Die Gegenzeichnung
Astra Militarum (41. Belthaner Grabenschützen) · Munitorum (Ordinat Vhess) · Symbiontenkulte
„Eine Kanzlei prüft nicht, ob eine Meldung wahr ist. Das kann sie nicht; sie ist achtzig Lichtjahre entfernt und zwölf Monate zu spät. Sie prüft, ob eine Meldung ordnungsgemäß ist. — Geschäftsordnung der Abgleichkanzleien, Vorbemerkung“
Prolog: Vorgang 41-B
ORDINAT VHESS · ABGLEICHKANZLEI · HOHER ORBIT BELTHANE
Vorgang 41-B — Verlustmeldung, 41. Belthaner Grabenschützen, Feldzugsgebiet Zobelmark.
Eingang: 820.M41, mit Versorgungsrückläufer 9 der Linie Halvern-Ost. Umfang: zweihundertvierzehn Blatt, handschriftlich, teils auf Vordruck M-9, teils auf Rückseiten von Rationsscheinen, Munitionsanforderungen und einer Karte.
Bearbeitung: 820.M41.
Bescheid: zurückgewiesen. Formmangel 9-c.
Verbleib der Blätter: Sammelmagazin, unbefristet. Rückgabe an die meldende Einheit nicht möglich.
Was folgt, sind die Blätter.
I. Der Vordruck
Der Vordruck M-9 hat vierzehn Felder, und in dreizehn davon steht, was man erwartet: Einheit, Abschnitt, Zeitraum, Kopfstärke bei Antritt, Kopfstärke bei Abschluss, Art des Verlustes, Beleg. Das vierzehnte Feld heißt Bemerkungen und ist zwei Zentimeter hoch, und in neun von zehn Meldungen bleibt es leer.
Der Schreiber der Dritten Kompanie hat es nie leer gelassen. Er hält das für seine Aufgabe. Er hat sich in der Ausbildungskanzlei von Belthane sagen lassen, das Feld sei für Ausnahmen gedacht, und er hat daraus geschlossen, dass ein Mensch eine Ausnahme ist.
Zur Person, weil der Vordruck es verlangt: Gardist Wendel Aurich, achtundzwanzig Jahre, ausgehoben 812.M41 im Bezirk Aurichgrund, was ein Zufall ist und über den in der Kompanie zwei Jahre lang gelacht wurde. Ausbildung: Feldschreiberkurs, sieben Wochen. Waffenausbildung: die vorgeschriebene. Er hat in fünf Jahren einunddreißig Schuss abgegeben und weiß von keinem, dass er getroffen hätte.
Zur Einheit: 41. Belthaner Grabenschützen, aufgestellt 811.M41, Kopfstärke bei Antritt zweitausendachthundert Mann. Landung im Feldzugsgebiet Zobelmark am 40. Tag 814.M41.
Der Zobelmark ist ein Moor. Das steht so in keiner Vorabunterrichtung; dort steht Heide- und Bruchland, befestigungsgünstig. Es ist ein Moor. Es ist schwarz, es ist bis auf zwei Meter Tiefe Wasser, das aussieht wie Boden, und es riecht das ganze Jahr über nach nassem Rauch, obwohl nichts brennt. Man gräbt keinen Graben in den Zobelmark; man baut ihn. Man schlägt Pfähle, man setzt Bohlen, man stapelt Torfziegel wie Mauerwerk, und alle elf Tage sinkt das Ganze um eine Handbreit und man fängt oben wieder an.
Im ersten Winter starben achtzig Mann am Wasser, bevor einer am Feind starb.
Zum Feind: In der Vorabunterrichtung stand versprengte Aufständische, geschätzte Stärke zweitausend. Es waren Symbiontenkulte. Das hat der Schreiber erst im dritten Jahr aufgeschrieben, weil das Wort in der Kanzlei von Belthane nicht ausgesprochen wurde und weil er es nicht kannte.
Die Kompanie nannte sie die Sinter, nach den Sinterwerken, aus denen sie kamen. Sinter-Vier bis Sinter-Elf, acht Erz- und Brennwerke am Nordrand des Marks, laut Verzeichnis der Planetarverwaltung Halvern stillgelegt 671.M41.
Sie waren nicht stillgelegt. Es hatte sie nur seit hundertdreiundvierzig Jahren niemand mehr besucht.
Was sich daraus ergab, hat der Schreiber später in einem Satz aufschreiben müssen, den er dreimal neu angesetzt hat, weil er ihm zu groß vorkam für einen Vordruck: Die Einheit wurde gegen einen Feind eingesetzt, der entstanden ist, weil ein Werk als geschlossen geführt wurde, das nie geschlossen wurde.
Er hat den Satz stehen lassen. Es war der erste, bei dem er wusste, dass er ihn nicht mehr streichen würde.
Zwei Anmerkungen zur Form, weil beide später wichtig werden.
Die erste betrifft die Gliederung. Eine Verlustmeldung ist kein Tagebuch. Sie wird nach Sachzusammenhang geordnet, nicht nach Datum, siehe Abschnitt zwei, Absatz elf, und das ist vernünftig, weil eine Kanzlei nach Sachen sucht und nicht nach Tagen. Wo in dieser Meldung ein Datum steht, ist es geprüft. Wo eines fehlt, fehlt es, weil der Schreiber es nicht mehr feststellen konnte.
Die zweite betrifft die Person.
Ein Schreiber schreibt in der dritten Person. Das ist Vorschrift, es steht in der Dienstanweisung für Kanzleidienst der Bodentruppen, Abschnitt zwei, und es hat einen vernünftigen Grund: Der Schreiber ist kein Zeuge, sondern ein Gerät. Er soll nicht gesehen haben, er soll festgestellt haben.
Der Schreiber der Dritten hat sich fünf Jahre lang daran gehalten.
Er wird sich nicht bis zum Ende daran halten. Wo er es nicht tut, hat er es nicht gestrichen, und das war eine Entscheidung.
II. Die Pünktlichen
Alle sechsunddreißig Tage kommt der Rückläufer.
Vier Kettenschlepper des Munitorum, jeder mit zwei Anhängern, über die alte Torfbahntrasse von Halvern-Ost, achtzehn Stunden Fahrt durch Gelände, in dem sich seit vier Jahren nichts mehr bewegt außer ihnen. Sie kommen am Morgen des sechsunddreißigsten Tages an, zwischen der siebten und der neunten Stunde, und in fünf Jahren sind sie zweimal später gekommen und niemals ausgeblieben.
Die Kompanie nannte sie die Pünktlichen.
Sie bringen: Rationen für zweitausendachthundert Mann. Brennpaste. Wasserfilter. Torfsägen. Kabel. Vierzehn Fässer Desinfektionsmittel. Postbeutel, meist leer. Und Munition, gerechnet nach einem Verbrauchsschlüssel, der für Heide- und Bruchland aufgestellt wurde und der für ein Moor um etwa ein Drittel zu niedrig liegt.
Sie bringen nichts, was ein Mensch ist.
Im ersten Jahr fiel das niemandem auf, weil im ersten Jahr niemand Ersatz erwartet. Im zweiten Jahr fiel es dem Hauptmann auf. Im dritten Jahr fiel es allen auf.
Hauptmann Ottokar Brehm führte die Dritte seit der Aufstellung. Er war ein schwerer, langsamer Mann aus dem Werftbezirk, der die Angewohnheit hatte, vor jeder Antwort einmal auszuatmen, was ihn dumm wirken ließ und was er sich, wie der Schreiber vermutet, genau deshalb angewöhnt hatte. Er hat in fünf Jahren zweimal die Stimme erhoben, und beide Male ging es nicht um den Feind.
Am 212. Tag 816.M41 stand Brehm neben dem dritten Schlepper, während abgeladen wurde, und zählte die Rationskisten.
„Zweitausendachthundert", sagte er.
Der Schreiber bestätigte die Zahl, weil das seine Aufgabe war.
„Wir sind neunzehnhundertvierzig."
„Ja, Herr Hauptmann."
Brehm atmete aus. „Dann schreiben Sie eine Rückmeldung. Achthundertsechzig Rationssätze zu viel. Und schreiben Sie dazu, dass wir stattdessen achthundertsechzig Mann nehmen würden."
Der Schreiber schrieb die Rückmeldung. Sie ging mit dem Rückläufer hinaus.
Auf die zweite antwortete niemand. Auf die dritte antwortete jemand.
Die Antwort kam am 248. Tag 816.M41, ein halbes Blatt, gestempelt, ohne Unterschrift, und sie lautete in ihrer Gesamtheit:
Zuteilung erfolgt nach Sollstärke. Sollstärke unverändert. Abweichungen der Iststärke sind mit Vordruck M-9 zu belegen. Vordruck M-9 liegt hier nicht vor.
Der Schreiber hat dieses halbe Blatt fünf Jahre lang aufbewahrt. Es ist Blatt zwei dieser Meldung.
Er hat damals nicht verstanden, was darauf stand. Er hat verstanden, dass es zwei Sätze enthielt, die einander im Weg standen, und dass ihm das gefiel, weil er dachte, ein Fehler sei etwas, das man findet und dann behebt.
III. Der dritte Winter
Der Schreiber hält es für erforderlich, an dieser Stelle den Zustand der Stellung zu beschreiben, weil eine Verlustmeldung ohne den Zustand der Stellung eine Liste von Zufällen ist.
Ein Graben im Zobelmark ist kein Graben, sondern ein Kasten. Man treibt Pfähle bis auf den Fels, man setzt Bohlen dagegen, man füllt hinter die Bohlen Torfziegel, und dann hat man einen Kasten aus Holz und Torf, der im Wasser steht und den man leerpumpen muss. Der Boden des Kastens liegt unter dem Wasserspiegel. Immer. Das ist keine Nachlässigkeit; es gibt im Zobelmark keinen Punkt, der darüber liegt.
Die Dritte Kompanie besaß zwei Pumpen. Eine davon lief.
Die Männer standen im dritten Winter zwischen elf und vierzehn Stunden am Tag in Wasser, dessen Temperatur nach Aufzeichnung von Sanitäterin Gerda Ohm zwischen zwei und sechs Grad lag. Ohm hat im Winter 817 einhundertsechs Fälle von Grabenfuß behandelt, davon vierzig, die eine Amputation erfordert hätten, und sie hat zwei durchgeführt, weil sie nur zwei durchführen konnte.
Sie hat dem Schreiber im Januar gesagt, sie führe seit dem zweiten Jahr eine zweite Liste. Auf der ersten stünden die Behandelten. Auf der zweiten stünden die, bei denen sie beschlossen habe, nicht zu behandeln, weil die Zeit für einen anderen besser eingesetzt war.
Er hat gefragt, wozu die zweite Liste sei.
Sie hat gesagt: „Damit ich nicht behaupten kann, es sei nicht meine Entscheidung gewesen."
Sanitäterin Gerda Ohm, 8811-204-8. Gefecht. — Sie hat sieben Jahre lang zwei Listen geführt, und auf der zweiten standen einhundertneunundfünfzig Namen, und sie hat sie alle auswendig gekonnt, was niemand von ihr verlangt hat.
Zur Pumpe.
Die zweite Pumpe war seit dem Frühjahr 817 ausgefallen, und der Rückläufer brachte kein Ersatzteil, weil das Ersatzteil nicht auf dem Verbrauchsschlüssel für Heide- und Bruchland steht. Soldat Anselm Duhr, gelernter Maschinenschlosser aus dem Hafenbezirk, hat sie im Herbst 817 aus Teilen einer Torfsäge, zwei Ölfässern und dem Getriebe eines zerschossenen Karrens wieder in Gang gesetzt.
Sie lief danach vier Jahre. Sie läuft, soweit der Schreiber weiß, heute noch, weil sie in einer Kammer unter Bohlen steht, die niemand einreißen wird.
Duhr hat sich am 14. Tag 818.M41 mit seiner eigenen Waffe erschossen.
Der Schreiber hat den Umstand nach Vorschrift eingetragen. Er hat, entgegen der Vorschrift, den Tag davor mit eingetragen: Duhr hat am 13. Tag die Pumpe gewartet, wie jeden zehnten Tag, und er hat sie richtig gewartet, und er hat den Lagerbock nachgestellt, was nicht nötig gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass er sie nicht mehr braucht.
Der Schreiber hat sich das oft überlegt und trägt hier seine Ansicht ein, obwohl niemand danach gefragt hat: Duhr hat sie gewartet, weil sie nach ihm noch laufen sollte. Er hat gewusst, was er tun würde. Er hat ihr trotzdem die drei Stunden gegeben.
Zur Verpflegung.
Der Verbrauchsschlüssel sieht für Heide- und Bruchland dreitausendzweihundert Kalorien vor. Ein Mann, der vierzehn Stunden in vier Grad kaltem Wasser steht, verbraucht nach Angabe von Ohm etwa viertausendachthundert. Die Differenz kommt vom Mann.
Im dritten Winter wog die Dritte Kompanie im Schnitt neun Kilogramm weniger als bei der Landung.
Gardistin Meta Cobb, ausgehoben aus dem Bezirk Nordschleuse, hat ihre Rationsmarken gegen Nähnadeln getauscht. Sie hat den halben Zug in Filz eingenäht — Torffilz, aus den Ziegeln geschnitten, zwischen Stiefel und Fuß, was gegen den Grabenfuß nicht half, aber gegen die Kälte, und was die Männer, die es hatten, mit einem Ernst verteidigten, der aus der Entfernung lächerlich wirkt und aus der Nähe nicht.
Sie hat dafür nichts genommen. Als es sich herumsprach, hat sie drei Tage nicht geredet, weil sie es als Vorwurf verstand.
Zum Feind, im dritten Winter.
Die Sinter kamen nachts, in kleinen Gruppen, zwischen sechs und zwanzig Mann, ohne Feuervorbereitung und ohne Rückzugsplan. Sie kamen im Schnitt alle neun Tage. Sie kamen bei jedem Wetter, und sie kamen auch dann, wenn es offensichtlich sinnlos war, und in dreißig Monaten hat die Dritte nicht ein einziges Mal einen Verwundeten von ihnen bergen können, weil sie ihre Verwundeten immer mitnahmen, auch wenn es sie zwei weitere kostete.
Voxfunkerin Ruthe Ansfeld, die als Einzige in der Kompanie den Feindfunk mithörte, weil sie es sich selbst beigebracht hatte, hat im Winter 817 festgestellt, dass die Angriffe nicht alle neun Tage kamen, sondern alle zweihundertsechzehn Stunden.
Der Schreiber hat das damals für eine Spitzfindigkeit gehalten.
Ansfeld hat gesagt: „Neun Tage ist ein Rhythmus. Zweihundertsechzehn Stunden sind eine Einteilung."
Sie hatte recht, und was daraus folgte, steht in Abschnitt IX.
Verluste der 41. Belthaner Grabenschützen im dritten Winter, 217. Tag 817.M41 bis 39. Tag 818.M41: dreihundertvier. Davon durch Feindeinwirkung: einhundertneun.
Der Rest ist Wasser, Kälte, Erkrankung und drei Fälle, die unter Selbst geführt sind.
Bestand des Regiments am 40. Tag 818.M41: eintausendsechshundertneunundzwanzig.
Der Schreiber vermerkt: In diesem Zeitraum sind einhundertzwölf Rationssätze pro Tag über die tatsächliche Kopfstärke hinaus angeliefert worden. Sie wurden nicht zurückgewiesen; es gab kein Verfahren dafür. Sie wurden gestapelt.
Am Ende des dritten Winters standen im Vorratsunterstand der Dritten Kompanie viertausendachthundert nicht ausgegebene Rationssätze, und Hauptmann Brehm hat verboten, sie anzurühren, weil, wie er sagte, irgendwann jemand käme und danach fragen würde.
Es hat nie jemand danach gefragt.
IV. Was nicht kommt
Feldwebel Hille Rasch führte den Zweiten Zug und hatte auf Belthane in einer Torfpresse gearbeitet, was sie zur einzigen Person in der Kompanie machte, die verstand, warum der Boden tat, was er tat.
Sie ist im Bericht so oft vertreten, weil sie so oft recht hatte.
Am 33. Tag 817.M41 sagte sie im Unterstand der Kompanie, ohne dass jemand sie gefragt hätte: „Es kommt nichts. Merkt ihr das? Es geht raus und es kommt nichts."
Der Schreiber führte darüber Buch, weil er über alles Buch führte, und die Aufstellung, die daraus wurde, steht auf Blatt neun bis vierzehn. Sie ist unerfreulich in ihrer Schlichtheit.
