Salzgrund

Die Zeugen · Zweiter Teil

Zivilisten (Salzgrund, Hollbrunn) · Word Bearers (Die Zeugen der Wunde) · Die Feuerhüter von Nocturne

Teil 2 von 5 · 19 Min. Lesezeit

„„Ein Schieber ist auf oder zu. Was dazwischen ist, nennt man Verschleiß."“

Merksatz der Brückenwarte von Salzgrund, seit dreihundert Jahren

I. Die Schieber

Sieben Brücken, vierzehn Schieber, ein Mann.

So stand es im Dienstbuch des Rieselkanals, und so war es seit dreihundert Jahren, und Tammo Rieck hatte in seinen einundvierzig Jahren an den Schiebern nie verstanden, warum die Leute das für wenig hielten. Ein Schieber, den man um eine Handbreit zu weit öffnete, gab einer Pfanne zu viel Sole, und die Pfanne lief über, und die Sole lief ins Feuer darunter, und ein Siedehaus, dessen Feuer erlosch, brauchte drei Tage, bis es wieder auf Temperatur war. Ein Schieber, den man zu weit schloss, ließ eine Pfanne trocken kochen, und dann brannte das Siedehaus. Dazwischen lag der Kanal. Dazwischen lag Salzgrund.

Am zehnten Tag, an dem die Fremden auf der Ebene lagen, kam der grüne Riese zu seiner mittleren Brücke und kniete sich hin.

Rieck hatte ihn kommen sehen, durch die Gasse, mit einem zweiten in Schwarz und einem dritten weiter hinten, und er hatte nicht aufgehört, das Rad zu drehen, weil die zweite Pfanne gerade ihr Maß bekam. Dann stand der Riese vor ihm, dann kniete er, und sein Kopf war auf der Höhe von Riecks Kopf, und das hatte in einundvierzig Jahren niemand getan. Nicht der Statthalter, nicht der Oberst, nicht der Sudmeister der ersten Pfanne, der sich für den Statthalter hielt.

Der Riese sagte, dass die Tore schließen würden. Morgen um Mitternacht. Er sagte es langsam und sah dabei nicht weg, und Rieck rechnete ihm das hoch an, so wie er es einem Lehrling hoch anrechnete, der einen Fehler meldete, bevor die Pfanne überlief.

„Sie haben gesagt, Sie lassen niemanden zurück", sagte Rieck. Das hatte der Oberst ausrufen lassen, am zweiten Tag, und Rieck hatte es gehört, an der vierten Brücke, mit dem Rad in der Hand.

„Ja."

„Und jetzt?"

Der Riese sagte, dass er gerechnet habe. Dreimal. Und dass beides stehe, der Satz von damals und der von heute, und dass er keins von beiden zurücknehme.

Rieck hatte darauf nichts zu sagen. Er wischte sich die Hände an der Jacke ab, die trocken waren, und sagte, dass er es ihnen sagen würde, in jeder Gasse. Und dass er nicht hinaufgehen würde. Die Schieber müssten bedient werden.

„Ich habe nicht in den Himmel gesehen", sagte er, weil der Riese ihn ansah, als warte er noch auf etwas. „Ich habe auf den Kanal gesehen. Sechs Jahre lang. Ich werde jetzt nicht damit anfangen."

Der Riese blieb noch einen Moment auf den Knien. Dann stand er auf und sagte etwas, das Rieck erst später verstand, als er allein war und das Rad der dritten Brücke um eine Viertelumdrehung nachstellte, weil die Sole heute schwerer war als gestern.

„Pass auf dich auf", hatte der Riese gesagt. Ein Astartes. Zu einem Brückenwart.

II. Marrit

Er sagte es in jeder Gasse.

Er sagte es mit der Stimme, mit der er seit einundvierzig Jahren über das Rieseln hinweg nach den Lehrlingen rief, und die Leute kamen aus den Türen und hörten zu, und manche gingen zurück und packten, und manche gingen zurück und schlossen die Tür. Die, die in den Gassen saßen, mit den Kerzen vor sich, hörten ihm auch zu. Sie sahen ihn an und sagten nichts, und er ging weiter, weil er noch neunzehn Gassen hatte.

Marrit wartete an der mittleren Brücke, als er zurückkam. Sie hatte gepackt. Ein Bündel, die Jacke ihrer Mutter, die Schuhe mit den guten Sohlen.

„Du kommst mit", sagte sie.

„Nein."

„Vater."

„Die Schieber."

Sie sah ihn an, wie ihre Mutter ihn angesehen hatte, wenn er nach der Nachtschicht nicht ins Bett ging, weil die siebte Brücke ein Geräusch machte, das ihm nicht gefiel. Sie war dreiundzwanzig. Sie siedete in der fünften Pfanne, seit sie sechzehn war, und sie war besser als er, weil sie die Sole roch, bevor sie sie sah.

„Es kommt niemand, um die Schieber zu bedienen, wenn du oben bist", sagte er. „Dann laufen die Pfannen über, und die Siedehäuser brennen, und wenn die Hilfe kommt, findet sie eine Stadt, in der nichts mehr siedet. Ich habe dem Riesen gesagt, dass der Kanal läuft. Ich habe es nicht deinetwegen gesagt. Ich habe es gesagt, weil es stimmt."

„Und ich?"

„Du gehst hinauf."

Sie wollte weinen und tat es nicht, das hatte sie auch von ihrer Mutter. Sie stand noch eine Weile. Dann nahm sie das Bündel und die Jacke, und auf der Brücke blieb sie stehen und legte die Hand auf das Rad des Schiebers, nicht um es zu drehen, nur um es angefasst zu haben.

„Der Kanal läuft", sagte sie.

„Der Kanal läuft."

Er sah ihr nach, bis sie in der Gasse zum Salzsteig verschwand, und dann sah er auf den Kanal, weil die Sole ein bisschen zu schnell lief und die vierte Brücke eine halbe Umdrehung brauchte.

Um Mitternacht hörte er das Gitter fallen. Man hörte es bis hier unten, alle drei, eins nach dem anderen, und dann war es still, und dann schrien sie oben am Steig. Rieck stand an der mittleren Brücke, mit beiden Händen am Rad, und drehte nicht. Er stand nur da, mit den Händen am Rad, damit sie etwas zu tun hatten.

III. Der Morgen danach

Sie kamen mit dem Licht, wie sie immer gekommen waren, nur dass diesmal niemand da war, der auf sie schoss.

Rieck sah sie von der Brücke aus die Gasse herunterkommen. Männer in grauen Uniformen, die noch den Adler auf dem Kragen trugen, mit Lasergewehren über der Schulter, nicht im Anschlag. Sie gingen wie Leute, die eine Stadt betreten, die ihnen jemand versprochen hat. Vor ihnen her ging ein Mann ohne Gewehr, mit einer Laterne, die er hochhielt, obwohl es hell war.

Sie taten nichts. Das war das Erste, was Rieck begriff, und es war schlimmer als alles, was er sich in der Nacht vorgestellt hatte. Sie gingen durch die Gassen und sahen in die Türen und gingen weiter. Sie stellten sich auf den Siedeplatz vor den Siedehäusern und warteten. Einer von ihnen, ein Hauptmann mit einem Gesicht wie ein Bergmann, kam zur Brücke, sah Rieck an, sah auf das Rad, sah in den Kanal.

„Was ist das?"

„Der Rieselkanal. Die Sole für die Pfannen."

„Läuft der weiter?"

„Wenn ihn jemand bedient."

Der Hauptmann nickte, als sei das eine Antwort, mit der er rechnen konnte, und ging zurück zum Platz.

Nur einmal an diesem Morgen fiel ein Schuss. Ein Junge aus der Gasse hinter dem dritten Siedehaus, der Sohn des Sudmeisters Brenneke, hatte ein Lasergewehr, das der PDF in der Nacht liegen geblieben war, und er hob es, und drei Männer in einer anderen Rüstung, die nicht grau war, sondern ein Rot wie getrocknetes Blut, waren schneller. Es waren keine Rauhgrater. Es waren die anderen. Der Junge fiel, und die drei gingen weiter, und einer der Rauhgrater bückte sich und nahm ihm das Gewehr ab und legte es beiseite, und keiner sagte etwas.

Um die Mittagsstunde sprach die Stimme.

