Sammelraum
Cadia hält stand · Erster Teil
Astra Militarum (331. Cadianisches Stoßtruppenregiment) · Black Legion (Die Lossprecher) · Munitorum (Sammelraum Ederhaven)
„Das Tor hält, solange einer steht.“
Wahlspruch des 331. Cadianischen Stoßtruppenregiments, Kasr Halrik
I. Neun Tage
Das Gellar-Feld hatte aufgehört zu singen, und das war das Erste, was Runa Kalvek bemerkte, bevor sie bemerkte, dass sie es neun Tage lang gehört hatte.
Sie saß auf der Kiste mit den Ladepacks, den Rücken an der Schottwand, das Lasergewehr zwischen den Knien, und um sie herum lag Deck vier des Truppenschiffs Fides Constans in dem Licht, das die Flotte für Nacht hielt. Sechshundert Menschen atmeten dort. Man hörte es, wenn das Feld schwieg. Man hörte auch, wie irgendwo achtern ein Ventil arbeitete, das seit dem dritten Tag arbeitete und das niemand mehr reparieren würde, weil der Maschinist, der es konnte, am dritten Tag gestorben war.
„Wir sind raus“, sagte Wessik neben ihr. Er sagte es leise, weil noch viele schliefen. „Das Geräusch ist weg.“
„Ich habe es gehört.“
„Du hast es nicht gehört. Du hast gemerkt, dass es weg ist. Das ist was anderes.“
Sie antwortete nicht. Unteroffizier Immo Wessik war vierzig und redete seit achtzehn Jahren, und sie hatte gelernt, dass man ihn reden ließ wie man einen Auspex laufen ließ: Das meiste war Rauschen, und das, was kein Rauschen war, hörte man, weil man das Rauschen kannte.
Über ihnen ging das Deckslicht auf Tag. Ein Klaxon, dreimal. Dann die Stimme aus dem Vox der Decke, eine Flottenstimme, geübt darin, Dinge zu sagen, die niemand hören wollte, in einem Ton, als handle es sich um Wetter: Translation abgeschlossen. Realraum. Alle Einheiten zur Bestandsaufnahme. Kein Kontakt zur Brücke, bis der Kapitän es freigab.
Runa stand auf. Um sie herum standen die anderen auf, wie Cadianer aufstehen, ohne Frage, bevor der Körper weiß, warum.
Sie zählte.
Wessik. Terhoven, der Jüngste, der auf dem Schiff siebzehn geworden war, ohne dass es jemand gesagt hatte. Pahl mit dem Zielfernrohr, die schlief, ohne die Augen ganz zu schließen. Roske mit dem Melter. Brede und Ansorge, die aus derselben Gasse in Halrik kamen und sich seit zwölf Jahren stritten, worum es dabei ging. Quint. Dammer. Sieber. Luttmer, der die Hände nicht stillhalten konnte, seit dem Tor.
Elf, mit ihr.
Es waren zweiundvierzig gewesen, als der Zug in Halrik antrat. Sie zählte die zweiundvierzig nicht. Sie zählte, was da war, weil das die Zahl war, mit der man arbeitete, und die andere Zahl gehörte in den Vordruck M-9, und der Vordruck war ausgefüllt und lag beim Alten.
Der Alte lag seit dem sechsten Tag in der Kühlkammer hinter dem Lazarett, zwischen neununddreißig anderen. Er hatte am Halrik-Tor einen Splitter unter das Schlüsselbein bekommen und war damit an Bord gegangen und hatte sechs Tage lang Befehle gegeben, die alle richtig waren, und dann hatte er in der Nacht aufgehört zu atmen, ohne dass es jemand gemerkt hatte, was ihm, dachte Runa, recht gewesen wäre. Er hatte nicht gern gesehen werden wollen. Das Regiment nannte ihn den Alten, seit sie denken konnte, und der Name auf dem Vordruck kam ihr fremd vor, als sie ihn schrieb.
Sechshundertelf. Das war das andere, was da war. Sechshundertelf von den sechshunderteinundfünfzig, die durch das Tor gegangen waren, und viertausendeinhundertachtzig war die Zahl gewesen, mit der das Regiment im Frühjahr angetreten war, und diese Zahl gehörte nirgends mehr hin.
„Die Kinder fragen“, sagte Wessik.
„Was?“
„Wo wir sind.“
„Dann sag ihnen, dass wir im Realraum sind.“
„Das habe ich. Sie wollen wissen, welcher.“
Runa hängte das Lasergewehr um. Das Gewehr der Kasrkin war schwerer als das der Linie, eine Hellgun mit dem Energiepack am Gürtel und dem Kabel, das man lernte, nie zwischen die Beine geraten zu lassen, und sie trug es seit sechzehn Jahren und merkte das Gewicht nur noch, wenn sie es ablegte.
„Ich gehe zur Brücke“, sagte sie.
„Der Kapitän hat gesagt, keiner kommt zur Brücke.“
„Der Kapitän hat gesagt, kein Kontakt zur Brücke. Ich kontaktiere sie nicht. Ich gehe hin.“
Wessik grinste. Er grinste selten, seit dem Tor, und wenn er es tat, sah es aus wie etwas, das er aus Gewohnheit anzog, wie einen Mantel, der nicht mehr passte.
Der Weg zur Brücke führte durch drei Decks und vier Schotts, und an jedem Schott stand ein Flottensoldat, der Runa ansah und dann an ihr vorbei, auf das Abzeichen an der Schulter, das Torabzeichen von Halrik, und dann wieder in ihr Gesicht, auf die Augen. Alle sahen zuerst auf die Augen. Das war so, seit sie Cadia verlassen hatte, und sie hatte es nie zuvor bemerkt, weil auf Cadia jeder diese Augen hatte und man nichts bemerkt, was alle haben.
Vor dem letzten Schott stand ein Leutnant der Flotte, jung, mit einem Datenschiefer, und er sah sie kommen und sagte, bevor sie etwas sagen konnte: „Der Kapitän empfängt niemanden.“
„Ich will nicht zum Kapitän. Ich will das Datum.“
„Das Datum.“
„Wir sind neun Tage im Warp gewesen. Ich will wissen, wie lange wir im Warp gewesen sind.“
Der Leutnant sah auf den Schiefer, dann auf sie, und in seinem Gesicht arbeitete etwas, das versuchte, ein Befehl zu bleiben, und es nicht schaffte.
„Das Lotsenboot hat vor zwanzig Minuten angedockt“, sagte er. „Aus dem Orbit von Ederhaven. Sie haben uns das Datum gegeben.“
„Und?“
„Sieben Monate.“
Runa nickte. Sie hatte etwas Ähnliches erwartet, seit dem vierten Tag, als der Navigator geschrien hatte, zwei Stunden lang, durch drei Decks hindurch, und dann nicht mehr. Man wusste solche Dinge über den Warp, so wie man wusste, dass Wasser nass ist, und dann stand man darin.
„Sieben Monate“, sagte sie. „Und wo?“
„Ederhaven. Agriwelt, Garnison, am Rand.“ Er sah wieder auf den Schiefer. „Das Munitorum hat hier einen Sammelraum eingerichtet. Für Cadianer. Alle Schiffe, die aus dem Kessel kamen und nicht wussten, wohin, sind hierher gelenkt worden. Sie sind das letzte.“
„Das letzte was?“
„Das letzte Schiff. Es hat seit vier Monaten keins mehr gegeben. Sie hatten Sie abgeschrieben.“
Runa sah an ihm vorbei auf das Schott zur Brücke. Dahinter lag, wusste sie, ein Fenster, und hinter dem Fenster eine Welt, die sie nie gesehen hatte, und die Flotte würde sie in Landungsbooten hinunterbringen, und dann würde man sehen.
„Feldwebel“, sagte der Leutnant. Er sagte es anders als vorher. „Die vom Lotsenboot haben noch etwas gesagt.“
Sie wartete.
„Es ist alles offen. Der Himmel. Seit wir weg sind. Sie nennen es den Riss. Es geht durch die ganze Galaxis, sagen sie, und auf der anderen Seite gibt es kein Licht mehr vom Astronomican. Sie nennen es die Blendende Finsternis.“ Er schluckte. „Cadia ist nicht mehr da, Feldwebel. Ich meine, nicht nur gefallen. Nicht mehr da. Sie sagen, es ist zerbrochen.“
Runa sah ihn an, und der Leutnant sah zurück, und sie merkte, dass er auf etwas wartete. Auf ein Gesicht. Auf irgendetwas, das ein Mensch tut, dem man das sagt.
„Kasr Halrik liegt an einer Bucht“, sagte sie. „An der Ostküste des zweiten Kontinents. Es hat ein Tor zum Wasser und ein Tor zum Land, und das Tor zum Land ist das größere.“
Der Leutnant öffnete den Mund.
„Danke für das Datum“, sagte Runa und ging zurück durch die vier Schotts, und an jedem sah der Posten zuerst auf die Augen.
II. Das Buch mit den meisten Namen
Ederhaven war braun.
Das war das Erste, und es blieb das Erste, auch nachdem Runa drei Tage dort gewesen war: Moor bis zum Horizont, Gras, das im Wind lag und nie aufstand, Wasser in schwarzen Rinnen zwischen den Grassoden, ein Himmel, der so niedrig hing, dass die Landungsboote darin verschwanden, bevor man sie nicht mehr hörte. Es roch nach Torf und nach Salz, denn irgendwo hinter dem Dunst war die Küste, und es roch nach Menschen, denn das war der Sammelraum.
Vierzigtausend, hatte der Munitorum-Adjutant am Landefeld gesagt, der sie mit einer Liste empfing. Vierzigtausend Cadianer in Zelten auf dem Moor, unter dem alten Fort, und er hatte auf das Fort gezeigt, als könne man es übersehen: eine Bastion aus schwarzem Rockcrete auf der einzigen Anhöhe weit und breit, mit einem Vorwerk, das sich den Hang herunterzog, und Geschütztürmen, aus denen seit hundert Jahren keine Geschütze mehr ragten. Die Flotte hatte es gebaut, als Ederhaven noch etwas zu verteidigen hatte, und dann vergessen, und jetzt hatte das Munitorum es wiedergefunden, wie das Munitorum alles wiederfand, wenn es Platz brauchte.
Sie marschierten drei Kilometer vom Landefeld zum Fort, sechshundertelf in Viererreihen, mit dem Alten und den neununddreißig anderen auf Karren dahinter, weil man Tote nicht auf einer fremden Welt zurückließ, ohne sie vorher gezählt zu haben. Links und rechts der Straße standen die Zelte. Menschen kamen heraus und sahen zu. Sie hatten die Augen, alle, und sie sahen die Kolonne an wie Leute, die ein Schiff ansehen, das im Hafen einläuft, wenn man auf ein anderes wartet.
Niemand rief. Das war, was Runa auffiel. Auf Cadia rief man einer Kolonne etwas zu.
Am Tor des Vorwerks übernahm ein zweiter Adjutant und führte sie hinein und über einen Hof, auf dem ein Regiment hätte antreten können und auf dem stattdessen Kisten standen, Munitorum-Kisten, mit Plomben und Zetteln, tausend Kisten, ordentlich, in Reihen, wie eine Armee aus Kisten. Dahinter das Innentor zur Bastion selbst, ein Torkopf mit zwei Türmen, wie man ihn auf jeder Welt baute, auf der jemand einmal die Handbücher des Munitorum gelesen hatte. Runa sah ihn an, wie sie jedes Tor ansah, und fand die toten Winkel in vier Sekunden, und schämte sich nicht dafür. Man tat es oder man tat es nicht, und wer es nicht tat, war kein Kasrkin.
Die Präfektin empfing sie im Innenhof.
Sie war eine Frau von sechzig in der grauen Robe des Munitorum, mit einem Servoschädel, der über ihrer linken Schulter hing und summte, und sie hatte keine cadianischen Augen, sondern graue, und sie sah die Kolonne an und dann auf eine Liste und dann wieder auf die Kolonne, als stimme eines von beiden nicht.
„Dreihunderteinunddreißigstes“, sagte sie.
„Jawohl“, sagte Hauptmann Rendel.
Rendel führte, seit der Alte tot war. Er war neunundzwanzig und hatte die Zweite Kompanie gehabt, und er war der ranghöchste Offizier, der noch stand, weil die anderen am Tor geblieben waren oder im Warp gestorben oder beides, und er wusste, dass er zu jung dafür war, und ließ es sich nicht anmerken, was Runa ihm zugutehielt. Er hatte einen Zug, das Kinn nach vorn zu schieben, wenn er redete, als müsse er die Worte über eine Kante bringen.
„Sie waren abgeschrieben“, sagte die Präfektin.
„Das hat man uns gesagt.“
„Dann erübrigt sich die Erklärung.“ Sie sah auf die Liste. „Sechshundertelf. Ich habe hier zweihundertsiebenundachtzig vom Zwölfhundertsiebten, einhundertsechsundfünfzig vom Fünfhundertneunzehnten Panzer, mit Fahrzeugen, und zweihundertvierzig aus den Scholae, die noch keinem Regiment gehören. Das ergibt mit Ihnen eintausendzweihundertvierundneunzig, und das ist ein Regiment, und morgen früh ist es eines. Wer führt?“
„Ich“, sagte eine Stimme hinter Rendel, und Runa musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es ein Oberst war, weil nur ein Oberst so „ich“ sagte.
Er kam über den Hof, ein Mann von fast sechzig, breit, mit grauem Bürstenhaar und dem Abzeichen von Kasr Partox auf der Schulter, und hinter ihm ein Adjutant und ein Kommissar, den Runa noch nicht kannte. Der Oberst blieb vor der Präfektin stehen und grüßte sie nicht, was bedeutete, dass er sie schon kannte.
„Oberst Lorbeck“, sagte die Präfektin. „Zwölfhundertsiebtes.“
„Ich habe die Zusammenlegung gelesen. Ich habe keine Einwände gegen die Zusammenlegung. Ich habe einen Einwand gegen die Nummer.“
„Die Nummer ist entschieden.“
„Die Nummer ist von Ihnen entschieden. Ich habe zweihundertsiebenundachtzig Mann, die seit vier Monaten hier sind, die den Sammelraum mit aufgebaut haben, die die Wachen stellen, seit es Wachen gibt, und Sie legen sie unter eine Nummer, die vor einer Stunde vom Schiff gekommen ist.“
„Sechshundertelf sind mehr als zweihundertsiebenundachtzig.“
„Das ist keine Begründung, das ist eine Zahl.“
Die Präfektin sah ihn an, ohne dass sich in ihrem Gesicht etwas bewegte, und der Servoschädel summte, und Runa dachte, dass es auf Cadia keine Präfekten gegeben hatte, jedenfalls keine, die so mit einem Oberst redeten, weil auf Cadia die Obersten das Munitorum gewesen waren.
„Oberst“, sagte die Präfektin. „Ich habe im Sammelraum sechsundzwanzig Regimentsbücher. Das Dreihunderteinunddreißigste hat das Buch mit den meisten Namen, die noch stehen. Das ist die Begründung. Es ist keine gute, aber es ist die einzige, die ich brauche, und ich habe heute noch neun andere Zusammenlegungen.“ Sie sah auf die Liste. „Sie führen das Dreihunderteinunddreißigste, Oberst. Hauptmann Rendel wird Ihr Stellvertreter. Die Kasrkin stehen außerhalb der Kompaniegliederung, wie üblich. Wer führt die Kasrkin?“
„Ich“, sagte Runa.
Die Präfektin sah sie an. Auf die Augen, wie alle. Dann auf das Abzeichen.
„Wie viele?“
„Elf.“
„Elf.“ Die Präfektin schrieb. „Feldwebel, ich habe im ganzen Sammelraum vierunddreißig Kasrkin, und Sie sind der einzige geschlossene Zug. Sie melden sich direkt beim Oberst. Ich nehme an, das war auf Cadia auch so.“
„Auf Cadia ist das so“, sagte Runa.
Die Präfektin hob den Blick, kurz, und senkte ihn wieder.
Lorbeck stand noch da. Er hatte nicht verloren, weil man gegen eine Präfektin nicht verlor, man wurde nur fertig mit ihr. Er sah Rendel an, den Hauptmann, der ab morgen sein Stellvertreter war, und Rendel hielt den Blick, und dann sah Lorbeck auf die Kolonne, auf die sechshundertelf, die im Innenhof standen und warteten, wie Cadianer warten, und auf die Karren dahinter.
„Wer ist das?“, fragte er.
„Der Oberst“, sagte Rendel. „Und neununddreißig.“
Lorbeck nickte. Er ging zu den Karren und blieb vor dem ersten stehen und stand dort eine Weile, ohne etwas zu tun, und dann nahm er die Mütze ab, und die sechshundertelf sahen zu, und Runa dachte: gut. Sie dachte es nüchtern, wie man eine Waffe prüft. Es war der Mann, der sie führen würde, und er hatte gewusst, was man vor einem Karren tut.
Der Kommissar, der mit Lorbeck gekommen war, stand am Rand des Hofes und sah zu, und er nahm die Mütze nicht ab, weil Kommissare das nicht taten, und er sah nicht auf die Karren, sondern auf die Kolonne, von links nach rechts, wie jemand, der zählt.
III. Die Verhüllten
Am zweiten Tag schickte Rendel sie zum Depot.
„Ladepacks“, sagte er. „Und Rationen für den Zug, für zehn Tage. Nehmen Sie Wessik mit. Das Depot liegt im Vorwerk, aber der Weg dahin geht durch die Zelte, und ich will, dass Sie sich die Zelte ansehen.“
„Warum?“
„Weil Lorbeck es will. Und weil ich es will, seit ich gestern Abend durchgegangen bin.“ Er schob das Kinn vor. „Sehen Sie es sich an und sagen Sie mir, was Sie sehen. Nicht was Sie denken. Was Sie sehen.“
Die Zelte des Sammelraums standen in Reihen, weil das Munitorum sie so aufgestellt hatte, und in den Reihen standen sie nicht mehr in Reihen, weil Menschen darin wohnten. Man hatte Wäsche zwischen sie gespannt, und aus Kisten waren Bänke geworden, und irgendwo kochte jemand auf einem Feldofen etwas, das nach Rationen roch, aber nach Rationen, die jemand mit Liebe verdorben hatte. Kinder liefen. Frauen sahen auf. Alte Männer saßen vor den Zelten und sahen nicht auf.
Vierzigtausend. Runa hatte auf Cadia in einer Stadt von zwei Millionen gelebt und war nie an so vielen Cadianern vorbeigegangen wie hier, weil man in Halrik nicht an Cadianern vorbeiging. Man ging an Nachbarn vorbei, an Soldaten, an Werkleuten, an der Schola, an der eigenen Kompanie. Hier ging man an vierzigtausend Menschen vorbei, die eines gemeinsam hatten, und es war das, was sie nicht mehr hatten.
„Sie sehen uns an“, sagte Wessik.
„Ja.“
„Nicht das Abzeichen. Uns.“
„Sie sehen die Gewehre an.“
„Nein.“ Wessik hob die Hand, kurz, als wolle er jemandem zuwinken, und ließ sie wieder sinken. „Sie sehen uns an wie Leute, die noch was tun. Das ist es. Wir tun noch was.“
Die Verhüllten sah sie in der elften Reihe.
Sie sah zuerst den Mann. Er saß vor einem Zelt auf einer Kiste, ein Mann von vierzig in der Feldbluse eines Regiments, dessen Abzeichen jemand von der Schulter getrennt hatte, sauber, mit einem Messer, so dass der Stoff darunter heller war. Er hatte ein Kind auf dem Schoß, ein kleines, und fütterte es aus einer Rationsdose mit einem Löffel, ruhig, geübt, ein Löffel, warten, ein Löffel. Über seinen Augen lag ein Streifen weißen Tuchs, um den Kopf gebunden, wie man einen Verband bindet, und er war kein Verband.
Der Mann traf den Mund des Kindes jedes Mal.
Runa blieb stehen. Wessik neben ihr auch. Der Mann hob den Kopf, ein wenig, in ihre Richtung, wie jemand, der Schritte gehört hat, und lächelte, und es war ein gewöhnliches Lächeln, freundlich, müde.
„Guten Morgen“, sagte er.
„Morgen“, sagte Wessik.
„Ihr seid vom Schiff. Vom letzten. Man hat es gehört.“
„Ja.“
„Dann willkommen.“ Der Mann gab dem Kind einen Löffel. „Ich schulde nichts“, sagte er, in demselben Ton, in dem man Guten Morgen sagt, und wandte sich wieder dem Kind zu.
Sie gingen weiter. Wessik sagte lange nichts, was für Wessik lange war.
„Was war das?“, fragte er dann.
„Ich weiß es nicht.“
„Er hat die Augen zu.“
„Ich habe es gesehen.“
„Er hat sich die Augen zugebunden, Runa. Ein Cadianer.“
Sie sahen noch drei auf dem Weg zum Depot. Eine Frau, die Wäsche aufhängte, mit dem Tuch. Zwei junge Männer, die nebeneinander auf einer Kiste saßen und nichts taten, mit dem Tuch, und die den Kopf hoben, als sie vorbeigingen, und nickten. Bei keinem war das Tuch schmutzig. Das fiel ihr auf. In einem Lager, in dem alles schmutzig war, war das Tuch weiß.
Im Depot des Vorwerks gab ein Munitorum-Schreiber Ladepacks aus, gegen Unterschrift, gegen Stempel, gegen einen zweiten Stempel, und während der Schreiber stempelte, stand ein Mann in der Soutane der Ecclesiarchie neben dem Tisch und sah zu, als habe er nichts Besseres zu tun, und Runa wusste, dass er auf sie wartete, seit sie hereingekommen waren.
„Feldkurat Mahlke“, sagte er, als der Schreiber fertig war. „Ich bin der Priester des Sammelraums. Einer von vieren. Sie haben sie gesehen.“
„Wen?“
„Die mit dem Tuch. Sie haben das Gesicht von jemandem, der sie gesehen hat.“
Runa nahm die Ladepacks vom Tisch und gab Wessik die Hälfte. „Was sind sie?“
„Das ist die Frage, nicht wahr?“ Mahlke war ein kleiner Mann mit einem Bauch und Händen, die zu groß für ihn waren, und er sprach wie jemand, der sein Leben lang zu Leuten gesprochen hatte, die nicht zuhörten, und es nicht mehr übelnahm. „Sie nennen sich die Entpflichteten. Wir nennen sie die Verhüllten, weil das leichter über die Zunge geht. Es fing vor drei Monaten an, mit einem Dutzend. Jetzt sind es, ich schätze, dreitausend. Vielleicht mehr. Man zählt sie nicht, weil man nicht weiß, was man zählt.“
„Was sagen sie?“
„Sie sagen, sie schulden nichts.“ Mahlke faltete die großen Hände. „Es ist eine Theologie, Feldwebel, wenn Sie das Wort erlauben. Sie geht so: Der Eid eines Cadianers ist an Cadia gebunden. Nicht an den Imperator, nicht an die Garde, nicht an ein Regiment. An den Boden. An die Mauer. Und die Mauer ist fort, und darum ist der Eid fort, und wer keinen Eid mehr hat, der schuldet nichts, und wer nichts schuldet, muss nicht mehr hinsehen.“ Er zuckte die Schultern. „Darum das Tuch. Sie sagen, es sei kein Zeichen. Es sei einfach, dass sie nicht mehr hinsehen müssen.“
„Das ist Ketzerei“, sagte Wessik.
„Das ist es. Ich habe es gemeldet. Viermal. Die Präfektin hat es in Bearbeitung.“ Mahlke lächelte, und es war kein gutes Lächeln. „Sie tun nichts, verstehen Sie. Das ist das Schwierige. Sie beten nicht zu etwas anderem. Sie predigen nicht. Sie sitzen da, und wenn man sie fragt, sagen sie, sie schulden nichts, und dann füttern sie ihr Kind. Ich habe in achtundzwanzig Jahren keinen Ketzer gesehen, der sein Kind füttert. Ich weiß nicht, was man damit macht. Das Munitorum weiß es auch nicht, und darum ist es in Bearbeitung.“
Runa hängte die Ladepacks um.
„Feldkurat“, sagte sie. „Wie viele davon waren Soldaten?“
Mahlke sah sie an. „Die meisten“, sagte er. „Die Frauen und die Alten kommen später dazu. Die Ersten waren alle Soldaten. Männer und Frauen, die von den Schiffen kamen, mit dem Abzeichen noch an der Schulter.“ Er hob die Hände und ließ sie fallen. „Das hätte ich Ihnen nicht sagen sollen. Aber Sie haben gefragt, und Sie sind die Erste, die gefragt hat.“
Auf dem Rückweg gingen sie eine andere Reihe, und Runa sah vier mit dem Tuch, und alle vier hoben den Kopf, als sie vorbeiging, als hörten sie, dass da jemand ging, der noch etwas tat.
Der Kommissar wartete am Innentor.
Er stand da, als habe er die ganze Zeit dort gestanden, ein Mann von über fünfzig in dem schwarzen Mantel, mit einer Mütze, die nicht neu war, und einem Gesicht, das aussah, als sei es aus zwei verschiedenen Gesichtern zusammengesetzt worden, die sich nicht ganz einig waren, einem geduldigen und einem, das gewartet hatte. Er hatte keine cadianischen Augen. Er hatte graue, wie die Präfektin, und er sah damit auf ihre, wie alle, und dann nicht mehr, was nicht alle schafften.
„Feldwebel Kalvek“, sagte er. „Kommissar Grothe. Ich bin dem Dreihunderteinunddreißigsten zugeteilt. Seit gestern Abend. Der Oberst hat es Ihnen noch nicht gesagt, weil der Oberst seit gestern Abend andere Dinge zu tun hat.“
„Kommissar.“
„Ich habe eine Frage an Sie, und ich stelle sie Ihnen, weil ich sie sonst niemandem stellen kann, ohne dass er mir eine Antwort gibt, die er für die richtige hält.“ Grothe hatte eine Art zu sprechen, langsam, als lege er jedes Wort ab wie etwas, das man später wiederfinden muss. „Ich habe nie mit Cadianern gedient. Ich war auf Armageddon, im dritten Krieg, mit Leuten aus allen Winkeln, aber es waren keine Cadianer darunter. Ihre Leute sagen einen Satz. Alle. Die vom Zwölfhundertsiebten, die vom Panzer, die Kinder aus den Scholae. Sie sagen ihn, wenn sie antreten, wenn sie essen, wenn sie schlafen gehen. Ich habe ihn gestern vierzigmal gehört. Ich weiß, was er bedeutet. Ich weiß nicht, was er heißt.“
Runa wartete.
„Was heißt er?“, fragte Grothe.
„Ich sage ihn nicht.“
Grothe sah sie an. In dem geduldigen der beiden Gesichter bewegte sich nichts.
„Das ist interessant“, sagte er. „Warum nicht?“
„Ich habe ein Tor gehalten, Kommissar. Ich weiß nicht, was der Satz heißt. Ich weiß, dass ich ihn nicht sage.“
„Ihre Leute sagen ihn.“
„Dann fragen Sie meine Leute.“
Grothe nickte, langsam, und Runa hatte den Eindruck, dass er die Antwort abgelegt hatte, an einem Ort, an dem er sie wiederfinden würde.
„Ich werde Sie noch einmal fragen“, sagte er. „Nicht heute.“
„Ich werde dasselbe sagen.“
„Das“, sagte der Kommissar, „ist der Grund, warum ich Sie fragen werde.“
IV. Weiße Striche
Die Kinder standen im Nordhof des Vorwerks, in Reihen, die jemand ihnen beigebracht hatte, der es selbst noch nicht lange konnte.
Zweihundertvierzig. Runa zählte sie nicht einzeln, sie zählte die Reihen und multiplizierte, und sie kam auf zweihundertsechsunddreißig, weil vier fehlten, und dann sah sie die vier am Rand stehen, bei einem Wasserfass, und einer von ihnen sah sie kommen und stieß die anderen an, und sie liefen zurück in die Reihen, wie Kinder laufen, mit zu viel Bewegung in den Armen.
Sie trugen Flakrüstung, die zu groß war, und Helme, die zu groß waren, und über jeden Helm lief von vorn nach hinten ein weißer Strich, breit wie ein Daumen, sauber gemalt. Der Strich der Weißbleche. Auf Cadia bekam man ihn mit vierzehn, wenn man aus der Schola in die Kompanie ging, und man trug ihn, bis man das erste Mal im Feuer gestanden hatte, und dann kratzte ihn jemand ab, ein Feldwebel meistens, mit dem Messer, vor allen, und dann war man Gardist. Runa hatte ihren mit fünfzehn verloren, im Winter, an einem Graben vor Halrik, und der Feldwebel, der ihn abgekratzt hatte, war seit sechzehn Jahren tot.
Die Kinder hier waren zwischen dreizehn und sechzehn. Man sah es an den Hälsen, die zu dünn für die Kragen waren.
„Leutnant Ebeling“, sagte der Mann, der am Rand stand.
Er hatte einen Arm. Der andere Ärmel war hochgesteckt, ordentlich, mit einer Nadel, und er hielt sich gerade, wie sich jemand gerade hält, der weiß, dass er sonst fällt. Er roch nach Amasec, nicht stark, nicht frisch, wie jemand, der gestern getrunken hatte und heute wieder würde. Er war vielleicht fünfundzwanzig. Auf seinem Abzeichen stand ein Kasr, das Runa nicht kannte, eines vom Nordkontinent.
„Feldwebel Kalvek. Kasrkin, Dreihunderteinunddreißigstes.“
„Ich weiß. Man hat es mir gesagt.“ Ebeling sah auf die Reihen, nicht auf sie. „Sie sollen sich meine Kompanie ansehen. Der Oberst will wissen, ob das Soldaten sind.“
„Ja.“
„Es sind keine. Das können Sie ihm sagen und sich den Rest sparen.“ Er sagte es ohne Bitterkeit, wie eine Zahl. „Zweihundertvierzig aus elf Scholae. Man hat sie auf die Schiffe gebracht, bevor die Schiffe voll waren, weil das die Vorschrift ist: Scholae zuerst. Sie haben Cadia von oben gesehen, die meisten, durch ein Bullauge. Sie können das Gewehr zerlegen und wieder zusammensetzen. Dreißig können damit treffen. Keiner hat je auf etwas geschossen, das zurückgeschossen hat.“ Er sah sie an, kurz. „Ich auch nicht viel. Ich habe den Arm auf dem Schiff verloren, an einem Schott, das zugegangen ist. Ich bin der Ausbilder, weil ich derjenige war, der am wenigsten woanders gebraucht wurde.“
Runa ging an den Reihen entlang.
Die Kinder sahen geradeaus, wie man es ihnen beigebracht hatte, und dann sahen sie doch, aus den Augenwinkeln, auf das Torabzeichen und auf die Carapax-Rüstung und auf die Hellgun, und Runa merkte, dass sie für diese Kinder etwas war, das es in Geschichten gab. Eine Kasrkin. Sie war nie zuvor etwas gewesen, das es in Geschichten gab, und sie mochte es nicht.
Sie blieb vor einem Mädchen stehen, dreizehn vielleicht, und nahm ihr das Gewehr aus der Hand, ohne zu fragen, und prüfte die Ladeanzeige, den Lauf, den Kolbenriemen. Sauber. Sie gab es zurück. Das Mädchen nahm es, wie man etwas nimmt, das einem gehört.
„Wie heißt du?“
„Weißblech Fenna Ohlsen, Feldwebel.“
„Woher?“
„Kasr Myrak, Feldwebel.“
„Kasr Myrak liegt am Kanal“, sagte Runa. „Man sieht die Schleusen vom Wall.“
Das Mädchen sah sie an, und in seinem Gesicht ging etwas auf, das Runa nicht gewollt hatte, und sie ging weiter.
Der Junge stand in der vorletzten Reihe, fünfzehn, groß für das Alter, mit einem Gesicht, dem die Kindheit noch nicht ganz aus den Wangen gegangen war, und er sah nicht geradeaus. Er sah auf sie. Direkt. Nicht aus den Augenwinkeln. Ebeling sagte etwas von hinten, scharf, und der Junge sah trotzdem.
„Feldwebel“, sagte er. „Sie sind vom Dreihunderteinunddreißigsten.“
„Ja.“
„Vom Schiff.“
„Ja.“
„Meine Schwester ist beim Dreihunderteinunddreißigsten. Zweites Bataillon. Gardistin Merle Odrin. Sie ist neunzehn.“ Er sagte es schnell, als habe er es lange bereitgehalten und fürchte, dass es ihm weggenommen würde, bevor er fertig war. „War sie auf dem Schiff? Ich habe gefragt, aber das Munitorum sagt, die Liste ist noch nicht übertragen, und ich habe gefragt, ob ich zum Schiff darf, und sie haben gesagt, das Schiff ist im Orbit.“
Runa sah ihn an.
Sie kannte die Liste. Sie hatte sie geschrieben, in der Nacht auf dem Schiff, in der der Alte gestorben war, weil jemand sie schreiben musste und der Adjutant des Alten am Tor geblieben war. Sechshunderteinundfünfzig Namen, die durch das Tor gegangen waren. Und dahinter die Namen, die nicht durch das Tor gegangen waren, so weit man sie kannte, mit dem Wort, das man dazu schrieb, wenn man nichts anderes wusste.
Sie hätte sagen können, sie müsse nachsehen. Sie sah nicht nach.
„Gardistin Merle Odrin“, sagte sie. „Zweites Bataillon, Vierte Kompanie. Sie steht als vermisst. Halrik-Tor.“
Der Junge nickte. Er nickte mehrmals, als müsse er es festmachen.
„Ist sie tot?“
„Sie steht als vermisst.“
„Was heißt das?“
„Das heißt vermisst.“
„Aber was heißt das?“ Seine Stimme ging hoch, ein Kind, und er merkte es und drückte sie wieder herunter. „Was heißt das, Feldwebel? Vermisst am Tor? Ist sie durch das Tor gekommen oder nicht?“
„Sie ist nicht durch das Tor gekommen“, sagte Runa. „Ich habe das Tor gehalten. Ich weiß, wer durchgekommen ist. Was danach war, weiß ich nicht, weil ich am Tor stand und nicht dahinter.“
Der Junge sah sie an, lange, und Runa ließ ihn, weil man das ließ.
„Wie heißt du?“
„Weißblech Jonte Odrin. Kasr Halrik.“
„Halrik“, sagte Runa.
„Schola Ost. Am Landtor. Man hat uns am zweiten Tag auf die Schiffe gebracht. Ich habe Merle noch gesehen, am ersten Tag, sie ist mit der Kompanie am Wall vorbei, sie hat nicht raufgesehen.“ Er schluckte. „Sie hat nicht gewusst, dass wir da oben standen.“
„Das Landtor von Halrik ist das größere“, sagte Runa. „Von der Schola Ost sieht man es, wenn man auf dem Dach steht. Man darf nicht auf das Dach.“
„Wir sind trotzdem raufgegangen.“
„Ja“, sagte Runa. „Wir auch.“
Sie ging weiter, bis zum Ende der Reihe, und dann zurück zu Ebeling, der wartete, mit dem einen Arm, und dem etwas im Gesicht stand, das sie nicht ansehen wollte.
„Was sagen Sie dem Oberst?“, fragte er.
„Dass es keine Soldaten sind“, sagte Runa. „Und dass sie das Gewehr sauber halten.“
V. Die erste Nacht
Es fing mit einem Licht an, und Runa sah es, weil sie nicht schlief.
Sie stand auf dem Wehrgang über dem Innentor, wo Rendel die Kasrkin einquartiert hatte, weil das Innentor der Ort war, an dem man Kasrkin einquartierte, wenn man ein Tor hatte und Kasrkin, und sie sah hinunter über das Vorwerk und das Moor, und in der elften Reihe der Zelte ging ein Licht auf. Kein Feuer. Ein Licht, gelb, ruhig, das jemand hochhielt. Dann ein zweites, drei Reihen weiter. Dann eines am Rand des Lagers, wo die Straße zum Landefeld ging.
„Wessik.“
Er kam. Er hatte geschlafen, und er war wach, bevor er neben ihr stand.
„Lichter“, sagte sie. „Da. Und da.“
„Laternen.“
„Um zwei Uhr nachts. Und sie gehen.“ Sie zeigte. „Das da geht nach Osten. Das da auch.“
Wessik sah eine Weile hin. Dann sagte er: „Ich hole die anderen“, und ging, und Runa blieb stehen und sah zu, wie aus drei Lichtern zehn wurden und aus zehn dreißig, und wie sie sich bewegten, alle in dieselbe Richtung, langsam, ohne Eile, wie Leute, die irgendwohin gehen, wo man sie erwartet.
Der erste Schuss fiel im Vorwerk.
Nicht im Lager. Im Vorwerk, unter ihr, zwischen den Kisten, ein einzelner Lasergewehrschuss, der Ton, den ein Lasergewehr macht, wenn es in einem Hof aus Rockcrete abgefeuert wird, hart und kurz mit einem Echo. Dann Rufe. Dann nichts, drei Sekunden lang, und in den drei Sekunden hörte Runa, wie im Vorwerk das Außentor aufging. Sie hörte es, weil sie das Geräusch kannte, das ein Tor macht, das sich nach außen öffnet, wenn die Riegel gezogen sind, ein Geräusch von Metall auf Metall und dann von Wind, der hineinkommt.
Von innen. Jemand hatte das Außentor von innen geöffnet.
„Alarm“, sagte Runa in das Vox, das sie am Kragen trug, und dann sagte sie es noch einmal, lauter, weil das Vox des Forts alt war, und dann fingen die Sirenen an, drei Sekunden zu spät.
Danach ging alles gleichzeitig, wie es immer gleichzeitig geht, und Runa sah es in Stücken, weil man es nur in Stücken sehen konnte.
Sie sah, wie unten im Vorwerk zwischen den Kisten Gestalten liefen, keine Soldaten, Gestalten in Feldblusen und Zivil, mit Laternen und mit Gewehren, und wie eine Wache am Depot fiel, und wie zwei andere zurückschossen, und wie die Gestalten nicht zurückschossen, sondern weitergingen, an den Wachen vorbei, zu den Kisten, und die Kisten aufbrachen.
Sie sah, wie im Lager die Feuer anfingen. Nicht die Lichter. Feuer, in der neunten Reihe, in der vierzehnten, Zelte, die brannten, wie Zelte brennen, schnell und mit viel Licht, und wie zwischen den Feuern Menschen liefen, die keine Lichter trugen, und wie die mit den Lichtern nicht liefen.
Sie sah den Himmel.
Er war niedrig und schwarz, wie er auf Ederhaven immer war, und dann ging etwas darin auf, ein Riss aus rotem Licht, und aus dem Riss fielen Punkte. Sieben. Neun. Elf. Sie fielen nicht auf das Fort. Sie fielen auf das Landefeld, drei Kilometer im Osten, und auf das Moor dazwischen, und als der erste einschlug, kam der Schlag zwei Sekunden nach dem Licht, und Runa wusste, was es war, bevor der Schlag kam, weil sie es schon gesehen hatte, über Halrik, über dem Landtor, in der letzten Nacht am Landtor.
Landekapseln. Dreadclaws, die schwarzen, mit den Klauen, die sich beim Aufsetzen in den Boden schlugen.
„Astartes“, sagte Wessik hinter ihr, und die anderen standen da, neun, mit den Gewehren, und niemand fragte etwas.
Auf dem Vox des Forts sprachen fünf Stimmen durcheinander. Runa hörte die Präfektin, die nach dem Wachoffizier des Vorwerks fragte. Sie hörte Rendel, der die Zweite Kompanie an das Innentor befahl. Sie hörte Lorbeck, der nach Lorbeck klang und den Rest zum Schweigen brachte, indem er sagte, dass er jetzt spreche und die anderen zuhörten, und dann sprach er.
Das Außentor sei offen und werde nicht mehr zugehen, weil die, die es geöffnet hatten, zwischen ihm und den Riegeln standen und weil hinter ihnen das halbe Lager stand. Wer im Lager ein Gewehr habe und kein Tuch, komme ins Vorwerk, jetzt, mit allem, was er tragen könne. Die Zivilisten, die kommen wollten, würden durch das Innentor in die Bastion geführt, durch das Innentor und nirgends sonst, und das Innentor bleibe offen, solange Zivilisten kämen, und werde geschlossen, wenn der Kommissar sage, dass es geschlossen werde. Das Vorwerk werde gehalten, so lange es gehe, und dann das Innentor, und dann die Bastion. Die Kasrkin ans Innentor. Ende.
„Da ist er“, sagte Wessik, und meinte nicht Lorbeck.
Runa sah hinunter.
Die Präfektin ging über den Vorwerkshof. Sie ging allein, in der grauen Robe, mit dem Servoschädel über der Schulter, der ein Licht auf sie warf, und sie ging auf die Gestalten zwischen den Kisten zu, mit einem Datenschiefer in der Hand, wie jemand, der einen Vorgang klären geht. Runa hörte sie nicht. Sie sah, wie die Präfektin stehen blieb und den Schiefer hob und etwas sagte, laut, sie sah es an der Haltung, an der Art, wie die Frau den Kopf hielt, sie las etwas vor. Einen Befehl. Sie las den Gestalten einen Befehl vor, weil das Munitorum Befehle vorlas und weil die Gestalten Cadianer waren und Cadianer Befehle befolgten, so stand es in allen Büchern, die die Präfektin je gelesen hatte.
Eine der Gestalten trat vor. Eine Frau mit einem Tuch über den Augen. Sie hob ein Lasergewehr, ruhig, ohne Eile, und schoss der Präfektin in die Brust, und die Präfektin fiel, und der Servoschädel schwebte noch einen Moment über ihr und warf sein Licht auf sie, und dann flog er weg, irgendwohin, wie ein Insekt.
Die Frau mit dem Tuch senkte das Gewehr. Sie ging nicht weiter. Sie stand da, über der Präfektin, und wartete, wie jemand wartet, der getan hat, was zu tun war, und nichts weiter zu tun hat.
„Innentor“, sagte Runa. „Los.“
VI. Das Tor
Das Innentor von Fort Ederhaven war nach dem Buch gebaut, und das Buch war dasselbe, nach dem man Halrik gebaut hatte, und darum wusste Runa, wo sie stand, bevor sie dort stand.
Zwei Türme, zwölf Meter, mit Scharten auf drei Ebenen. Dazwischen der Torbogen, sechs Meter breit, mit einem Fallgitter, das seit hundert Jahren nicht mehr fiel, weil die Ketten fehlten, und einem Doppeltor aus Plaststahl, das noch ging. Davor der Torkopf: eine Rampe, die von rechts kam, weil man einen Angreifer zwang, dem Tor die Schildseite zuzukehren, und weil das seit zehntausend Jahren niemand mehr störte, der einen Bolter trug. Der tote Winkel lag links unten, wo die Rampe an die Turmwand stieß, ein Dreieck von vier Metern, das keine Scharte erreichte, und wer bis dorthin kam, kam ans Tor.
Sie setzte Pahl in die obere Scharte des linken Turms, wo sie den Torkopf der Länge nach hatte. Roske mit dem Melter in den Torbogen selbst, hinter einen Riegelpfeiler, mit Terhoven als zweitem Mann. Die anderen auf die beiden unteren Ebenen, vier links, drei rechts, und Wessik bei ihr im Bogen, weil Wessik immer bei ihr war und weil sie jemanden brauchte, der die Zweite Kompanie einwies, wenn sie kam.
Sie kam. Rendel brachte sie, hundertsechzig Mann, im Laufschritt über den Innenhof, und Runa sah an der Art, wie sie liefen, dass sie vom Schiff waren, sechshundertelf vom Schiff, die neun Tage nicht gewusst hatten, was sie waren, und jetzt wussten sie es wieder. Rendel schob das Kinn vor und fragte, wo er hinsolle, und Runa sagte es ihm, und er tat es, ohne zu fragen, warum ein Feldwebel einem Hauptmann sagte, wohin, weil das Innentor ein Tor war und Kasrkin am Tor führten. Das stand in keinem Buch. Das war einfach so.
Ein Laserkanonentrupp kam mit ihnen, zwei Männer vom Zwölfhundertsiebten, mit dem Dreibein und dem Energiewagen, und der Richtschütze hieß Feddersen und sah aus wie jemand, der auf dem Moor groß geworden war und nicht auf Cadia, und Runa setzte ihn in den Bogen, neben Roske, mit freiem Feld über den Torkopf, und sagte ihm, er solle nicht schießen, bis sie es sage, und er sagte: „Jawohl, Feldwebel“, und sie hörte an dem Jawohl, dass er nicht schießen würde.
Dann kamen die Zivilisten.
Sie kamen durch das Vorwerk, das noch gehalten wurde, in Klumpen, dann in einem Strom, Frauen, Alte, Kinder, Männer, die ein Gewehr trugen und trotzdem gingen, und sie kamen durch das Innentor in die Bastion, und die Zweite ließ sie durch, und Runa stand im Bogen und sah jedem ins Gesicht, der vorbeikam, auf die Augen, weil man nur an den Augen sehen konnte, ob jemand ein Tuch getragen hatte. Man sah es. Wer das Tuch getragen hatte, hatte einen Streifen hellere Haut über den Wangen.
Sie fand vier. Wessik nahm sie heraus, still, und brachte sie in den Turm, und was danach mit ihnen geschah, entschied der Kommissar, und Runa sah nicht hin.
Der Strom dünnte aus. Das Feuer aus dem Vorwerk kam näher. Man hörte es wandern, von den Kisten zum Depot, vom Depot zum Hof, Lasergewehr gegen Lasergewehr, und dann etwas anderes, ein tieferes Geräusch, mehrere, das Runa in den Zähnen spürte, bevor sie es hörte.
Bolter.
„Sie sind durch das Außentor“, sagte Wessik.
„Ja.“
„Wie viele?“
„Genug, dass es nicht darauf ankommt.“
Lorbeck kam durch das Tor, als Letzter aus dem Vorwerk, mit dreißig Mann, die noch schossen, während sie gingen, und mit ihm kam der Kommissar, der die Pistole in der Hand hielt und nicht so aussah, als habe er damit geschossen, und Lorbeck blieb im Bogen stehen und sah Runa an.
„Das Vorwerk ist weg“, sagte er. „Sie kommen. Zivilisten kommen keine mehr.“
„Dann schließen wir.“
„Schließen Sie.“ Er sah den Kommissar an, und der Kommissar nickte, einmal, und Lorbeck sagte: „Der Kommissar sagt, es wird geschlossen“, und ging weiter in die Bastion, weil ein Oberst am Tor im Weg stand.
Das Doppeltor ging zu. Es war ein alter Mechanismus, und er brauchte acht Mann an den Speichen, und er schloss sich mit einem Geräusch, das Runa an Halrik erinnerte und das sie nicht hören wollte, und dann war das Tor zu, und sie stand davor, auf der Außenseite, im Bogen, mit den Kasrkin und dem Laserkanonentrupp und vierzig von der Zweiten, weil ein Tor von außen gehalten wurde, solange es ging, und von innen erst, wenn es nicht mehr ging.
Sie kamen über die Rampe.
Zuerst die mit den Tüchern. Vierzig oder fünfzig, mit Lasergewehren aus den Kisten des Depots, und sie kamen die Rampe herauf, wie sie durch das Lager gegangen waren, ohne Eile, und sie schossen, schlecht, weil man mit einem Tuch über den Augen schlecht schoss, und Runa verstand nicht, warum sie überhaupt schossen, bis sie es verstand: Sie schossen, damit man auf sie schoss. Damit die Scharten auf sie zielten. Damit die, die hinter ihnen kamen, die Rampe hatten.
„Pahl“, sagte sie in das Vox. „Nicht die Vorderen. Warte.“
Hinter den Verhüllten kam der Astartes.
Er kam allein, und das war das Schlimmste, dachte Runa später. Er kam allein die Rampe herauf, in schwarzer Rüstung mit goldenen Kanten, das Auge auf der Brustplatte, ein Bolter in der einen Hand und eine Axt in der anderen, deren Schneide ein Licht hatte, und er ging zwischen den Verhüllten hindurch, die zur Seite traten, ohne dass er sie berührte, und er ging, als gehöre ihm die Rampe. Zweieinhalb Meter. Runa hatte schon Astartes gesehen. Man sah sie auf Cadia, im Vorbeigehen, auf Schiffen, in Kolonnen, die irgendwohin gingen. Man hatte sie nie allein auf sich zukommen sehen.
Die Verhüllten fielen. Die Zweite schoss, die Scharten schossen, und die Verhüllten fielen, wie Leute fallen, die nicht in Deckung gehen, und der Astartes ging weiter.
„Feddersen. Jetzt.“
Die Laserkanone schlug. Der Strahl traf den Astartes in die Brust, mitten auf das Auge, und warf ihn einen Schritt zurück, einen, und die Brustplatte war schwarz und rauchte, und er stand.
Er stand und hob den Bolter, und dann waren Brede und Ansorge nicht mehr da. Runa sah es nicht. Sie hörte es, zwei Schüsse, und dann hörte sie Ansorge nicht mehr streiten, und aus der Scharte, in der die beiden gelegen hatten, kam kein Feuer mehr, und das war alles.
Roske schoss mit dem Melter. Zu früh, zu weit, der Strahl fraß ein Loch in die Rampe, und der Astartes drehte sich zu ihm, und Terhoven zog Roske hinter den Pfeiler, und die Axt traf den Pfeiler, und der Pfeiler war aus Rockcrete und hielt, und der Pfeiler war das Einzige, was in dieser Nacht hielt, weil es ihm egal war.
„Wieder“, sagte Runa. „Feddersen. Wieder.“
Feddersen lud. Es dauerte vier Sekunden. Runa zählte sie, und in den vier Sekunden ging der Astartes drei Schritte, und Dammer kam aus dem Bogen, warum, wusste sie nicht, mit dem Lasergewehr, und schoss ihm ins Gesicht, in die Linsen, aus zwei Metern, und die Axt kam, und Dammer war nicht mehr da. Luttmer schrie etwas. Luttmer mit den Händen, die nicht stillhielten. Er warf eine Granate, richtig, unter die Füße, und die Granate ging hoch, und der Astartes stand, und trat auf Luttmer, und Luttmer war nicht mehr da.
Die Laserkanone schlug.
Diesmal in die Seite, unter den Arm, wo die Platten dünner waren, und der Astartes ging in die Knie. Ein Knie. Er stützte sich auf die Axt und sah auf, zum Bogen, zu Runa, und in den Linsen war Licht, und er stand wieder auf.
Und dann kam von rechts, vom Innenhof, über das, was von der Zweiten übrig war, hinweg, ein Motorengeräusch, das kein Chimera machte, tiefer, breiter, ein Geräusch, das die Bastion vibrieren ließ, und Runa dachte: Das ist kein Tor mehr, das ist eine Straße, und dann sah sie den Panzer.
Ein Leman Russ. Kein Kampfpanzer. Ein Demolisher, mit dem kurzen, dicken Rohr, das nichts anderes konnte, als Mauern einzureißen, und er kam durch eine Nebenpforte der Bastion, die für Karren gebaut war, und schob den Torpfosten der Pforte mit der linken Kette beiseite, weil er zu breit war, und auf der Flanke stand in weißer Schrift, ordentlich, wie man es auf Cadia machte: Letzte Mahnung.
Er hielt. Vierzig Meter vom Astartes. Runa sah die Luke aufgehen und eine Frau herausschauen, kurz, ein Gesicht mit einem Kopfhörer, und dann ging die Luke zu.
Der Astartes sah den Panzer an. Er hätte laufen können, dachte Runa. Er hätte zur Seite gehen können, in den toten Winkel, links unten, wo die Rampe an die Turmwand stieß, und von da ans Tor. Er tat es nicht. Er drehte sich dem Panzer zu, ganz, und hob die Axt, und Runa wusste nie, ob es Verachtung war oder ob er es nicht besser wusste oder ob es für einen Astartes dasselbe war.
Die Demolierungskanone feuerte.
Danach war eine Weile nichts zu hören, weil Runa nichts hörte, und als das Hören zurückkam, hörte sie den Motor des Demolishers, der im Leerlauf lief, und Feddersen, der etwas sagte, immer wieder, und das Klicken der Hellgun in ihren Händen, weil sie den Abzug gedrückt hielt, ohne dass noch etwas herauskam. Auf der Rampe lag, was vom Astartes noch da war, und es war nicht viel, und es war schwarz, und daneben lagen die Verhüllten, sehr viele, in ihren Feldblusen, mit den weißen Tüchern, die jetzt nicht mehr weiß waren.
Sie zählte.
Wessik. Terhoven. Pahl, oben, die ein Zeichen gab. Roske, hinter dem Pfeiler, mit Terhoven. Quint. Sieber.
Sieben, mit ihr.
„Vier“, sagte Wessik. Er stand neben ihr. Er hatte Blut im Gesicht, nicht seines. „Brede. Ansorge. Dammer. Luttmer.“
„Ich habe gezählt.“
„Ich weiß, dass du gezählt hast. Ich sage es trotzdem.“ Er sah auf die Rampe. „Man muss es sagen.“
Runa nahm den Finger vom Abzug. Sie tauschte das Energiepack, ohne hinzusehen, wie sie es seit sechzehn Jahren tat, und die Hellgun summte wieder, und der Motor des Demolishers lief, und irgendwo im Vorwerk schoss noch jemand, weniger jetzt, und das Doppeltor hinter ihr war zu und hatte gehalten, ohne dass etwas es berührt hatte.
VII. Der Gruß
Der Morgen kam grau, wie er auf Ederhaven kam, und mit ihm kam die Stille, und die Stille war schlimmer als das andere, weil man in ihr zählen konnte.
Runa stand auf dem Wehrgang über dem Innentor. Sie stand dort seit einer Stunde. Unter ihr lag der Torkopf mit dem, was darauf lag, und dahinter das Vorwerk, das brannte, an drei Stellen, ruhig jetzt, wie ein Feuer brennt, das niemand mehr löscht und das niemand mehr braucht, und dahinter das Außentor, offen, und dahinter das Moor.
Das Lager war halb weg. Man sah es an den Reihen: Wo Zelte gestanden hatten, standen schwarze Rechtecke im Gras, in der neunten Reihe, in der vierzehnten, in der ganzen Osthälfte, und zwischen den Rechtecken lagen Dinge, die Runa nicht ansah, weil sie sie kannte. In der Westhälfte standen die Zelte noch. Dort standen auch Menschen, in Gruppen, und sahen nach Osten, wie sie gestern nach der Kolonne gesehen hatten.
Nach Osten ging die Straße zum Landefeld, und auf der Straße gingen die Verhüllten.
Es war eine Kolonne. Das war es, was Runa nicht begriff und was sie nicht aufhörte anzusehen: Es war eine Kolonne, in Viererreihen, ordentlich, wie Cadianer gehen, dreitausend Menschen mit weißen Tüchern über den Augen, die auf einer Straße nach Osten gingen, Hand auf der Schulter des Vordermanns, weil man mit dem Tuch nicht sah, wohin, und der Vorderste sah. Sie gingen zum Landefeld, wo die Landekapseln standen und wo jetzt etwas anderes stand, größer, das Runa im Dunst nur als Form sah, ein Schiff, ein Lander, mehrere. Sie gingen dorthin, wie man zu einem Schiff geht, das einen abholt.
Niemand trieb sie. Das war das andere. Zwischen ihnen gingen keine Astartes, hinter ihnen keine Wachen. Sie gingen.
„Zweihundertzwölf“, sagte Wessik neben ihr. „Von der Zweiten, vom Zwölfhundertsiebten, vom Panzer, alle zusammen, im Vorwerk und am Tor. Und die Präfektin. Der Kommissar zählt die Zivilisten noch. Er sagt, es sind Hunderte. Er sagt es so, dass man weiß, dass er weiß, wie viele.“
„Ja.“
„Und vier.“
„Ja.“
Der Demolisher stand noch, wo er gestanden hatte, mit laufendem Motor, weil die Frau in der Luke gesagt hatte, sie stelle ihn nicht ab, bevor die Straße leer sei. Sie hatte gesagt, sie heiße Bolland, Feldwebel, Fünfhundertneunzehntes, und der Panzer heiße Letzte Mahnung, weil ihr Vater beim Munitorum gewesen sei und weil das der Vordruck sei, den man bekomme, bevor sie einen holen kämen, und Runa hatte gesagt, gut, und Bolland hatte gesagt, ja, und das war das ganze Gespräch gewesen. Man brauchte nicht mehr, mit jemandem, der aus vierzig Metern einen Astartes von der Rampe geschossen hatte.
„Da“, sagte Wessik.
Er zeigte nicht. Er sagte es nur, und Runa sah hin, weil sie wusste, wohin er meinte.
Sechshundert Meter im Osten, wo die Straße zum Landefeld über eine flache Kuppe ging, die einzige Erhebung im Moor außer dem Fort, stand eine Gestalt. Sie stand auf der Kuppe, neben der Straße, und die Kolonne ging an ihr vorbei, und die Gestalt war schwarz und zu groß für einen Menschen, und sie stand so still, wie Menschen nicht stehen.
Ein Astartes. Ohne Helm; das sah man am Umriss des Kopfes, an der Art, wie das graue Licht darauf lag. Er sah zum Fort. Runa wusste es, ohne die Augen zu sehen. Man wusste es, wie man wusste, dass ein Geschütz auf einen gerichtet war.
Neben ihm stand ein zweiter, kleiner. Ein Mensch. In einem Mantel, lang, olivgrau, mit einem Kragen, den Runa kannte, weil sie ihn sechzehn Jahre lang an Offizieren gesehen hatte, der Mantel, den man in Halrik an Offiziere ausgab, mit dem Torabzeichen auf der Schulter, das man auf sechshundert Meter nicht sah. Der Mensch hatte kein Tuch über den Augen. Das sah man. Er stand neben dem Astartes, nicht dahinter, und sah zum Fort, wie der Astartes zum Fort sah.
„Ein Cadianer“, sagte Wessik.
„Ein Mantel“, sagte Runa.
„In einem cadianischen Mantel steckt ein Cadianer.“
„In einem cadianischen Mantel steckt, wer ihn angezogen hat.“
Sie hob die Hellgun. Nicht, um zu schießen, sechshundert Meter, nicht mit dem, und Pahl hätte es aus dem Turm vielleicht geschafft und vielleicht nicht, und Runa gab kein Zeichen. Sie sah durch das Visier, weil das Visier vergrößerte, und in der Vergrößerung war die Gestalt auf der Kuppe ein Astartes mit kurzem Haar und einem Gesicht, das sie nicht lesen konnte, weil man Gesichter auf sechshundert Meter nicht las, und einem Rüstungskragen mit Gold darauf. Und der Mensch daneben war ein Mensch in einem Mantel, mit dem Gesicht zum Fort, und sie konnte es nicht sehen. Sie hätte es gern gesehen. Sie stellte fest, dass sie es gern gesehen hätte, und stellte das Visier weg.
Der Astartes hob die Hand.
Nicht die Faust. Die offene Hand, mit der Fläche nach vorn, auf Schulterhöhe, und hielt sie dort, ruhig, drei Sekunden, vier, wie jemand auf der anderen Seite einer Straße, der einen Bekannten sieht und ihn grüßt, ohne zu erwarten, dass der Bekannte herüberkommt.
Dann ließ er sie sinken, drehte sich um und ging die Kuppe hinunter, zum Landefeld, und der Mensch im Mantel ging neben ihm, und die Kolonne ging weiter, und nach einer Weile war die Kuppe leer.
„Der hat dich gegrüßt“, sagte Wessik.
„Er hat das Tor gegrüßt.“
„Runa.“
„Er hat das Tor gegrüßt“, sagte sie noch einmal. „Er hat es sich angesehen, und es hat gehalten, und er hat es gegrüßt. So macht man das. Ich hätte es auch gemacht.“
Wessik sah sie an, lange, und sagte dann nichts, was für Wessik das Längste war, was er sagen konnte.
Um die Mittagsstunde hoben die Lander ab. Man hörte es bis zum Fort, und dann sah man sie über dem Dunst, drei, schwarz, schwer, und sie stiegen langsam, wie Dinge steigen, die voll sind, und verschwanden im Grau, und der Himmel schloss sich nicht hinter ihnen, weil er nie offen gewesen war, nicht so, wie man es sah. Auf dem Landefeld blieben die Landekapseln stehen, leer, wie Zähne.
Dreitausend, sagte der Kommissar am Abend. Er hatte gezählt. Es waren dreitausendeinhundert, die auf der Straße gegangen waren, und er hatte sie gezählt, vom Wehrgang aus, mit einem Zählwerk, das er in der Manteltasche trug, und Runa fragte ihn nicht, warum ein Mann so etwas in der Manteltasche trug.
VIII. Zählung
Der Neuaufstellungsbefehl kam am fünften Tag, und er kam von einer Toten.
Nicht von ihr. Von ihrem Namen. Der Adjutant der Präfektin, ein Mann, der drei Nächte nicht geschlafen hatte und dem man es ansah, hatte den Befehl aufgesetzt, wie er vor dem Aufstand aufgesetzt worden war, mit denselben Zahlen, und ihn mit dem Siegel der Präfektin versehen, weil das Siegel in ihrem Schreibtisch lag und weil der Sammelraum keinen anderen Präfekten hatte und weil ein Befehl ohne Siegel kein Befehl war. Er hatte darunter geschrieben: in Vertretung. Runa sah das Blatt, weil Lorbeck es auf den Tisch legte, und sie dachte, dass es das Imperium war, ganz und gar, in einem Wort. In Vertretung. Es unterschrieb weiter.
Der Kommissar las ihn vor. Im Innenhof, vor dem, was angetreten war, weil Lorbeck es so wollte und weil ein Kommissar das las, was ein Regiment machte.
„Dreihunderteinunddreißigstes Cadianisches Stoßtruppenregiment. Neuaufstellung. Bestand: sechshundertelf aus dem bisherigen Dreihunderteinunddreißigsten. Zweihundertsiebenundachtzig aus dem bisherigen Zwölfhundertsiebten. Einhundertsechsundfünfzig aus der Dritten und Vierten Kompanie des Fünfhundertneunzehnten Panzerregiments, mit neun Leman Russ, vier Hellhound, zweiundzwanzig Chimera. Zweihundertvierzig Weißbleche aus den Scholae Halrik-Ost, Myrak, Tyrok, Sonnen und sieben weiteren. Abzüglich der Verluste vom vierten Tag, die gesondert gemeldet werden.“ Grothe sah nicht auf. „Kommandeur: Oberst Radomir Lorbeck. Stellvertreter: Hauptmann Matthis Rendel. Regimentskommissar: der Unterzeichnete. Wahlspruch und Abzeichen des bisherigen Dreihunderteinunddreißigsten werden übernommen.“
Er faltete das Blatt.
Runa stand mit den sechs am Rand, wo Kasrkin standen, außerhalb der Gliederung, und sie sah auf die Reihen. Die vom Schiff. Die vom Zwölfhundertsiebten, die vier Monate hier gewesen waren und den Sammelraum mit aufgebaut hatten und jetzt unter einer Nummer standen, die vom Schiff gekommen war. Die vom Panzer, in ihren schwarzen Overalls, mit Bolland vorn, die aussah, als warte sie darauf, dass jemand etwas Falsches über ihren Panzer sagte. Die Kinder, mit den weißen Strichen, in Reihen, die gerade waren. Ebeling mit dem einen Arm.
Elftausend Tote hatte das Lager gezählt, bis der Kommissar aufgehört hatte zu zählen, und dreitausendeinhundert, die gegangen waren, und das Regiment stand im Hof und hörte sich eine Nummer an.
„Das Tor hält“, sagte Lorbeck, „solange einer steht.“
Es kam nicht laut. Es kam wie eine Feststellung. Es war der Spruch des Dreihunderteinunddreißigsten, der auf dem Abzeichen stand, das man von jetzt an an tausendzweihundert Schultern tragen würde, und die sechshundertelf sagten ihn zurück, weil man ihn zurücksagte, und dann, eine halbe Sekunde später, sagten ihn die anderen, weil sie gehört hatten, wie man es machte.
Danach war Zählung. Der Kommissar zählte, mit Rendel, Kompanie für Kompanie, und Runa stand und wartete, bis die Kasrkin dran waren, und dann sagte sie: „Sieben“, und der Kommissar schrieb es, ohne aufzusehen, und sie ging zurück an den Rand.
Lorbeck fand sie dort.
Er kam allein, ohne Adjutant, und stellte sich neben sie, als sähen sie sich gemeinsam etwas an, und sagte, ohne sie anzusehen: „Sie haben das Tor gehalten.“
„Der Panzer hat das Tor gehalten.“
„Der Panzer hat einen Astartes geschossen. Das Tor haben Sie gehalten. Ich war im Vorwerk, ich weiß, was am Tor war.“ Er sah auf die Reihen. „Ich habe zwei Kompanien, die keinen Hauptmann haben. Ich könnte Sie zum Leutnant machen. Heute. Auf dem Papier des Adjutanten, in Vertretung, es würde niemanden interessieren.“
„Nein.“
„Ich habe es erwartet. Ich frage trotzdem.“
„Ich führe einen Zug, Oberst.“
„Sie führen sieben Mann.“
„Ich führe einen Zug mit sieben Mann.“
Lorbeck nickte. Er nahm die Mütze ab, sah hinein, als stehe dort etwas, und setzte sie wieder auf.
„Dann führen Sie ab morgen einen Zug mit sieben Mann und zweihundertvierzig Kindern“, sagte er. „Ebeling bleibt Ausbilder, dem Namen nach, weil er den Namen braucht. Sie machen es. Sie bringen ihnen bei, was man ihnen beibringen kann, und Sie sagen mir in vier Wochen, ob sie in ein Gefecht dürfen, und ich werde Ihnen glauben, was Sie sagen.“ Er sah sie an, zum ersten Mal. „Sie haben das Tor gehalten, Kalvek. Jetzt halten Sie die Kinder.“
„Ich bin Kasrkin, Oberst. Ich bin keine Ausbilderin.“
„Sie sind das Einzige, was ich habe, das zweihundertvierzig Kinder ansehen und dabei so aussehen kann wie das, was sie werden sollen.“ Er sah wieder auf die Reihen. „Ich weiß, was ich Ihnen wegnehme. Ich nehme es Ihnen trotzdem.“
Runa sah auf die Kinder. Sie standen in Reihen, gerade, mit den Strichen, und die Striche waren sehr weiß in dem grauen Licht.
„Jawohl“, sagte sie.
„Als Feldwebel.“
„Als Feldwebel.“
„Gut“, sagte Lorbeck und ging.
Wessik stand hinter ihr. Er hatte alles gehört, weil Wessik immer alles hörte, und er sagte: „Kinder“, und dann sagte er: „Zweihundertvierzig“, und dann sagte er: „Du hättest Leutnant werden sollen. Dann hätte ich das übernommen und du hättest zugesehen.“
„Du hättest es übernommen?“
„Nein“, sagte Wessik. „Aber ich hätte es gesagt.“
IX. Was steht
Am Abend des fünften Tages stand Runa auf der Mauer der Bastion, auf der Seeseite, wo man das Moor nicht sah, sondern den Dunst, hinter dem die Küste war, und sie stand dort, weil es der eine Ort im Fort war, an dem sie nichts zählen musste.
Der Junge fand sie trotzdem.
Er kam die Treppe herauf, mit dem Helm unter dem Arm, wie man es ihm beigebracht hatte, wenn man nicht im Dienst war, und blieb drei Schritte von ihr stehen, wie man es ihm beigebracht hatte, und wartete, bis sie ihn ansah.
„Weißblech Odrin.“
„Feldwebel.“ Er sah auf den Dunst, weil sie auf den Dunst sah. „Man sagt, Sie übernehmen uns. Ab morgen.“
„Ja.“
„Der Leutnant hat es gesagt. Er hat gesagt, wir sollen tun, was Sie sagen, und nicht fragen, warum.“
„Das ist richtig.“
„Ich frage trotzdem etwas. Nicht warum.“ Er hielt den Helm fester. „Ich habe gefragt, im Lager, bei den Leuten vom Zweiten Bataillon, die durchgekommen sind. Vom Dreihunderteinunddreißigsten. Ich habe alle gefragt, die ich gefunden habe. Elf. Keiner hat Merle gesehen, am Tor. Keiner hat sie fallen sehen. Keiner hat sie durchkommen sehen. Sie war da, und dann war sie nicht mehr da, und keiner weiß, wo dazwischen.“
„Das ist, was vermisst heißt.“
„Ich weiß.“ Er schluckte. „Ich wollte fragen, was Sie gesehen haben. Am Tor. Nicht von Merle. Vom Tor. Wie es war.“
Runa sah auf den Dunst.
Sie hätte ihm sagen können, dass man das nicht fragt. Man fragte einen Kasrkin nicht, wie es am Tor war, weil ein Kasrkin es nicht sagte, und weil der, der fragte, es nicht wissen wollte, sondern etwas anderes, und das andere konnte man ihm nicht geben. Sie hätte ihn wegschicken können. Sie war ab morgen seine Ausbilderin, und eine Ausbilderin schickte weg.
„Das Landtor von Halrik“, sagte sie, „ist das größere von beiden. Es hat zwei Türme mit drei Ebenen und einen Torkopf mit der Rampe von rechts. Davor liegt die Straße vom Binnenland, die auf den letzten zweihundert Metern gerade ist, damit die Türme sie einsehen. Links am Torkopf, wo die Rampe an die Turmwand stößt, ist ein toter Winkel von vier Metern, den jeder in Halrik kennt, weil jeder in Halrik als Kind einmal darin gestanden hat, um zu sehen, ob die Posten einen finden. Sie finden einen nicht. Hinter dem Tor liegt die Torstraße, und an der Torstraße liegt die Schola Ost, auf deren Dach man nicht darf, und vom Dach der Schola sieht man über das Tor bis zur Straße vom Binnenland. Das Tor hat einen Wahlspruch, der über dem Bogen steht, und den kennst du.“
Der Junge sah sie an. Er hatte begriffen, was sie tat, glaubte sie. Er war fünfzehn, und er hatte begriffen, dass sie über das Tor sprach, wie man über ein Tor spricht, das steht, und er sagte nichts dazu, und dafür würde sie ihm morgen nichts schenken, aber sie würde es wissen.
„Danke, Feldwebel“, sagte er.
„Geh schlafen. Morgen um fünf.“
Er ging. Auf der Treppe kam ihm jemand entgegen, ein Mädchen, klein, mit dem Helm auf dem Kopf, obwohl es nicht im Dienst war, mit dem Strich darauf, und das Mädchen blieb stehen und sah zu Runa hoch, und Runa erkannte es. Fenna Ohlsen. Kasr Myrak, am Kanal.
Das Mädchen grüßte, mit der Faust auf der Brust, wie man es in der Schola lernte, zu fest, zu gerade, und sagte den Satz.
„Cadia hält stand, Feldwebel.“
Runa sah sie an.
Sie hatte ihn seit dem Tor nicht gesagt. Sie hatte ihn auf dem Schiff nicht gesagt, als die anderen ihn sagten, und im Hof nicht, als tausendzweihundert ihn sagten, und jetzt stand ein Mädchen von dreizehn vor ihr, aus einem Kasr am Kanal, das es von oben durch ein Bullauge gesehen hatte, und sagte ihn, und wartete, dass man ihn zurücksagte, weil man ihn zurücksagte, und Runa hätte es tun können. Es war ein Satz. Man sagte ihn. Er kostete nichts.
Sie sagte nichts.
Das Mädchen wartete noch einen Moment, und dann ging etwas in seinem Gesicht zu, das vorhin aufgegangen war, und es grüßte noch einmal, weniger fest, und ging die Treppe hinunter, hinter dem Jungen her.
Runa blieb stehen. Der Dunst über der Küste wurde dunkel, und dahinter war das Meer, das sie nicht sah, und dahinter war nichts, das sie kannte, und über ihr war der Himmel, der auf dieser Welt nie richtig aufging und der irgendwo, hinter dem Grau, offen war, quer durch alles, und kein Licht mehr hatte.
Sie zählte.
Wessik. Terhoven. Pahl. Roske. Quint. Sieber.
Sieben, mit ihr.
Sie sagte es nicht laut. Man musste es sagen, hatte Wessik gesagt, und er hatte recht, und sie sagte es trotzdem nicht, und morgen um fünf würden zweihundertvierzig Kinder im Nordhof stehen, mit weißen Strichen auf den Helmen, und sie würde ihnen beibringen, was man ihnen beibringen konnte, und irgendwann würde einer von ihnen den Satz sagen, und sie würde nichts sagen, und irgendwann würden sie aufhören, darauf zu warten. So ging das. Das Tor hielt, solange einer stand. Es stand nirgends, dass der eine etwas sagen musste.
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