Achtzig Tage

37 Min. Lesezeit

„„Ein Schwur ist kein Versprechen. Ein Versprechen kann man brechen und danach weiterleben." — Ordenspriester Bohemund, Kreuzzug von Helsreach-Sekundus“

I. Die Gegenzeichnung der Klinge

Das Pergament war aus der Haut eines Mannes gemacht, der vor vierhundert Jahren gestorben war, und es roch immer noch nach ihm.

Bruder Wieland kniete in der zweiten Reihe der Kapelle und sah zu, wie Marschall Ehrenfried den Daumen in die Schale legte. Die Schale war flach, aus schwarzem Eisen, und darin stand das Blut von neun Schwertbrüdern, die vor ihm gegangen waren. Es war nicht frisch. Es war nie frisch. Es wurde aufgefüllt, wie man einen Brunnen auffüllt, und wer daraus zeichnete, zeichnete mit allen, die je daraus gezeichnet hatten.

Ehrenfried zog den Daumen über das Pergament. Ein Strich, quer, ohne Zittern.

„Ich schwöre", sagte er, „bei den Wunden des Imperators und der Ungeduld Sigismunds, dass die Welt Vhelsa gereinigt wird von jeder Häresie, die auf ihr wächst, bis kein Haus mehr steht, in dem sie überwintern kann."

Neunhundert Kehlen antworteten. Wieland hörte seine eigene darunter und erkannte sie nicht.

Es war ein guter Schwur. Das dachte er in dem Moment noch. Er war eng genug gefasst, um erfüllbar zu sein (Ehrenfried war kein Prahler, er schwor nie auf Zahlen und nie auf Zeit), und weit genug, um dem Orden die Hände nicht zu binden, wenn das Feld sich änderte. Wieland hatte in siebenundsechzig Jahren Dienst schlechtere gehört. Er hatte einmal einen Marschall auf ein Datum schwören hören und dann zugesehen, wie zwölfhundert Brüder in vier Tagen starben, weil das Datum keine Rücksicht auf die Gezeiten eines Warpsturms nahm.

Neben ihm kniete Neophyt Cuno und atmete zu schnell.

Wieland legte die Hand auf den Nacken des Jungen, dort, wo der Carapax noch nicht ganz gewachsen war und die Haut sich über den Schrauben spannte wie über einem zu kleinen Rahmen. Es war keine Zärtlichkeit. Zärtlichkeit gab es im Orden nicht, oder wenn es sie gab, dann hatte sie kein Wort, an dem man sie festmachen konnte. Es war eine Anweisung: langsamer.

Cuno atmete langsamer.

„Warum das Blut?", fragte er später, in der Waffenkammer, während er die Nähte von Wielands Umhang gegen das Licht hielt und nach Rissen suchte. Er war siebzehn Standardjahre alt und stellte immer noch Fragen. Manche Ausbilder trieben sie ihm aus. Wieland hatte das nie getan, und er wusste nicht, ob das Nachsicht war oder Feigheit.

„Damit der Schwur nicht dem gehört, der ihn spricht."

„Wem dann?"

„Allen." Wieland nahm ihm den Umhang aus der Hand. Es war ein Riss darin, quer über dem weißen Kreuz, drei Finger lang, aus dem Gefecht bei Turm Neun. Der Junge hatte ihn übersehen. „Der Marschall spricht ihn. Aber er ist nicht seiner. Er kann ihn nicht zurücknehmen, weil er ihn nicht besitzt."

Cuno dachte darüber nach. Man konnte ihm beim Denken zusehen; es war eines der Dinge, die ihn noch von einem Astartes trennten. Später würde das verschwinden. Später würde in seinem Gesicht dasselbe stehen wie in allen anderen, nämlich nichts.

„Und wenn er falsch ist?", fragte Cuno.

„Dann ist er falsch", sagte Wieland, „und er gilt."

Es war die richtige Antwort. Er hatte sie selbst als Neophyt bekommen, in einer anderen Waffenkammer, auf einem anderen Schiff, von einem Bruder, dessen Namen er nicht mehr sicher wusste. Er hatte sie damals verstanden und für hart und wahr gehalten, und in den siebenundsechzig Jahren seitdem hatte er nie einen Grund gehabt, sie umzudrehen und anzusehen, was auf ihrer Rückseite stand.

Vhelsa hing im Fenster der Waffenkammer, grün und ockerbraun, mit einem einzigen Wolkenband, das den halben Nordkontinent verhängte. Von hier oben sah man die Städte nicht. Man sah nur, wo die Wälder aufhörten.

II. Was uns entgegenkam

Sie landeten bei Kandeln, im Morgengrauen, und die Stadt kam ihnen entgegen.

Das war das Erste, was nicht stimmte, und niemand erkannte es als solches. Landungen liefen nach einem von drei Mustern ab: Feuer, Stille oder Flucht. Feuer, wenn der Feind vorbereitet war. Stille, wenn er es nicht war und sich verkrochen hatte. Flucht, wenn er weder das eine noch das andere geschafft hatte. Für ein viertes Muster gab es keinen Eintrag in den Lehrbüchern, und deshalb hatte auch niemand einen Namen dafür, als es eintrat.

Sie kamen aus den Toren. Nicht bewaffnet. Zu Tausenden, dann zu Zehntausenden, mit Bannern, auf denen Doppeladler standen, deren Flügel falsch gezählt waren (neun Federn statt sieben), und mit Kerzen, die sie im Tageslicht trugen, was sinnlos war und deshalb rituell sein musste. Sie sangen. Wieland kannte die Melodie. Er kannte sie aus dem Ordensschiff, aus der Kapelle, aus vierhundert Jahren Liturgie, und der Text war ein anderer.

„Sie beten", sagte Cuno über den Nahfunk, und seine Stimme war zu hoch.

„Sie beten falsch", sagte jemand aus dem dritten Trupp.

Marschall Ehrenfried gab keinen Befehl. Er stand in der offenen Rampe der Ungeteilten Ungeduld, hundert Meter über der Ebene, und ließ sie kommen. Wieland stand vier Schritte hinter ihm und sah, wie eine alte Frau mit einer Kerze in der einen und einem Kind an der anderen Hand die letzten dreißig Meter im Laufschritt zurücklegte, weil sie Angst hatte, zu spät zu sein.

Zu spät wofür, dachte er.

Sie fielen auf die Knie. Alle. Es dauerte, bis es sich durch die Menge fortgesetzt hatte, wie Wind durch ein Feld, und dann war die Ebene vor Kandeln ein einziges knieendes Ding, siebzigtausend Menschen mit Kerzen im Morgenlicht, und in der Stille danach hörte man den Wind an den Bannern.

