Die Einwilligung

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„„Ein Space Marine wird eingebettet, weil sein Orden ihn braucht. Ein Custodian wird eingebettet, weil er es zwölfmal gesagt hat." — Custodian Bethon, Verwahrer des Verzeichnisses“

I. Die vierte Kammer unter dem Ostquerhaus

Was in der vierten Kammer unter dem Ostquerhaus des Inneren Palastes gefunden wurde, steht in keinem Bericht, weil es keinen Bericht gibt.

Es gibt eine Zeile in einem Wachbuch: Siegel 4-C-vierzehn geprüft, unversehrt. Sie ist auf den Tag genau siebenhundert Jahre alt. Darunter steht dieselbe Zeile noch zweihundertunddreiundvierzigmal, in zweihundertunddreiundvierzig verschiedenen Handschriften, und die letzte davon stammt aus dem Jahr, in dem der Große Riss aufging.

Danach hörte jemand auf zu schreiben.

Custodian Andokar ging als Dritter durch die Öffnung. Er war der Dritte, weil die Reihenfolge in seiner Wache nach dem Alter der Wunden ging und nicht nach dem Alter der Männer, und weil er im vorangegangenen Jahrzehnt nichts abbekommen hatte, was diese Bezeichnung verdiente. Vor ihm gingen Custodian Kaedan und ein Kamerad, dessen Name für diesen Bericht keine Rolle spielt, weil er die nächsten vier Minuten nicht überstand.

Die Kammer war zwanzig Schritte breit. In ihrer Mitte stand nichts.

Das war das Erste, was falsch war: dass dort nichts stand. Ein Siegel dieser Ordnung wird nicht um einen leeren Raum gelegt. Es wird um etwas gelegt, und wenn dieses Etwas nicht mehr da ist, dann ist es entweder herausgeholt worden, was Spuren hinterlässt, oder es hat aufgehört, an einem Ort zu sein.

Andokar hatte in dreihundert Jahren Dienst gelernt, dass die zweite Möglichkeit die schlechtere war.

Er hob den Guardian Spear und sagte über den Nahfunk vier Wörter, die im Wachbuch später als letzte Meldung eingetragen wurden: „Es ist nicht fort."

Was danach geschah, dauerte einhundertdreißig Sekunden.

Kaedan trug ihn hinaus. Das ist die zweite und letzte Tatsache, die in irgendeiner Akte steht: dass Custodian Kaedan seinen Wachbruder einhundertsechzig Meter weit durch drei Schleusen trug, mit einer Hand, weil er in der anderen die Klinge hielt und sie bis zum Erreichen der obersten Schleuse nicht senken durfte. Die Auspexdaten dieser einhundertsechzig Meter sind gelöscht worden. Das ist kein Verdacht; es steht so in der Anordnung, und die Anordnung ist gezeichnet.

In der Schleuse legte Kaedan ihn ab und sah nach, was er trug.

Er hatte es die ganze Zeit nicht gewusst. Das ist der Teil, den Kaedan hundertvierzig Jahre später einmal erwähnte, gegenüber genau einer Person, und der Satz lautete: Ich habe angenommen, dass ich einen Toten trage, und ich habe ihn getragen, weil man einen Toten trägt.

Andokars Rüstung war unten offen wie eine aufgebrochene Frucht. Die Beine waren fort, sauber, unter dem Becken. Der linke Arm war noch da und gehörte nicht mehr ihm. Vom Gesicht war die untere Hälfte weg — Kiefer, Kehlkopf, der ganze Sprechapparat, den man einem Custodian in zehn Jahren Arbeit einsetzt und den er tausend Jahre lang benutzt, ohne ihn zu bemerken.

Die Augen bewegten sich.

Sie fanden Kaedan und blieben auf ihm, und dann bewegten sie sich zur Seite und wieder zurück, zweimal, sehr genau, und Kaedan verstand nicht, was sie sagen wollten, und er stand in der Schleuse und begriff mit einer Klarheit, die er in dreihundert Jahren nie gebraucht hatte, dass er in diesem Moment einer der wenigen Menschen im Imperium war, die ein Problem hatten, für das es kein Verfahren gab.

II. Was übrig war

Die Ärzte des Adeptus Custodes heißen nicht Apothecarii. Sie heißen überhaupt nichts, was ein Außenstehender aussprechen könnte; sie sind ein Amt und tragen den Namen des Amtes, und das Amt ist so alt, dass es zweimal die Bedeutung gewechselt hat, ohne den Namen zu ändern.

Der, der Andokar in der vierten Nacht öffnete, war siebentausend Jahre in diesem Amt.

Er arbeitete elf Stunden. Danach ging er in den Vorraum, wo Tribun Orwynne wartete, und legte einen Bericht auf den Tisch, der aus sechs Zeilen bestand, und blieb stehen, während der Tribun ihn las.

Orwynne las ihn dreimal.

„Das Gehirn", sagte er.

„Vollständig."

„Wie sicher?"

„So sicher, wie ich in siebentausend Jahren bei irgendetwas gewesen bin." Der Arzt hatte eine trockene, dünne Stimme, die niemals lauter wurde. „Er ist bei Bewusstsein. Er war die ganzen einhundertdreißig Sekunden bei Bewusstsein und er ist es seither ununterbrochen gewesen, und er hat in den vier Tagen zwischen der Bergung und meinem ersten Schnitt nicht ein einziges Mal die Augen geschlossen, weil er es nicht mehr kann. Ich habe ihm die Lider genäht, damit die Hornhaut nicht reißt. Er hat es zugelassen. Er hat währenddessen den Puls nicht verändert."

Orwynne stand am Fenster. Das Fenster ging auf einen Innenhof, der seit sechstausend Jahren keinen Regen gesehen hatte, weil über ihm dreihundert Meter Palast standen.

„Wie lange kann er so bleiben?"

„Unbegrenzt", sagte der Arzt. „Das ist das Problem, Tribun. Wenn Sie mich fragen, wie lange ich ihn erhalten kann — die Antwort ist: so lange, wie das Imperium steht. Er ist ein Custodian. Sein Körper hört nicht von selbst auf. Ich müsste etwas tun, damit er aufhört, und ich werde das nicht tun, weil ich es nicht darf, und Sie werden es mir nicht anordnen, weil Sie es nicht dürfen."

„Ich weiß, was ich darf."

„Dann wissen Sie auch", sagte der Arzt, „dass es genau drei Möglichkeiten gibt, und dass zwei davon nichts sind, was man wählen kann."

Die erste war, ihn so zu lassen. Ein Mann mit einem vollständigen Verstand, ohne Beine, ohne Kiefer, ohne Stimme, auf einem Tisch, für die Dauer des Imperiums.

Die zweite war, dass er selbst darum bat, dass es endete. Das war zulässig. Es stand im Verzeichnis, es war zweiundsechzig Mal geschehen, und die Formel dafür war kurz und ohne Pathos. Sie musste allerdings gesprochen werden.

Die dritte war die lange Wache.

„Elf", sagte Orwynne.

„Elf", bestätigte der Arzt. „In zehntausend Jahren. Ich habe bei vier davon assistiert, und ich sage Ihnen frei heraus: Ich würde es nicht wieder tun, und ich werde es wieder tun, wenn Sie es anordnen."

„Warum würden Sie es nicht wieder tun?"

Der Arzt sah ihn an. Es war ein sehr alter Blick.

„Weil ein Space Marine, der eingebettet wird, in einen Orden eingebettet wird", sagte er. „Er hat Brüder, die alle hundert Jahre kommen und ihn wecken und ihn brauchen. Er hat einen Zweck, der ihn abholt." Er nahm den Bericht wieder an sich. „Wir haben keinen Orden, Tribun. Wir haben eine Pflicht, und die Pflicht hat einen Ort, und der Ort ist zwei Kilometer von hier und wird von zehntausend Männern bewacht, die alle gehen können. Wofür wollen Sie ihn aufheben?"

Orwynne antwortete nicht.

„Ich frage nicht rhetorisch", sagte der Arzt. „Ich frage, weil er es fragen wird."

III. Vier Tage

Zwischen der Schleuse und dem ersten Schnitt lagen vier Tage, und in diesen vier Tagen fragte ihn niemand etwas.

Das war nicht Nachlässigkeit. Es gab nichts zu fragen, weil noch niemand einen Weg gefunden hatte, wie er antworten sollte, und weil in einer Institution, in der jede Handlung siebentausend Jahre alt ist, ein Zustand ohne Verfahren dazu führt, dass alle sehr höflich danebenstehen.

Andokar lag auf dem Rücken. Er konnte den Kopf nicht drehen. Er sah die Decke.

Die Decke war Basalt, geschliffen, mit einer Fuge, die von links oben nach rechts unten lief und die vor etwa achttausend Jahren mit einem Harz ausgegossen worden war, das inzwischen einen anderen Farbton hatte als der Stein. In dieser Fuge waren, über die Länge von zwei Metern, siebenundvierzig kleine Einschlüsse, und in den ersten sechs Stunden zählte er sie viermal und kam viermal auf siebenundvierzig, und danach hörte er auf, weil er merkte, dass er es tat, um nicht das andere zu tun.

Das andere war: nachdenken.

Ein Custodian ist darauf trainiert, sich in einem Zustand vollständiger Bewegungslosigkeit sechzig Stunden lang wach und einsatzfähig zu halten. Das ist eine Grundfertigkeit; man lernt sie in den ersten Jahren, sie gehört zum Wachdienst, und Andokar hatte sie hundertmal angewandt, in Gängen, auf Dächern, in Vorzimmern. Was er in den vier Tagen lernte, war, dass die Fertigkeit eine Voraussetzung hatte, die niemand je erwähnt: Man muss wissen, dass es aufhört.

Am ersten Tag rechnete er die Kammer nach.

Er ging sie durch, Schritt für Schritt, einhundertdreißig Sekunden, und suchte den Punkt, an dem eine andere Entscheidung ein anderes Ergebnis gebracht hätte. Er fand vier. Er prüfte alle vier, und bei allen vier stellte sich heraus, dass die andere Entscheidung Kaedan gekostet hätte. Er ging es ein zweites Mal durch, um sicherzugehen, dass er sich das nicht zurechtlegte. Beim zweiten Mal fand er fünf.

Am zweiten Tag kam der Arzt und nähte ihm die Lider zu.

Er erklärte es vorher. Er erklärte alles vorher, in diesen dünnen, sachlichen Sätzen, und es war die einzige Freundlichkeit, die in dem Raum vorkam, und Andokar nahm sie an. Danach war es dunkel, und das war besser, und dass es besser war, erschreckte ihn mehr als alles, was in der Kammer geschehen war.

Am dritten Tag ging er die Liste durch, die er vor dreihundert Jahren gelesen hatte.

Er hatte sie sich gemerkt. Custodes merken sich, was sie einmal gelesen haben; das ist kein Kunststück, sondern eine Nebenwirkung, und meistens eine unerfreuliche. Er ging die elf Zeilen durch, in der Reihenfolge, und stellte fest, dass er sich bei acht von ihnen an den Wortlaut erinnerte und bei dreien nur an die Zahl, und dass die drei, an die er sich nicht erinnerte, genau die drei waren, die gekämpft hatten.

Er hatte sich als Neuer gemerkt, was ihn erschreckt hatte. Nicht, was ihm Hoffnung gemacht hatte.

Am vierten Tag versuchte er, sich das Wort zu formen.

Es war albern und er wusste es. Der Apparat war weg; da war nichts mehr, mit dem sich irgendetwas formen ließ. Aber der Befehl dazu wird nicht im Hals gegeben, sondern weiter oben, und der Befehl funktionierte noch, und er gab ihn, sechs- oder siebenhundert Mal, und jedes Mal ging das Signal in ein Nichts und kam nicht zurück.

Das Wort war ja.

Er übte es vier Tage lang, bevor irgendjemand ihn irgendetwas gefragt hatte, und als Bethon dreizehn Tage später zum ersten Mal die Frage stellte, war die Antwort in Wahrheit schon siebenhundertfach gegeben und nur nie angekommen.

Er hat das niemandem gesagt. Nicht Kaedan, nicht Bethon, keinem der acht.

Es hätte das Verfahren beschädigt, und das Verfahren war das Einzige, was ihn in diesen vier Tagen noch als jemanden behandelte, der gefragt werden musste.

IV. Das Verzeichnis

Custodian Bethon war der Verwahrer des Verzeichnisses, und das war ein Amt, das in einem gewöhnlichen Jahrhundert nichts zu tun hatte.

Er führte drei Listen. Die erste war die der Zehntausend, und die pflegte er nicht selbst; sie lief über ein anderes Amt, und er bekam nur die Änderungen. Die zweite war die der zweiundsechzig, die um ihr Ende gebeten hatten, mit Datum, Umständen und Wortlaut.

Die dritte hatte elf Zeilen und hieß im Haus die stumme Zeile, obwohl sie elf waren, und Bethon hatte in vierhundert Jahren keine einzige hinzugefügt.

Er breitete sie auf dem Tisch aus, als Orwynne und Kaedan kamen. Es war kein Buch; es war eine Platte aus Auramit, einen Meter im Quadrat, und die elf Einträge standen darauf in einer Schrift, die man nur sah, wenn Licht schräg darauf fiel.

„Ich sage Ihnen die Regel", sagte Bethon, „und danach sage ich Ihnen, warum sie so lautet, und Sie werden mir nicht widersprechen, sondern eine Weile lang nichts sagen, so wie alle."

„Sagt die Regel", sagte Orwynne.

„Die Einwilligung muss aus seinem eigenen Willen kommen, in seiner eigenen Äußerung, ohne Vermittlung, und sie muss so oft gegeben werden, dass ein Irrtum ausgeschlossen ist." Bethon legte einen Finger auf die Platte. „Der Maßstab dafür steht hier: einmal öfter, als das Verzeichnis Fälle kennt. Bei der ersten langen Wache war das zweimal. Bei der elften war es zwölfmal. Bei Andokar wären es zwölf."

„Er kann nicht sprechen."

„Ich weiß."

„Er kann eine Hand bewegen."

„Ich weiß das auch", sagte Bethon.

Kaedan, der bis dahin an der Tür gestanden hatte, sagte: „Dann ist die Sache entschieden, und wir verschwenden hier Zeit."

Bethon sah ihn an.

„In welche Richtung entschieden, Custodian?"

Kaedan antwortete nicht sofort, und in dieser Pause zeigte sich etwas, das später wichtig wurde: dass er es selbst noch nicht wusste.

„Warum lautet die Regel so?", fragte Orwynne.

„Weil wir keine Legion sind." Bethon setzte sich, was er selten tat. „Ein Space Marine gehört seinem Orden. Sein Orden verfügt über ihn, und das ist keine Grausamkeit, sondern die Grundlage, auf der ein Orden überhaupt funktionieren kann. Wir gehören niemandem. Es gibt zehntausend von uns, und jeder einzelne ist ausgewählt worden nach einem Maßstab, den kein lebender Mensch mehr vollständig kennt, und der Kern dieses Maßstabs war nach allem, was wir wissen, das Urteil. Nicht die Stärke. Das Urteil."

Er legte die Hand flach auf die Auramitplatte.

„Wenn wir einen von uns einbetten, ohne dass er es will, dann haben wir eine Entscheidung an seiner Stelle getroffen. Und wenn wir das dürfen, dann sind wir eine Institution, die über ihre Angehörigen verfügt, und dann waren zehntausend Jahre Auswahl ein Verwaltungsaufwand." Bethon nahm die Hand weg. „Deswegen zwölfmal. Nicht, um ihn zu quälen. Um uns elfmal die Gelegenheit zu geben, es sein zu lassen."

V. Der Einwand

„Ich bin dagegen", sagte Kaedan.

Sie standen im oberen Gang, vor der Kammer, in der Andokar lag. Der Gang hatte auf der einen Seite Fenster und auf der anderen keine, und zwischen den Fenstern standen dreiundzwanzig Nischen, und in jeder Nische stand eine Rüstung ohne Insassen, und jede dieser Rüstungen hatte einen Namen, und Kaedan kannte sie alle auswendig, weil er in diesem Gang seit dreihundert Jahren zweimal täglich Dienst tat.

„Ihr habt ihn getragen", sagte Orwynne.

„Ja."

„Und Ihr wollt ihn jetzt sterben lassen."

„Ich will, dass ihm niemand vorschreibt, wofür er hundert Jahre wartet." Kaedan sagte es ruhig. Custodes schreien nicht; es gibt kein Register in ihrer Stimme, das dafür vorgesehen wäre. „Tribun, ich habe die elf gelesen. Habt Ihr sie gelesen?"

„Ja."

„Dann wisst Ihr, dass drei von ihnen jemals gekämpft haben."

Orwynne schwieg.

„Drei", sagte Kaedan. „In zehntausend Jahren. Der Erste bei der Belagerung, das ist unbestritten und darüber gibt es sogar ein Lied. Der Vierte im Jahr 546.M32, bei etwas, das in der Akte mit einer Ordnungsnummer bezeichnet wird und sonst gar nicht. Der Neunte während des Vaxhallianischen Genozids, für elf Stunden. Alle anderen stehen." Er machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf, nach unten und nach Süden, wo unter dem Palast die Hallen lagen, in denen die acht standen. „Sie stehen seit sechstausend, viertausend, elfhundert Jahren. Sie sind bei Bewusstsein, wenn man sie ansieht. Man hat sie nicht abgeschaltet, weil man einen Custodian nicht abschaltet."

„Sie haben eingewilligt."

„Sie haben in etwas eingewilligt, das ihnen als Wache beschrieben wurde", sagte Kaedan. „Und was sie bekommen haben, ist Warten. Das ist nicht dasselbe Wort, Tribun, und wir tun seit zehntausend Jahren so, als wäre es eines."

Orwynne trat an ein Fenster.

„Ihr wisst, warum ich es will", sagte er.

„Ich weiß, warum Ihr es nicht wollt. Ihr wollt nicht die Nacht haben, in der ein Tribun angeordnet hat, dass ein Custodian, dessen Verstand vollständig ist, aufhört." Kaedan blieb, wo er war. „Das ist kein Vorwurf. Ich hätte dasselbe. Aber es ist nicht sein Grund, es ist Eurer."

„Dann fragt ihn."

„Ich?"

„Ihr", sagte Orwynne. „Ihr habt ihn getragen. Er hat Euch angesehen und etwas mit den Augen versucht, und Ihr habt es nicht verstanden, und das habt Ihr niemandem gemeldet und ich weiß es trotzdem, weil ich seit vierhundert Jahren Tribun bin und weil man solche Dinge weiß." Er drehte sich um. „Bethon wird zwölfmal fragen, weil es das Verfahren ist. Ihr fragt ihn einmal vorher. Ohne Zeugen. Und was er Euch sagt, sagt Ihr mir, und wenn Ihr es mir nicht sagen wollt, dann sagt Ihr mir das, und ich werde nicht nachfragen."

VI. Der erste Tag

Sie hatten inzwischen ein Gerät.

Es war in vier Tagen gebaut worden, von einem Techmarine, den man aus einer Werkstatt im Ring geholt und dem man nichts erklärt hatte, und es bestand aus einer Platte, einem Hebel und einer sehr feinen Feder. Andokars linke Hand, die noch seine war, lag darauf. Er konnte den Zeigefinger bewegen. Nichts sonst.

Ein Druck: ja. Zwei: nein. Drei: eine Frage, die dann ein anderer stellen musste und die Andokar nur durch ja und nein beantworten konnte, was das Verfahren erheblich verlangsamte.

Kaedan kam am Abend des ersten Tages, allein, wie angeordnet.

Er hatte sich vorbereitet. Er hatte sich hundert Sätze zurechtgelegt und war mit siebzehn gekommen und benutzte am Ende keinen davon.

Er setzte sich neben den Tisch. Custodes setzen sich nicht in Gegenwart eines Ranghöheren, aber das hier war kein Rangverhältnis mehr, und es gab keine Vorschrift für das, was es stattdessen war. Dann sagte er:

„Ich habe nicht verstanden, was du in der Schleuse gesagt hast. Mit den Augen. Zweimal zur Seite und zurück."

Ein Druck.

„Ja, du hast etwas gesagt?"

Ein Druck.

„Kann ich es erraten?"

Ein Druck.

Kaedan dachte nach. Er dachte lange nach; es war der einzige Vorteil, den er in dieser Sache hatte, dass Zeit für keinen von ihnen beiden noch eine Rolle spielte.

„Du hast zur Kammer gesehen", sagte er. „Zur Tür, durch die wir gekommen sind. Du wolltest, dass ich zurückgehe."

Ein Druck.

„Weil es nicht tot war."

Ein Druck.

„Es ist tot", sagte Kaedan. „Ich bin am nächsten Tag zurückgegangen, mit vierzig. Wir haben die Kammer versiegelt und darüber die dritte Ordnung gelegt und den Boden bis auf den Fels genommen. Es ist tot, und ich sage dir das, weil du es sonst nicht erfährst und weil ich weiß, dass du seit sechs Tagen daran denkst."

Die Hand lag still. Dann: ein Druck.

Kaedan atmete aus.

„Ich muss dich etwas fragen", sagte er. „Sie werden es dir zwölfmal fragen. Ich frage vorher, einmal, und ich frage anders."

Er beugte sich vor.

„Sie werden dich fragen, ob du einwilligst. Ich frage dich, ob du weißt, worin."

Die Hand lag lange still.

Dann kamen drei Drücke.

Kaedan holte den Griffel und die Tafel, weil eine Frage nur so gestellt werden konnte: er las die Buchstabenreihe vor, und Andokar drückte bei dem richtigen, und es dauerte für ein Wort etwa vier Minuten.

Das Wort war: WARTEN

Kaedan legte die Tafel hin.

„Ja", sagte er. „Wahrscheinlich. Acht von elf haben nie gekämpft. Wenn du einwilligst, ist das Wahrscheinlichste, dass du in einer Halle unter dem Palast stehst und nichts geschieht, und dass das dreitausend Jahre so bleibt, und dass du die ganze Zeit da bist."

Ein Druck.

„Du wusstest das."

Ein Druck.

„Woher?"

Drei Drücke. Vier Minuten. Das Wort war: LISTE

„Du hast das Verzeichnis gelesen." Kaedan lachte nicht; Custodes lachen selten und nie in solchen Räumen, aber etwas in seinem Gesicht bewegte sich. „Wann?"

Vier Minuten: DREIHUNDERT JAHRE

„Du hast es als Neuer gelesen. Vor dreihundert Jahren."

Ein Druck.

„Warum?"

Und das dauerte am längsten von allem, elf Minuten, und es ergab:

WEIL ICH WISSEN WOLLTE OB ES EINEN AUSWEG GIBT

VII. Die elf

Bethon las sie vor, in der Nacht vor dem ersten Fragen, weil das Verfahren es verlangte, und weil das Verfahren an dieser Stelle klüger war als die, die es geschrieben hatten.

Er las sie Andokar vor. Nicht dem Tribun, nicht der Kommission. Dem, der einwilligen sollte.

„Der Erste. Name gelöscht. Eingebettet im vierten Monat der Belagerung, aus Wunden, die ich Euch nicht beschreibe, weil Ihr sie kennt. Er kämpfte einundzwanzig Tage. Er wurde am zweiundzwanzigsten aus dem Feld genommen und steht seither in der zweiten Halle. Er hat seit fünfzehnhundert Jahren auf keine Ansprache mehr reagiert. Wir wissen nicht, ob das eine Entscheidung ist."

Er las langsam. Er las jede Zeile ganz, auch die Teile, die nichts Erhebliches enthielten, weil Erheblichkeit eine Auswahl gewesen wäre.

„Der Zweite. Eingebettet 118.M31. Sechshundert Jahre ohne Einsatz. Bat im Jahr 719.M31 darum, dass es ende. Der Bitte wurde nicht stattgegeben, weil zu diesem Zeitpunkt keine Regel für die Rücknahme einer Einwilligung bestand. Es besteht seither eine. Sie wurde nie angewandt."

Andokars Hand lag still auf der Platte.

„Der Dritte. Eingebettet 402.M32 nach einem Unfall in der Vergolderei — ja, so steht es dort, und nein, es gibt keine weitere Erläuterung. Steht in der ersten Halle. Antwortet."

„Der Vierte. 546.M32. Elf Stunden Einsatz gegen etwas, das in der Akte nur eine Ordnungsnummer trägt. Danach zweitausend Jahre. Antwortet nicht mehr, aber verfolgt Bewegung."

„Der Fünfte. Eingebettet 1090.M32 auf eigenen, wiederholten und ausdrücklichen Wunsch, nach dem Verlust beider Arme und der Wirbelsäule. Er wollte es. Es ist der einzige Fall in dieser Liste, in dem das Verfahren beschleunigt werden musste, weil er nicht aufhörte zu fragen. Er steht seit achttausend Jahren in der dritten Halle und hat in achttausend Jahren einen einzigen Satz gesagt, und der Satz steht hier, und ich lese ihn nicht vor, weil er nicht für Euch bestimmt war."

Bethon hielt inne.

„Wollt Ihr ihn hören?"

Ein Druck.

Bethon sah lange auf die Platte.

„Ich habe mich geirrt", las er.

Er las weiter. Der Sechste, der Siebte, der Achte. Der Neunte, der elf Stunden bei Vaxhall gekämpft und danach elfhundert Jahre gestanden hatte. Der Zehnte, über den in vierhundert Jahren dreimal berichtet worden war, dass er sich in der Halle bewegt habe, und der drei Untersuchungen ausgelöst hatte, und über den in der Akte in einer anderen Handschrift stand: Es ist nichts. Lasst ihn.

Der Elfte war zweihundert Jahre her und war der Einzige, den Bethon selbst eingetragen hatte.

„Er war mein Wachbruder", sagte Bethon. „Ich habe ihn zwölfmal gefragt, und er hat zwölfmal ja gesagt, und ich habe ihn danach nie wieder besucht, und das ist der Grund, aus dem ich Euch das hier vollständig vorlese, obwohl es niemand verlangt."

Er rollte die Platte nicht ein. Er ließ sie liegen.

„Morgen früh beginne ich mit dem ersten Fragen", sagte er. „Zwölf Tage. Einmal am Tag, zur selben Stunde, in demselben Wortlaut. Ihr könnt an jedem dieser zwölf Tage nein sagen, und dann ist es vorbei, und niemand wird Euch danach fragen, warum, und ich werde die Sache aus dem Verzeichnis nehmen, als hätte es sie nicht gegeben."

Er stand auf.

„Und Custodian — eines noch. Es gilt als unfein, das zu sagen, aber ich sage es, weil es wahr ist und weil Ihr es in die Rechnung nehmen sollt: Ihr seid nach dem Riss der Erste. Wenn Ihr ja sagt, wird man Euch in vierzig oder in vierhundert Jahren vermutlich brauchen. Die Welt draußen ist nicht mehr die, in der acht von elf nie gebraucht wurden."

Andokars Hand bewegte sich.

Drei Drücke. Vier Minuten.

Das Wort war: ODER

VIII. Zwölf Tage

Der Wortlaut war seit zehntausend Jahren derselbe, und er war kurz.

Custodian, willigt Ihr ein in die lange Wache?

Bethon sprach ihn jeden Morgen zur elften Stunde, im Stehen, ohne Zeugen außer dem Arzt, der ihn nicht bezeugte, sondern nur da war. Danach wartete er. Es gab keine Frist für die Antwort. Beim vierten Fragen dauerte es siebenundzwanzig Minuten, und Bethon stand siebenundzwanzig Minuten und rührte sich nicht.

Erster Tag: ja. Zweiter Tag: ja. Dritter Tag: ja.

Am vierten Tag kam nach den siebenundzwanzig Minuten kein Druck, sondern drei, und es dauerte neunzehn Minuten, und die Frage war: WIE VIELE HABEN BEIM VIERTEN AUFGEHÖRT

„Zwei", sagte Bethon. „Der Sechste beim siebten Fragen. Ein Mann, dessen Namen ich nicht nennen darf, weil er nicht ins Verzeichnis kam, beim zweiten."

Dann: ja.

Fünfter Tag: ja. Sechster Tag: ja.

Am siebten Tag kam Kaedan und blieb.

Er hatte nicht die Erlaubnis; er hatte auch nicht das Verbot, weil niemand ein Verbot für nötig gehalten hatte, und Bethon sah ihn an, sah dann Andokar an und stellte die Frage.

Ja.

Am achten Tag brachte Kaedan etwas mit. Es war ein Stück Auramit, handgroß, mit einer eingeschliffenen Zahl darauf, und es stammte aus einer der dreiundzwanzig Nischen im oberen Gang. Er legte es Andokar auf die Brust.

„Nummer neun", sagte er. „Das ist deine Nische. Sie bleibt leer, egal wie das hier ausgeht. Sie werden sie nicht neu vergeben, weil du auf der Liste bleibst. Das ist der Punkt, den ich dir sagen wollte und den ich acht Tage lang nicht gesagt habe: Du wirst gezählt. In beiden Fällen. Es gibt keine Version davon, in der du aus den Zehntausend verschwindest."

Ja.

Neunter Tag: ja. Zehnter Tag: ja.

Am elften Tag kam die Antwort nach vier Sekunden, was schneller war als an allen Tagen davor, und Bethon trug es ein und schrieb daneben, in seiner sehr kleinen Handschrift: ohne Zögern, und darunter, weil er ein ehrlicher Mann war: ich weiß nicht, wie ich das werten soll.

Am zwölften Tag war die Kammer voll.

Es war nicht angeordnet worden. Es hatte sich herumgesprochen; im Adeptus Custodes spricht sich alles herum, es gibt nur zehntausend von ihnen und sie leben zu lange, um Geheimnisse zu haben, und als Bethon zur elften Stunde eintrat, standen einhundertzwölf Custodianer in dem Raum und auf dem Gang davor, in Rüstung, ohne Helme, und keiner von ihnen sagte etwas.

Bethon sah sie an. Dann sah er Andokar an.

„Ich kann sie hinausschicken", sagte er.

Kein Druck.

„Ich frage anders: Soll ich sie hinausschicken?"

Zwei Drücke.

Bethon nickte.

„Custodian Andokar", sagte er, „willigt Ihr ein in die lange Wache?"

IX. Der Tribun

In der Nacht zwischen dem zwölften Fragen und der Einbettung ließ Tribun Orwynne Bethon rufen.

Er tat es spät und ohne Anlass, und Bethon kam, weil man einem Tribun nicht sagt, dass es spät ist.

„Setzt Euch."

„Ich stehe lieber."

„Ich auch", sagte Orwynne. „Deswegen habe ich es gesagt."

Es war ein kleiner Raum, ein Arbeitsraum, mit einem Tisch, einer Karte und drei Tafeln an der Wand, auf denen Namen standen. Bethon kannte den Raum nicht; Tribune haben Räume, die niemand kennt.

„Ich will von Euch eine Auskunft", sagte Orwynne, „und ich will sie nicht als Tribun."

„Dann fragt nicht als Tribun."

„Ich kann nicht anders fragen. Das ist der Punkt." Orwynne legte beide Hände auf den Tisch. „Custodian Kaedan hat mir vor zwölf Tagen im oberen Gang gesagt, dass ich das hier für mich tue. Dass ich die Nacht nicht haben will, in der ein Tribun angeordnet hat, dass ein Custodian aufhört. Ich habe ihm nicht widersprochen, weil man einem Untergebenen nicht widerspricht, wenn er wahrscheinlich recht hat."

„Hat er recht?"

„Ich weiß es nicht", sagte Orwynne. „Und deswegen frage ich Euch: Ist in den elf Fällen jemals ein Vorgesetzter dafür belangt worden?"

Bethon dachte nach.

„Nein", sagte er. „Es hat auch nie einer angeordnet. Das ist Teil der Konstruktion. Der Vorgesetzte ordnet nichts an; er stellt fest, dass die Möglichkeit besteht, und danach ist er aus der Sache heraus. Ich frage. Er nicht."

„Das ist eine sehr saubere Konstruktion."

„Ja", sagte Bethon. „Sie ist von Männern gebaut worden, die genau Eure Frage hatten und keine Lust, sie noch einmal zu haben."

Orwynne sah auf die Karte. Es war eine Karte des Palastes, und sie war nutzlos, weil der Palast sich seit ihrer Anfertigung an vierzehn Stellen verändert hatte und niemand die Karte je berichtigte, weil es unmöglich war.

„Ich habe die Antwort auf die Frage des Arztes nicht gegeben", sagte er. „Er hat mich in der ersten Nacht gefragt, wofür ich Andokar aufheben will. Ich habe nichts gesagt. Ich habe es zwölf Tage lang nicht gesagt, und Kaedan hat es gemerkt, und Andokar wahrscheinlich auch."

„Und?"

„Ich habe keine", sagte Orwynne. „Ich hebe ihn nicht für etwas auf. Ich hebe ihn auf."

Bethon nickte langsam.

„Das ist die ehrlichste Antwort, die ich in vierhundert Jahren zu dieser Frage gehört habe", sagte er, „und sie ist auch die schlechteste, und beides gleichzeitig, und das ist bei uns häufiger so, als man von außen annehmen würde."

Er ging zur Tür.

„Tribun. Wenn es Euch etwas hilft: Er hat zwölfmal ja gesagt, und beim elften Mal nach vier Sekunden. Ihr habt ihn nicht überredet. Ihr habt ihm nur nicht im Weg gestanden, und das ist alles, was ein Vorgesetzter in dieser Sache tun kann und darf."

„Ist es genug?"

„Nein", sagte Bethon. „Es ist nur alles."

X. Die Einbettung

Die Maschine hieß Telemon.

Sie stand seit dreitausend Jahren in einer Werkstatt in der vierten Ebene und war in dieser Zeit einhundertvierzigmal gewartet worden, ohne je einen Insassen gehabt zu haben. Das war der Grund ihrer Existenz: Man hielt zwei davon bereit, immer, weil ein Bedarf, der alle neunhundert Jahre einmal auftritt, sich nicht ankündigt.

Sie war gold und schwarz, was zu erwarten war, und sehr klein für das, was sie war. Das überraschte alle, die sie zum ersten Mal sahen. Ein Telemon ist kompakt gebaut, weil er für Gänge gedacht ist, für Treppen, für Türen, für den Palast; er ist keine Belagerungsmaschine, er ist ein Wächter, der zufällig aus vier Metern Auramit besteht.

Der Sarkophag lag offen wie ein aufgeschlagenes Buch.

Was in den nächsten neun Stunden geschah, wird hier nicht beschrieben. Es ist beschrieben worden, einmal, von dem Arzt, der es tat, in einem Bericht von vierzig Seiten, den außer Bethon nie jemand gelesen hat, und der in der letzten Zeile den Satz enthält: Ich habe ihm gesagt, was ich jeweils tat, weil ich der Ansicht bin, dass ein Mann bei vollem Verstand ein Recht darauf hat, und ich bin nicht mehr sicher, ob das eine Freundlichkeit war.

Kaedan war im Raum. Er hatte darum gebeten, und Orwynne hatte es genehmigt, und Bethon hatte gesagt: „Ihr werdet es bereuen", und Kaedan hatte gesagt: „Ja", und war geblieben.

In der siebten Stunde schlossen sie den Sarkophag.

In der achten füllte sich der Kern mit der Flüssigkeit, deren Bezeichnung im Adeptus Custodes eine andere ist als bei den Orden — die Wärter der Space Marines nennen sie in ihrem eigenen Jargon Grauwasser, und Bethon hatte das Wort einmal in einem Bericht der Eisenadern gelesen und für treffender gehalten als das eigene, viersilbige, das er nicht ausstehen konnte.

In der neunten stand die Maschine.

Sie stand einfach. Niemand hatte einen Befehl gegeben. Die Beine trugen sich selbst, wie sie es seit dreitausend Jahren im Leerlauf getan hatten, und dann drehte sich der Kopf, zwölf Grad nach links, und blieb.

Er sah auf die dreiundzwanzigste Nische, die man auf einem Karren hereingerollt hatte, weil Kaedan darauf bestanden hatte.

Sie war leer.

XI. Was er hörte

Ein Custodian in einem Telemon hört anders, als er es gewohnt ist, und die Umstellung dauert Jahre.

Er hört zu viel. Die Aufnehmer sind für ein Schlachtfeld gebaut, und der Palast ist kein Schlachtfeld; er ist ein Ort, an dem sechzigtausend Menschen wohnen und arbeiten und in dem seit zehntausend Jahren niemand einen Nagel eingeschlagen hat, ohne dass es irgendwo protokolliert wurde. Andokar hörte in den ersten Monaten alles: den Sand in den Fugen, die Pumpen sechs Ebenen tiefer, die Atmung der Wachen im Gang.

Er lernte, es wegzudrücken. Das dauerte elf Jahre.

Er hörte in dieser Zeit vor allem eines, und es war das, was ihn am meisten überraschte: dass die anderen acht nicht schwiegen.

Sie standen in drei Hallen unter dem Ostquerhaus, und sie schwiegen für einen Besucher, weil ein Besucher nichts hörte. Aber untereinander gab es einen Kanal. Er lag ganz unten im Band, unterhalb dessen, was ein Helm aufnimmt, und über ihn hatten die acht sich in mehreren Jahrtausenden eine Verständigung eingerichtet, die aus sehr wenigen und sehr langsamen Zeichen bestand.

Es war derselbe Kanal, den die sterblichen Wärter anderer Orden, die Ölhände der Vierten Legion zum Beispiel, deren Protokoll Bethon in einer Abschrift besaß, den unteren Kanal nennen, und über den man einen Insassen ansprechen kann, ohne ihn zu wecken. Dass die Custodes ihn benutzten, stand in keiner Akte. Es hatte nie jemand gefragt.

Das erste Zeichen, das Andokar empfing, kam im vierten Monat, aus der zweiten Halle, und es dauerte neun Stunden.

Es war eine Frage, und sie lautete: LEBT DER PALAST NOCH

Er antwortete. Es dauerte einen Tag.

JA

Danach war lange nichts. Im zweiten Jahr kam ein zweites Zeichen, aus der ersten Halle, von dem Dritten, dem mit der Vergolderei, der antwortete.

Es lautete: DU BIST NEU. IRGENDWANN FRAGST DU DICH WARUM DU JA GESAGT HAST. DANN SAG ES UNS. WIR SAMMELN.

XII. Die Halle

Sie stellten ihn in die zweite Halle, weil dort Platz war, und sie machten das, was man in solchen Fällen macht: Sie richteten den Raum her.

Es gab eine Vorschrift dafür. Sie war siebentausend Jahre alt und regelte die Beleuchtung, die Luftführung, die Abstände zwischen den Standplätzen und die Frage, ob ein Eingebetteter mit dem Gesicht zur Tür oder zur Wand aufgestellt wird. Die Antwort auf die letzte Frage lautete: zur Tür. Der Grund stand nicht dabei, aber jeder verstand ihn.

Was die Vorschrift nicht regelte, war der Besuch.

Es hatte nie eine Regel gebraucht, weil es nie ein Problem gewesen war: In den ersten Jahrhunderten kam man, und dann kam man seltener, und dann kam man nicht mehr, und niemand hatte das je aufgeschrieben, weil es niemandem als Vorgang aufgefallen war. Es war einfach die Form, die die Sache annahm.

Kaedan kam.

Er kam im ersten Jahr wöchentlich. Im dritten monatlich. Ab dem zwölften Jahr einmal im Jahr, immer am selben Tag, und das war der Tag, an dem sie in die vierte Kammer unter dem Ostquerhaus hinabgestiegen waren.

Er sprach nicht viel. Es gab nicht viel zu sprechen; ein Telemon hat keine Stimme, die für Gespräche gebaut wäre, und das Zeichensystem der acht war zu langsam für Höflichkeiten. Kaedan setzte sich auf den Boden vor dem Standplatz. Es war dieselbe Geste, mit der sich, achttausend Kilometer entfernt, ein anderer Mann auf den Boden einer Kinderstube gesetzt hätte, in einem Berg auf einer Waldwelt, aus einem Grund, den keiner von beiden hätte benennen können. Dann erzählte er, was im Jahr gewesen war.

Im dreiunddreißigsten Jahr erzählte er, dass Tribun Orwynne im Nihilus-Raum eingesetzt sei und seit sechs Jahren keine Meldung geschickt habe.

Im einundsechzigsten, dass Bethon das Amt abgegeben habe und dass der neue Verwahrer die Auramitplatte um eine Zeile ergänzt habe und dass die Zeile Andokars Name sei.

Im neunundachtzigsten, dass die dreiundzwanzigste Nische immer noch leer sei und dass zweimal jemand versucht habe, sie zu vergeben, und dass es zweimal nicht durchgegangen sei, und dass er, Kaedan, damit nichts zu tun gehabt habe, was gelogen war.

Dazwischen lagen die Jahre, in denen nichts erzählt wurde.

Das war der eigentliche Inhalt der zweiten Halle, und es dauerte vierzig Jahre, bis Andokar begriff, dass es ein Inhalt war und keine Abwesenheit. Zwischen zwei Besuchen lagen dreihundertfünfundsechzig Tage. Ein Tag hatte im Palast einen Rhythmus, den man von unten hören konnte: die Wachablösungen, viermal; die große Pumpe unter der dritten Ebene, die alle elf Stunden ansprang und deren Lager im vierundzwanzigsten Jahr getauscht wurden, wonach sie anders klang; die Prozession am Achtundzwanzigsten jedes Monats, die zweiundvierzig Meter über der Halle vorbeiführte und deren Gesang durch den Fels kam, ohne Text.

Er lernte, den Fehler in der Prozession zu hören.

Es war ein sehr kleiner Fehler: Der Chor setzte an einer Stelle im dritten Responsorium eine Achtelnote zu früh ein, und zwar seit dem achtzehnten Jahr, seit einem Wechsel im Chormeisteramt. Andokar hörte ihn zwölfhundert Mal. Er sendete im sechsundfünfzigsten Jahr ein Zeichen an die erste Halle, mit der Frage, ob der Dritte ihn auch höre.

Die Antwort kam nach zwei Monaten: JA. SEIT ACHTZEHN JAHREN. ICH HABE MICH NICHT GETRAUT ZU FRAGEN.

Das war, soweit Andokar es beurteilen konnte, das Komischste, was in der zweiten Halle in sechstausend Jahren gesagt worden war, und er hätte darüber gelacht, wenn er noch etwas gehabt hätte, mit dem sich lachen ließ.

Er begann, Dinge zu sammeln, weil der Dritte gesagt hatte, dass sie sammelten.

Es waren keine Gedanken. Gedanken hatte er zu viele; die waren das Problem und nicht der Bestand. Was er sammelte, waren Sätze, die im Vorbeigehen gefallen waren, weil vor der Tür der zweiten Halle eine Wache stand und weil Wachen reden, wenn sie annehmen, dass niemand zuhört.

Im einunddreißigsten Jahr sagte eine Wache zur anderen: „Meinst du, die hören uns?" — und die andere sagte: „Nein." Und die erste sagte: „Ich rede trotzdem lieber leise."

Im vierundvierzigsten Jahr fragte ein sehr junger Custodian einen sehr alten, warum die acht mit dem Gesicht zur Tür stünden, und der alte sagte: „Damit sie sehen, wenn jemand kommt." Und der junge sagte: „Es kommt nie jemand." Und der alte sagte: „Ja. Aber sie sehen es."

Diesen Satz gab Andokar weiter, an alle acht, und er brauchte vier Tage dafür, und es war das längste Zeichen, das er je gesendet hatte.

Im einhundertvierten kam er nicht.

Im einhundertfünften kam er und sagte, wo er gewesen war, und es dauerte den ganzen Tag, weil er dabei über den unteren Kanal sprechen musste, und am Ende dieses Tages hatte Andokar zum ersten Mal seit einhundertfünf Jahren ein Zeichen an alle acht gesendet, und das Zeichen lautete: ES HAT ANGEFANGEN

XIII. Einhundertvierzig

Im einhundertvierzigsten Jahr kam Kaedan zum letzten Mal.

Er war nicht alt. Custodes werden nicht alt in irgendeinem Sinn, den ein Sterblicher wiedererkennen würde; sie werden nur allmählich zu etwas, das mehr aus Geschichte besteht als aus Gegenwart. Aber er ging anders, und er trug die rechte Schulterplatte eines anderen Mannes, und er hatte in den zurückliegenden vierzig Jahren zweiundzwanzig Monate im Feld verbracht, was für einen Custodian des Inneren Palastes ungeheuerlich viel war und was hundertfünfzig Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre.

Er setzte sich auf den Boden.

„Sie brauchen dich", sagte er.

Er ließ es stehen. Über den unteren Kanal wäre der Satz zwei Stunden gewesen; er sagte ihn laut, und ein Telemon hört laut ausgezeichnet.

„Nicht heute. In zwei Jahren, vielleicht in vier. Es gibt eine Sache im Nihilus-Raum, und wir haben nicht genug Männer, die durch eine Tür passen und die aushalten, was hinter dieser Tür steht, und ich habe deinen Namen genannt." Kaedan legte die Hände auf die Knie. „Ich wollte, dass du das von mir hörst und nicht von einem Befehl."

Andokar antwortete nicht sofort.

Neunzig Sekunden — für ihn eine Geschwindigkeit, die er in einhundertvierzig Jahren verlernt hatte und die ihn selbst überraschte.

WARUM ICH

„Weil du gewartet hast", sagte Kaedan. „Und weil ich vor einhundertvierzig Jahren in einem Gang gestanden und einem Tribun gesagt habe, dass acht von elf nie gebraucht wurden, und weil ich damit recht hatte und es trotzdem falsch war."

Er stand auf.

„Ich habe dagegengesprochen", sagte er. „Ich habe im oberen Gang gesagt, man solle dich sterben lassen. Ich habe das nie zurückgenommen, und ich nehme es auch jetzt nicht zurück, weil ich es damals so gemeint habe und weil ein Mann, der seine alten Sätze zurücknimmt, sobald sie ihm unbequem werden, nichts wert ist." Er sah zu der Maschine hoch. „Ich sage nur dazu: Ich habe mich geirrt."

Es war derselbe Satz, den der Fünfte in achttausend Jahren gesagt hatte, und beide wussten es, und keiner von beiden sagte etwas dazu.

Das Zeichen dauerte vier Minuten.

ICH AUCH NICHT

„Was?"

ICH NEHME AUCH NICHTS ZURÜCK

Kaedan stand eine Weile.

„Nein", sagte er. „Das hast du nie."

Er ging zur Tür. Dort blieb er stehen, wie Leute an Türen stehen bleiben, seit es Türen gibt.

„Nummer neun", sagte er. „Die Nische. Ich habe sie diesmal nicht verteidigen müssen. Der neue Verwahrer hat von sich aus abgelehnt." Er nickte einmal. „Es ist ein Verfahren geworden. Es steht jetzt in einer Vorschrift, dass die Nische eines Eingebetteten leer bleibt. Sie haben es aufgeschrieben, weil du der Erste warst, bei dem jemand nachgefragt hat."

Dann ging er.

XIV. Die stumme Zeile

Die Auramitplatte hat heute zwölf Zeilen.

Die zwölfte ist die kürzeste, weil der Verwahrer, der sie eintrug, ein sparsamer Mann war und weil zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu berichten war. Sie lautet:

Der Zwölfte. Andokar. Eingebettet im ersten Jahrzehnt nach dem Riss. Zwölfmal gefragt, zwölfmal eingewilligt, elfmal ohne Zögern. Steht in der zweiten Halle.

Darunter hat eine andere Hand, sehr viel später, eine Zeile ergänzt, und das war nicht vorgesehen und ist auch nie beanstandet worden:

Wurde gebraucht.

Es gibt keinen dritten Eintrag. Was Andokar im Nihilus-Raum tat, wie lange, und ob er zurückkam, steht in einer anderen Akte, in einem anderen Amt, unter einer Ordnungsnummer, und wer sie lesen will, muss dafür ein Amt bekleiden, das in zehntausend Jahren vierzehn Männer bekleidet haben.

Was in der zweiten Halle bleibt, ist der Standplatz.

Sie stehen dort zu acht, weil einer fehlt, und sie stehen mit dem Gesicht zur Tür, wie es die Vorschrift verlangt, und über einen Kanal ganz unten im Band, unterhalb dessen, was ein Helm aufnimmt, geben sie einander alle paar Jahrzehnte ein Zeichen weiter.

Es ist immer dieselbe Frage, seit sechstausend Jahren. Sie wandert von der ersten Halle in die zweite und von der zweiten in die dritte und wieder zurück, und jeder gibt sie weiter, weil das Weitergeben die einzige Bewegung ist, die ihnen bleibt.

Die Frage lautet:

STEHT ER NOCH

Und irgendwo im Palast, sechs Ebenen höher, geht ein Custodian mit der rechten Schulterplatte eines anderen Mannes durch einen Gang mit dreiundzwanzig Nischen, von denen eine leer ist und leer bleibt, und er zählt sie nicht, weil er sie längst kennt.

Er antwortet auch nicht. Er hat den Kanal nicht.

Aber er geht zweimal täglich vorbei, seit vierhundertvierzig Jahren, und bei der neunten Nische wird er jedes Mal ein wenig langsamer, und das ist alles, was das Imperium für seine Toten und für seine Nicht-ganz-Toten übrig hat, und die Custodes wissen das besser als alle anderen, weil sie es aufgeschrieben haben.

Ein Custodian, der in der zweiten Woche seines Dienstes steht und den Gang zum ersten Mal geht, hat vor drei Tagen gefragt, warum die neunte Nische leer sei.

Man hat ihm gesagt, dass es dafür ein Verfahren gebe, und man hat ihm gesagt, wo er es nachlesen könne, und er hat es nachgelesen, so wie vor viereinhalb Jahrhunderten ein anderer Neuer eine Liste mit elf Zeilen nachgelesen hat, weil er wissen wollte, ob es einen Ausweg gibt.

Es steht dort in vier Sätzen. Der letzte lautet: Die Nische bleibt leer, solange der Eingewilligte steht.

Er hat das gelesen und für eine Ehrung gehalten.

Er ist zweiundzwanzig Jahre alt, und in dreihundert Jahren wird er in einem Gang stehen und einem Tribun sagen, dass acht von elf nie gebraucht wurden, und er wird damit recht haben.

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