Kasr
Cadia hält stand · Fünfter Teil
Astra Militarum (331. Cadianisches Stoßtruppenregiment) · Black Legion (Die Lossprecher) · Die Entpflichteten (Riss-Kult) · Imperiale Flotte
„Ich spreche niemanden los. Ich bin Feldwebel.“
Feldwebel Runa Kalvek im Hof des inneren Torkopfs von Kasr Nihil, dritter Tag
I. Sechs Tage
„Sechs Tage", sagte Oberstleutnant Rendel, „weil der Kreuzer sechs Tage braucht, bis das zweite Schiff da ist. Nicht, weil jemand die Zwanzigtausend zählt."
Er sagte es im Laderaum des Transporters, vor den Offizieren und den Feldwebeln, mit dem Kinn, das er noch immer vorschob, obwohl er seit zwei Jahren ein Regiment führte und niemand mehr an einer Kante zweifelte. Über ihm hing eine Karte, die keine war: ein Auspex-Bild von Orlach, grau auf grau, eine tote Welt aus Schlacke und Gruben, und darauf, auf einem Hochplateau, ein Fleck, der zu regelmäßig war für etwas, das die Welt selbst gemacht hatte.
„Der Lord-Admiral nennt es Kasr Nihil", sagte Rendel. „Das Munitorum führt es unter dieser Bezeichnung, seit die Aufklärung es vor einem Jahr gefunden hat. Es ist eine Festung nach cadianischem Muster, und sie ist von Cadianern gebaut worden. Von den Geernteten. Von Ederhaven, von den anderen Sammelräumen, aus zwei Jahren Ernte. Zwanzigtausend, schätzt die Aufklärung. Sie leben darin. Sie haben es gebaut, und jetzt leben sie darin, und die Lossprecher sitzen in den Türmen."
Niemand sagte etwas. Runa stand am Rand, wo Kasrkin standen, und sah auf den Fleck.
„Der Kreuzer wird es aus dem Orbit brechen. Das ist der Befehl des Kampfverbands, und der Befehl ist richtig, und ich habe ihn nicht angefochten. Ich habe um sechs Tage gebeten. Der Lord-Admiral hat sie mir gegeben, weil er sie ohnehin hatte." Rendel sah in den Raum. „In sechs Tagen holt das Dreihunderteinunddreißigste heraus, wer herauswill. Was danach noch drin ist, ist drin."
„Und wer nicht herauswill?", fragte jemand von den Ederhavenern.
„Der ist drin", sagte Rendel.
Danach die Einteilung. Runa hörte sie, wie sie alles hörte, halb, weil sie den Fleck ansah. Sie sah ihn mit dem rechten Auge. Das linke sah ihn auch, grau, ohne Tiefe, wie das linke seit der Mole alles sah: Das Munitorum hatte ihr eine Augmetik gegeben, die billigste, die es gab, eine Linse in einer Fassung aus Plaststahl, die Umrisse lieferte und Helligkeit und sonst nichts, und die dafür da war, dass die Höhle nicht leer blieb. Sie hatte gelernt, damit zu schießen, indem sie es nicht benutzte. Es störte nicht. Es war da, wie das Kabel der Hellgun da war.
Zweitausendvierhundert. Das war das Regiment jetzt. Eintausendfünfzig davon waren Cadianer, weil das Dreihunderteinunddreißigste in zwei Jahren im Nihilus-Raum aufgenommen hatte, was der Nihilus-Raum an Cadianern ausspuckte, Reste von Resten, Züge ohne Kompanie, Kompanien ohne Regiment, und weil Rendel sie alle genommen hatte, ohne nach der Nummer zu fragen. Dreizehnhundertfünfzig waren Ederhavener. Die Angeworbenen. Man nannte sie noch so, aus Gewohnheit, obwohl sie seit einem Jahr die Mehrheit waren und obwohl die dreihundert von der ersten Nacht inzwischen Feldwebel waren und Leutnants und in einem Fall ein Hauptmann, und obwohl niemand mehr sagen konnte, wen genau man damit meinte.
Die Erste stand bei hundertfünfzig. Die Kinder. Sie waren keine mehr, die meisten waren achtzehn, und sie hießen weiter die Erste, und Runa hatte sie weiter, obwohl sie längst einen Hauptmann hatten, weil die Erste einen Hauptmann hatte und eine Feldwebel, und jeder wusste, welches von beiden zählte.
„Kalvek", sagte Rendel.
„Oberstleutnant."
„Sie kennen den Grundriss."
„Ich habe ihn noch nicht gesehen."
„Sie werden ihn kennen." Er sah sie an, über die Köpfe hinweg. „Die Aufklärung sagt, es ist ein Kasr. Ich habe nie in einem gelebt. Sie haben in einem gelebt. Wenn wir unten sind, sehen Sie es sich an, und dann sagen Sie mir, wo man hineinkommt, und ich werde Ihnen glauben."
„Jawohl."
Am Abend, im Warp, saß sie mit der Ersten und den Ederhavenern des dritten Zuges im Laderaum und zeichnete mit Kreide auf eine Deckplatte, wie ein Kasr gebaut war.
Sie hatte das nie getan. Man tat es nicht; man wusste es. Man war in einem Kasr geboren und hatte als Kind auf dem Wall gespielt und im toten Winkel gestanden und wusste, wie ein Torkopf aussah, wie man wusste, wie die eigene Hand aussah, und man hätte es nie erklären müssen, weil jeder es wusste. Jetzt saßen sechzig Menschen um sie herum, und vierzig davon hatten graue oder braune oder blaue Augen und waren auf einem Moor geboren, und sie sahen auf die Kreide.
„Das Tor", sagte Runa, „hat zwei Türme. Immer. Drei Ebenen, Scharten auf jeder. Die Rampe kommt von rechts, damit ihr dem Tor die Schildseite zukehrt, und das ist alt und heißt nichts mehr, und sie kommt trotzdem von rechts, weil das Buch es sagt. Der Torbogen hat ein Fallgitter und ein Doppeltor. Hinter dem Tor liegt die Torstraße, gerade, zweihundert Meter, damit die Türme sie einsehen. An der Torstraße die Schola." Sie zeichnete. „Und hier, links, wo die Rampe an die Turmwand stößt, ist ein Dreieck von vier Metern, das keine Scharte erreicht. Es ist in jedem Kasr. Es steht in keinem Buch, weil das Buch nicht weiß, dass es da ist, und es ist da, weil das Buch so gebaut ist."
„Ein Fehler", sagte einer der Ederhavener. Tholen, ein Mann von vierzig mit einem Bauernhals, der seit der Mole Feldwebel war.
„Ein toter Winkel."
„Was ist der Unterschied?"
Runa sah auf die Kreide.
„Ein Fehler ist etwas, das man nicht weiß", sagte sie. „Den Winkel weiß jeder. Jedes Kind in Halrik hat darin gestanden, um zu sehen, ob die Posten es finden. Sie finden es nicht. Und unter dem Winkel liegt der Ablaufkanal, weil das Buch den Ablauf des Torkopfs auf die Seite legt, die niemand sieht, damit das Wasser vom Tor wegläuft und nicht davor steht. Man kommt hinein. Man kommt hinein, wenn man klein genug ist oder es nicht mehr ist und trotzdem will. In Halrik nennt man es den Halrik-Schatten. In Myrak heißt es anders. Es ist dasselbe."
Die Ersten nickten. Die Ederhavener nicht. Sie sahen auf das Dreieck aus Kreide, wie Leute auf etwas sehen, das ihnen gerade zum ersten Mal erklärt worden ist und das sie nie im Leben gebraucht hätten, und einer von ihnen fragte, ob die Lossprecher das auch wüssten.
„Die Lossprecher haben es nicht gebaut", sagte Runa. „Cadianer haben es gebaut. Und sie haben es gebaut, wie man es uns beigebracht hat."
II. Der Grundriss
Orlach hatte keinen Himmel, den man so nennen konnte.
Es hatte etwas darüber, das die Farbe von Blut hatte, das zu lange gelegen hat, und das sich bewegte, ohne dass Wind ging, und das Runa nicht ansah, weil man es nicht ansah. Der Riss stand über dieser Welt wie ein Dach. Nicht der Riss selbst; sein Schatten, sein Licht, was auch immer man das nannte, was davon herunterkam, und es machte, dass man die Entfernungen falsch schätzte und dass das Auspex log und dass die Ederhavener, die nie so etwas gesehen hatten, beim Ausschiffen nach oben sahen und dann nicht mehr.
Sie landeten dreißig Kilometer vom Plateau, weil näher niemand landete, der wiederkommen wollte, und marschierten. Schlacke. Orlach war eine Bergbauwelt gewesen, bis es keine Welt mehr gab, die das Erz brauchte, und es war nichts geblieben als das, was man aus der Erde geholt und nicht mitgenommen hatte: Halden, schwarz, so weit man sah, Gruben mit stehendem Wasser, in dem sich das Dach spiegelte, Fördertürme, die schief standen. Das Regiment ging in Kolonne, mit den elf Chimera und den zwei Leman Russ und dem Hellhound und dem Demolisher, und niemand schoss auf sie, dreißig Kilometer lang, und Runa wusste, dass es Absicht war. Er wollte, dass sie ankamen.
Sie kamen am zweiten Tag an den Grat.
Es war der Rand des Plateaus, eine Halde, die höher war als die anderen, und von oben sah man es, und Runa lag im Schlackestaub neben Rendel und Grothe und Pahl mit dem Zielfernrohr und sah es, mit einem Auge und mit dem anderen, und das eine sah es scharf und das andere grau, und beide sahen dasselbe.
Halrik.
Nicht ähnlich. Sie hatte erwartet, dass es ähnlich sein würde, ein Kasr, das Buch, zwei Türme. Es war nicht ähnlich. Es war das Landtor von Halrik, mit der Rampe von rechts und den drei Ebenen und dem Fallgitter, und dahinter die Torstraße, gerade, zweihundert Meter, und an der Torstraße stand ein Gebäude mit einem flachen Dach, auf das man nicht durfte. Der Wall lief um das Ganze, so wie er in Halrik läuft, mit dem Knick nach Norden, wo in Halrik die Bucht ist und wo hier eine Grube war, und selbst der Knick stimmte. Alles war aus Schlacke und Rockcrete, schwarz, roh, ohne Verputz, und die Türme hatten keine Fenster, weil man sie nicht gebraucht hatte, und über dem Torbogen war eine Fläche freigelassen, glatt, wo in Halrik der Wahlspruch stand, und die Fläche war leer.
„Sie haben es aus dem Gedächtnis gebaut", sagte Grothe neben ihr. Er sagte es leise. „Nicht nach dem Buch. Aus dem Gedächtnis. Von Leuten, die darin gelebt haben."
„Ja."
„Er hat sie ihr eigenes Kasr bauen lassen."
„Er hat sie das bauen lassen, was sie bauen können", sagte Runa. „Das ist alles, was sie können. Das hat er gewusst."
Pahl sagte, ohne vom Zielfernrohr aufzusehen: „Auf den Türmen sind sie. Schwarz. Ich zähle acht auf dem linken, sechs auf dem rechten, mehr im Bogen. Auf dem Wall die mit den Tüchern, in Abständen, mit Gewehren. In der Torstraße sitzen sie."
„Sitzen?"
„Auf dem Boden. In Reihen. Ich schätze zweitausend, die ich sehen kann. Sie sitzen und sehen zum Tor."
„Der Land Raider", sagte Rendel.
„Hinter dem Tor. In der Torstraße, vor dem Gebäude mit dem flachen Dach. Steht quer."
Rendel sah lange hin, und dann sah er Runa an, wie er es auf dem Schiff gesagt hatte, und wartete.
„Man kommt von vorn nicht hinein", sagte sie. „Das Tor ist gebaut, damit man nicht hineinkommt, und wer es gebaut hat, wusste, wie. Wenn wir auf die Rampe gehen, halten die Türme die Rampe, und wenn wir das Tor aufbrechen, steht dahinter der Land Raider in einer Straße, die gerade ist, damit man sie einsehen kann. Die Torstraße ist ein Rohr. Wer durch das Tor kommt, steht im Rohr."
„Also?"
„Also gehen wir unten hinein, bevor wir vorn hineingehen. Links, im Winkel, ist der Ablauf. Er ist da, weil das Buch ihn dorthin legt, und sie haben nach dem Buch gebaut, weil sie nichts anderes können. Sechs Kasrkin und eine Gruppe von der Ersten gehen in der Nacht durch den Kanal in den Torkopf, unter die Türme. Wir nehmen die untere Ebene des linken Turms und die Torkammer, wo die Winde für das Gitter steht. Das Gitter geht hoch, und die Scharten der unteren Ebene schießen nicht mehr auf die Rampe. Dann kommt der Demolisher die Rampe herauf und macht das Tor auf, und dann kommt das Regiment, und der Land Raider steht immer noch im Rohr, und das ist dann Ihre Sache."
Rendel nickte. Er fragte nicht, wie sechs Kasrkin und zehn von der Ersten einen Torkopf nehmen sollten, in dem Astartes standen. Er fragte nicht, weil er wusste, dass die Antwort war: Man nahm ihn oder man nahm ihn nicht, und man würde es sehen. Er sah auf das Tor.
„Wer von der Ersten?"
„Odrin", sagte Runa. „Seine Gruppe. Er kennt den Schatten. Er ist aus Halrik."
Bolland kam den Grat herauf, gebückt, mit dem Kopfhörer um den Hals, und legte sich neben sie und sah hinunter auf das Tor, lange, mit dem Gesicht einer Frau, die ein Tor ansieht wie einen Menschen, mit dem sie noch etwas zu klären hat.
„Was für eine Stärke hat das Doppeltor?", fragte sie.
„In Halrik ist es ein Meter Plaststahl auf Rockcrete", sagte Runa. „Hier weiß ich es nicht. Sie hatten kein Plaststahl. Sie hatten, was die Gruben hergaben."
„Dann ist es dünner." Bolland sah weiter hin. „Zwei Schuss. Vielleicht drei. Ich muss auf dreißig Meter heran, auf der Rampe, unter den Türmen, und der Land Raider sieht mich, sobald das Tor auf ist." Sie sagte es, wie man eine Entfernung sagt. „Das ist der letzte Demolisher, den das Regiment hat. Und die letzte Mahnung ist, was man bekommt, bevor sie einen holen kommen. Mein Vater hat mir das erklärt, als ich neun war. Ich habe es nie vergessen."
„Ich weiß", sagte Runa.
„Ich sage es trotzdem", sagte Bolland. „Man muss es sagen. Das hat Ihr Wessik immer gesagt."
III. Der tote Winkel
Sie gingen in der dritten Nacht, und die Nacht war nicht dunkel, weil das Dach darüber nicht dunkel wurde, und darum gingen sie in der Schlacke, in den Rinnen zwischen den Halden, gebückt, langsam, sechzehn Menschen, eine Stunde für einen Kilometer.
Runa vorn. Dann Pahl, ohne Zielfernrohr, weil man im Kanal keines brauchte. Roske mit dem Schmelzgewehr, das Roskes war, seit Wessik es auf der Mole benutzt hatte. Quint und Sieber. Terhoven, der zwanzig war und den sie immer noch den Jüngsten nannte. Und dahinter Odrins Gruppe: zehn von der Ersten, achtzehn, neunzehn, mit den grünen Helmen, und Odrin selbst, Gefreiter, mit dem Gesicht, das die Kindheit endgültig aus den Wangen verloren hatte, irgendwo zwischen der Mole und hier, und mit etwas in der Brusttasche, von dem Runa wusste, was es war, seit dem Moor.
Der Graben vor dem Wall war trocken. In Halrik steht Wasser darin, Brackwasser aus der Bucht, und hier hatten sie ihn gegraben, weil das Buch ihn wollte, und nichts hineingefüllt, weil es auf Orlach nichts gab, was man hineinfüllen konnte. Sie gingen hindurch, den Wall entlang, im Schatten des linken Turms, und über ihnen, zwölf Meter, standen die Scharten, und aus den Scharten kam nichts, weil man aus Scharten nicht nach unten sah, wenn man nicht wusste, dass unten etwas war.
Der Winkel. Vier Meter Dreieck, wo die Rampe an die Turmwand stieß, aus Schlacke gemauert, ohne Fugen, und Runa stand darin und sah nach oben und sah, dass keine Scharte sie sah, und stand einen Moment lang still, weil sie zuletzt als Kind so gestanden hatte, in Halrik, aus einem anderen Grund, und weil es sich nicht anders anfühlte.
Das Gitter des Ablaufs war da, wo es war.
Ein Rost aus Eisen, das sie aus der Grube geholt hatten, einen Meter im Quadrat, mit Schlacke verkrustet, und dahinter der Kanal, der unter die Rampe führte, unter den Torkopf, zur Torkammer, wo alles zusammenlief, was vom Tor ablief. Roske schnitt es mit dem Schmelzgewehr, auf der niedrigsten Stufe, und es machte ein Geräusch, das Runa für laut hielt, und niemand kam, weil die auf den Türmen auf die Rampe sahen und auf den Grat, wo das Regiment stand, und nicht nach unten. Sie sahen nicht nach unten. Sie hatten die Türme aus dem Gedächtnis gebaut, und im Gedächtnis sah niemand nach unten.
Der Kanal war eng und trocken und roch nach nichts, weil auf Orlach nichts roch, und Runa kroch hinein, mit der Hellgun vor sich, und hinter ihr kamen die anderen, und es war dunkel, richtig dunkel, zum ersten Mal seit der Landung, und sie war dankbar dafür.
Vierzig Meter. In Halrik sind es zweiundvierzig, und sie hatte sie als Kind gezählt, mit Schritten, die kleiner gewesen waren, und sie zählte jetzt mit den Ellbogen, und bei achtunddreißig kam Licht, von oben, durch einen zweiten Rost, und Stimmen.
Die Torkammer.
Sie lag unter dem Torbogen, zwischen den Turmfüßen, ein Raum von acht Metern, in dem die Winde für das Fallgitter stand und die Ketten, die es in Halrik seit hundert Jahren nicht gibt und die es hier gab, neu, aus Grubeneisen, und in dem Männer standen. Mit Tüchern. Sechs, sieben, mit Lasergewehren, die sie nicht hielten, sondern trugen, und sie standen um die Winde und redeten leise, in einem Ton, den Runa kannte, dem Ton von Leuten, die Wache haben und nichts erwarten.
Sie hob die Hand. Hinter ihr wurde es still, wie es hinter Kasrkin still wurde.
Man tat es ohne Gewehr. Man tat es mit dem Messer, von unten, durch den Rost, den Quint anhob, langsam, und dann waren Pahl und Sieber oben, bevor der erste sich umdrehte, und dann Runa, und es dauerte, was es dauerte, und es war leise, und als es vorbei war, lagen sieben Männer in der Torkammer, die Tücher noch über den Augen, und keiner hatte gerufen. Nicht, weil sie keine Zeit gehabt hatten. Runa sah es dem letzten an, dem, den sie selbst genommen hatte: Er hatte Zeit gehabt. Er hatte den Kopf gehoben, in ihre Richtung, wie sie den Kopf hoben, wenn sie Schritte hörten, und hatte gewartet. Er hatte gewartet, wie der Astartes auf der Rampe von Ederhaven gewartet hatte, als der Demolisher kam. Als sei es dasselbe.
„Die Winde", sagte sie.
Terhoven war schon dort. Er kannte Winden, er war in Halrik am Wassertor gewesen, und er sah sich die Ketten an und die Sperre und sagte: „Geht. Zwei Mann. Wenn es so weit ist."
„Odrin."
Der Gefreite kam. Er sah nicht auf die Toten. Er hatte gelernt, nicht auf die zu sehen, die fielen, und er wandte es an, und Runa sah es und sagte nichts dazu.
„Ihre Gruppe bleibt hier. Winde und Rost. Wenn ich Gitter sage, geht das Gitter hoch, und dann halten Sie die Kammer, bis das Regiment durch ist. Nichts anderes. Nicht die Treppe, nicht den Turm. Die Kammer."
„Jawohl, Feldwebel."
„Ich gehe mit den fünf nach oben. Untere Ebene, linker Turm. Wir nehmen die Scharten, die auf die Rampe gehen."
„Und die oberen?"
„Die oberen sind Astartes", sagte Runa. „Die nehmen wir nicht. Die halten wir von den unteren fern, bis Bolland durch ist. Danach sehen wir."
Odrin nickte. Dann sagte er, leise, so dass die anderen es nicht hörten: „Feldwebel. Wenn das Regiment durch ist. Das Gebäude mit dem flachen Dach."
„Ich weiß."
„Ich möchte dorthin."
„Halten Sie die Kammer", sagte Runa. „Dann sehen wir."
Die Treppe zum Turm war eng und gewunden, wie in Halrik, und sie ging sie hinauf, mit der Hellgun, und hinter ihr Pahl und Roske und Quint und Sieber, fünf Kasrkin in einer Treppe, die für Kasrkin gebaut worden war, von Leuten, die gewusst hatten, wie eng man sie machte, und an der Wand der Treppe, auf Kopfhöhe eines Kindes, waren Striche in die Schlacke geritzt. Kurze. In Reihen. Wie Kinder sie ritzen, wenn sie zählen, wie oft sie hinaufgegangen sind, ohne dass die Posten sie finden.
Runa sah sie und ging weiter.
Die untere Ebene war leer, als sie kam. Die Scharten gingen auf die Rampe, drei, mit Lasergewehren, die dort lehnten, und die Männer, die dazu gehörten, standen an der offenen Seite und sahen hinaus auf den Grat, auf das Regiment, das jetzt, in der vierten Stunde, in Sicht kam, mit Fahrzeugen, mit dem Demolisher vorn, wie verabredet, und sie sahen hinaus, wie man auf etwas sieht, das man erwartet, und sie hörten die Kasrkin nicht.
Es dauerte, was es dauerte.
Danach lagen fünf Kasrkin an drei Scharten und einer Treppe, und Runa sah durch die mittlere Scharte hinunter auf die Rampe, die von rechts kam, wie das Buch es sagte, leer, grau im Licht des Daches, und wartete, und über ihr, zwei Ebenen höher, ging ein Astartes über einen Boden aus Schlacke, und man hörte jeden Schritt.
„Gitter", sagte sie in das Vox.
IV. Das Tor
Das Fallgitter ging hoch, mit einem Geräusch, das der ganze Torkopf hörte, und danach wusste jeder, was los war, und danach ging es schnell.
Runa sah es von der Scharte aus, in Stücken, wie man es sah. Sie sah den Demolisher die Rampe heraufkommen, von rechts, wie das Buch es wollte, mit dem kurzen dicken Rohr nach vorn und den beiden Leman Russ dahinter, die auf die oberen Ebenen der Türme schossen, und den Hellhound, der noch zurückblieb, weil er nichts zu brennen hatte. Sie sah, wie aus den oberen Scharten des rechten Turms Bolterfeuer kam, auf den Demolisher, und wie es von der Frontpanzerung abging, und wie aus den oberen Scharten des linken Turms, über ihr, auch Feuer kam, und wie die drei Scharten der unteren Ebene, die auf die Rampe gingen, still blieben, weil fünf Kasrkin davor lagen und auf die Treppe zielten.
Die Treppe. Sie kamen die Treppe herunter. Natürlich kamen sie. Zwei Astartes, in Schwarz und Gold, in einer Treppe, die für Menschen gebaut war, so dass sie sich bücken mussten, und der erste kam um die Biegung, und Roske schoss ihm das Schmelzgewehr in die Brust, aus vier Metern, und der Astartes fiel die Treppe hinunter, was er nicht hätte tun sollen, und lag, und der zweite stieg über ihn hinweg, und Quint schoss, und Pahl, und Runa, drei Hellguns auf die Linsen, auf die Kehle, auf das, was sie trafen, und der Astartes kam weiter, gebückt, mit einem Bolter, den er in der Treppe nicht heben konnte, und trat nach Quint, und Quint war nicht mehr da.
Sieber war unter ihm. Er lag flach, wo die Treppe in den Raum ging, und er schoss von unten, in das Gelenk zwischen Bein und Hüfte, wo die Platten aufhörten, dreimal, und der Astartes sank auf das eine Knie, wie der auf der Rampe von Ederhaven gesunken war, und Runa trat vor und setzte die Hellgun in den Spalt am Hals, unter dem Helm, und hielt den Abzug, bis nichts mehr kam.
„Vier", sagte Pahl. Sie sagte es, weil man es sagte.
Draußen feuerte die Demolierungskanone.
Runa sah es durch die Scharte. Der Demolisher stand auf der Rampe, auf dreißig Meter, unter den Türmen, und das Rohr ging, und das Doppeltor bekam ein Loch, in das ein Mann gepasst hätte, und hielt. Grubeneisen auf Rockcrete, dünner als Halrik, dicker als gedacht. Das Rohr ging wieder, und das Loch wurde eine Lücke, und durch die Lücke sah man die Torstraße, gerade, und in der Torstraße, quer, den Land Raider, der sich drehte.
„Bolland", sagte Runa in das Vox. „Er sieht Sie."
„Ich weiß", sagte Bolland. „Ein Schuss noch."
Die Laserkanonen des Land Raiders trafen den Demolisher durch die Lücke im Tor. Zwei Strahlen, und der Turm des Demolishers wurde schwarz auf der einen Seite, und der Panzer stand, und das Rohr ging zum dritten Mal, und das Doppeltor war nicht mehr da. Es fiel nach innen, beide Flügel, in die Torstraße, und darüber hing das Fallgitter, oben, wo Terhoven es hielt, und der Weg war offen.
Dann trafen die Laserkanonen wieder.
Runa sah es. Sie sah, wie der Demolisher aufging, nicht laut, von innen, wie ein Panzer aufgeht, wenn das Magazin getroffen ist, mit einem Licht, das für einen Moment heller war als das Dach über Orlach, und dann stand auf der Rampe ein Ding, das kein Panzer mehr war, und auf der Flanke, die ihr zugewandt war, stand noch, in weißer Schrift, ordentlich, wie man es auf Cadia machte, die Hälfte eines Namens.
Man musste es sagen. Sie sagte es nicht. Sie würde es später sagen, und sie wusste es, und jetzt war das Tor offen.
Das Regiment kam. Rendel führte es selbst, mit der Zweiten, über die Rampe, an dem vorbei, was Letzte Mahnung gewesen war, durch das Tor, in das Rohr hinein, und die beiden Leman Russ kamen hinterher und schossen auf den Land Raider, der in der Torstraße zurückwich, weil zwei Leman Russ zwei Leman Russ waren, und hinter der Zweiten die Ederhavener, und hinter denen die Erste, und Runa nahm die vier vom Turm und ging die Treppe hinunter und durch die Torkammer, wo Odrins Gruppe stand, alle zehn, mit den Gesichtern von Leuten, die eine Kammer gehalten hatten, in der niemand angegriffen hatte, und sagte: „Mit mir", und sie gingen durch das Tor.
Und dann standen sie in der Torstraße, und in der Torstraße saßen die Menschen.
Zweitausend, hatte Pahl gesagt. Es waren mehr. Sie saßen auf dem Boden der Straße, in Reihen, wie man sitzt, wenn man angetreten ist und sich setzen darf, rechts und links, so dass in der Mitte eine Gasse blieb, zwei Meter breit, und durch die Gasse war das Regiment gegangen, im Laufschritt, und durch die Gasse wich der Land Raider zurück, und sie saßen. Mit den Tüchern. Männer und Frauen und Kinder, in Feldblusen, in Zivil, in Lumpen, und sie hoben die Köpfe, als die Schritte kamen, und sie standen nicht auf, und sie liefen nicht, und sie hoben keine Hand, und der Land Raider fuhr rückwärts durch sie hindurch, über die, die in der Gasse saßen, und die anderen saßen weiter.
Die Ederhavener blieben stehen.
Runa sah es. Sie sah, wie der dritte Zug, der durch das Tor kam, im Laufschritt, stehen blieb, weil vor ihm Menschen saßen, und wie Tholen, der Feldwebel mit dem Bauernhals, etwas rief, und wie sie weitergingen, langsam, zwischen den Sitzenden hindurch, mit den Gewehren im Anschlag, auf Leute gerichtet, die die Köpfe hoben und sonst nichts taten, und wie einer der Ederhavener, ein junger, mit blauen Augen, sein Gewehr senkte und einfach ging, zwischen ihnen durch, wie man durch eine Menge geht, und wie eine Frau mit dem Tuch ihn am Ärmel fasste, im Vorbeigehen, sanft, und er stehen blieb.
„Weiter", sagte Runa in das Vox, an alle, an niemanden. „Weiter. Nicht stehen bleiben. Zwei Schritt. Weiter."
Der Junge riss sich los und ging.
Vom Dach des Gebäudes mit der flachen Decke kam Feuer. Von den Dächern links und rechts der Torstraße kam Feuer. Das waren die anderen, die, die kämpften, der innere Ring, mit Gewehren, ohne Tücher, und sie schossen in die Gasse, auf das Regiment, über die Sitzenden hinweg und in sie hinein, und die Sitzenden saßen, und das Regiment schoss zurück, auf die Dächer, und traf, was es traf, und Runa sah eine Frau mit dem Tuch getroffen werden, von wem, wusste sie nicht, und umfallen, zur Seite, auf den Schoß der Nächsten, und die Nächste legte ihr eine Hand auf den Kopf und sah weiter zum Tor.
Das war das Gefecht um Kasr Nihil. Nicht die Türme. Nicht der Land Raider, der am Ende der Torstraße stand und schoss und zurückwich und schoss. Die Gasse zwischen den Sitzenden, zweihundert Meter lang, gerade, damit man sie einsehen konnte, und zweitausendvierhundert Menschen, die hindurchgehen mussten, langsam, mit den Gewehren im Anschlag, auf Leute, die nichts taten, während von oben geschossen wurde, und die nicht wussten, wohin sie zielen sollten, und die es trotzdem taten.
Am Ende der Torstraße war das innere Tor. Der Torkopf. In Halrik verschließt er die Zitadelle, und hier verschloss er einen Hof, und vor ihm standen die, die kämpften, dreihundert vielleicht, ohne Tücher, in Reihen, wie Cadianer stehen, und hinter ihnen stand der Land Raider, und hinter dem Land Raider stand ein Mann in einem Mantel.
V. Die Entpflichteten
Sie standen in Reihen, und sie schossen, und sie starben in Reihen, und Runa dachte, während sie mit den vieren an der Hauswand entlangging, dass es das erste Mal seit Ederhaven war, dass jemand von denen mit ihnen kämpfte wie Soldaten, und dass es die Schlimmsten waren, weil sie es konnten.
Der innere Ring. Saltzers Leute, die, denen das Tuch nicht mehr reichte. Sie hatten die Gewehre der Geernteten und die Ausbildung des Dreihunderteinunddreißigsten und des Zwölfhundertsiebten und aller Regimenter, aus denen sie gekommen waren, und sie hielten den Torkopf, wie man einen Torkopf hielt, mit den Türmen und der Rampe und dem Feuer der Türme auf die Rampe, und das Regiment lag in der Torstraße zwischen den Sitzenden und kam nicht vorwärts, weil man nicht vorwärtskam gegen einen Torkopf, das wusste jeder, der einen gebaut hatte.
Der Land Raider war das Problem. Die beiden Leman Russ hatten ihn dreimal getroffen und er sie zweimal, und einer von den beiden brannte, und der andere stand hinter ihm und schoss über ihn hinweg, und der Land Raider stand vor dem inneren Tor wie ein Riegel und hielt die Straße.
„Roske."
„Feldwebel."
„Der Winkel."
Roske sah hin. Links, wo die Rampe des inneren Torkopfs an die Turmwand stieß, war das Dreieck. Vier Meter. Es war da, weil das Buch so gebaut war, und die, die den Torkopf hielten, hatten ihn gebaut und kannten ihn und konnten ihn trotzdem nicht sehen, weil man ihn von oben nicht sah. Von dort waren es zwanzig Meter zur Flanke des Land Raiders.
„Schmelzgewehr auf zwanzig Meter", sagte Roske. „In die Kette. Nicht in die Panzerung, in die Kette, dann steht er, und dann kann der Leman Russ ihn nehmen."
„Ja."
„Ich habe zwei Ladungen."
„Dann brauchst du eine."
Sie gingen an der Wand entlang, die fünf, zwischen den Sitzenden und der Hauswand, wo ein halber Meter war, und die Sitzenden hoben die Köpfe, als sie vorbeigingen, einer nach dem anderen, wie eine Welle, und Runa sah nicht hin. Im Winkel angekommen, standen sie im Toten, und über ihnen schossen die Türme auf die Straße, und Roske legte an, und die Flanke des Land Raiders stand zwanzig Meter entfernt, schwarz, mit Gold, mit dem Auge darauf, das jemand mit der Hand gemalt hatte, und Roske schoss.
Die Kette ging. Der Land Raider drehte sich auf der Stelle, wie ein Tier, das getreten worden ist, und stand quer, und der Leman Russ, der noch stand, schoss ihm von hinten in den Motorraum, zweimal, und dann brannte der Land Raider, und aus der Luke kam ein Astartes, und die Erste schoss ihn von der Luke, hundertfünfzig Gewehre, und er fiel zurück hinein.
Danach ging das Regiment vor.
Es ging, wie es ging, den Torkopf hinauf, über die Rampe, unter dem Feuer, und es verlor, was man verlor, und Runa stand im Winkel und sah zu, weil sie von dort nichts mehr tun konnte, und dann war das innere Tor offen, weil es niemand mehr hielt, und der Hof dahinter war leer, bis auf einen.
Er stand in der Mitte des Hofes, in dem Mantel, mit dem Torabzeichen auf der Schulter, das er nie abgetrennt hatte, und mit einer Laserpistole in der Hand, die er nach unten hielt, und ohne Tuch. Er hatte nie eines getragen. Er hatte es nicht nötig gehabt.
Runa ging über den Hof auf ihn zu, allein, weil sie es allein tat, und hinter ihr blieben die vier am Tor stehen, und das Regiment blieb am Tor stehen, und Rendel sagte etwas im Vox, und sie schaltete es ab.
Er sah älter aus. Vierundvierzig, hatte sie gewusst, und er sah aus wie sechzig, mit einem Gesicht, das sich an etwas gewöhnt hatte, und er sah ihr entgegen, und als sie auf fünf Meter war, sagte er ihren Namen.
„Feldwebel Kalvek."
„Major."
„Sie haben das Tor gehalten."
„Ja."
„Ich habe Ihnen nie gesagt, dass Sie gehen dürfen." Er hob die Pistole nicht. „Ich habe es Ihnen geschuldet. Zwei Jahre lang. Ich habe es über Vox gesagt, ich habe es auf der Mole gesagt, ich habe hier gestanden und darauf gewartet, dass Sie durch das Tor kommen, weil ich wusste, dass Sie es sind, die kommt, wenn jemand kommt. Ich bringe Ihnen den Befehl." Er sah sie an, und es war das Gesicht eines Mannes, der ein Blatt auf den Tisch legt. „Feldwebel Kalvek. Sie dürfen das Tor verlassen. Ich sage es."
Runa stand.
Sie hatte sich vorgestellt, wie das sein würde. In zwei Jahren, nachts, auf Schiffen, an Ausweichen. Sie hatte gedacht, es würde etwas tun. Sie stand auf einem Hof aus Schlacke, in einem Kasr, das Halrik war, mit einem Auge, das sah, und einem, das grau sah, und der Mann, der ihr den Befehl gegeben hatte, hatte ihn zurückgenommen, und es tat nichts. Es tat gar nichts. Es war ein Satz.
„Und jetzt Sie", sagte Saltzer.
„Was?"
„Sprechen Sie mich los." Er sagte es leise. „Ich habe zwei Jahre lang Menschen losgesprochen. Zwanzigtausend. Ich habe sie hierhergebracht und dieses Ding bauen lassen, weil er es wollte und weil sie nichts anderes konnten, und ich habe zugesehen, wie sie es bauten, Stein für Stein, aus dem Gedächtnis, und ich habe jeden Abend in den Kammern gestanden und ihnen gesagt, dass sie nichts schulden, und sie haben es geglaubt, und ich habe es geglaubt. Ich schulde nichts. Ich habe es tausendmal gesagt. Es stimmt nicht mehr. Ich schulde Ihnen, und ich habe es Ihnen gebracht, und jetzt bin ich fertig, und ich möchte, dass jemand es sagt. Sagen Sie es. Drei Sätze. Sie kennen sie."
Runa hob die Hellgun.
„Ich spreche niemanden los", sagte sie. „Ich bin Feldwebel."
Sie schoss ihm in die Brust, einmal, aus fünf Metern, wie man es lernte, Mitte des Körpers, und er fiel auf den Rücken auf die Schlacke und lag, mit offenen Augen, violett, und sah nach oben in das Dach über Orlach, das er zwei Jahre lang angesehen hatte, und dann sah er nichts mehr.
Sie stand über ihm.
Hinter ihr, am Tor, war das Regiment. Vor ihr lag der Hof, leer, und dahinter die Zitadelle, die keine war, ein Block aus Schlacke, und rechts davon, wo in Halrik das Wassertor ist, ein Durchgang zur Grube, und aus dem Durchgang, sah sie, zogen die Schwarzen ab, ohne Eile, in Reihen, zu ihren Landern, und ließen ihren Land Raider brennen und ihre Toten liegen, wie man Dinge liegen lässt, die man nicht mehr braucht.
Sie sah auf Saltzer hinunter.
„Kasr Halrik ist gefallen", sagte sie.
Sie hörte es. Sie hörte, wie es klang, das Wort, zum ersten Mal in ihrem Mund, seit zwei Jahren, seit dem Tor, seit dem Schiff: gefallen. Ist gefallen. Vorbei. Ein Satz mit einem Ende. Sie hatte gedacht, es würde etwas tun, wenn sie ihn sagte. Sie stand auf einem Hof und hatte ihn gesagt, über einem Toten, der ihn hatte hören wollen, und er tat nichts. Kasr Halrik lag an einer Bucht an der Ostküste des zweiten Kontinents und hatte zwei Tore, und das Landtor war das größere, und es war gefallen, und sie stand hier, und es war dasselbe.
Sie schaltete das Vox wieder ein.
„Rendel", sagte sie. „Der Hof ist frei. Sie ziehen ab. Nach Norden, zur Grube."
„Ich sehe es." Rendels Stimme, mit Kinn. „Wir gehen nicht hinterher."
„Nein."
„Und der Major?"
„Gefallen", sagte Runa. „Umstand: Feind."
VI. Die Binde
Das Gebäude mit dem flachen Dach stand an der Torstraße, wo in Halrik die Schola Ost gestanden hatte, und Jonte Odrin wusste, was darin sein würde, bevor er es betrat, weil er wusste, was in Halrik darin gewesen war.
Die Kammer hatte gehalten. Niemand hatte sie angegriffen. Er hatte zehn Leute in einem Raum unter einem Tor gehalten, drei Stunden lang, mit sieben Toten am Boden, und dann war die Feldwebel gekommen und hatte gesagt, mit mir, und sie waren durch das Tor gegangen und in die Gasse, und in der Gasse hatte er gelernt, wie man zwischen Sitzenden hindurchgeht, die den Kopf heben, und er hatte es gelernt, wie er alles gelernt hatte, indem er es tat, und dann hatte die Feldwebel ihn angesehen, kurz, mit dem einen Auge, und mit dem Kopf zu dem Gebäude gedeutet, und er war gegangen. Mit der Gruppe. Zehn.
Es war eine Schola. Es war so gebaut, mit dem Hof in der Mitte und den Schlafsälen außen und der Treppe zum Dach, auf das man nicht durfte, und es war voll.
Kinder. Nicht nur. Aber Kinder zuerst, das sah man, in den Sälen, auf dem Boden, in Reihen, mit den Tüchern, wie draußen, aber jünger, und dazwischen Erwachsene, die bei ihnen saßen, und alle hoben die Köpfe, als die Gruppe hereinkam, und niemand stand auf. Jonte ging durch den ersten Saal, langsam, wie man es tat, und sah in die Gesichter, unter die Tücher, so weit man konnte, und sah Merle nicht.
Im zweiten Saal auch nicht. Im dritten stand einer auf.
Ein Junge. Achtzehn, wie er, in einer Feldbluse ohne Abzeichen, ohne Tuch, mit einem Lasergewehr, das er hob, langsam, nicht wie einer, der schießen will, sondern wie einer, der weiß, dass er es soll, und Jonte kannte das Gesicht, bevor er den Namen wusste.
Bruhn.
Bruhn, der gerannt war. Im Moor, vor zwei Jahren, den Damm hinauf, und der zurückgekommen war und die Toten getragen hatte und den Vordruck geschrieben hatte, und der auf der Mole gewesen war, in der Ersten, in der zweiten Linie, und der irgendwo zwischen der zweiten und der vierten Ausweiche nicht mehr da gewesen war, und den man als vermisst geführt hatte, weil man nicht wusste, wo dazwischen.
„Odrin", sagte Bruhn.
„Bruhn."
„Du bist hergekommen."
„Ja."
„Ich habe gewusst, dass ihr kommt. Der Major hat es gesagt." Bruhn hielt das Gewehr. Es zitterte nicht. „Ich bin gegangen, Odrin. Auf der Mole. Ich bin nicht gerannt. Ich bin gegangen, mit ihnen, weil sie mir eine Hand auf die Schulter gelegt haben und weil es das erste Mal war, dass mir jemand eine Hand auf die Schulter gelegt hat, seit der Kommissar, und der hat mich die Toten tragen lassen. Ich schulde nichts."
„Doch", sagte Jonte.
„Was?"
„Du schuldest Tetens. Du hast ihn getragen. Man trägt nicht, was man nicht schuldet."
Bruhn sah ihn an. Für einen Moment war in seinem Gesicht etwas, das vierzehn war, und dann war es weg, und er hob das Gewehr den Rest des Weges, und Jonte schoss ihn, zwei Schritt, Schuss, in die Brust, wie man es lernte, und sah nicht auf ihn, als er fiel. Er sah auf den nächsten.
Der nächste saß.
Sie saß an der Wand des dritten Saals, zwischen zwei anderen, in der Feldbluse des Zweiten Bataillons, mit dem Abzeichen noch dran, weil sie es nie abgetrennt hatte, und sie hatte kein Tuch über den Augen. Sie brauchte keines. Da, wo die Augen gewesen waren, war Haut, glatt, verheilt, alt, wie bei dem Mann im Moor, aber nicht gewachsen. Gemacht. Jemand hatte es gemacht.
„Merle", sagte Jonte.
Sie hob den Kopf. In seine Richtung, wie sie den Kopf hoben, und das Gesicht darunter war ihres, älter, dünner, mit einem Mund, den er kannte.
„Ich kenne die Stimme", sagte sie.
„Jonte."
„Jonte war auf dem Schiff. Man hat die Scholae zuerst auf die Schiffe gebracht."
„Ich war auf dem Schiff. Ich bin hier."
Sie schwieg. Ihre Hände lagen im Schoß, und sie bewegten sich nicht, und dann sagte sie, in dem Ton, in dem sie alle es sagten, freundlich, müde: „Ich schulde nichts."
„Ich schon", sagte Jonte.
Er kniete sich hin. Er nahm die Flakrüstung vorn auf und griff in die Brusttasche, wo man Dinge hintat, die niemanden etwas angingen, und holte das Tuch heraus. Es war trocken jetzt, seit zwei Jahren, und grau, und steif vom Torfwasser, das darin getrocknet war, und er faltete es auseinander, mit Händen, die nicht zitterten, weil er gelernt hatte, dass sie es nicht taten, und legte es ihr über das Gesicht, über die Stellen, wo die Augen gewesen waren, und band es hinten zu.
„Warum", sagte sie.
„Weil du sonst nichts hast, was es zudeckt", sagte Jonte. „Und weil ich es getragen habe, bis etwas dasteht. Jetzt steht etwas da."
Er hob sie auf. Sie war leicht. Sie war neunzehn gewesen, als er sie das letzte Mal gesehen hatte, vom Wall der Schola, wie sie mit der Kompanie vorbeiging, ohne hinaufzusehen, und jetzt war sie einundzwanzig und wog nichts, und er trug sie durch den dritten Saal und den zweiten und den ersten, zwischen den Sitzenden hindurch, die die Köpfe hoben, und seine Gruppe ging hinter ihm, und niemand sagte etwas, und draußen in der Torstraße war das Feuer von den Dächern weniger geworden und dann still.
Die Feldwebel stand am Ende der Straße, am inneren Tor, und sah ihn kommen. Sie sagte nichts. Sie sah auf Merle, auf das Tuch, auf das Abzeichen, das noch dran war, und dann auf ihn, und nickte, einmal, wie man nickt, wenn etwas gezählt ist.
„Gardistin Merle Odrin", sagte Jonte. „Zweites Bataillon, Vierte Kompanie. Nicht mehr vermisst."
„Ich schreibe es", sagte die Feldwebel. „Bringen Sie sie zu den Chimera."
Er trug sie zu den Chimera. Hinter ihm, in der Torstraße, standen die ersten Sitzenden auf, weil jemand vom Regiment ihnen die Hand auf die Schulter gelegt hatte und gesagt hatte, sie sollten aufstehen, und sie standen auf, wie sie alles taten, und gingen, in Reihen, mit der Hand auf der Schulter des Vordermanns, zum Tor hinaus, wohin man sie führte. Sie gingen mit dem Regiment so, wie sie mit den anderen gegangen waren. Es war für sie dasselbe. Jonte wusste nicht, ob das gut war. Er wusste, dass Merle in seinen Armen lag und dass das Tuch, das eine Frau im Moor getragen hatte, jetzt ihr Gesicht bedeckte, und dass er zwei Jahre lang etwas geschuldet hatte und es jetzt bezahlt war, und dass es nicht so aussah, wie er gedacht hatte, und dass es bezahlt war.
VII. Der Lossprecher
Sie zogen ab, und niemand ging hinterher, und Runa ging auf den Wall, weil sie es sehen wollte.
Der Wall von Kasr Nihil war der Wall von Halrik, mit dem Wehrgang aus Schlacke und den Zinnen, die man aus dem Gedächtnis gebaut hatte, und von oben sah man nach Norden, über die Grube, die dort lag, wo in Halrik die Bucht ist, und am Rand der Grube standen die Lander. Drei. Schwarz. Und die Schwarzen gingen zu ihnen, in Reihen, dreißig, weniger, mit ihren Toten nicht, mit ihrem Land Raider nicht, mit nichts als sich selbst und den Waffen, und stiegen ein, ohne sich umzusehen, wie man ein Schiff besteigt, das einen abholt, weil die Arbeit getan ist.
Der Kreuzer, hatte Rendel gesagt, sei in sechs Stunden in Reichweite. Sie wussten es. Sie gingen, weil sie es wussten, und nicht, weil das Dreihunderteinunddreißigste durch das Tor gekommen war, und Runa wusste das auch, und es änderte nichts daran, dass das Regiment durch das Tor gekommen war.
Er stand auf dem Wall.
Hundert Meter von ihr, auf dem Wehrgang, wo der Wall den Knick nach Norden machte, in Schwarz und Gold, ohne Helm, mit dem kurzen Haar, und er sah nicht zu den Landern. Er sah zu ihr. Er hatte gewartet. Sie wusste es, wie sie es auf der Kuppe von Ederhaven gewusst hatte, als er die Hand hob: Er hatte auf dem Wall gestanden und gewartet, dass sie heraufkam, weil er wusste, dass sie heraufkommen würde, und weil das die Art war, wie er alles tat.
Sie ging auf ihn zu. Hinter ihr kam niemand, weil sie es niemandem gesagt hatte, und Pahl hätte ihn vom Torkopf aus im Zielfernrohr gehabt und hatte keinen Befehl, und Runa gab keinen.
Auf zwanzig Meter blieb sie stehen. Näher ging man nicht an einen Astartes heran, der stand, wenn man nicht vorhatte, dass es das Letzte war, und sie hatte es nicht vor. Sie hob die Hellgun nicht. Sie hielt sie, wie sie sie hielt, und sah zu ihm hoch, weil man zu ihnen hochsah, und er sah herunter, mit dem Gesicht, das Saltzer beschrieben hatte, und Saltzer hatte recht gehabt. Es war geduldig. Es war das geduldigste Gesicht, das sie je gesehen hatte, und es war das Schlimmste daran.
„Feldwebel Kalvek", sagte er.
Die Stimme war nicht, was man erwartete. Sie war leise. Sie war eine Stimme, die nie hatte laut sein müssen.
„Du hast ihn getötet."
„Ja."
„Er hat dich gebeten."
„Ja."
„Und du hast es nicht getan." Er neigte den Kopf, ein wenig, wie jemand, der etwas Interessantes betrachtet. „Ich habe zweitausend Jahre lang Menschen losgesprochen. Ich habe es auf Welten getan, deren Namen niemand mehr kennt, und ich habe jede Lossprechung aufgezeichnet, und ich habe sie mir alle angehört, und ich weiß, wie ein Mensch aussieht, bevor er es annimmt. Du siehst nicht so aus. Du hast nie so ausgesehen. Auf der Kuppe nicht, auf der Mole nicht, hier nicht. Ich habe dich beobachtet, seit du das Tor von Ederhaven gehalten hast, weil ich wissen wollte, was das ist."
Runa sagte nichts.
„Ich weiß es jetzt." Er richtete sich auf. „Es ist nichts. Du hast nichts, woran du dich hältst. Kein Boden. Kein Satz. Du sagst ihn nicht einmal, deine Leute sagen ihn, und du stehst daneben. Du hältst ein Tor, weil du ein Tor hältst, und es gibt nichts darunter, und darum kann ich dir nichts nehmen. Man kann jemandem nur abnehmen, was er trägt."
Er sah zu den Landern. Der letzte war fast voll.
„Ich könnte dich töten. Du weißt, dass ich es könnte, und du bist trotzdem heraufgekommen, und das ist der Grund, warum ich es nicht tue. Es wäre eine Antwort, und ich gebe dir keine." Er sah sie wieder an. „Dich spreche ich nicht los, Feldwebel. Du sollst es tragen. Alles. Das Tor, den Major, die Kinder, die aufgestanden sind, die Sitzenden in der Straße, den Panzer. Trag es. Ich komme in zwanzig Jahren wieder und sehe nach, ob es dich gebeugt hat, und wenn nicht, komme ich in vierzig."
Er drehte sich um und ging den Wehrgang entlang, nach Norden, zum Knick, ohne Eile, ohne sich umzusehen, ein Astartes auf einem Wall, den Menschen aus dem Gedächtnis gebaut hatten, und Runa hob die Hellgun und schoss.
Einmal. In den Rücken, in die Schulterplatte, auf zwanzig Meter, und der Schuss traf und hinterließ auf dem Schwarz einen Fleck, hell, wie eine Brandstelle, und er ging weiter. Er drehte sich nicht um. Er ging bis zum Knick und die Treppe hinunter und über die Schlacke zu dem letzten Lander, und stieg ein, und die Luke ging zu, und die Lander hoben ab, drei, schwer, wie Dinge, die voll sind, in das Dach über Orlach hinein, und waren weg.
Runa ließ die Hellgun sinken.
Sie stand auf dem Wall und sah nach Norden auf die leere Grube und dachte, dass er recht hatte, und dass es nichts änderte. Sie hatte nichts darunter. Sie hatte es gewusst, seit dem Tor, seit dem Schiff, seit Grothe sie gefragt hatte, was der Satz heißt, und sie gesagt hatte, sie sage ihn nicht. Es gab nichts darunter, und sie stand trotzdem, und er hatte es beobachtet, zwei Jahre lang, und nicht verstanden, und war gegangen, und würde in zwanzig Jahren wiederkommen, und sie würde dann sechsundfünfzig sein, wenn sie dann etwas war, und sie würde stehen oder nicht, und er würde es sehen oder nicht, und es war dasselbe.
Sie zählte. Sie tat es, ohne zu wollen.
Terhoven, unten, an der Winde. Pahl, auf dem Torkopf. Roske, im Winkel, mit einer Ladung. Sieber.
Fünf, mit ihr.
VIII. Der fünfte Tag
Sechzehntausendzweihundert. Das war die Zahl, die der Kommissar hatte, am Abend des fünften Tages, und sie stimmte, weil er sie hatte.
Sechzehntausendzweihundert Menschen, die in Kasr Nihil gesessen hatten und die das Regiment auf die Beine gestellt hatte, einen nach dem anderen, mit einer Hand auf der Schulter, und die aufgestanden waren und gegangen, in Reihen, dreißig Kilometer über die Schlacke, zu den Landungsbooten, die die Flotte schickte, weil Rendel sie verlangt hatte und weil der Lord-Admiral festgestellt hatte, dass sechzehntausend Cadianer in Landungsbooten leichter zu erklären waren als sechzehntausend Cadianer unter einem Bombardement. Sie gingen. Sie gingen mit dem Regiment, wie sie mit den Lossprechern gegangen waren, und Grothe hatte in sein Buch geschrieben, dass er nicht wisse, ob es ein Unterschied sei, und dass es keine Rolle spiele, weil sie gingen.
Zweitausend hatten gekämpft, der innere Ring, und lagen jetzt in der Torstraße und auf dem Torkopf, mit den Toten des Regiments dazwischen, dreihundertelf, und Grothe hatte für jeden den Vordruck, und in Feld sieben stand bei jedem, was dort stand.
Achtzehnhundert hatte niemand gefunden. Sie waren nicht in den Sälen gewesen und nicht in der Straße und nicht in den Höfen, und Runa hatte den Verdacht, den sie nicht aussprach, dass sie in der Grube waren, unter dem stehenden Wasser, in dem sich das Dach spiegelte, und dass Saltzer gewusst hatte, wer nicht mehr gehen würde, und dass er es geregelt hatte, wie ein Major Dinge regelt.
Die Kasrkin hatten die Kammern gefunden. Unter der Zitadelle, die keine war, in einem Keller aus Schlacke: Regale, wie Saltzer sie beschrieben hatte, mit Spulen, Hunderte, und ein Stuhl, der für einen Menschen zu groß war. Rendel hatte befohlen, sie nicht anzurühren, und den Keller versiegeln lassen, und den Kommissar davorgestellt, und der Kommissar hatte eine Stunde davorgestanden und dann gesagt, er habe nicht hineingehört, und Runa glaubte ihm.
Am Abend des fünften Tages kam der Befehl vom Kreuzer.
Rendel las ihn vor, im Hof des inneren Torkopfs, wo Saltzer gelegen hatte und nicht mehr lag, weil man ihn weggetragen hatte, mit den anderen, ohne Tuch, weil er keines gehabt hatte. Das Regiment stand, was davon stand, und die Ederhavener und die Ersten und die fünf Kasrkin am Rand, und Grothe neben Rendel, und Rendel las.
Der Kreuzer werde nicht feuern.
Der Kampfverband habe im Nihilus-Raum keinen Stützpunkt zwischen dem Grenzsektor und dem, was dahinter lag, und brauche einen, und Orlach liege am richtigen Ort, und auf Orlach stehe eine Festung, die bereits gebaut sei, nach imperialem Muster, und der Lord-Admiral habe sich das Auspex-Bild angesehen und festgestellt, dass eine fertige Festung eine fertige Festung sei und dass die Frage, wer sie gebaut habe, eine für die Inquisition sei und nicht für die Flotte. Das Dreihunderteinunddreißigste Cadianische werde als Garnison eingesetzt. Bis auf weiteres. Die Bezeichnung Kasr Nihil bleibe in den Registern, bis eine andere festgelegt werde.
Rendel faltete das Blatt. Er sah in den Hof, mit dem Kinn, und niemand sagte etwas, und dann sagte er, was ein Oberstleutnant sagt: „Einteilung morgen um fünf."
Danach stand Runa lange im Hof.
Sie stand da, wo sie gestanden hatte, als sie den Satz gesagt hatte, und sah auf die Zitadelle, die keine war, und auf den Torkopf, und auf die Türme, die man aus dem Gedächtnis gebaut hatte, mit Strichen an der Treppenwand auf Kinderhöhe, und begriff, was der Befehl hieß. Es hieß, dass das Regiment in Halrik leben würde. In dem Halrik, das zwanzigtausend Geerntete für einen Astartes gebaut hatten, aus Schlacke, mit den Händen, zwei Jahre lang, und von denen achtzehnhundert in der Grube lagen und zweitausend in der Straße und sechzehntausend in Landungsbooten saßen und nicht wussten, wohin. Das Regiment würde in den Sälen schlafen, in denen die Kinder gesessen hatten, und auf dem Wall stehen, auf dem er gestanden hatte, und durch das Tor gehen, das Bolland aufgemacht hatte, jeden Tag, und in zwanzig Jahren würde er wiederkommen und sie darin finden.
Grothe fand sie dort.
Er kam über den Hof, ohne Mütze, weil er sie seit dem Tor nicht mehr aufgesetzt hatte, und blieb neben ihr stehen, wie er es tat, als sähen sie sich gemeinsam etwas an.
„Sie haben ihn erschossen", sagte er.
„Ja."
„Er hat Sie gebeten, ihn loszusprechen, und Sie haben ihn erschossen."
„Ich habe gesagt, ich spreche niemanden los. Ich bin Feldwebel. Dann habe ich geschossen."
„Ich weiß. Ich habe es im Vox gehört, bevor Sie es abgeschaltet haben." Grothe sah auf die Zitadelle. „Ich habe Sie vor zwei Jahren gefragt, was der Satz heißt. Sie haben gesagt, Sie sagen ihn nicht. Ich habe gesagt, ich frage Sie noch einmal."
„Ja."
„Ich frage nicht mehr", sagte der Kommissar. „Ich habe es aufgeschrieben. In Feld sieben. Bei achthundertfünfzig. Es ist die vollständigste Antwort, die ich habe, und sie steht in einem Vordruck, wo sie nicht hingehört, und ich lasse sie dort."
Runa sah ihn an, mit dem einen Auge und mit dem anderen.
„Sie sind kein Cadianer, Kommissar."
„Nein", sagte Grothe. „Ich habe das auch aufgeschrieben. Es hat nicht geholfen."
IX. Kasr
Am Morgen des sechsten Tages, um fünf, stand das Regiment im Hof, und um halb sechs ging Runa durch das Tor, weil man am Morgen durch das Tor ging, um den Torkopf abzugehen, und weil der Torkopf jetzt ihrer war.
Sie ging durch den Bogen, unter dem Fallgitter, das Terhoven gestern wieder heruntergelassen und heute wieder hochgezogen hatte, weil man das tat, und über die Rampe, die von rechts kam, und an dem vorbei, was auf der Rampe stand und kein Panzer mehr war und das niemand wegräumte, weil Rendel gesagt hatte, es bleibe stehen, bis er etwas anderes sage. Auf der Flanke stand die Hälfte eines Namens. Sie sah nicht hin. Man musste es sagen, und sie hatte es gestern gesagt, dem Kommissar, für den Vordruck, mit Namen und Nummer, und der Umstand hatte Feind geheißen, und das war alles, was der Vordruck wissen wollte.
Am Fuß der Rampe stand einer.
Ein Ederhavener. Einer vom dritten Zug, den Tholen führte, ein junger, mit blauen Augen, und Runa kannte ihn, weil er der war, der in der Torstraße das Gewehr gesenkt hatte und gegangen war, zwischen den Sitzenden hindurch, und den eine Frau am Ärmel gefasst hatte, und der sich losgerissen hatte, weil sie weiter gesagt hatte. Er stand am Fuß der Rampe, links, dort, wo die Rampe an die Turmwand stieß, im Winkel, im Toten, wo keine Scharte ihn sah, und er hatte ein Stück Kreide in der Hand, das er irgendwoher hatte, aus einem Chimera, aus einer Tasche, und er schrieb an die Turmwand.
Er hatte nicht gehört, dass sie kam. Man hörte Kasrkin nicht.
Sie blieb stehen, drei Schritte hinter ihm, und sah zu.
Er schrieb ungelenk, mit großen Buchstaben, wie jemand schreibt, der es kann, aber nicht oft tut, auf die schwarze Schlacke, in der Kreide weiß war wie ein Strich auf einem Helm, und er schrieb zwei Wörter, und Runa las sie, während sie entstanden, Buchstabe für Buchstabe, und sagte nichts.
KASR HALRIK.
Er trat zurück. Er sah es an, mit dem Kopf schief, wie man etwas ansieht, das man geschrieben hat und von dem man nicht sicher ist, ob es richtig geschrieben ist. Dann drehte er sich um und sah sie, und in seinem Gesicht ging alles, was ein Gesicht tun kann, wenn es eine Feldwebel sieht, wo es keine erwartet hat, und er stand stramm, und die Kreide fiel ihm aus der Hand.
„Feldwebel."
„Gardist."
Er wartete. Sie sah an ihm vorbei auf die Wand. Auf die zwei Wörter, in Kreide, im Toten, wo kein Posten sie fand.
Sie hätte es wegwischen können. Es war Kreide. Sie hätte ihm sagen können, dass Kasr Halrik an einer Bucht lag, an der Ostküste des zweiten Kontinents, und dass es zwei Tore hatte, und dass das Landtor das größere war, und dass es gefallen war, weil sie das gestern gesagt hatte und es stimmte. Sie hätte ihm sagen können, dass man einen Ort nicht Halrik nannte, weil man Halrik nicht nannte, man war es. Sie hätte ihm sagen können, dass er ein Ederhavener war, mit blauen Augen, der nie auf einem Wall gestanden hatte, bis gestern.
Sie sah auf die zwei Wörter und ließ sie stehen.
„Weitermachen", sagte sie.
Der Gardist sah sie an, und dann sah er auf die Wand, und dann wieder auf sie, und er verstand, dass sie es gesehen hatte und dass es blieb, und er hob die Kreide auf und steckte sie ein, und er hob die Faust an die Brust, zu fest, zu gerade, wie man es nicht in der Schola lernt, wenn man nie in einer war, sondern von denen, die in einer waren, und er sagte den Satz.
„Cadia hält stand, Feldwebel."
Sie sah ihn an.
Ein Ederhavener. Blaue Augen. Auf einem Moor geboren, das es nicht mehr gab, weil der Riss darüber weggegangen war, und angeworben, weil das Dreihunderteinunddreißigste das Einzige gewesen war, das an jener Nacht etwas getan hatte, und durch ein Tor gegangen, gestern, zwischen Sitzenden hindurch, und stehen geblieben, und weitergegangen, weil sie weiter gesagt hatte. Er hatte den Satz von den anderen. Er hatte ihn gehört, zwei Jahre lang, beim Antreten, beim Essen, am Tor, und er sagte ihn, wie man ihn sagt, und wartete, dass man ihn zurücksagte, weil man ihn zurücksagte, und Runa hätte es tun können. Es war ein Satz. Man sagte ihn. Er kostete nichts.
Es gab nichts darunter. Ischyron hatte recht gehabt. Es gab nichts darunter, keinen Boden, keinen Stein, keine Bucht, nur zwei Wörter in Kreide an einer Wand aus Schlacke, im Toten, wo kein Posten sie fand, und einen Ederhavener mit blauen Augen, der davor stand und wartete, und es war dasselbe, und es war alles, und es hielt.
„Ja", sagte Runa.
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