Nicht aus dem Vox. Vom Siedeplatz, über die Köpfe hinweg, ohne Verstärkung, weil sie keine brauchte. Rieck konnte den Sprecher von der Brücke aus nicht sehen. Er hörte die Stimme, tief, in einem Gothisch, das alt klang wie die Fundamente der Siedehäuser, und sie sagte, dass niemand angerührt werde. Dass niemand gehen müsse und niemand bleiben. Dass es Brot gebe, für alle, die auf dem Platz seien, und dass sie nur hinaufsehen sollten, wenn sie wollten. Nur das.

Das Brot kam von den Massentransportern. Es war graues Brot, wie es die PDF gebacken hatte, und die Rauhgrater verteilten es auf dem Platz, an alle, die dort waren. Wer nicht auf dem Platz war, bekam keins. Es sagte niemand, dass man auf den Platz kommen müsse. Es war nur so, dass das Brot dort war.

Am Abend zählte Rieck die Lichter in seiner Gasse. Vor der Nacht waren es elf gewesen. Jetzt waren es fünfzehn.

IV. Neun Tage

Er lernte den Rhythmus, wie man den Rhythmus einer Pfanne lernt.

Morgens das Brot auf dem Platz. Mittags die Stimme. Sie sprach jeden Tag, nie lang, nie laut, und sie sagte jeden Tag ungefähr dasselbe, in anderen Worten, so wie ein Kanal jeden Tag dasselbe Wasser führt und nie dasselbe. Der Himmel ist offen. Niemand hat nach euch gesehen. Seht hinauf. Nachmittags saßen die, die hinaufgesehen hatten, in den Gassen, mit den Lichtern, und die, die es nicht getan hatten, blieben in den Häusern, und die Rauhgrater gingen dazwischen herum und taten nichts. Abends brannten die Siedehäuser, weil Rieck die Schieber bediente, und die Pfannen sotten Salz, das niemand mehr abholen würde, und die Wärme ging durch die Gassen, und das war etwas, wofür ihm auch die mit den Lichtern dankten, wenn er vorbeiging. Manche standen auf dabei.

Am dritten Tag unter den Fremden kniete die Witwe Erdmann aus dem Haus neben dem seinen. Sie hatte einen Sohn bei der PDF gehabt, oben, und niemand konnte ihr sagen, ob er lebte, und sie kniete sich am Nachmittag mit einer Kerze vor ihre Tür und sah nach oben.

Am vierten Tag kniete Brenneke. Der Sudmeister der dritten Pfanne, der seinen Sohn am ersten Morgen in der Gasse hatte liegen sehen und der drei Tage lang nicht aus dem Haus gekommen war, kam am vierten Tag heraus, ging auf den Platz und blieb dort. Rieck sah ihn am Abend, als er zur sechsten Brücke ging: Brenneke saß am Rand des Platzes, mit einer Laterne vor sich, und sein Gesicht war das Gesicht eines Mannes, dem jemand etwas abgenommen hat, das zu schwer war.

„Hauke", sagte Rieck.

„Tammo." Brenneke sah nicht auf. Er sah in die Laterne. „Ich habe hinaufgesehen."

„Und?"

„Da ist nichts, Tammo. Da ist nichts und niemand. Und er hat gesagt, das sei nicht meine Schuld. Sechs Jahre habe ich gedacht, es sei meine Schuld, dass nichts kommt. Dass wir nicht genug gesotten haben. Er hat gesagt, das Salz war nie das Problem."

Rieck stand eine Weile. Dann ging er weiter zur sechsten Brücke, weil die sechste Brücke nicht wartete.

Am neunten Tag unter ihnen kniete die halbe Gasse. Rieck zählte nicht mehr die Lichter, er zählte die dunklen Fenster, weil das weniger waren: sieben. Sieben von neunzehn Häusern, in denen abends niemand mit einer Kerze vor der Tür saß. Seins war eins davon. Er saß auch nicht drinnen. Er stand an den Brücken.

Das Brot reichte. Das war das Merkwürdige. Rieck hatte gewartet, dass es knapp würde, dass die Rauhgrater es zurückhalten würden, dass irgendwann jemand sagte, wer nicht kniet, isst nicht. Niemand sagte es. Das Brot lag auf dem Platz, jeden Morgen, und wer auf den Platz ging, bekam es, und wer nicht ging, bekam keins, und niemand hielt jemanden auf, der ging. Rieck ging nicht. Er hatte Salz, er hatte Dörrfisch aus dem Vorrat, er hatte die Wärme der Siedehäuser. Er hatte gerechnet: siebzehn Tage. Dann würde er auf den Platz gehen müssen oder nicht.

V. Der Champion an der Brücke

Am fünfzehnten Tag der Belagerung, dem vierten unter den Fremden, kam der Sprecher zur mittleren Brücke.

Rieck hatte ihn noch nicht gesehen. Er hatte die Stimme gehört, vier Tage lang, und sich etwas vorgestellt, und was die Gasse herunterkam, war größer als das, was er sich vorgestellt hatte. Der grüne Riese war groß gewesen. Das hier war größer, und es lag nicht an der Rüstung. Die Rüstung war rot, so alt, dass sie fast schwarz war, mit Ketten über den Schultern, und über der Rüstung wuchs etwas, das nicht dazugehörte, Platten wie von einem Käfer, den es nicht gab. Der Kopf war frei. Ein breites, altes Gesicht. Und unter dem Kiefer, rechts, wo bei einem Menschen die Ader liegt, bewegte sich etwas Kleines, Schwarzes, das nicht in dieselbe Richtung sah wie die Augen.

Die Leute in der Gasse standen auf, als er vorbeikam, und setzten sich wieder.

Er blieb vor der Brücke stehen. Er kniete nicht. Er war so groß, dass er sich nicht hätte hinknien müssen, um auf Riecks Höhe zu kommen; er hätte sich hinlegen müssen. Er blieb einfach stehen und sah auf das Rad, auf den Kanal, auf die Sole, die darin lief.

„Brückenwart", sagte die Stimme, und von hier war sie noch tiefer als vom Platz.

„Herr."

„Man hat mir gesagt, du siehst nicht hinauf."

„Nein, Herr."

„Warum nicht?"

Rieck hatte darüber nachgedacht, in den vier Nächten, in denen er nicht geschlafen hatte, und er hatte keine Antwort gefunden, die klang, wie eine Antwort klingen sollte. Also gab er die, die er hatte.

„Weil da nichts ist, was ich bedienen kann."

Der Fremde sah ihn an. Die kleinen Augen unter dem Kiefer sahen auf das Rad.

„Und der Kanal?"

„Der Kanal ist auf oder zu. Was dazwischen ist, ist Verschleiß. Wenn ich hinaufsehe, sehe ich weder auf noch zu. Ich sehe etwas, das nicht mein Amt ist."

Es war lange still. Auf dem Platz verteilte jemand Brot, man hörte es. Die Sole lief.

„Dann bezeuge den Kanal", sagte der Fremde schließlich, und Rieck wusste nicht, ob es ein Spott war oder ein Befehl oder etwas Drittes, das er nicht kannte. „Er ist auch etwas, das niemand mehr abholt. Und er läuft trotzdem. Das ist mehr, als die meisten von sich sagen können, die hinaufsehen."

Er wandte sich um. Dann blieb er noch einmal stehen, ohne sich umzudrehen.

„Der Hauptmann der Feuerhüter ist zu dir gekommen, bevor er die Tore schloss. Er hat vor dir gekniet."

„Ja, Herr."

„Was hat er gesagt?"

Rieck überlegte, ob er lügen sollte, und stellte fest, dass er nicht wusste, wozu.

„Er hat gesagt, dass beides steht. Dass er niemanden zurücklsst und dass er es tut. Und dass er keins von beiden zurücknimmt."

Der Fremde stand noch einen Moment. Dann nickte er, einmal, wie jemand, der etwas gehört hat, das er schon wusste und trotzdem hören wollte.

„Ein ehrlicher Mann", sagte er, und ging.

Am Abend brachte einer der Rauhgrater Brot zur Brücke. Zwei Laibe, graues Brot, ohne ein Wort. Rieck sah ihn an, und der Mann sah weg, und ließ das Brot auf dem Geländer liegen und ging. Rieck nahm es nicht. Es lag die Nacht dort. Am Morgen war es fort, und er wusste nicht, wer es genommen hatte, und er sagte sich, dass es ihm gleich war.

Am nächsten Abend lag wieder Brot da. Er nahm es und brachte es zur Witwe Erdmann, die inzwischen nicht mehr kniete, weil sie zu schwach war, um auf den Platz zu gehen, und die es nahm, ohne zu fragen, woher.

VI. Das Tor

Am einundzwanzigsten Tag wollte Brennekes Frau hinauf.

Sie kam am Morgen zur Brücke, mit den beiden Kleinen an der Hand und dem Bündel, das sie am elften Tag gepackt und nicht genommen hatte, weil ihr Mann nicht hatte gehen wollen, und ihr Mann wollte immer noch nicht. Er kniete auf dem Platz. Er hatte den Toten nicht begraben; die Rauhgrater hatten ihn begraben, hinter dem dritten Siedehaus, ordentlich, mit einem Stein.

„Bringst du uns hinauf, Tammo?"

„Man kommt nicht hinauf. Das Tor ist zu."

„Der Fremde hat gesagt, wer hinaufwill, den lässt er. Er hat es auf dem Platz gesagt. Jeden Tag sagt er es."

Rieck sah sie an, die zwei Kinder, das Bündel. Er dachte an das Gitter, das er hatte fallen hören, und an den Riesen, der gesagt hatte, sie kämen nicht wieder herunter.

„Ich bringe euch zum Steig", sagte er. „Weiter nicht. Ich habe die Schieber."

Sie gingen durch die Gassen, an den Lichtern vorbei, an den Rauhgratern vorbei, die zusahen und nichts taten. Am Fuß des Salzsteigs stand ein Posten, grau, mit dem Adler am Kragen, und er sah die Frau und die Kinder und das Bündel an und trat zur Seite. Er sagte nichts. Er trat nur zur Seite.

Der Steig war leer. Er war seit dem elften Tag leer, und die Toten von damals lagen nicht mehr dort, jemand hatte sie fortgebracht, aber die Bündel lagen noch, die man fallen gelassen hatte, und die Kerzen, die man hatte stehen lassen. Brennekes Frau ging hinauf, langsam, mit den Kindern, und Rieck blieb am Fuß des Steigs stehen, neben dem Posten, und sah ihr nach.

Oben stand das Gitter. Dahinter der Flügel aus Salzstein und Eisen. Nichts bewegte sich.

Die Frau blieb vor dem Gitter stehen. Sie rief nicht. Sie stand nur da, mit den Kindern, und wartete, und Rieck dachte, dass sie so lange dort stehen würde, bis die Kinder zu weinen anfingen, und dann würde sie wieder herunterkommen, und der Fremde hätte sein Wort gehalten, und der Riese hätte seins gehalten, und beides zusammen ergab ein Tor, das zu war.

Dann bewegte sich der Flügel.

Nicht viel. Eine Handbreit. Hinter dem Gitter, in dem Spalt, war etwas Grünes, und dann ging das Gitter hoch, langsam, knirschend, gerade so weit, dass eine Frau darunter durchkam, wenn sie sich bückte, und eine grüne Hand, die größer war als der Kopf eines der Kinder, kam darunter hervor und wartete. Die Frau schob das erste Kind hinein. Dann das zweite. Dann bückte sie sich und kroch, und die Hand nahm sie am Arm und zog, und dann war der Steig leer, und das Gitter kam wieder herunter, und der Flügel schloss sich.

Der Posten neben Rieck hatte zugesehen. Er sagte nichts. Rieck sagte nichts.

Er ging zurück zu den Brücken, weil die vierte eine halbe Umdrehung brauchte. Er dachte auf dem ganzen Weg, dass er jetzt wusste, wer von den beiden gelogen hatte, und dass es keiner war, und dass er nicht wusste, was er damit anfangen sollte.

VII. Der Schieber

Am vierundzwanzigsten Tag kamen die Roten zu den Brücken.

Es waren die drei vom ersten Morgen, die, die den Jungen erschossen hatten, und ein vierter, der größer war als die drei und eine Axt trug, deren Blatt so breit war wie ein Wagenrad, und der einen Helm trug, der aussah, als sei er einmal geschmolzen und wieder erstarrt. Sie kamen nicht vom Platz. Sie kamen von den unteren Gassen, wo die sieben dunklen Häuser standen und die Witwe Erdmann lag, und sie gingen an der ersten Brücke vorbei und an der zweiten, und an der dritten blieb der mit der Axt stehen und sah auf den Schieber.

Rieck stand an der mittleren. Er sah es von dort. Er verstand nicht sofort, was sie wollten, und dann verstand er es, weil einer der drei die Hand an das Rad der dritten Brücke legte und es zu drehen begann. Aufwärts. Auf.

„Nicht", sagte Rieck.

Sie hörten es nicht, oder sie hörten es und drehten weiter. Die dritte Brücke gab Sole an die untere Rieselleitung, die zu den Pfannen sieben bis zehn führte, und die Pfannen sieben bis zehn standen seit dem elften Tag still, weil niemand mehr dort siedete, und ihre Ablaufrinnen führten in die unteren Gassen. Wer den dritten Schieber ganz öffnete, füllte keine Pfanne. Er füllte die Gassen. Mit Sole, kniehoch, in den Häusern, in denen die saßen, die nicht auf den Platz gingen.

Rieck lief. Er war zweiundsechzig und hatte einen Rücken, der von vierzehn Schiebern krumm war, und er lief die vierzig Meter bis zur dritten Brücke, wie er seit dreißig Jahren nicht mehr gelaufen war, und stellte sich vor das Rad, zwischen das Rad und den Mann, der es drehte.

„Nicht", sagte er noch einmal. „Der Kanal läuft in die Pfannen. Nicht in die Gassen."

Der Mann sah ihn an. Er war ein Astartes, und Rieck reichte ihm bis zur Brust, und der Mann hätte ihn mit einer Hand vom Rad nehmen können. Er tat es nicht. Er sah über Rieck hinweg zu dem mit der Axt.

Der mit der Axt kam heran. Er ging langsam. Er hob die Axt nicht. Er sah auf Rieck, dann auf das Rad, dann in den Kanal, und aus dem Helm kam ein Geräusch, das kein Wort war, ein Knurren, wie von etwas, das lange nicht gesprochen hatte und es nicht vermisste.

Rieck hielt das Rad mit beiden Händen. Er dachte nichts. Er dachte später, dass er hätte denken müssen, an Marrit, an die Witwe Erdmann in ihrem dunklen Haus, an die Pfannen, und er hatte an nichts gedacht. Er hatte nur das Rad gehalten, weil das Rad das war, was er hielt.

Die Axt kam nicht.

Stattdessen kam die Stimme. Vom Platz, ohne Vox, über die Dächer hinweg, nicht laut, aber so, dass jeder in Salzgrund sie hörte, und sie sagte zwei Wörter, die kein Gebet waren und keine Predigt.

„Malkor. Nein."

Der mit der Axt stand still. Die kleinen Augen unter dem Helm, wenn es Augen waren, sahen auf Rieck. Dann drehte er sich um und ging, ohne Eile, die Gasse hinauf zum Platz, und die drei gingen hinter ihm her, und der, der das Rad gedreht hatte, ließ es los, und es stand eine Viertelumdrehung zu weit offen.

Rieck drehte es zurück. Eine Viertelumdrehung. Seine Hände zitterten dabei, und das Rad war ihm nie schwer vorgekommen, und jetzt kam es ihm schwer vor.

Dann ging er zurück zur mittleren Brücke und setzte sich auf das Geländer, was er in einundvierzig Jahren nie getan hatte, und saß dort, bis es dunkel wurde. In den Gassen gingen die Lichter an, in zwölf von neunzehn Häusern. Auf dem Platz sprach niemand. Oben auf dem Ring, vierzehn Meter über allem, brannten die Laternen der Wehrgänge, und Rieck sah nicht hinauf.

Er saß und fragte sich, was das gewesen war, an der dritten Brücke. Ob er standgehalten hatte. Ob das ein Wort dafür war. Er kam zu keinem Ergebnis, und als er aufstand, um die Nachtschieber zu stellen, war das Einzige, was er sicher wusste, dass er müde war, so müde, wie man wird, wenn man vierundzwanzig Tage nicht schläft, und dass er nicht wusste, ob ein Mann, der zu müde ist, um zur Seite zu gehen, dasselbe ist wie ein Mann, der stehen bleibt.

Die Sole lief. Die zweite Pfanne bekam ihr Maß. Der Kanal war auf oder zu, und was dazwischen war, hieß Verschleiß, und Rieck stellte fest, dass er nach dreihundert Jahren Brückenwarte der Erste war, der wusste, wie sich das Dazwischen anfühlte.

Weiterlesen:Das Zeugnis →

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert