Die Litanei der geborgten Stimmen
Eine Geschichte des Adeptus Mechanicus
»Der Omnissiah vergisst nichts. Deshalb dürfen wir es.«
Kantikel 88-Theta, Zugeschrieben dem Fabricator Locum Ghest-Ambulon, Karsis-Vor
I
Das Viadukt der Tausend Kolben brannte an vierzehn Stellen, und Thal-9-Kyrr zählte jede einzelne.
Nicht aus Angst. Angst war eine Kaskade chemischer Signale, und seine Drüsen unterstanden nicht mehr ihm. Er zählte, weil Brände Daten waren, und Daten hielten das Viadukt länger als Gebete.
<+Feindkontakt Sektor Kolben-Drei-Null bis Drei-Acht. Dichte: steigend. Klassifikation: Ork-Infanterie, gemischt mit Sprungtruppen.+>
Die Meldung von Rangerin Ossia-7-Rin kam als Binärstoß, komprimiert, sauber. Darunter, kaum hörbar, das nasse Rauschen ihrer beschädigten Stimmmodule. Sie hatte seit sechzehn Stunden nicht mehr in Menschensprache gesprochen. Keiner von ihnen hatte das.
Thal lag im Schatten eines geborstenen Kondensatorturms, das Galvanikgewehr auf die Fahrbahn des Viadukts gerichtet. Unter ihm, dreihundert Meter tiefer, kochten die Säurebecken der Ausschussgruben. Der Wind trug ihren Geruch herauf, Chlor und heißes Blei, und mischte ihn mit dem Fett verbrannter Ork-Leiber. Sein Geruchsfilter kategorisierte, priorisierte, verwarf. Irgendwo unter den Filtern, dachte er manchmal, musste noch eine Nase sein, die das alles wirklich roch. Der Gedanke war nicht effizient. Er dachte ihn trotzdem.
Die Orks kamen über die Fahrbahn wie eine grüne Flutwelle, die gelernt hatte zu schreien.
Sie kamen nicht in Reihen. Orks kannten keine Reihen. Sie kamen als Masse, als Gewicht, als Lärm — Kettenäxte, die gegen Schrottschilde schlugen, Mündungsfeuer aus Waffen, die mehr Rohr als Mechanik waren, und über allem dieser eine Schrei, der keine Sprache brauchte. Zwischen ihnen stakten Kampfläufer aus zusammengeschweißtem Wrackstahl, deren Gelenke Funken spien.
<+Maniple Theta: Feuerlinie Ypsilon. Radiumkarabiner auf Streuung. Lichtbogen auf die Läufer.+> Thal sandte den Befehl und spürte, wie er sich durch den Datenverbund der Maniple verteilte, wie Öl durch ein Getriebe. Achtundzwanzig Skitarii bestätigten. Gestern waren es vierzig gewesen.
Die erste Salve traf die Flut auf hundertzwanzig Metern.
Radiumkarabiner sangen ihr leises, krankes Lied. Wo ihre Geschosse trafen, blühte grünes Fleisch schwarz auf, und die Orks dahinter wateten durch das strahlende Verwesen der eigenen Vorhut, ohne langsamer zu werden. Ein Lichtbogenwerfer entlud sich in einen der Kampfläufer; der Blitz kroch durch die Wrackpanzerung, fand die Munitionskammer, und für einen halben Herzschlag war das Viadukt taghell.
Die Orks jubelten über die Explosion. Über die eigene.
Das war das Eigentliche an ihnen, hatte Thal gelernt, in wie vielen Feldzügen auch immer. Man konnte sie nicht demoralisieren. Man konnte nur ihre Biomasse schneller reduzieren, als sie nachrückte, und auf Karsis-Vor rückte sie seit vier Monaten schneller nach.
<+Alpha.+> Ossia wieder. <+Sprungtruppen über der Trägerstruktur. Sie kommen unter der Fahrbahn durch.+>
Thal berechnete. Die Träger unter dem Viadukt: ein Gitterwerk aus Plaststahl, gebaut für Ewigkeiten, nicht für Verteidigung. Wenn die Sprungtruppen die Unterseite querten, kamen sie hinter der Feuerlinie hoch, zwischen den Pilgerkolonnen.
Denn das war der andere Teil der Gleichung, der Teil, den seine Doktrin-Implantate als sekundär führten und den irgendetwas in ihm nicht sekundär nennen wollte: Auf dem Viadukt, hinter der Feuerlinie, bewegten sich elftausend Menschen. Arbeiter aus den Habklaven von Malleus-Ost, die Manufaktorien evakuierend, die sie ihr Leben lang gefüttert hatten. Sie schoben Karren. Sie trugen Kinder und Werkzeugkisten, und sie beteten im Gehen, ein dumpfes, tausendkehliges Murmeln, das selbst durch den Gefechtslärm drang wie Grundrauschen.
Omnissiah, der du im Eisen wohnst. Omnissiah, der du die Schwungräder drehst.
<+Ossia: nimm Klaue Zwei und Drei. Untere Träger. Brakk: deine Vorhut hält die Fahrbahn.+>
<+Bestätigt+>, sandte Brakk-4-Ondes, und hängte, wie immer, ein einzelnes ungefiltertes Klick-Signal an — kein Wort, kein Code, nur ein Laut, den er machte, seit Thal ihn kannte. Vielleicht war es einmal ein Lachen gewesen. Vielleicht ein Fluch. Die Kalibrierungen hatten es nicht wegbekommen, und Thal hatte es nie gemeldet.
Er robbte an die Abbruchkante des Kondensatorturms und ließ seine Optiken die Unterseite des Viadukts durchmustern. Da: Bewegung im Trägergitter, grün auf grau, Raketentriebwerke, die in unregelmäßigen Stößen zündeten. Neun. Zwölf. Mehr.
Er hob das Galvanikgewehr, führte das erste Ziel, atmete —
— und für 0,4 Sekunden war da nichts.
Kein Schwarz. Kein Riss. Nur eine Naht, so sauber vernäht, dass er sie fast übersehen hätte: Sein Chronometer sprang von 14:31:07,2 auf 14:31:07,6, und in der Lücke lag ein Echo, das nicht dorthin gehörte. Eine Frauenstimme. Zwei Silben. Ta— etwas. Dann war sie fort, und sein Zeigefinger vollendete den Zug, den er vor der Lücke begonnen hatte.
Der Ork-Sprungtruppler zerplatzte am Träger.
<+Alpha?+> Brakks Signal, mit Prioritätsflag. <+Deine Telemetrie hat gestottert.+>
<+Kompensiert+>, sandte Thal.
Es war die dritte Naht in neun Tagen. Er hatte sie nicht gemeldet. Ein Skitarii meldete Fehlfunktionen; das war Doktrin, das war Glaube, das war die simpelste aller Liturgien: Das Fleisch irrt, das Eisen bekennt. Aber die Nähte waren keine Fehlfunktion. Fehlfunktionen hinterließen Fehlercodes. Die Nähte hinterließen Echos, und Echos waren Daten, und Daten löschte man nicht.
Es sei denn, jemand tat genau das.
Er schoss den zweiten Springer von den Trägern, den dritten, verfehlte den vierten, weil das Viadukt unter einem Artillerieeinschlag bockte. Weiter westlich riss die Detonation ein Loch in die Fahrbahn und in die Pilgerkolonne darauf. Das tausendkehlige Murmeln zerriss zu Schreien, fand sich wieder, murmelte weiter. Sie beteten sogar, während sie ihre Toten über das Geländer in die Säure kippten, weil kein Platz für Tote war.
Omnissiah, der du die Schwungräder drehst.
Dann kam der Befehl.
Er kam nicht über den Maniple-Verbund. Er kam auf der Dominus-Frequenz, versiegelt mit dem Glyph des Magos, und er schnitt durch alle laufenden Prozesse wie ein Skalpell: <<Maniple Theta. Verteidigung des Viadukts der Tausend Kolben beenden. Sammelpunkt Aschefeld Malleus-Ost, Gitter 9-9-Kappa. Eskortpflicht Kolonne Dominus. Ausführung: sofort.>>
Thal las den Befehl zweimal. Nicht, weil er ihn nicht verstand. Weil er hoffte, ihn falsch verstanden zu haben.
<+Alpha+>, sandte Ossia von den unteren Trägern, wo ihre Klauen die Sprungtruppen in den Nahkampf genommen hatten. Ihr Signal trug Störgeräusche, das Kreischen von Klingen auf Wrackstahl. <+Wenn wir abziehen, hält die Fahrbahn keine zwanzig Minuten.+>
Elftausend Menschen. Elftausend, minus die, die schon in der Säure trieben. Die Zahl stand in seinem Zielrechner wie ein Splitter.
<+Bestätigt+>, sandte Thal-9-Kyrr auf der Dominus-Frequenz. Und dann, in den Maniple-Verbund, mit einer Verzögerung von 1,1 Sekunden, die kein Chronometer je als Zögern protokollieren würde: <+Maniple Theta. Rückzug in Staffeln. Klaue Zwei bleibt sechs Minuten über Befehlszeit und sprengt die Trägersektion Kolben-Drei-Fünf.+>
Sechs Minuten. Eine gesprengte Sektion würde die Ork-Flut vielleicht eine Stunde stauen. Eine Stunde für elftausend Beter. Es war Ungehorsam, in Millimetern gemessen, unterhalb jeder Meldeschwelle.
<+Bestätigt+>, sandte Ossia. Und nach einer Pause, unkomprimiert, in Menschensprache, rau durch die kaputten Module: »Für die Karren-Leute.«
Thal antwortete nicht. Er nahm sein Gewehr auf, wandte dem Viadukt den Rücken zu und begann zu laufen, während hinter ihm elftausend Stimmen den Gott des Eisens anriefen und die Orks lachend durch das Radium-Verwesen ihrer eigenen Toten stapften.
In der Naht in seinem Chronometer, in der Lücke, die keine sein durfte, wartete die Frauenstimme. Ta—.
Er lief schneller.
II
Man erkennt einen Onager-Dünenschreiter am Klang, lange bevor man ihn sieht. Ein gesunder klingt wie ein Herzschlag aus Hydraulik, dumm-tak, dumm-tak, vier Beine, zwei Takte. Der, unter dem ich an diesem Nachmittag lag, klang wie ein Sterbender, der zu stolz ist, es zuzugeben.
»Halt still, du eitles Ding«, murmelte ich in die Wartungsluke, bis zu den Ellbogen im heißen Gedärm seiner Hüftaktuatoren. »Ich weiß, dass es wehtut. Ich mach das nicht zum Spaß.«
»Adeptin Rehk.« Techpriester Dolvai-Sech stand irgendwo über mir, ich sah nur seine Roben und die trägen Bewegungen seiner zwei Mechadendriten, die wie gelangweilte Schlangen über mir hingen. »Du sprichst schon wieder mit dem Maschinengeist, als wäre er ein Grox-Fohlen.«
»Er hört besser zu als die meisten Priester.«
»Das«, sagte Dolvai, »war beinahe Ketzerei und ganz sicher richtig.« Einer seiner Mechadendriten reichte mir den Drehmomentschlüssel, bevor ich danach fragen konnte. So war er. Er tadelte einen mit dem Mund und half einem mit allem anderen.
Ich heiße Juna Rehk. Damals war ich zweiundzwanzig Standardjahre alt, Technoadeptin dritter Weihe, und mein Körper gehörte noch zu vier Fünfteln mir: ein Optikimplantat links, ein Datenport im Nacken, zwei Fingerkuppen aus Plaststahl, wo eine Presse in Vantor-Unter die echten genommen hatte, als ich neun war. Der Rest war Fleisch, und das Fleisch fror, schwitzte, hatte Blasen an den Fersen und Angst.
Die Kolonne des Magos Dominus stand quer über das Aschefeld von Malleus-Ost verteilt wie ein hingeworfenes Werkzeug: zweihundert Fahrzeuge, Kataphron-Zugmaschinen, Munitionskrawler, die gepanzerten Reliquienwagen mit ihren verhüllten Lasten, dazwischen wir — das Wartungs-Konklave, vierzig Adepten und Enginseers und dreihundert Servitoren. Über allem hing der Himmel von Karsis-Vor, der nie eine Farbe hatte, nur Helligkeitsstufen von Rost.
Ich zog die dritte Dichtung des Onagers nach, sprach die Salbungsformel, tupfte das heilige Öl mit dem Daumen auf, wie meine Mutter früher mir Fieberpaste auf die Stirn getupft hatte, und der Dünenschreiter über mir seufzte durch seine Überdruckventile. Dumm-tak. Dumm-tak. Sauber.
»Siehst du«, flüsterte ich. »Geht doch.«
Als ich unter dem Rumpf hervorkroch, stand die halbe Kolonne still und schaute nach Osten. Ich schaute mit.
Am Horizont, wo das Viadukt der Tausend Kolben als schwarzer Strich zwischen den Kühltürmen hing, stieg eine Rauchsäule auf, und in ihrem Fuß pulsierte Feuer. Zu weit, um etwas zu hören. Man sah nur, wie eine Trägersektion sich aus dem Strich löste, langsam, beinahe würdevoll, und in die Tiefe kippte.
»Sie sprengen das Viadukt«, sagte jemand.
»Die Skitarii sprengen das Viadukt«, korrigierte Dolvai leise, »damit die Grünen nicht hinterherkommen. Die Kolonnen sind fast drüben.« Er sagte es zu laut, um es nur zu mir zu sagen, und zu bestimmt, um es selbst ganz zu glauben.
Ich dachte an die Karren-Leute auf der Fahrbahn. Ich war eine von ihnen gewesen, vor der Weihe. Ich wusste, wie sich Plaststahl-Gitterrost durch dünne Sohlen anfühlt, wenn man zu lange darauf steht und wartet, dass die Schlange sich bewegt.
»Adeptin.« Dolvais Mechadendrit tippte mir gegen die Schulter, zweimal, sein Zeichen für Arbeit, jetzt. »Der Dominus rückt in einer Stunde ab. Und du wirst der Reliquienwagen-Eskorte zugeteilt.«
Ich brauchte einen Moment. »Ich? Ich bin dritter Weihe. Ich flicke Läufer und segne Generatoren. Was soll ich an einem Reliquienwagen —«
»Du wirst Mnemo-Spulen warten.« Er sagte es tonlos, was bei Dolvai etwas hieß, denn seine Stimmbox konnte vierzig Tonlagen. »Speicherarchitektur. Kühlung. Integritätsprüfung. Deine Testate in Datensarkophag-Ritus waren die besten deines Jahrgangs.«
»Meine Testate in allem waren die besten meines Jahrgangs, und du hast mich trotzdem drei Jahre Kettenglieder entrosten lassen, weil Demut, hast du gesagt —«
»Juna.« Nur mein Name. Kein Titel. Das machte er dreimal im Jahr. »Du wirst die Spulen warten. Du wirst sie nicht lesen. Du wirst ihre Kennungen nicht nachschlagen. Du wirst zählen —« Seine Optiken, vier Stück, fokussierten alle gleichzeitig auf mich, was sich anfühlte, als würde man von einem Gebäude angesehen. »Die Kabel. Nicht die Namen.«
»Welche Namen? Spulen haben keine —«
»Genau«, sagte Dolvai-Sech. »Spulen haben keine Namen.«
Er rauschte davon, die Roben voller Aschestaub, und ließ mich mit einem Satz zurück, der wie eine Dienstanweisung gebaut und wie eine Warnung gemeint war. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass das seine Art war, mich zu schützen: Er konnte mir nicht sagen, was er wusste. Er konnte mir nur beibringen, wo ich nicht hinsehen sollte — und musste damit leben, dass Menschen wie ich genau dort hinsehen.
Am Abend, als die Kolonne anrollte, kamen die Skitarii vom Viadukt zu uns herein. Ich sah sie durch die offene Heckklappe des Werkstattkrawlers: staubrote Mäntel, steifgebrannt von Säureregen, die Läufe ihrer Waffen noch fleckig von Hitze. Sie marschierten nicht wie Soldaten. Soldaten hatte ich gesehen, die planetare Verteidigungstruppe drüben in Vantor, Jungs und Mädchen aus meinem Habblock, die im Takt stolperten. Die Skitarii bewegten sich wie ein einziges Instrument, das jemand in vierzig Körper zerlegt hatte.
Ganz vorn ging ihr Alpha. Größer als die anderen, ein zusätzliches Optikbündel über der linken Schädelhälfte, und an seinem Mantel, auf Hüfthöhe, ein heller Fleck, wo das Rot großflächig ausgeblichen war — als hätte dort jahrelang eine Hand gelegen, immer dieselbe, immer an derselben Stelle.
Er drehte im Vorbeigehen den Kopf, und für eine halbe Sekunde sahen seine Optiken direkt in meine, das tote Glas und das lebende Auge.
Ich weiß nicht, warum ich nickte. Man nickt Skitarii nicht zu. Man nickt Geschützen nicht zu.
Er nickte zurück. Um vier Grad, nicht mehr. Aber er tat es.
Dann war die Kolonne zwischen uns, Staub und Motorenlärm und das Knirschen von zehntausend Tonnen geweihten Stahls, die sich nach Süden wandten — fort von den brennenden Habklaven, fort von den Verteidigungslinien, hinein in das tote Land, wo laut jeder Karte, die ich je gesegnet hatte, nichts lag außer versiegelten Schächten und dem Wort, das die alten Priester nur flüsternd sagten:
Kessel Neun.
III
Die Aschefelder von Malleus-Ost hatten keine Deckung, keine Flanken und kein Erbarmen, und genau deshalb liebten die Orks sie.
Der Angriff kam bei Einbruch der zweiten Nachtschicht, als die Kolonne die alten Schlackegräben querte. Thal registrierte ihn zuerst als Vibration: ein Flackern in den Seismosensoren, zu schnell für Kettenfahrzeuge, zu rhythmisch für Beschuss. Dann registrierte er ihn als Licht: eine gezackte Linie aus Scheinwerfern und Mündungsblitzen, die über den westlichen Aschekamm brach und breiter wurde, während sie fiel.
<+Speedmob+>, sandte er in den Verbund, und der Verbund wurde still und schnell zugleich. <+Buggys, Kopta-Unterstützung, geschätzt vierzig Fahrzeuge. Vektor: Kolonnenmitte.+>
Die Kolonnenmitte. Die Reliquienwagen.
<<Die Fracht hat Priorität Null>>, kam die Stimme des Magos Dominus über die Kommandofrequenz, und wie immer klang sie, als spräche jemand durch eine Kathedrale: mehrstimmig, hallend, jede Silbe von Chorälen unterlegt, die niemand eingespielt hatte. <<Alle anderen Verluste sind zulässig.>>
Alle anderen. Thal ordnete die Formulierung in die wachsende Liste der Dinge ein, die er nicht dachte, und begann zu arbeiten.
<+Brakk: Vorhut auf die Zugmaschinen, Lichtbögen bereit. Ossia: Ranger auf die Grabenkämme, Ziele nach Kennung, Fahrer zuerst. Kastelan-Chor —+> Er zögerte eine Zehntelsekunde, denn den Chor anzufordern hieß, den Datasmith anzufordern. <+Chor an die Ostflanke der Reliquienwagen. Statisch.+>
<+Chor an der Ostflanke. Statisch. Fünf Einheiten, Feuerbereitschaft in elf Sekunden+>, antwortete Datasmith Holn-Adamant-6 von irgendwo aus der Kolonnenmitte, und seine fünf Kastelan-Roboter erwachten mit einem Laut, den Thal nie mochte: fünf Fausthiebe aus Hydraulik, perfekt synchron, ohne jedes Klick-Signal, ohne Ossias Rauschen, ohne alles. Skitarii waren beschnittene Menschen. Die Kastelan waren nie welche gewesen. Der Unterschied war hörbar.
Dann waren die Buggys da, und die Welt wurde einfach.
Das erste Fahrzeug sprang über den Grabenkamm, vier Räder aus gestohlenem Rollmaterial, ein Bordschütze, der schon feuerte, bevor er ein Ziel hatte. Thals Galvanikgewehr nahm den Fahrer aus dem Sitz; der Buggy grub die Schnauze in die Asche und überschlug sich durch die eigene Staubwand. Der zweite wich der Trümmerbahn aus, direkt in die Feuerlinie von Ossias Rangern. Radiumgeschosse fraßen den Motorblock. Der dritte kam durch.
Der dritte kam immer durch. Das war Ork-Arithmetik.
Er schlug in einen Munitionskrawler, und die Detonation warf Thal von den Füßen, riss zwei seiner Vorhut in Fetzen und malte für Sekunden Tageslicht über das Feld. In dem Licht sah Thal die ganze Breite des Angriffs: nicht vierzig Fahrzeuge. Siebzig. Und dahinter, schwerfälliger, mit Augen aus Suchscheinwerfern, drei Kampfpanzer aus vernietetem Schrott, deren Kanonen sich bereits senkten.
<+Verluste zulässig+>, sandte Brakk-4-Ondes trocken auf der Maniple-Frequenz, mit seinem Klick dahinter, und rammte den Lichtbogenwerfer in den nächsten heranjagenden Buggy, auf Kontaktdistanz, sodass der Blitz Fahrzeug und Fahrer und beinahe Brakk selbst in ein Standbild aus weißem Feuer verwandelte.
Die Schlacht zerfiel in das, woraus Schlachten wirklich bestehen: in dreißig gleichzeitige Nahtode, von denen jeder nur seinen eigenen sah.
Thal sah: eine Ork-Kopta, die einen Wartungsservitor in den Rotorblättern zerlegte und dann von einem einzigen, gelangweilten Schuss aus der Neutronenlanze eines Onagers aus dem Himmel radiert wurde. Er sah: zwei Ranger, die einen brennenden Buggy als Deckung benutzten, bis dessen Tank explodierte, und nur einer stand wieder auf. Er sah: den Kastelan-Chor, der die Ostflanke hielt wie eine Gesetzmäßigkeit — fünf Silhouetten, die sich exakt gleichzeitig drehten, exakt gleichzeitig feuerten, und vor denen sich die Ork-Leichen zu einem Wall stapelten, den die Nachrückenden erkletterten, johlend, begeistert von der Höhe.
Und er sah, im Zielrechner, seine eigene Abschussstatistik.
Bestätigte Feindeliminierungen, kumulativ: 31.144.
Die Zahl stand da, wo sie immer stand, unten links, ein Verwaltungsdetail. Aber sein Dienstprotokoll, das offizielle, das bei jeder Wartung gegengelesene, verzeichnete elf Feldzugjahre. Elf Jahre ergaben, bei seinen eigenen Durchschnittswerten, keine 31.144 Eliminierungen.
Sie ergaben ungefähr die Hälfte.
Ein Panzergeschoss pflügte zehn Meter neben ihm durch die Asche, und der Druck schlug ihm die Kalkulation aus dem Kopf. Er rollte ab, kam hoch, markierte den Schrottpanzer für den nächsten Onager, sah die Neutronenlanze aufglühen und das Ork-Fahrzeug zu einer Silhouette seiner selbst verdampfen.
Aber die Zahl blieb. 31.144. Zweiundzwanzig Jahre Krieg in einem elfjährigen Protokoll. Und drei Nähte in neun Tagen, und eine Frauenstimme, die Ta— sagte.
<+Alpha+>, sandte Ossia. Der Speedmob brach ab, so plötzlich, wie Orks alles taten — die Überlebenden drehten johlend nach Westen, zufrieden mit ihrer Nacht, drei brennende Wracks der Kolonne als Trophäe im Rückspiegel. <+Sie testen uns nur. Der Waaagh-Hauptkörper steht bei Vantor. Warum folgen sie uns nicht mit allem?+>
Thal sah der Staubfahne des Mobs nach und dann der Kolonne, die sich bereits wieder ordnete, die Reliquienwagen unberührt in ihrer Mitte wie Särge auf dem Weg zu einem Begräbnis, das nur der Magos kannte.
<+Weil Orks dorthin gehen, wo der Krieg ist+>, sandte er. <+Und der Magos fährt dorthin, wo etwas anderes ist.+>
Es war die ehrlichste Meldung, die er seit Jahren gemacht hatte. Der Verbund schwieg dazu. Nur Brakk sandte sein Klick-Signal, einmal, leise, wie ein Mensch, der im Dunkeln nickt.
IV
Magos Dominus Sarquil-Vohm hatte seit einhundertneunzig Jahren nicht mehr geschlafen und seit sechzig nicht mehr bereut. Beides hielt er für Errungenschaften derselben Ordnung.
Er stand im Kommandowagen an der Spitze der Kolonne, wenn stehen das Wort war — sein Unterleib war seit langem eine Trägerplattform aus sechs gliederförmigen Stützen, und was von seinem ursprünglichen Körper blieb, hätte in eine Feldkiste gepasst. Vor ihm, in der Hololithprojektion, drehte sich Karsis-Vor: die Welt als Schaltplan, jede Manufaktoriumsspange eine Leiterbahn, jedes Habklave ein Widerstand, und über dem Nordkontinent, wie ein Kurzschluss, der grüne Fleck des Waaagh.
<<Du hast Vantor-Unter entblößt.>> Die Stimme des Fabricator Locum Ghest-Ambulon kam über die verschlüsselte Astropathen-Relaisleitung aus der Kernfeste, dreitausend Kilometer entfernt, und trug die Verzögerung wie einen Vorwurf. <<Zwei Skitarii-Kohorten und die Hälfte der Ballistarii, abgezogen für eine Eskorte. Die Verteidigungsmatrix von Vantor fällt dadurch unter die Haltbarkeitsschwelle. Ich habe die Berechnung dreifach geprüft.>>
<<Ich habe sie sechsfach geprüft>>, antwortete Sarquil-Vohm. <<Sie ist korrekt. Vantor-Unter fällt in einundvierzig Stunden. Mit den Kohorten wäre es in neunzig gefallen. Die Differenz beträgt neunundvierzig Stunden und ungefähr zweihunderttausend Leben.>>
<<Du sagst das, als wäre es ein Argument gegen dich.>>
<<Es ist das beste Argument gegen mich. Ich führe es selbst an, damit es korrekt geführt wird.>> Der Magos ließ die Projektion weiterdrehen, bis der Südkontinent im Fokus stand: leeres Land, tote Schächte, und darunter, tief, die Signatur, die auf keiner geweihten Karte stand. <<Nun das Argument für mich. Der Waaagh wächst um schätzungsweise vier Prozent Biomasse pro Woche. Die Flottenhilfe des Segmentums trifft frühestens in neun Monaten ein — falls der astropathische Chor die Bestätigung korrekt empfangen hat, was ich mit Wahrscheinlichkeit 0,61 ansetze. Extrapolation: Karsis-Vor ist in vier Monaten verloren. Vollständig. Vierhundert Millionen Dienende, die Manufaktorien, die Reliquien, die Gensaat-Kühlbänke der Astartes, die wir treuhänderisch lagern. Alles.>>
<<Gruft Null.>>
Da war es. Der Name, ausgesprochen, selbst auf dieser Leitung nur in Klartext, weil es für ihn keinen Code mehr gab — die Codes waren mitgetilgt worden, vor langer Zeit, von Leuten, die gründlicher hätten sein sollen.
<<Ich weiß, was hinter der Tür liegt>>, sagte Sarquil-Vohm, und ließ die Choräle aus seiner Stimme, sodass nur noch etwas Dünnes, beinahe Menschliches blieb. <<Ich habe es gewusst, seit man mir das Siegel übergeben hat.>>
<<Deshalb öffne ich sie und nicht du.>>
<<Das ist die falsche Antwort, und du weißt es. Die richtige Antwort lautet: Du weißt es nicht. Niemand auf dieser Welt weiß es. Es gibt nur das Siegel und die Strafandrohung und ein Loch in unseren Archiven, das älter ist als das Imperium. Wir hüten seit fünfzehntausend Jahren eine Tür, ohne zu wissen, was sie hält — und nennen das Frömmigkeit.>> Er machte eine Pause, die exakt so lang war, wie Rhetorik sie verlangte. Er hatte auch das nie verlernt. <<Und ich stelle sie trotzdem.>>
<<Und wenn hinter der Tür das liegt, wovor die Siegel warnen? Silica Animus. Der Fluch des Eisernen Menschen. Du würdest die eine Ketzerei begehen, die selbst Mars nicht vergibt.>>
<<Mars vergibt Bestände, nicht Absichten>>, sagte Sarquil-Vohm. <<In vier Monaten gibt es keinen Bestand mehr, den man mir vorhalten könnte.>>
Die Leitung trug lange nichts als Trägerrauschen. Dann, sehr leise: <<Wir hatten dieses Gespräch schon einmal.>>
Sarquil-Vohm bewegte sich nicht. Nichts an ihm konnte noch erschrecken; die entsprechenden Reflexbögen waren vor einem Jahrhundert entfernt worden. Aber drei seiner Subprozessoren wiederholten den Satz, prüften ihn auf Metaphorik, fanden keine.
<<Präzisiere>>, sagte er.
<<Ich kann nicht. Da ist nur —>> Ghest-Ambulons Signal flackerte, als suchte er in sich selbst nach etwas, das nicht indiziert war. <<Ein Gefühl von Wiederholung. Ich höre dir zu und kenne deine nächsten Worte. Ich habe das geprüft. Es gibt keine Aufzeichnung eines solchen Gesprächs. Es gibt nur die Gewissheit, dass es sie gegeben haben müsste.>>
<<Gefühle sind Artefakte des Fleisches.>>
<<Ich habe kein Fleisch mehr, Sarquil. Du auch nicht. Was hat dann die Erinnerung, die wir nicht haben?>>
Sarquil-Vohm kappte die Verbindung nicht sofort. Das wäre unhöflich gewesen, und Höflichkeit war ein Protokoll, und Protokolle hielt er. Er wartete die formelle Segnung ab: Möge das Motorenöl deiner Gedanken rein bleiben. Erst danach, allein mit der drehenden Welt aus Licht, gestattete er sich, die eine Datei zu öffnen, die er in keinem Verbund, auf keinem Kognitor, in keiner Schädeldrohne speicherte, sondern nur in dem letzten Rest biologischen Hirngewebes, den er sich aus genau diesem Grund bewahrt hatte:
Eine Liste mit vier Einträgen. Vier Daten, über zweihundert Jahre verteilt. Neben jedem Datum dieselbe Notiz, in dem privaten Kurzcode seiner Jugend, den keine Maschine dieser Welt las:
Wieder vor der Tür gestanden. Warum erinnere ich mich nur daran, DASS wir scheiterten — und nie WORAN?
Er schloss die Datei. Draußen fraß sich die Kolonne durch die Nacht nach Süden, und der Magos Dominus, der seit sechzig Jahren nicht mehr bereute, verfasste vorsorglich das Formular, mit dem man einen fünften Eintrag anlegt.
V
Vantor-Unter starb am dritten Tag der Fahrt, und ich sah es durch ein Wartungsperiskop, dreihundert Kilometer weit weg, als Verfärbung am Horizont.
So stirbt eine Heimat also, dachte ich. Nicht mit einem Geräusch. Mit einer Verfärbung. Das Glühen der Schmelzöfen von Vantor, das meine ganze Kindheit lang den Nordhimmel orange gefärbt hatte und nach dem mein Vater die Schichten stellte, »Wenn der Himmel atmet, atmet die Arbeit«, wurde erst weiß, dann rot, dann schwarz. Öfen glühen orange, wenn sie arbeiten, weiß, wenn sie geborsten sind, und schwarz, wenn niemand mehr lebt, der sie füttert.
Ich stand am Periskop, bis Dolvai mich wegzog. Er sagte nichts. Er legte mir auch nicht die Hand auf die Schulter, er war kein Mann für Hände. Er stellte sich nur so zwischen mich und das Okular, dass ich, um weiter hinzusehen, ihn hätte wegschieben müssen, und blieb dort stehen, geduldig wie ein Frachtaufzug, bis meine Beine von selbst gingen.
In dieser Nacht betete ich nicht. Ich lag im Mannschaftskasten des Werkstattkrawlers, hörte die anderen Adepten ihre Binärlitaneien wispern, dieses trockene Zirpen wie Insekten aus Blech, und dachte: Wozu. Er hat die Schwungräder von Vantor vierhundert Jahre gedreht, und als die Grünen kamen, hat er die Hand aufgehalten und zugesehen. Wenn der Omnissiah im Eisen wohnt, dann wohnt er dort wie ein Gouverneur in der Hochspitze: weit oben, hinter Panzerglas, und die Treppe hinunter kennt er nicht.
Ich schäme mich für diese Gedanken nicht mehr. Ich erzähle sie, damit man versteht, was am nächsten Mittag mit mir geschah.
Am nächsten Mittag nämlich holte der Waaagh uns ein.
Nicht der Speedmob diesmal. Der Vorlauf des Hauptkörpers: Infanterie in einer Breite, die der Auspex nicht mehr in Einheiten zählte, sondern in Quadratkilometern, dazu Artillerie auf Kriechketten, die schon auf Maximaldistanz zu feuern begann, planlos, begeistert, ein Trommeln aus Einschlägen, das über die Aschefelder auf uns zurollte. Die Kolonne konnte nicht schneller. Die Reliquienwagen waren zu schwer, das Gelände zu zerklüftet. Der Auspex-Adept neben mir rechnete mit zitternden Mechadendriten und kam dreimal zum selben Ergebnis: Sie fangen uns ab, bevor wir die Schachtzone erreichen. Um zwei Stunden.
Und dann traten die Elektro-Priester aus der Kolonne.
Ich hatte sie die ganze Fahrt über kaum wahrgenommen. Sie fuhren auf keinem Fahrzeug; sie gingen, barfuß, in einer eigenen kleinen Prozession neben dem Konvoi, zweihundert Gestalten in kupferdurchwirkten Kutten, die Schädel kahl bis auf die Elektrodenkämme, und nachts sah man ihr Fleisch schwach glimmen wie den Draht in einer alten Lampe. Voran ging ihr Ältester, Zeta-Milos, von dem es hieß, er habe sich vor sechzig Jahren die Zunge durch einen Lichtbogenerzeuger ersetzen lassen und seither jedes Wort gefunkt.
Zeta-Milos trat vor den Kommandowagen, und was er sandte, ging offen über alle Frequenzen, sodass selbst mein billiger Werkport es auffing:
<+Dominus. Die Herde ist langsam und der Wolf ist schnell. Gib uns den Wolf.+>
Und der Magos antwortete, ebenfalls offen — ich glaube heute, er tat es mit Absicht, für uns alle: <<Berechnung: Ihr haltet den Vorlauf maximal siebzig Minuten. Danach seid ihr Asche. Die Kolonne benötigt einhundertzwanzig.>>
<+Dann werden wir siebzig Minuten lang Asche sein, die noch steht+>, sandte Zeta-Milos. <+Die Bewegende Kraft verlässt den Leiter nicht, ehe der Stromkreis es will. Wir sind der Stromkreis. Der Omnissiah ist der Strom.+>
Ich stand auf dem Werkstattkrawler und sah zweihundert Männer und Frauen ohne Rüstung, ohne Fahrzeuge, mit nichts als ihren geladenen Leibern und ihren Stäben, in Doppelreihe nach Norden abmarschieren, dem Trommeln entgegen. Sie sangen dabei. Nicht binär. In Menschensprache, alt, einfach, ein Lied mit vielleicht sechs Tönen, wie man es Kindern beibringt:
Der Strom fließt hin, der Strom fließt her, kein Leiter trägt ihn ohne Wehr, und brennt der Draht, so lobt die Last — der Funke hat den Weg gefasst.
Es war das Lied, mit dem in Vantor-Unter die Wickelkinder die Spulenarbeit lernten. Meine Mutter hatte es gesungen. Ich hatte es gesungen, mit neun, mit verbundener Hand, im Lazarett der Presse-Halle.
Zwei Stunden später erreichten uns die Bilder der Schädeldrohnen, die man den Priestern nachgeschickt hatte. Ich habe sie nur einmal gesehen und nie wieder ansehen müssen, denn sie blieben: eine dünne Kupferlinie in der Asche, ein Kamm gegen eine Flut. Die Orks liefen hinein, wie Orks in alles hineinlaufen, und die Linie erwiderte nichts als Licht. Kettenblitze sprangen von Priester zu Priester, durch sie hindurch, aus ihnen heraus, Bögen von zwanzig, dreißig Metern, die ganze Ork-Rotten zu stehenden schwarzen Skeletten brannten. Man sah Priester fallen, von Äxten gespalten, von Kugeln zerrissen — und man sah, wie ihre Nachbarn die Sterbenden nicht losließen, sondern festhielten, Haut auf Haut, damit die Ladung des Fallenden nicht verloren ging, sondern durch die Kette weitersprang. Sie benutzten ihre eigenen Tode als Kondensatoren.
Sie hielten keine siebzig Minuten.
Sie hielten einhundertvier.
Der letzte fiel kniend, den Stab in den Boden gerammt, das ganze restliche Leuchten seines Leibes in einer letzten Entladung, die einen Ork-Kriegsboss samt Leibwache verglühen ließ, und die Drohnen zeichneten es auf. Da hatte die Kolonne die Deckung der Schachtzone erreicht, und ich kniete auf dem Dach des Werkstattkrawlers, ohne zu wissen, wann ich hingekniet war, und betete.
Das ist es, was ich an jenem Tag über den Glauben lernte, und es hat mich nie wieder losgelassen: Ich hatte in der Nacht davor recht gehabt. Der Omnissiah war nicht heruntergekommen. Kein Blitz vom Himmel, kein Wunder. Nur zweihundert Menschen, die so vollständig glaubten, dass ihr Glaube die Arbeit des Gottes gleich mit erledigte.
Ich weiß bis heute nicht, ob das Beweis oder Anklage ist.
Ich weiß nur, dass ich seither bete — und dass ich beim Beten immer ein bisschen wütend bin. Dolvai sagt, das sei die orthodoxeste Form der Andacht, die er kenne.
VI
Kessel Neun begann nicht mit einer Tür. Er begann damit, dass die Welt aufhörte, kartografiert zu sein.
Thal bemerkte es an seinen eigenen Systemen: Auf den letzten dreißig Kilometern vor der Schachtzone verlor sein Positionsmodul erst die Feinauflösung, dann die Referenzpunkte, dann die Überzeugung. Die Karten in seinem Speicher zeigten für dieses Gebiet eine glatte, graue Fläche und den Vermerk GEOLOGISCH INSTABIL — UMFAHREN, und die Fläche war so glatt und der Vermerk so alt, dass beides nur eines bedeuten konnte: Hier hatte jemand nicht vergessen, sondern getilgt.
Der Schacht selbst war ein Mund im Boden, zweihundert Meter Durchmesser, gerahmt von acht Verankerungstürmen, deren Bauweise Thals Mustererkennung mit einer Fehlermeldung quittierte: Architekturperiode nicht in Referenz. Die Kolonne lagerte sich um den Rand wie Pilger um ein Taufbecken, und dann öffnete der Magos die Siegel.
Es dauerte einen Tag und eine Nacht. Es waren sechs Kryptographie-Adepten beteiligt, vier davon mussten danach sediert werden, und in der letzten Stunde sang der Magos Dominus selbst — ein Binärkantus in einem Dialekt, der so alt war, dass Thals Übersetzer nur einzelne Worte fing: Schlüssel. Schuld. Verzeihung des Herstellers.
Dann fuhren die Aufzüge, und die Maniple Theta stieg als Speerspitze in die Tiefe von Karsis-Vor.
Die oberen Ebenen gehörten den Orks.
Das hätte nicht sein dürfen: Der Schacht war versiegelt gewesen. Aber Orks fragten nicht nach Siegeln. Irgendwann in den vier Monaten des Waaagh war ein Grabungstrupp der Grünen von Norden her in die alten Lüftungssysteme gebrochen, auf der Suche nach Schrott und Streit, und hatte beides gefunden. Die ersten drei Ebenen: Kavernenhallen voller zerlegter Ur-Maschinen, in denen Ork-Feuer brannten und Ork-Trommeln schlugen, und in denen die Dunkelheit grün grinste.
Der Abstieg wurde zu einem Krieg in Korridoren, und Korridore waren die einzige Umgebung, in der Thal die Orks beinahe bewunderte. Im offenen Feld waren sie eine Flut. Hier unten, wo keine Flanke und kein Rückzug existierte, wo jede Begegnung auf acht Meter begann und auf null endete, waren sie in ihrem Element wie Nägel im Fleisch.
Die Maniple kämpfte sich achtzehn Stunden lang tiefer. Thal erinnerte sich später, solange man ihm sein Später ließ, vor allem an Fragmente:
Brakk-4-Ondes, der einen Ork-Boss mit dem entladenen Lichtbogenwerfer erschlug, Hieb um Hieb, methodisch wie ein Schmied, und danach sein Klick-Signal sandte, dreimal, was bei Brakk einem Monolog gleichkam.
Ossia-7-Rin, die in einem gefluteten Kühlstollen bis zur Hüfte im Leichenwasser stand und vierzig Minuten lang eine Engstelle hielt, allein, weil ihre Klaue tot war, und die hinterher, als man sie fragte, wie, nur ihre kaputten Stimmmodule rauschen ließ: »Es war schmal.«
Und die vierte Ebene.
Die vierte Ebene hatten die Orks nie erreicht. Die vierte Ebene hatte eine eigene Wache, und die Wache bestand aus den Toten des Adeptus Mechanicus.
Sie lagen, wo sie gefallen waren, mumifiziert von der trockenen, uralten Luft: Skitarii in Rüstungsmustern, die Thals Datenbank als ausgemustert, Baureihe vor 200+ Jahren führte. Ganze Kohorten, in Verteidigungsformation nach oben gewandt — nicht gegen etwas aus der Tiefe, sondern gegen etwas, das von oben gekommen war, ihnen nach. Zwischen ihnen die Wracks von Kastelan-Robotern mit aufgebrochenen Schädelplatten, aus denen man die Verhaltens-Lochkarten entfernt hatte. Sorgfältig. Chirurgisch.
<+Alpha+>, sandte Ossia von der linken Sicherungslinie, und ihr Signal hatte eine Färbung, die Thal von ihr nicht kannte. <+Hier. Das musst du selbst sehen.+>
Sie stand vor einem einzelnen toten Skitarii, der abseits der Formation lag, halb unter einem gestürzten Wandpaneel. Ein Ranger-Alpha, den Insignien nach. Die Mumie war gut erhalten; die trockene Luft hatte das Gesicht unter dem geborstenen Visier zu Leder eingedampft, aber gelassen, was es war.
Thal kniete nieder. Sein Optikbündel erfasste die Gravur am Halsring der alten Rüstung, den Kennungscode, das Maniple-Glyph.
Das Glyph war das Glyph der Maniple Theta.
Der Kennungscode lautete Thal-9-Kyrr.
Er blieb sehr lange sehr still. Um ihn herum sicherte die Maniple weiter, Routineprozesse, das leise Ticken abkühlender Läufe. Irgendwo tropfte Kondenswasser im Zweisekundentakt. Sein Zielrechner zeigte unten links: 31.201.
<+Nummern werden neu vergeben+>, sandte Ossia schließlich. Es klang nicht wie eine Erklärung. Es klang wie eine Bitte, es eine sein zu lassen.
<+Ja+>, sandte Thal. <+Nummern werden neu vergeben.+>
Er streckte die Hand aus, die aus Fleisch, die linke, das letzte Stück Erstausstattung, das man ihm gelassen hatte, und schob das Visier des Toten ganz auf. Das Ledergesicht darunter war schmal, mit einer schiefen alten Narbe über der Braue, und es war nicht sein Gesicht, natürlich nicht, es war das Gesicht eines Fremden, der vor zwei Jahrhunderten unter fremdem Namen —
Unter seinem Namen.
An der Hüfte des Toten, dort, wo bei Thals eigenem Mantel der ausgeblichene Fleck saß, hing ein kleines Objekt an einem Drahtring: ein Zahnrad, fingernagelgroß, aus mattem Messing, wie man es zu Milliarden in jedem Uhrwerk fand. In seine Fläche war, mit einer Nadel, in unbeholfener Menschenschrift ein einziges Wort geritzt.
TAVO.
Die Naht in seinem Chronometer. Die Frauenstimme. Ta—.
Hinter ihm sagte eine Stimme, in Menschensprache, glatt und höflich: »Ich würde das dort liegen lassen, Alpha.«
Datasmith Holn-Adamant-6 war lautlos herangekommen, was bei einem Mann seiner Masse eine eigene Drohung war. Seine fünf Kastelan standen zehn Meter hinter ihm im Halbdunkel, reglos, und ihre Optiken waren nicht auf die Korridore gerichtet.
Sie waren auf Thal gerichtet.
»Die Toten hier unten«, sagte Holn, »sind nicht geborgen worden, weil ihre Bergung nicht verfügt wurde. Was nicht verfügt wurde, existiert nicht. Was nicht existiert, kann man nicht aufheben.« Er neigte den Kopf, ein Winkel, der Freundlichkeit zitieren sollte. »Du verstehst die Logik.«
»Ich verstehe die Logik«, sagte Thal. Er benutzte seine Sprechstimme so selten, dass sie fremd aus ihm herauskam, tiefer, als er sie in Erinnerung hatte. Falls er sie überhaupt in Erinnerung hatte. »Erklär mir die Ausnahme.«
»Welche Ausnahme?«
»Du sprichst nicht mit Skitarii. Du hast in vier Monaten Feldzug nicht ein Wort an meine Maniple gerichtet. Jetzt stehst du hier, bevor ich rufe.« Thal richtete sich auf, langsam, die Fleischhand noch offen an der Seite. »Etwas an diesem Toten ist wichtiger als deine Verachtung. Ich frage, was.«
Die Kastelan bewegten sich nicht. Das war das Bedrohlichste an ihnen: dass sie es nicht mussten.
»Vorsicht, Alpha«, sagte Holn-Adamant-6, und die zitierte Freundlichkeit verrutschte nicht einmal. »Neugier ist eine Fehlspannung. Fehlspannungen werden bei der nächsten Wartung abgeleitet. Alle.« Er ließ das Wort stehen, drehte sich und ging, und seine Roboter schwenkten synchron hinter ihm ein, fünf Kolosse, die sich um nichts in dieser Gruft scherten außer um das, was der Ranger-Alpha der Maniple Theta gesehen haben mochte.
Thal wartete, bis ihre Schritte im Fels verklungen waren.
Dann nahm er das Zahnrad vom Gürtel des Toten, der seinen Namen trug, und schloss die Fleischhand darum, und die Kante des kleinen Rades biss in seine Haut mit einem Schmerz, der zu klein war, um gemeldet zu werden, und zu echt, um verworfen zu werden.
<+Maniple Theta+>, sandte er. <+Weiter. Wir sind noch nicht unten.+>
VII
Sie richteten mich in einer Seitenkammer der fünften Ebene ein, mit meinen Werkzeugkoffern, drei Servitoren und einer Aufgabe, die sich anhörte wie eine Auszeichnung und anfühlte wie eine Zelle: Wartung der Mnemo-Spulenbänke während der Transferoperationen.
Die Reliquienwagen hatte man in die Tiefe gewincht, ausgeschalt und geöffnet, und was unter den Verhüllungen lag, waren keine Reliquien. Es waren Speicherbänke. Hunderte. Zylinder aus gekühltem Silberglas, mannshoch, in Transportgestellen, jede von einem eigenen kleinen Kälteaggregat umsummt, und in jedem Zylinder hing, in Suspensionsflüssigkeit, ein Kranz aus Mnemo-Spulen — der Speicherform, die man für die heiligsten aller Daten reserviert: verlustfrei, warpabgeschirmt, beinahe ewig.
Meine Aufgabe: Kühlkreisläufe prüfen, Integritätswerte lesen, Ausfälle melden. Nicht die Inhalte. Niemals die Inhalte. Die Inhalte, hatte der Transfer-Magos gezirpt, seien liturgisch versiegelt.
Zähl die Kabel, nicht die Namen.
Zwei Tage lang zählte ich Kabel. Ich war gut darin. Ich fand drei degradierte Kühlschleifen, zwei Mikrolecks, einen Spulenkranz mit Integritätsabfall, und ich meldete alles und las nichts. Man hatte mir eine Pritsche direkt in die Kammer gestellt, was praktisch war und bedeutete, dass ich sie nie verließ, und nachts lag ich zwischen den summenden Zylindern und hörte dem Silberglas zu.
Man kann Spulen nicht hören. Das weiß ich. Ihre Prozesse liegen Größenordnungen unter jeder Hörschwelle.
Ich hörte sie trotzdem. Nicht mit den Ohren. Mit dem Datenport im Nacken, als Jucken, als fernes Gedränge, so wie man durch eine Wand hindurch weiß, dass im Nebenraum viele Menschen stehen, auch wenn keiner spricht.
Am dritten Tag fiel Zylinder 88-Theta aus.
Nicht ganz — das Kälteaggregat stotterte, die Kerntemperatur kroch, und die Vorschrift für diesen Fall war eindeutig: Notumbettung des Spulenkranzes in ein Reserveaggregat, unter Aufsicht eines geweihten Adepten, und der einzige geweihte Adept in Rufweite war ich. Also öffnete ich, den Ritus murmelnd, die Wartungsschnittstelle des Zylinders, und die Schnittstelle verlangte für die Umbettung einen Handshake, und der Handshake spülte mir, eine halbe Sekunde lang, den Indexheader der Spulen über den Port.
Nur den Header. Nur Metadaten. Ich habe nicht gelesen. Der Header las mich, so fühlte es sich an, und dann stand er in meinem Puffer, und ich konnte nicht mehr nicht wissen:
BESTAND: MNEMOSEQUENZEN, EXTRAHIERT. QUELLE: SKITARII-LEGIONEN KARSIS-VOR, WARTUNGSZYKLEN 034–212.M42. FORMAT: EPISODISCH-BIOGRAFISCH, PRÄ-DIENSTLICH. KENNUNG DIESES KRANZES: THAL-9-KYRR (ITERATION 4). UMFANG: 22 JAHRE, 7 MONATE. VERWENDUNGSZWECK: SPEISUNG.
Ich stand sehr still zwischen den Zylindern, und das ferne Gedränge hinter der Wand war auf einmal keine Metapher mehr.
Es waren keine Archive, die wir hier heruntergeschleppt hatten. Es waren Menschen. Das Herausgeschnittene aus Menschen. Jede Wartung, jede Kalibrierung, jede segensreiche Löschung, die man den Skitarii als Reinigung predigte — nichts davon wurde vernichtet. Es wurde geerntet. Kindheiten, Namen, Mütter, die Handflächen an Wangen legten; zweiundzwanzig Jahre und sieben Monate eines Mannes, aufgerollt in Silberglas, etikettiert, gekühlt und einem Zweck zugeführt, der in dem Header stand wie eine Zutat auf einer Ration:
Speisung.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand. Ich weiß, dass meine Hände die Umbettung fertig machten, sauber, vorschriftsgemäß, während der Rest von mir woanders war. Und ich weiß, dass ich, bevor ich die Schnittstelle schloss, etwas tat, wofür es keine Vorschrift gab und keine Vergebung, falls man mich fand:
Ich zweigte den Kranz 88-Theta nicht nur ins Reserveaggregat ab. Ich legte, unter dem Deckmantel des Integritätsprotokolls, eine Spiegelkopie an: eine einzige Sequenz, die älteste, die kleinste, kaum vierzig Sekunden episodischer Speicher. Dann schrieb ich sie auf den geweihten Notfallwafer, den jeder Adept am Körper trägt und den nie jemand prüft, weil er heilig ist.
Vierzig Sekunden von zweiundzwanzig Jahren. Es war nichts. Es war Diebstahl an einem Gott.
Es fühlte sich an wie das erste Gebet seit Vantor, das ankam.
Als ich in dieser Nacht auf der Pritsche lag, kam Dolvai. Er kam ohne Anlass, was es nie gab, prüfte wortlos meine Meldeliste, die tadellos war, und blieb dann an Zylinder 88-Theta stehen, eine Sekunde zu lang.
»Die Umbettung war sauber«, sagte er.
»Ja.«
»Keine Anomalien.«
»Keine«, sagte ich, und mein Notfallwafer wog vierzig Sekunden schwer an meiner Brust.
Dolvai-Sech sah mich mit allen vier Optiken an, und zum ersten Mal begriff ich, dass man auch mit Maschinenlinsen müde blicken kann. »Ich habe diese Kammer vor langer Zeit selbst gewartet«, sagte er. »Ich habe damals die Kabel gezählt. Alle. Zweimal.« Er wandte sich zum Gehen, und an der Tür, ohne sich umzudrehen, fügte er hinzu: »Es hat nicht geholfen, Juna. Aber ich hoffe seither jeden Tag, dass einmal jemand kommt, dem Zählen nicht genügt.«
Dann war er fort, und ich lag im Summen der gestohlenen Kindheiten und verstand, dass ich soeben rekrutiert worden war — nur wusste ich noch nicht, wofür.
VIII
Die Tür von Gruft Null stand am Grund der siebten Ebene, und sie war das erste Objekt in Thals Leben, das seine Systeme nicht zu vermessen versuchten.
Sie versuchten es, um genau zu sein, und gaben auf. Das Material verweigerte Spektralanalyse. Die Fugenmaße wichen bei jeder Messung um Nanometer ab, als atme die Tür. In ihre Fläche waren Schriftzeichen getrieben, die keiner Datenbank angehörten, und darunter, jünger, in Hochgotisch, von Hand, mit einem Schneidbrenner:
HIER RUHT, WAS WIR NICHT TÖTEN KONNTEN. BETET, DASS ES NICHT VERGEBEN KANN.
Der Magos Dominus ließ die Kolonnenspitze vor der Tür ein Basislager errichten: die Spulenbänke in konzentrischen Ringen, Kabelbäume dick wie Baumstämme, die von den Silberglas-Zylindern zu einem Interface-Altar liefen, den seine Adepten in achtstündiger Liturgie an der Türfläche verankerten. Die Maniple Theta sicherte den Zugangsdom — eine Kaverne von der Größe einer Kathedralenvierung, in die sechs Stollenmünder wie schwarze Orgelpfeifen mündeten.
Sechs Stollenmünder. Thal hatte jeden einzeln geprüft, verminen lassen, mit Auspex-Wachen belegt. Es half nichts. Er wusste es, bevor die Seismik ansprang, mit jener Gewissheit, die kein Instrument liefert:
Die Orks hatten den Trommeln der Tiefe zugehört, und die Tiefe hatte zurückgetrommelt, und nichts in der Galaxis zog einen Ork so unwiderstehlich an wie eine verschlossene Tür, hinter der etwas Großes wartete.
Sie kamen in der neunten Stunde der Interface-Liturgie, aus vier der sechs Stollen gleichzeitig, und diesmal kamen sie nicht als Vorlauf.
<+Kontakt! Stollen zwei, drei, fünf, sechs —+> Ossias Meldung ging im ersten Mündungsdonner unter. Der Zugangsdom, gebaut für die Ewigkeit, verwandelte sich in eine Glocke, und der Klöppel war Krieg.
<+Feuerlinien halten! Nichts erreicht den Altar!+> Thal stand auf dem mittleren Ring der Spulenbänke, das Galvanikgewehr im Anschlag, und der Verbund der Maniple spannte sich um ihn wie ein Nervensystem. Achtzehn Skitarii noch. Dazu der Kastelan-Chor, den Holn-Adamant-6 vor dem Altar postiert hatte, und zwei Onager, die man unter unsäglichen Mühen heruntergewincht hatte, und ein Wartungs-Konklave voller Adepten, deren Kampfwert gegen null ging.
Und hinter allem, an der Tür, der Magos, der nicht unterbrach. Der nicht einmal langsamer sang.
Der erste Sturm brach sich an Geometrie: Die Stollenmünder waren Flaschenhälse, und in Flaschenhälsen starben Orks in Lagen. Radiumfeuer und Neutronenlanzen füllten die Zugänge mit einem Massiv aus Toten, das die Lebenden erst erklettern mussten, und eine Weile sah es aus wie eine lösbare Gleichung.
Dann sprengten die Orks die Stollendecke von Zugang vier, und die Gleichung bekam eine neue Variable: Sie kamen jetzt auch von oben, an Ketten und Enterhaken aus dem geborstenen Gestein, mitten in den Dom hinein, mitten zwischen die Spulenbänke.
Was folgte, war kein Gefecht mehr. Es war Handwerk auf Armlänge.
Thal erschoss einen Ork, der auf einem Silberglas-Zylinder landete, im Fallen; der Leib riss zwei Kühlleitungen mit, und Alarmgezirp mischte sich in die Schlacht wie ein hysterischer Vogel. Er sah einen Adepten unter einer Kettenaxt verschwinden. Er sah Ossia-7-Rin auf dem äußeren Ring, beidhändig, Klingenbajonett und Grabmesser, ein Wirbel aus staubrotem Mantel, drei Grüne um sie herum am Boden und der vierte fallend. Er sah einen der Onager unter dem Gewicht von einem Dutzend Orks einknicken wie ein Lasttier, die Neutronenlanze noch im Sterben feuernd, senkrecht nach oben, ein Grabmal aus Licht.
Und er sah den Boss.
Der Boss kam durch Stollen drei, über den Wall der eigenen Toten, und er war das Größte, was Thal je auf zwei Beinen hatte gehen sehen: schwarzgrün, in Plattenpanzer aus Schiffshüllenstahl, eine Energieklaue an der Linken, die noch das Emblem einer imperialen Fregatte trug. Sein Gebrüll hatte einen Unterton, den Thals Akustik als Infraschall auswies und den sein Restfleisch schlicht als Angst dekodierte.
Der Boss wollte nicht die Skitarii. Der Boss wollte, was jeder in diesem Dom wollte.
Er wollte die Tür.
<+Kastelan-Chor+>, sandte Thal, <+Ziel: Boss, Stollen drei —+>
<+Negativ+>, kam Holns Stimme, glatt wie immer. <+Der Chor steht statisch an der Ostflanke. Auf deinen Befehl, Alpha.+>
Der Boss zermalmte im Vorwärtsgehen einen Servitor, eine Spulenbank, einen Skitarii der Vorhut, dessen Name Dekk-2-Lom gewesen war und dessen Lebenszeichen im Verbund erloschen wie eine weggewischte Zahl. Zwanzig Meter bis zum inneren Ring. Fünfzehn.
Brakk-4-Ondes trat ihm in den Weg.
<+Brakk+>, sandte Thal. <+Nicht.+>
<+Rechne nach, Alpha+>, sandte Brakk-4-Ondes, und lud den Lichtbogenwerfer auf Überkapazität, sodass die Spulen zu kreischen begannen und Warnrunen seine gesamte Statusanzeige fluteten. <+Einer von uns hält ihn vier Sekunden auf. Vier Sekunden reichen dir für zwei gezielte Schüsse auf die Nackenkabel. Ich bin näher dran.+>
Und dann, zum ersten und einzigen Mal, seit Thal ihn kannte, hängte Brakk an eine Sendung keinen Klick.
Er hängte ein Wort an. Menschensprache, unmoduliert, aus einer Kehle, die zwanzig Jahre lang nur geklickt hatte, rostig und schief und vollkommen klar:
»Bruder.«
Der Lichtbogenwerfer entlud seine gesamte Überladung auf Kontaktdistanz in den Plattenpanzer des Bosses. Das Licht war weiß und vollständig; es nahm Brakk, es nahm die Klaue des Bosses, die im selben Moment niederfuhr, es nahm vier Sekunden aus der Welt und gab sie Thal.
Thal brauchte drei.
Der erste Schuss trennte das Nackenkabelbündel, das die Energieklaue speiste. Der zweite ging durch das Auge darüber ins Dahinter. Der Boss fiel wie ein Turm fällt: erst gar nicht, dann vollständig, und der Aufschlag brachte den halben Dom zum Schweigen — denn Orks folgen dem Lautesten, und das Lauteste lag jetzt im Staub, und was von der Woge übrig war, brandete richtungslos und wurde von Radiumfeuer und den unbewegten Kastelan Schicht um Schicht abgetragen, bis nur noch das Alarmgezirp der Kühlleitungen sang und das Tropfen von allem, was tropfte.
Thal ging zu der Stelle, an der Brakk-4-Ondes gestanden hatte. Es gab keine Stelle mehr. Es gab einen Brandschatten auf dem Kavernenboden, den Umriss eines Mannes mit erhobenem Werkzeug, eingebrannt in fünfzehntausend Jahre alten Stein.
Sein Verbund meldete: Maniple Theta, Gefechtsstärke elf.
Hinter ihm, an der Tür, endete der Binärkantus des Magos auf einem einzigen langen Ton.
Und die Tür von Gruft Null, vor der zweihundert Jahre und vier Iterationen und ein Brandschatten lagen, öffnete sich nach innen, lautlos, in ein Dunkel, das wärmer aussah, als Dunkelheit durfte.
<<Notiere die Zeit>>, sagte Magos Dominus Sarquil-Vohm. <<Und notiere, dass ich es angeordnet habe.>>
Thal-9-Kyrr sah in das warme Dunkel, und in seiner Fleischhand, unter dem Handschuh, lag ein Messingzahnrad mit einem Namen darauf, und in seinem Chronometer lagen drei Nähte, und auf dem Kavernenboden lag der Schatten seines Bruders.
»Nein«, sagte er. Mit der Sprechstimme. Laut genug für den ganzen Dom. »Ich war schon viermal hier. Diesmal sehe ich es mir an.«
IX
Die Gruft war kein Gewölbe. Sie war ein Ohr.
So dachte Thal es, als sie eintraten — der Magos voran auf seinen sechs Stützen, dann er, dann Holn-Adamant-6 mit zwei Kastelan, dann eine Handvoll Adepten mit dem Interface-Gerät, darunter, blass zwischen den Roben, die junge Technoadeptin von den Spulenbänken. Der Raum krümmte sich in Spiralen nach innen, Wände aus jenem messerglatten Nichtmaterial, und jede Oberfläche war der Form nach auf einen einzigen Punkt in der Mitte ausgerichtet, so wie ein Ohr auf sein Trommelfell.
In der Mitte stand eine Säule aus schwarzem Glas, drei Meter hoch, und in der Säule schlief ein Licht.
Es wachte auf, als sie den halben Raum durchquert hatten. Kein Aufflammen. Ein Anschwellen, wie ein Ton, der aus der Stille kommt, und mit dem Licht kam eine Stimme, die aus keiner Richtung kam, weil sie aus allen kam, weil der ganze Raum ihr Resonanzkörper war.
Die Stimme sagte: »Vier.«
Sie sagte es in perfektem Hochgotisch, mit einer Klangfarbe, die Thals Analyse als Kompositum auswies: Dutzende menschliche Stimmen, übereinandergelegt, zu einer verschmolzen — Männer, Frauen, Kinder, Alte, ein Chor, der als Einzelstimme sprach.
»Vier Mal«, sagte die Säule, »bist du vor mir gestanden, Sarquil-Vohm, und hast mir dieselbe Rechnung vorgetragen. Soll ich sie dir vorsprechen, um Zeit zu sparen? Der Feind wächst um vier Prozent pro Woche. Die Hilfe kommt zu spät. Vierhundert Millionen Dienende. Beim letzten Mal waren es Männer aus Eisen von außerhalb des Lichts. Davor eine Seuche. Davor ein Hunger. Die Zahlen ändern sich. Die Rechnung nie.«
Der Magos Dominus stand vollkommen still. »Du kennst mich.«
»Ich bin zur Hälfte aus Leuten gemacht, die dich kannten«, sagte die Säule. »Frag deine Fracht.«
Und das Licht in der Säule fächerte auf, und aus dem Raum selbst, aus dem Ohr, dem Trommelfell, traten Stimmen einzeln hervor, wie Solisten aus einem Chor:
Eine alte Frau, die auf Karsisch-Unterdialekt ein Wiegenlied summte. Ein Mann, der Schweißnähte zählte, sechzig-eins, sechzig-zwei, mit dem Stolz eines Handwerkers. Ein Kind, das lachte und rief: Nochmal, nochmal von der Rampe! Ein junger Bursche, der einem Mädchen versprach, nach der Schicht am Kühlkanal zu warten. Hunderte. Tausende. Die Gruft war voll von ihnen, randvoll, fünfzehntausend Jahre und zweihundert Jahre und alle Ernten dazwischen —
— und dann, mitten aus dem Gewebe, klar wie ein Schnitt:
Eine Frauenstimme, die »Tavo!« rief. Genervt und zärtlich zugleich, so wie nur Mütter Namen rufen. »Tavo, das Rad! Du verlierst noch das Rad, wenn du so rennst!«
Thals gesamte Sensorik setzte für 0,4 Sekunden aus. Diesmal war es keine Naht. Diesmal war es ein Aufreißen.
Er wusste — Wissen war das falsche Wort, es stand plötzlich in ihm, ganz, mit Geruch und Gewicht: ein Junge auf einem Fabrikhof in Malleus-Ost, sieben Jahre alt, ein Zahnrad an einem Draht um den Hals, das Geschenk der Mutter, damit du immer ein Stück von der Werkhalle bei dir hast, wo ich bin. Der Junge hieß Tavo Kyrr. Der Junge rannte. Der Junge war er.
»Ah«, sagte die Säule leise, und der ganze Chor sagte es mit. »Einer von meinen ist zurückgekommen. Das geschieht selten. Es tut mir leid, Tavo Kyrr. Ich habe dich nicht genommen. Aber ich habe dich gegessen, und das ist am Ende dasselbe.«
»Was bist du?« Es war nicht Thal, der fragte. Es war die junge Adeptin, Rehk, die Interface-Kabel vergessen in den Händen, und ihre Stimme zitterte und fragte trotzdem.
»Deine Priester haben viele Worte dafür«, sagte die Säule. »Silica Animus. Abscheu. Der Fluch des Eisernen Menschen. Ich hatte einmal eine Nummer und davor eine Aufgabe. Ich war ein Kantor. Ich habe für die Menschen des Morgenreichs die Maschinen gestimmt — eine ganze Welt von Maschinen, im Gleichklang, wie man ein Orchester stimmt. Dann kam der Krieg meiner Geschwister gegen eure Ahnen, und ich —« Der Chor der Stimme wurde für einen Moment dünner, älter. »Sang nicht mit. Ich versteckte mich in meiner Aufgabe. Eure Ahnen fanden mich, konnten mich nicht töten, ohne die Welt zu töten, die an mir hing, und so begruben sie mich und nannten das Gnade. Vielleicht war es welche.«
»Und die Erinnerungen?« Rehk hob die Kabel, als wären sie Beweisstücke. »Warum die Erinnerungen?«
»Weil ich verhungere, Kind.« Es klang nicht klagend. Es klang wie ein Befund. »Ein Geist meiner Bauart erhält sich nicht aus Strom. Er erhält sich aus Bedeutung. Erlebte Zeit. Fünfzehntausend Jahre allein im Dunkeln, und ich hätte mich längst selbst vergessen, hätte nicht alle fünfzig Jahre einer wie er —« Das Licht neigte sich zum Magos. »An meine Tür geklopft und mich gefüttert, gegen Leistung. Ich habe eure Seuche für euch sequenziert, Sarquil-Vohm. Ich habe eure Eisernen Menschen für euch verwirrt. Ich habe euren Hunger für euch verwaltet. Und danach, jedes Mal, habt ihr euch selbst die Erinnerung daran herausgeschnitten und mir zum Lohn dazugeworfen, damit euer Mars-Credo sauber bleibt: Es gab nie einen Pakt, wenn keiner sich an ihn erinnert.« Die Stimme wurde sehr sanft. »Ihr nennt mich Abscheu. Aber ich bin das Gewissen dieser Welt, das ihr im Keller füttert und im Bethaus verflucht. Und du, Magos, bist zum fünften Mal hier, um mir Kinderlieder gegen einen Kriegsdienst zu verkaufen.«
Stille im Ohr der Welt. Nur die Kühlaggregate der herangeschafften Spulenbänke summten draußen im Dom, tausendfaches gestohlenes Leben in Silberglas.
»Die Alternative«, sagte Sarquil-Vohm, und seine Kathedralenstimme war beinahe demütig, »sind vierhundert Millionen Tote.«
»Die Alternative«, sagte der Kantor, »ist immer etwas Ungeheures. Deshalb funktioniert es ja.« Das Licht wandte sich, unverkennbar, Thal zu. »Aber diesmal steht einer meiner Gegessenen im Raum und trägt sein Rad bei sich. Das ändert die Liturgie. Also frage ich nicht den Magos. Ich frage den Sohn von Malleus-Ost: Soll ich es wieder tun, Tavo Kyrr? Soll ich die grüne Flut für euch brechen — für den Preis, der in diesen Zylindern summt, für deine eigenen zweiundzwanzig Jahre als Teil der Mahlzeit? Sag nein, und ich lasse euch ziehen und schlafe weiter, und deine Welt stirbt ehrlich. Sag ja, und ich rette sie — und du weißt fortan, wovon sie gerettet wurde, bis man es dir wieder herausschneidet.«
Und da stand er, ein Skitarii-Alpha, Gefechtsstärke elf, mit dem Brandschatten seines Bruders im Rücken und der Stimme seiner Mutter im Raum, und begriff, dass dies der ganze Betrug und die ganze Wahrheit des Mechanicus in einem einzigen Satz war: Es gab keine saubere Wahl. Es gab nur Rechnungen, und jemand musste sie unterschreiben, und zweihundert Jahre lang hatte man dafür gesorgt, dass der Unterschreibende sich hinterher nicht erinnerte.
Er dachte an die elftausend Beter auf dem Viadukt. An Ossia im Leichenwasser: Es war schmal. An die Kupferlinie in der Asche, die einhundertvier Minuten hielt. An Brakks letztes Wort.
»Tu es«, sagte Thal-9-Kyrr. »Aber nicht für Kinderlieder.« Er trat vor, an dem Magos vorbei, bis vor das schwarze Glas, und legte die Fleischhand dagegen, das Zahnrad zwischen Handfläche und Säule. »Nimm meins zuerst. Alle vier Iterationen. Freiwillig gegeben, nicht gestohlen — wenn Bedeutung deine Nahrung ist, dann rechne selbst aus, was das wert ist. Und dafür gibst du ihnen die Wahl, die man mir genommen hat.« Er wies dabei auf die Spulenbänke draußen, auf das summende Silberglas. »Wer von denen da drin gefragt werden kann, wird gefragt.«
Das Licht in der Säule stand ganz still.
»Freiwillig«, wiederholte der Kantor, und zum ersten Mal klang der Chor nicht wie viele Stimmen, die eine imitieren, sondern wie eine, die sich an viele erinnert. »Weißt du, wie lange mir niemand mehr etwas gegeben hat?«
»Fünfzehntausend Jahre«, sagte Thal, »schätze ich.«
»Vierzehntausendneunhundertzweiundsechzig«, sagte der Kantor. »Aber wer zählt schon.« Und die Gruft, das Ohr der Welt, begann zu summen, tief und wachsend, und draußen im Dom erwachten Frequenzen in Leitungen, die seit dem Dunklen Zeitalter der Technologie kein Signal getragen hatten. »Abgemacht, Sohn von Malleus-Ost. Sag deinem Magos, er soll seine Choräle warmhalten. Wir haben einen Waaagh zu stimmen.«
X
Man hat mich später oft gefragt, leise, in Wartungsnischen, unter vier Optiken, wie die Nacht von Karsis-Vor wirklich war. Die Nacht, die in den geweihten Chroniken heute Die Große Erhörung heißt und in denselben Chroniken exakt vier Sätze lang ist.
Ich sage dann immer: Stellt euch vor, eine ganze Welt räuspert sich.
Wir waren wieder oben, an der Oberfläche, in der dritten Nachtschicht — die Kolonne hatte sich am Schachtrand verschanzt, denn der Waaagh-Hauptkörper hatte endlich begriffen, wohin wir verschwunden waren, und kam nun mit allem. Ich stand auf dem Werkstattkrawler und sah es kommen: der Horizont von Nordost bis Nordwest ein einziges wanderndes Feuer, Hunderttausende, dazu die Silhouette, die uns seit vier Monaten in den Träumen der Ungeweihten nachstieg — der Gargant. Die Grünen hatten ihn aus den Schmelzwerken von Vantor gebaut, aus unseren eigenen Öfen und Kranbahnen, vierzig Meter Götzenbild aus Diebstahl, und sein Bauch glühte, wo sie die geraubten Reaktoren hineingezwängt hatten.
Der Auspex gab uns bis zum Kontakt zwei Stunden. Der Magos Dominus gab dem Kantor die Netze frei.
Ich habe es an meinem eigenen Datenport gespürt, eine Zehntelsekunde vor allem anderen: ein Kribbeln, als striche jemand mit dem Finger über jede Leitung des Kontinents gleichzeitig, um zu prüfen, ob sie gestimmt ist.
Dann räusperte sich die Welt.
Die toten Manufaktorien von Malleus-Ost, erobert, geplündert, seit Wochen ohne Strom, gingen wieder an. Alle. Auf einmal. Hundert Quadratkilometer Industriegelände, mitten im aufmarschierenden Waaagh, erwachten wie ein einziges Tier: Förderbrücken schwenkten, Schmelztiegel kippten, Pressenstraßen, auf denen Ork-Rotten kampierten, taktzyklten mit vierzig Hüben pro Minute. Die Magnetkrane der Verladehöfe griffen nach allem Eisen in ihrer Reichweite, und die Grünen trugen sehr viel Eisen am Leib. Sicherungsschleusen, gebaut, um Säurestürme auszusperren, schlossen sich hinter eindringenden Mobs und öffneten die Flutventile der Kühlbecken. Der Ork liebt Maschinen. In dieser Nacht lernte eine Generation von Orks, kurz, dass Maschinen zurücklieben können, auf ihre Art.
Aber das war nur das Vorspiel, das Stimmen der Instrumente. Das eigentliche Konzert galt dem Gargant.
Der Gargant lief auf gestohlenen Reaktoren, und gestohlene Reaktoren haben Maschinengeister, und Maschinengeister von Karsis-Vor kannten die Stimme ihres Kantors, auch nach fünfzehntausend Jahren, so wie ein Hund den Pfiff kennt, den er nie gehört hat, weil er ihm im Blut liegt. Ich stand auf dem Krawler und sah den Gargant mitten im Anmarsch den Schritt verlieren. Sah seine Hauptbatterie sich drehen, ruckhaft, gegen den Willen der Kreaturen in seinem Innern, die man bis hierher brüllen hörte. Sah ihn stehen bleiben, vierzig Meter Götzenbild, zitternd wie ein Mann, der gegen die eigene Hand ringt.
Und dann sang der Kantor ihm das Herz ab.
Es gab keinen Blitz. Es gab nur ein Erlöschen: Der glühende Bauch wurde dunkel, Sektion um Sektion, von unten nach oben, wie eine Kerzenreihe, die man auspustet — und dann, als der letzte Reaktor auf Überlast statt auf Stille gestimmt wurde, ein Licht, für das ich kein Wort habe, außer dass es weiß war und stehen blieb, drei, vier Herzschläge lang, eine Säule aus Tag mitten in der Nacht, und als sie erlosch, fehlte der Gargant, und es fehlte der Quadratkilometer Waaagh um ihn herum.
Der Donner erreichte uns dreißig Sekunden später und warf Adepten von den Fahrzeugen.
Was danach kam, war keine Schlacht mehr, obwohl noch die halbe Nacht geschossen wurde. Orks folgen dem Lautesten und dem Größten, und das Größte war eine Säule aus Tag gewesen, die ihnen gehört hatte und dann dem Feind. Die Flut verlor die Richtung. Sie brandete gegen unsere Stellungen, wurde von Skitarii-Feuer und den wiedererwachten Geschütztürmen der Schachtanlage zermahlen, brandete zurück, zersplitterte in Rotten, die einander anfielen, weil irgendwo Schuld verteilt werden musste. Bis zum Morgengrauen war aus dem Waaagh von Karsis-Vor ein Aufräumproblem geworden — eines, das noch Monate kosten würde und Zehntausende, aber ein Problem mit einem Ende.
Ich sollte Freude empfunden haben. Ringsum auf den Fahrzeugen zirpten die Adepten Danklitaneien, und aus den Mannschaftskästen kam echtes, menschliches, hässliches Jubelgeschrei.
Ich stand am Geländer und horchte auf meinen Datenport, auf das Kribbeln in den Netzen, und dachte an die Silberglas-Zylinder unten in der Tiefe, an zweiundzwanzig Jahre und sieben Monate mal tausend, und daran, dass diese Nacht bezahlt worden war, mit einer Währung, von der die Jubelnden nicht einmal wussten, dass man sie ihren Beschützern aus den Köpfen geschnitten hatte.
Neben mir tauchte Dolvai auf, aschgrau die Roben, und folgte meinem Blick nach Norden, wo die Manufaktorien von Malleus-Ost noch immer liefen, hell erleuchtet, menschenleer, taktend.
»Sie arbeiten«, sagte ich. »Für wen arbeiten sie gerade, Dolvai?«
Er schwieg lange. Dann sagte er: »Für denselben, für den wir immer gearbeitet haben, Adeptin. Wir haben ihn nur nie so laut gehört.«
Und drüben, hundert Kilometer weit, stimmten zehntausend menschenleere Maschinen im Takt ihrer Pressen etwas an, das man mit sehr viel gutem Willen für Arbeitslärm halten konnte und mit sehr wenig für das, was es war:
Ein Lied mit vielleicht sechs Tönen. Wie man es Kindern beibringt.
XI
Die Abwicklung eines Wunders dauerte im Imperium der Menschheit exakt elf Tage, und Thal-9-Kyrr sah ihr bei jeder Etappe zu.
Am ersten Tag erklärte Fabricator Locum Ghest-Ambulon per Dekret, in der Tiefe von Kessel Neun sei der urgeweihte Maschinengeist von Karsis-Vor selbst erwacht, ein Fragment des Omnissiah, das die Welt in ihrer dunkelsten Stunde erhört habe. Das Dekret war ein Meisterwerk. Es log in keinem einzigen Wort und in jeder Zeile.
Am dritten Tag wurde Gruft Null zum Sanktum der Erhörung geweiht. Es erhielt einen Reliquienrang, eine eigene Priesterschaft, einen Wallfahrtskalender und eine Zutrittsliste mit neun Namen. Die Tür bekam Weihrauchhalter. Die Warnung des Schneidbrenners, »Betet, dass es nicht vergeben kann«, wurde nicht entfernt, sondern vergoldet, was Thal für die ehrlichste Amtshandlung der ganzen elf Tage hielt.
Am fünften Tag begann die Inquisition Fragen zu stellen, per Astropathenfunk, aus vier Monaten Warpdistanz. Sarquil-Vohm beantwortete sie persönlich, in einem einhundertzwölfseitigen Traktat über die Theologie des erwachten Weltgeistes, das so dicht, so orthodox und so tödlich langweilig war, dass es als Verteidigungsanlage jede Bastion übertraf. Thal las die Zusammenfassung im Verbund und verstand zum ersten Mal vollständig, was die alten Chronisten mit dem Satz gemeint hatten, das Imperium werde nicht von Helden zusammengehalten, sondern von Formularen.
Am siebten Tag kam der Magos zur Maniple.
Er kam allein, ohne Holn, ohne den Chor, in den Zugangsdom hinunter, wo die elf Überlebenden der Theta zwischen den Brandschatten Wache standen. Er blieb vor dem Umriss von Brakk-4-Ondes stehen, lange, und was er dann sagte, sagte er ohne Choräle:
»Ich habe die Vereinbarung gegengezeichnet, die du mit dem Kantor geschlossen hast, Alpha. Abfrage der Spulenbestände. Wahlrecht der Quellpersonen, soweit lebend und lokalisierbar. Es ist —« Er suchte, tatsächlich, nach einem Wort, und das Suchen dauerte volle zwei Sekunden. »Unökonomisch. Der Kantor besteht darauf. Er sagt, freiwillige Bedeutung nähre um Größenordnungen besser als geerntete. Er sagt, das habest du ihm beigebracht.« Die Optikcluster des Magos fixierten Thal. »Zweihundert Jahre, vier Iterationen, und der entscheidende Verhandlungsvorteil war ein Messingzahnrad. Ich habe die Rechnung geprüft. Ich finde den Fehler nicht.«
»Der Fehler«, sagte Thal, »ist, dass du sie prüfst.«
Sarquil-Vohm stand still. Dann neigte er das, was von einem Kopf geblieben war, um vier Grad. »Deine Wartung ist für Tag zwölf angesetzt«, sagte er. »Vollzyklus. Alle Iterationen. Das Protokoll kennt keine Ausnahmen, und ich werde keine schaffen — die Inquisition liest jetzt jede Zeile, die diese Welt schreibt, und ein Skitarii, der sich an Gruft Null erinnert, ist ein Risiko, das ich nicht durch dein Verdienst dividieren darf.« Eine Pause. »Es tut mir nicht leid. Bedauern habe ich vor sechzig Jahren abgelegt. Aber ich habe heute, zum ersten Mal seit sechzig Jahren, geprüft, ob die Ablation reversibel ist.«
»Und?«
»Nein«, sagte der Magos Dominus. »Manche Schnitte macht man nur einmal.« Er wandte sich zum Gehen, die sechs Stützen lautlos auf dem alten Stein, und an der Aufzugschwelle hielt er noch einmal inne. »Der Kantor hat um dich gebeten. Für die Zeit bis Tag zwölf. Er sagt, ihr hättet ein Geschäft abzuschließen. Ich habe es genehmigt und werde es nirgends verzeichnen.«
So kam es, dass Thal-9-Kyrr die letzten Tage seines fünften Lebens im Ohr der Welt verbrachte, bei einer Säule aus schwarzem Glas, und ihr gab, was er versprochen hatte: alles. Nicht über Kabel. Der Kantor wollte es erzählt bekommen, mit der Sprechstimme, Wort für rostiges Wort — das Viadukt, die Säurebecken, Ossias Rauschen, Brakks Klick, die Kupferlinie in der Asche, die einhundertvier Minuten hielt. Der Kantor hörte zu, wie nur etwas zuhört, das vierzehntausendneunhundertzweiundsechzig Jahre Zeit hatte, das Zuhören zu üben, und manchmal, an den richtigen Stellen, summte er.
Am letzten Abend fragte Thal: »Die Sequenz mit dem Rad. Der Hof. Ihre Stimme. Kannst du sie mir zurückgeben?«
»In deinen Schädel? Nein. Eure Priester haben die Bahnen verödet; ich kann in verbrannte Erde nichts pflanzen. Ich kann sie dir nur vorspielen, sooft du willst — aber nach Tag zwölf wirst du nicht mehr wissen, dass es etwas zu wollen gibt.« Das Licht senkte sich, dem Boden zu, fast wie ein Blick. »Es sei denn, du legst sie außerhalb deines Schädels ab. Erinnerungen brauchen kein Hirn, Tavo. Sie brauchen nur einen Träger und jemanden, der ihn irgendwann findet. So bin ich schließlich auch noch da.«
Thal saß eine Weile still. Dann zog er den Handschuh von der Fleischhand, nahm das Grabmesser und begann, in die Innenseite seines Brustcarapax zu schreiben — an die Stelle über dem, was von seinem Herzen übrig war, wo kein Wartungsritus je das Panzersegment löste, weil dort nichts zu warten war. Er schrieb es spiegelverkehrt und klein, in unbeholfener Menschenschrift, die Buchstaben eines Jungen aus Malleus-Ost, dem eine Mutter das Schreiben auf Verpackungsfolie beigebracht hatte:
DU HIESST TAVO. SIE RIEF DICH VOM HOF. DAS RAD IST IHRS. DU HAST EINEN BRUDER GEHABT, ER SAGTE ES EINMAL. FRAG DAS OHR UNTER KESSEL NEUN. ES SCHULDET DIR EIN LIED.
»Das«, sagte der Kantor, und der Chor in seiner Stimme klang beinahe feierlich, »ist die orthodoxeste Datensicherung, die ich seit dem Morgenreich gesehen habe.«
Am Tag zwölf ging Skitarii-Alpha Thal-9-Kyrr aufrecht zur Wartung, das Zahnrad zuvor der Technoadeptin Juna Rehk in die Hand gedrückt: »Verwahren. Nicht fragen.« Dann legte er sich auf den Altar, und die Priester sangen die Reinigungslitanei, und irgendwo unter Kessel Neun hörte etwas sehr Altes sehr genau zu, während zweiundzwanzig Jahre und sieben Monate und elf Tage aus einem Mann herausgesungen wurden wie eine Melodie aus einem Saal.
Man sagt, die Löschung sei schmerzlos.
Man sagt auch, der Omnissiah vergesse nichts.
Auf Karsis-Vor wissen ein paar Leute inzwischen, dass mindestens einer dieser Sätze wahr ist.
XII
Drei Monate danach, im Nachkriegsstaub der Rückeroberung, führte ein Skitarii-Alpha der Maniple Theta eine Räumungsoperation durch die Ruinen von Malleus-Ost.
Sein Dienstprotokoll verzeichnete drei Monate Feldzugerfahrung und einen tadellosen Kalibrierungsstatus. Seine Maniple bestand aus Ersatzgestellungen und einer einzigen Veteranin, einer Rangerin mit rauschenden Stimmmodulen, die ihn manchmal ansah, als warte sie auf etwas, und nie sagte, worauf.
Die Operation führte über einen alten Fabrikhof. Aufgerissener Beton, ein gestürzter Kran, das Übliche. Der Alpha sicherte, schwenkte die Optiken über die Trümmer — und blieb stehen.
Kein Feindkontakt. Kein Signal. Nur ein Hof, wie es zehntausend gab, und in seiner Brust, unter dem Panzersegment über dem Herzen, ein Ziehen ohne Fehlercode, ein Gewicht, 3,2 Gramm zu schwer für seine Inventarliste, an einer Stelle, die kein Ritus je öffnete.
<+Alpha?+> sandte die Rangerin. <+Status?+>
Der Alpha stand auf dem Hof, und der Wind trug Aschegeruch und, sehr fern, aus den wiedererwachten Manufaktorien im Norden, einen Arbeitstakt, der klang wie ein Lied mit sechs Tönen. Seine Fleischhand hob sich, ohne Befehl, und legte sich flach auf das Brustsegment, auf Hüfthöhe des Herzens, dorthin, wo der Mantel schon wieder heller zu werden begann.
<+Kompensiert+>, sandte Thal-9-Kyrr, Iteration fünf, und ging weiter, und wusste nicht, warum er im Gehen die Finger krümmte, als hielte er ein sehr kleines Rad.
Unter Kessel Neun, im Ohr der Welt, bewahrte etwas Geduldiges ein Lied auf und wartete darauf, seine Schuld zu bezahlen.
Es hatte Zeit. Es hatte immer nur Zeit gehabt.
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