Der Widerruf

Die Drachenwächter

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„Ich habe zweiunddreißig Jahre lang gegen den Zweifel gepredigt. Ich habe dabei nie bemerkt, dass der Zweifel das einzige Werkzeug ist, das der Imperator uns gelassen hat, um zu prüfen, ob das, was wir glauben, uns gehört.“

Buch des Lebenden Feuers, zweiundzwanzigster Eintrag, versiegelt

I. Vorbemerkung zu einem Buch, das ich widerrufen habe

Ich schreibe dies zwei Jahre und vier Monate nach dem Antifeuer und einundvierzig Tage nach dem Langen Herd.

Ich schreibe es in demselben Buch, das ich vor viertausend Menschen für falsch erklärt habe. Das Buch, das ich damals ins Feuer gelegt habe, war eine Abschrift. Es hat gebrannt wie Papier brennt, und die Menschen haben zugesehen, und es hat gewirkt.

Wer das hier findet, wird zuerst denken, dass ich gelogen habe, und dann wird er denken, dass ich zweimal gelogen habe: einmal am Langen Herd, als ich sagte, das Feuer sei ein Symbol, und einmal hier, wo ich das Gegenteil aufschreibe. Ich kann ihm das nicht nehmen. Ich kann nur sagen, in welcher Reihenfolge es geschehen ist, und was ich in dem Moment gewusst habe, in dem ich es tat.

Ordensmeister Auren Drak-Soln hat mir gestattet, diesen Eintrag zu machen, und er hat mir gestattet, ihn zu versiegeln. Ich habe ihn gefragt, warum. Er hat gesagt: „Weil ich in zweihundert Jahren jemanden brauche, der weiß, wie es passiert ist, und weil dieser Jemand nicht du sein wirst."

Es ist ein guter Grund. Es ist derselbe Grund, aus dem er mir damals, in der Stille-Kammer, befohlen hat, das Buch zu teilen.

Ich habe den Befehl ausgeführt. Alles Weitere folgt daraus.

II. Teile es

Der Ordensmeister sagte: „Teile es." Ich sagte: „Ja, Ordensmeister."

Ich habe damals nicht gefragt, mit wem. Das war der erste Fehler, und er war so klein, dass ich ihn zwei Jahre lang nicht als Fehler erkannt habe.

Ich ließ neun Abschriften fertigen. Neun ist keine heilige Zahl; neun war die Anzahl der Brüder, von denen ich annahm, dass sie das Buch lesen würden, ohne mich danach entweder zu bewundern oder zu meiden. Ich habe mich in vier Fällen geirrt, und ich habe mich, wie sich zeigte, in beide Richtungen geirrt.

Hauptmann Lyeth Vor'an las es in einer Nacht und gab es mir am nächsten Morgen zurück, im Gehen, mit dem Satz: „Es erklärt, warum du nie mitkommst." Das war keine Kritik. Vor'an redet so.

Scriptor Dreth Koss'valan las es dreimal und schrieb an den Rand. Seine Randbemerkungen sind das Klügste, was je über das Buch gesagt worden ist, und die längste von ihnen lautet: Du beschreibst hier ein Verhalten und nennst es ein Wesen. Zwischen beiden liegt der ganze Unterschied, und du machst ihn nicht. Ich habe darauf keine Antwort gefunden. Ich habe sie bis heute nicht gefunden.

Ordenspriester Hask Tamm'un las es und kam am siebten Tag zu mir und sagte drei Sätze, die ich hier vollständig wiedergebe, weil er im Ergebnis recht behalten hat und weil ich möchte, dass das aufgeschrieben ist:

„Du sagst, das Feuer lebt. Ein Bruder, der das hört, hört eine Lehre. Ein Mensch, der das hört, hört eine Erlaubnis. Du hast in dreißig Jahren nie mit Menschen geredet, Voss'aran, du hast nur zu ihnen gesprochen."

Ich habe ihm gesagt, dass ich den Unterschied kenne.

Ich kannte ihn nicht.

III. Onnek

Es gab damals eine offene Frage im Orden, und niemand wollte sie entscheiden, und deshalb landete sie bei mir, wie alle Fragen landen, für die es kein Verfahren gibt.

Die Frage lautete: Was geschieht mit dem alten Schmied.

Er hieß Onnek. Er war vom Valdek-Stamm, ungefähr fünfundsiebzig Jahre alt, ein Mann mit einem verkrüppelten linken Daumen und den Händen eines Menschen, der sein Leben lang heißes Metall angefasst hat. Er hatte am Ersten Stein gestanden und begonnen, eine Zeichenfolge einzumeißeln, die er nicht lesen konnte, weil ein Fremder, der sich Keth nannte, ihm gesagt hatte, es sei ein Segen für seinen Stamm.

Der Fremde war ein Harrowmaster der Alpha Legion. Die Zeichenfolge war ein Anker, und wäre sie fertig geworden, wäre alles, was diese Welt mit unserem Blut verbindet, an einem Nachmittag erloschen.

Der Mann hatte nichts davon gewusst. Er hatte an einem Stein gearbeitet, weil ihn jemand darum gebeten hatte, und weil er in siebenundfünfzig Jahren nie erlebt hatte, dass jemand ihn um etwas Böses bat.

Das zweite Gebot des Kessler-Protokolls lautet: Die Stämme sind der Orden. Es ist kein Bild. Wir rekrutieren aus ihnen, wir garnisonieren bei ihnen, wir essen an ihren Herden, und wenn ein Drachenwächter in vierhundert Jahren einmal etwas Gutes über sich sagen darf, dann dieses: Wir haben auf Varanthos nie eine Siedlung ausgelöscht, weil es einfacher gewesen wäre.

Also war die Frage nicht, ob wir ihn töten. Die Frage war, was wir ihm sagen.

Ich ging allein hin. Ich nahm den Helm ab, was ich fast nie tue, und ich saß neun Stunden in dem niedrigen Raum seines Hauses, während draußen der Wald tropfte, und der alte Mann redete, und was er sagte, war immer dasselbe in verschiedenen Worten:

„Ich habe es getan. Ich wusste es nicht. Beides ist wahr. Was mache ich jetzt damit?"

Ich kenne diese Frage. Sie ist die einzige religiöse Frage, die es gibt; alles andere ist Verwaltung. Ich habe sie zweiunddreißig Jahre lang von Brüdern gehört, die einen Befehl ausgeführt hatten, der falsch war, oder einen nicht ausgeführt hatten, der richtig war. Ich habe darauf immer geantwortet, und meine Antwort war immer dieselbe, und sie hat immer geholfen.

Ich gab sie ihm.

„Das Feuer fragt nicht, wer du warst. Es fragt nur, ob du brennst."

Onnek sah mich an. Er weinte nicht; die Alten der Valdek weinen nicht vor Fremden. Er saß einfach da und ließ den Satz in sich fallen wie einen Stein in einen Schacht, und ich sah ihm zu und war zufrieden mit mir.

Am nächsten Morgen fragte er, ob er den Satz aufschreiben dürfe.

Ich habe ihm nicht nur das erlaubt. Ich habe ihm eine Abschrift dagelassen.

Ich möchte, dass hier steht, dass mich niemand dazu gedrängt hat. Der Ordensmeister hatte gesagt: teile es. Ich habe angenommen, er meine den Orden. Ich habe entschieden, dass er auch die Stämme meint. Die Entscheidung war meine, sie war in dreißig Sekunden getroffen, und sie war die folgenreichste meines Lebens.

IV. Der Lange Herd

Achtzehn Monate später kam Scout Vel'har zu mir und meldete etwas, wofür sie kein Wort hatte.

Sie ist neunzehn, aus dem Vas'kara-Stamm, und sie hat die Wärmewahrnehmung nicht gelernt, sondern mitgebracht — bei ihr ist es kein Sinn des Blutes, sondern etwas, das ihre Familie seit vier Generationen hat und für gewöhnlich hält. Sie ist deshalb der einzige Mensch auf dieser Welt, der die Dinge zuerst bemerkt.

„Ordenspriester. Bei den Valdek brennt ein Feuer, das nicht aufhört."

„Feuer hören auf, wenn kein Holz mehr da ist."

„Ja", sagte sie. „Deshalb melde ich es."

Ich ging drei Tage später hin.

Sie hatten es zwischen der Siedlung und dem Fluss gebaut, auf der einzigen freien Fläche, die der Valdek-Stamm besitzt: eine Rinne aus Basaltbrocken, vierzig Schritte lang, kniehoch, mit einer Feuerstelle an jedem Ende und einer durchgehenden Glut dazwischen. Sie nannten es den Langen Herd. Es sah aus wie das, was es war: ein sehr großer Kochplatz, gebaut von Leuten, die nie etwas anderes gebaut hatten als Kochplätze.

Am Herd saßen an diesem Nachmittag etwa achtzig Menschen. Zwei Kinder legten Holz nach. Eine Frau, die ich nicht kannte, las mit dem Finger aus einem Heft, laut, langsam, mit den Fehlern eines Menschen, der spät lesen gelernt hat.

Sie las aus meinem Buch.

Ich möchte genau sein, weil an dieser Stelle jeder ungenau wird, der es später erzählt hat. Es war kein Kult. Es gab keinen Priester. Es gab kein Zeichen. Es gab keine Opfer, keine Verstümmelung, keine Anrufung von irgendetwas, das nicht der Imperator oder der Primarch gewesen wäre. Sie begannen mit dem imperialen Morgengebet, so wie sie es von unseren Garnisonstrupps gelernt hatten, und sie beendeten es korrekt, und danach las die Frau aus dem dritten Abschnitt meines Buches, in dem steht, dass Feuer atmet und frisst und wächst.

Und dann sagten sie alle gemeinsam den Satz.

Ich stand am Waldrand, hundert Schritt entfernt, in voller Rüstung, mit der Knochenmaske vor dem Gesicht, und hörte vierundachtzig Menschen einen Satz sprechen, den ich einem einzelnen alten Mann als Trost gegeben hatte.

Ich habe in diesem Moment nichts Böses gespürt. Das ist der wichtigste Satz dieses Eintrags, und ich schreibe ihn ohne Entschuldigung hin: Ich habe nichts gespürt. Ich habe ein Dorf gesehen, das betete, und das Beten war orthodox, und das Feuer war warm, und ein alter Mann mit einem verkrüppelten Daumen saß am oberen Ende und sah zu und war zum ersten Mal seit zwei Jahren nicht allein.

Ich ging hin und segnete es.

V. Was ich sah, und was ich nicht maß

Ich blieb zwei Tage.

Onnek zeigte mir alles mit dem Stolz eines Handwerkers. Wie sie die Rinne ausgerichtet hatten, damit der Wind nicht hineinfährt. Wie sie die Glut übergeben, von Familie zu Familie, jede Nacht eine andere, damit niemand das Feuer besitzt. Wie sie die Asche nicht wegwerfen, sondern in die Felder tragen.

„Wir haben nichts erfunden", sagte er. „Wir machen, was wir immer gemacht haben. Wir machen es nur alle zusammen."

Das stimmte. Das war das Beunruhigende, wenn ich rückblickend sagen soll, wann mir zum ersten Mal etwas hätte auffallen müssen. Es war das Gewöhnlichste dieser Welt, nur ins Große gezogen.

Am zweiten Abend fragte mich eine Frau, ob das Feuer sie hören könne.

Ich sagte: „Nein."

Ich habe das gesagt. Es steht in keinem Bericht, weil ich keinen Bericht geschrieben habe, aber ich habe es gesagt, und ich habe es ehrlich gesagt, und ich habe mich dabei sicher gefühlt.

Und dann fragte sie: „Warum tut es dann, was in dem Buch steht?"

Ich habe ihr geantwortet, dass es umgekehrt sei: Das Buch beschreibe, was Feuer tue, und deshalb stimme beides überein, so wie eine Karte mit dem Land übereinstimmt.

Sie hat genickt. Sie war zufrieden. Ich war zufrieden.

Ich habe an diesem Abend keine einzige Messung veranlasst. Ich hatte einen Scriptor im Orden, der zwei Jahre zuvor unter dem Boden dieser Welt einen Gegenstand gefunden hatte, den keiner von uns erklären konnte, und ich habe ihn nicht gerufen, weil hier nichts zu erklären war.

Ordenspriester Hask Tamm'un hat mich später gefragt, warum nicht. Ich habe ihm gesagt: weil es keinen Anlass gab.

Das war wahr, und es war ein Ausweichen, und beides gleichzeitig ist die Form, in der ich in jenem Jahr die meisten meiner Sätze gesagt habe.

Der wirkliche Grund war einfacher. Ich hatte zweiunddreißig Jahre lang eine Theologie geschrieben, die niemand teilte, und zum ersten Mal saßen Menschen um ein Feuer und lebten sie, und es war schön, und ich wollte nicht der Mann sein, der ein Messgerät mitbringt.

VI. Hask Tamm'un

Wir sind vier Ordenspriester bei den Drachenwächtern. Es waren immer vier; niemand weiß mehr, warum.

Hask Tamm'un ist der Älteste. Er dient siebenundvierzig Jahre, er ist bei den Arun aufgewachsen, und er hat den Flammenkreis nie betreten. Nicht aus Furcht — er hat mir einmal die Innenseite seines Unterarms gezeigt, die von Handgelenk bis Ellbogen eine einzige alte Brandnarbe ist, und gesagt: „Ich habe keine Angst vor Feuer. Ich habe Angst vor Männern, die im Feuer stehen und dabei predigen."

Er kam elf Tage nach meinem Besuch bei den Valdek in meine Kammer und legte etwas auf den Tisch.

Es war ein Heft. Handgeschrieben, sehr sauber, in der Sprache der Valdek. Auf der ersten Seite stand mein Satz.

„Wo hast du das her?"

„Von einem Jungen aus der Vierzehnten, der bei seiner Mutter war." Tamm'un setzte sich nicht. „Er hat es mir gebracht, weil er nicht wusste, ob es erlaubt ist. Achtzehn Jahre alt, Novize im zweiten Jahr, und er hat es besser gewusst als du und ich zusammen."

„Es ist eine Abschrift meines dritten Abschnitts."

„Es ist eine Auswahl aus deinem dritten Abschnitt", sagte Tamm'un. „Lies es."

Ich las es.

Es waren neun Absätze. Alle neun standen genauso in meinem Buch. Keiner war verfälscht, keiner war umgestellt, keiner war ergänzt.

Aber der dritte Abschnitt hat vierzig Absätze, und die anderen einunddreißig sind die, in denen ich einschränke. In denen ich schreibe, dass die Aussage über das Leben des Feuers eine Analogie sei und keine Zuschreibung von Willen. In denen ich ausdrücklich sage, dass Feuer nicht hört, nicht antwortet, nichts will. In denen ich vor genau dem warne, wovon ich hoffte, dass ein Bruder es beim Lesen ohnehin mitdenkt.

Die einunddreißig fehlten. Nicht, weil jemand sie unterschlagen hatte. Weil niemand sie abgeschrieben hatte. Eine Frau, die spät lesen gelernt hat und Papier aus dem Fluss schöpft, schreibt nicht die Einschränkungen ab. Sie schreibt ab, was trägt.

„Das habe ich nicht gewollt", sagte ich.

„Nein", sagte Tamm'un. „Du hast es geschrieben. Wollen ist etwas für Leute mit weniger Reichweite."

Er ging zur Tür und blieb dort stehen, wie es alle tun.

„Ich verlange, dass wir es abbrennen. Den Herd, nicht die Menschen. Heute. Und dass wir jede Abschrift einsammeln, und dass du in jeder Siedlung persönlich sagst, dass es ein Irrtum war."

„Auf welcher Grundlage?"

„Auf gar keiner", sagte Hask Tamm'un. „Das ist mein Punkt. Wir haben keine Grundlage, und wir werden nie eine haben, weil es nichts gibt, was man messen könnte, bis es etwas gibt, was man messen kann. Und dann ist es zu spät. Deshalb macht man es vorher."

Ich habe abgelehnt.

Ich habe abgelehnt mit dem besten Argument, das ich hatte, und es war ein gutes Argument, und ich stehe bis heute dazu, dass es gut war: Man löscht nicht das Gebet von viertausend Menschen, weil ein Ordenspriester ein ungutes Gefühl hat. Wer das tut, hat die Ecclesiarchie im Kopf und nicht den Imperator, und wir sind nicht die Ecclesiarchie, und auf Varanthos ist noch nie jemand für ein Gefühl gestorben.

Hask Tamm'un hörte es sich an.

Dann sagte er: „Du hast recht. Und trotzdem wirst du es am Ende tun, und dann wird es teurer sein."

VII. Neun Tage Holz

Der erste Befund kam nicht von uns. Er kam vom Stamm.

Onnek ließ mir über eine Garnisonsstreife ausrichten, dass sie im letzten Zyklus zu viel Holz geschlagen hätten und dass die Männer der Vas'kara sich darüber lustig machten.

Ich verstand die Meldung nicht. Ich ließ nachfragen.

Die Antwort war: Sie hatten für den Langen Herd Holz für neun Tage geschlagen, so wie in jedem Zyklus. Am neunten Tag lag noch Holz für sechs Tage da.

Beim nächsten Zyklus schlugen sie weniger. Am neunten Tag lag noch Holz für acht Tage da.

Jetzt rief ich Koss'valan.

Er kam mit zwei Adepten und blieb elf Tage, und er tat, was er immer tut: Er maß erst das Naheliegende und danach das, worauf niemand kommt. Er wog das Holz. Er maß die Temperatur an vierzig Punkten. Er maß den Luftzug, den Aschenanfall, den Feuchtegehalt der Basaltbrocken, die Zusammensetzung des Rauchs.

Am zwölften Tag saß er mir in der Stille-Kammer gegenüber, drei Ebenen unter dem Hauptturm, an dem einzigen Ort im Festungskloster, an dem kein Feuer brennt.

„Ich fange mit dem an, was gut ist", sagte er. „Der Aschenanfall stimmt. Was verbrennt, verbrennt vollständig und normal. Es gibt keinen Rest, es gibt keine Fremdstoffe, es riecht nach nichts, was es nicht sein sollte."

„Und das Übrige?"

„Das Übrige ist die Wärmemenge." Koss'valan legte die Hände flach auf den Tisch, weil er beim Rechnen die Hände stillhalten muss. „Die Wärmemenge, die dieser Herd abgibt, übersteigt die Wärmemenge, die in dem Holz steckt, das sie hineinlegen. Seit ungefähr sieben Monaten. Zuerst um wenige Teile vom Hundert. Im letzten Zyklus um einundvierzig."

Ich sagte nichts.

„Mekhar." Er nannte mich sehr selten so. „Ich habe das dreimal gerechnet, und beim dritten Mal habe ich absichtlich zu meinen Ungunsten gerundet. Der Herd gibt mehr, als er bekommt."

„Woher?"

„Das ist die Frage, an der ich seit vier Tagen sitze, und ich habe eine Antwort, die mir nicht gefällt." Er sah mich an, und seine Augen sind weiß und ohne Iris und leuchten im Dunkeln schwach, und in der Stille-Kammer, in der es kein Feuer gibt, sind sie das Hellste im Raum. „Es gibt in diesem Universum genau eine bekannte Art von Ordnung, die mehr abgibt, als man hineinlegt, und die dabei keine Spuren im Material hinterlässt. Es ist nicht Physik. Es ist das andere."

„Sag es aus."

„Der Warp", sagte Dreth Koss'valan. „Es ist warpgespeist. Seit ungefähr sieben Monaten."

VIII. Iska

Ich muss an dieser Stelle von einem Kind schreiben, und ich habe achtundzwanzig Tage gebraucht, um mich dazu zu entschließen.

Sie heißt Iska. Sie ist Onneks Enkelin, sie war damals neun, und sie ist ihm im Sommer davor in die Esse gefallen — nicht ins Feuer, in die heiße Wand daneben, was schlimmer ist, weil man dort hängenbleibt. Sie hatte die rechte Schulter und die halbe rechte Gesichtsseite verloren. Unsere Garnison hatte getan, was ein Feldsanitäter tun kann. Es hatte gereicht, damit sie lebte.

Als ich sie im sechsten Monat nach meinem ersten Besuch wiedersah, war die Haut glatt.

Nicht besser. Nicht vernarbt. Glatt, in der Farbe der übrigen, mit Poren und mit feinem Flaum, so wie die Haut eines neunjährigen Kindes aussieht, das nie in einer Esse gehangen hat.

Ich habe daraufhin etwas getan, wofür ich mich nicht schäme und das ich trotzdem hier festhalten muss: Ich habe drei Stunden lang nach einer anderen Erklärung gesucht. Ich habe den Sanitätsbericht kommen lassen. Ich habe die Streife befragt, die sie damals gebracht hatte. Ich habe das Kind gebeten, mir die Schulter zu zeigen, und ich habe sie mit dem angesehen, was unsere Brüder Fire-Sight nennen — der Wärmesinn, den unsere Gensaat mitbringt und den die Stämme dieser Welt für Zauberei halten. Das Gewebe war gleichmäßig durchblutet, wie gesundes Gewebe eben ist.

Es gab keine andere Erklärung.

Ich fragte sie, wie es passiert sei.

Sie sagte: „Ich habe am Herd geschlafen, weil es kalt war. Und dann war es weg."

Ich fragte sie, ob sie gebetet habe.

Sie sagte: „Ich habe geschlafen."

Das ist die Stelle, an der jeder, der diesen Eintrag liest, dasselbe denken wird wie ich damals, und ich will das nicht weglassen, weil das Weglassen die eigentliche Lüge wäre. Ich habe gedacht: Es ist gut. Nicht als Prüfergebnis, nicht als Theologie, nicht als Amtshandlung. Ich habe eine Neunjährige mit heiler Haut vor mir stehen sehen und gedacht, dass etwas Gutes geschehen ist.

Ich bin ein Ordenspriester des Adeptus Astartes. Ich habe in zweiunddreißig Jahren mehr Ausdrücke in Gesichtern analysiert als die meisten. Ich kenne die Verfahren. Ich weiß, dass die Dinge, die im Warp geboren werden, sich zuerst als Gabe zeigen und dann als Bedingung und zuletzt als Besitz. Ich habe das Brüdern beigebracht.

Und ich stand in einem Dorf und war froh.

Wer diesen Eintrag findet und wissen will, wie es passiert ist: So passiert es. Nicht mit einem Pakt. Mit einem heilen Kind.

IX. Die Probe

Ich blieb in dieser Nacht am Langen Herd.

Ich schickte die Streife zurück und sagte, ich hätte in der Siedlung zu tun, und das war die zweite Lüge, die ich in dieser Sache gebraucht habe, und sie war klein, und ich merke sie mir trotzdem.

Gegen die dritte Stunde war niemand mehr da. Die drei Familien, die am Herd wohnen, schliefen. Der Wald tropfte, wie er nach jedem Regen sechs Stunden lang tropft. Die Glut lag in der Rinne über vierzig Schritte hin und war an keiner Stelle heller als an einer anderen.

Ich trat hinein.

Ich möchte, dass das genau dasteht, weil ich weiß, wie es klingt: Ich, ein Ordenspriester der Drachenwächter, in voller Rüstung, bin nachts in ein Feuer gestiegen, das ein Dorf gebaut hatte, ohne es zu melden, ohne Zeugen und ohne Auftrag.

Ich tat es, weil ich prüfen wollte, und ich hatte kein Verfahren, mit dem man das prüft, weil es keines gibt. Der Ordo hat Verfahren für Besessenheit, für Verderbnis, für Mutation, für Anwesenheit. Für die Frage, ob ein Feuer einen ansieht, hat niemand ein Verfahren, weil die Frage nach dem Verständnis des Imperiums nicht gestellt werden darf.

Ich stand also darin und tat, was ich seit dreißig Jahren jeden Morgen tue, und dann hörte ich auf, es zu tun, und stellte stattdessen eine Frage.

Ich stellte sie laut. Ich stellte sie so, dass sie nur auf eine Art beantwortbar war, und ich wählte etwas, das außer mir kein Lebender wusste: den Namen des Bruders, der mich in mein Amt eingeführt hat und der vor achtzehn Jahren in einem Verfahren gestorben ist, über das nichts in unseren Büchern steht, weil der Ordensmeister von damals entschieden hat, dass nichts darin stehen soll.

Ich fragte das Feuer, wie er hieß.

Nichts geschah.

Ich blieb zwei Stunden.

Nichts geschah. Die Glut lag da. Der Wald tropfte. In der Siedlung hustete ein Kind. Gegen die fünfte Stunde fing es an, hell zu werden, und ich trat aus dem Herd heraus und wusste, was ich wissen wollte, und war erleichtert.

Ich war neununddreißig Tage lang erleichtert.

Am vierzigsten Tag brachte mir Vel'har den Bericht der Garnisonsstreife über die Valdek, den sie alle vier Wochen schreibt, ein einseitiges Blatt über Erntemenge, Krankheiten, Streitfälle und Geburten. Ganz unten stand, wie in jedem dieser Berichte, eine Zeile über die Namen der Neugeborenen, weil unsere Rekrutierung in fünfzehn Jahren daraus schöpft.

In den vier Wochen davor waren bei den Valdek elf Kinder geboren worden.

Drei davon trugen den Namen, nach dem ich gefragt hatte.

Es ist kein seltener Name. Ich habe das sofort geprüft: Er kommt auf dieser Welt in vier Stämmen vor, er ist zwei Silben lang, und in den letzten neun Jahren tragen ihn bei den Valdek unter dreihundertvierzig Geburten sechs Kinder. Sechs in neun Jahren. Drei in vier Wochen.

Das ist kein Beweis. Es ist auch nicht in der Nähe eines Beweises. Ich habe es dreimal durchgerechnet und bin dreimal zu demselben Ergebnis gekommen: Es ist unwahrscheinlich, und Unwahrscheinliches geschieht ununterbrochen und überall, und wer aus einer Häufung auf eine Ursache schließt, hat aufgehört, ein Prüfender zu sein.

Ich habe es niemandem gemeldet. Nicht Koss'valan, nicht dem Ordensmeister, nicht Hask Tamm'un. Ich melde es hier, zum ersten Mal, einundvierzig Tage danach, an einen Leser, den es noch nicht gibt.

Und ich schreibe dazu, was ich in dem Moment gedacht habe, in dem ich die drei Namen las, denn das ist das Einzige, was von dem ganzen Vorgang noch übrig ist:

Ich habe nicht gedacht: Es hat geantwortet.

Ich habe gedacht: Es hat mich gehört, und es hat vierzig Tage gebraucht, um eine Antwort zu bauen, die ich nicht als Antwort melden kann.

Und dann habe ich das Blatt weggelegt und bin zur Abendandacht gegangen und habe vor der Vierten Kompanie über Pflicht gesprochen.

X. Die Quelle

In dieser Nacht holte ich das Buch heraus und las den ersten Eintrag, den ich vor zweiundzwanzig Jahren geschrieben hatte.

Ich habe in Nummer eins festgehalten, wie das Buch begann, und ich habe es damals absichtlich unvollständig festgehalten, und das ist die einzige bewusste Auslassung meines Lebens.

Die vollständige Fassung ist diese.

Vor zweiundzwanzig Jahren, auf einem Mond, dessen Namen ich hier nicht schreibe, weil das Verfahren gegen die dortige Zelle noch läuft, lag vor mir ein sterbender Mensch. Er war Kultist. Er hatte einundvierzig Menschen in einer Zisterne verbrannt und dabei etwas gesagt, das die Überlebenden gehört und weitergegeben hatten, und ich war dorthin geschickt worden, weil die Formulierung theologisch war und weil so etwas zu uns kommt.

Er lag da mit einer zerschossenen Hüfte und sah mich an, und er sagte:

„Das Feuer fragt nicht, wer du warst."

Ich habe ihn getötet. Das war richtig, und ich habe es nie bereut.

Dann habe ich vier Jahre lang gesucht, wo der Satz herkommt, weil ich ihn kannte, und weil ich nicht wusste, woher, und weil das ein unerträglicher Zustand ist.

Ich fand ihn im dritten Regal des Reklusiams von Drak'Varanthos, in einer Abschrift der Feuerreden unseres ersten Ordensmeisters, Tho'mar Vesh, geschrieben irgendwann im ein-und-dreißigsten Jahrtausend, als der Orden noch keine hundert Jahre alt war.

Der vollständige Satz bei Vesh lautet:

Das Feuer fragt nicht, wer du warst. Es fragt nur, ob du brennst. Frag du also, wer sie waren, denn du bist kein Feuer.

Der Kultist hatte den ersten Teil gehabt.

Ich hatte in meinem Buch die ersten beiden.

Der dritte hat in zweiundzwanzig Jahren in keiner Fassung gestanden, in keiner Abschrift, in keiner Predigt, und ich habe ihn nicht weggelassen, weil er unbequem war. Ich habe ihn weggelassen, weil er meiner Ansicht nach das Bild schwächte.

Das ist der Befund, mit dem ich seither lebe, und er hat nichts mit dem Warp zu tun und nichts mit den Valdek. Der Mann, der einundvierzig Menschen verbrannte, und ich haben denselben Text gelesen und beide dieselbe Zeile gestrichen.

XI. Was es war

Wir versammelten uns in der Stille-Kammer: der Ordensmeister, Vor'an, Voln-Kaar, Koss'valan, Hask Tamm'un, ich. Ravan Keth stand an der Tür, weil er immer an Türen steht.

Und Keth-Morr saß am Tisch.

Er sitzt seit zwei Jahren an unseren Tischen. Er trägt eine Rüstung ohne Abzeichen, er hat keinen Rang, und der Ordensmeister hat über ihn eine Entscheidung getroffen, die er bis heute niemandem mitgeteilt hat. Er ist der einzige Mann in diesem Festungskloster, der nichts zu verlieren hat, und das macht ihn im Rat wertvoller als drei Hauptleute.

Koss'valan legte vor.

„Es ist warpgespeist, und es ist neu." Er sagte das ohne jede Dramatik, so wie er Zahlen sagt. „Es hat kein Zeichen, keinen Namen, keine Signatur, die einem der Vier zuzuordnen wäre. Ich habe sechs Wochen gesucht. Es gibt nichts. Was da ist, hat keine Herkunft außerhalb dieser Welt."

„Dann sag, was es ist", sagte Drak-Soln.

„Es ist eine Gestalt aus Übereinstimmung", sagte Koss'valan. „Viertausend Menschen sagen jeden Abend denselben Satz über dasselbe Feuer. Sie meinen es aufrichtig, sie meinen dasselbe, sie tun es lange, und sie tun es an einem Ort, an dem Feuer seit zwölftausend Jahren heilig ist. Das ist im Immaterium keine Frömmigkeit. Das ist ein Bauplan."

„Ein Dämon", sagte Voln-Kaar.

„Wenn du willst. Ich würde es nicht so nennen, und das ist keine Wortklauberei." Koss'valan hob den Blick. „Ein Dämon ist ein Stück eines Gottes. Das hier ist ein Stück von ihnen. Es hat keinen Willen, den es mitgebracht hätte. Es hat den, den sie ihm gegeben haben. Und was sie ihm gegeben haben, steht im dritten Abschnitt eines Buches, das in diesem Raum sechs von acht Anwesenden gelesen haben."

Niemand sah mich an. Das war schlimmer, als wenn sie es getan hätten.

Hauptmann Rath Voln-Kaar sagte: „Ich stelle die Frage, die niemand stellt. Was, wenn es uns nützt?"

Niemand antwortete sofort. Voln-Kaar ist kein dummer Mann; er stellt solche Fragen, weil er weiß, dass sie im Raum sind, und weil er es für gefährlicher hält, wenn sie ungefragt bleiben.

„Vierzehn Monate", sagte er. „Bessere Ernte, mehr Kinder, weniger Kranke, und eine Wärmemenge, die aus dem Nichts kommt. Wenn ich das auf einer Karte sähe und es hieße Erzader, würden wir einen Schacht darüber bauen."

„Es ist keine Erzader", sagte Koss'valan.

„Nein. Es ist besser. Es wächst." Voln-Kaar sah in die Runde. „Ich sage nicht, dass wir es behalten sollen. Ich sage, dass jeder in diesem Raum den Gedanken schon hatte, und dass ich lieber der bin, der ihn ausspricht, als der, der ihn mit nach Hause nimmt."

„Es ist die richtige Frage", sagte Drak-Soln. „Scriptor, beantworte sie."

„Ich kann sie nicht beantworten", sagte Koss'valan, „und das ist die Antwort. Ich kann nicht sagen, was es in zehn Jahren will, weil es das nicht selbst weiß. Es hat keinen Charakter. Es hat einen Zustand, und der Zustand ändert sich mit dem, was die Betenden hineingeben, und die Betenden ändern sich, weil Menschen sich ändern. Wenn in vier Jahren eine Missernte kommt und viertausend Menschen an einem Herd um Regen bitten, statt für Wärme zu danken, dann steht dort etwas anderes als heute, und niemand wird sagen können, wann es gewechselt hat."

„Und was will es?", fragte Vor'an.

„Es will, was Feuer will", sagte Koss'valan. „Es atmet, es frisst, es wächst. Wörtlich. Es hat sieben Monate lang von dem gelebt, was sie hineingelegt haben, und seit sieben Monaten reicht ihm das nicht mehr, und deshalb nimmt es die Differenz woanders her. Bisher aus dem Immaterium, was billig ist, weil es dort neu ist und niemandem gehört. Das wird sich ändern. Es ändert sich immer."

„Wann?", sagte der Ordensmeister.

„Ich weiß es nicht. Ein Jahr. Zehn. Es wächst nicht gleichmäßig; es wächst mit der Zahl der Betenden, und die Zahl der Betenden hat sich in acht Monaten von achtzig auf viertausendzweihundert erhöht." Er machte eine Pause. „Ordensmeister, ich muss noch etwas sagen, und ich sage es ungern, weil es nach Theologie klingt und ich Scriptor bin und nicht Ordenspriester."

„Sag es."

„Es ist nicht böse", sagte Dreth Koss'valan. „Ich habe danach gesucht. Es gibt keine Verderbnis in dem Dorf. Keine Mutation, keine Krankheit, keine Träume, keine Stimmen, keine der neunzehn Anzeichen. Die Menschen sind gesünder als der Landesdurchschnitt. Die Ernte ist gut. Die Kinderzahl ist gestiegen. Ein Kind mit einer Verbrennung dritten Grades ist geheilt worden." Er sah auf seine Hände. „Wenn ich einen Bericht ohne den Wärmehaushalt schreiben würde, stünde darin: Die Valdek haben ein sehr gutes Jahr."

Hask Tamm'un sagte, sehr ruhig: „Und das ist der Grund, warum wir es heute Nacht töten müssen."

XII. Der Mann, der nichts ist

Nach dem Rat blieb ich sitzen, und Keth-Morr blieb auch sitzen, und Ravan Keth ging hinaus und schloss die Tür.

„Du willst mich etwas fragen", sagte ich.

„Nein." Keth-Morr saß, wie er immer sitzt, mit den Unterarmen auf den Knien, halb abgewandt. „Ich will dir etwas sagen, und du wirst es hassen, und du wirst es trotzdem brauchen, weil dir sonst niemand hier den Gefallen tut."

„Dann sag es."

„Ich habe dein Buch." Er sagte es ohne Betonung. „Du hast es mir gegeben, in einer Höhle, mit einer gebrochenen Schulter. Ich habe es sechsmal gelesen. Ich habe zweiunddreißig Jahre lang Glaubensgemeinschaften infiltriert, Voss'aran. Ich habe achtzehn Kulte von innen gesehen und vier davon selbst gegründet, weil es der schnellste Weg in eine geschlossene Gesellschaft ist. Ich weiß, wie man so etwas baut."

„Und?"

„Und deins ist besser gebaut als alle achtzehn." Er sah mich zum ersten Mal an. „Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beobachtung, und sie ist wichtig. Die Kulte, die ich gegründet habe, waren Lügen, und Lügen halten drei Jahre, weil sie an einer Stelle nicht zur Wirklichkeit passen und jemand irgendwann dorthin sieht. Dein Buch ist keine Lüge. Es passt überall. Und deshalb hört es nicht von selbst auf."

Ich sagte lange nichts.

„Du sagst, es ist wahr."

„Ich sage, es funktioniert wie etwas Wahres, und ich kann den Unterschied nicht messen, und du auch nicht, und der Scriptor auch nicht." Keth-Morr lehnte sich zurück. „Ich sage dir, was ich in dreißig Jahren gelernt habe, und dann gehe ich und du kannst mich hassen. Der Unterschied zwischen einem Glauben, der ein Volk trägt, und einem Glauben, der ein Volk frisst, liegt nicht im Inhalt. Er liegt darin, ob jemand da ist, der widersprechen darf. Deine Valdek dürfen nicht widersprechen. Nicht weil du es verboten hättest. Weil du ihnen die Absätze nicht gegeben hast, in denen du selbst widersprichst."

„Ich habe eine Abschrift dagelassen. Die vollständige."

„Ja", sagte Keth-Morr. „Und sie haben daraus neun Absätze abgeschrieben. Das ist keine Bosheit. Das ist, was Menschen mit Texten tun. Jeder Text, den du aus der Hand gibst, wird gekürzt, und was übrigbleibt, ist immer das, was trägt, und nie das, was bremst."

Er stand auf.

„Eines noch. Du wirst gleich anfangen, dir zu überlegen, wie du das rückgängig machst, ohne dass jemand stirbt. Es gibt keinen solchen Weg. Es gibt nur Wege, bei denen andere sterben, und einen, bei dem du stirbst. Nicht körperlich. Wähl trotzdem den."

XIII. Was ein Orden entscheidet

Der Ordensmeister ließ mich zwei Tage später allein in den Zirkelraum kommen, in dem seit Tho'mar Vesh ein Feuer brennt, das nie erloschen ist.

Er stand daneben und sah hinein. Ich stand hinter ihm.

„Drei Wege", sagte er. „Ich zähle sie auf, und du sagst mir bei jedem, was er kostet."

„Ordensmeister."

„Der erste. Wir töten den Herd und die vier Siedlungen, die daran hängen. Zweitausendsechshundert Menschen. Es ist sauber, es ist schnell, und es ist das, was der Ordo Hereticus täte, wenn er in vier Jahren davon erführe, und dann wären es viertausendzweihundert und die Garnison dazu."

„Der Preis ist der Orden", sagte ich. „Nicht bildlich. Die Stämme sind der Orden. Wenn wir sie verbrennen, weil sie zu gut gebetet haben, rekrutieren wir in zwei Generationen niemanden mehr, der uns die Hand gibt."

„Der zweite. Wir tun nichts und beobachten. Koss'valan hält es unter Aufsicht, wir melden es niemandem, und wir sehen zu, was daraus wird."

„Der Preis ist die Zeit", sagte ich. „Es wächst mit der Zahl der Betenden. Wir würden auf ein Wesen aufpassen, das jedes Jahr stärker wird, mit Mitteln, die jedes Jahr gleich bleiben. Und irgendwann wäre der Punkt erreicht, an dem der erste Weg nicht mehr zweitausendsechshundert kostet, sondern alles."

„Der dritte." Drak-Soln drehte sich um. „Wir nehmen ihm, wovon es lebt."

Ich sagte nichts.

„Sag den Preis, Ordenspriester."

„Es ist nicht der Herd, wovon es lebt", sagte ich. „Es ist die Übereinstimmung. Man kann Übereinstimmung nicht verbieten; ein Verbot erzeugt sie. Man kann sie nur zerstören, indem man den Menschen den Grund nimmt, aus dem sie übereinstimmen. Der Grund ist ein Satz, und der Satz ist meiner, und ich bin der Einzige, dem sie glauben werden, wenn er ihn zurücknimmt."

„Ja."

„Und ich müsste ihn nicht einschränken, sondern für falsch erklären. Vollständig. Vor allen. Und ich müsste ihnen glaubhaft machen, dass ich sie belogen habe, weil sie sonst denken, man habe mich gezwungen — und wenn sie das denken, wird der Glaube nicht kleiner, sondern heimlich, und heimliche Übereinstimmung ist dichter als offene."

„Ja", sagte der Ordensmeister. „Und der Preis?"

Ich habe an dieser Stelle das Einzige getan, was ich in dieser ganzen Sache richtig gemacht habe: Ich habe nicht sofort geantwortet.

„Der Preis ist, dass sie danach nichts mehr haben", sagte ich schließlich. „Nicht das Feuer. Sie hatten vorher nichts, und sie haben es ausgehalten. Sie werden danach etwas weniger als nichts haben, weil sie wissen werden, dass sie einmal etwas hatten und dass ein Mann in schwarzer Rüstung gekommen ist und es ihnen weggenommen hat, mit Worten, und dass sie ihm dabei zugehört haben."

„Und der Preis für dich?"

„Das ist nicht wichtig."

„Doch", sagte Auren Drak-Soln. „Das ist es. Ich habe drei Ordenspriester, die diesen Widerruf sprechen könnten, ohne dass es sie etwas kostet, und keiner von ihnen würde geglaubt werden. Du wirst geglaubt werden, weil es dich etwas kostet, und die Menschen hören das. Ich befehle dir also etwas, von dem ich weiß, was es tut. Ich möchte, dass wenigstens einer von uns beiden das ausgesprochen hat."

Ich sagte: „Ich werde danach nicht mehr predigen können."

„Nein", sagte er. „Wirst du nicht."

„Dann tue ich es."

XIV. Der Widerruf

Es waren viertausendzweihundert, und sie kamen, weil ich sie rufen ließ.

Das ist der Teil, den ich am genauesten aufschreiben muss, weil er der einzige ist, bei dem alle anderen später gesagt haben, sie hätten weggesehen.

Ich ließ den Langen Herd hoch brennen. Ich ließ ihn nicht löschen; ich ließ vier Tagesrationen Holz hineinlegen, weil ich wollte, dass es hell ist, und weil ich wollte, dass sie ihm dabei zusehen.

Ich trat in den Flammenkreis, wie ich es seit dreißig Jahren tue. Ich nahm die Knochenmaske ab, was ich fast nie tue, und ich legte sie neben mich in die Glut, wo alle sie sehen konnten.

Und dann log ich.

Ich sagte, dass ich vor zweiundzwanzig Jahren ein Buch begonnen hätte, weil ich ehrgeizig gewesen sei. Das war wahr, und ich sagte es zuerst, weil eine Lüge, die mit einer Wahrheit beginnt, sich anhört wie ein Bekenntnis.

Ich sagte, dass ich darin behauptet hätte, das Feuer lebe. Ich sagte, dass ich das nie geprüft, sondern nur schön gefunden hätte. Ich sagte, ein Ordenspriester, der etwas schön findet und es aufschreibt, sei kein Priester mehr, sondern ein Sänger, und ein Sänger dürfe nicht lehren.

Ich sagte, dass Feuer nicht lebt.

Ich sagte, dass Feuer nichts hört und nichts will und niemanden ansieht und niemanden heilt. Ich sagte, dass es Sauerstoff verbrennt und Kohlenstoff hinterlässt und nichts weiter, und dass ich das immer gewusst und trotzdem etwas anderes geschrieben hätte, weil ich gewollt hätte, dass die Welt größer aussieht, als sie ist.

Ich sagte, der Imperator sei nicht in ihrem Feuer. Ich sagte, er sei auf Terra, auf einem Thron, sehr weit weg, und er habe von ihrem Herd nie gehört und werde nie davon hören, und dass jedes Gebet, das sie hier gesprochen hätten, nirgendwo angekommen sei.

Das war der Satz, bei dem eine Frau in der dritten Reihe anfing zu weinen, und ich sah es und machte weiter, weil ich es genau darauf angelegt hatte.

Ich nannte den Namen des Kindes. Ich sagte, sie sei nicht geheilt worden, sondern jung, und junge Haut heile, und ein Sanitäter unserer Garnison habe gute Arbeit geleistet, und sie hätten die gute Arbeit eines Sterblichen einem Feuer zugeschrieben, weil es ihnen besser gefallen habe.

Ich nannte Onneks Namen. Ich sagte, ich hätte einem alten Mann, der Schuld auf sich geladen habe, aus Bequemlichkeit einen Satz gegeben, statt ihm eine Buße aufzuerlegen, und dass alles, was hier stehe, aus meiner Bequemlichkeit gewachsen sei und nicht aus seinem Glauben.

Ich sah ihn dabei an. Er stand am oberen Ende, wo er immer stand.

Ich sah sie während des Sprechens an. Das gehört dazu; ein Ordenspriester, der beim Sprechen über die Köpfe sieht, wird nicht geglaubt, und ich brauchte an diesem Abend jedes Werkzeug, das ich hatte.

Deshalb weiß ich, wo Iska stand. Sie stand in der zweiten Reihe, links vom oberen Ende, weil dort ihr Großvater stand, und sie hatte die rechte Schulter frei, wie die Kinder es in diesem Sommer alle hatten, und die Haut war glatt.

Ich habe ihren Namen genannt, während ich sie ansah, und ich habe gesagt, sie sei nicht geheilt worden, und ich habe dabei die geheilte Schulter angesehen.

Es hat mich nichts gekostet. Das ist der Befund, den ich mir aufgeschrieben habe, noch in derselben Nacht, mit unruhiger Hand, und der seither in meinem Buch steht: Es hat mich nichts gekostet. Ich habe zweiunddreißig Jahre lang geglaubt, dass ein Mensch, der etwas Falsches sagt, dabei etwas spürt, und dass dieses Spüren der Rest des Imperators in uns ist. Es gibt dieses Spüren nicht. Es gibt Übung.

Ein Mann in der vierten oder fünften Reihe rief etwas. Ich habe nicht verstanden, was, und ich habe nicht nachgefragt, und die Menschen um ihn herum haben ihn zum Schweigen gebracht, ohne dass ich etwas tun musste. Das ist die Sache, die man über Menschen wissen muss und die ich zu spät gelernt habe: Sie verteidigen einen Glauben gegen Fremde und sie geben ihn auf, wenn der Mann, der ihn gebracht hat, ihn zurücknimmt. Es gibt keine dritte Möglichkeit. Ein Glaube ist ein Gegenstand, den jemand in der Hand hatte.

Und dann nahm ich die Abschrift, hielt sie hoch, damit viertausendzweihundert Menschen sahen, was es war, und legte sie in den Herd.

Das Papier bog sich, wurde braun und ging auf einmal ganz hoch, so wie Papier es tut.

Ich hatte damit gerechnet, dass irgendetwas geschehen würde. Ich hatte im Stillen sogar damit gerechnet, dass es sich wehrt — dass die Flamme ausschlägt, dass es kalt wird, dass eine Stimme kommt, irgendein Zeichen, an dem viertausend Menschen und ich selbst hätten ablesen können, dass hier etwas war und dass es nun stirbt.

Es geschah nichts. Es hat sich nie gewehrt. Es hat, soweit ich es beurteilen kann, überhaupt nie etwas getan außer wärmen, und das war das Einzige, worum sie es gebeten hatten.

Ich blieb im Flammenkreis stehen, bis es fertig war, und dann sagte ich den einen Satz, den ich mir vorher zurechtgelegt und viermal überarbeitet hatte, weil er das eigentliche Werkzeug war:

„Geht nach Hause und kocht darauf."

Ich habe in dreißig Jahren Männern beigebracht, wie man eine Formation bricht. Man bricht sie nicht an der stärksten Stelle. Man bricht sie da, wo sie sich selbst nicht ernst nimmt.

Am nächsten Abend kamen zweihundert. Am dritten sechzig. Am neunten kam niemand, außer den drei Familien, die am Herd wohnen und die dort ohnehin ihr Essen machen.

Am elften Tag maß Koss'valan die Wärmemenge, und sie stimmte mit dem Holz überein.

XV. Elf Tage

Ich blieb.

Es war Gehorsam, nicht Mut: Der Ordensmeister hatte befohlen, dass ich bleibe, weil ein Ordenspriester, der einen Widerruf spricht und danach abfliegt, in den Augen der Menschen ein Bote ist und kein Zeuge, und ein Bote nimmt seine Botschaft mit, wenn er geht.

Also stand ich elf Tage lang jeden Abend am Langen Herd und sah zu, wie ein Glaube nach Plan starb.

Am ersten Abend kamen sie fast alle. Nicht um zu beten — um mich anzusehen. Viertausend Menschen, die vierundzwanzig Stunden zuvor gemeinsam einen Satz gesprochen hatten, standen in Gruppen an der Rinne und sahen einem Astartes zu, der auf einem Basaltbrocken saß und nichts tat. Es wurde wenig geredet. Kinder liefen dazwischen her, wie Kinder es tun, und wurden zurückgeholt.

Am zweiten Abend kamen etwa tausend, und jemand fing an zu kochen. Das war der Augenblick, in dem ich wusste, dass es wirken würde. Der Geruch von Fleisch über Feuer ist das Gegenteil einer Liturgie; man kann an einem Herd, an dem gekocht wird, nicht knien.

Ich hatte das mit voller Absicht ausgelöst, mit einem Satz aus fünf Wörtern, und ich stand dabei und roch es und war stolz auf meine Arbeit, und ich schreibe das hier hin, damit es dasteht.

Am dritten Abend kam die Frau, die vorgelesen hatte.

Sie heißt Naimi, sie ist etwa vierzig, sie hat mit vierunddreißig lesen gelernt, weil ein Garnisonssanitäter es ihr beigebracht hat, und sie war vierzehn Monate lang jeden Abend diejenige gewesen, die aus dem Heft las. Sie stellte sich vor mich hin, mit dem Heft in der Hand, und es war ihr anzusehen, dass sie den ganzen Tag geübt hatte, was sie sagen wollte.

„Ihr habt gesagt, es sei nie angekommen."

„Ja."

„Auch das Morgengebet nicht?"

Und da, an genau dieser Stelle, hätte ich alles retten können, was zu retten gewesen wäre. Das Morgengebet ist imperial. Es ist orthodox, es ist vorgeschrieben, es wird auf einer Million Welten gesprochen, und es hatte mit dem Ding in ihrem Feuer nicht mehr zu tun als der Regen. Ich hätte sagen können: Das Gebet ist angekommen. Nur das andere nicht.

Ich habe es nicht gesagt.

Ich habe es nicht gesagt, weil ich in diesem Moment gerechnet habe, wie ich seit elf Tagen rechnete: Wenn ich ihr das Morgengebet lasse, lasse ich ihr das Beten, und wenn ich ihr das Beten lasse, bleibt eine Gemeinde, und eine Gemeinde findet einen neuen Satz.

Ich sagte: „Auch das nicht."

Naimi sah mich an. Dann legte sie das Heft auf den Basalt, nicht ins Feuer, sondern daneben, und ging.

Sie kam nicht wieder. Sie lebt noch. Ich habe nachgefragt. Sie geht seit einundvierzig Tagen nicht mehr zu den Andachten der Garnison, und der Feldsanitäter berichtet, dass sie ihn zweimal weggeschickt hat.

Ich habe an diesem Abend einer Frau, die spät lesen gelernt hatte, das Lesen verdorben, und ich habe es getan, weil die Rechnung es verlangte, und die Rechnung war richtig.

Vom vierten Abend an wurde es leichter, und das ist das Widerwärtigste an der ganzen Sache. Sechshundert. Zweihundert. Neunzig. Am neunten Abend saßen drei Familien an ihrem Kochplatz und aßen, und eine Frau schimpfte mit ihrem Mann über Holz, und niemand sprach einen Satz, und niemand sah zu mir herüber.

Am elften Tag kam Koss'valan mit den Waagen und maß, und am Abend sagte er mir die Zahl, und die Zahl stimmte mit dem Holz überein, und da war es vorbei.

Er packte seine Geräte selbst ein, was er sonst die Adepten tun lässt.

„Willst du wissen, was du getan hast?", fragte er.

„Ich weiß, was ich getan habe."

„Nein", sagte Dreth Koss'valan. „Du weißt, was du erreicht hast. Das ist etwas anderes, und du wirst den Unterschied in ungefähr einem Jahr merken, und dann komm zu mir."

XVI. Was danach blieb

Der Rest ist kurz, und ich schreibe ihn ohne Umschweife.

Onnek ging in der Nacht des dritten Tages in den Herd. Nicht in die Glut zwischen den Steinen, sondern in die Feuerstelle am oberen Ende, wo er immer gesessen hatte. Er tat es leise. Man fand ihn am Morgen, und die Frau, die ihn fand, hat nicht geschrien, sondern zuerst die Kinder weggeschickt, weil sie eine Valdek ist und weil man auf dieser Welt das zuerst tut.

Ich war in Drak'Varanthos und schrieb einen Bericht.

Die Wunde des Kindes kam nach neunzehn Tagen wieder.

Ich habe Koss'valan gefragt, ob das möglich sei, und er hat nach vier Tagen geantwortet, dass es nicht möglich sei und dass es geschehen sei und dass er mir dazu nichts weiter sagen könne, ohne etwas zu erfinden. Die Narbe ist heute so, wie sie vorher war: die rechte Schulter und die halbe rechte Gesichtsseite. Der Feldsanitäter sagt, es sei dasselbe Gewebe, an derselben Stelle, in derselben Ausdehnung, als hätte jemand achtzehn Monate herausgeschnitten.

Ich bin hingegangen. Ich schulde es dem Eintrag, das aufzuschreiben, obwohl ich es lieber nicht täte.

Sie saß vor dem Haus ihres Großvaters, der nicht mehr da war, und sie hatte keine Angst vor mir, weil sie nie Angst vor mir gehabt hat.

Sie fragte: „Warum mag uns das Feuer nicht mehr?"

Ich hatte drei Antworten. Die erste war die Wahrheit, und die Wahrheit hätte das ganze Werk der elf Tage zerstört. Die zweite war die Lüge vom Langen Herd, und ich brachte sie vor einem neunjährigen Kind nicht über die Lippen, was mir zeigt, dass ich vor viertausend Menschen etwas gesagt hatte, was ich vor einem nicht sagen konnte.

Ich nahm die dritte.

Ich sagte: „Es hat nie etwas gemocht, Iska. Es ist Feuer."

Sie hat genickt und danach nicht mehr gefragt.

XVII. Hask Tamm'un, zum zweiten Mal

Er kam vier Tage nach meiner Rückkehr in meine Kammer, und ich stand auf, weil ich annahm, dass er das Recht darauf hatte.

„Setz dich", sagte er. „Ich bin nicht gekommen, um recht zu haben."

„Du hattest recht."

„Ich hatte im Ergebnis recht und im Grund unrecht, und das ist die schlechteste Art, recht zu haben, weil man daraus nichts lernt." Er setzte sich schwerfällig. „Ich wollte den Herd abbrennen, weil ich Angst hatte. Du hast ihn zerredet, weil du gerechnet hast. Meins wäre schneller gewesen und hätte den Orden gekostet. Deins hat funktioniert und hat einen alten Mann und ein Kind gekostet. Wir sollten beide aufhören, so zu tun, als hätte einer von uns eine Lehre daraus."

Ich sagte ihm, dass ich nicht mehr predigen könne.

Er hat gefragt, ob ich es versucht habe. Ich habe gesagt: dreimal, vor der Vierten, vor der Zweiten, vor den Novizen des dritten Jahrgangs. Ich habe gesagt, dass ich jedes Mal genau bemerkt habe, an welcher Stelle der Satz greifen würde, und dass ich ihn genau dort nicht mehr habe sagen können, weil ich seit dem Langen Herd weiß, wie es sich anfühlt, wenn er greift.

„Dann predige nicht", sagte Hask Tamm'un. „Wir sind vier. Wir waren immer vier, und niemand weiß, warum, und ich habe siebenundvierzig Jahre lang vermutet, dass es daran liegt, dass einer von uns immer außer Dienst ist."

„Das ist kein Trost."

„Nein. Es ist ein Dienstplan." Er stand auf. „Du hast eine Aufgabe, Voss'aran, und es ist nicht mehr die des Predigers. Du bist der einzige Mann in diesem Orden, der weiß, wie man so etwas baut, ohne es zu wollen. Schreib es auf. Nicht die Theologie. Den Vorgang. Wie lange es dauert. Woran man es zuerst sieht. Warum das Holz nicht auffällt und die Ernte schon. In zweihundert Jahren steht ein junger Ordenspriester vor einem Dorf, das zu gut betet, und dann hängt alles daran, ob er das gelesen hat."

An der Tür blieb er stehen, weil sie das alle tun.

„Und Voss'aran. Das Kind. Wenn sie fünfzehn ist und zu uns will — sag nicht nein, weil du dich schämst. Das wäre der einzige Fehler, den du in dieser Sache noch machen kannst."

XVIII. Der zweiundzwanzigste Eintrag

Ich bete weiterhin im Flammenkreis. Ich stehe darin, morgens, wie seit dreißig Jahren.

Ich spreche nicht mehr darin.

Ich habe das anfangs für Buße gehalten und dann für Trotz, und inzwischen weiß ich, dass es keines von beidem ist: Ich weiß seit dem Langen Herd, dass ein Satz, den ich laut sage, etwas tut, und ich habe kein Verfahren, mit dem ich vorher feststellen könnte, was. Das ist keine Frömmigkeit und keine Vorsicht. Das ist der Zustand eines Werkzeugs, das man weggelegt hat, weil man die Kraft nicht mehr einschätzen kann, mit der es zubeißt.

Ich habe drei Dinge aufgeschrieben, und mit ihnen schließe ich.

Das Erste: Es gab nie einen Moment, in dem ich hätte sagen können, hier beginnt die Häresie. Ich habe danach gesucht, rückwärts, Woche für Woche. Der alte Mann, dem ein Priester Trost gibt — nein. Ein Dorf, das gemeinsam betet — nein. Ein Buch, das ein Ordensmeister freigibt — nein. Ein Kind, das gesund wird — nein. Es gibt keine Schwelle. Es gibt eine Steigung, und man merkt sie erst, wenn man umdreht und hinunterschaut.

Das Zweite: Ich habe am Langen Herd nichts gesagt, was falsch war, außer einem. Ich habe gesagt, ich hätte es nie geprüft und nur schön gefunden. Das ist die Lüge. Ich habe zweiundzwanzig Jahre geprüft. Alles andere, was ich dort gesagt habe, dass Feuer nicht hört, nicht will, niemanden ansieht, war die Lehre des Imperiums, und ich habe sie korrekt vorgetragen, und ich habe sie nicht geglaubt, und viertausendzweihundert Menschen haben es mir abgenommen.

Man kann einen Glauben mit der Wahrheit erschlagen. Das steht in keinem unserer Bücher, und es sollte darin stehen.

Das Dritte ist der Satz, und ich schreibe ihn hier vollständig hin, so wie Tho'mar Vesh ihn geschrieben hat, mit dem Teil, den ich zweiundzwanzig Jahre lang unterschlagen habe:

Das Feuer fragt nicht, wer du warst. Es fragt nur, ob du brennst. Frag du also, wer sie waren, denn du bist kein Feuer.

Ich habe den ersten Teil einem alten Mann gegeben und ihn damit umgebracht.

Ich habe den zweiten Teil viertausend Menschen gegeben und ihn ihnen wieder genommen.

Den dritten habe ich niemandem gegeben, und er ist der einzige, der etwas genützt hätte.

Ich widerrufe diesen Eintrag nicht.

— Mekhar Voss'aran, Ordenspriester der Drachenwächter, Drak'Varanthos. Versiegelt auf Anordnung des Ordensmeisters. Zu öffnen, wenn es wieder anfängt.

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