Der Ring
Die Zeugen · Erster Teil
Die Feuerhüter von Nocturne · Word Bearers (Die Zeugen der Wunde) · Astra Militarum (PDF Hollbrunn)
„Eine Mauer hält, was hinter ihr steht. Ein Ring entscheidet, wer dahintersteht.“
Aus dem Buch des Hauptmanns Bre'kar, Eintrag ohne Datum
I. Die Sole
Von oben sah die Belagerung aus wie ein Fehler in der Landschaft.
Die Ebene um Hollbrunn war weiß. Nicht das Weiß von Schnee, das Licht zurückgibt, sondern das stumpfe, gebrannte Weiß alter Sole, die seit Jahrtausenden aus dem Boden stieg und in der Sonne zu Krusten trocknete. Darin stand die Stadt auf ihrem Salzdom wie ein Amboss auf einem Tuch. Und um den Amboss herum, in einem Bogen von zwölf Kilometern, lag das Lager des Feindes: Zelte aus Frachtplanen, ausgeschlachtete Massentransporter mit aufgerissenen Bäuchen, Feuer, die auch am Tag brannten. Vierzigtausend, hatte die Meldung gesagt. Bre'kar zählte die Feuer, die er durch den Sichtschlitz des Thunderhawks sah, und kam auf eine Zahl, die dazu passte.
„Keine Artillerie“, sagte Ashek neben ihm. Der Sergeant hatte den Helm im Schoß und die Augen auf dem Bodenauspex. „Kein schweres Gerät. Ein paar Chimera-Transporter, die meisten ohne Ketten. Sie haben nichts, womit man eine Mauer öffnet.“
„Sie haben eine Mauer geöffnet.“
„Salzgrund hat keine Mauer. Salzgrund hat einen Zaun und drei Tore.“
Bre'kar antwortete nicht. Er sah auf die Unterstadt, die sich zu Füßen des Doms auf die Ebene hinaus ausbreitete, ein Gitter aus flachen Dächern, Rohrleitungen und den hohen, schwarzen Gerüsten der Gradierwerke, in denen die Sole verrieselt wurde, bis sie schwer genug war für die Siedehäuser. Neunzigtausend Menschen lebten dort. Sie siedeten das Salz, das die Stadt reich gemacht hatte, bevor der Große Riss den Himmel zerteilt und Eschenwerth auf die falsche Seite gelegt hatte. Seit sechs Jahren kam kein Salz mehr von hier fort. Die Gradierwerke rieselten trotzdem weiter. Menschen hören nicht auf zu arbeiten, weil das Imperium sie verloren hat. Das hatte Bre'kar auf mehr Welten gesehen, als er zählen wollte.
Über Salzgrund, dreißig Meter höher auf dem Rücken des Doms, lag der Ring.
Er war die alte Stadtmauer, gebaut in einer Zeit, in der Hollbrunn noch klein genug gewesen war, um in ihn zu passen. Elf Kilometer Umfang, vierzehn Meter hoch, aus dem Salzstein des Doms selbst gebrochen, und über die Jahrhunderte hatte die Stadt ihn zugebaut, überwuchert, mit Leitungen durchbohrt und mit Wohnblöcken belegt, bis er kaum noch als Mauer zu erkennen war. Aber er war eine. Bre'kar hatte die Pläne auf der Aschenwacht studiert, während der Angriffskreuzer aus dem Warp fiel und die Kapitänin eine Fregatte ohne Kennung aus dem Orbit schoss, die zu spät bemerkt hatte, dass jemand gekommen war. Der Ring war die einzige Linie auf Eschenwerth, die er mit achtundsiebzig Brüdern halten konnte.
Er war nicht gekommen, um eine Linie zu halten. Er war gekommen, weil ein Astropath in der Horchstation von Kettenfeste Neunzehn drei Wörter aufgefangen hatte, die aus dem Nihilus-Raum kamen und die man dort seit dem Riss selten hörte: Hollbrunn bittet um. Der Rest hatte gefehlt. Das Imperium hört nicht viel von der falschen Seite des Himmels. Aber es hört manchmal genug.
Der Thunderhawk setzte auf dem Landefeld hinter dem Ring auf, und Bre'kar stieg als Erster aus. Es roch nach Salz und nach kaltem Rauch. Auf dem Feld wartete eine Frau in der grauen Uniform der planetaren Verteidigungsstreitkräfte, mit dem Rangabzeichen eines Obersts und einem Gesicht, das seit Wochen nicht ausgeschlafen war. Hinter ihr standen zwölf Soldaten in Habachtstellung, die zu jung waren, um zu wissen, wie man vor einem Astartes stehen sollte, und es deshalb sehr gerade taten.
„Oberst Meret Vollrath“, sagte die Frau. „Ich führe, was von der PDF übrig ist. Vierundzwanzigtausend. Der Statthalter ist im Palast und wird Sie empfangen, sobald Sie wünschen.“
„Später.“ Bre'kar nahm den Helm ab. „Wie viele Menschen sind unten in Salzgrund?“
Sie hatte mit einer anderen Frage gerechnet. Er sah es daran, dass sie die Antwort erst suchen musste.
„Um die neunzigtausend. Die Zählung ist vom letzten Zehnt. Seit der Feind gelandet ist, sind einige heraufgekommen, aber nicht viele. Die meisten bleiben bei ihren Siedehäusern.“
„Und der Feind ist seit wann auf der Ebene?“
„Elf Tage. Er ist gelandet, hat sich gelagert und seitdem nicht angegriffen. Er schickt Boten. Er schickt Predigten über den Vox. Und jede Nacht gehen ein paar hundert aus Salzgrund zu ihm hinaus und kommen nicht zurück.“ Sie zögerte. „Und ein paar hundert kommen aus dem Lager herein. Wir wissen nicht mehr, wer wer ist.“
Bre'kar sah zum Rand des Landefelds, wo der Ring begann. Von hier oben konnte man die Ebene nicht sehen. Man sah nur die Dächer der Unterstadt und dahinter das Weiß, das bis zum Horizont ging.
„Zeigen Sie mir die Mauer“, sagte er. „Dann zeigen Sie mir die Tore.“
II. Der Ring
Man muss eine Mauer gehen, um sie zu verstehen. Bre'kar ging den Ring in der ersten Nacht ab, alle elf Kilometer, mit Vollrath an seiner Seite und Ashek drei Schritte dahinter, und er stellte auf dem ganzen Weg vierzehn Fragen. Vollrath beantwortete elf davon. Bei den anderen drei sagte sie „Ich weiß es nicht“, und Bre'kar rechnete ihr jede einzelne davon hoch an. Offiziere, die alles wissen, sind auf Belagerungen gefährlicher als Artillerie.
Der Ring war gut. Das war das Erste, was er festhielt. Der Salzstein hatte zwölfhundert Jahre Wind überstanden, ohne zu bröseln, die Wehrgänge waren begehbar, die Schießscharten nicht zugemauert, sondern nur von Wohnblöcken verdeckt, die man ausräumen konnte. Es gab drei Tore hinunter nach Salzgrund, die einzigen Öffnungen: Tor Eins am Salzsteig, breit genug für die Zehntkarren; Tor Zwei am Rieselhang, wo die Soleleitungen durch die Mauer liefen; Tor Drei im Osten, ein schmaler Durchlass, den die Stadt vor hundert Jahren hatte schließen wollen und nie geschlossen hatte, weil die Siedeleute ihn für den Weg zur Arbeit brauchten.
Das Zweite, was er festhielt, war die Arithmetik. Elf Kilometer Mauer. Achtundsiebzig Brüder. Vierundzwanzigtausend PDF, von denen nach Vollraths eigener Schätzung ein Drittel noch nie geschossen hatte. Auf jeden Kilometer Ring kamen sieben Feuerhüter und zweitausend Männer, die Angst hatten. Das reichte. Wenn der Feind ohne Artillerie kam und wenn der Ring die einzige Linie war, dann reichte es, um vierzig Tage zu halten oder achtzig oder so lange, wie die Vorräte in der Oberstadt reichten. Bre'kar hatte Mauern mit weniger gehalten.
Aber der Ring war nicht die einzige Linie. Unter ihm lag Salzgrund, und in Salzgrund lebten neunzigtausend Menschen, und um Salzgrund herum stand ein Zaun aus Wellblech und alten Frachtcontainern, den man nicht verteidigen konnte.
Er stand auf dem Wehrgang über Tor Zwei und sah hinunter. Die Unterstadt lag im Dunkeln bis auf die Feuer der Siedehäuser, die niemals ausgingen, und die Laternen an den Gradierwerken, die man brauchte, damit die Nachtschicht die Rieselflächen sah. Dahinter, jenseits des Zauns, die Feuer des Lagers. Zwischen beiden vielleicht dreihundert Meter Salz.
„Wenn wir uns auf den Ring zurückziehen“, sagte Vollrath, „halten wir.“
„Ja.“
„Und Salzgrund?“
„Salzgrund ist die Frage.“ Bre'kar wandte sich zu ihr. „Sie haben sie noch nicht gestellt. Seit elf Tagen nicht.“
Sie sah ihn an, und er sah, dass sie sie sehr wohl gestellt hatte, jede Nacht, und dass niemand da gewesen war, dem sie die Antwort hätte geben müssen.
„Der Statthalter will, dass die Unterstadt gehalten wird“, sagte sie. „Die Siedehäuser sind das Einzige, was diese Welt hat. Meine Offiziere wollen sie räumen und die Tore schließen. Ich habe keinen Befehl gegeben. Ich habe gewartet.“
„Auf was?“
„Auf jemanden, der weiß, was richtig ist.“
Bre'kar schwieg eine Weile. Unten in Salzgrund ging eine Laterne von einem Gradierwerk zum nächsten, langsam, ein Mensch auf seinem Weg zur Arbeit.
Er kannte die Antwort. Er hatte sie gelernt, bevor er seinen ersten Bolter getragen hatte, und er hatte sie auf einem Dutzend Welten gegeben, und sie hatte ihn nie im Stich gelassen, auch nicht auf Ossilar, wo er sie mit einem Kind auf den Armen durch einen Schacht hinaufgetragen hatte, den die Goldene Mauer lieber versiegelt hätte. Schutz der Zivilbevölkerung über taktischen Vorteil. Das war kein Satz, den man sagte. Das war die Luft, die man atmete.
„Wir halten Salzgrund“, sagte er. „Wir lassen niemanden zurück.“
Vollrath atmete aus, als hätte sie die Luft seit elf Tagen angehalten. Sie nickte und ging, um ihre Offiziere zu holen.
Hinter Bre'kar sagte eine Stimme: „Sag es noch einmal.“
Vel'Schwur stand am Ende des Wehrgangs, in der schwarzen Rüstung, die keine Nacht dunkler machen konnte, den Helm unter dem Arm, das narbige Gesicht ruhig. Bre'kar hatte ihn nicht kommen hören. Er hörte den Ordenspriester nie kommen. Das war eine der Eigenschaften, an die man sich in all den Jahren gewöhnte, ohne sie je zu mögen.
„Wir halten Salzgrund.“
„Nicht das. Den anderen Satz.“
„Wir lassen niemanden zurück.“
Vel'Schwur nickte langsam. Er stellte keine Frage. Er hatte nur zugehört, und Bre'kar wusste, was das bedeutete: dass irgendwo in dem Buch, das der Ordenspriester in seinem Kopf führte, ein Eintrag entstand, mit Ort und mit Stunde. Ein Ordenspriester bei jedem Ort, an dem eine Entscheidung getroffen wird, die den Namen des Ordens trägt. So hatte Vel'Schwur es einmal gesagt, ohne es zu erklären.
„Dann gehen wir hinunter“, sagte der Ordenspriester, und sie gingen.
III. Die Stimme
Der Feind sprach am dritten Tag.
Er sprach auf allen Frequenzen zugleich, über die Voxmasten des Lagers, über die Handgeräte der PDF, über die alten Lautsprecher an den Gradierwerken, deren Schaltung jemand geöffnet haben musste, und er sprach nicht, wie Bre'kar es erwartet hatte. Keine Drohung. Kein Ultimatum. Eine Stimme, tief und ruhig, mit dem schweren Klang eines Kehlkopfs, der nicht für menschliche Laute gebaut war, in einem Gothisch, das zehntausend Jahre alt klang, und sie sagte:
„Ich bin nicht gekommen, um euch zu nehmen, was ihr habt. Ich bin gekommen, damit ihr seht, was euch genommen wurde. Seht hinauf. Der Himmel ist offen. Euer Imperator hat ihn nicht geschlossen. Er hat sechs Jahre lang nicht nach euch gesehen, und ihr habt sechs Jahre lang Salz gesotten für Schiffe, die nicht kommen. Ich verlange nichts von euch. Ich bitte euch nur, Zeugen zu sein. Kommt, wenn ihr wollt. Bleibt, wenn ihr wollt. Ich werde euch nicht anrühren, und wer mich anrührt, den werde ich nicht hassen. Das Wort ist geduldig. Ich bin es auch.“
Dann Stille.
Bre'kar stand in der Zentrale, die Vollrath in einem Siedehaus am Fuß von Tor Eins eingerichtet hatte, zwischen Sudpfannen, die so groß waren wie Landungsboote, und hörte die Aufnahme dreimal. Beim dritten Mal sah er, dass die Soldaten an den Voxgeräten nicht mehr auf ihre Anzeigen sahen. Sie sahen auf den Lautsprecher.
„Abschalten“, sagte er. „Alle Empfänger auf Ordensfrequenz. Wer auf eine andere hört, wird gemeldet.“
Es war ein nutzloser Befehl. Er wusste es, als er ihn gab. Man kann einen Lautsprecher abschalten. Man kann nicht abschalten, was einer schon gehört hat.
In der Nacht kamen sie.
Der Auspex meldete sie zuerst als Wärme, eine breite Front, die sich vom Lager löste und langsam über das Salz auf den Zaun zubewegte, zu langsam für einen Angriff, zu breit für eine Patrouille. Bre'kar stand auf dem Dach eines Gradierwerks, sechzehn Meter über der Ebene, mit dem Flammenwerfer im Arm und Or'duns Trupp um sich, und sah sie kommen, bevor die Scheinwerfer der PDF sie fanden.
Es waren Menschen. Vielleicht zweitausend. Sie gingen in Reihen, ohne Eile, ohne Waffen, und jeder trug ein Licht. Kerzen. Laternen. Fackeln aus Lumpen und Öl. Sie sangen nicht. Sie riefen nichts. Sie gingen auf den Zaun zu, und als die Scheinwerfer sie trafen, hoben sie die Lichter höher, als wollten sie zeigen, dass sie nichts anderes in den Händen hielten.
„Hauptmann.“ Or'duns Stimme über den Helmvox, ganz flach. „Anweisung.“
Hinter den Lichtern, im Dunkel, das die Scheinwerfer nicht mehr erreichten, bewegte sich etwas Zweites. Der Auspex zeigte es als dichtere Wärme, geordneter, schneller. Bre'kar brauchte den Auspex nicht. Er kannte das Muster. Er hatte es auf anderen Welten gesehen, wenn Kulte Kinder vor die Bolter schickten, und er hatte es gehasst mit einem Hass, der in all den Jahren nicht kälter geworden war.
„Nicht auf die Lichter“, sagte er. „Auf nichts, was ein Licht trägt. Scheinwerfer über sie hinweg. Zeigt mir, was dahinter kommt.“
Die Scheinwerfer hoben sich. Und dahinter kamen die Rauhgrater.
So nannte Vollrath sie, nach der Welt, von der sie stammten, einer Bergbauwelt drei Sprünge weit, die vor einem Jahr aufgehört hatte zu antworten. Vierzigtausend Männer einer planetaren Verteidigungsstreitmacht, die ihre Welt nicht mehr verteidigte, in Uniformen, die noch die Farben des Imperiums trugen, mit den Lasergewehren, die das Imperium ihnen gegeben hatte. Sie liefen jetzt. Sie liefen durch die Lücken zwischen den Lichterträgern, und die Lichterträger blieben stehen und hielten die Lichter hoch, und die Rauhgrater erreichten den Zaun und rissen ihn nieder.
Die PDF schoss. Zu spät, zu hoch, dann zu tief. Bre'kar sah Lichter fallen. Er sah Kerzen im Salz liegen, die weiterbrannten, während die, die sie getragen hatten, nicht mehr aufstanden.
„Feuerhüter“, sagte er. „Zu mir.“
Die Gradierwerke waren ein Wald aus Schwarzdorn und Holz, dreihundert Meter lang, sechzehn Meter hoch, Reihe hinter Reihe, und die Sole rieselte darin auch jetzt, mit einem Geräusch wie Regen, der nie aufhört. Die Rauhgrater kamen hinein, weil man hineinkommen musste, um an die Tore zu gelangen. Die Feuerhüter warteten darin. Man konnte dieses Gefecht nicht aus der Entfernung führen. Es war eines für Flammenwerfer und Klinge, für Bolter auf zwanzig Schritt, für das Gewicht einer Kraftrüstung gegen einen Körper, der ihr nichts entgegenzusetzen hatte.
Bre'kar kämpfte, wie er immer kämpfte: ohne Hast. Er wartete, bis eine Reihe Rauhgrater zwischen zwei Rieselwänden stand, dann füllte er den Gang mit Feuer, und das Salz auf dem Holz knisterte und wurde schwarz, und die Männer schrien nicht lange. Dann ging er weiter. Er dachte an Vulkans Wort, das jeder Novize auswendig lernte: Ein Feuer, das alles verbrennt, was es berührt, ist kein Feuer mehr. Es ist Verwüstung. Er dachte es und ließ es stehen, wie man einen Stein stehen lässt, den man nicht heben kann, und ging weiter.
Sie hielten die Gradierwerke bis zum Morgen. Die Rauhgrater zogen sich zurück, als das Licht kam, und sie zogen sich geordnet zurück, was schlimmer war als eine Flucht. Auf dem Salz lagen zwölfhundert von ihnen und vierhundert der PDF und eine Zahl Lichterträger, die niemand zählen wollte.
Und vier Brüder.
Bre'kar stand bei ihnen, als Dra'kaan kam. Der Apothecarius arbeitete schweigend, wie immer; das Narthecium öffnete das Ceramit, die Klinge fand, was sie finden musste, und danach sprach Dra'kaan die vier Namen laut, einmal, kurz und unverhandelbar, bevor er weiterging. Bre'kar sprach sie ihm nach, für sich.
Dann sah er hinaus auf die Ebene. Dort, weit hinten am Rand des Lagers, wo das Salz in den Morgen überging, stand eine Gestalt und sah zurück. Sie war zu weit entfernt, um sie zu erkennen. Aber sie war zu groß für einen Menschen, und sie stand zu still.
IV. Was ein Zeuge ist
„Sie kämpfen nicht“, sagte Dra'kaan.
Es war Mittag. Sie standen im Hof des Siedehauses, in dem Vollrath ihre Verwundeten sammelte, weil die Sudpfannen Wärme gaben und die Stadt keine Lazarette hatte, die groß genug waren. Zwischen den Verwundeten saßen die Gefangenen. Es waren siebzig oder achtzig. Man hatte sie im Morgengrauen zwischen den Gradierwerken gefunden, wo sie geblieben waren, als die Rauhgrater sich zurückzogen: Menschen aus Salzgrund, die in der Nacht mit Lichtern hinausgegangen waren und nun ohne Lichter zurückgekommen waren, und Menschen aus dem Lager, die man an den fremden Kleidern erkannte. Sie saßen auf dem Boden. Sie hatten sich nicht gewehrt. Sie wehrten sich auch jetzt nicht. Sie sahen die Soldaten an, die sie bewachten, und die Soldaten sahen weg.
„Ich habe neun von ihnen untersucht“, sagte Dra'kaan. „Keine Betäubung. Keine Implantate. Keine der Stigmata, die ich kenne. Sie sind wach, sie sind bei Sinnen, und sie antworten, wenn man sie fragt.“
„Was antworten sie?“
„Alle dasselbe.“ Der Apothecarius sah zu den Gefangenen hinüber. „Sie sagen: Ich habe gesehen.“
Bre'kar ging zu ihnen. Er kniete sich hin, wie er es immer tat, damit die Menschen nicht zu einem Turm aus grünem Ceramit aufsehen mussten, und suchte sich einen aus, einen Mann von vielleicht fünfzig mit den weißen Händen eines Siedemanns, der die Sole nie ganz aus der Haut bekommt.
„Wie heißt du?“
„Hanke.“ Der Mann sah ihn an. Er hatte keine Angst. Das war es, was Bre'kar sofort bemerkte und was er nicht einordnen konnte. „Hanke, Sudmeister der zweiten Pfanne.“
„Warum bist du hinausgegangen, Hanke?“
„Um zu sehen.“
„Was?“
„Was er gesagt hat, dass wir sehen sollen.“ Der Mann hob den Blick zum Himmel, wo bei Tag nichts zu sehen war außer der Sonne und dem Dunst der Sole. „Er hat gesagt, wir sollen hinaufsehen. Ich habe sechs Jahre nicht hinaufgesehen. Ich habe Salz gesotten für Schiffe, die nicht kommen. Und dann habe ich hinaufgesehen, und der Himmel war offen, und da war niemand.“
„Da ist der Imperator“, sagte Bre'kar.
„Ja, Herr“, sagte Hanke höflich. „Das habe ich auch immer gesagt.“
Bre'kar stand auf. Er hatte auf vielen Welten mit Kultisten gesprochen, mit Besessenen, mit Menschen, denen man den Verstand herausgeschnitten und etwas anderes hineingelegt hatte. Er kannte die Zeichen. Hier waren keine. Hier war ein Sudmeister, der sechs Jahre lang gearbeitet hatte, ohne dass jemand nach ihm gesehen hatte, und dem jemand gesagt hatte, er solle hinaufsehen.
„Sie kämpfen nicht“, sagte Dra'kaan noch einmal, als Bre'kar zurückkam. „Sie tragen die Lichter und gehen voran, und wenn die Rauhgrater durch sie hindurch sind, bleiben sie stehen. Sie sind kein Schild. Ein Schild würde sich bewegen. Sie sind ein Zeugnis. Er will, dass wir zuerst auf sie schießen, bevor wir auf ihn schießen. Und wenn wir es tun, haben sie es gesehen. Und wenn wir es nicht tun, kommen die Rauhgrater durch.“
„Ich weiß, was er will.“
„Dann weißt du auch, was er ist.“
Bre'kar nickte. Er hatte die Gestalt am Rand des Lagers gesehen. Er hatte gehört, wie die Stimme das Wort Zeugen gebraucht hatte, als sei es ein Amt, und wie sie gesagt hatte: Das Wort ist geduldig. Er wusste, welche Legion so sprach. Es gab nur eine, die den Krieg für eine Predigt hielt.
Vollrath kam mit ihren Offizieren, sechs Männern und zwei Frauen, die in der Nacht alle Leute verloren hatten und es einander nicht sagten. Sie stellte sich vor Bre'kar auf und sagte, was sie sagen musste, und er ließ sie es sagen.
„Wir können Salzgrund nicht halten, Hauptmann. Nicht so. Nicht, wenn sie jede Nacht Unbewaffnete vor sich her schicken. Meine Leute werden entweder auf sie schießen oder nicht schießen, und beides bringt uns um. Ich bitte um den Befehl, den Zaun aufzugeben und die Tore zu schließen.“
„Nein.“
Sie hatte es erwartet. Er sah, dass sie es erwartet hatte, und sah auch, dass es sie trotzdem traf.
„Nicht die Tore“, sagte Bre'kar. „Nicht jetzt. Wir räumen Salzgrund. Alle neunzigtausend, hinauf in die Oberstadt, durch alle drei Tore, bei Tag und bei Nacht, so lange, bis niemand mehr unten ist. Ihre Leute organisieren die Kolonnen. Meine Brüder halten die Gradierwerke, solange die Kolonnen laufen. Dann schließen wir die Tore, wenn niemand mehr davor steht.“
„Neunzigtausend durch drei Tore.“ Einer der Offiziere, ein Major mit verbranntem Ärmel, sagte es leise, als rechne er. „Das dauert sieben Tage. Acht.“
„Dann dauert es acht Tage.“
„Und die, die nicht wollen?“
Bre'kar sah zu den Gefangenen hinüber, die auf dem Boden saßen und in den Himmel sahen.
„Fragen Sie sie jeden Tag“, sagte er. „Jeden Tag, bis zum letzten.“
V. Drei Tore
Die Räumung begann am fünften Tag, und sie sah aus, wie Räumungen immer aussehen: nach zu wenig Zeit.
Durch Tor Eins gingen die Karren, mit allem, was die Siedeleute an Hausrat, Werkzeug und Vorräten auf sie laden konnten, und mit den Alten obendrauf. Durch Tor Zwei gingen die, die laufen konnten, in Kolonnen von fünfhundert, jede Kolonne mit einem Zug PDF davor und einem dahinter. Durch Tor Drei, den schmalen Durchlass im Osten, gingen die Kranken und die Kinder, weil der Weg dort am kürzesten war und weil Bre'kar dort Or'duns Trupp stehen hatte, seine besten Leute, und Dra'kaan gleich hinter dem Tor.
Die Feuerhüter hielten die Gradierwerke. Sie hielten sie am Tag, wenn die Rauhgrater nicht kamen, und in der Nacht, wenn sie kamen, und sie kamen jede Nacht. Nie mit voller Kraft. Immer hinter den Lichtern. Immer geordnet, immer zurück vor dem Morgen, und jedes Mal ließen sie ein paar hundert Tote im Salz und nahmen dafür Schlaf, Munition und einige wenige Brüder mit. Am fünften Tag zwei. Am sechsten einen. Bre'kar zählte sie so, wie Dra'kaan sie zählte: einmal laut, dann still.
Am siebten Tag sah er den ersten von ihnen aus der Nähe.
Er kam durch Tor Zwei, wo die Soleleitungen durch den Ring liefen und wo die Kolonnen am dichtesten drängten, weil der Rieselhang der einzige Weg war, den Karren und Fußgänger zugleich nehmen konnten. Er kam nicht mit den Rauhgratern. Er kam vor ihnen, allein, mitten am Nachmittag, durch eine Lücke im Zaun, die niemand bemerkt hatte, und er kam so schnell, dass die PDF am Tor erst schoss, als er schon zwischen ihnen war.
Bre'kar hörte es über den Vox: erst ein Schrei, dann keine Meldung mehr. Er war zweihundert Meter entfernt, in den Gradierwerken. Er brauchte vierzig Sekunden.
Als er ankam, lagen achtzehn Soldaten am Boden und zwei seiner Brüder, und zwischen ihnen stand ein Astartes in einer Rüstung, deren Rot so alt war, dass es fast schwarz wirkte, ein Rot, das seit zehntausend Jahren niemand mehr nachgestrichen hatte, mit Ketten über den Schulterplatten und einem Helm, der nicht mehr ganz wie ein Helm aussah. Er hatte kein Gewehr. Er hatte eine Axt mit einem Blatt so breit wie ein Schild, und in seiner Kraft war nichts Rituelles mehr und nichts von einer Lehre, nur ein Ausgang für etwas, das keine Worte hatte. Er tötete, wie Wasser einen Hang hinunterläuft.
Bre'kar füllte den Torbogen mit Feuer.
Der Fremde ging hindurch. Er brannte, und er ging hindurch, und die Axt kam von oben, und Bre'kar fing sie mit der Klinge, und der Schlag drückte ihn einen Schritt zurück, was ihm seit Jahrzehnten niemand mehr getan hatte. Hinter dem Fremden sah er Vel'Schwur kommen, das Krosius in beiden Händen, und die Kolonne, die sich hinter ihnen ins Tor drängte, Frauen mit Bündeln, ein Mann mit einem Kind auf den Schultern, alle, die zwischen den Kämpfenden hindurchwollten und nicht konnten.
„Malkor“, sagte der Fremde. Nur das. Es war kein Wort, das man Bre'kar sagte. Es war ein Wort, das er zu sich selbst sagte, mit einer Stimme wie ein raues Knurren, als müsse er sich vergewissern, dass er noch einen Namen hatte.
Dann kamen die Rauhgrater durch die Lücke im Zaun, dreihundert, vierhundert, ohne Lichter diesmal, weil es Tag war, und Malkor wandte sich um und ging ihnen entgegen, nicht als wolle er sie führen, sondern als wolle er unter ihnen sein, wo genug Ziele waren, und die PDF am Tor fand ihre Gewehre wieder, und der Kampf um Tor Zwei dauerte drei Stunden.
Als er vorbei war, hielten sie das Tor. Malkor war fort, mit den letzten Rauhgratern, geordnet, ohne Eile. Auf dem Rieselhang lagen sechshundert Tote, die meisten davon Menschen aus Salzgrund, die hatten hinaufgehen wollen.
Am Abend des siebten Tages waren fünfundfünfzigtausend in der Oberstadt.
„Und die anderen fünfunddreißigtausend“, sagte Vollrath in der Zentrale, „wollen nicht.“
Bre'kar sah sie an.
„Ich habe fragen lassen. Jeden Tag, wie Sie gesagt haben. Es sind nicht alle Zeugen. Die meisten sind einfach Siedeleute, die ihre Pfannen nicht verlassen, weil die Pfannen alles sind, was sie haben. Aber es werden mehr. Jede Nacht gehen welche mit Lichtern hinaus, und jeden Morgen sitzen mehr in den Straßen. Sie sitzen einfach da, Hauptmann. Mit Kerzen. Bei Tag.“
„Wie viele?“
„Wir haben es nicht gezählt. Es sind Straßen voll.“
Bre'kar ging in dieser Nacht allein durch Salzgrund. Er hatte Ashek verboten, ihm zu folgen, und Ashek war ihm gefolgt, in fünfzig Schritt Abstand, wie seit Jahrzehnten. Die Gassen zwischen den Siedehäusern waren eng und rochen nach Sole. Und sie saßen dort, wie Vollrath gesagt hatte. Auf Türschwellen. An Mauern. Auf dem Pflaster, mit gekreuzten Beinen. Jeder mit einem Licht vor sich, das nicht ausging, weil der Wind nicht bis in die Gassen kam. Sie sahen ihn kommen, den grünen Riesen mit dem Flammenwerfer, und sie sahen ihm nach, und keiner stand auf, und keiner lief weg, und keiner sagte ein Wort.
Bre'kar hatte in seinen Jahren viele Arten gesehen, wie Menschen einen Astartes ansehen. Diese kannte er nicht. Es war kein Hass. Es war keine Furcht. Es war das Ansehen von Leuten, die etwas gesehen haben und warten, bis man es auch sieht.
VI. Vierzig Tage
Die Antwort kam am achten Tag, über den Astropathen der Aschenwacht, der sie in drei Anläufen aus dem Rauschen zog, das der Nihilus-Raum an die Stelle des Astronomican gesetzt hatte.
Kettenfeste Neunzehn an Aschenwacht. Verband der Goldenen Mauer gesammelt. Entsatz am vierzigsten Tag nach eurer Landung, wenn der Warp hält. Haltet.
Bre'kar las es zweimal und legte das Blatt auf den Tisch der Zentrale, neben die Karte von Salzgrund, auf der Vollraths Offiziere jeden Morgen mit Kreide die Straßen markierten, in denen die Menschen mit den Lichtern saßen. Der Kreidefleck war seit dem fünften Tag jeden Tag größer geworden.
Vierzig Tage. Das war nicht schlecht. Für den Nihilus-Raum, für eine Welt, die seit sechs Jahren niemand angesehen hatte, war es eine Zusage, wie sie nur die Goldene Mauer geben konnte, die ihre Zusagen in ein Buch schrieb und dann hielt. Bre'kar dachte an Vel'Kaddar und an eine Kette, die man hält, weil man sie einmal geschlossen hat. Vierzig Tage. Er hatte längere Belagerungen gehalten.
Er hatte nie eine gehalten, die so gerechnet wurde.
Er rechnete in der Nacht, allein, ohne Karte, weil er die Karte im Kopf hatte, und er rechnete so, wie ein Schmied ein Stück Metall ansieht, das einen Fehler hat, und feststellt, wo der Fehler sitzt und ob er herauszuschmieden ist.
Achtundsiebzig Brüder bei der Landung. Neunundsechzig am achten Tag. Neun in acht Tagen, alle in Salzgrund, alle in den Gradierwerken oder an den Toren, keiner auf dem Ring, weil der Ring nicht angegriffen wurde, weil der Feind nicht dumm war. Das war ein Bruder pro Tag, und es würde nicht weniger werden, weil die Rauhgrater jede Nacht dazulernten und weil dort unten jetzt Astartes waren, die zehntausend Jahre Zeit gehabt hatten, das Töten zu lernen. Bei einem Bruder pro Tag hatte er am vierzigsten Tag siebenunddreißig. Bei zwei pro Tag, was wahrscheinlicher war, hatte er am vierzigsten Tag fünf.
Mit fünf Brüdern hält man keinen Ring von elf Kilometern. Mit fünf Brüdern hält man ein Tor. Und wenn der Ring fiel, fielen eine Million dreihunderttausend Menschen in der Oberstadt, und Salzgrund fiel ohnehin, und die Goldene Mauer würde in vierzig Tagen aus dem Warp fallen und eine Stadt finden, in der alle Kerzen brannten.
Er rechnete es dreimal. Es kam jedes Mal dasselbe heraus, und er wusste beim ersten Mal, dass es das würde. Man rechnet nicht, um das Ergebnis zu finden. Man rechnet, um es sich nicht länger ersparen zu können.
Es gab die andere Rechnung. Er stellte sie ebenfalls auf, weil man das musste. Die Tore heute schließen. Alle Brüder auf den Ring, alle PDF auf den Ring, keine Nacht mehr in den Gradierwerken. Dann verlor er vielleicht einen Bruder in drei Tagen statt zwei am Tag, und am vierzigsten Tag standen sechzig Feuerhüter auf einer Mauer, die nie gefallen war, und die Goldene Mauer fand eine Stadt, die stand. Eine Million dreihunderttausend und fünfundfünfzigtausend, die heraufgekommen waren. Und unten fünfunddreißigtausend, die nicht hatten kommen wollen, und alle, die noch kommen würden, wenn man sie ließe, und alle, die sich noch nicht entschieden hatten, weil sie noch nicht gefragt worden waren.
Wir lassen niemanden zurück.
Er hatte es auf dem Wehrgang gesagt, und Vel'Schwur hatte es sich sagen lassen, zweimal. Er hatte es einem Mädchen von acht Jahren gesagt, das er in einem Schacht auf Ossilar getragen hatte, und es hatte gestimmt, und er hatte es auf einem Dutzend Welten gesagt, und es hatte immer gestimmt, weil es immer einen Weg gegeben hatte, einen Schacht, einen Korridor, zwanzig Minuten, die man aus einem alten Grubenmeister herausholen konnte. Es hatte gestimmt, weil er es sich hatte leisten können.
Vel'Schwur fand ihn vor Sonnenaufgang auf dem Wehrgang über Tor Zwei, an derselben Stelle wie in der ersten Nacht. Der Ordenspriester stellte sich neben ihn und sah hinunter auf die Unterstadt, in der jetzt mehr Lichter brannten als Laternen an den Gradierwerken.
„Du hast gerechnet“, sagte Vel'Schwur.
„Ja.“
„Und?“
Bre'kar sagte es nicht. Er sah hinunter.
„Sag es laut“, sagte der Ordenspriester. „Nicht für mich. Ich weiß es. Ich habe die Zahl seit dem fünften Tag. Sag es, damit es gesagt ist, bevor du es schreibst.“
„Salzgrund fällt“, sagte Bre'kar. „So oder so. Ich entscheide nur, ob der Ring mit ihm fällt.“
Vel'Schwur nickte langsam, so wie in der ersten Nacht. Und dann sagte er etwas, das Bre'kar nicht erwartet hatte.
„Er weiß es auch. Deshalb greift er den Ring nicht an. Er will nicht, dass Salzgrund fällt, Bruder. Er will, dass du es aufgibst.“
VII. Der Champion
Er kam am neunten Tag, bei Tageslicht, und er kam allein.
Die Posten auf dem Ring meldeten ihn zuerst als Fahrzeug, weil sich auf dem Salz etwas näherte, das für einen Menschen zu groß war und sich für ein Fahrzeug zu gleichmäßig bewegte. Dann meldeten sie, was es war. Bre'kar war schon auf dem Weg.
Er wartete vor Tor Eins, am Fuß des Salzsteigs, mit Ashek und sechs Brüdern hinter sich und Vel'Schwur an seiner Seite, und die Kolonnen, die den Steig hinaufgingen, hörten auf zu gehen und sahen zurück. Vollrath hatte er nicht gerufen. Es gab Dinge, für die man einen Menschen nicht brauchte, und dies war eines davon.
Der Fremde kam die Straße zwischen den Siedehäusern herauf, durch Salzgrund, mitten durch die Gassen, in denen die Menschen mit den Lichtern saßen. Sie standen auf, als er vorbeiging. Sie liefen nicht weg. Sie standen auf, wie man aufsteht, wenn jemand den Raum betritt, dem der Raum gehört, und dann setzten sie sich wieder.
Er war größer als Malkor. Er war größer als alles, was Bre'kar seit langer Zeit auf zwei Beinen gesehen hatte, und es lag nicht an der Rüstung. Die Rüstung war dieselbe: das uralte, fast schwarze Rot, die Ketten, die eingebrannten Zeichen. Aber über der Rüstung wuchs etwas. Platten, die nicht aus Ceramit waren, die aussahen wie das Rückenschild eines Tiers, das man nie gesehen hatte, geschoben über Schultern und Brust, als hätte der Körper darunter beschlossen, sich eine zweite Rüstung zu bauen, weil ihm die erste nicht mehr genügte. Er trug keinen Helm. Sein Gesicht war das eines Astartes, breit, alt, mit Augen, die Bre'kar ruhig ansahen. Und unter dem rechten Kieferknochen, wo bei einem Menschen nichts war, saß ein zweites Augenpaar, klein und schwarz, das sich unabhängig bewegte und Vel'Schwur ansah, während die oberen Augen Bre'kar ansahen.
Er trug keine Waffe. Er blieb zwanzig Schritt vor dem Tor stehen und wartete, bis die Kolonne auf dem Steig verstummt war, und dann sprach er, mit der Stimme vom Vox, die aus der Nähe noch tiefer klang.
„Hauptmann. Ich danke dir, dass du nicht geschossen hast.“
„Ich schieße nicht auf Unbewaffnete“, sagte Bre'kar. „Du hast dich darauf verlassen.“
„Ja.“
„Dann hast du nichts, wofür du danken musst. Du hast gerechnet.“
Der Fremde neigte den Kopf, und es war keine Verbeugung, sondern ein Zugeständnis, wie zwischen zwei Handwerkern, die dieselbe Naht ansehen. „Wir haben beide gerechnet. Du bist auf dieselbe Zahl gekommen wie ich, sonst stündest du nicht hier, um mir zuzuhören.“
Bre'kar sagte nichts. Er stand still und hörte, mit jener kalten Neugier, mit der er auf Sordenval einem abgefallenen Konfessor zugehört hatte, weil man einen Feind kennen muss, bevor man ihn tötet.
„Mein Name ist Thagoth. Ich bin Champion einer Kompanie, die ich verlassen habe, und Herr einer Kriegsband, die es noch nicht lange gibt, und ich habe zehntausend Jahre in einem Sarg verbracht, der durch den Warp trieb, und nichts davon ist eine Drohung. Es ist eine Herkunft. Ich sage sie dir, damit du weißt, dass ich Zeit habe.“
„Was willst du?“
„Zeugen.“ Er sagte es, wie man ein Werkzeug benennt. „Nicht die Stadt. Ich könnte die Stadt nehmen, mit der Zeit; du weißt es, du hast es gerechnet. Ich will sie nicht nehmen. Eine genommene Stadt ist eine Stadt, die man mir hinterher wieder abnimmt. Ich will, dass sie sehen. Dass sie den Himmel ansehen, den euer Imperator geöffnet hat und nicht schließt, und dass sie für sich selbst antworten. Wer geht, geht. Wer bleibt, bleibt. Ich habe keinen einzigen von ihnen angerührt, und ich werde es nicht tun.“
„Du hast zwölfhundert Rauhgrater in meine Gradierwerke geschickt.“
„Die Rauhgrater sind Zeugen. Sie haben gesehen, und sie haben geantwortet, und ihre Antwort war, mit mir zu gehen und für das zu kämpfen, was sie gesehen haben. Das ist ihr Recht. Es ist dasselbe Recht, mit dem deine Brüder für das kämpfen, was sie gesehen haben.“ Die unteren Augen wanderten zu Ashek, zu den sechs Brüdern, zurück zu Vel'Schwur. „Ich weiß, was du bist, Hauptmann. Ich weiß, welchen Primarchen du im Blut trägst, denn ich habe seine Söhne auf einer schwarzen Ebene gesehen, als sie noch eine Legion waren, und ich weiß, was sie hielten. Ihr fragt nach den Menschen, bevor ihr nach den Mauern fragt. Ich habe darauf gebaut. Ich baue noch darauf.“
„Komm zur Sache.“
„Die Sache ist einfach. Du kannst Salzgrund nicht halten. Wenn du es weiter versuchst, verlierst du den Ring, und ich will den Ring nicht, aber ich werde ihn nehmen, wenn er mir in die Hände fällt, und dann werde ich eine Million Zeugen haben, ob sie wollen oder nicht, und das ist nicht, was ich will. Ich will Freiwillige. Gib mir Salzgrund. Nimm deine Brüder auf die Mauer. Ich werde die Mauer nicht angreifen. Kein Rauhgrater wird einen Fuß auf den Salzsteig setzen. Und unten werde ich predigen, und wer zu mir kommt, kommt, und wer zu dir hinaufwill, den lasse ich hinauf. Das schwöre ich dir auf das Wort.“
Es war lange still. Auf dem Steig hörte Bre'kar ein Kind weinen und jemanden, der es beruhigte.
„Und wer nicht kommt und nicht geht?“, sagte er. „Der Sudmeister, der bei seiner Pfanne bleibt, weil sie alles ist, was er hat?“
„Der wird sehen. So lange es dauert, jeden Tag. Ich habe Geduld, Hauptmann. Ich habe mehr davon als du.“
Bre'kar sah ihn an. Dann sah er an ihm vorbei auf die Gassen, in denen die Menschen saßen, und auf das Salz dahinter, und auf die Gradierwerke, in denen neun seiner Brüder gestorben waren, damit Menschen einen Steig hinaufgehen konnten. Und er verstand, was Vel'Schwur gemeint hatte. Der Feind wollte nicht, dass Salzgrund fiel. Er wollte, dass es aufgegeben wurde. Denn eine Stadt, die man aufgegeben hat, ist der Beweis für alles, was er predigte: dass niemand nach ihnen sah, dass der Himmel offen war und leer, dass die, die kamen, um sie zu schützen, am Ende die Tore schlossen und hinaufgingen. Er wollte Bre'kars Entscheidung. Er wollte sie als Zeugnis.
„Nein“, sagte Bre'kar.
Thagoth nickte, als habe er nichts anderes erwartet. In seinem Gesicht war keine Enttäuschung, eher etwas wie Respekt, wie man ihn einem Mann zollt, der ehrlich antwortet, auch wenn die Antwort falsch ist.
„Dann werde ich warten, bis du es ohne mich sagst“, sagte er. „Du wirst es sagen. Nicht zu mir. Zu ihnen.“ Er sah zu Vel'Schwur, mit allen vier Augen zugleich. „Und du wirst es bezeugen, Priester. Das ist dein Amt, nicht wahr? Ein Ordenspriester bei jedem Ort, an dem eine Entscheidung getroffen wird.“
Er wandte sich um und ging denselben Weg zurück, durch die Gassen, und die Menschen standen auf, als er vorbeikam, und setzten sich wieder.
„Er hat meine Worte gekannt“, sagte Vel'Schwur, als er fort war. Es war das erste Mal, seit Bre'kar ihn kannte, dass er in der Stimme des Ordenspriesters etwas hörte, das man Erschütterung hätte nennen können.
„Er hat gute Ohren.“ Bre'kar setzte den Helm auf. „Und er hat neun Tage lang zugehört.“
VIII. Mit Datum
Er schrieb es am zehnten Tag.
Er schrieb es in sein Buch, das er seit Jahrzehnten führte und in das nur kam, was er später nicht würde abstreiten wollen, und er schrieb es, wie er alles schrieb: mit Datum, in kurzen Zeilen, ohne ein Wort, das man auch weglassen konnte.
Zehnter Tag der Belagerung von Hollbrunn. Die Unterstadt Salzgrund wird aufgegeben. Letzte Frist für den Aufstieg durch alle drei Tore: sechsunddreißig Stunden ab Mittag. Danach werden die Tore geschlossen, unabhängig davon, wer davor steht. Die Kompanie geht auf den Ring. Entscheidung: Hauptmann Bre'kar, Feuerhüter von Nocturne. Bezeugt: Ordenspriester Vel'Schwur.
Er zeigte es Vel'Schwur, und der Ordenspriester las es und gab es zurück und sagte: „Es steht ein Wort nicht darin.“
„Welches?“
„Zurücklassen.“
„Es steht auch nicht darin, dass ich es nicht tue.“
Vel'Schwur sah ihn lange an. „Nein“, sagte er dann. „Das steht nicht darin.“
Die Offiziere hörten es in der Zentrale, im Stehen, wie Bre'kar alles im Stehen sagte. Vollrath hörte es mit dem Gesicht einer Frau, die genau das seit dem ersten Tag hatte hören wollen und nun feststellte, dass sie es nicht hatte hören wollen. Der Major mit dem verbrannten Ärmel nickte und rechnete schon. Ashek stand an der Wand und sah auf den Boden, und Bre'kar wusste, dass er in all den Jahren nie erlebt hatte, dass der Sergeant auf den Boden sah.
„Sechsunddreißig Stunden“, sagte Vollrath. „Wir schaffen vielleicht fünfzehntausend. Wenn sie wollen.“
„Dann schaffen wir fünfzehntausend.“
„Und die Bekanntmachung? Wer sagt es ihnen?“
„Sie. Über die Lautsprecher der Gradierwerke, in jeder Gasse, jede Stunde.“
Vollrath schüttelte den Kopf. Es war das erste Mal, dass sie ihm etwas verweigerte, und sie tat es leise. „Nein, Hauptmann. Ich lasse es ausrufen, weil Sie es befehlen. Aber ich sage es ihnen nicht selbst. Ich habe elf Tage gewartet, dass jemand kommt und weiß, was richtig ist. Ich gehe nicht hinunter und sage ihnen, dass er gekommen ist und gerechnet hat.“
Sie sah ihn dabei an, und Bre'kar hielt den Blick, und er nahm es ihr nicht übel. Er hatte es auch nicht gewollt.
Er ging selbst.
Er ging am Nachmittag hinunter durch Tor Drei, den schmalen Durchlass im Osten, weil dort die Kranken und die Kinder hinaufgegangen waren und weil dort der Weg zu den Siedehäusern am kürzesten war, und er ging ohne Helm, mit gesenktem Flammenwerfer, und Vel'Schwur ging neben ihm, und Ashek ging hinterher, in fünfzig Schritt. In den Gassen saßen sie mit ihren Lichtern und sahen ihn an.
Am Rieselkanal, der die Sole von den Gradierwerken zu den Siedehäusern führte, fand er den Mann, den er suchte. Vollrath hatte ihm den Namen gegeben: Tammo Rieck, Brückenwart des Kanals, ein Amt, das es seit dreihundert Jahren gab und das darin bestand, die Schieber an den sieben Brücken zu öffnen und zu schließen, damit die Pfannen ihre Sole bekamen. Rieck kannte jede Gasse und jeden Sudmeister. Wenn einer in Salzgrund gehört wurde, dann er.
Er war ein kleiner Mann um die sechzig, mit den weißen Händen der Siedeleute und einem Rücken, der von den Schiebern krumm war, und er stand auf seiner mittleren Brücke, als Bre'kar kam, und sah nicht in den Himmel. Er sah auf den Kanal.
Bre'kar kniete sich hin, auf die Brücke, sodass sein Kopf auf der Höhe des Mannes war.
„Brückenwart Rieck.“
„Herr.“
„Die Tore schließen morgen um Mitternacht. Alle drei. Wer bis dahin oben ist, ist oben. Wer nicht, bleibt unten. Wir gehen auf die Mauer, und wir kommen nicht wieder herunter, bis Hilfe kommt, und das dauert dreißig Tage.“ Er sagte es langsam. Er sah dabei nicht weg, und er machte es nicht kürzer, als es war. „Ich sage es dir zuerst, weil du der bist, auf den sie hören. Ich brauche dich, damit sie gehen. So viele wie möglich. So schnell wie möglich.“
Rieck sah ihn an. Er sah ihn lange an, und in seinem Gesicht war nichts von dem, was Bre'kar auf den Gesichtern der Lichterträger gesehen hatte, kein Warten, kein Wissen. Es war nur ein alter Mann, der auf einer Brücke stand und dem man gerade gesagt hatte, dass seine Stadt aufgegeben wurde.
„Sie haben gesagt, Sie lassen niemanden zurück“, sagte Rieck. „Das hat der Oberst ausrufen lassen. Am zweiten Tag. Das haben Sie gesagt.“
„Ja.“
„Und jetzt?“
„Jetzt sage ich etwas anderes.“ Bre'kar hielt den Blick. „Ich habe gerechnet, Brückenwart. Ich habe dreimal gerechnet. Wenn ich unten bleibe, fällt oben alles. Ich kann dir sagen, dass es die richtige Entscheidung ist, und es stimmt. Aber es ändert nichts an dem, was ich am zweiten Tag gesagt habe. Beides steht. Ich nehme keins von beiden zurück.“
Rieck schwieg. Dann nickte er, einmal, und wischte sich die Hände an der Jacke ab, obwohl sie trocken waren.
„Ich sage es ihnen“, sagte er. „Ich sage es in jeder Gasse. Aber ich gehe nicht hinauf, Herr. Die Schieber müssen bedient werden, sonst laufen die Pfannen über und dann brennen die Siedehäuser. Ich bleibe an den Schiebern.“
„Rieck...“
„Ich habe nicht in den Himmel gesehen“, sagte der Brückenwart. „Ich habe auf den Kanal gesehen. Sechs Jahre lang. Ich werde jetzt nicht damit anfangen.“ Er sah Bre'kar an, und zum ersten Mal war etwas in seinem Gesicht, das dem Hauptmann bekannt vorkam: die stille, unbeugsame Höflichkeit eines Mannes, der eine Sache versteht und deshalb nicht von ihr lässt. „Gehen Sie auf Ihre Mauer. Ich mache die Schieber. Wenn Ihre Hilfe kommt, bin ich hier. Oder nicht. Aber der Kanal läuft.“
Bre'kar blieb noch einen Moment auf den Knien. Dann stand er auf.
„Pass auf dich auf“, sagte er, und Vel'Schwur neben ihm rührte sich nicht, aber Bre'kar wusste, dass er es gehört hatte.
IX. Sechsunddreißig Stunden
Sie kamen.
Sie kamen, nachdem Rieck durch die Gassen gegangen war und es gesagt hatte, in jeder einzelnen, mit seiner Kanalstimme, die gewohnt war, über das Rieseln hinweg gehört zu werden. Nicht alle. Nicht die Hälfte. Aber aus Türen, die zehn Tage lang geschlossen gewesen waren, kamen Familien mit Bündeln, und Sudmeister ließen ihre Pfannen auslaufen und gingen, und aus den Gassen, in denen die Lichter saßen, standen einzelne auf und ließen ihr Licht auf dem Pflaster stehen und gingen den Steig hinauf. Bre'kar zählte sie nicht. Vollrath zählte. Am Mittag des elften Tages waren es neuntausend. Um Mitternacht zwölf.
Der Feind kam in der vierzehnten Stunde, mitten in der Nacht.
Er kam nicht wie zuvor. Er kam mit allem, was er hatte, und er kam an allen drei Toren zugleich, und er kam ohne Lichter, weil es dunkel war und weil Thagoth verstanden hatte, dass Bre'kar in dieser Nacht nicht mehr auf Lichter achten würde. Die Rauhgrater kamen durch die Gradierwerke, die niemand mehr hielt, und durch die Gassen, in denen die Lichter saßen und nicht aufstanden, und sie kamen an die Tore, wo die Kolonnen sich stauten, und sie schossen in die Kolonnen.
Bre'kar stand an Tor Drei.
Er hatte es sich ausgesucht, weil es das schmalste war und weil dort die Letzten kommen würden, die Langsamen, die Alten, die, die sich zu spät entschieden hatten. Or'duns Trupp hielt den Durchlass, acht Brüder in einem Bogen um die Öffnung, und Dra'kaan stand im Tor und zog die Menschen hindurch, buchstäblich, mit den Händen, einen nach dem anderen, weil sie in der Enge und in der Dunkelheit stehen blieben und sich umsahen. Vel'Schwur stand neben Bre'kar. Ashek hielt den Wehrgang darüber mit den Boltern.
Es war ein Kampf, wie Bre'kar ihn seit Ossilar nicht mehr geführt hatte: mit dem Rücken zu Menschen. Jedes Boltergeschoss, das er abgab, ging in eine Menge, in der Rauhgrater waren und Siedeleute, die noch heraufwollten, und er gab sie trotzdem ab, weil er sonst gar nichts hätte tun können, und jedes Mal, wenn er den Flammenwerfer ansetzte, wartete er eine halbe Sekunde, um zu sehen, wer im Gang stand. Eine halbe Sekunde ist viel. Sha'vek fiel in einer davon, ein Lasertreffer durch das Visier, ein junger Bruder, der in seinem ersten Jahr die Gradierwerke gehalten hatte und im Fallen noch den Bolter hochriss.
In der achtzehnten Stunde kam einer von ihnen.
Er kam durch die Gasse, die auf Tor Drei zulief, und die Rauhgrater teilten sich vor ihm, und er war nicht Malkor. Er war schlanker, schneller, und er hatte keine Axt, sondern ein Schwert, das ohne Energiefeld leuchtete, und er hatte eine Stimme. Er sang. Bre'kar hörte es über das Gefecht hinweg, ein einzelner Ton, der auf und ab ging, in dem alten Gothisch, das Thagoth gesprochen hatte, und er verstand kein Wort davon und wusste doch, was es war: eine Litanei, gesungen von einem, der sie seit zehntausend Jahren kannte.
Or'dun stellte sich ihm, und der Fremde ging durch ihn hindurch, wie Malkor durch das Feuer gegangen war. Nicht unverletzt. Er ließ die Hälfte seines Schulterpanzers an Or'duns Kettenschwert. Aber er ging hindurch, und Or'dun lag, und der Fremde war im Tor, drei Schritt von Dra'kaan entfernt, der einen alten Mann an beiden Armen hielt.
Bre'kar traf ihn im Rücken mit dem Flammenwerfer, mit vollem Strahl, aus vier Metern.
Er brannte. Er wandte sich um, brennend, und sah Bre'kar an, und in seinem Gesicht, das ein Helm ohne Visier freiließ, war kein Schmerz. Er lächelte. Er hob das Schwert, und Bre'kar ging ihm entgegen, in das Feuer hinein, und die Klinge des Hauptmanns fand die Lücke, die Or'dun geschlagen hatte, und ging bis zum Heft hinein.
Der Fremde blieb stehen. Er sah an sich herunter, auf die Klinge, und dann hoch zu Bre'kar, und sein Lächeln wurde breiter, und er sagte etwas. Bre'kar hörte es genau. Er hörte es die ganze Nacht.
„Ich habe gesehen“, sagte der Fremde. „Ich bezeuge es.“
Dann fiel Vel'Schwurs Krosius auf seinen Helm, und er sagte nichts mehr.
Sie hielten Tor Drei, bis die Sonne über die Ebene kam. Or'dun lebte; Dra'kaan hatte ihn unter dem Tor liegen, während er mit einer Hand weiter Menschen hindurchzog. Die Rauhgrater zogen sich mit dem Licht zurück, geordnet wie immer, und ließen ihre Toten liegen und die Toten der Siedeleute dazwischen, und den toten Astartes im Tor, den niemand berührte.
In der letzten Stunde trug Bre'kar selbst.
Eine Frau, alt, mit einem Bein, das nicht mehr trug, die am Rand der Gasse saß, dreißig Meter vom Tor, und die er aufhob, ohne zu fragen, wie er auf Ossilar ein Kind aufgehoben hatte, und den Steig hinauftrug. Sie wehrte sich nicht. Sie legte die Hand auf sein Schulterstück, auf den bronzenen Drachen, und sah zurück in die Gasse, und auf halber Höhe sagte sie: „Setz mich hin.“
„Es sind noch dreißig Schritt.“
„Mein Sohn ist unten. Er sitzt bei den Lichtern. Er ist nicht gekommen.“ Sie sah ihn an, ruhig. „Setz mich hin, Herr. Ich gehe zu ihm.“
Bre'kar ging weiter. Drei Schritt. Fünf. Dann blieb er stehen, mitten auf dem Salzsteig, mit der Frau auf den Armen, und hinter ihm drängten die Letzten hinauf, und vor ihm stand das Tor offen.
Er setzte sie hin.
Sie nickte ihm zu und ging den Steig hinunter, langsam, mit dem schlechten Bein, und er sah ihr nach, bis sie in der Gasse verschwand.
X. Das Tor
Um Mitternacht des elften Tages standen vor Tor Drei noch neunzehnhundert Menschen.
Sie standen im Durchlass und auf dem Steig und in der Gasse, dicht, mit Bündeln, mit Kindern, und sie standen, weil sie nicht schneller konnten. Der Durchlass war zwei Meter breit. Dra'kaan zog. Die PDF oben zog. Aber es ging nicht schneller, es war seit sechsunddreißig Stunden nicht schneller gegangen, und die Rechnung, die Bre'kar am achten Tag aufgestellt hatte, hatte für diese neunzehnhundert nie einen Platz gehabt.
Der Auspex meldete die Rauhgrater am Zaun. Nicht ein paar hundert. Alles. Sie hatten den ganzen Tag gewartet, und sie warteten auf die Stunde, die Rieck ausgerufen hatte, wie Bre'kar es gewusst hatte, als er sie festsetzte. Man setzt eine Frist, damit der Feind sie kennt. Man setzt sie, damit man sie nicht selbst wählen muss.
„Hauptmann.“ Asheks Stimme über den Vox, vom Wehrgang. „Sie sind im Anmarsch. Acht Minuten bis zu den Gradierwerken. Zwölf bis hierher.“
Bre'kar stand unter dem Torbogen. Neben ihm Vel'Schwur. Vor ihm die neunzehnhundert, die hinaufwollten. Hinter ihm der Ring mit einer Million dreihundertsiebzigtausend darin.
Er wusste, was das Tor aushielt. Er hatte es am ersten Tag gesehen. Zwei Meter Durchlass, ein Fallgitter aus Plaststahl, das seit hundert Jahren nicht mehr gefallen war, und dahinter ein Torflügel aus Salzstein und Eisen, den vier Männer schlossen. Offen war es ein Loch im Ring. Geschlossen war es der Ring. Wenn die Rauhgrater es offen fanden, kamen sie hinein, in den Ring, in die Oberstadt, unter die Million, und dann gab es keinen Ring mehr, sondern eine Stadt, in der man Gasse um Gasse kämpfte, mit sechzig Brüdern, dreißig Tage lang, und verlor.
„Gitter fertig machen“, sagte er.
„Hauptmann.“ Ashek. Nur das Wort.
„Gitter fertig machen, Sergeant.“
Es war still über den Vox. Dann: „Es stehen Menschen darunter.“
„Ich weiß, wo sie stehen.“
Wieder Stille. Bre'kar sah hinauf zum Wehrgang. Er konnte Ashek nicht sehen. Er wusste, dass der Sergeant an der Winde stand, mit der Hand am Hebel, wie er seit Jahrzehnten an jedem Hebel gestanden hatte, den Bre'kar ihm zugewiesen hatte, und dass er die Hand nicht bewegte.
„Ich kann es nicht, Bre'kar“, sagte Ashek. Es war das erste Mal, dass er den Namen ohne den Rang benutzte.
„Ich weiß“, sagte Bre'kar. „Ich komme.“
Er ging den Wehrgang hinauf. Er ging an Ashek vorbei, der zur Seite trat, ohne ihn anzusehen, und stellte sich an die Winde. Unter ihm, im Fackellicht, sah er in den Durchlass hinunter, auf die Köpfe, die Bündel, ein Mädchen von acht oder neun Jahren, das zu ihm heraufsah, weil sich über ihm etwas bewegt hatte.
Er sah zurück.
„Dra'kaan“, sagte er in den Vox. „Alles, was im Durchlass steht, durchziehen. Jetzt. Was auf dem Steig steht, bleibt.“
„Verstanden“, sagte der Apothecarius, und in seiner Stimme war nichts, weil er sie leer gemacht hatte, um arbeiten zu können.
Es dauerte vier Minuten. Dann war der Durchlass leer bis auf Dra'kaan, der zurücktrat, und den toten Astartes, der noch im Torbogen lag, und die Ersten vom Steig, die nachdrängten, weil vor ihnen Platz geworden war.
Bre'kar zog den Hebel.
Das Fallgitter kam herunter. Nicht schnell; hundert Jahre Salz in den Führungen. Es kam herunter, schwer, knirschend, und die Menschen auf dem Steig sahen es kommen und blieben stehen, und es traf den Boden mit einem Laut, den Bre'kar nie wieder loswurde, und dann stand es, und dahinter schlossen vier Soldaten der PDF den Flügel aus Salzstein und Eisen, und Tor Drei war ein Stück Ring.
Auf dem Steig war es still. Dann fing jemand an zu schreien, und dann viele.
Bre'kar stand auf dem Wehrgang und sah hinunter. Er sah jedes Gesicht, das zu ihm heraufsah. Er sah sie so lange an, wie sie zu ihm heraufsahen, und er sah nicht weg, weil er das Einzige war, was er ihnen noch geben konnte, und weil er wusste, dass es nichts war. Er sah das Mädchen, das zu ihm heraufgesehen hatte, hinter dem Gitter stehen, auf der falschen Seite, mit einer Hand auf dem Plaststahl.
Dann kamen die Rauhgrater durch die Gradierwerke, und die Menschen auf dem Steig wandten sich um und liefen hinunter, in die Gassen, zu den Lichtern, und der Steig war leer, und Bre'kar hörte hinter sich, dass Vel'Schwur die Stufen heraufkam und stehen blieb und nichts sagte.
An Tor Eins und Tor Zwei fielen die Gitter zur selben Stunde. Vollrath meldete es. Ihre Stimme war fest. Sie nannte keine Zahlen.
XI. Was im Buch steht
Am Morgen des zwölften Tages zählte Vollrath, weil jemand zählen musste.
In der Oberstadt, hinter dem Ring: eine Million dreihundertsiebzigtausend, ungefähr, darunter siebenundsechzigtausend aus Salzgrund. In Salzgrund: dreiundzwanzigtausend, ungefähr, darunter alle, die nicht gewollt hatten, alle, die nicht mehr rechtzeitig gekommen waren, und ein Brückenwart an seinen Schiebern. Der Kanal lief. Man sah es vom Wehrgang aus, das Rieseln in den Gradierwerken, wie Regen, der nicht aufhört.
Feuerhüter von Nocturne, auf dem Ring: dreiundsechzig. Fünfzehn in zwölf Tagen. Dra'kaan trug sie alle im Narthecium, und er hatte jeden Namen einmal laut gesagt.
PDF Hollbrunn: neunzehntausendzweihundert.
Rauhgrater auf der Ebene: Vollrath schätzte noch dreißigtausend. Und dazu jetzt, sagte sie, ohne den Blick zu heben, alle, die unten geblieben waren.
Bre'kar hörte es im Stehen an und nickte einmal, das Nicken eines Mannes, der die Rechnung gesehen und bezahlt hat, und ging auf den Wehrgang über Tor Zwei.
Vel'Schwur wartete dort. Der Ordenspriester hatte in dieser Nacht die Litaneien für die Gefallenen der letzten beiden Tage gesprochen und die Namen der Gefallenen in das Buch getragen, das er in seinem Kopf führte, und er sah Bre'kar mit dem Blick eines Mannes an, der etwas zu sagen hatte und wartete, ob er es sagen musste.
„Zeig es mir“, sagte er.
Bre'kar gab ihm das Buch. Vel'Schwur las die Zeilen vom zehnten Tag noch einmal, dann die neue, die darunter stand, mit dem Datum des zwölften.
Tore geschlossen um Mitternacht des elften Tages. In Salzgrund verblieben: dreiundzwanzigtausend. Sie wurden gefragt. Nicht alle konnten antworten. Ich habe sie zurückgelassen.
Der Ordenspriester sah lange auf das letzte Wort. Dann gab er das Buch zurück.
„Du hast es geschrieben“, sagte er.
„Es steht in meinem Buch, mit Datum. Es wird dort auch stehen, wenn es unbequem wird.“
„Es ist jetzt unbequem.“
„Ja.“
Vel'Schwur sah hinunter auf Salzgrund. Unten, in den Gassen, brannten bei Tag mehr Lichter als in jeder Nacht zuvor, und man konnte von hier oben sehen, wie sie sich ordneten: nicht mehr in Türschwellen und an Mauern, sondern in Reihen, in den Straßen, die auf den Platz vor den Siedehäusern führten. Jemand richtete sie aus. Jemand baute dort unten etwas, und es war keine Mauer.
„Er wird predigen“, sagte der Ordenspriester. „Vier Wochen. Jeden Tag. Und wir werden es hören.“
„Ja.“
„Und die, die noch hinaufwollen?“
„Er hat gesagt, er lässt sie.“ Bre'kar sah auf die Gradierwerke. „Ich habe gesagt, dass wir nicht wieder herunterkommen. Wir werden sehen, wer von uns beiden lügt.“
Der Vox in seinem Kragen knackte, auf der Ordensfrequenz, die niemand außer seinen Brüdern kannte. Und dann sprach die Stimme, tief, ruhig, in dem alten Gothisch, das aus der Nähe noch tiefer klang, als sei sie nur für ihn bestimmt.
„Hauptmann. Du hast ihnen die Wahl gelassen. Ich werde es bezeugen. Ich werde es ihnen jeden Tag bezeugen, bis sie es selbst können. Du bist ein ehrlicher Mann. Das ist mehr, als ich von den meisten sagen kann, die auf einer Mauer stehen.“
Bre'kar antwortete nicht. Er stellte den Vox ab, langsam, so wie man ein Werkzeug weglegt, das man noch brauchen wird.
Neben ihm sagte Vel'Schwur, sehr leise, ein Wort aus dem Reklusiam, das jeder Novize lernte und das die Ordenspriester lehrten, ohne je zu sagen, worauf es sich bezog: „Nicht jedes Feuer darf brennen, wo man es sehen kann.“
Bre'kar sah hinunter auf die Lichter in den Gassen. Auf die Reihen, die sich ordneten. Auf ein Rieseln, das nicht aufhörte, und auf eine Brücke über einem Kanal, auf der ein kleiner Mann stand und einen Schieber bediente und nicht in den Himmel sah.
„Achtundzwanzig Tage“, sagte er.
Er hatte Belagerungen gehalten, die länger dauerten. Er hatte nie eine gehalten, in der er auf jeden einzelnen davon würde hinuntersehen müssen.
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