Hinaus gingen in dreißig Monaten: einhundertsiebenundzwanzig Meldungen, davon vierundvierzig Verlustanzeigen nach Vordruck M-9, elf Anforderungen von Ersatz, sechs Anträge auf Ablösung des Abschnitts, drei Anträge auf Verlegung der Verwundeten nach Halvern-Ost, zwei Bitten um Entsendung eines Offiziers zur Aufnahme des Stellungsbefundes.
Herein kamen: Rationen. Brennpaste. Wasserfilter. Torfsägen. Kabel. Desinfektionsmittel. Vierzehn Fässer, alle sechsunddreißig Tage, mit einer Regelmäßigkeit, die im Rückblick etwas Höhnisches hat, obwohl niemand höhnte.
Und Stempelblätter. Neun in dreißig Monaten. Jedes eine Variation desselben Satzes: Zuteilung erfolgt nach Sollstärke.
Der Schreiber hat in dieser Zeit angefangen, die Rückläufer zu befragen. Das war nicht vorgesehen und niemand hat es ihm verboten. Die Fahrer waren Zivilbedienstete des Munitorum aus Halvern-Ost, sechs Männer und eine Frau, die achtzehn Stunden hin und achtzehn Stunden zurück fuhren und dazwischen zwei Stunden schliefen, und sie waren freundlich in der abwesenden Art von Leuten, die eine Strecke kennen.
Er fragte den ältesten, einen Mann namens Bertsch, ob er wisse, wer die Fahrten anordne.
Bertsch sagte, das sei die Linie Halvern-Ost, Auftrag 41-B, und der laufe.
Der Schreiber fragte, seit wann.
Bertsch sagte: seit immer.
Der Schreiber fragte, wer ihn anhalten könne.
Und Bertsch, der zweiundsechzig Jahre alt war und dem das nie jemand als Frage gestellt hatte, dachte darüber nach, während er sich eine Zigarette drehte, und sagte dann etwas, das der Schreiber wortwörtlich notiert hat, weil ihm dabei zum ersten Mal kalt wurde und weil ihm klar war, dass es kalt gemeint war:
„Niemand, junger Mann. Dafür ist keiner da. Anhalten ist ein eigener Vorgang, und den hat keiner."
V. Der Totlauf
Es hat den Schreiber weitere sieben Monate gekostet, es zusammenzusetzen, und er setzt hier auseinander, wie, weil eine Verlustmeldung einen Beleg braucht und weil dies der einzige Beleg ist, den er hat.
Erstens: Die Einheit gilt als versorgungsberechtigt. Das ist unstrittig, es kommt alle sechsunddreißig Tage vier Schlepper lang an.
Zweitens: Die Einheit gilt nicht als bestehend. Das folgt daraus, dass in dreißig Monaten kein einziger Ersatzmann, kein Ablösebefehl, kein Offizier und keine Beurteilung eingegangen ist. Es folgt auch daraus, dass die Verwundetenverlegung dreimal abgelehnt wurde mit der Begründung Zielort nimmt nur Angehörige bestehender Einheiten auf.
Drittens: Die Einheit gilt aber auch nicht als erloschen. Sonst liefen die Schlepper nicht.
Der Schreiber hat diese drei Sätze auf ein Blatt geschrieben, sie eine Nacht lang angesehen und dann die einzige Erklärung darunter gesetzt, die alle drei erlaubt:
Wir stehen auf keiner Seite des Verzeichnisses. Wir stehen dazwischen.
Er ist damit zu Brehm gegangen.
Brehm las das Blatt zweimal. Dann atmete er aus.
„Erklären Sie es mir, als wäre ich der Mann, der ich bin."
„Herr Hauptmann — irgendwann ist eine Meldung eingegangen, dass die Einheit vernichtet ist. Eine falsche, oder eine, die etwas anderes meinte. Sie ist eingegangen und nicht abgeschlossen worden. Solange sie nicht abgeschlossen ist, sind wir nicht gestrichen. Solange wir nicht gestrichen sind, wird geliefert. Und solange wir nicht bestätigt sind, gibt es niemanden, an den man Menschen schickt."
„Und wer schließt so etwas ab?"
„Ein Ausschuss des Sektors."
„Dann schreiben Sie an den Ausschuss."
Der Schreiber hat an den Ausschuss geschrieben. Er hat elf Monate später erfahren, was das wert war, und schreibt es hier vor, weil es hierher gehört: Ein Ausschuss des Sektors tagt auf Einberufung durch den Sektorlordkommandanten. Für den Sektor, in dem der Zobelmark liegt, war das zuletzt vor hundertdreißig Jahren der Fall.
Brehm hat das nie erfahren. Der Schreiber hat es ihm nicht gesagt, und er trägt das hier nach, weil eine Meldung vollständig sein muss: Er hat es ihm nicht gesagt, weil Brehm zu diesem Zeitpunkt jeden Morgen die Männer ansprach und ihnen sagte, es sei geschrieben worden und Schreiben helfe, und weil der Schreiber nicht wusste, was ein Mann wie Brehm ohne diesen Satz morgens tun würde.
Das ist die erste von zwei Entscheidungen in dieser Meldung, für die kein Vordruck vorgesehen ist.
VI. Drei Angaben
Der Vordruck M-9 verlangt für jeden Verlust drei Angaben: Name, Erkennungsnummer, Umstand. Der Umstand ist in einem der elf zulässigen Kurzworte anzugeben. Gefecht. Beschuss. Erkrankung. Ertrunken. Unfall. Selbst. Vermisst. Und vier weitere, die die Dritte nie gebraucht hat.
Drei Angaben, elf Kurzworte. Ein Mann passt in vier Zentimeter.
Der Schreiber hat im vierten Jahr angefangen, eine vierte Angabe zu machen.
Er hat es nicht angekündigt und nicht begründet. Er hat unter jede Zeile einen Satz gesetzt, einen einzigen, und der Satz musste zwei Bedingungen erfüllen: Er musste wahr sein, und er musste etwas enthalten, das nur zutraf, wenn man den Mann gekannt hatte.
Aus den vierhundertsechzig Zeilen der Blätter zweiundzwanzig bis einhundertsiebenundvierzig hier vier, weil ein Beleg zeigen muss, was er behauptet:
Soldat Ilo Farnk, 8811-663-2. Ertrunken. — Er konnte schwimmen. Er hat es dreimal bewiesen, an anderen.
Gardistin Meta Cobb, 8811-701-9. Beschuss. — Sie hat ihre Rationsmarken gegen Nadeln getauscht und im dritten Winter für den halben Zug genäht, und sie hat dafür nichts genommen und sich sehr darüber geärgert, dass man es ihr nachsagte.
Soldat Anselm Duhr, 8811-482-4. Selbst. — Am Tag davor hat er noch die Pumpe repariert. Er hat sie richtig repariert. Sie läuft.
Gardist Bo Ketsch, 8811-559-1. Gefecht. — Er hat sechzehn Wochen lang jeden Abend behauptet, er könne das Moor riechen, wenn es sich bewegt. Am 191. Tag hat es sich bewegt und er hat es gerochen und elf Mann sind deshalb nicht in Graben Vier gewesen.
Der Schreiber ist sich bewusst, dass diese Sätze nicht in den Vordruck gehören. Sie standen auch nicht darin; sie standen unter ihm, auf der Rückseite, und die Rückseite ist nach Abschnitt zwei der Dienstanweisung frei für dienstliche Fortsetzung. Der Schreiber hat sich darauf berufen und ist sich bewusst, dass diese Berufung schwach ist.
Er hat es getan, weil ihm im vierten Jahr zwei Dinge klar geworden waren.
Das erste: Eine Zahl kann man bestreiten. Zweitausendachthundert Mann sind eine Behauptung, und eine Behauptung, die niemandem etwas kostet, wird geprüft, und geprüft wird sie von einer Stelle, die keinen Grund hat, sie zu glauben.
Das zweite, und das ist der Satz, um den es in dieser ganzen Meldung geht: Man kann einen Menschen nicht erfinden, den es nicht gegeben hat, wenn man einen wahren Satz über ihn schreiben muss.
Der Schreiber hat gedacht, das sei eine Waffe.
Er hat sich geirrt, aber er hat sich nicht darin geirrt, dass es richtig war.
VII. Kommissar Kranz
Kommissar Vitus Kranz war dem Regiment 811.M41 auf Belthane beigegeben worden und hat in acht Jahren zwei Männer erschossen, beide vor Zeugen, beide nach Verfahren, und er ist beide Male anschließend allein durch den Graben gegangen, bis er niemanden mehr traf.
Er kam am 88. Tag 818.M41 in die Kanzlei der Dritten, was ein Unterstand mit zwei Kisten und einer Lampe war, und er hatte Blatt einhundertsechs in der Hand.
Der Schreiber ist aufgestanden. Er schreibt hier, dass ihm dabei schlecht war, weil das für die Bewertung der folgenden Aussagen erheblich ist.
Kranz las laut vor: „Gardist Bo Ketsch. Er hat sechzehn Wochen lang jeden Abend behauptet, er könne das Moor riechen." Er ließ das Blatt sinken. „Was ist das?"
„Eine dienstliche Fortsetzung, Herr Kommissar."
„Das ist es nicht, und Sie wissen es nicht besser, sondern genauer." Kranz setzte sich unaufgefordert auf die zweite Kiste. Er war ein schmaler Mann mit einem Gesicht, das nicht altern wollte, und er hatte die Angewohnheit, im Sitzen ganz still zu werden. „Ich stelle eine andere Frage. Warum tun Sie es?"
Der Schreiber hat ihm die Wahrheit gesagt, weil ihm in dem Moment nichts anderes eingefallen ist.
„Weil ich nicht glaube, dass man uns glaubt."
Kranz saß eine Weile.
Dann sagte er: „Sie haben recht. Man wird Ihnen nicht glauben. Aber nicht aus dem Grund, den Sie meinen." Er legte das Blatt auf die Kiste. „Sie meinen, man hält uns für Betrüger. Das wäre erträglich; gegen einen Verdacht kann man vorgehen. Es ist schlimmer. Man hält uns für nichts. Ein Verdacht ist eine Beziehung, Aurich. Wir haben keine."
Er hat den Schreiber an diesem Tag zum ersten Mal beim Namen genannt.
„Sie wissen es also auch."
„Ich weiß es seit dem zweiten Jahr." Kranz sah zur Lampe. „Ich habe die Einberufungslisten des Sektorausschusses gesehen, damals in der Kanzlei auf Belthane. Ich habe sie gesehen, weil sie zufällig offen lagen, und ich habe die Jahreszahl gelesen, und dann bin ich hinausgegangen und habe an eine Wand gefasst." Er wandte den Kopf. „Sie sagen es niemandem. Das ist ein Befehl und ich werde ihn nicht wiederholen."
„Warum, Herr Kommissar?"
Und Kranz gab die Antwort, die der Schreiber für die ehrlichste hält, die in acht Jahren im Zobelmark ausgesprochen wurde.
„Weil zweitausend Männer, die glauben, dass jemand rechnet, ihre Stellung halten. Und zweitausend Männer, die es besser wissen, halten sie auch — aber sie werden dabei zu etwas, das ich hinterher erschießen müsste." Er stand auf. „Ich bin nicht bereit, das zu tun. Ich bin dafür ausgebildet, ich habe es zweimal getan, und ich bin nicht bereit, es zweitausendmal zu tun. Nennen Sie das Feigheit, wenn Sie wollen. Ich nenne es die einzige Stelle, an der ich noch entscheiden kann."
An der Tür blieb er stehen.
„Schreiben Sie weiter. Alle. Machen Sie es gut."
VIII. Die Vierte Schicht
Am 171. Tag 818.M41 führte Feldwebel Rasch mit vierzig Mann einen Stoß auf Sinter-Sieben.
Der Zweck war begrenzt und wurde ordnungsgemäß befohlen: Feststellung der Feindstärke, weil die Kanzlei in Halvern-Ost seit vier Jahren auf der Zahl zweitausend bestand und weil Brehm eine Zahl brauchte, die er belegen konnte.
Der Schreiber ging mit. Er hat darum gebeten. Brehm hat es genehmigt mit der Begründung, ein Beleg sei mehr wert, wenn ihn der aufnimmt, der ihn einträgt, und der Schreiber hat sich bei dieser Begründung so wichtig gefühlt, wie er sich nie wieder gefühlt hat.
Sinter-Sieben ist ein Brennwerk. Über der Erde liegen vier Hallen, drei davon eingestürzt, und ein Verwaltungsbau mit einem Dach aus Wellblech, das im Wind ein Geräusch macht wie jemand, der weit weg mit Besteck hantiert.
Unter der Erde liegen sechs Sohlen.
Sie kamen bis zur zweiten Sohle. Sie haben dabei elf Mann verloren, und sie sind nicht auf Widerstand gestoßen, sondern auf Arbeit.
Der Schreiber schreibt das Wort mit Absicht.
Auf der ersten Sohle liefen zwei Brennöfen. Nicht notdürftig, nicht behelfsmäßig — sie liefen mit Abzug, mit Beschickung, mit einer Schichtwache, die nicht auf sie schoss, sondern die Öfen verließ und sich zurückzog, ordentlich, in einer Reihenfolge, die geübt war.
Auf der zweiten Sohle lagen Wohnkammern. Vierhundertzwölf, hat Rasch später gezählt, in Reihen, mit Nummern über den Türen, und in achtzig davon Kinderbetten.
Und im Gang zwischen den Kammern hing eine Tafel.
Der Schreiber hat vier Minuten Zeit gehabt. Er hat vierzehn Blatt abgeschrieben und dann eines aus dem Rahmen genommen, was Diebstahl von Feindmaterial und ausdrücklich zulässig ist.
Es war ein Schichtbuch.
Es war nach demselben Prinzip geführt wie der Vordruck M-9. Name, Nummer, Zugang, Abgang, Umstand. Die Handschriften wechselten. Der Schreiber hat neun verschiedene gezählt, über die Jahre hinweg. Aber die Spalten waren dieselben, und die Zeilen waren durchgezählt, und die Zählung setzte an keiner Stelle neu an.
Die erste Zeile trug das Datum 671.M41.
Das ist das Jahr, in dem die Planetarverwaltung Halvern die Sinterwerke als stillgelegt geführt hat.
Sie hatten nicht aufgehört. Es hat ihnen nur niemand gesagt, dass sie aufhören sollten, und dann ist etwas zu ihnen gekommen, das ihnen sagte, sie sollten weitermachen, und sie haben weitergemacht, hundertdreiundvierzig Jahre lang, in drei Schichten, und irgendwann in diesen hundertdreiundvierzig Jahren ist aus dem, was in die Schichten hineingeboren wurde, etwas anderes geworden als das, was hineingegangen war.
Der Schreiber hat auf der zweiten Sohle mit einem Blatt Papier in der Hand gestanden, auf dem hundertdreiundvierzig Jahre lückenlos verbucht waren, und er hat begriffen, was Ansfeld mit Einteilung gemeint hatte.
Zweihundertsechzehn Stunden sind neun Tage. Drei Schichten zu acht Stunden, sieben Zyklen, und dann ein Zyklus, der nicht in den Ofen geht.
Die Angriffe auf die 41. Belthaner Grabenschützen waren keine Angriffe. Sie waren eine vierte Schicht.
Der Schreiber trägt hier ein, was auf dem Blatt stand, das er mitgenommen hat, weil er es für den wichtigsten Beleg dieser Meldung hält und weil er weiß, dass es als Beleg für gar nichts taugt:
Es standen zweihundertneun Zeilen darauf, aus den Jahren 814 bis 818. In der Spalte Umstand stand bei einhundertvierundneunzig von ihnen dasselbe Wort. Der Schreiber kann es nicht lesen; es ist kein Gotisch. Aber es steht jedes Mal gleich da, in derselben ruhigen Hand, ohne Abkürzung, ohne Eile.
Sie haben ihre Toten eingetragen. Alle. Vollständig, in Reihenfolge, mit Nummer, seit hundertdreiundvierzig Jahren, in einem Loch unter einem Werk, das es laut Verzeichnis nicht gibt.
Der Schreiber hat auf dem Rückweg nicht gesprochen.
Rasch hat es bemerkt und ihn am Abend im Unterstand darauf angesprochen, und er hat ihr gesagt, was er dachte, und er trägt es hier ein, weil es nach seiner Überzeugung die Sache ist, um die dieser ganze Feldzug geht:
„Feldwebel, die führen bessere Bücher als wir."
Rasch hat lange nichts gesagt. Dann hat sie geantwortet: „Nein. Die führen die gleichen Bücher wie wir. Uns liest bloß keiner."
Feststellung der Feindstärke, wie befohlen: Auf der Grundlage von vierhundertzwölf Wohnkammern, sechs Sohlen und acht Werken ist die Feindstärke im Feldzugsgebiet Zobelmark mit mindestens dreiundzwanzigtausend anzunehmen.
Die Meldung darüber ging am 190. Tag 818.M41 hinaus. Sie ist Meldung einhundertneunzehn von einhundertsiebenundzwanzig.
Sie ist unbeantwortet geblieben.
IX. Die Gegenzeichnung
Der Vordruck M-9 verlangt bei Meldung des vollständigen Verlustes einer Einheit zwei Unterschriften.
Die Erstzeichnung leistet der Führer der Einheit. Die Gegenzeichnung leistet ein Offizier, der ihm nicht untersteht — in der Regel der Kommissar, ersatzweise der Medicus, ersatzweise ein Offizier einer Nachbareinheit. Der Sinn ist einleuchtend und der Schreiber hält ihn bis heute für richtig: Eine Einheit, die ihre eigene Auslöschung bescheinigt, bescheinigt zugleich, dass niemand mehr da ist, der widersprechen könnte. Zwei Hände, die nichts miteinander zu tun haben, sind die einzige Sicherung, die eine Kanzlei über achtzig Lichtjahre hinweg hat.
Am 140. Tag 818.M41 kam Kranz ein zweites Mal in die Kanzlei, ohne Anlass, und verlangte den unausgefüllten Bogen.
Der Schreiber gab ihn ihm.
Kranz setzte seine Gegenzeichnung in das dafür vorgesehene Feld, sauber, mit Rang, Nummer und Datum, unter eine Erstzeichnung, die noch nicht da war und ein leeres Feld war.
„Herr Kommissar — das geht so nicht. Die Gegenzeichnung erfolgt nach der Erstzeichnung."
„Ich weiß." Kranz schraubte den Halter zu. „Und wenn ich vor dem Hauptmann falle, erfolgt sie gar nicht. Dann fehlt sie, und dann ist Ihr ganzer Stapel Papier."
„Es ist ein Formfehler."
„Es ist ein Formfehler mit meiner Unterschrift darunter." Er legte den Bogen zurück. „Wenn es je jemand liest, wird er sehen, dass ein Kommissar wissentlich gegen die Form verstoßen hat, um eine Meldung möglich zu machen. Das ist eine Aussage, Aurich. Vielleicht die einzige, die von mir übrig bleibt."
Der Schreiber hat den Bogen in die Blechkassette gelegt, in der er die fertigen Blätter aufbewahrte, und er hat nicht widersprochen.
Er trägt hier nach, was er damals hätte sagen müssen und nicht wusste: Ein Formfehler ist kein Formfehler. Es gibt Klassen. Eine fehlende Gegenzeichnung ist Mangel 9-a und führt zu einer Rückfrage. Eine vordatierte Gegenzeichnung ist Mangel 9-b und führt zu einer Rückfrage.
Und es gibt 9-c, und 9-c führt zu keiner Rückfrage.
Der Schreiber wusste das nicht. Kranz wusste es nicht. Es steht in der Dienstanweisung für Kanzleidienst der Bodentruppen nicht drin; es steht in der Geschäftsordnung der Abgleichkanzleien, und die liegt in der Abgleichkanzlei.
X. Ostreih
Am 12. Tag 819.M41 versuchten die Sinter den Durchbruch bei Ostreih.
Zur Sache selbst kann der Schreiber wenig beitragen, was ein Beleg wäre. Er lag in der Kanzlei unter zwei Bohlen, weil man ihm gesagt hatte, die Kassette dürfe nicht nass werden, und er hat sechs Stunden lang nichts gesehen. Was hier steht, ist zusammengetragen aus zweiundvierzig Befragungen, die er in den folgenden neun Tagen geführt hat, und wo sich die Aussagen widersprechen, hat er beide aufgenommen.
Unstrittig: Der Angriff kam durch das Wasser. Nicht über den Bohlenweg, nicht über die alte Trasse — durch das offene Moor, das die Kompanie seit fünf Jahren für unpassierbar hielt, weil es für einen Menschen unpassierbar ist.
Sie kamen an Seilen. Sie hatten Bretter unter den Füßen und Seile zwischen sich, und sie waren mager genug, dass es trug, und sie waren so viele, dass die vorderen drei Reihen nicht dafür gedacht waren, anzukommen.
Die vorderen drei Reihen sind ertrunken. Nach übereinstimmender Aussage von neun Männern ist niemand von ihnen umgekehrt, und niemand von ihnen hat geschrien, was in den Befragungen von sechs Zeugen unabhängig voneinander als das genannt wurde, woran sie sich hinterher am längsten gestört haben.
Die Bohlen der vorderen Reihen trugen dann die vierte.
Um 01:20 stand der Kampf in Graben Vier. Der Schreiber gibt hier keine Schilderung, weil er keine hat und weil zweiundvierzig Befragungen zweiundvierzig verschiedene Nächte ergeben haben. Er trägt stattdessen ein, worin sie übereinstimmen.
Erstens: Es gab kein Licht außer dem Mündungsfeuer, weil die Leuchtmunition auf dem Verbrauchsschlüssel für Heide- und Bruchland mit vier Stück pro Woche geführt wird.
Zweitens: Der Kampf fand überwiegend im Wasser statt, auf einer Höhe zwischen Knie und Brust, und die Waffen versagten in großer Zahl. Vierzehn Männer sind mit Torfsägen gestorben und mindestens sieben mit bloßen Händen.
Drittens: Gardistin Meta Cobb hat, nachdem die Stellung des Zweiten Zuges genommen war, einundzwanzig Minuten lang die Verbindung nach Fünf gehalten, allein, in einer Nische, die eigentlich ein Vorratsloch war. Sie hatte den Filz nicht mehr in den Stiefeln, weil sie ihn im Herbst weggegeben hatte.
Feldwebel Rasch hat später gesagt, dass sie in dieser Nacht zum ersten Mal begriffen habe, wogegen die Dritte fünf Jahre lang angetreten sei. Ihr Wortlaut, aufgenommen am 21. Tag: „Die haben nicht gegen uns gekämpft. Die haben gearbeitet. Das war eine Schicht."
Die Dritte hielt Graben Vier bis zur vierten Stunde und gab ihn dann geordnet auf.
Hauptmann Ottokar Brehm fiel um 04:40 im Verbindungsgraben zwischen Vier und Fünf, beim Versuch, die Sprengung des Bohlenwegs zu erreichen, nachdem der Zünder ausgefallen war. Er hat sie erreicht. Die Sprengung erfolgte um 04:44 und hat den Angriff in der Mitte auseinandergenommen und den Rest der Dritten gerettet, und der Schreiber hält es für seine Pflicht, hier festzustellen, dass Brehm dabei nicht heldenhaft, sondern ärgerlich gewirkt hat: Nach Aussage von drei Männern hat er auf dem Weg dorthin zweimal ausgeatmet und gesagt, es sei nicht seine Aufgabe.
Hauptmann Ottokar Brehm, 8811-002-1. Gefecht. — Er hat vor jeder Antwort einmal ausgeatmet, damit man ihn für langsam hielt, und in fünf Jahren ist niemand darauf gekommen, dass er in dieser Zeit nachdachte.
Verluste der Nacht: zweihundertneun. Verbleibende Stärke der Dritten: dreihundertelf.
Verbleibende Stärke des Regiments: siebenhundertvierzig.
Zwei Tage später übernahm Feldwebel Hille Rasch die Kompanie, weil niemand sonst da war.
Und in dem Augenblick, in dem der Schreiber ihren Namen in das Feld Führer der Einheit eintrug, sah er, was er getan hatte, und legte den Halter hin.
Ein Feldwebel ist kein Offizier.
XI. Eine Hand
Der Schreiber hat vom 22. bis zum 61. Tag 819.M41 versucht, eine Unterschrift zu beschaffen. Er führt die Versuche einzeln auf, weil er möchte, dass jemand sieht, dass es Versuche waren.
Erstens. Antrag an den Regimentsstab im Kellerwerk auf Entsendung eines Offiziers zur Erstzeichnung. Abgesetzt am 22. Tag über Vox durch Voxfunkerin Ruthe Ansfeld. Keine Antwort. Wiederholt am 24., 26., 29. Tag. Keine Antwort. Ansfeld stellte am 29. Tag fest, dass die Gegenstelle des Kellerwerks seit dem 14. Tag 819.M41 zwar Trägerwelle sendet, aber nicht mehr moduliert. Das bedeutet, dass dort ein Gerät läuft.
Zweitens. Anfrage an die 12. Halverner Schanzpioniere, Abschnitt Nord, mit der Bitte, einen Leutnant zur Erstzeichnung abzustellen. Der Rückläufer brachte am 36. Tag die Antwort. Sie war höflich, handschriftlich und lautete sinngemäß: Die 12. Halverner Schanzpioniere bestehen aus vierzig Mann, ihr letzter Offizier ist im Vorjahr gefallen, und sie führen dasselbe Problem seit siebzehn Monaten.
Der Schreiber hat diese Antwort aufbewahrt. Sie ist Blatt einhundertneunundsiebzig. Der Mann, der sie geschrieben hat, war ebenfalls ein Schreiber, und er hat unter seinen Namen gesetzt: Wenn Sie eine Lösung finden, schicken Sie sie bitte hierher.
Drittens. Der Schreiber hat die Dienstanweisung durchgesehen, ob eine Ausnahme vorgesehen ist. Sie ist vorgesehen. Abschnitt neun, Absatz vier: Ist ein zeichnungsberechtigter Offizier nicht erreichbar, kann die Erstzeichnung durch den ranghöchsten Angehörigen erfolgen, sofern die Nichterreichbarkeit amtlich bescheinigt wird.
Die Bescheinigung der Nichterreichbarkeit erfolgt durch einen Offizier.
Der Schreiber hat diesen Absatz vier Mal gelesen. Er schreibt hier nicht auf, was er dabei gedacht hat.
Viertens. Am 55. Tag 819.M41 schlug Feldwebel Rasch vor, das Kellerwerk aufzusuchen.
Kranz war dagegen. Es waren neunzehn Kilometer über die alte Trasse, in einem Gelände, das seit der Nacht von Ostreih den Sintern gehörte, und Kranz hat die Rechnung laut aufgemacht: sechs Mann hin, mit etwas Glück vier zurück, für ein Blatt Papier.
Rasch hat ihm geantwortet, und der Schreiber gibt es wörtlich wieder, weil es die Kompanie am nächsten Tag von Mund zu Mund gegangen ist:
„Herr Kommissar, ich habe hier siebenhundertdreißig Leute, die seit fünf Jahren im Wasser stehen. Wenn ich vier davon dafür ausgebe, dass die siebenhundertdreißig hinterher stattgefunden haben, dann ist das der beste Handel, den ich in diesem Krieg machen konnte."
Kranz hat sie angesehen, und dann hat er gesagt: „Ich komme mit."
XII. Das Kellerwerk
Sechs gingen: Feldwebel Rasch, Kommissar Kranz, der Schreiber, Sanitäterin Gerda Ohm und die Gardisten Prill und Sedd.
Der Schreiber ging mit, weil er der Einzige war, der wusste, welches Blatt gebraucht wurde. Er trägt hier nach, dass er sich freiwillig gemeldet hat und dass er dabei gehofft hat, man werde es ablehnen.
Kranz trug den vorgezeichneten Bogen in der Innentasche des Mantels. Er hatte darauf bestanden. Seine Begründung war die eines Mannes, der zu Ende gedacht hat: Wenn im Kellerwerk ein Offizier lebt, unterschreibt er sofort, an Ort und Stelle, und dann ist der Vorgang geschlossen, bevor irgendjemand von ihnen zurück sein muss.
Neunzehn Kilometer über die alte Torfbahntrasse. Sie brauchten elf Stunden für die ersten neun Kilometer und drei für die restlichen zehn, weil sich das Gelände nach der Wasserscheide öffnet, und in diesen drei Stunden fiel Gardist Sedd.
Gardist Ren Sedd, 8811-708-3. Beschuss. — Er hat auf dem Marsch die ganze Zeit von einem Hund erzählt, den es auf Belthane gab und der ihm nicht gehörte.
Das Kellerwerk ist kein Werk, sondern der ausbetonierte Keller eines Werks, das es nicht mehr gibt: Sinter-Zwei, 604.M41 abgebrannt, ordnungsgemäß gelöscht und ordnungsgemäß verbucht, was der Schreiber hier ohne Kommentar stehen lässt.
Der Regimentsstab war seit einhundertneunzehn Tagen tot.
Es waren neun Männer und zwei Frauen. Sie waren nicht gefallen; die Tür war von innen verriegelt und unbeschädigt. Sanitäterin Ohm hat als Ursache Kohlenmonoxid festgestellt, aus einem Brennkonverter, dessen Abzug in einem Schacht endete, der irgendwann nach 604.M41 zugesackt war. Sie sind eingeschlafen. Nach der Lage der Körper zu urteilen in der Nacht, nach der Schicht, während gearbeitet wurde.
Auf dem Tisch lag ein halb ausgefüllter Vordruck M-9.
Oberst Malwin Tesch hatte ihn angefangen. Er hatte Einheit, Abschnitt, Zeitraum und Kopfstärke bei Antritt ausgefüllt, in einer sehr kleinen, sehr geraden Schrift. Er war bis zum Feld Beleg gekommen. Darin stand ein Wort, und das Wort war siehe, und dahinter war nichts.
Daneben lagen einunddreißig Blatt, die der Schreiber mitgenommen hat und die in dieser Meldung als Blatt einhundertachtzig bis zweihundertzehn geführt werden. Es sind Entwürfe. Es sind einunddreißig Anläufe desselben Antrags, über vierzehn Monate, jeder ein wenig anders formuliert, jeder ein wenig kürzer, und der letzte besteht aus zwei Sätzen.
Der Oberst hat exakt dasselbe versucht wie der Schreiber, zwei Jahre früher, neunzehn Kilometer entfernt, und keiner von beiden hat vom anderen gewusst.
Der Regimentssiegelring lag in der obersten Schublade, wo er hingehört.
Der Schreiber hat ihn genommen. Er hat dabei bereits gewusst, dass ein Siegel keine Hand ist: Es beglaubigt eine Unterschrift, es ersetzt sie nicht. Und er hat ihn trotzdem genommen, weil er nicht mit leeren Händen zurückkommen wollte, und das ist als Beweggrund erbärmlich und steht hier deshalb.
Auf dem Rückweg, am zweiten Kilometer nach der Wasserscheide, wurden sie beschossen.
Gardist Prill fiel sofort. Kommissar Vitus Kranz wurde von einem Geschoss in die linke Seite getroffen, das durch den Mantel, durch die Innentasche und durch den vorgezeichneten Bogen ging und im Becken stecken blieb.
Sanitäterin Ohm hat ihn vier Tage am Leben gehalten.
Der Bogen kam mit zurück. Er war durchschossen und durchtränkt, und die Gegenzeichnung des Kommissars war auf ihm nicht mehr vorhanden, sondern nur noch die Stelle, an der sie gewesen war.
XIII. Blatt zweihundertelf
Vier Tage.
Der Schreiber hat in diesen vier Tagen bei ihm gesessen, weil Rasch die Kompanie führen musste und weil Ohm bei den anderen gebraucht wurde und weil ein Schreiber der einzige Mann in einer Kompanie ist, dessen Abwesenheit an keiner Stelle etwas ändert.
Kranz war am ersten Tag klar, am zweiten Tag klar und wütend, am dritten Tag meist nicht mehr da und am vierten Tag wieder klar, was Ohm ihm vorher angekündigt hatte und was er ihr übelnahm.
Am dritten Tag hat er zweimal nach seiner Mutter gefragt und einmal danach, ob die Pumpe repariert sei. Der Schreiber hat ihm beide Male geantwortet und trägt hier ein, dass er beim zweiten Mal gelogen hat, weil die Pumpe seit dem Vorjahr lief und weil Kranz eine andere meinte.
Am vierten Tag ließ er sich aufsetzen und verlangte den neuen Bogen.
Der Schreiber legte ihn ihm auf ein Brett. Er gab ihm den Halter.
Kranz konnte den Halter nicht halten. Er bekam ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, und die Hand ging nach unten weg, und beim zweiten Versuch riss die Feder das Papier an.
Er hat es viermal versucht.
Dann sagte er: „Nehmen Sie meine Hand."
Der Schreiber hat gefragt, ob er das dürfe.
Der Schreiber gibt hier die wörtlichste Wiedergabe, zu der er fähig ist; er hat sie am selben Abend aufgeschrieben, damit sie nicht wandert. Kranz sagte:
„Aurich. Es ist meine Unterschrift, wenn ich sie will. Das ist der ganze Inhalt einer Unterschrift. Der Rest ist Tinte. Nehmen Sie meine Hand und schreiben Sie."
Der Schreiber hat die Hand des Kommissars genommen, die Finger um den Halter gelegt, seine eigene Hand darübergelegt und die Gegenzeichnung geschrieben. Rang, Nummer, Datum. Es hat elf Sekunden gedauert. Die Schrift ist die des Schreibers.
Kranz hat sie angesehen und genickt und ist zwei Stunden später gestorben.
Kommissar Vitus Kranz, 8811-000-3. Gefecht. — Er hat gewusst, dass niemand rechnet, und hat es acht Jahre lang für sich behalten, und er hat mir am Ende befohlen, seine Hand zu nehmen, damit die Zahl irgendwo steht.
Der Schreiber lässt das mir stehen. Es ist der erste in dieser Meldung. Es wird nicht der letzte sein.
Es blieb die Erstzeichnung.
Der Schreiber hat in fünf Jahren siebentausendvierhundert Formulare geführt, auf denen die Unterschrift von Hauptmann Ottokar Brehm steht. Er hat ihm die Formulare hingelegt, er hat gesehen, wie Brehm den Halter aufsetzte, er kennt den Winkel des B, er kennt die Stelle, an der Brehm beim h absetzte, weil er das immer tat und weil er selbst nicht wusste, dass er es tat.
Der Schreiber hat elf Tage gebraucht.
Er trägt hier ein, was er in diesen elf Tagen erwogen hat, weil eine Meldung vollständig sein muss.
Er hat erwogen, die Meldung ohne Erstzeichnung abzusetzen. Er hat es verworfen, weil eine Meldung ohne Erstzeichnung nach allem, was er wusste, wie die einhundertsiebenundzwanzig Meldungen davor behandelt werden würde, und die einhundertsiebenundzwanzig Meldungen davor hatten nichts bewirkt.
Er hat erwogen, Feldwebel Rasch zeichnen zu lassen und darunter zu vermerken, dass ein Offizier nicht erreichbar sei. Er hat es verworfen, weil die Bescheinigung der Nichterreichbarkeit durch einen Offizier erfolgt.
Er hat erwogen, es zu lassen.
Am 72. Tag 819.M41 hat der Schreiber der Dritten Kompanie die Erstzeichnung des Hauptmanns Ottokar Brehm auf Blatt zweihundertelf gesetzt und sie auf den 11. Tag 819.M41 datiert, den Tag vor Ostreih.
Er hat sie gut gemacht. Das ist keine Prahlerei; es ist die Feststellung, um die es geht. Sie ist von der Unterschrift auf den siebentausendvierhundert Formularen nicht zu unterscheiden.
Dann hat er das Regimentssiegel darübergesetzt.
Und dann hat er zwei Stunden lang dagesessen und auf den Bogen gesehen, auf dem jetzt zwei Unterschriften standen, und er hat nichts bemerkt, und es gibt keinen Tag seither, an dem er sich das nicht vorgeworfen hätte.
Denn er hat sie beide geschrieben.
XIV. Mohr
Schütze Timon Mohr ist in dieser Meldung zum ersten Mal auf Blatt siebenundneunzig erwähnt, in einer Sache, die nichts bedeutete: Er hatte im Winter 818 einen Wasserfilter falsch herum eingesetzt, was auffiel, weil das Wasser danach besser schmeckte.
Er war neunzehn und der jüngste in der Dritten, weil im vierten Jahr aufgehört wurde, die Jüngsten zu schonen.
Am 97. Tag 819.M41 kam der Rückläufer. Er kam zwischen der siebten und der neunten Stunde.
Die Verladestelle liegt vier Kilometer hinter der Stellung, an der alten Trasse, und der Weg dorthin war seit Ostreih nicht mehr sicher. Rasch schickte Mohr, weil Mohr schnell war, und den Schreiber, weil der Schreiber wissen musste, was in welchem Bündel lag.
Sie übergaben Bertsch zweihundertelf Blatt in einer Blechkassette, verschnürt, mit einer Aufschrift in vier Zeilen.
Bertsch hat die Kassette genommen, das Gewicht geprüft, wie er alles prüfte, und sie in den Fahrerkasten gelegt, nicht auf die Ladefläche. Der Schreiber hat das gesehen und trägt es hier ein, weil es das Einzige an diesem ganzen Vorgang war, das jemand freiwillig getan hat.
Dann sagte Bertsch zu Mohr: „Wie alt bist du?"
„Neunzehn."
„Setz dich in den zweiten Wagen. Ich sag, du bist Ladehelfer. In Halvern-Ost steigst du aus und gehst nach links und dann bist du weg." Er sagte es ohne jede Betonung, so wie er die Kisten zählte. „Das mache ich einmal. Nicht zweimal."
Der Schreiber hat nichts gesagt. Er trägt hier ein, dass er nichts gesagt hat, und dass er in dem Moment gehofft hat, Mohr würde einsteigen, und dass er sich diese Hoffnung nicht als Anstand anrechnet, weil er zugleich gehofft hat, jemand anders möge die Entscheidung treffen.
Mohr hat den Schlepper angesehen. Dann hat er gefragt: „Fährt der zurück?"
„Der Schlepper? In sechsunddreißig Tagen."
„Dann warte ich."
Und er ist zurückgegangen, die vier Kilometer, vor dem Schreiber her, und er hat unterwegs über den Wasserfilter geredet.
Schütze Timon Mohr, 8811-812-6. Gefecht. — Ihm ist am 97. Tag ein Platz in Halvern-Ost angeboten worden, vor Zeugen, ohne Bedingung, und er hat gefragt, ob der Wagen zurückfährt, und als er hörte, dass es sechsunddreißig Tage dauert, hat er gesagt, dann wartet er.
XV. Blatt zweihundertvierzehn
Am 126. Tag 819.M41 schnitten die Sinter die alte Trasse zwischen der Stellung und der Verladestelle.
Am 129. Tag rief Feldwebel Hille Rasch den Schreiber zu sich.
Verbleibende Stärke des Regiments an diesem Tag: zweihunderteinundvierzig.
Sie sagte: „Sie nehmen die Kassette. Sie gehen heute Nacht zur Verladestelle. Sie warten dort, bis der Schlepper kommt, das sind vier Tage, und Sie geben ihm alles. Das ist ein Befehl und ich schreibe ihn nicht auf, weil Sie ihn aufschreiben."
Der Schreiber hat gefragt, ob er nicht bleiben solle.
Rasch hat ihn angesehen. Sie war einundvierzig, sie hatte auf Belthane eine Torfpresse bedient, sie führte seit siebenundneunzig Tagen ein Regiment, weil niemand sonst da war. Dann sagte sie:
„Aurich. Wenn Sie hierbleiben, sterben zweihundertvierzig Leute. Wenn Sie gehen, sterben zweihundertvierzig Leute und es hat jemand hingeschrieben. Ich weiß, dass das kein Trost ist. Ich habe keinen anderen."
Dann hat sie hinzugefügt, in einem anderen Ton: „Und schreiben Sie mich ordentlich."
Feldwebel Hille Rasch, 8811-118-5. Gefecht. — Sie hat die Kompanie am 14. Tag 819.M41 übernommen, weil niemand sonst da war, und das Regiment am 32. Tag, aus demselben Grund, und sie hat in siebenundneunzig Tagen kein einziges Mal gesagt, dass sie es nicht kann.
Der Schreiber ist am 129. Tag 819.M41 um 23:10 aus der Stellung gegangen.
Er hat den Befehl mit Erleichterung angenommen. Er schreibt das hier, weil es der Umstand ist und weil er die letzten fünf Jahre damit verbracht hat, Umstände einzutragen.
Er hat vier Tage an der Verladestelle gewartet, unter einer umgekippten Torfkarre.
Er hat in diesen vier Tagen zweihunderteinundvierzig Zeilen geschrieben.
Er hatte für sie keine Umstände. Er war nicht dort, er hat nichts gesehen, und er wird nie erfahren, wer wie und in welcher Reihenfolge. Er hat deshalb Name und Nummer eingetragen und das Feld Umstand leer gelassen, zweihunderteinundvierzig Mal, was formal unzulässig ist und wofür er keine Entschuldigung vorbringt.
Sie stehen als Blatt zweihundertzwölf, dreizehn Seiten, eng.
Und dann hat er unter jede der zweihunderteinundvierzig Zeilen den Satz geschrieben.
Aus dem Gedächtnis. Er hat sie fünf Jahre lang gekannt und er hat vier Tage lang dagesessen und sich zu jedem Einzelnen die eine Sache in Erinnerung gerufen, die nur zutraf, wenn man ihn gekannt hatte, und er hat sie hingeschrieben, und dabei hat er vier Kilometer entfernt das Geschütz gehört.
Er hat für die zweihunderteinundvierzig Sätze drei Tage und elf Stunden gebraucht. Er hat keinen ausgelassen. Er trägt hier ein, dass er bei achtzehn von ihnen länger als eine Stunde gebraucht hat, weil ihm zu diesen achtzehn zuerst nichts eingefallen ist, und dass ihm zu allen achtzehn schließlich etwas eingefallen ist, und dass dies der einzige Vorgang in fünf Jahren war, bei dem er sich für seine Arbeit nicht geschämt hat.
Am ersten Tag hat er das Geschütz gehört. Am zweiten Tag hat er es auch gehört. Am dritten Tag hat er nichts mehr gehört, und er hat weitergeschrieben, weil es nichts anderes gab, was ein Mann unter einer Torfkarre tun kann, und weil er sich eingeredet hat, dass Stille auch bedeuten kann, dass man Munition spart.
Am vierten Tag, zwischen der siebten und der neunten Stunde, kam der Rückläufer.
Er war pünktlich.
Bertsch ist ausgestiegen und hat den Horizont angesehen, an dem seit einem Tag kein Rauch mehr stand, und dann hat er die Kassette genommen und in den Fahrerkasten gelegt, und dann hat er gesagt, was ein Mann sagt, wenn er es weiß:
„Steig ein."
Der Schreiber hat die Blätter zweihundertzwölf bis zweihundertvierzehn nachgereicht, lose, weil sie noch nass waren.
Dann ist er zurückgegangen.
Blatt zweihundertdreizehn ist eine Aufstellung. Sie enthält, in vierzehn Spalten und über sechs Seiten, die Kopfstärke der 41. Belthaner Grabenschützen bei Antritt, die Zugänge, die Abgänge, die Summe. Sie ist arithmetisch geprüft. Sie stimmt.
Blatt zweihundertvierzehn lautet:
Gardist Wendel Aurich, 8811-334-7. Kompanieschreiber der Dritten. Umstand:
Der Schreiber kann dieses Feld nicht ausfüllen. Er kennt den Umstand nicht, und wenn er ihn kennt, wird er ihn nicht mehr eintragen können. Er trägt an dieser Stelle stattdessen ein, dass er am 129. Tag 819.M41 den Befehl erhalten hat zu gehen, und dass er erleichtert war.
Er geht jetzt zurück. Das ist keine Tapferkeit. Es sind vier Kilometer in die eine Richtung und achtzehn Stunden in die andere, und er hat sich das nicht schwerer gemacht, als es war.
Zum Feld Bemerkungen, das zwei Zentimeter hoch ist:
Es waren zweitausendachthundert. Sie sind nicht verschwunden. Es steht bei jedem, wer er war, und es ist bei jedem wahr, und wer diese Blätter in der Hand hält, hält zweitausendachthundert Menschen in der Hand und nicht eine Zahl. Ich habe fünf Jahre dafür gebraucht und es ist alles, was ich konnte.
Bitte tragen Sie es ein.
Epilog: Beanstandung
Subadjutor Emmerich Vosgau, dreiundzwanzig Jahre, zweites Dienstjahr, Abgleichkanzlei Ordinat Vhess, Regal Neun.
Vorgang 41-B geht bei ihm am 61. Tag 820.M41 ein, in einer Blechkassette, die nach Rauch riecht, obwohl nichts brennt.
Er tut zuerst, was vorgeschrieben ist: Er prüft die Zeichnung.
Er braucht dafür vier Sekunden. Es ist nicht schwierig. Es ist das Erste, was man in der Kanzlei lernt, und man lernt es an genau diesem Fall, in der Schulung, mit erfundenen Beispielen: Erstzeichnung und Gegenzeichnung nebeneinanderhalten, und wenn der Winkel derselbe ist, wenn der Druck an denselben Stellen nachlässt, wenn dieselbe Hand denselben Bogen zieht — dann ist es Mangel 9-c.
Vosgau schlägt nach, obwohl er es weiß.
9-a, fehlende Gegenzeichnung: Rückfrage an die meldende Einheit. Frist neunzig Tage. 9-b, unrichtige Reihenfolge oder Datierung: Rückfrage an die meldende Einheit. Frist neunzig Tage. 9-c, Erst- und Gegenzeichnung derselben Hand: Verdacht auf Zeichnungserschleichung. Der Vorgang ist nicht zu bearbeiten. Sammelmagazin. Pro-forma-Beanstandung an die meldende Einheit.
Er sitzt eine Weile.
Dann tut er etwas, das nicht vorgeschrieben ist und das ihm auch nicht verboten werden kann, weil niemand vorhergesehen hat, dass es jemand tut.
Er liest die zweihundertvierzehn Blatt.
Es dauert elf Stunden. Er tut es nach der Schicht, im Regal Neun, bei der Notbeleuchtung, und er wird dafür nichts bekommen und niemand wird es erfahren, und er würde, wenn man ihn fragte, sagen, er habe die Vollständigkeit geprüft.
Er stellt dabei fest, was er in seinen einundvierzig Dienstjahren nie wieder feststellen wird: dass dies die sorgfältigste Verlustmeldung ist, die durch diese Kanzlei gegangen ist.
Zweitausendfünfhundertneunundfünfzig Einzelverluste mit Name, Nummer und Umstand. Zweihunderteinundvierzig weitere mit Name und Nummer und ohne Umstand, weil der Meldende einräumt, dass er nicht zugegen war. Summe zweitausendachthundert. Eine geprüfte Aufstellung, die aufgeht.
Und unter jeder einzelnen der zweitausendachthundert Zeilen ein Satz.
Vosgau liest die letzten zweihunderteinundvierzig zweimal, weil er beim ersten Mal nicht glaubt, dass ein Mensch das aus dem Gedächtnis kann. Beim zweiten Mal sieht er, dass die Schrift auf den letzten dreißig Blatt größer wird und dass sie nach unten wegläuft, und er rechnet nach, und er kommt darauf, dass diese Blätter im Freien geschrieben worden sind.
Er stellt fest, dass all das keinen Unterschied macht.
Eine Kanzlei prüft nicht, ob eine Meldung wahr ist. Das kann sie nicht; sie ist achtzig Lichtjahre entfernt und zwölf Monate zu spät. Eine Kanzlei prüft, ob eine Meldung ordnungsgemäß ist, und sie tut das, weil das das Einzige ist, was sie prüfen kann, und weil eine Kanzlei, die anfängt zu glauben, in vier Jahren nichts mehr ist als eine sehr große Sammlung von Meinungen.
Vosgau weiß das. Er hat es zu Beginn des zweiten Dienstjahres verstanden, und er hat es für richtig gehalten, und er hält es an diesem Morgen immer noch für richtig, und das ist der Teil, über den er später nicht sprechen wird.
Um 05:20 setzt er den Stempel.
Um 05:35 schreibt er die Pro-forma-Beanstandung, weil sie vorgeschrieben ist. Sie ist vier Zeilen lang und fordert die 41. Belthaner Grabenschützen auf, die Erstzeichnung binnen neunzig Tagen durch einen zeichnungsberechtigten Offizier in eigener Hand nachzuholen und den Vorgang erneut vorzulegen.
Um 06:10 geht die Beanstandung in den Ausgang, Bestimmung Feldzugsgebiet Zobelmark, über die Linie Halvern-Ost.
Um 06:09 vermerkt er auf dem Deckblatt in der Rubrik Versorgungslage den Fachbegriff, den es dafür gibt und den er im ersten Dienstjahr gelernt hat: Die Linie Halvern-Ost, Auftrag 41-B, ist ein Totlauf. Eine Versorgungslinie, die weiterläuft, nachdem die belieferte Einheit aufgehört hat zu existieren. Sie entsteht nicht durch Betrug. Sie entsteht dadurch, dass keine Stelle befugt ist, sie anzuhalten.
Anhalten ist ein eigener Vorgang, und den hat keiner.
Um 06:11 trägt Vosgau den Vermerk ein, der die Bearbeitung abschließt:
Bis zur Behebung des Mangels verbleibt die Einheit auf der Schwebeliste.
Die Linie Halvern-Ost, Auftrag 41-B, lief weiter.
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