Ein Mann trat vor. Er trug den Ornat eines Diakons, aber der Schnitt war falsch, die Stola lief über die andere Schulter, und auf seiner Brust hing kein Aquila, sondern ein Kreuz aus zwei ungleich langen Balken.

„Herren", sagte er. Seine Stimme trug erstaunlich weit; er war es gewohnt, in großen Räumen zu sprechen. „Dreihundertelf Jahre. Wir haben gezählt. Jeden Tag. Es steht im Buch."

Er hob ein Buch. Es war groß und der Rücken war dreimal neu geleimt worden.

„Wir haben nicht gewusst, ob Er uns noch sieht", sagte der Diakon. „Wir haben trotzdem gebetet. Bitte sagt uns, dass wir richtig gebetet haben."

Wieland sah, wie Ordenspriester Bohemund den Kopf drehte. Nur den Kopf, nicht den Körper; das war eine seiner Gewohnheiten, und man lernte sie zu fürchten, weil sie bedeutete, dass er etwas gesehen hatte, das er nicht sofort aussprechen wollte.

Der Ordenspriester sagte nichts. Ehrenfried sagte: „Steht auf."

Sie standen nicht auf. Sie hatten drei Jahrhunderte lang auf jemanden gewartet, der ihnen sagen konnte, ob sie richtig gebetet hatten, und niemand von ihnen war bereit, den falschen Teil der Antwort als Ganzes zu nehmen.

Später, viel später, würde Wieland begreifen, dass in diesem Moment nichts mehr zu retten gewesen war. Nicht wegen dessen, was die Menschen von Vhelsa getan hatten. Sondern weil neunhundert Brüder auf der Ebene standen und ein Schwur bereits auf Pergament stand, das aus einem Toten gemacht war.

III. Das Archiv unter der Kanzel

Die Kathedrale von Kandeln war in dreihundert Jahren dreimal gewachsen, jedes Mal nach außen und nach unten, weil das Gestein über der Stadt zu weich war, um höher zu bauen. Man stieg durch sie hindurch wie durch Jahresringe.

Wieland hatte den Auftrag, das Archiv zu sichern. Das war ein Routineauftrag, und er bekam ihn, weil er der Älteste im vierten Trupp war und weil Bohemund ihn nicht in der Nähe der Verhöre haben wollte. Das hatte der Ordenspriester nicht gesagt. Er sagte solche Dinge nie. Aber die Aufträge, die er verteilte, hatten eine Grammatik, und Wieland hatte gelernt, sie zu lesen.

„Was suchen wir?", fragte Cuno.

„Alles, was älter ist als dreihundertelf Jahre."

Sie fanden es auf der vierten Ebene, hinter einer Wand aus Regalen, die man aufgestellt hatte, um die Feuchtigkeit abzuhalten. Der Archivar war ein Greis, der auf dem Bauch schlief, weil sein Rücken es anders nicht mehr erlaubte, und der eine ganze Minute brauchte, um zu begreifen, wer in seiner Tür stand. Dann fing er an zu weinen, und danach fing er an zu reden, und dann war er nicht mehr zu stoppen.

Sie hatten alles aufgehoben. Alles. Kornabrechnungen, Zehntlisten, Wetterbücher, die Namen jedes Kindes, das in dreihundertelf Jahren getauft worden war, und ganz unten, in einer verlöteten Kiste unter dem Fundament des Altars, die Papiere aus der Zeit davor.

Der Archivar hob sie heraus, ein Blatt nach dem anderen, und legte sie Wieland in die Hände wie einem Arzt, der einen Befund lesen soll.

Wieland las.

Es dauerte lange. Astartes lesen schnell, aber der Text war in einem alten Hochgotisch verfasst, das mehr Konjunktive hatte als das heutige, und es war wichtig, keinen davon zu übersehen.

Als er fertig war, gab er das Blatt Cuno und sagte: „Lies das."

Cuno las. Er brauchte doppelt so lange. Am Ende sah er auf und sein Gesicht war das eines Siebzehnjährigen.

„Das ist ein Erlass", sagte er.

„Ja."

„Von einem Kardinal."

„Kardinal Iustus Palmier, Diözese Helsreach, im Jahr 622.M41." Wieland nahm das Blatt zurück und hielt es gegen die Lampe, um das Siegel zu prüfen. Es war echt. Es war ein Wachssiegel mit einem Faden darin, und der Faden war so gedreht, wie man ihn im zweiten Jahrhundert des Jahrtausends gedreht hatte und danach nie wieder. Man konnte so etwas fälschen. Man konnte es nicht fälschen, wenn man dreihundert Jahre lang von jeder Fälschungswerkstatt der Galaxis abgeschnitten war.

„Er erlaubt es", sagte Cuno. „Den neunfedrigen Adler. Das Kreuz mit den ungleichen Balken. Den ganzen Ritus. Er erlaubt es ausdrücklich."

„Er erlaubt es nicht", sagte Wieland. „Er ordnet es an."

Das war der Unterschied, und der Unterschied war alles. Vhelsa hatte im Jahr 619.M41 eine Seuche gehabt, die durch Berührung ging, und der Ritus, so wie er auf Terra vorgeschrieben war, verlangte Berührung an sieben Stellen. Palmier hatte den Ritus umgeschrieben. Er hatte die Berührungen ersetzt, die Federn des Adlers auf neun erhöht, weil neun die Zahl der Seuchenmonate war und die Gemeinde etwas brauchte, das die Toten mitzählte, und er hatte den Balken des Kreuzes verkürzt, damit man es aus Holzresten schnitzen konnte, wenn kein Metall mehr da war.

Er hatte unten daruntergeschrieben: Diese Anordnung gilt, bis ein Nachfolger sie aufhebt.

Kein Nachfolger hatte sie aufgehoben. Es war keiner gekommen. Der Warpsturm hatte Vhelsa im Jahr 623.M41 geschluckt und dreihundertelf Jahre nicht wieder ausgespuckt, und in dieser Zeit hatte eine Welt getan, was ihr befohlen worden war, mit einer Genauigkeit, die man ehrfürchtig nennen musste, wenn man ehrlich war.

Wieland stand in einem Keller unter einer Kathedrale und hielt den Beweis in der Hand, dass es keine Häresie gab.

Er hätte in diesem Moment erleichtert sein müssen. Stattdessen wurde ihm kalt, und er begriff, warum, bevor er es hätte in Worte fassen können: weil der Schwur bereits gesprochen war und es an dem Schwur nichts zu erleichtern gab.

„Wir bringen es dem Marschall", sagte Cuno, und er sagte es hell, mit dem ganzen ungebrochenen Zutrauen eines Jungen, der noch glaubte, dass die Wahrheit im Imperium eine Funktion hatte.

„Ja", sagte Wieland. „Das tun wir."

IV. Was ein Schwur nicht kennt

Ordenspriester Bohemund las das Blatt zweimal.

Er tat es im Stehen, in der Sakristei der Kathedrale, unter einem Fenster, dessen Glas die Farben eines Ritus zeigte, den es auf keiner anderen Welt gab. Er las langsam. Er hielt das Papier an den Rändern, wie man es bei alten Dokumenten tut, und einmal drehte er es um, um die Rückseite anzusehen, obwohl dort nichts stand.

Wieland wartete. Ehrenfried wartete. Der Marschall hatte sich nicht gesetzt; es gab keine Stühle, die einen Astartes in Rüstung getragen hätten, und außerdem setzte Ehrenfried sich nie.

„Es ist echt", sagte Bohemund schließlich.

„Ich weiß", sagte Wieland.

„Ich sage es, damit es gesagt ist." Der Ordenspriester legte das Blatt auf den Tisch, sehr gerade, parallel zur Kante. „Ich habe in vierzig Jahren neun gefälschte Erlasse gesehen. Sie sind immer zu gut geschrieben. Dieser hier hat einen Rechtschreibfehler im vierten Absatz und eine Tintenverwischung, die niemand einbauen würde. Er ist echt."

Er sah auf. Bohemund hatte ein Gesicht, das man nicht vergaß: die linke Hälfte war vor achtzig Jahren weggebrannt worden und mit Ceramit ersetzt, und die rechte war die eines müden Mannes von sechzig, obwohl er dreihundert zählte.

„Und?", sagte Wieland.

„Und was, Bruder?"

„Und der Schwur."

„Der Schwur", sagte Bohemund, „kennt diesen Erlass nicht."

Wieland wartete auf mehr. Es kam nichts. Der Ordenspriester sah ihn an, ruhig, ohne Spott, ohne die Kälte, die man in solchen Momenten erwartet hätte, und Wieland begriff mit einer Verzögerung, die ihn später am meisten beschämen würde, dass Bohemund nicht auswich. Er hatte geantwortet. Vollständig.

„Sprecht es aus", sagte Wieland.

„Gut." Bohemund verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Der Marschall hat geschworen, Vhelsa von jeder Häresie zu reinigen, die auf ihr wächst. Das ist der Wortlaut. Die auf ihr wächst. Wenn keine Häresie auf ihr wächst, ist der Schwur in dem Moment erfüllt, in dem wir das feststellen, und wir könnten morgen abreisen." Er machte eine Pause. „Das ist die eine Auslegung."

„Und die andere?"

„Dass wir sie nicht feststellen können." Bohemund tippte mit einem Finger auf das Blatt. „Dieses Papier sagt, dass ein Kardinal vor dreihundertelf Jahren einen Ritus angeordnet hat. Es sagt nichts darüber, was auf dieser Welt in den dreihundertelf Jahren seither geschehen ist, in denen niemand sie beaufsichtigt hat. Ein Erlass ist keine Aufsicht. Er ist ein Anfangszustand."

„Sie haben gezählt", sagte Wieland. „Jeden Tag. Es steht im Buch."

„Ich habe das Buch gelesen." Bohemund nickte, und es war beinahe Anerkennung. „Es ist außerordentlich. Es ist die genaueste Chronik, die ich seit siebzig Jahren in der Hand hatte. Und im Jahr 794 steht darin ein Satz, den ein Diakon geschrieben hat, der zweifellos ein frommer Mann war, und der Satz lautet: Und der Heilige Iustus erhörte uns."

Wieland schwieg.

„Iustus Palmier war kein Heiliger", sagte Bohemund. „Er war ein Kardinal, der eine gute Verwaltungsentscheidung getroffen hat, und er ist vermutlich an einer Nierenkrankheit gestorben. Sie beten ihn an. Nicht neben dem Imperator — das könnte man dulden, das Imperium duldet zehntausend Lokalheilige. Sie beten ihn an als den, der erhört. Sie haben dreihundert Jahre lang die Instanz angebetet, die ihnen geantwortet hat, weil die andere schwieg."

„Das ist Irrtum", sagte Wieland. „Nicht Häresie."

„Das ist derselbe Satz", sagte Bohemund, „aus zwei verschiedenen Ämtern gesprochen."

Es war der Moment, in dem Wieland begriff, dass der Ordenspriester recht hatte. Nicht moralisch. Aktenmäßig. Es gab kein Verfahren im Imperium, das zwischen einer Welt unterschied, die aus Bosheit vom Weg abkam, und einer, die aus Treue dorthin geführt worden war und dann allein blieb. Es gab keine Zeile in irgendeinem Kodex, die das leistete. Und wo keine Zeile war, ging man nach dem Schwur.

„Was hättet Ihr getan", fragte Wieland, „wenn ich das Blatt vor der Landung gebracht hätte?"

Bohemund sah ihn lange an.

„Dann hätte der Marschall anders geschworen", sagte er. „Das ist der Grund, aus dem wir vor der Landung schwören und nicht danach, Bruder. Nicht damit wir tun können, was wir wollen. Damit wir es nicht können."

Er nahm das Blatt vom Tisch, faltete es einmal und hielt es Wieland hin.

„Behaltet es", sagte er. „Es ist echt, und irgendwann wird jemand danach fragen. Ich will nicht derjenige sein, der es verbrannt hat."

V. Bruder Adalric zählt

Schwertbruder Adalric hatte eine Gewohnheit, für die ihn zwei Marschälle gerügt hatten: Er zählte.

Er zählte alles. Schritte zwischen Deckschotten, Sekunden zwischen Salven, die Zähne im Kiefer eines toten Orks, die Fenster einer Fassade, bevor er sie einriss. Es war keine Zwangshandlung, jedenfalls nannte der Apothecarius es nicht so. Es war eine Methode, die er sich als Neophyt beigebracht hatte, um bei Beschuss nicht laut zu werden, und sie hatte ihn zweihundert Jahre lang gut bedient.

Am ersten Tag der Reinigung zählte er die Tore von Kandeln. Es waren elf. Sie brauchten vier davon, um die Bevölkerung nach Süden auf die Ebene zu führen, wo die Registrierung stattfinden sollte, und sieben blieben verschlossen.

Am zweiten Tag zählte er die Registrierungsbögen. Neuntausendvierhundert. Es waren Vordrucke, die der Kreuzzug seit achtzig Jahren mit sich führte, und auf jedem stand oben Bekenntnis und unten Zeuge, und dazwischen war Platz für sieben Zeilen.

Am dritten Tag hörte er auf zu zählen und begriff, dass das schlimm war.

Er suchte Wieland am Abend des dritten Tages. Er fand ihn auf dem Dach eines Speicherhauses am Nordrand, allein, ohne Helm, mit dem Rücken an einen Kamin gelehnt, und sah dabei zu, wie im Süden die Feuer gelegt wurden. Sie brannten in einem Muster. Das Muster war effizient und rücksichtsvoll: Man begann mit den Häusern, die leer waren, damit der Rauch die anderen vertrieb, bevor man sie erreichte. Es war die humane Reihenfolge. Adalric hatte selbst zweimal so vorgehen lassen und beide Male gedacht, dass es besser war als die Alternative.

„Vierhundert Jahre", sagte Wieland, ohne sich umzudrehen. „Wie viele Welten?"

„Für mich? Einundvierzig."

„Wie viele davon so?"

Adalric setzte sich neben ihn. Es dauerte, bis das Dach aufhörte zu knirschen.

„Keine", sagte er.

„Nein." Wieland nickte langsam. „Bei mir auch nicht."

Sie saßen. Im Süden ging ein Speicher hoch und warf für zwei Sekunden Licht auf die Unterseite der Wolken.

„Ich habe den Erlass gelesen", sagte Adalric. „Bohemund hat ihn im Kapitelsaal herumgehen lassen. Er hat ihn nicht versteckt."

„Ich weiß."

„Das ist es ja." Adalric legte die Handschuhe ab und rieb sich mit dem Daumen über die Handfläche, eine Bewegung, die er sich als Sterblicher angewöhnt hatte und die keinen Zweck mehr hatte, seit die Haut dort keine Empfindung mehr trug. „Wenn er ihn versteckt hätte, wüsste ich, was ich tun müsste. Er hat ihn herumgehen lassen, und siebenhundert Brüder haben ihn gelesen, und dann sind sie aufgestanden und haben die Tore besetzt. Ich auch. Ich habe Tor Vier besetzt."

„Weil der Schwur gilt."

„Weil der Schwur gilt", sagte Adalric.

Wieland zog etwas aus dem Brustkasten seiner Rüstung. Es war das Blatt, gefaltet, in einem Stück Wachstuch. Er hielt es in beiden Händen und sah es an, als läse er es noch einmal, obwohl er es auswendig konnte.

„Ich habe siebenundsechzig Jahre gedient", sagte er. „Ich habe nie einen Befehl in Frage gestellt. Nicht einen. Ich habe das immer für Disziplin gehalten."

„Es ist Disziplin."

„Es war Bequemlichkeit." Wieland faltete das Blatt wieder ein. „Es hat mich nie etwas gekostet, Adalric. Nicht ein einziges Mal in siebenundsechzig Jahren. Was ist ein Gehorsam wert, der nie etwas gekostet hat?"

Adalric antwortete nicht. Er hatte eine Antwort; er hatte sogar eine gute. Aber er merkte, dass sie ihm im Mund zu leicht wurde, und er hatte in zweihundert Jahren gelernt, Sätze nicht auszusprechen, die sich beim Aufheben leicht anfühlten.

„Frag mich etwas", sagte Wieland.

„Was?"

„Irgendetwas. Frag mich, ob ich vorhabe, etwas zu tun."

Adalric sah ihn an. Der Wind stand von Süden und roch nach Bitumen und nach etwas anderem.

Er fragte nicht.

Später, sehr viel später, an Tag achtzig, wenn er zum letzten Mal die Karaffe stehen ließ und es niemandem erklärte, würde er wissen, dass dies die Stelle gewesen war. Nicht das Dach, nicht das Feuer, nicht der Erlass. Die Frage, die er nicht gestellt hatte, weil er die Antwort dann hätte melden müssen.

Er hatte gezählt, sein Leben lang, und in dem einen Moment, in dem es darauf angekommen wäre, hatte er nicht einmal bis eins gezählt.

VI. Tor Vier

Die Registrierung war nicht grausam. Das war das Schwerste daran.

Adalric hatte Tor Vier, und Tor Vier hatte zwei Tische, vier Schreiber des Kreuzzugs, einen Sanitätsposten für Kreislaufzusammenbrüche und eine Wasserstelle, weil auf der Ebene keine war. Er hatte den Sanitätsposten selbst angeordnet. Er hatte auch angeordnet, dass die Reihen im Schatten der Mauer geführt wurden statt quer über das Feld, und dass Familien zusammenblieben, solange es die Bogenfolge zuließ, und dass Kinder unter sechs nicht einzeln erfasst, sondern auf dem Bogen der Mutter geführt wurden, was den Vorgang um vierzig Prozent beschleunigte und den Anschein einer Milde erweckte, die keine war.

Er war gut in seinem Amt. Das war das Problem.

Der Vordruck hatte sieben Zeilen. Zeile eins: Name. Zeile zwei: Ort der Taufe. Zeile drei: der Ritus, in dem getauft. Zeile vier: die Zahl der Federn. Zeile fünf: das Zeichen, unter dem gebetet. Zeile sechs: der Name dessen, den man anruft. Zeile sieben: Bekenntnis oder Verweigerung.

Niemand verweigerte. Nicht einer, in vier Tagen und neuntausendvierhundert Bögen. Sie schrieben in Zeile sechs den Namen hinein, den sie ihr Leben lang gebetet hatten, weil er in ihrem Leben nie etwas Verbotenes gewesen war, und sie schrieben ihn in einer guten, geübten Handschrift, weil auf Vhelsa jedes Kind schreiben lernte, es stand so im Erlass. Dann gaben sie den Bogen zurück und fragten, ob sie es richtig gemacht hätten.

Am dritten Nachmittag stand eine Frau vor Adalric, die den Bogen nicht zurückgab.

Sie war vielleicht fünfzig, in einem sauberen Kittel, mit den Händen einer Weberin. Sie hatte alle sieben Zeilen ausgefüllt. Sie hielt das Blatt fest und sah zu ihm hoch, sehr weit hoch, und sagte: „Herr, Ihr habt es nicht gesagt."

„Was habe ich nicht gesagt?"

„Ob wir richtig gebetet haben." Sie sagte es ohne Vorwurf. Sie sagte es, wie man einen Beamten daran erinnert, dass ein Formular unvollständig ist. „Der Diakon hat gefragt, als Ihr kamt. Ihr habt es nicht gesagt. Ich möchte es wissen, bevor ich unterschreibe."

Adalric hatte in zweihundert Jahren gelernt, in solchen Momenten nicht zu antworten und stattdessen die Frage weiterzureichen, und es gab am Tor Vier niemanden, an den er sie hätte weiterreichen können, weil er dort der Ranghöchste war und weil ein Ordenspriester an Tor Sieben stand, zwei Kilometer entfernt.

„Nein", sagte er.

Es war die Wahrheit, und er hatte sie nie so klein gehört. Nein, ihr habt nicht richtig gebetet. Nein, es war nicht eure Schuld. Nein, das ändert nichts. Alle drei Sätze passten in dasselbe Wort, und die Frau nahm sich das Recht, sich das richtige davon auszusuchen, und Adalric sah ihr an, dass sie das falsche nahm.

Sie nickte. Sie unterschrieb. Sie sagte: „Danke, Herr", und ging weiter, und der nächste trat vor.

Am Abend zählte Adalric die Bögen seines Tores und kam auf zweitausenddreihundertelf, und danach zählte er, wie oft er an diesem Tag „Nein" gesagt hatte, und kam auf eins.

Er meldete den Vorgang nicht. Es gab nichts zu melden. Eine Zivilistin hatte eine Frage gestellt, und ein Schwertbruder hatte wahrheitsgemäß geantwortet, und der Bogen war korrekt ausgefüllt und in die Kiste gelegt worden, zusammen mit zweitausenddreihundertzehn anderen.

In der Nacht ging er über die Ebene, weil er nicht schlief. Astartes schlafen halb, immer, aber es gibt Nächte, in denen auch die andere Hälfte wach bleibt. Und er hörte, dass sie sangen. Nicht laut. Es war ein Abendgesang, den sie offenbar jeden Abend sangen, seit dreihundertelf Jahren, und sie sangen ihn auf einem eingezäunten Feld unter Bewachung, weil es Abend war und weil man abends sang.

Er zählte die Strophen. Es waren neun.

VII. Die Kathedrale, vierter Tag

Am vierten Tag waren noch etwa elftausend in der Kathedrale.

Sie waren nicht dorthin geflohen. Das war der Punkt, den später niemand im Bericht richtig darstellte. Sie waren dorthin gegangen, geordnet, mit ihren Kerzen, weil der Diakon ihnen gesagt hatte, dass in einem Gotteshaus nichts geschehen könne, was nicht recht sei, und weil sie ihm dreihundert Jahre lang zu Recht geglaubt hatten.

Wieland stand im Mittelschiff, als der Befehl kam.

Er kam nicht über Funk. Bohemund kam ihn selbst bringen, was eine Höflichkeit war und als solche gemeint, und er stand in der Tür des Südportals mit dem Crozius am Gürtel und nicht in der Hand.

„Räumung", sagte der Ordenspriester. „Die Registrierung wird hier nicht durchgeführt. Der Marschall hält den Raum für ungeeignet."

„Ungeeignet."

„Sie werden auf die Ebene geführt. Von dort weiter." Bohemund sah ihn an. „Bruder, ich weiß, was Ihr mich fragen wollt, und ich sage Euch die Antwort, damit Ihr sie nicht aus mir herausholen müsst: Nein. Es gibt keine Schiffe für elftausend. Es hat nie welche gegeben. Der Marschall hat es nicht behauptet, und ich habe es nicht behauptet, und wenn Ihr jemanden sucht, der gelogen hat, werdet Ihr ihn nicht finden. Es hat einfach niemand gefragt."

Wieland sah an ihm vorbei, in das Licht der neun Fenster.

„Ich führe diesen Befehl nicht aus", sagte er.

Es war ein sehr leiser Satz. Er hatte erwartet, dass er lauter würde. In den vier Nächten, in denen er ihn geprobt hatte, ohne sich einzugestehen, dass er ihn probte, war er jedes Mal lauter gewesen.

Bohemund bewegte sich nicht.

„Sagt es noch einmal", sagte er. „Langsam. Damit wir beide wissen, was gesagt worden ist."

„Ich, Bruder Wieland vom Kreuzzug Helsreach-Sekundus, verweigere die Ausführung dieses Befehls."

„Grund."

„Der Befehl vollstreckt einen Schwur, der auf einem Irrtum beruht, und ich habe den Beweis des Irrtums in meiner Hand."

„Der Schwur beruht auf keinem Irrtum", sagte Bohemund. „Er beruht auf einem Nichtwissen. Das ist nicht dasselbe, und Ihr wisst es, weil ich es Euch vorgestern erklärt habe und Ihr klug genug wart, mich zu verstehen." Er machte einen einzigen Schritt in das Mittelschiff hinein. „Bruder. Ich biete Euch einmal das Folgende an, und ich biete es kein zweites Mal: Tretet aus dem Raum. Setzt Euch auf das Dach, wie vorgestern. Ich schreibe in den Bogen, dass Ihr im Nordabschnitt eingesetzt wart. Kein Mensch wird es je prüfen."

Es war ein ehrliches Angebot. Wieland wusste das. Es war sogar ein großzügiges — es hätte Bohemund seinen Rang kosten können, wenn es aufgeflogen wäre, und der Ordenspriester machte es trotzdem, weil er einen guten Bruder nicht wegen einer Verwaltungslücke verlieren wollte.

Das war das Schlimmste daran. Es gab in dieser ganzen Kathedrale keinen einzigen bösen Mann.

„Nein", sagte Wieland.

Bohemund atmete aus. Er tat es durch die versehrte Hälfte seines Gesichts, und es klang wie Luft durch einen Spalt in einem Ofen.

„Neophyt Cuno", sagte er, ohne den Kopf zu drehen.

Der Junge stand acht Schritte hinter Wieland, wo ein Neophyt zu stehen hatte. Er hatte die ganze Zeit dort gestanden.

„Ordenspriester."

„Der vierte Trupp untersteht ab sofort dem Schwertbruder Radulf. Ihr geht zu ihm hinüber. Jetzt."

Wieland drehte sich um.

Was er in Cunos Gesicht sah, war nicht Verrat und war nicht Angst. Es war das, was er selbst mit siebzehn in derselben Lage empfunden hätte, und er erkannte es sofort, weil es siebenundsechzig Jahre lang in ihm gewohnt hatte: Erleichterung. Die tiefe, körperliche Erleichterung eines Menschen, dem gerade jemand die Entscheidung abgenommen hat.

„Bruder", sagte Cuno.

„Geh", sagte Wieland.

Der Junge ging. Er ging schnell, weil man schnell ging, wenn man siebzehn war und der Ordenspriester zusah, und einmal, an der dritten Säule, sah er zurück.

Es hätte gereicht, dachte Wieland, wenn er nicht zurückgesehen hätte.

VIII. Zweiundvierzig Schritte

Er tötete keinen Bruder. Das ist der Satz, an dem sich alles Spätere entschied, und er ist wahr, und er half niemandem.

Er stellte sich in das Südportal. Es war zweiundvierzig Schritte breit — Adalric hatte es einmal ausgezählt, in einer anderen Kathedrale, in einem anderen Jahrzehnt, und Wieland hatte sich die Zahl gemerkt, ohne zu wissen, warum. Ein Astartes in Panzerung deckte davon vier. Er deckte sie gut. Er hatte in siebenundsechzig Jahren gelernt, wie man einen Durchgang hält, und die Ironie war, dass genau diese Ausbildung das Einzige war, was er den Menschen hinter sich noch anbieten konnte.

Der erste Trupp kam um die vierte Stunde. Er ließ sie kommen und tat nichts, und sie sahen ihn und blieben stehen, und der Truppführer, Radulf, ausgerechnet Radulf, hob die Hand und ließ halten.

„Wieland."

„Radulf."

„Geh weg von der Tür."

„Nein."

Sie sahen einander an. Vierundzwanzig Schwertbrüder und ein Neophyt auf der einen Seite; auf der anderen ein Mann mit einem Bolter, den er nicht gehoben hatte.

„Ich habe keinen Befehl, dich zu töten", sagte Radulf.

„Ich weiß."

„Ich werde einen bekommen."

„Ich weiß."

Radulf senkte die Hand. „Warum?"

Und Wieland merkte, dass er es nicht sagen konnte. Nicht weil es zu schwer war. Weil es zu klein war. Alles, was er hatte, war ein gefaltetes Blatt in einem Stück Wachstuch und eine alte Frau mit einer Kerze, die dreißig Meter gelaufen war, weil sie Angst hatte, zu spät zu sein, und keines von beidem ließ sich in einen Satz bringen, den ein Schwertbruder des Ordens als Grund gelten lassen würde.

„Weil es dreihundertelf Jahre gedauert hat", sagte er, „und vier Tage."

Radulf wartete auf mehr. Es kam nichts. Nach einer Weile nickte er, einmal, so wie man einem Mann zunickt, dessen Sprache man nicht spricht, aber dessen Anstand man erkennt, und dann zog er den Trupp ab und ging Bericht erstatten.

Es dauerte zwei Stunden, bis sie wiederkamen, und in diesen zwei Stunden brachte Wieland elftausend Menschen durch das Nordportal in die Katakomben unter der dritten Ebene, wo die Erzstollen der alten Stadt auf einen Fluss trafen, der nicht in den Karten des Kreuzzugs stand, weil die Karten des Kreuzzugs dreihundertelf Jahre alt waren.

Das war alles, was er tat. Er hielt eine Tür und zeigte auf eine andere.

Als sie wiederkamen, war das Schiff leer, und er stand immer noch im Südportal, und diesmal führte Bohemund selbst.

Der Ordenspriester sah die leere Kathedrale und dann Wieland, und in seinem halben Gesicht bewegte sich etwas, das Wieland vorher nie darin gesehen hatte und danach nie wieder sehen würde.

„Wie viele?", fragte Bohemund.

„Elftausend."

„Wohin?"

„Nach unten."

Bohemund schloss die Augen. Nur einen Moment lang.

„Das war klug", sagte er. „Es hält nicht. Wir haben Auspexgerät und wir haben Zeit, und wir werden sie in elf Tagen finden. Aber es war klug." Er öffnete die Augen wieder. „Bruder Wieland. Legt die Waffe ab und tretet zurück, und ich stelle Euch vor das Kapitel, und das Kapitel wird Euch verurteilen, und Ihr werdet Buße tun, und in dreißig Jahren wird niemand mehr wissen, dass es geschehen ist. Das ist der Weg, den es für so etwas gibt. Er ist eng, aber er ist da."

„Und die elftausend?"

„Sind Teil des Schwurs", sagte Bohemund. „Auch dann. Ihr könnt sie nicht retten, indem Ihr Euch verurteilen lasst. Ihr könnt sie überhaupt nicht retten. Das habt Ihr in dem Moment gewusst, in dem Ihr sie nach unten geschickt habt, und Ihr habt es trotzdem getan, und ich verstehe nicht, warum."

„Weil sie dann elf Tage haben", sagte Wieland.

Er legte die Waffe nicht ab.

IX. Unter der dritten Ebene

Der Archivar hieß Ohm Halla, und er war siebenundachtzig Jahre alt, und er hatte in seinem Leben dreimal die Stadt verlassen.

Er lag auf einer Bahre, die aus zwei Regalbrettern und einem Teppich bestand, und zwischen seinen Knien stand eine verlötete Kiste, die vierzehn Kilogramm wog und die niemand ihm hatte abnehmen dürfen. Sie trugen ihn seit sechs Tagen. Die Stollen unter der dritten Ebene waren an manchen Stellen so eng, dass sie die Bahre hochkant stellen mussten, und dann band man ihn fest und trug ihn wie einen Schrank, und er sagte jedes Mal, man solle vorsichtig mit der Kiste sein.

„Es sind Namen", sagte er zu dem Jungen, der neben ihm ging und dessen Aufgabe es war, die Lampe zu halten. „Jedes Kind, das getauft worden ist. Dreihundertelf Jahre. Neunhundertvierzigtausend Namen."

„Warum?", sagte der Junge.

„Weil sonst niemand sie hat."

Der Junge war elf und fand das keine Antwort, und Ohm Halla war siebenundachtzig und wusste, dass es die einzige gab.

Sie waren am ersten Tag elftausend gewesen. Am sechsten waren sie in vier Gruppen zerfallen, weil ein Stollen an einer Kreuzung eingebrochen war und die Alternative über den Fluss führte, und der Fluss ließ nur zweihundert auf einmal zu, und man konnte nicht warten. Ohm Halla wusste nicht, wie viele in den anderen drei Gruppen waren. Er wusste auch nicht, ob es die anderen drei Gruppen noch gab.

Was er wusste: Es gab keinen Ausgang. Die Erzstollen von Kandeln liefen achtzig Kilometer nach Osten und endeten dort, wo vor sechshundert Jahren der Erz zu Ende gewesen war, in einem Kessel unter Wald, mit einem Schacht, den man vom Boden aus nicht sah. Der Schacht hatte einen Aufzug. Der Aufzug hatte keinen Strom.

Am neunten Tag kam der Mann in der schwarzen Rüstung ein zweites Mal.

Er kam von hinten, aus der Richtung, aus der die Verfolgung kam, was niemand verstand, und er blieb sechs Stunden. In diesen sechs Stunden riss er den Aufzugsmotor aus der Verankerung, trug ihn dreihundert Meter, verband ihn mit dem Generator einer Pumpstation, die seit vierhundert Jahren stillstand, aber deren Kupfer noch gut war, und brachte damit siebenhundertvierzig Menschen aus dem Kessel hinauf in den Wald.

Er sprach dabei viermal. Ohm Halla hatte mitgezählt, weil er sein Leben lang alles mitgezählt hatte.

Beim ersten Mal sagte er: „Nicht alle auf einmal." Beim zweiten Mal sagte er zu einer Frau mit einem Säugling: „Oben rechts halten. Der Bach führt nach Norden." Beim dritten Mal sagte er zu einem Mann, der ihm danken wollte: „Geht weiter." Beim vierten Mal beugte er sich über die Bahre, sah die verlötete Kiste an und fragte: „Was ist da drin?"

„Namen", sagte Ohm Halla.

Der Riese in der schwarzen Rüstung sah ihn an. Er hatte den Helm ab; sein Gesicht war jünger, als Ohm Halla erwartet hatte, und älter zugleich, und es war müde in einer Art, die kein Schlaf behob.

„Gebt sie nicht her", sagte er.

Dann zog er etwas aus der Brust seiner Rüstung, ein gefaltetes Blatt in einem Stück Wachstuch, und legte es dem Alten auf die Decke.

„Das gehört dazu", sagte er. „Es ist der Anfang. Ohne den Anfang sind die Namen nur eine Liste."

Ohm Halla nahm es. Seine Hände zitterten seit vier Jahren, und sie zitterten auch jetzt, und er brachte das Wachstuch trotzdem auf.

Als er wieder aufsah, war der Mann nicht mehr da.

Sie hörten ihn eine Stunde später, weit im Süden, ein Geräusch wie ein Gewitter, das an einer Stelle stehen blieb, und dann hörten sie ihn nicht mehr.

X. Ohne Namen, ohne Wappen

Er kam durch den Erzstollen hinaus, in den Wald östlich von Kandeln, sechs Stunden vor der ersten Suchlinie.

Er nahm nichts mit außer dem, was er trug: die Rüstung, das Schwert, einen Bolter mit vierzig Schuss und ein gefaltetes Blatt in Wachstuch. Den Umhang ließ er im Stollen liegen. Nicht aus Reue — der Umhang war ein schwarzes Feld mit einem weißen Kreuz und ein Auspex konnte ihn aus vier Kilometern lesen, und ein toter Mann rettet niemanden.

Aber er faltete ihn, bevor er ihn hinlegte. Er merkte es erst, als er damit fertig war.

Was er in den nächsten Wochen tat, ist in keinem Bericht verzeichnet, und Wieland selbst hätte es nicht in Worte fassen können, weil es keinen Plan hatte. Er ging nach Osten, weil die Suchlinien nach Süden liefen. Er fand Gruppen und schickte sie weiter, und einmal, an einem Fluss, den die Einheimischen Sennhold nannten, fand er zweihundert und blieb vier Tage bei ihnen, weil eine Frau ein Kind bekam und man in einem Wald mit zweihundert Menschen keine vier Tage stillhalten kann, ohne dass jemand etwas Dummes tut.

Sie fragten ihn nach seinem Namen. Er sagte ihn nicht. Sie fragten, ob der Imperator sie verlassen habe, und er sagte: „Nein." Es war das einzige Mal, dass er in dieser Zeit gelogen hätte, wenn er sich nicht sicher gewesen wäre, und er war sich sicher, und das war das Merkwürdigste an allem.

Er fühlte sich nicht wie ein Abtrünniger. Er hatte erwartet, dass es sich anders anfühlen würde — dass etwas reißen würde, dass die Gensaat ihn strafen würde, dass er in der Nacht die Stimme des Ordens hören würde, wie es in den Lehrschriften stand. Es riss nichts. Er betete morgens. Er betete abends. Er betete dasselbe wie vorher, und niemand kam, um es ihm zu verbieten oder zu erlauben, und in dieser Abwesenheit begriff er endlich, was die Menschen von Vhelsa dreihundertelf Jahre lang ausgehalten hatten.

Am zwölften Tag fanden sie ihn.

Es war nicht Adalric. Es war ein Sturmtrupp unter Schwertbruder Radulf, und sie kamen aus der Luft, korrekt, in Formation, und sie machten alles richtig. Wieland tötete zwei von ihnen. Das ist der Teil, der im Bericht steht, und er steht dort richtig.

Er tötete sie am Rand einer Lichtung, in der einundneunzig Menschen schliefen, und er tat es, damit die einundneunzig zwanzig Minuten Vorsprung bekamen, und danach ging er in die andere Richtung und ließ sich verfolgen, und das funktionierte, weil es immer funktioniert, und er wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er nicht mehr aus diesem Wald herauskommen würde.

Was er nicht wusste: dass die einundneunzig zu den siebenhundertvierzig gehörten, die er drei Tage zuvor aus dem Kessel hinaufgefahren hatte, und dass vier von ihnen abwechselnd eine verlötete Kiste trugen, die vierzehn Kilogramm wog, und dass in der Kiste, zwischen neunhundertvierzigtausend Namen, ein gefaltetes Blatt in einem Stück Wachstuch lag.

Er wäre darüber nicht froh gewesen. Er hätte nur gerechnet: zwanzig Minuten, siebenhundertvierzig, ein Blatt. Dann wäre er in die andere Richtung gegangen, so wie er es tat.

XI. Der offene Schwur

Sie fanden seine Rüstung. Sie fanden ihn nicht.

Das war der Befund, den Radulf am neunzehnten Tag im Kapitelsaal der Ungeteilten Ungeduld vortrug, und es war ein Befund, mit dem der Orden nichts anfangen konnte. Eine Rüstung ohne Insassen ist ein Verwaltungsproblem. Sie erlaubt keinen Eintrag gefallen, weil kein Körper vorliegt. Sie erlaubt keinen Eintrag vermisst, weil eine Astartes-Rüstung sich nicht von selbst öffnet. Sie erlaubt nur das Dritte, und das Dritte war das, wofür es in vierhundert Jahren Kreuzzugsgeschichte elf Einträge gab.

Marschall Ehrenfried sprach es aus, weil es sein Amt war und weil er nicht der Mann war, es einem anderen zu überlassen.

„Bruder Wieland ist aus der Rolle genommen. Sein Schwur bleibt offen."

Das war die Formel. Sie war älter als der Orden; Sigismund selbst hatte sie angeblich zum ersten Mal gebraucht, und ob das stimmte, war unerheblich, weil sie so klang, als könnte es stimmen.

Ein Schwur, der von einem Bruder mitgesprochen und nicht erfüllt wurde, verschwindet nicht. Er kann nicht auf einen Toten geschrieben werden, denn ein Toter hat erfüllt. Er kann nicht auf einen Abtrünnigen geschrieben werden, denn ein Abtrünniger ist nicht mehr da. Er bleibt liegen. Er bleibt auf den Rollen des Kreuzzugs stehen, ohne Namen daneben, und wer ihn mitgesprochen hat, trägt seinen Anteil daran weiter, solange der Kreuzzug läuft.

Neunhundert hatten ihn mitgesprochen.

Bohemund hielt an diesem Abend keine Predigt. Er stand auf der Kanzel, dreißig Sekunden lang, und dann sagte er: „Es gibt nichts zu erklären. Es ist geschehen. Geht schlafen", und das war das Einzige, was Adalric je von ihm gehört hatte, das ihm wirklich Angst machte.

Am nächsten Morgen trat Adalric vor den Ordenspriester und meldete Stillfasten.

Es war ein alter Ritus und ein unbequemer, und der Orden duldete ihn eher, als dass er ihn schätzte. Ein Bruder erklärt, dass er büßt, und nennt die Zahl der Tage. Er nennt nie den Grund. Das ist die ganze Regel: Die Länge ist die Aussage. Wer neun Tage fastet, bekennt eine Nachlässigkeit. Wer dreißig fastet, bekennt ein Versäumnis im Feld. Über vierzig geht kaum jemand, weil ein Astartes bei aller Zähigkeit ab einem gewissen Punkt an Kampfkraft verliert, und Kampfkraft gehört nicht ihm.

„Wie viele Tage?", fragte Bohemund.

„Achtzig."

Der Ordenspriester sah ihn an. Sein halbes Gesicht ließ sich nicht lesen, und die andere Hälfte gab nichts preis.

„Das ist zu lang", sagte er.

„Ja."

„Ihr werdet in der achten Woche nicht mehr voll einsatzfähig sein."

„Ja."

„Bruder Adalric." Bohemund beugte sich vor. „Ich frage Euch das nicht als Ordenspriester. Ich frage es als jemand, der zweihundert Jahre neben Euch gestanden hat. Wusstet Ihr es?"

Und Adalric, der zeit seines Lebens gezählt hatte, um bei Beschuss nicht laut zu werden, zählte in diesem Moment die Sekunden zwischen der Frage und seiner Antwort, und es waren vier.

„Nein", sagte er.

Es war keine Lüge. Er hatte es nicht gewusst. Er hatte nur nicht gefragt.

Bohemund richtete sich auf und trug es ein. Er trug es ohne Grund ein, wie es sich gehörte, in einer sauberen kleinen Handschrift, die man von einem Mann mit einer Ceramithälfte nicht erwartet hätte: Schwertbruder Adalric. Stillfasten. Achtzig Tage.

XII. Tag achtzig

Vhelsa wurde für rein erklärt im Frühjahr des folgenden Jahres.

Die Zahlen stehen in den Rollen: elf Städte, zweihundertvierzigtausend registriert, siebzehntausend nach Norden in die Arbeitskohorten überstellt, der Rest unter dem Schwur. Der Kreuzzug verlor vierzehn Brüder, was für eine Reinigung dieser Größenordnung wenig ist, und zwei davon fielen im Wald östlich von Kandeln.

Der Erlass des Kardinals Iustus Palmier wurde nicht gefunden. Er war nicht mehr auf dem Schiff und nicht mehr in der Kathedrale, und in dem Bericht, den Ordenspriester Bohemund nach Terra schickte, stand in einem Nebensatz, dass ein Dokument von möglicherweise erheblicher Bedeutung im Verlauf der Operation abhandengekommen sei und dass er, Bohemund, dies zu verantworten habe. Es kam nie eine Rückfrage. Berichte dieser Art gingen an eine Registratur auf Terra, in der siebzehn Millionen Vorgänge im Rückstand waren, und ein Nebensatz über ein verlorenes Blatt hatte darin ungefähr das Gewicht eines Nebensatzes über ein verlorenes Blatt.

Es gibt allerdings, in den Handelsakten des Subsektors Helsreach, für das Jahr 936.M41 einen Eintrag über eine Gruppe von etwa vierhundert Umsiedlern aus unklarer Herkunft, die auf der Bergbaustation Vartok-Sekundär aufgenommen wurden und dort einen Ritus mit einem neunfedrigen Adler pflegten, welcher von der zuständigen Ecclesiarchie als „lokal überliefert und unbedenklich" eingestuft wurde.

Vierhundert von elftausend.

Adalric fastete achtzig Tage.

Er fastete sie ordentlich, so wie er alles ordentlich tat, und er verlor in dieser Zeit vierzehn Kilogramm und in der siebten Woche die Fähigkeit, den rechten Arm über Schulterhöhe zu halten. Er tat weiter Dienst. Man ließ ihn. In der Vorschrift stand nichts dagegen, und niemand wollte derjenige sein, der es verbot.

Sie fragten ihn. Natürlich fragten sie ihn. Neophyten fragten es zuerst, weil Neophyten alles fragen; dann Brüder, die es beiläufig einfließen ließen; einmal ein Schwertbruder aus dem sechsten Trupp, der ihn in der Waffenkammer festhielt und offen sagte, dass die halbe Kompanie annehme, Adalric habe Wieland entkommen lassen, und dass es besser wäre, das entweder zuzugeben oder zu bestreiten.

Adalric bestritt es nicht. Er gab es nicht zu. Er sagte: „Achtzig Tage", und ging weiter, und nach einer Weile hörten sie auf.

Am achtzigsten Tag stand er vor Sonnenaufgang auf und ging in die Kapelle und blieb dort, bis das Licht durch das Ostfenster auf die Schale aus schwarzem Eisen fiel, in der immer noch das Blut von neun Schwertbrüdern stand, jetzt zehn. Dann ging er in den Refektoriumsflügel, wo ein Diener eine Karaffe Wasser und ein Brot bereitgestellt hatte, so wie es seit vierhundert Jahren am Ende eines Stillfastens bereitgestellt wurde.

Er trank. Er aß nicht.

Er stand eine Weile da, mit der leeren Karaffe in der Hand, und zählte die Fensterläden des Refektoriums, weil es zweiunddreißig waren und weil es gut tat, zweiunddreißig zu haben.

Dann ging er zum Dienst.

Es steht in keiner Rolle, warum ein Schwertbruder des Kreuzzugs Helsreach-Sekundus im Jahr 936.M41 achtzig Tage lang das Stillfasten hielt. Es steht dort nur die Zahl. Das ist die Vorschrift, und die Vorschrift ist an dieser Stelle klüger als die, die sie geschrieben haben: Sie zwingt niemanden zu einem Geständnis, und sie erlaubt auch keinem, sich davonzureden. Es bleibt eine Zahl in einer Spalte, und wer sie liest, weiß, dass etwas gewesen ist, und weiß nicht, was.

Achtzig Tage sind viel.

Es hätte auch nur eine Frage sein können.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert