Was der Wald behält

Die Drachenwächter

36 Min. Lesezeit

„„Wir nehmen keine Söhne. Wir nehmen den Orden zurück, den ihr uns aufgezogen habt." — Bruder Ossmar, Aspirantenmeister der Drachenwächter, bei der Zählung von Neun Quellen“

I. Feuer, das nach unten fällt

Eskil war auf dem Dach, weil er wusste, dass sie kommen würden, und er wusste es, weil er seit vier Jahren zählte.

Das Dach war Schindel über Sparren, und die Schindeln waren feucht vom Morgen, und er lag flach darauf, mit den Zehen im Regenrinnenwinkel, damit er nicht rutschte. Unter ihm war das Haus still. Über ihm stand der Wald.

Der Wald von Varanthos stand immer. Er stand dreihundert Meter hoch und war so alt, dass die untersten sechzig Meter der Stämme keine Rinde mehr hatten, sondern etwas Glattes, Graues, Steinernes, in das man einen Namen nur ritzen konnte, wenn man drei Tage dafür hatte. Das Dorf Neun Quellen lag in einem Loch in diesem Wald, das seine Urgroßmutter mit Feuer freigehalten hatte, und ihre Großmutter vor ihr, und die Sonne kam morgens um die vierte Stunde herein und war um die neunte wieder weg.

Um die fünfte Stunde riss das Kronendach auf.

Nicht mit einem Geräusch. Das war es, was Eskil sein Leben lang nicht vergessen würde: Es fing lautlos an. Zuerst ein Punkt, weiß, im grünen Dunkel oben, wie ein Loch in einem Tuch, das jemand von hinten mit einer Lampe beleuchtet. Dann wurde der Punkt größer. Dann fing das Laub um den Punkt herum an, sich nach außen zu rollen, ganz langsam, wie Papier über einer Kerze.

Dann kam der Ton.

Er kam von oben und von allen Seiten gleichzeitig, ein Reißen, das man in den Zähnen spürte, und die drei Feuerpunkte, es waren inzwischen drei, fielen nach unten durch dreihundert Meter Wald, und alles, was sie berührten, brannte für zwei Sekunden und ging dann aus, weil der Wald von Varanthos nass war bis ins Mark und Feuer nicht behielt, das er nicht behalten wollte.

Sie schlugen auf der Lichtung ein, vierhundert Schritte hinter dem letzten Haus.

Eskil rutschte vom Dach. Er rutschte die letzten zwei Meter frei und landete falsch und spürte es nicht.

Im Hof stand seine Mutter. Sie hatte den Eimer in der Hand und hatte ihn nicht abgestellt, und sie sah nicht zur Lichtung, sondern zu ihm, und ihr Gesicht war ganz ruhig, und in dieser Ruhe war etwas, das Eskil nicht lesen konnte.

„Zieh das Braune an", sagte Ranna. „Nicht das Gute."

„Warum nicht das Gute?"

„Weil du das Gute wiederhaben willst", sagte sie und ging ins Haus.

An der Wand neben der Tür, wo im Winter das Holz lag, saß Halvard und schnitzte an einem Stiel. Er hatte nicht aufgesehen, als das Kronendach riss. Er sah auch jetzt nicht auf.

„Halvard", sagte Eskil.

Sein Bruder drehte den Stiel eine Vierteldrehung weiter und nahm einen Span ab, dünn wie Haut.

„Zieh das Braune an", sagte er.

II. Die Zählung

Sie kamen alle sieben Jahre, und dass sie alle sieben Jahre kamen, war das Einzige an ihnen, das die Dörfer sicher wussten.

Vier von ihnen. Immer vier: einer, der sprach, einer, der schrieb, einer, der die Kinder anfasste, und einer, der nichts tat und dabei stand. Sie standen auf der Lichtung im offenen Feuerkreis, den die Dörfer alle sieben Jahre neu auslegten und dazwischen nicht betraten, und der Feuerkreis brannte, obwohl niemand ihn angezündet hatte; sie brachten das Feuer mit, in eisernen Töpfen, und es war rot und roch nach nichts.

Sie waren größer, als Eskil es sich vorgestellt hatte, und er hatte sich viel vorgestellt.

Ihre Rüstungen waren dunkelgrün, das Grün des Waldes im letzten Licht, mit schwarzen Platten an Schultern und Schienbeinen, wo der Wald einen am ehesten aufreißt. Auf den Schulterplatten war kein Wappen, sondern eine eingebrannte Kerbe, und die Zahl der Kerben war verschieden. Ihre Gesichter waren schwarz wie Kohle und ihre Augen rot wie glimmendes Holz, und das erschreckte niemanden im Dorf, weil auf Varanthos seit sechshundert Generationen gewusst wurde, wie ein Drachenwächter aussieht.

Neun Quellen brachte einundfünfzig Kinder.

„Ihr steht in einer Reihe", sagte der Sprecher. Seine Stimme war leise und trug bis in die letzte Hütte. „Ihr sagt euren Namen, den Namen eurer Mutter, den Namen des Dorfes und eure Sommer. Wenn ihr euch verzählt habt, sagt ihr das dazu. Verzählen ist kein Fehler. Lügen ist einer."

Sie hießen die Reihe abgehen. Das dauerte lange. Der Zweite schrieb, mit einem Griffel auf einer Tafel, die kein Holz war und kein Metall, und er schrieb schnell und ohne aufzusehen.

Der Dritte fasste an. Er ging von Kind zu Kind und legte die Hand um den Nacken, wie man einen Krug prüft, und hielt drei Herzschläge lang still. Dann ließ er los und ging weiter, und manchmal sagte er ein Wort zu dem Schreiber und manchmal nicht.

Als er zu Eskil kam, war die Hand heiß. Nicht warm. Heiß, wie ein Kesselgriff, den man zu lange über dem Feuer gelassen hat, und Eskil biss die Zähne aufeinander und rührte sich nicht und zählte in seinem Kopf: eins, zwei, drei.

Bei vier ließ der Drachenwächter nicht los.

Bei fünf sagte er: „Bruder."

Der Vierte, der bis dahin nichts getan und nur dabeigestanden hatte, kam herüber.

„Sommer?", fragte er.

„Dreizehn", sagte Eskil. „Herr."

„Name der Mutter?"

„Ranna, aus Neun Quellen."

„Und dein Bruder", sagte der Vierte, „ist Halvard, aus Neun Quellen, und der ist vor drei Zählungen mit uns gegangen und im selben Jahr zurückgekommen."

Es war keine Frage. In der Reihe wurde es still, auf die Art, wie es still wird, wenn eine Sache ausgesprochen wird, die alle wissen und niemand sagt.

„Ja, Herr."

„Und was denkst du darüber?"

Eskil hatte sich vier Jahre lang Antworten zurechtgelegt. Er hatte sie auf dem Dach geübt, im Kopf, beim Wasserholen, beim Einschlafen. Er hatte eine gute Antwort für diese Frage, und sie war ehrlich und stolz und wohlklingend, und als er den Mund aufmachte, kam sie nicht.

„Ich weiß nicht, was da passiert ist", sagte er. „Er redet nicht darüber. Ich weiß nur, dass er noch da ist und dass er jeden Tag arbeitet, und dass niemand im Dorf ihn ansieht, wenn er über den Platz geht."

Der Vierte betrachtete ihn.

„Wie heißt du?", fragte er.

„Eskil."

„Ich bin Ossmar", sagte der Drachenwächter. „Merk dir den Namen nicht. Wenn du ihn brauchst, wirst du ihn wieder hören, und wenn du ihn nicht wieder hörst, hast du ihn nicht gebraucht."

III. Der Wegstein

Es wurden neun genommen aus Neun Quellen. Das war viel; zwei Zählungen davor waren es drei gewesen, und aus Sechs Bäume, dem Nachbardorf drei Tagesmärsche nach Süden, waren einmal null genommen worden, und darüber sprach man dort bis heute nicht.

Sie gingen am nächsten Morgen los.

Die Drachenwächter fuhren nicht. Das war eine der Sachen, die Eskil nicht erwartet hatte: Sie hatten Schiffe, die durch dreihundert Meter Wald fielen, und sie ließen die Kinder trotzdem laufen. Elf Tage nach Osten, zur Kette, wo der Wald aufhört, weil der Berg anfängt. Wer nicht ankam, kam nicht an. Es gab keine Bewachung und keine Nachhut. Der Weg war der erste Teil der Prüfung, und man sagte es ihnen nicht, weil das Nichtsagen dazugehörte.

Ranna brachte ihn bis an den Rand der Lichtung und nicht weiter. Sie hatte ihm ein Bündel gepackt, und darin war zu wenig, und Eskil verstand erst am vierten Tag, warum: Wer zu viel trägt, geht langsam, und wer langsam geht, kommt nicht an. Sie hatte gewusst, was in ein Bündel gehört. Sie hatte vor vierzig Jahren einem Bruder eines gepackt.

„Sag es nicht", sagte sie, bevor er etwas sagen konnte. „Wenn du es sagst, muss ich es beantworten."

Sie legte ihm die Hand auf den Nacken, dort, wo der Drachenwächter sie hingelegt hatte, und ihre Hand war kalt.

„Geh."

Halvard kam mit.

Das hatte niemand erwartet, am wenigsten Eskil. Sein Bruder war einfach da, als sie loszogen, zwei Schritte hinter der Gruppe, mit einem Beil im Gürtel und ohne Bündel, und er sagte in den ersten drei Tagen ungefähr elf Wörter, und neun davon waren „links" oder „nicht da lang".

Aber er ging vorne, wenn es dunkel wurde, und er wusste, welche der Farne stachen und welche nicht, und am zweiten Abend baute er einen Windschutz, für den sie zu neunt eine Stunde gebraucht hätten, in achtzehn Minuten.

Am sechsten Tag kamen sie an den Wegstein.

Es war ein aufrechter Block, mannshoch, so alt, dass die Kerben darin nur noch Schatten waren, und er stand ohne erkennbaren Grund mitten im Wald, wo kein Weg war und keine Kreuzung. Halvard blieb zwölf Schritte davor stehen.

Eskil ging weiter und merkte nach vier Schritten, dass er allein ging, und drehte sich um.

„Komm."

„Nein."

„Es ist ein Stein."

„Ja", sagte Halvard.

Er stand da, mit dem Beil im Gürtel, und sah nicht zu dem Stein, sondern daneben, in den Wald.

„Was passiert, wenn du weitergehst?", fragte Eskil.

„Nichts", sagte Halvard. „Niemand kommt. Niemand sieht zu. Es steht kein Wächter da und es passiert überhaupt nichts, und deswegen geht keiner von uns weiter."

Er nahm das Beil aus dem Gürtel und hielt es Eskil hin, mit dem Stiel voran.

„Nimm das nicht mit", sagte er. „Sie nehmen es dir am Tor ab. Ich wollte nur, dass du es die letzten fünf Tage hast."

Eskil nahm es. Es war das Beil ihres Vaters, und Halvard hatte drei Jahre daran geschnitzt, weil der Stiel gebrochen war, und Eskil begriff in diesem Moment, dass sein Bruder seit drei Jahren an einem Beilstiel schnitzte, den er selbst nie mehr brauchen würde.

„Halvard."

„Nein", sagte Halvard. „Frag nicht."

„Ich frage nicht, was passiert ist." Eskil hielt das Beil mit beiden Händen. „Ich frage, ob du es noch mal machen würdest."

Sein Bruder sah ihn an. Er war achtzehn und sah aus wie dreißig, und in seinem Gesicht war nichts Bitteres, und das war das Schlimmste.

„Jeden Tag", sagte er.

Dann drehte er sich um und ging nach Westen, und er sah kein einziges Mal zurück, und das war keine Härte, sondern eine Regel, und Eskil verstand die Regel erst sehr viel später.

IV. Die Kette

Von den neun aus Neun Quellen kamen sechs an.

Einer war am achten Tag umgekehrt; das war erlaubt und wurde nicht gezählt, und er würde zu Hause ein normales Leben führen und irgendwann jemandem erzählen, dass er es sich anders überlegt habe, und irgendwann würde er es selbst glauben. Zwei kamen nicht um und kehrten nicht um. Der eine war in eine Senke gestiegen, in der Gas stand, und der andere hatte nachts einen Laut gehört und war ihm nachgegangen. Der Wald von Varanthos war nicht böse. Er war nur sehr groß und hatte keine Verwendung für Vorsicht.

An der Kette warteten schon andere.

Sie kamen aus zweihundert Dörfern, und sie standen in Gruppen nach Dörfern, und keiner sprach mit einer anderen Gruppe, weil man auf Varanthos nicht mit Fremden sprach, bevor man ihren Wald kannte. Eskil zählte, weil er immer zählte. Es waren zwischen dreihundert und vierhundert.

Am Fuß des Berges war ein Tor, und über dem Tor war kein Wappen und keine Schrift, sondern eine Reihe von Kerben, und die Kerben liefen über den ganzen Sturz, und niemand konnte sie zählen, weil sie um die Ecke weitergingen.

Bruder Ossmar stand darunter.

„Ihr habt euer Dorf verlassen", sagte er. Wieder diese leise Stimme, die überall ankam. „Ihr habt gedacht, ihr geht zu uns. Das stimmt nicht. Wir sind nicht hier. Wir sind da, wo ihr herkommt."

Er ließ das stehen. Niemand verstand es. Das war offensichtlich beabsichtigt.

„Was hier oben passiert, ist die Werkstatt", sagte Ossmar. „Nicht das Werk. Die Werkstatt ist laut und schmutzig und viele Stücke brechen. Ihr seid die Stücke."

Er trat zur Seite.

„Wer hinter mir durchgeht, kann nicht zurückgehen. Ich sage das nicht, um euch zu drohen. Es gibt am Berg keinen Weg nach unten außer über die Straße, auf der ihr gekommen seid, und ihr werdet in acht Tagen nicht mehr in der Verfassung sein, sie zu gehen. Wer jetzt umkehrt, hat einundzwanzig Tage vor sich und kommt an. Wer in einer Stunde umkehren will, kommt nicht an."

Elf gingen. Eskil sah ihnen nach und stellte fest, dass er sie nicht verachtete, und stellte danach fest, dass ihn das mehr beunruhigte als alles andere an diesem Tag.

„Der Rest", sagte Ossmar, „geht in Zwölferreihen durch. Ihr gebt am Tor ab, was ihr tragt. Ihr bekommt nichts davon zurück. Nehmt jetzt in die Hand, was ihr behalten wollt, und seht es an, denn danach seht ihr es nicht wieder."

Eskil nahm das Beil in beide Hände.

Er sah es zwölf Atemzüge lang an, den Stiel, die drei Jahre Arbeit, die Stelle am unteren Ende, wo Halvard eine Kerbe gesetzt hatte, damit die Hand wusste, wo unten war. Dann legte er es in die Kiste am Tor, oben auf ein Messer und einen Wollschal und einen kleinen Stein, den irgendein Kind aus irgendeinem Bach mitgebracht hatte.

Er ging durch.

V. Läufe

Die ersten neun Tage im Berg bestanden aus Laufen, und danach hörte Eskil auf, die Tage einzeln zu zählen.

Sie liefen die Straße hinauf, auf der sie gekommen waren, bis zum ersten Knick, und wieder herunter. Sie liefen mit Steinen, dann ohne, dann mit Steinen und im Dunkeln. Sie liefen zu zweit an einem Seil, was bedeutete, dass der Schnellere den Langsameren zog, bis der Langsamere fiel, und dann wurden beide gestrichen. Nicht der Langsamere. Beide.

Am dritten Tag begriff Eskil das System, oder glaubte es zu begreifen: Sie wurden nicht daraufhin geprüft, was sie leisteten, sondern darauf, wie sie es aufteilten. Am fünften Tag stellte sich heraus, dass er falsch lag, weil ein Junge gestrichen wurde, der ausgezeichnet aufgeteilt hatte. Am siebten hörte er auf zu deuten. Das, stellte er später fest, war vermutlich der Zweck.

Sein Seilpartner hieß Brannt und kam aus Elf Steine, zwei Täler südlich, und er redete.

Er redete beim Laufen, was verboten war, und beim Essen, was erlaubt war, und nachts, was weder das eine noch das andere war, weil nachts niemand etwas sagte und deshalb auch niemand eine Regel dafür gebraucht hatte. Er redete über seine Schwestern, über einen Hund, über ein Mädchen, dem er nichts gesagt hatte, und über die Frage, ob es im Osten Meere gebe.

„Es gibt Meere", sagte Eskil.

„Hast du eins gesehen?"

„Nein."

„Dann weißt du's nicht."

„Es steht in den Liedern."

„In den Liedern steht auch, dass die Drachenwächter aus dem Berg gekommen sind", sagte Brannt. „Und wir wissen jetzt, dass sie aus dem Himmel kommen. In Feuertöpfen. Meine Großmutter würde das nicht glauben."

Am elften Tag rutschte Brannt an der Nordkante ab, und Eskil hielt das Seil.

Er hielt es dreißig Sekunden, mit dem Rücken gegen einen Vorsprung, und in diesen dreißig Sekunden ging ihm durch den Kopf, dass er es loslassen müsste, weil beide gestrichen wurden, wenn einer fiel, und dass niemand es sehen würde, wenn er es losließe, weil dort oben tatsächlich niemand stand — genau wie am Wegstein.

Er ließ nicht los. Brannt kam hoch. Sie liefen den Rest.

Am nächsten Morgen war Brannts Nische leer.

Eskil fragte nicht. Man fragte nicht. Er nahm die Nische für seine Sachen, wie alle es taten, und er stellte fest, dass er dabei die Zähne so fest zusammenbiss, dass es im Kiefer knackte, und dass er trotzdem seine Sachen hineinlegte.

Wochen später, in einer schlaflosen Nacht, rechnete er nach und kam darauf, dass Brannt gestrichen worden sein musste, bevor er abrutschte. Die Listen wurden abends geschrieben, das wusste inzwischen jeder. Er war also nicht wegen des Seils gegangen.

Es half nicht. Das war die Sache, die Eskil in diesem Winter lernte und die er nie wieder verlernte: Es half nie, hinterher zu wissen, dass man nicht schuld war.

VI. Das Aufsagen

Die Drachenwächter beteten im Feuer. Nicht am Feuer, nicht vor dem Feuer — im Feuer, und das war der Punkt, an dem andere Orden der Vulkan-Linie den Kopf schüttelten und einige von ihnen ein härteres Wort gebrauchten.

Die Halle unter dem Berg hatte keine Bänke. In der Mitte lag ein Bett aus Kohlen, sechzig Schritte lang, und darüber lief ein Rost aus schwarzem Eisen, und man kniete auf dem Rost. Das ging. Die Knie hielten es aus, wenn man es kurz machte.

Man legte die Hände hinein.

„Ihr sagt eure Toten auf", sagte Bruder Ossmar. „Nicht die Toten des Dorfes. Eure. Wer euch etwas geschuldet hat und wer euch etwas gegeben hat, und ihr sagt beides in derselben Liste, weil ihr nicht klug genug seid, das auseinanderzuhalten, und wir auch nicht."

Er kniete selbst hin, an der Stirnseite, und legte beide Handflächen in die Kohlen und sagte sechzehn Namen, in einem Ton, in dem man eine Bestandsliste vorliest. Bei jedem Namen zuckte nichts in seinem Gesicht. Als er fertig war, nahm er die Hände heraus, und Eskil sah, dass die Innenflächen weiß waren, vernarbt bis in die Finger, ohne Linien.

„Ihr habt keine solchen Hände", sagte Ossmar. „Ihr habt Kinderhände. Deswegen macht ihr es kurz."

Es dauerte drei Stunden, bis alle durch waren.

Es gab keine Schreie. Das lag nicht an der Tapferkeit; es lag daran, dass die ersten vier, die schrien, herausgeholt und weggeführt wurden, und dass danach alle wussten, wie die Regel lautete. Der Junge vor Eskil sagte zwei Namen und weinte lautlos und behielt die Hände drin, bis Ossmar sagte: „Genug", und Ossmar sagte „Genug" bei ihm später als bei anderen, und Eskil begriff nicht, ob das eine Auszeichnung war oder eine Strafe.

Dann war er dran.

Der Rost war heiß durch die Hose. Der Rauch von den Kohlen roch nach Harz und nach Eisen. Er legte die Hände hinein und es war zuerst gar nichts, eine Sekunde lang gar nichts, und in dieser Sekunde dachte er: Das ist alles?

Dann kam es.

„Vater", sagte er. „Tovar aus Neun Quellen. Er hat einen Baum falsch gelesen und ist darunter gewesen."

Er hörte seine eigene Stimme sehr weit weg.

„Großmutter Sela. Sie hat mir das Zählen beigebracht und ich hab sie dafür nie bedankt."

Der Schmerz war jetzt überall, nicht nur in den Händen; er war im Nacken und hinter den Augen, und irgendetwas in Eskils Kopf verlangte sehr sachlich und sehr dringend, dass die Hände jetzt sofort herauskämen.

„Und Jorin", sagte er.

Neben ihm bewegte sich Ossmar zum ersten Mal.

„Wer ist Jorin?"

„Der Bruder meiner Mutter." Eskil bekam die Worte nur noch stoßweise heraus. „Er ist vor vierzig Jahren gegangen. Bei einer Zählung. Es ist nie einer gekommen."

„Dann ist er nicht tot", sagte Ossmar. „Dann weißt du es nicht."

„Ja."

„Und du sagst ihn trotzdem auf."

„Ja."

„Warum?"

Eskils Sicht ging an den Rändern weg. Er hörte sich selbst antworten und er hatte die Antwort nicht vorbereitet und wusste hinterher nicht, wo sie hergekommen war.

„Weil wir seinen Herd offen haben", sagte er. „Seit vierzig Jahren. Meine Mutter kehrt ihn jeden Sommer aus. Wenn niemand ihn aufsagt, hat sie vierzig Jahre lang einen Stein ausgekehrt."

Ossmar sagte: „Genug."

Eskil bekam die Hände nicht allein heraus. Der Drachenwächter nahm sie ihm heraus, an den Unterarmen, ohne Umstand, wie man Werkzeug aus einem Feuer nimmt.

„Merk dir das", sagte er, und Eskil wusste nicht, ob er es zu ihm sagte oder zum Schreiber. „Er hat einen aufgesagt, von dem er nicht weiß, ob er tot ist. Das ist entweder Ungehorsam oder es ist die einzige richtige Antwort, die heute hier gegeben worden ist. Wir werden es sehen."

VII. Was übrig bleibt

Von dreihundertsiebenundachtzig waren nach dreizehn Tagen noch einhundertneun übrig, und nach einunddreißig noch vierzig.

Eskil hätte nicht sagen können, wonach ausgesiebt wurde. Das war die eigentliche Prüfung, verstand er später: nicht die Läufe, nicht der Rost, nicht die Nächte im Schacht ohne Licht. Es war, dass man nie erfuhr, warum jemand ging. Der Junge, der der Schnellste von allen war, war am neunten Tag nicht mehr da. Ein dickliches, langsames Mädchen aus einem Dorf im Norden, das dreimal Letzte geworden war, war am einunddreißigsten Tag noch da und blieb bis zum Ende.

Man gewöhnte sich daran, morgens zu zählen. Man gewöhnte sich nicht daran, dass es nichts brachte.

Sie schliefen in einer Kammer mit sechzig Nischen und nahmen nach jeder Aussiebung die Nischen der Weggegangenen für ihre Sachen, und niemand sprach darüber, und alle taten es.

In der vierten Woche kam Ossmar nachts.

Er kam ohne Licht und ohne Ankündigung und setzte sich auf den Boden zwischen die Nischen, was einen Astartes in Rüstung ungefähr so aussehen ließ wie einen Ambos, den jemand in eine Kinderstube gestellt hat, und er sagte: „Fragt."

Sie fragten nichts. Eine Minute lang.

Dann fragte das Mädchen aus dem Norden: „Werden wir zu euch?"

„Manche."

„Wie viele?"

„Aus vierzig", sagte Ossmar, „acht bis elf. Von denen wird die Hälfte die Einbettung nicht überstehen. Von dem Rest gehen zwei in den ersten zehn Jahren an etwas kaputt, das wir nicht vorhersehen. Am Ende sind es aus vierzig drei oder vier."

Es blieb still.

„Und die anderen?", fragte Eskil.

„Gehen nach Hause."

„Als was?"

Ossmar drehte den Kopf zu ihm. Im Dunkeln waren nur die Augen zu sehen.

„Das ist die richtige Frage", sagte er, „und ich beantworte sie einmal, und dann rede ich für den Rest des Jahres nicht mehr darüber."

Er legte die Handflächen auf die Knie, die weißen, linienlosen.

„Wir sind achthundert. Achthundert Krieger auf einer Welt mit vier Millionen Menschen und einem Wald, der jeden Weg wieder zuwachsen lässt, den wir hineinschlagen. Wenn wir morgen alle achthundert fallen, ist der Orden nicht tot. Wenn morgen die Dörfer verschwinden, ist er es." Ossmar sprach ohne Nachdruck, als läse er etwas Selbstverständliches vor. „Die Stämme sind der Orden. Das ist kein Spruch für Feiertage. Es steht in unserem Gründungsprotokoll und es steht dort, weil ein Mann namens Kessler vor achttausend Jahren die Rechnung aufgemacht hat und feststellte, dass sie anders nicht aufgeht."

„Und die Zurückgegebenen?", sagte Eskil.

„Sind der Teil des Ordens, der Kinder bekommt", sagte Ossmar. „Ihr denkt, wir schicken die Untauglichen zurück. Wir schicken die zurück, die wir dort brauchen. Nach einem Jahr hier kann ein Fünfzehnjähriger einen Windschutz in achtzehn Minuten bauen, weiß, welche Senke Gas hat, kann eine Wunde ausbrennen und einen Streit schlichten, ohne dass jemand ein Beil zieht. Wir setzen ihn zurück in sein Dorf, und in zwanzig Jahren hat das Dorf doppelt so viele Kinder, die alt genug werden, um bei der Zählung zu stehen." Eine Pause. „Sie wissen das nicht. Wir sagen es ihnen nicht."

„Warum nicht?"

„Weil sie es dann nicht wären", sagte Ossmar. „Sie wären Beamte. Ein Zurückgegebener, der weiß, dass er ausgewählt wurde, hört auf, sich zu schämen. Und was er für seine Leute tut, tut er, weil er sich schämt."

Eskil dachte an seinen Bruder, der drei Jahre an einem Beilstiel geschnitzt hatte.

„Das ist grausam", sagte er.

„Ja", sagte Ossmar.

Er stand auf. Es dauerte, weil er sehr groß war und die Decke niedrig.

„Es ist grausam, und es hält seit achttausend Jahren, und ich kenne keinen dritten Weg, und wenn du je einen findest, Eskil aus Neun Quellen, dann bring ihn mir." Er ging zur Tür. „Und wenn du ihn nicht findest, sag es niemandem weiter. Vor allem nicht deinem Bruder."

VIII. Die, die heimgehen

Im fünften Monat ließ Bruder Ossmar die verbliebenen einundzwanzig antreten und führte sie in einen Hof, den sie noch nie gesehen hatten.

Dort standen zweihundertsechzig.

Es waren die Gestrichenen. Nicht die vom letzten Monat — alle. Alle, die seit dem Tor gegangen waren, in fünf Monaten, aus dreihundertsiebenundachtzig. Sie waren nicht weggeschafft worden. Sie waren die ganze Zeit über im Berg gewesen, drei Ebenen tiefer, in einem Teil, den die Aspiranten nicht betraten, und sie hatten dort fünf Monate lang etwas anderes gelernt.

Eskil erkannte Gesichter. Der Schnellste, der am neunten Tag verschwunden war, stand in der zweiten Reihe und hatte eine Narbe über dem Handrücken, die aussah wie eine ausgebrannte Wunde, die jemand selbst versorgt hatte. Vier Reihen weiter stand ein Mädchen, das im dritten Monat nachts geweint hatte, und sie stand gerade und hielt eine zusammengerollte Karte im Arm.

Brannt war nicht dabei.

„Ihr seht sie einmal", sagte Ossmar zu den einundzwanzig, „damit ihr aufhört, euch etwas Falsches vorzustellen. Sie gehen morgen. Jeder von ihnen bringt in sein Dorf drei Dinge: eine Karte seines Tals, die genauer ist als alles, was dort je existiert hat; die Fähigkeit, eine Wunde zu behandeln, die vorher zum Tod geführt hätte; und einen Kalender, in dem der Termin der nächsten Zählung steht."

Er ließ sie hinsehen.

„Sie werden nicht sagen, dass sie das von uns haben. Sie werden sagen, dass sie es unterwegs gelernt haben, oder gar nichts sagen. Ihre Dörfer werden sie für Gescheiterte halten, und sie werden es zulassen, und in vierzig Jahren wird in ihren Tälern die Kindersterblichkeit halb so hoch sein wie heute, und niemand wird wissen, warum."

Einer der einundzwanzig, ein großer Junge aus dem Süden, sagte: „Das ist gelogen."

„Nein", sagte Ossmar. „Gelogen wäre, wenn wir etwas Falsches sagten. Wir sagen gar nichts. Das ist etwas anderes, und ob es besser ist, entscheidest du für dich selbst, wenn du achtzig bist."

Sie standen eine halbe Stunde da, zweihundertsechzig und einundzwanzig, und sahen einander an über einen leeren Hof hinweg, und niemand winkte und niemand rief, weil man auf Varanthos so etwas nicht tat.

Dann führte man die einundzwanzig zurück.

Auf dem Weg holte Eskil den Schnellsten ein, der in der zweiten Reihe gestanden hatte. Sie liefen zufällig fünf Schritte nebeneinander, weil sich die Gruppen an der Treppe mischten. Eskil sagte schnell und leise: „Kennst du einen Halvard? Aus Neun Quellen? Vor drei Jahren?"

Der andere sah ihn nicht an.

„Bei uns waren zweihundert", sagte er. „Ich kenne von zweihundert keine zwanzig Namen. Wir sagen die Namen nicht."

„Warum nicht?"

„Damit man nachher niemanden suchen kann", sagte der Junge, und dann war die Treppe zu Ende und die Gruppen trennten sich.

IX. Der Schacht ohne Licht

Die letzte Prüfung war die einfachste zu beschreiben und die einzige, an die Eskil sich später nur bruchstückhaft erinnerte.

Man ging in einen Schacht. Der Schacht war senkrecht, sechzig Meter, mit eisernen Sprossen, und unten war eine Kammer, und in der Kammer war nichts. Kein Licht, kein Wasser, kein Geräusch außer dem eigenen. Man blieb, bis man geholt wurde. Man wusste nicht, wie lange das sein würde. Man hatte keine Möglichkeit, es zu messen.

Es waren, wie Eskil hinterher erfuhr, einundfünfzig Stunden.

In den ersten sechs zählte er. Er zählte Atemzüge und rechnete sie in Stunden um und war stolz auf seine Methode, bis er merkte, dass er zweimal die gleiche Zahl gezählt hatte und nicht wusste, welche.

In den nächsten zwölf redete er. Er redete mit Halvard. Er erklärte ihm alles, was Ossmar gesagt hatte, jeden Satz, und er stellte fest, dass er es nicht erklären konnte, ohne dass es entweder wie eine Entschuldigung klang oder wie ein Vorwurf, und er versuchte es vierzig Mal und schaffte es kein einziges Mal.

Danach hörte er auf zu wissen, was er tat.

An einem Punkt, den er nicht einordnen konnte, hatte er die Vorstellung, dass sein Onkel Jorin in derselben Kammer gesessen hatte, vor vierzig Jahren, auf demselben Stein, und dass die Kammer ihn behalten hatte, und dass das die Erklärung sei: dass sie nicht starben und nicht zurückkamen, sondern einfach im Berg blieben, für immer, im Dunkeln, und dass irgendwo über ihm vierhundert Kammern seien und in jeder ein Junge.

Er sagte laut: „Jorin?"

Niemand antwortete, und das war schlimmer, als wenn jemand geantwortet hätte.

Als sie ihn holten, konnte er nicht stehen und wusste seinen eigenen Namen nur ungefähr, und er fragte den Bruder, der ihn hochtrug, ob die anderen Kammern auch leergemacht würden, und der Bruder sagte nichts.

Oben war Licht, das wehtat, und Bruder Ossmar, und eine Reihe.

In der Reihe standen elf.

X. Die Elf

Sie bekamen drei Tage.

Drei Tage, in denen niemand sie laufen ließ, niemand sie zählte, niemand ihnen etwas beibrachte. Sie bekamen Essen, so viel sie wollten, zum ersten Mal seit sieben Monaten, und die meisten wurden davon krank. Sie bekamen heißes Wasser. Sie bekamen einen Raum mit einem Fenster.

Das Fenster war das Schlimmste. Es ging nach Westen.

Man sah von dort das Kronendach, achtzig Kilometer weit, in dem grauen Grün, das der Wald aus der Ferne hatte, und man sah die zwei oder drei Stellen, an denen Rauch aufstieg, weil dort Dörfer waren. Sie standen abwechselnd davor. Keiner sagte, welche Rauchsäule er ansah. Keiner fragte.

Am zweiten Tag kam Bruder Ossmar und setzte sich wieder auf den Boden.

„Fragt", sagte er.

Diesmal fragten sie sofort.

„Werden wir größer?"

„Ja."

„Wie viel?"

„Genug, dass eure Mütter euch nicht wiedererkennen würden, wenn sie euch von hinten sähen."

„Tut es weh?"

„Ja."

„Wie lange?"

„Zwölf Jahre. Danach nur noch manchmal."

„Vergessen wir?"

Da machte Ossmar eine Pause.

„Nein", sagte er. „Das ist ein Missverständnis, das die Dörfer haben, und ich weiß nicht, woher es kommt. Wir vergessen nichts. Das ist eher das Problem." Er legte die Hände auf die Knie. „Ihr werdet in vierzig Jahren jede Einzelheit dieses Raumes abrufen können. Die Zahl der Fugen in der Wand hinter mir. Das Gesicht des Jungen, der neben euch am Rost gekniet hat. Ihr werdet das nicht wollen, und es geht nicht weg."

„Und die Namen?", sagte Eskil.

„Die Namen bleiben." Ossmar sah ihn an. „Frag, was du fragen willst, und nicht das daneben."

Eskil sagte: „Was passiert mit meinem Namen?"

„Du behältst ihn. Wir sind kein Orden, der Namen nimmt; wir haben nichts, was wir stattdessen geben könnten, das besser wäre." Ossmar stand auf. „Aber du wirst dich nicht mehr Eskil aus Neun Quellen nennen. Du wirst dich Eskil nennen. Das Dorf fällt weg. Nicht, weil wir es verbieten. Weil du irgendwann merkst, dass du dazu kein Recht mehr hast."

Am dritten Tag ließ er sie einzeln kommen.

Es war kein Ritus. Es gab kein Feuer, keine Formel, keinen Zeugen. Ossmar stand in einer Kammer, die aussah wie ein Vorratsraum, und stellte jedem eine Frage, und die Frage war für jeden eine andere, und niemand erfuhr, was die anderen gefragt worden waren.

Eskils Frage lautete:

„Wenn dein Bruder heute an das Tor käme und sagte, er will es noch einmal versuchen — was würdest du tun?"

Eskil dachte lange nach. Länger, als er es je vor einem Drachenwächter gewagt hätte, und Ossmar wartete, ohne ein Zeichen von Ungeduld.

„Ich würde ihn nicht hereinlassen", sagte er.

„Warum nicht?"

„Weil er es schon einmal gemacht hat und weil sie ihn zurückgeschickt haben und weil sie einen Grund hatten, den ich nicht kenne." Eskil hörte selbst, wie hart das klang, und sagte den Rest trotzdem. „Und weil er im Dorf gebraucht wird und ich nicht. Deswegen bin ich hier und er nicht. Das ist die Aufteilung. Wenn ich sie jetzt umwerfe, weil er mein Bruder ist, war die ganze Aufteilung nie eine Aufteilung, sondern nur eine Sache, die den anderen zugestoßen ist."

Ossmar sagte nichts.

„Ist das die falsche Antwort?", fragte Eskil.

„Es gibt keine richtige", sagte Ossmar. „Es gibt nur die, die du in vierzig Jahren noch aushältst. Ich habe deine notiert. Wenn du in vierzig Jahren noch lebst, hole ich sie heraus und lese sie dir vor, und dann sehen wir uns dabei an."

Er machte eine Handbewegung zur Tür.

„Der Nächste."

XI. Der Apothecarius

Apothecarius Delvar hatte eine Stimme wie jemand, der Zahlen vorliest, und er las tatsächlich Zahlen vor.

„Zweites Herz", sagte er. „Die Einbettung dauert vier Stunden. Danach folgen einundzwanzig Tage, in denen dein Körper entscheidet, ob er es behält. In dieser Zeit kann ich nichts für dich tun außer zusehen. Von elf werden fünf oder sechs die einundzwanzig Tage nicht abschließen. Ich sage euch das, weil ihr es wissen sollt, und weil jeder von euch, der es sich anders vorstellt, mir hinterher die Arbeit erschwert."

Sie lagen in elf Nischen, in einem Raum, der warm war und nach Kupfer roch.

„Wenn ihr etwas sagen wollt", sagte Delvar, „sagt es jetzt. Nach der Einbettung sprecht ihr acht Tage nicht."

Der Junge in der Nische neben Eskil sagte den Namen eines Mädchens.

Ein anderer sagte: „Ich will nicht."

Delvar nickte, ohne ein Zeichen von Ärger, und rief zwei Brüder, und sie holten ihn heraus und trugen ihn weg, und er wurde nach Hause geschickt und wurde in seinem Dorf ein Mann, den man ansah, wenn er über den Platz ging, und niemand erfuhr je den Grund.

Dann kam Delvar zu Eskil.

„Etwas zu sagen?"

Eskil sah an die Decke. Sie war aus schwarzem Stein und man hatte hineingeschliffen, was aussah wie die Kerben über dem Tor, und er versuchte sie zu zählen, weil er immer zählte, und er kam auf einunddreißig, bevor sie um die Kante gingen.

„Ja", sagte er. „Wenn ich es nicht schaffe — schickt ihr dann jemanden nach Neun Quellen?"

„Nein."

„Und wenn ich es schaffe?"

„Auch nicht", sagte Delvar. „Nicht in den nächsten Jahren. Vielleicht in vierzig, wenn du dann noch lebst und in der Nähe bist und der Orden nichts Wichtigeres von dir will. Dann darfst du hingehen und die Hand ins Feuer deiner Mutter legen, und das ist alles, was du darfst, und es ist mehr, als die meisten dürfen."

„Aber sie erfährt es nicht."

„Nein."

„Sie hat einen Herd offen", sagte Eskil. „Für ihren Bruder. Seit vierzig Jahren."

Delvar hielt inne. Es war eine sehr kleine Pause, und Eskil sah sie nur, weil er dreizehn war und in einunddreißig Tagen gelernt hatte, auf sehr kleine Dinge zu achten.

„Wie hieß er?"

„Jorin. Aus Neun Quellen."

Der Apothecarius sagte nichts. Er zog einen Riemen über Eskils Brust und einen zweiten über die Stirn und prüfte beide, und dann sagte er, ohne aufzusehen:

„Es gibt in diesem Berg einen Bruder, der Jorin heißt. Er ist seit einunddreißig Jahren im dritten Kreuzzug im Osten und ich habe ihn nie gesehen. Ich weiß nicht, ob er aus Neun Quellen ist. Es gibt zweihundert Dörfer und der Name ist häufig."

Eskil wollte etwas sagen.

„Und ich werde es nicht nachschlagen", sagte Delvar, „und du wirst mich nicht darum bitten. Weil ich es dir nicht sagen dürfte, wenn ich es wüsste, und weil du dann einundzwanzig Tage lang an nichts anderes denken würdest, und weil ich dich in einundzwanzig Tagen brauche und nicht das, was von dir übrig bleibt, wenn du nachdenkst."

Er setzte die Maske an.

„Zähl runter von zwanzig", sagte er.

Eskil zählte. Er kam bis vierzehn.

XII. Einundzwanzig Tage

Was in diesen einundzwanzig Tagen geschah, hätte niemand erzählen können, am wenigsten der, dem es geschah.

Es gibt Aufzeichnungen. Apothecarius Delvar führte sie, wie er alles führte, in einer engen, sehr geraden Handschrift, und der Eintrag zu Nische Sieben ist siebzehn Zeilen lang und enthält Werte, die für einen Laien nichts bedeuten: Pulsspreizung, Temperaturkurve, die Zahl der Krampfanfälle in den Stunden achtzehn bis vierzig, ein Vermerk in der Nacht des elften Tages, dass der Patient gesprochen habe, und dahinter, weil Delvar es für erwähnenswert hielt, das Wort, das gesprochen worden war.

Das Wort war ein Name.

Am neunten Tag starben zwei in derselben Stunde, und am zwölften einer, und am fünfzehnten einer.

Sie starben nicht dramatisch. Das ist das Einzige, was Delvar in seinen Aufzeichnungen jemals in eigener Sache anmerkte, und er tat es in einem Halbsatz, an einer Stelle, an der die Vorschrift keine Anmerkung vorsah: Sie hören auf, es weiterzumachen. Ein Körper, der ein zweites Herz nicht annimmt, kämpft nicht dagegen. Er verhandelt zwei Wochen lang mit einem Fremden in der eigenen Brust, und irgendwann stellt er die Verhandlung ein, und dann ist es leise.

Der Junge aus Nische Vier, der vor der Einbettung den Namen eines Mädchens gesagt hatte, war der am fünfzehnten Tag.

Delvar trug ihn aus. Er trug ihn selbst, was er nicht musste, und er brachte ihn in die Halle mit dem Kohlenbett, und dort war zu dieser Stunde niemand außer zwei Brüdern, die den Rost warteten. Der Apothecarius legte den Toten neben das Bett, kniete hin, legte die Handflächen in die Kohlen und sagte einen Namen.

Es war nicht der Name des Jungen. Es war der Name des Mädchens.

Er hatte ihn sich gemerkt, weil er sich alles merkte, und er sagte ihn auf, weil sie die Einzige war, für die dieser Tod jemals etwas bedeuten würde, und weil sie es nie erfahren würde, und weil er der Meinung war, dass in einer solchen Rechnung wenigstens eine Seite geführt gehörte.

Dann stand er auf, wusch sich die Hände nicht, weil man das nicht tat, und ging zurück in den Raum, der nach Kupfer roch.

Am achtzehnten Tag ging Bruder Ossmar durch den Raum. Er tat das jeden Abend. Trösten wollte er damit nicht: Sie waren nicht bei Bewusstsein, und Trost war ohnehin nicht vorgesehen. Er tat es, weil er der Aspirantenmeister war und weil man Dinge, für die man einsteht, ansieht.

Er blieb an Nische Sieben stehen und sah lange hin.

„Wie steht es?", fragte er.

„Er ist über dem Punkt, an dem ich es mit gutem Gewissen abschätzen kann", sagte Delvar. „Das Herz hat angeschlagen. Das ist nicht dasselbe wie angenommen."

„Wie hoch?"

„Ich sage keine Zahlen, wenn die Zahl aus vier Fällen besteht."

„Sag sie trotzdem."

„Etwas über die Hälfte", sagte Delvar. „Und das ist nicht besser, sondern schlechter, denn ab hier stirbt keiner mehr schnell."

Ossmar nickte.

„Ich habe ihn aufgeschrieben", sagte er nach einer Weile. „Am Rost. Ich habe seit sechzig Jahren keinen aufgeschrieben, bevor die Einbettung durch war."

„Das ist unklug."

„Ja."

Delvar tauchte den Griffel ein.

„Warum?"

Ossmar stand mit den Händen auf dem Rücken und sah auf ein dreizehnjähriges Gesicht, das grau war und in dem die Kiefermuskeln in unregelmäßigen Abständen arbeiteten.

„Weil er einen aufgesagt hat, von dem er nicht weiß, ob er tot ist", sagte er. „Alle anderen sagen die Sicheren auf. Die Sicheren kosten nichts. Er hat einen genommen, bei dem die Rechnung offenbleibt, und hat sie offen ausgehalten, mit den Händen in den Kohlen." Er wandte sich zum Gehen. „Wenn dieser Orden eines braucht, dann Brüder, die etwas offen aushalten. Wir haben genug, die Bilanzen mögen."

„Und wenn er stirbt?"

„Dann habe ich einen aufgeschrieben, der gestorben ist", sagte Ossmar, „und meine Liste ist einen Namen länger, und ich sage ihn beim nächsten Aufsagen mit auf. So funktioniert es. Ich dachte, das wüsstest du."

XIII. Der offene Herd

In Neun Quellen war Sommer, und Ranna kehrte den Stein aus.

Sie tat es an einem Vormittag Ende des dritten Monats, wie jedes Jahr, mit dem kurzen Besen, den sie nur dafür benutzte. Der offene Herd stand an der Nordwand, links vom großen, und er war eine flache Mulde aus vier Steinen mit einem Boden aus gestampfter Asche. Es lag kein Holz darin. Es hatte seit vierzig Jahren kein Holz darin gelegen.

Man legte kein Holz auf einen offenen Herd. Man hielt ihn nur sauber, damit der, für den er offen war, wenn er käme, nichts vorfände, wofür er sich schämen müsste.

Halvard kam mit zwei Eimern herein und stellte sie ab und sah ihr zu.

„Du kehrst zweimal", sagte er.

„Es sind zwei."

Er stellte die Eimer nicht in die Ecke, wo sie hingehörten, sondern blieb stehen und hielt sie fest, und Ranna merkte es und kehrte weiter.

„Du weißt nicht, ob er lebt", sagte Halvard.

„Nein."

„Du wirst es nie wissen."

„Nein", sagte Ranna. „Das ist die Abmachung."

Sie richtete sich auf. Sie war zweiundfünfzig und sah aus wie sechzig, weil man auf Varanthos so aussah, und sie hatte in ihrem Leben einen Bruder und einen Mann und jetzt einen Sohn an den Wald gegeben und stand aufrecht in ihrer Küche.

„Ich habe deinem Onkel ein Bündel gepackt", sagte sie. „Ich war zwölf. Ich habe zu viel hineingetan, ich wusste es nicht besser, und ich habe vierzig Jahre lang gedacht, dass er deswegen nicht angekommen ist." Sie hängte den Besen an den Haken. „Bei Eskil habe ich zu wenig hineingetan. Und jetzt denke ich, dass er deswegen nicht angekommen ist. Es ist immer dasselbe. Man findet den Grund, weil man einen braucht."

Halvard stellte die Eimer ab.

„Ich hab ihn bis zum Wegstein gebracht", sagte er.

„Ich weiß."

„Ich hätte weitergehen können. Es steht keiner da."

„Ich weiß", sagte Ranna.

Sie sah ihren älteren Sohn an, achtzehn Jahre alt, mit Schultern wie ein Mann von dreißig und Händen, die zwei Eimer trugen, wo andere einen trugen, und mit einem Dorf um sich herum, das ihn nicht ansah, wenn er über den Platz ging.

„Setz dich", sagte sie. „Ich mach dir was."

„Ich hab keinen Hunger."

„Ich weiß", sagte Ranna. „Setz dich trotzdem."

Er setzte sich. Sie machte ihm etwas. Er aß es.

Draußen stand der Wald, dreihundert Meter hoch, und behielt, was er behielt, und gab zurück, was er zurückgab, und tat beides ohne jede Absicht, und die Menschen von Varanthos hatten sich vor sechshundert Generationen entschieden, das eine Gnade zu nennen, weil ihnen kein besseres Wort eingefallen war.

Achthundert Kilometer östlich, im Berg, in einer Kammer, die nach Kupfer roch, ging der neunzehnte Tag in den zwanzigsten über.

Ein Apothecarius schrieb eine Zeile.

Er schrieb sie ohne Kommentar, weil ein Kommentar an dieser Stelle nichts genützt hätte, und weil in einundzwanzig Tagen niemand etwas weiß, und weil in vierzig Jahren vielleicht ein Mann in dunkelgrüner Rüstung durch ein Dorf im Westen gehen und die Hand in ein Feuer legen würde, und vielleicht auch nicht.

Der Herd blieb offen.

Sie sind alle offen. Das ist die Sache mit Varanthos, die kein Fremder versteht: In jedem Haus ist einer. Vier Millionen Menschen halten achthundert Krieger, und dazwischen liegen dreihundert Jahre Warten pro Familie, und niemand hat je jemandem gesagt, dass das ein Preis ist.

Sie nennen es nur den zweiten Stein und kehren ihn im Sommer aus.

Halvard aß auf und stellte den Napf ins Wasser und ging wieder hinaus, weil das Holz nicht gespalten war und weil es niemanden gab, der es sonst gespalten hätte.

Am Abend, als es dunkel wurde, kam er noch einmal herein, blieb in der Tür stehen und sagte in den Raum hinein, ohne jemanden anzusehen: „Wenn er es wird, dann hat er den Wegstein nicht gesehen, und wenn er es nicht wird, dann sieht er ihn irgendwann von der anderen Seite. Beides ist auszuhalten."

Ranna sagte nichts.

Sie kehrte am nächsten Sommer wieder aus, und im übernächsten, und in dem danach.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert