Der Totlauf
Astra Militarum (62. Ossenfeld-Schützen) · Munitorum (Ordinat Corrin)
„„Ein Mensch wird nicht durch eine Unterschrift gestrichen. Er wird nur durch eine zweite bestätigt.“ — Randvermerk, Handbuch der Abgleichkanzleien, Ausgabe unbekannt“
I. Der Vordruck
Der Deichläufer brachte die Post erst nach der Flut, wenn das Wasser wieder unter die Markierung von Ossenfeld-Süd gefallen war, und an diesem Morgen brachte er drei Briefe und einen amtlichen Bogen mit dem Doppeladler des Munitorum. Halvard Reiss nahm ihn mit denselben Händen entgegen, mit denen er seit siebenundzwanzig Jahren die Deiche der Vierten Kammer flickte, Hände, die wussten, wo eine Naht nachgab, bevor das Auge es sah.
Er hatte diese Hände auch benutzt, um Elena aus dem Wasser zu ziehen, elf Jahre zuvor, als die Kammer Zwei bei Nacht brach und sie beide draußen waren, weil sie es immer beide gewesen waren. Bei ihr war er zu spät gekommen. Er hatte sich geschworen, dass es bei niemandem sonst, den er liebte, noch einmal geschehen würde, ein Schwur, den kein Deich der Welt garantieren konnte und den er trotzdem hielt, jeden Tag, mit denselben Händen.
Der Vordruck M-9 hatte vierzehn Felder. Er las sie in der Reihenfolge, in der sie gedruckt waren, weil er glaubte, ein Formular, das ein Menschenleben abschloss, müsse wenigstens der eigenen Logik folgen.
Name: Tobias Reiss. Erkennungsnummer: OSF-62-4471. Umstand: vermißt, vermutlich gefallen, Gefecht um den Steg von Karnau, 34. Tag 934.M41.
Unter dem Feld für den Umstand stand die Erstzeichnung eines Einheitsführers, dessen Namen er nicht kannte, und darunter, in anderer Tinte, die Gegenzeichnung eines Offiziers, der Tobias nie befehligt hatte. Zwei Unterschriften, keine davon von jemandem, der seinen Sohn je gesehen hatte, seit der Junge auf dem Landeplatz von Ossenfeld-Nord in eine Schlange rasierter Köpfe getreten war und sich nicht mehr umgedreht hatte, weil man ihnen gesagt hatte, dass Umdrehen die Ausbilder erzürnte.
Vermutlich. Das Wort saß in dem Formular wie ein Kiesel in einer Naht, klein, aber genug, dass ein ganzes Bauwerk irgendwann nachgab, wenn man es ließ.
Halvard faltete den Bogen entlang der vorgesehenen Linie, so wie man es ihn gelehrt hatte, ordentlich, ohne dass das Papier riss, und legte ihn nicht ab, nicht in die Lade, nicht ins Feuer. Er ging noch am selben Tag hinaus zur Kammer und prüfte die Naht Vierzehn, die ihm seit einer Woche Sorgen machte, weil ein Mann, der arbeitete, nicht dachte, und weil er dachte, sobald er es nicht mehr tat.
II. Was eine Schwebeliste ist
Pater Ossred vom Kapellenhaus kannte das Wort, als Halvard es ihm am Abend brachte, zusammen mit dem gefalteten Bogen. „Vermutlich ist kein Urteil", sagte der Pater, der einst selbst als Feldkurat gedient hatte, bevor Ossenfeld ihn zurückgefordert hatte. „Es ist ein Aufschub. Das Munitorum schreibt keine Lügen, Halvard. Aber es schreibt auch nicht, was es nicht weiß, und was es nicht weiß, wird ihm zur Schwebeliste."
Die Schwebeliste, erklärte er, war ein Verzeichnis für Einheiten, die weder als bestehend bestätigt noch als erloschen gestrichen waren. Ein Regiment konnte Jahre darauf stehen, manchmal für immer, ein Name in einem Buch, das niemand schloss, weil niemand die Verantwortung dafür tragen wollte, ihn zu schließen.
„Und die Männer darin?"
„Stehen mit ihm. Weder das eine noch das andere. So lange, wie es dauert, bis jemand hinsieht."
Das war mehr, als das Formular gesagt hatte, und Halvard nahm es wie eine zweite Naht, an der sich ziehen ließ. Er verkaufte die Ersatzschleuse, die er sich zwölf Jahre lang für den Tag zurückgelegt hatte, an dem die alte endgültig brach, für eine Passage auf einem Frachter der Ordinat-Linie. Er sagte niemandem in der Kammer, wohin er ging, weil er wusste, was sie sagen würden: dass ein Mann, der die Deiche einer ganzen Provinz allein hielt, sie nicht verlassen durfte, nicht für einen Toten.
Er ließ sie trotzdem zurück, einem Nachbarn anvertraut, der die Nähte nicht so gut kannte wie er. Er war sich nicht sicher, ob es für einen Toten war. Das war der ganze Grund, den er brauchte.
III. Ordinat Corrin
Die Abgleichkanzlei Ordinat Corrin hing in einer Umlaufbahn, die Halvard nie hätte finden können, wäre sie nicht so groß gewesen, dass sie den halben Himmel über dem Sammlungspunkt Gethsemar verdunkelte: ein gotischer Turm aus geschwärztem Metall, in dem, wie man ihm am Empfangsschalter sagte, mehr Papier lagerte als Menschen auf Ossenfeld lebten.
Er wartete achtzehn Tage im Vorsaal der Dritten Registratur, auf einer Bank mit anderen, die dasselbe Warten trugen wie er: ein alter Mann, der nach seiner Enkelin fragte, ein Ehepaar, das sich nicht mehr ansah, eine Frau mit einem Säugling, die niemand ansprach, weil ihr Blick sagte, dass sie es nicht wollte. Halvard sprach mit keinem von ihnen viel. Er beobachtete stattdessen die Anschlagbretter, auf denen Requisitionsnummern und Abgleichvermerke hingen, weil ein Mann, der Deiche liest, auch ein Anschlagbrett liest, wenn man ihm sonst nichts gibt.
Am neunzehnten Tag rief eine Stimme seine Erkennungsnummer, nicht seinen Namen, und er trat vor einen Schreibtisch, an dem eine junge Frau mit dem Abzeichen einer Subadjutrix saß, die Augen rot vom künstlichen Licht der Kanzlei.
„Reiss, Tobias, OSF-62-4471", las sie von einem Schirm, den Halvard nicht sehen konnte. „Die Akte ist in Abgleich."
„Was heißt das für mich."
„Es heißt, sie ist nicht geschlossen." Sie sah ihn zum ersten Mal wirklich an, nicht durch ihn hindurch, wie es die Wache am Tor getan hatte. „Es heißt auch nicht, dass sie es bald wird. Ordinat Corrin gleicht über vierhundert Regimenter ab, Herr Reiss. Karnau war eines von neununddreißig Gefechten in diesem Quartal allein."
„Wie lange dauert ein Abgleich."
„Manchmal Jahre."
Er sagte, dass er warten würde, solange es dauerte, und sie sah ihn an, als hätte sie diesen Satz schon oft gehört und wisse genau, wie selten er stimmte. Ihr Namensschild trug den Namen Meva Holt. Sie schrieb keine Zusage in seine Akte, das durfte sie nicht, aber sie schrieb einen Vermerk, den er nicht lesen konnte, und nannte ihm einen Schlafsaal für Wartende, in dem es nichts kostete, eine Pritsche zu belegen.
Am siebten Tag sah er, wie der alte Mann von der Bank neben ihm aufgerufen wurde und mit leeren Händen zurückkam, das Gesicht so ausdruckslos, dass Halvard begriff: Das war die Antwort, die er selbst am meisten fürchtete, nicht ein Nein, sondern gar nichts, eine Akte, die weder geschlossen noch geöffnet wurde, nur verschoben, in eine Warteschlange hinter einer anderen Warteschlange. Der alte Mann setzte sich nicht wieder hin. Er ging, ohne dass jemand ihm nachsah, und am nächsten Morgen war seine Stelle auf der Bank frei, als hätte es ihn nie gegeben.
Halvard begann, sich die Gesichter zu merken, die verschwanden, und die, die blieben. Es waren mehr, die verschwanden.
IV. Der Totlauf
Er kam jeden Tag wieder, nicht weil man ihn dazu aufgefordert hätte, sondern weil ein Mann ohne etwas zu flicken langsam den Verstand verliert, und weil die Wartehalle von Ordinat Corrin mit ihren endlosen Anschlagbrettern das Einzige in dieser fremden Umlaufbahn war, das sich wie eine Deichkammer anfühlte: etwas, das sich lesen ließ, wenn man geduldig genug war und wusste, wonach man suchte.
Am zwölften Tag seiner zweiten Woche fand er die Zahl.
Requisitionen der 62. Ossenfeld-Schützen, Kompanie Drei, liefen weiter. Rationen. Verbandsmaterial. Boltermunition Kaliber Standard. Alles abgebucht auf die alte Einheitsnummer OSF-62-K3, datiert sechs Wochen nach dem Tag, der auf seinem Vordruck M-9 stand.
Ein Totlauf, erklärte ihm später ein alter Verwaltungsadept, den er mit dem letzten Geld, das ihm blieb, zu einem Getränk einlud, weil der Mann sonst nicht sprach. Eine Versorgungslinie, die weiterläuft, nachdem die Einheit, die sie beliefert hatte, aufgehört hat, im Verzeichnis zu existieren. Meistens ein Fehler, sagte der Adept. Ein Karren, der einer toten Adresse folgt, weil niemand die Order förmlich zurückgezogen hat.
„Meistens", wiederholte Halvard.
„Manchmal", sagte der Adept und sah dabei nicht auf, „bedeutet es, dass am anderen Ende noch jemand unterschreibt, um es zu bekommen."
Halvard legte die Liste am nächsten Morgen vor Meva Holt auf den Schreibtisch, mit den sechs Wochen rot unterstrichen, so wie er es bei einer Naht getan hätte, die niemand sonst bemerkt hatte. Diesmal sah sie länger hin, als ihre Stellung von ihr verlangte, und diesmal legte sie den Bogen nicht zurück in die Akte, sondern in eine andere Mappe, ohne ihm zu sagen, welche.
V. Der Steg von Karnau
Was danach geschah, geschah nicht, weil Halvard es erzwungen hätte. Es geschah, weil eine Subadjutrix zweiter Klasse einen Vermerk schrieb, den sie nicht hätte schreiben müssen, und ihn eine Stufe höher weiterreichte, als es ihr Rang eigentlich erlaubte. Sechs Wochen später kam ein Bescheid, kurz und ohne Anrede: Ein Erkundungstrupp des Ordinats hatte den Steg von Karnau erneut aufgesucht, dieses Mal nicht, um Gefallene zu zählen, sondern um eine Fußnote zu überprüfen, die eine Subadjutrix zweiter Klasse für wichtig genug befunden hatte.
Sie fanden neunzehn Männer und Frauen der Kompanie Drei in einer Erdstellung achthundert Meter hinter der Linie, die auf keiner Karte des Munitorum mehr existierte, weil die Karte, die diese Linie einst gezeichnet hatte, mit dem Rest des Stabsquartiers am Steg begraben lag. Sie hatten sich selbst neu geordnet, ohne Befehl, weil niemand mehr da war, der einen hätte geben können, und sie hatten die Requisitionsnummer ihrer offiziell ausgelöschten Kompanie weiterverwendet, weil es die einzige Nummer war, unter der ihnen noch jemand etwas lieferte.
Tobias Reiss führte sie, seit dem elften Tag, an dem der letzte Offizier über ihm gestorben war. Er hatte die linke Hand am Steg verloren und trug an ihrer Stelle eine Feldprothese aus geschwärztem Plaststahl, roh verschweißt, aber funktionstüchtig, so wie ein Mann eine Prothese baut, der weiß, dass niemand kommt, um es für ihn zu tun. Er war neunzehn gewesen, als er Ossenfeld verließ. Er war zweiundzwanzig, als der Bescheid seinen Vater erreichte, und in der Zeit dazwischen hatte er gelernt, eine Kompanie zu befehligen, die es, nach jedem Buch, das das Imperium führte, nicht mehr gab.
VI. Die eine Stunde
Tobias stand schmaler in der Tür, als Halvard ihn in Erinnerung hatte, die Haut über den Wangenknochen straff wie Segeltuch, das Grün der Uniform an den Nähten heller, wo man es zu oft gewaschen hatte. Ein Mann, der ihn nicht kannte, hätte ihn für älter gehalten als zweiundzwanzig. Man brachte Halvard nicht zu ihm. Man brachte Tobias zu Ordinat Corrin, mit den achtzehn anderen, zur Abgleichung, zur medizinischen Prüfung, zur Neuzuteilung, ein Verfahren mit eigenen Formularen und eigenen Fristen, die Halvard nicht ändern konnte, so wenig wie er die Flut hätte ändern können, die Elena genommen hatte. Erst am äußersten Rand dieses Verfahrens, in einem Wartesaal der Vierten Registratur, ließ Meva Holt, gegen eine Vorschrift, die sie an diesem Tag nicht las, Vater und Sohn eine Stunde allein.
Tobias erkannte ihn zuerst an den Händen. „Du hast Naht Vierzehn nie fertig geflickt", sagte er, und es klang nach keinem Vorwurf. Es war einfach das Erste, was ihm zu einem Zuhause einfiel, das er seit drei Jahren nicht gesehen hatte, außer hinter geschlossenen Augen.
„Sie hält", sagte Halvard. „Sie hält, seit ich weiß, dass du zurückkommst."
Sie sprachen nicht über Karnau. Eine Stunde reichte nicht für einen Steg, an dem neunzehn von hundertsechzig übrig geblieben waren, und Halvard fragte nicht danach, weil er wusste, was ein Mann, der Nähte flickt, seinen Sohn nicht auch noch zwingen musste zu sagen.
Die Abgleichung, das wusste er ebenso, würde nicht dort enden, wo beide sich wünschten, dass sie endete. Eine Kompanie, die neunzehn Monate ohne Befehl überlebt hatte, wurde nicht heimgeschickt. Sie wurde neu ausgerüstet und einem Regiment zugeteilt, das Verstärkung brauchte, denn neunzehn Überlebende eines verlorenen Postens besaßen genau die Härte, die das Munitorum als Nächstes verlangen würde, und niemand in diesem Turm würde das anders entscheiden, nur weil ein Deichmeister aus Ossenfeld neunzehn Tage in einem Vorsaal gewartet hatte.
Halvard wusste das, als er seinen Sohn ein letztes Mal an sich zog, bevor die Wache kam, um ihn zur Prüfung zu bringen. Er hatte nicht erwartet, ihn lebend wiederzusehen. Er hatte es nicht geglaubt, gegen jedes Formular, jede Unterschrift, jede Schwebeliste, und er hatte recht behalten. Das reichte nicht, um sicher zu sein, was aus Tobias werden würde. Es reichte, um zu wissen, was er gewesen war, in der einen Stunde, die man ihnen gegeben hatte, und um zu wissen, dass er es wieder täte.
Er kehrte allein nach Ossenfeld zurück und flickte Naht Vierzehn zu Ende, in der Nacht, in der die nächste Flut kam, weil ein Deich, der hielt, das Einzige war, das er seinem Sohn noch mitgeben konnte, während man ihn irgendwo weit von hier für einen Krieg neu ausrüstete, dessen Namen keiner von beiden je erfahren würde.
VII. Was durch die Zensur kommt
Der Nachrichtendienst des Munitorum ließ zweimal im Jahr eine Zeile durch die Zensur, mehr nicht, und die erste erreichte Ossenfeld sieben Monate später, an einem Tag, an dem die Flut ungewöhnlich hoch stand und Halvard bis zu den Knien im Wasser der Vierten Kammer arbeitete. Ein Bote brachte den Zettel bis an den Deich, weil er wusste, dass Halvard sonst erst nach Einbruch der Dunkelheit heimkäme.
Sieben Zeilen, geschwärzt bis auf vier. Kompanie umbenannt. Neue Kennung zugewiesen. Rechte Hand, nicht linke, diesmal Splitter, verheilt. Grüße den Deich.
Kein Regiment stand dabei, kein Kriegsschauplatz, kein Datum außer dem des Stempels, und Halvard wusste, dass es keins geben durfte, dass eine geschwärzte Zeile die einzige Form war, in der das Imperium einem Vater erlaubte, seinen Sohn noch am Leben zu wissen, ohne zu verraten, wo. Er faltete den Zettel, wie er den Vordruck M-9 gefaltet hatte, entlang einer Linie, ordentlich, und steckte ihn zwischen den Deckel seines Werkzeugkastens und das Blech, wo das Wasser ihn nicht erreichen konnte.
Er wartete jetzt zweimal im Jahr auf den Boten, so wie er einst auf den Deichläufer gewartet hatte, und er flickte in der Zwischenzeit jede Naht, die die Vierte Kammer besaß, weil er gelernt hatte, dass Warten leichter fiel, wenn die Hände etwas zu halten fanden. Es war kein Ende, das er sich gewünscht hätte, als er die Ersatzschleuse verkaufte. Es war das Ende, das er bekommen hatte, und er nahm es, so wie er alles nahm, was der Deich ihm gab: mit beiden Händen, ohne es sich auszusuchen.
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