeln und stellte fest, dass sie seit elf Jahren eine Adresse auswendig lernte und nicht gemerkt hatte, dass sie dabei war, eine zu lernen.

Sie stand nicht auf. Sie machte kein Licht, weil sie nie Licht machte. Sie saß auf einem Stuhl, der seit vierzehn Wochen schief war, und ging die Sache durch wie eine Zehntabrechnung.

Erstens: Eine Sendung außerhalb des Monatsversands wird bemerkt. Der Reaktor gibt für einen Sendevorgang Last frei, und die Last steht im Maschinenbuch, und das Maschinenbuch liest die Kuratorin.

Zweitens: Eine Sendung innerhalb des Monatsversands wird nicht bemerkt, weil dann alle sechs Kammern gleichzeitig senden und die Last für sechs freigegeben ist.

Drittens: Nach dem Monatsversand ist ein Empfänger zwei Tage lang zu nichts zu gebrauchen. Er hat Nasenbluten, er isst nicht, er hört schlecht. Das steht in der Verfahrensordnung, Abschnitt sechs, und es gilt als normal.

Viertens, und das war der Punkt, an dem sie eine Stunde lang saß, ohne sich zu bewegen: Sie musste nichts sagen. Kein Wort, keine Botschaft, keine Bitte um Angabe der Position, nichts, was ein Mensch hinter zweihundert Metern Stahl ohnehin nicht entschlüsseln könnte.

Sie musste nur senden, was sie empfangen hatte.

Acht Schläge. Und einen neunten.

Es war die einzige Sprache, von der sie sicher wusste, dass beide Seiten sie sprachen.

Gegen Morgen, an der Heizung erkennbar, fiel ihr noch etwas ein, und daran wäre fast alles gescheitert.

Ein neunter Schlag ist eine Antwort. Wer antwortet, sagt: Ich höre dich.

Sie wollte nicht antworten. Sie wollte nicht der Dritte sein, der bestätigt, dass zwei Menschen einander hören. Sie wollte, dass die beiden erfuhren, dass sie nicht zu zweit waren.

Also acht nicht. Und neun nicht.

Zehn.

Acht, wie er. Einer, wie der andere. Und einer mehr.

XIV. Der Monatsversand

Der Monatsversand begann um die zwanzigste Stunde.

Sechs Kammern. Sechs Empfänger. Der Boden zu heiß, wie immer beim Versand, weil kalte Füße die Sendung kosten.

Nauheim las die Liste. Achtzehn Punkte. Kel-Vantor zuerst, Bregge zuletzt.

Jarek Bihn saß am Pult und schrieb mit und las mit.

„Kammer zwei", sagte Nauheim. „Guss. Punkt eins bis vier."

„Kammer zwei bestätigt."

Marlein legte die Hände auf die Armlehnen.

Kel-Vantor. Sie nahm den Geschmack, kaltes Öl und Metallspäne, und hielt ihn fest, bis er ein Gewicht war. Dann schob sie den Zehnt hinein: Terzin an Kel-Vantor, sechsundvierzig-drei bestätigt, Fehlmenge zur Kenntnis. Es ging leicht. Es ging immer leicht bei Kel-Vantor.

Punkt zwei. Hyrne. Trockene Hitze.

Punkt drei. Mordacis, Personal. Sie sendete den Bestand des Chores, sechs von acht, vierte Anforderung, und sie tat es genau so gerade wie sonst.

Punkt vier. Morthis IV, Präfektur. Zehntabgleich weiter ausstehend, keine Bestätigung, neunte Mitteilung dieser Art.

„Kammer zwei fertig", sagte sie.

„Vermerkt", sagte Nauheim. „Kammer drei."

Und dann saß Marlein Guss zwölf Minuten lang in einer offenen Sendeleitung, für die der Reaktor Last freigegeben hatte, und niemand sah sie an, weil niemand hier jemanden ansah.

Sie ließ Kel-Vantor los.

Sie ließ Hyrne los und Bregge und Thorvar, sie ließ jede Adresse los, die man ihr in einem Saal auf Bregge beigebracht hatte, und das war schwerer, als sie gedacht hatte, denn ein Sender ohne Gegenüber ist ein Mensch, der in einem Sturm die Hand aufmacht.

Dann nahm sie das andere.

Nasse Wolle. Kaltes, ungestrichenes, feuchtes Eisen. Der Weihrauch von Bregge, billig, nach Zitrone und Staub. Neuntausendvierhundert Menschen in einem Schiff, das auf dem Weg nach Terra gewesen war.

Es kam sofort. Es kam so schnell und so vollständig, dass sie beinahe die Hände gehoben hätte.

Elf Jahre. Sie hatte es elf Jahre lang auswendig gelernt.

Marlein schlug.

Eins.

Der Druck ging nicht in ihren Kiefer. Er ging heraus, und das ist nicht dasselbe, und niemand hatte ihr je gesagt, dass es weh tut.

Zwei. Drei.

Etwas riss in ihrer Nase. Sie schmeckte es.

Vier. Fünf. Sechs.

Der Boden war weg. Nicht heiß, nicht kalt. Weg.

Sieben.

Sie hörte Jareks Feder. Sehr weit weg. Er las mit.

Acht.

Warten. Zwei Herzschläge. Sie hatte keine Herzschläge mehr, sie musste raten, und sie riet lang, weil zu spät besser war als zu früh.

Neun.

Und jetzt.

Etwas in ihr sagte, dass es reichte. Dass acht und neun genug waren, dass es angekommen war, dass ein zehnter Schlag der Unterschied zwischen einer Frau, die morgen aufsteht, und einer Frau war, die es nicht tut.

Marlein Guss hatte elf Jahre lang zugehört, wie zwei Menschen einander sagten, dass sie da sind.

Zehn.

Dann Boden. Dann Fischöl. Dann Jareks Stimme, sehr nah, und die Hand der Kuratorin an ihrem Nacken, was verboten war.

„Sie hat Nasenbluten", sagte Jarek.

„Beim Versand haben alle Nasenbluten", sagte Nauheim. „Kammer zwei fertig?"

Marlein bekam die Zähne auseinander.

„Kammer zwei fertig."

„Vermerkt." Die Hand blieb noch einen Moment am Nacken. Dann war sie weg. „Kammer vier."

XV. Der zehnte

Danach kam nichts mehr.

Zwei Tage lang lag Marlein in ihrer Kammer und hörte schlecht, und das war normal. Am dritten stand sie auf und ging in die Chorhalle und nahm die Zehn-Uhr-Reihe, und Hyrne meldete eine Frachtraumzuteilung, und im Anhang war nichts.

Am vierten war nichts.

Am neunten war nichts.

Sie schrieb es auf. Sie schrieb jeden Tag auf, an dem nichts war, in die Kladde, die in keinem Verzeichnis stand, mit dem Lineal, in der Furche im linken Mittelfinger, und die Zeilen waren kurz und alle gleich, und nach dreißig Zeilen sah die Seite aus wie ein Kamm.

In der dritten Woche fing sie an, sich die Rechnung aufzumachen, die sie sich nicht aufmachen wollte.

Ein Astropath, der sendet, greift zu. Das lernt man in der ersten Woche und vergisst es, weil man an Knoten sendet, die den Griff aushalten, an Menschen in geheizten Sälen mit vollen Mägen. Sie hatte nach zwei Menschen gegriffen, die seit zweiundneunzig Jahren in einem Wrack im Warp saßen, und sie hatte zehnmal zugeschlagen, und sie wusste nicht, was ein Schlag aus dieser Richtung auf der anderen Seite anrichtet.

Vielleicht nichts. Vielleicht war es angekommen wie ein Wort.

Vielleicht war es angekommen wie eine Hand, die durch eine Wand kommt.

Kroos fand sie in der vierten Woche in der Kapelle, auf der dritten Bank, wo er sonst saß.

„Sechsundzwanzig", sagte er.

„Was."

„Sechsundzwanzig Tage, an denen ich nichts gehört habe." Er setzte sich, drei Bewegungen, und hustete, drei Stöße. „In neunundfünfzig Jahren und zehn Monaten ist die längste Pause elf Tage gewesen. Das war im Jahr, in dem der Nebel bei Thorvar aufging."

Marlein sagte nichts.

„Ich frage nicht, was Sie getan haben", sagte Kroos.

„Gut."

„Ich sage Ihnen nur, dass ich es merke, und dass ich nicht der Einzige bin, der es merkt, und dass keiner von uns es melden wird, weil man nichts melden kann, was nicht da ist." Er saß eine Weile. „Es ist sehr still, Guss. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir fehlen würde. Ich habe neunundfünfzig Jahre lang gewollt, dass es aufhört."

„Und jetzt?"

„Jetzt ist es aufgehört", sagte Sivert Kroos, „und ich sitze jede Nacht hier und warte darauf, und das ist der erste Tag in meinem Leben, an dem ich mich für einen dummen Mann halte."

Am zweiunddreißigsten Tag, in der Vierzehn-Uhr-Reihe, vier Minuten vor der Zeit, schob es ihr die Zähne auseinander.

Marlein hob die rechte Hand nicht. Sie vergaß es.

Die Botschaft war Routine. Kel-Vantor an Horchstation Terzin, Zehnt sechsundvierzig-vier, Erzlieferung angenommen, keine Fehlmenge. Kaltes Öl. Metallspäne.

Dann der Anhang.

Zuerst die Luft: nass, Wolle, kein Weihrauch, keine Süße.

Dann das Eisen.

Dann die Schläge.

Acht. Schwer, gleichmäßig, mit dem ganzen Körper dahinter.

Marlein wartete.

Zwei Herzschläge. Der neunte, leiser, aus einer Richtung, die es beim Empfang nicht gibt.

Marlein wartete weiter, und sie merkte, dass sie die Armlehnen hielt, und sie merkte, dass sie in elf Jahren nie über den neunten hinaus gewartet hatte, weil es nie etwas gegeben hatte, worauf man hätte warten können.

Der zehnte kam so spät, dass sie ihn beinahe für einen neuen Empfang gehalten hätte.

Er war nicht schwer und nicht leise. Er war ungeübt. Er saß nicht im Takt, er kam eine Spur zu früh und wurde auf halbem Weg langsamer, so wie ein Mensch schlägt, der zum ersten Mal in seinem Leben etwas zu sagen versucht, das aus zehn Teilen besteht, und dabei mitzählt.

Dann war es vorbei, und der Druck ging aus ihrem Kiefer, und es roch nach Fischöl, und der Boden war warm.

In der Chorhalle atmeten fünf andere. Zwei Kammern weiter hustete Chorältester Sivert Kroos, drei kurze Stöße, und dann, zum ersten Mal seit einundsechzig Jahren, ein vierter.

„Nachtrag zur Aufnahme", sagte Marlein Guss.

Jareks Feder setzte an.

„Unbestätigter Einzelempfang. Anhang, Reihe fortlaufend. Nasse Wolle. Kaltes Eisen." Ihre Stimme war nicht gerade. Sie ließ sie ungerade. „Acht Schläge, gleichmäßig, schwer. Ein neunter, verzögert, leiser. Ein zehnter."

Es blieb still.

„Schreib es", sagte sie.

„…ein zehnter", sagte Jarek Bihn.

Die Feder ging über das Papier, und es war das lange Kratzen, das Kratzen von etwas, das wirklich geschrieben wird, und Marlein zählte die Zeichen mit und kam auf alles.

„Und die Nummer."

„Eintausendeinhunderteinundachtzig."

Er sagte es sehr leise. Er sagte es, ohne nachzusehen.

Dann schrieb er die Nummer auf, und Marlein wartete darauf, dass er sie mitläse, so wie er in vier Jahren jedes Wort und jedes Komma und jede eigene Streichung mitgelesen hatte.

Jarek Bihn las sie nicht mit.

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