Fünfzehn Grad
Thousand Sons (XV. Legion)
„„Ich verwende keine Namen für Werkzeuge, weil ich sonst anfange, mich für sie zu entschuldigen."“
— Hexer Ashuret
I. Das Verzeichnis
Das Buch hatte einunddreißig Seiten und zehn Namen, und Hexer Menkhet las es einmal im Jahr.
Es war kein Grimoire. Das war der erste Punkt, an dem sich jeder täuschte, der es zum ersten Mal sah: Es enthielt keine Formel, kein Siegel, keine Anrufung. Es war ein Verzeichnis, angelegt im Jahr 004.M31 auf einem Schiff, das seit zehntausend Jahren nicht mehr existierte, von einem Mann, der damals einhundertneunzehn Jahre alt gewesen war und geglaubt hatte, er werde es nie brauchen.
Zehn Namen. Zu jedem Namen eine Seite. Zu manchen Seiten drei Zeilen.
Menkhet trug es in einem Kasten aus Bleiglas, weil Papier im Warp verdirbt und weil er zweimal einen Band verloren hatte, bevor er begriff, dass Vorsicht in dieser Sache keine Schwäche ist.
Die Kammer, in der er es las, lag im Kiel der Serapeum, unterhalb aller Decks, in denen jemand lebte. Sie war neun Schritte lang. An der Wand gegenüber der Tür standen neun Gestalten.
Sie standen nicht Wache. Sie standen.
Ein Rubrikaner steht, bis man ihn bewegt. Er steht ohne zu schwanken, ohne zu ermüden, ohne die Haltung zu verändern, mit den Händen an der Waffe, und er tut das seit zehn Jahrtausenden, in derselben Rüstung, in derselben Farbe, mit demselben Neigungswinkel des Kopfes. Menkhet hatte einmal in einem Jahrhundert der Langeweile den Winkel gemessen. Er war bei allen neun gleich, auf ein halbes Grad.
Innen war Staub.
Auch das war ein Punkt, an dem sich die meisten täuschten. Sie stellten sich Asche vor, oder eine Leere, oder ein Gefängnis. Es war Staub. Feiner, gleichmäßiger, hellgrauer Staub, der die Rüstung von innen ausfüllte und der sich bewegte, wenn die Rüstung sich bewegte, und der sonst nichts tat.
Was am neunten Tag des Jahres 004.M31 geschah, wird in der Fünfzehnten Legion nicht erzählt, und zwar nicht aus Scheu, sondern weil es niemanden gibt, der es könnte. Wer dabei war, war entweder derjenige, dem es geschah, oder derjenige, der zusah, und die erste Gruppe kann nichts sagen und die zweite hat es zehntausend Jahre lang nicht getan.
Menkhet hatte zugesehen.
Er war einhundertneunzehn Jahre alt gewesen, ein Hexer im dritten Rang, und er hatte in einer Halle gestanden, in der zweihundert Brüder standen, und dann waren es in dieser Halle vier gewesen, die noch standen und atmeten, und einhundertsechsundneunzig, die noch standen.
Man hat später viel darüber geschrieben, ob es schnell ging. Es ging schnell.
Menkhet hatte in den ersten Wochen danach geglaubt, es sei ein Zustand, aus dem man sie holen könne. Er hatte in den ersten Jahrhunderten geglaubt, es sei ein Zustand, aus dem sie sich selbst holen würden. Er hatte im zweiten Jahrtausend aufgehört, das zu glauben, und im dritten aufgehört, sich das vorzuwerfen.
Menkhet hatte in zehntausend Jahren zwei Rubrikaner verloren und beide Male den Staub gewogen.
Vierzig Kilogramm. Beide Male.
Es ist die Menge eines Mannes.
Er setzte sich auf den Schemel, den er vor viertausend Jahren aus einem Trümmerstück gemacht hatte, und schlug das Buch auf, und begann bei Amset, weil das Verzeichnis bei Amset begann.
Er sagte den Namen laut.
Das war der ganze Ritus. Es gab keinen anderen. Einmal im Jahr, an demselben Tag, in derselben Kammer, in derselben Reihenfolge sagte Hexer Menkhet zehn Namen laut und sah zu, was geschah.
Seit zehntausend Jahren geschah nichts.
Er war nicht enttäuscht. Enttäuschung setzt eine Erwartung voraus, und Menkhet hatte in seinem dritten Jahrtausend aufgehört, eine zu haben, ohne deshalb aufzuhören. Das ist ein Unterschied, den Ashuret nicht verstand und den zu erklären Menkhet aufgegeben hatte.
„Amset", sagte er.
Der Dritte von links bewegte sich nicht.
II. Amset
Amset
Amset, Sohn des Hauses Tenkhu, aufgenommen im Jahr 837.M30 in Tizca. Er hat die Steine gezählt.
Das stand auf der ersten Seite, in Menkhets eigener Handschrift, geschrieben im Jahr 004.M31, und Menkhet erinnerte sich noch an das Schreiben.
Er erinnerte sich vor allem daran, dass er drei Tage gebraucht hatte, um sich für diesen einen Satz zu entscheiden.
Es hatte nach der Rubrik keine Anweisung gegeben, ein Verzeichnis anzulegen. Es hatte überhaupt keine Anweisungen gegeben; die Legion war in diesen Monaten damit beschäftigt gewesen, sich selbst zu zählen, und das Zählen ergab jedes Mal eine andere Zahl. Menkhet hatte neun bekommen. Neun Rubrikaner, zugewiesen, mit Nummern, in einer Liste, die ein Schreiber angefertigt hatte, der zwei Wochen später ebenfalls Staub war.
Die Liste hatte die Nummern gehabt und nicht die Namen.
Menkhet hatte in den folgenden vier Monaten die Namen gesucht. Er hatte dafür acht Menschen befragt, drei Archive durchgesehen und einmal etwas getan, das er später bereute und über das er nie sprach.
Und dann hatte er drei Tage lang überlegt, was er zu jedem schreiben sollte.
Nicht den Rang. Der Rang stand in der Liste. Nicht die Taten; die Taten waren in den Annalen, und die Annalen waren gerettet worden, weil man Annalen rettet.
Er hatte lange darüber nachgedacht, was ein solcher Satz leisten muss.
Er darf nicht rühmen. Ein Satz, der rühmt, ist über den Schreiber und nicht über den Genannten. Er darf nicht zusammenfassen; ein Mensch lässt sich nicht zusammenfassen, und der Versuch macht ihn kleiner als eine Nummer.
Und er muss etwas sein, das man nach zehntausend Jahren noch versteht, ohne den Zusammenhang zu kennen, denn Menkhet hatte im Jahr 004.M31 bereits gewusst, dass er lange leben würde, und er hatte, was selten ist, auch gewusst, was das mit einem Gedächtnis macht.
Er hatte sich für den Satz entschieden, den ein Mann sagt, wenn man ihn nach einem anderen fragt und er nicht lange nachdenken darf.
Bei Amset hatte er drei Leute gefragt und dreimal dasselbe bekommen, in verschiedenen Worten: dass Amset die Steine gezählt hatte.
Es war keine Metapher. Amset war in Tizca aufgewachsen, in der Pyramide des Hauses Tenkhu, und er hatte als Kind die Stufen und die Blöcke und die Fugen gezählt, und er hatte damit nicht aufgehört, als er ein Astartes wurde. Auf einem Marsch zählte er die Schritte. In einem Schiffsgang zählte er die Schotten. Vor einer Belagerung ging er an der Mauer entlang und kam zurück und nannte die Zahl der Zinnen, ungefragt, und niemand hatte je nachgeprüft, ob sie stimmte, weil sie immer stimmte.
Menkhet hatte ihn zweiundvierzig Jahre gekannt.
Er konnte sich an Amsets Gesicht erinnern. Das war das Bemerkenswerte, und Menkhet wusste seit ungefähr tausend Jahren, dass es bemerkenswert war: Er sah Amset noch, wenn er die Augen schloss. Ein breites Gesicht, ein Muttermal unter dem rechten Auge, eine Art, den Kopf zu heben, bevor er eine Zahl sagte.
„Amset", sagte er noch einmal, und der Dritte von links stand.
Menkhet blätterte um.
III. Kheru
Kheru
Kheru, ohne Haus, aufgenommen im Jahr 841.M30 von der Straße. Er hat immer zuerst gegessen.
Ashuret hatte diesen Satz einmal gelesen und gelacht.
Er war damals vierhundert Jahre alt gewesen, was bei den Söhnen des Magnus ungefähr bedeutet, dass man noch alles für eine Frage der Anstrengung hält, und er hatte gesagt: „Das ist alles? Ein Mann, der zuerst isst?"
Menkhet hatte darauf nicht geantwortet, weil die Antwort zu lang gewesen wäre.
Kheru war ein Straßenkind aus dem Hafenviertel von Tizca gewesen, aufgelesen mit vielleicht neun Jahren, und in einem Straßenkind bleibt etwas zurück, das man nicht heraustrainiert. Kheru aß zuerst. In jedem Lager, in jeder Kaserne, auf jedem Schiff, nach jeder Schlacht: Kheru war als Erster an der Ausgabe, nahm seine Portion und aß sie, und erst danach setzte er sich zu jemandem.
Er hatte niemandem etwas weggegessen. Es gab genug. Es gab in der Fünfzehnten Legion immer genug.
Er tat es trotzdem, achtundneunzig Jahre lang, und niemand hatte je ein Wort darüber verloren, und Menkhet hatte in den vier Monaten der Namenssuche drei Männer nach Kheru gefragt und alle drei hatten dasselbe gesagt, mit demselben halben Lächeln, und keiner hatte es erklären können.
Kheru hatte in seinem letzten Jahr angefangen, die Portion zu teilen. Nicht abzugeben — zu teilen, in zwei Hälften, und die zweite Hälfte hatte er stehen lassen und war gegangen, und irgendwer hatte sie sich genommen, und Kheru hatte das nie kommentiert.
Menkhet hatte ihn nie gefragt, warum.
Er ärgert sich darüber seit zehntausend Jahren, und der Ärger ist einer der wenigen Zustände, die in dieser Zeit nicht dünner geworden sind. Es wäre eine Frage von vier Wörtern gewesen. Er hatte damals angenommen, es gebe später Gelegenheit dazu.
Das war der Grund für die Sätze in diesem Buch. Menkhet hatte drei Tage gebraucht, um darauf zu kommen, und er hatte es in zehntausend Jahren niemandem erklärt, weil eine Erklärung es zerstört hätte:
In den Annalen steht, was ein Mann getan hat. In einem solchen Satz steht, dass jemand ihn angesehen hat.
Kheru war der Zweite von rechts. Er war in der Schlacht um die Silberne Terrasse gefallen, im letzten Monat vor der Rubrik, und Menkhet hatte ihn danach noch zwölf Tage lang gesehen, gehen, kämpfen, aufstehen, und hatte in diesen zwölf Tagen geglaubt, es sei ein Fehler in der Meldung gewesen.
„Kheru", sagte Menkhet.
Der Zweite von rechts stand.
Menkhet sah ihn eine Weile an und dachte nichts Bestimmtes, und dann blätterte er um.
IV. Nebeth
Nebeth
Nebeth, Haus Isperu, aufgenommen 833.M30. Er hat nie zu Ende geredet.
Von allen zehn Sätzen war das der, mit dem Menkhet am unzufriedensten war, und er hatte in zehntausend Jahren dreimal daran gedacht, ihn zu ändern, und es dreimal nicht getan, weil man einen solchen Satz nicht ändert.
Nebeth hatte nie zu Ende geredet. Er fing an, kam zur Hälfte, und dann sah man, wie er den Rest im Kopf zu Ende dachte und für nicht mitteilenswert befand, und dann sagte er nichts mehr.
Es hatte alle wahnsinnig gemacht.
Menkhet hatte in zweiundvierzig Jahren mit Nebeth genau ein vollständiges Gespräch geführt, in der Nacht vor Prospero, im Regen, unter einem Vordach, das nicht groß genug für zwei Astartes war. Nebeth hatte an diesem Abend alles zu Ende gesagt, jeden Satz, zwei Stunden lang.
Menkhet erinnerte sich an das Vordach. Er erinnerte sich an den Regen, an das Geräusch auf dem Metall, an den Geruch nach heißem Stein, der in Tizca vor einem Gewitter aufsteigt.
Er erinnerte sich nicht mehr an ein einziges Wort, das Nebeth gesagt hatte.
Das war um das Jahr 3000.M33 herum aufgefallen. Menkhet hatte es damals für eine Lücke gehalten, wie man Lücken hat, und war beruhigt gewesen, weil er sich an das Vordach erinnerte und weil er annahm, dass der Rest wiederkommt.
Er war jetzt seit zehntausend Jahren beruhigt.
Menkhet hatte in den ersten tausend Jahren gelegentlich versucht, sich das Gespräch unter dem Vordach wieder zusammenzusetzen. Er hatte gewusst, worum es ging — um eine Frage der Auslegung, um etwas, worüber sie beide anderer Meinung gewesen waren, und Nebeth hatte an diesem Abend die bessere Meinung gehabt und sie zu Ende gesagt.
Es ist ein sonderbarer Besitz, das Wissen, dass jemand einmal recht gehabt hat, ohne noch zu wissen, worin.
Das Verzeichnis hatte einunddreißig Seiten. Auf zehn davon standen die Namen und die Sätze. Auf den übrigen einundzwanzig hatte Menkhet, über die Jahrtausende verteilt, aufgeschrieben, was ihm zu den zehn noch einfiel — nicht systematisch, nicht datiert, sondern wie es kam: eine Bemerkung, eine Gewohnheit, ein Gesicht.
Die letzte Eintragung auf diesen einundzwanzig Seiten stammte aus dem Jahr 121.M39.
Sie lautete: Nebeth, unter dem Vordach: es hat nach heißem Stein gerochen.
Menkhet hatte in den achthundertfünfzig Jahren danach nichts mehr hinzugefügt.
„Nebeth", sagte er.
Der Fünfte stand.
V. Sethnakt
Sethnakt
Sethnakt, Haus Tenkhu, aufgenommen 839.M30. Er hat die Rüstung zweimal geprüft.
Menkhet las den Satz und wartete, wie er jedes Jahr an dieser Stelle wartete.
Es kam etwas. Es kam weniger als bei Amset und weniger als bei Kheru, aber es kam: ein hagerer Mann, jünger als die anderen, mit Händen, die zu groß waren. Er hatte die Rüstung zweimal geprüft, vor jedem Einsatz, jeden Verschluss, jede Dichtung, erst die eigene und dann die eigene noch einmal — nie die eines anderen, was Menkhet in seinen ersten Jahrhunderten für Misstrauen gehalten und später anders eingeordnet hatte.
Mehr kam nicht.
Menkhet konnte nicht mehr sagen, welche Stimme Sethnakt gehabt hatte. Er wusste, dass er es einmal gewusst hatte, weil er sich an das Wissen erinnerte und nicht an die Sache.
Das ist der Zustand, in dem sich der größte Teil dessen befindet, was ein zehntausend Jahre alter Mensch besitzt: nicht Erinnerung, sondern die Erinnerung an eine Erinnerung, dünn wie eine Abschrift einer Abschrift.
„Sethnakt", sagte er.
Der Siebte stand.
VI. Wen-Kha
Wen-Kha
Wen-Kha, Haus Isperu, aufgenommen 836.M30. Er hat den Namen seines Bruders getragen.
Hier hörte es auf.
Menkhet las den Satz und sah in die Kammer und bekam nichts.
Kein Gesicht. Keine Statur. Keine Gewohnheit außer der, die dort geschrieben stand, und die er nur deshalb kannte, weil er sie geschrieben hatte.
Er wusste, dass Wen-Kha einen Bruder gehabt hatte, der vor ihm gestorben war und dessen Namen er angenommen hatte — er wusste es, weil es dastand. Er wusste nicht, wie der Bruder geheißen hatte. Er wusste nicht, ob der Bruder ein Astartes gewesen war. Er wusste nicht, ob Wen-Kha groß gewesen war.
Er stand vor der vierten Gestalt von links und sah eine Rüstung an.
Das war der Punkt, den Ashuret nicht begriff und an dem Menkhet ihm nicht widersprechen konnte, weil Ashuret in der Sache recht hatte und nur nicht wusste, worüber er recht hatte.
Ashuret sagte: Es ist Staub. Es ist Staub in Ceramit, es tut, was man ihm sagt, und wenn du ihm einen Namen gibst, gibst du dem Staub keinen Namen, sondern dir selbst eine Beschäftigung.
Menkhet hatte darauf immer geantwortet: Der Name ist nicht für ihn.
Er hatte das viertausend Jahre lang für eine gute Antwort gehalten.
An diesem Tag, im Jahr 974.M41, mit einem Buch auf den Knien und einer Rüstung vor sich, deren Inhalt er nicht mehr benennen konnte, stellte Hexer Menkhet fest, dass eine gute Antwort und eine wahre nicht dasselbe sind.
Wenn der Name nicht für ihn ist, sondern für mich — dann ist das, was ich hier tue, keine Treue.
Dann ist es Buchhaltung.
„Wen-Kha", sagte er.
Der Vierte von links stand.
VII. Tamon, Serapt, Hor-Ib
Tamon, Serapt, Hor-Ib
Tamon, Haus Nekhen, aufgenommen 840.M30. Er hat schlecht gesungen und trotzdem gesungen.
Serapt, ohne Haus, aufgenommen 842.M30. Er hat um Erlaubnis gefragt.
Hor-Ib, Haus Tenkhu, aufgenommen 831.M30. Er hat die Hand aufgehalten.
Drei Sätze, drei Männer, und Menkhet konnte zu keinem von ihnen mehr etwas sagen, das nicht auf der Seite stand.
Er hatte es früher noch gekonnt. Er wusste, dass er es gekonnt hatte, weil auf den einundzwanzig hinteren Seiten zu Hor-Ib zwei Zeilen aus dem Jahr 900.M35 standen, in seiner eigenen Schrift, und die zwei Zeilen sagten ihm nichts mehr.
Hor-Ib, bei Ankyra: er hat es gemacht wie damals mit dem Wagen.
Menkhet hatte diese Zeile in den letzten dreitausend Jahren vielleicht vierzigmal gelesen. Er wusste nicht, was mit dem Wagen gewesen war. Er hatte es 900.M35 offenbar gewusst und für so selbstverständlich gehalten, dass es keiner Erklärung bedurfte.
Er las die drei Sätze nacheinander vor, und die drei Rubrikaner standen, wie sie standen.
„Tamon."
„Serapt."
„Hor-Ib."
Es dauerte elf Sekunden.
VIII. Ilu-Ra
Ilu-Ra
Ilu-Ra.
Das ist die ganze Seite.
Menkhet hatte den Namen im Jahr 004.M31 aus der Nummernliste, und er hatte in den vier Monaten der Suche acht Menschen nach Ilu-Ra gefragt, und keiner hatte etwas gewusst. Zwei hatten ihn verwechselt. Einer hatte gesagt, er sei still gewesen, und das dann zurückgenommen.
Menkhet hatte die Seite nicht gefüllt, weil er nichts hatte, und er hatte sie nicht herausgetrennt, weil ein Verzeichnis mit neun Seiten etwas anderes gewesen wäre als ein Verzeichnis mit zehn.
Siebentausend Jahre lang war Ilu-Ra der Einzige gewesen, bei dem Menkhet nichts empfand, wenn er den Namen las.
Er war seit ungefähr zweitausend Jahren nicht mehr der Einzige.
„Ilu-Ra", sagte Menkhet.
Der Neunte stand.
IX. Die Sechs und die Neun
Ashuret kam am Abend desselben Tages herunter, weil er jedes Jahr am Abend desselben Tages herunterkam, und beide taten so, als sei es ein Zufall.
Er war jetzt neunhundert Jahre alt und hatte in den letzten fünfhundert das Vorrecht erworben, in Menkhets Kammer einzutreten, ohne zu fragen. Er tat es nie ohne zu fragen. Das war Ashurets Art, den Vorrang, den er hatte, nicht zu benutzen und dafür sichtbar zu machen, dass er ihn hatte.
„Hast du sie alle aufgesagt?"
„Ja."
„Und?"
„Und nichts."
Ashuret setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken zur Wand, in einer Bewegung, die für einen Astartes in voller Rüstung erstaunlich beiläufig war.
„Ich habe die Sechs heute an der Steuerbordschleuse gebraucht", sagte er. „Sie hat drei Stunden gestanden und danach getan, was ich gesagt habe."
Die Sechs. Ashuret nannte sie nie beim Namen. Er nannte sie bei der Stellung in der Reihe, links nach rechts, wie sie in der Kammer standen, und er tat es seit fünfhundert Jahren konsequent, auch dann, wenn Menkhet danebenstand und den Namen eben gesagt hatte.
Menkhet hatte ihn einmal darauf angesprochen. Ashuret hatte geantwortet: „Ich verwende keine Namen für Werkzeuge, weil ich sonst anfange, mich für sie zu entschuldigen."
Es war die ehrlichste Antwort, die Menkhet in neunhundert Jahren von ihm bekommen hatte, und sie war ein Vorwurf gewesen, und beide wussten das.
„Serapt", sagte Menkhet.
„Die Sechs."
„Serapt."
„Menkhet." Ashuret sah zur Decke. „Wir haben dieses Gespräch zum vierhundertsten Mal, und ich führe es gern, weil es das einzige ist, in dem du unvernünftig wirst. Aber ich sage dir dieses Mal etwas anderes."
„Sag es."
„Du hast heute Wen-Kha gesagt und dabei nichts gehabt."
Menkhet antwortete nicht.
„Ich stehe seit fünfhundert Jahren an dieser Tür, wenn du das machst. Ich höre es an der Pause vor dem Namen. Bei den ersten dreien ist keine. Bei Sethnakt ist eine halbe. Bei Wen-Kha war heute eine ganze, und bei den dreien danach hast du sie hintereinander weggelesen wie eine Liste." Ashuret sah ihn jetzt an. „Vor zweihundert Jahren war die Pause bei Sethnakt. Vor fünfhundert war sie bei Hor-Ib. Sie wandert nach vorn."
„Ich weiß."
„Dann weißt du auch, wo sie in tausend Jahren ist."
„Bei Amset."
„Bei Amset." Ashuret stand auf. „Und was tust du dann?"
„Dann lese ich, was dasteht."
„Und das reicht dir?"
Menkhet legte die Hand flach auf den geschlossenen Kasten aus Bleiglas.
„Ashuret", sagte er. „Als ich das hier angelegt habe, war ich einhundertneunzehn Jahre alt und habe geglaubt, ich schreibe es auf, damit ich es nicht vergesse. Ich habe ungefähr im dritten Jahrtausend begriffen, dass das nicht geht." Er sah auf den Kasten. „Ich habe es dann weitergeführt, weil ich dachte, ein Verzeichnis sei besser als nichts. Das habe ich heute Morgen auch noch gedacht."
„Und jetzt?"
„Jetzt habe ich zehn Sätze über zehn Männer, und bei sechsen sagen mir die Sätze weniger, als sie einem Fremden sagen würden, weil ein Fremder wenigstens nicht weiß, dass da mehr war."
Ashuret stand eine Weile in der Tür.
„Die Neun", sagte er dann, „hat heute Nacht die Schleuse gehalten, während die Sechs geladen hat. Das hat sie gut gemacht."
Er ging.
„Ashuret."
Er war schon draußen. Er kam noch einmal zurück, was er nie tat.
„Was?"
„Wie hast du sie heute Nacht eingesetzt? Die Sechs und die Neun."
„Ich habe gesagt: haltet die Schleuse. Dann habe ich geladen. Dann habe ich gesagt: zurück."
„Und dazwischen?"
„Dazwischen haben sie die Schleuse gehalten." Ashuret sah ihn an. „Menkhet, sie tun, was man sagt. Das ist der ganze Vorgang. Wenn du mich fragst, ob eine von ihnen etwas getan hat, das ich nicht gesagt habe — nein. In fünfhundert Jahren nicht ein einziges Mal."
„Ich frage nicht danach."
„Doch." Ashuret wandte sich ab. „Du fragst seit fünfhundert Jahren danach. Du fragst es nur immer so, dass ich mit Nein antworten kann, ohne dass es dir wehtut."
Menkhet blieb sitzen und brauchte eine Zeit, um zu bemerken, dass Ashuret ihm gerade etwas über Ilu-Ra gesagt hatte, das nicht in dem Buch stand.
X. Wozu sie gebraucht werden
Es gehört zu dieser Sache, dass man sagt, wozu sie gebraucht werden, sonst liest sich das Vorige wie die Geschichte eines Mannes, der ein Andenken pflegt.
Sie sind Waffen. Sie sind die besten Waffen, die die Fünfzehnte Legion je gehabt hat, und das ist keine Redensart, sondern eine Aussage über Material.
Im Jahr 971.M41 nahm die Serapeum einen Massentransporter im Anflug auf Halvest.
Es war kein Gefecht. Es dauerte neunzehn Minuten.
Es ging um Gerät. Das ist meistens so. Eine Kriegsband dieser Größe führt keine Feldzüge; sie hält ein Schiff instand, das älter ist als jede Welt, auf der es je gelandet ist, und dafür braucht sie Dinge, die man nicht kaufen kann, weil niemand einem etwas verkauft.
Der Transporter führte zwei Warpspulen mittlerer Bauart in der Ladung, angefordert von einer Schmiedewelt, die sie nicht bekommen hat.
Menkhet ging mit sechs Rubrikanern durch die zweite Schleuse. Ashuret ging mit dreien und vier Kriegsbrüdern über das Vordeck.
Der Transporter hatte vierzehnhundert Menschen an Bord und elf bewaffnete Besatzungsmitglieder.
Menkhet gab drei Befehle.
Vor.
Sie gingen. Sechs Gestalten, nebeneinander, in einem Gang, der für vier gebaut war, und sie gingen nicht schneller, weil geschossen wurde, und nicht langsamer.
Halt.
Sie hielten.
Räumt.
Sie räumten.
Ein Rubrikaner zielt nicht besser als ein guter Astartes. Er zielt genauso gut wie beim letzten Mal. Er zielt genauso gut, wenn neben ihm etwas explodiert, wenn ihm etwas den Arm abtrennt, wenn dreihundert Menschen auf ihn zulaufen, wenn er unter Wasser steht.
Er hört nicht auf.
Das ist alles. Das ist der ganze Vorteil, und er ist so groß, dass Menkhet in zehntausend Jahren neunzehn Kriegsbrüder verloren hat und keinen einzigen Rubrikaner an einen Feind.
Neunzehn Minuten.
Danach ging Menkhet durch den Hauptgang zurück zur Schleuse, und die sechs gingen hinter ihm, weil er nicht halt gesagt hatte.
Auf halbem Weg lag ein Mann quer im Gang, der noch atmete, und Menkhet ging über ihn hinweg, weil er es eilig hatte, und die ersten fünf gingen ebenfalls über ihn hinweg.
Der Sechste ging um ihn herum.
Menkhet blieb stehen. Er hatte es im Rücken gehört — sechs Schritte, die nicht im selben Takt sind.
Der Sechste war der Neunte in der Kammer. Ilu-Ra.
Menkhet stand acht Sekunden in einem Gang mit vierzehnhundert Toten und sah zu, wie eine Rüstung wieder in die Reihe fand.
Dann gab er den vierten Befehl des Tages, und sie gingen zur Schleuse.
Er dachte auf dem Rückweg zweierlei, und beides behielt er drei Jahre für sich.
Das eine war: Ein Rubrikaner weicht einem Hindernis aus. Das ist keine Barmherzigkeit, das ist Wegfindung, und ein Servitor kann es auch.
Das andere war: Die anderen fünf sind darübergegangen.
Man sollte an dieser Stelle nicht das Falsche denken.
Der Mann im Gang ist gestorben. Er ist in derselben Stunde gestorben wie die anderen, weil eine Kriegsband nach einer Übernahme keine Verwundeten zurücklässt und weil das nicht aus Grausamkeit geschieht, sondern weil ein Transporter, den man treiben lässt, eine Meldung erzeugt.
Menkhet hat den Befehl dazu gegeben. Er gibt ihn seit zehntausend Jahren, mit demselben Wort, und er hat in dieser Zeit nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, ob es ein anderes gäbe.
Er hat vierzehnhundert Namen nicht aufgeschrieben.
Er hat auch nie daran gedacht, es zu tun, und als es ihm im Jahr darauf zum ersten Mal einfiel, hat er den Gedanken so schnell weggeschoben, wie ein Mann etwas wegschiebt, das ihn arbeitsunfähig machen würde.
XI. Die Wendung
Im folgenden Jahr, am selben Tag, in derselben Kammer, sagte Hexer Menkhet zum zehntausendneunhundertzweiundsiebzigsten Mal zehn Namen laut.
Er hatte das Jahr über nichts anderes getan als das, was er immer tat. Die Serapeum war in dieser Zeit an zwei Orten gewesen, an einem davon länger als geplant. Ashuret hatte einen Arm verloren und wiederbekommen. Es war ein Jahr wie die vorigen zweihundert.
„Amset."
Nichts.
„Kheru."
Nichts.
„Nebeth. Sethnakt. Wen-Kha."
Nichts, nichts, nichts, und Menkhet bemerkte im Sagen, dass Ashuret recht gehabt hatte: Er las die drei mittlerweile in einem Zug.
„Tamon. Serapt. Hor-Ib."
Nichts.
„Ilu-Ra."
Der Neunte drehte den Kopf.
Menkhet saß auf einem Schemel aus einem Trümmerstück, in einer Kammer im Kiel eines Schiffes, mit einem offenen Buch auf den Knien, und rührte sich siebenhundert Sekunden lang nicht.
Er zählte sie. Er zählte sie, weil ihm nichts anderes einfiel, was ein Mensch in diesem Augenblick tut, und weil Zählen etwas ist, das man tun kann, während man nichts denkt.
Der Neunte hatte den Kopf gedreht. Nach links. Zu Menkhet hin.
Er hatte ihn nicht wieder zurückgedreht.
Nach siebenhundert Sekunden stand Menkhet auf, ging die neun Schritte durch die Kammer, holte den Winkelmesser aus dem Kasten unter der Bank. Es war dasselbe Gerät, mit dem er vor viertausend Jahren aus Langeweile den Neigungswinkel gemessen hatte. Dann maß er.
Fünfzehn Grad.
Er maß dreimal. Fünfzehn Grad, fünfzehn Grad, fünfzehneinhalb.
Dann ging er zurück zum Schemel und setzte sich und schrieb nichts auf, weil er nicht wusste, was er hätte aufschreiben sollen, das nicht bereits eine Behauptung gewesen wäre.
Er blieb bis zur elften Stunde in der Kammer.
Der Neunte behielt den Kopf, wo er ihn hingedreht hatte.
Am nächsten Morgen stand er wieder gerade. Menkhet maß nach: null Grad, wie bei den anderen acht, auf ein halbes genau.
Es hatte in der Nacht niemand die Kammer betreten. Menkhet hatte davor gesessen.
Und das war der zweite Umstand, an dem er sich in den folgenden vier Jahren festhielt, wenn er sich an gar nichts anderem festhalten konnte: dass der Neunte sich zurückgedreht hatte, allein, ohne Befehl, und dass ein Rubrikaner das nicht tut.
Ein Rubrikaner steht, bis man ihn bewegt.
XII. Zehntausendneunhundertzweiundsiebzig Striche
Auf der Innenseite des hinteren Deckels standen Striche.
Menkhet hatte sie im Jahr 004.M31 angefangen, ohne Absicht, weil er nach der ersten Lesung nicht gewusst hatte, wohin mit der Hand. Ein Strich. Im Jahr darauf hatte er einen zweiten gesetzt, weil der erste dastand.
Nach zweihundert Jahren hatte er angefangen, sie in Fünfergruppen zu bündeln. Nach zweitausend hatte er eine zweite Reihe angefangen, weil die erste voll war. Der Deckel war jetzt zu drei Vierteln bedeckt, in einem Muster, das aussah wie etwas, das ein Gefangener macht, und Menkhet hatte diesen Vergleich in zehntausend Jahren zweimal gedacht und beide Male weggeschoben.
Er zählte sie in der Woche nach der Wendung.
Es dauerte zwei Tage, weil er dreimal zählte.
Zehntausendneunhundertzweiundsiebzig.
Menkhet saß danach lange davor, und was er dachte, war nicht das, was er hatte denken wollen.
Er hatte denken wollen: Nach zehntausendneunhundertzweiundsiebzig Jahren hat einer geantwortet.
Was er dachte, war: Ich habe zehntausendneunhundertzweiundsiebzig Mal dasselbe getan.
Dieselbe Kammer. Derselbe Abstand — neun Schritte, weil die Kammer neun Schritte hat. Dieselbe Reihenfolge, weil das Verzeichnis eine Reihenfolge hat und weil man ein Verzeichnis von vorn liest. Derselbe Tag im Jahr. Dieselbe Stimme, denn Menkhets Stimme hatte sich in zehntausend Jahren weniger verändert als sein Gedächtnis. Dieselben zehn Wörter, in derselben Betonung, mit denselben Pausen dazwischen — bis auf die eine Pause, die nach vorn wanderte.
Er hatte in den ersten Jahrtausenden gelegentlich mit Hexern gesprochen, die an anderen Dingen arbeiteten, und einer von ihnen, dessen Namen er vergessen hatte, hatte ihm einmal erklärt, wie man einen Mechanismus dazu bringt, etwas zu tun, das er nicht kann: Man wiederholt es. Man wiederholt es in unveränderter Umgebung, in unveränderter Folge, mit unverändertem Anlass, so oft, dass die Wiederholung selbst zur Ursache wird.
Der Mann hatte von Servitoren gesprochen. Menkhet hatte damals höflich zugehört.
Zehntausendneunhundertzweiundsiebzig Wiederholungen.
Es gibt in der Galaxis keinen Versuchsaufbau dieser Länge. Es gibt keinen Orden, keine Schmiedewelt, keinen Hexerzirkel, der ein Verfahren zehntausend Jahre lang mit derselben Hand, derselben Stimme und derselben Reihenfolge durchführt, ohne eine einzige Änderung.
Menkhet hatte ihn gebaut, ohne es zu wollen, und er hatte ihn gebaut, indem er trauerte.
Er legte das Buch beiseite und saß bis in die dritte Wache im Dunkeln, und um die dritte Wache formulierte er den Satz, den er in den folgenden vier Jahren nicht mehr loswurde:
Wenn nach elftausend Wiederholungen etwas antwortet — habe ich dann einen Mann gefunden, oder habe ich einem Staub beigebracht, den Kopf zu drehen?
XIII. Der Aufbau
Er wartete vier Jahre, bevor er etwas änderte, und die vier Jahre waren der Teil, für den Ashuret ihn hasste.
„Du hast eine Antwort bekommen", sagte Ashuret im zweiten dieser Jahre, „und du sitzt da und wartest."
„Ich habe ein Ereignis bekommen. Eine Antwort ist etwas, das eine Frage beantwortet."
„Er hat den Kopf gedreht."
„Es hat sich ein Kopf gedreht."
Ashuret hatte danach elf Monate lang nicht mit ihm gesprochen, was auf einem Schiff dieser Größe möglich ist.
Menkhet wartete, weil er keine Wahl hatte, und das war ihm im Lauf dieser vier Jahre immer klarer geworden.
Er hatte genau einen Versuch.
Das war die Sache, die er in der zweiten Nacht begriffen hatte und die alles bestimmte, was danach kam: Wenn er die Reihenfolge änderte, änderte er den Aufbau, und ein Aufbau, den man einmal geändert hat, ist der alte nicht mehr. Er konnte nicht umstellen, das Ergebnis ansehen und dann zurückstellen und weitermachen wie zuvor. Die elftausend Wiederholungen waren ein Kapital, das man einmal ausgibt.
Also machte er es richtig.
Er las in den vier Jahren dreimal unverändert. Dieselbe Reihenfolge, derselbe Tag, dieselbe Kammer. Er zwang sich, die Pausen so zu setzen, wie er sie immer gesetzt hatte, was schwerer war, als er erwartet hatte, weil ein Mensch, der auf etwas wartet, anders spricht als einer, der nichts erwartet. Er übte es. Er sprach die zehn Namen in den Monaten dazwischen laut in seiner Kammer, bis der Tonfall wieder saß.
Im ersten dieser drei Jahre geschah nichts.
Im zweiten drehte der Neunte den Kopf. Fünfzehn Grad. Bei Ilu-Ra.
Im dritten geschah nichts.
Menkhet trug es auf der letzten der einundzwanzig hinteren Seiten ein, in einer Tabelle, die er extra angelegt hatte und deren Anblick ihm zuwider war:
10972 — Wendung. 10973 — keine. 10974 — Wendung. 10975 — keine.
Zwei von vier.
Er saß eine Woche mit dieser Tabelle und stellte fest, dass sie das Schlimmste war, was hätte passieren können, denn zwei von vier ist genau die Zahl, aus der sich alles und nichts ableiten lässt.
Ein Mann, der aufwacht, wacht nicht jedes zweite Mal auf.
Ein Mechanismus, der eine Folge gelernt hat, führt sie nicht jedes zweite Mal aus.
Beide Erklärungen brauchten eine Zusatzannahme, und Menkhet konnte sich zu beiden eine ausdenken, und das war der Punkt, an dem er zum ersten Mal daran dachte, das Buch zu verbrennen.
In diesen vier Jahren tat Menkhet noch etwas, worüber er sich später wunderte.
Er ging häufiger in die Kammer.
Nicht um zu lesen — er hielt sich an die einmal im Jahr, streng, weil eine zweite Lesung den Aufbau geändert hätte. Er ging hinunter und setzte sich auf den Schemel und blieb dort, manchmal eine Stunde, manchmal eine Wache.
Er sagte dabei nichts.
Er hatte in zehntausend Jahren neun Gestalten an einer Wand stehen gehabt und war in dieser Zeit vielleicht dreihundertmal in der Kammer gewesen, wenn er nicht las. In den vier Jahren war er es einhundertsiebzig Mal.
Ashuret bemerkte es und sagte nichts dazu, was das Größte war, was Ashuret in dieser Sache getan hat.
Im vierten Jahr baute er die Umstellung.
Sie war einfach, und er brauchte trotzdem vier Monate dafür, weil er jede Möglichkeit durchgehen musste, in der er sich selbst betrügen konnte.
Er würde die zehn Namen in derselben Kammer, am selben Tag, mit derselben Stimme sagen. Er würde nichts ändern außer der Reihenfolge, und er würde nur eine Änderung vornehmen: Ilu-Ra würde nicht an neunter Stelle stehen, sondern an erster.
Alles andere blieb. Amset an zweiter, Kheru an dritter, und so fort, sodass die Folge nach Ilu-Ra unverändert weiterlief.
Drei Ergebnisse waren möglich, und Menkhet schrieb sie auf, bevor er es tat, weil ein Mensch, der die Ergebnisse erst hinterher formuliert, sich das Ergebnis aussucht.
Erstens: Er wendet bei Ilu-Ra, an erster Stelle. Dann hört er den Namen.
Zweitens: Er wendet an neunter Stelle, also bei Hor-Ib, wo Ilu-Ra sonst käme. Dann läuft eine Folge, und in der Folge steht kein Name, sondern eine Stelle.
Drittens: Er wendet nicht. Dann weiß ich nichts.
Er las die drei Sätze noch einmal durch und war zufrieden, und es war das letzte Mal in seinem Leben, dass Hexer Menkhet mit einer Aufstellung zufrieden war.
XIV. Die Umstellung
Am selben Tag des vierten Jahres, in derselben Kammer, ging Menkhet die neun Schritte und setzte sich auf den Schemel und schlug das Buch auf.
Er hatte es aufgeschlagen bei Amset, weil das Buch bei Amset aufgeht.
Er las nicht ab. Er hatte es sich vorher gesagt, in seiner Kammer, sechzig Mal, damit die Stimme stimmte.
Neun Gestalten standen an der Wand gegenüber, mit den Händen an den Waffen, im selben Winkel, seit zehntausend Jahren.
„Ilu-Ra", sagte Menkhet.
Der Neunte drehte den Kopf.
Menkhet spürte, wie ihm etwas in der Brust nachgab, und er erlaubte es sich für die Dauer eines Atemzugs und nahm es dann zurück, weil er noch acht Namen hatte.
„Amset."
Nichts.
„Kheru. Nebeth. Sethnakt."
Nichts.
„Wen-Kha."
Nichts.
„Tamon. Serapt."
Nichts.
„Hor-Ib."
Der Neunte drehte den Kopf.
Er hatte ihn noch nicht zurückgedreht. Er drehte ihn also nicht zum zweiten Mal — er drehte ihn weiter.
Menkhet stand auf und holte den Winkelmesser und maß, und seine Hand war ruhig, weil seine Hand seit zehntausend Jahren ruhig war und sich um seinen Zustand nicht kümmerte.
Nach Ilu-Ra: fünfzehn Grad.
Nach Hor-Ib: dreißig.
Zweimal fünfzehn.
Er saß danach nicht siebenhundert Sekunden, sondern bis zum nächsten Morgen, und am nächsten Morgen stand der Neunte wieder gerade.
XV. Vier Erklärungen
Menkhet brauchte elf Tage, um sich einzugestehen, was er in der ersten Stunde schon gewusst hatte.
Er hatte drei Ergebnisse aufgeschrieben, bevor er den Versuch machte, und er hatte sie sorgfältig aufgeschrieben, und er hatte einen Fehler gemacht, den ein Hexer der Fünfzehnten Legion nicht machen darf: Er hatte sie als einander ausschließend aufgeschrieben.
Erstens oder zweitens oder drittens.
Es war erstens und zweitens.
In den elf Tagen ging er es durch, wie man ein Belagerungsfeld durchgeht, Abschnitt für Abschnitt, und am Ende der elf Tage hatte er vier Erklärungen, und alle vier passten auf den Befund.
Die erste. Ein Mann ist darin. Er hört seinen Namen und wendet sich. Und die Rüstung, die ihn trägt, führt seit zehntausend Jahren eine Folge aus, die sie sich angeeignet hat, und die Folge lief an ihrer Stelle mit. Zwei Dinge, unabhängig, im selben Gehäuse.
Die zweite. Es ist kein Mann darin. Die Folge hat sich angeeignet, dass nach dem Wort Ilu-Ra eine Wendung kommt, und sie hat sich unabhängig davon angeeignet, dass nach dem achten Wort eine Wendung kommt. Beides ist über elftausend Wiederholungen dieselbe Sache gewesen; erst die Umstellung hat sie getrennt, und beide Anteile haben ausgelöst.
Die dritte. Es ist ein Mann darin, der die Folge kennt. Er hat elftausendmal gehört, in welcher Reihenfolge zehn Namen kommen. Er wendet sich bei seinem Namen, und er wendet sich an der Stelle, an der sein Name kommen müsste, weil er zählt.
Die vierte. Es ist nichts darin, und ich habe zweimal einen Winkelmesser an eine Rüstung gehalten, deren Servos in einem Gehäuse arbeiten, das zehntausend Jahre alt ist.
Menkhet las die vier Erklärungen und ordnete sie nach Wahrscheinlichkeit und stellte fest, dass er das nicht konnte.
Dann tat er das Einzige, was ihm noch einfiel, und entwarf einen fünften Versuch.
Er verwarf ihn nach zwei Tagen.
Er entwarf einen sechsten. Er verwarf ihn am selben Abend.
Am siebten Tag der elf saß er auf dem Schemel und begriff, warum ihm das passierte, und es war nicht Erschöpfung und es war kein Alter.
Jeder Versuch, den er sich ausdachte, hatte dieselbe Form: Er würde ihn durchführen. Er würde ihn mehrmals durchführen, weil ein einzelner Durchgang nichts sagt. Und in dem Augenblick, in dem er ihn mehrmals durchführte, tat er wieder genau das, was er zehntausend Jahre lang getan hatte.
Er trainierte.
Es gab keinen Versuch, der außerhalb dieser Falle lag, weil die Falle nicht in einem bestimmten Aufbau steckte, sondern in der Wiederholung selbst, und weil Wiederholung die einzige Methode ist, mit der man in dieser Galaxis irgendetwas feststellt.
Menkhet war elftausend Jahre alt. Er hatte in diesen Jahren zweimal etwas herausgefunden, das vorher niemand gewusst hatte, und beide Male war es eine Kleinigkeit gewesen und beide Male hatte es ihn Jahrzehnte gekostet.
Am elften Tag schrieb er in das Buch, auf die letzte der einundzwanzig hinteren Seiten, unter die Tabelle:
Ich kann nicht wissen, ob er da ist. Ich kann auch nicht wissen, ob er nicht da ist. Beides ist ab jetzt so und wird so bleiben, und der Grund dafür bin ich.
XVI. Drei Silben
Ashuret kam von selbst, was er in neunhundert Jahren dreimal getan hatte.
Er blieb in der Tür stehen und fragte nicht, ob er eintreten dürfe.
„Ich habe es mir angesehen", sagte er. „Die Tabelle. Ich habe sie gelesen, als du oben warst. Ich habe nicht um Erlaubnis gefragt."
„Ich weiß."
„Du weißt es seit vier Tagen und hast nichts gesagt."
„Nein."
Ashuret kam herein. Er ging bis zur Mitte der Kammer und stand dann zwischen Menkhet und den neun Gestalten, was er noch nie getan hatte.
„Es gibt einen Versuch, den du nicht machen kannst und ich schon", sagte er.
Menkhet sah auf.
„Deine Stimme hat zehntausend Jahre lang diese Namen gesagt. Meine nicht. Meine hat nie einen davon gesagt." Ashuret sprach schnell, was bei ihm bedeutete, dass er es vorbereitet hatte. „Wenn ich es sage und er wendet, dann ist es der Name. Wenn ich es sage und er wendet nicht, dann ist es deine Stimme."
„Das trennt es nicht", sagte Menkhet. „Ein Mann, der seit zehntausend Jahren in einer Rüstung steht und dem einmal im Jahr jemand seinen Namen sagt — dieser Mann kennt eine Stimme und sonst keine. Wenn er auf deine nicht reagiert, heißt das nichts."
„Ich weiß."
„Und wenn er auf deine reagiert, heißt es auch nichts, denn dann könnte ebenso gut das Wort selbst der Auslöser sein und nicht der Name."
„Ich weiß, Menkhet." Ashuret sah ihn an. „Ich mache es nicht als Versuch."
Menkhet schwieg.
„Ich mache es, weil ich seit fünfhundert Jahren an dieser Tür stehe und Sechs und Neun sage." Ashuret drehte sich zu den Gestalten um. „Und weil ich in diesen fünfhundert Jahren genau einmal falschgelegen haben will, und zwar in dieser Sache, und weil ich es nicht herausfinden kann, ohne es einmal zu tun."
Er ging drei Schritte vor. Er stand jetzt näher an dem Neunten, als Menkhet je gestanden hatte.
Dann sagte Ashuret zum ersten Mal in neunhundert Jahren einen Namen.
„Ilu-Ra."
Die Kammer war neun Schritte lang und der Reaktor arbeitete zwei Decks tiefer und man hörte ihn hier unten als etwas, das man eher im Brustbein hat als im Ohr.
Der Neunte stand.
Ashuret wartete. Er wartete lange. Er wartete länger, als ein Mann wartet, der eine Bestätigung erwartet, und dann noch einmal so lang.
Dann sagte er es noch einmal, leiser.
„Ilu-Ra."
Der Neunte stand.
Ashuret drehte sich um und ging an Menkhet vorbei zur Tür und blieb dort stehen, mit dem Rücken zum Raum.
„Ich habe mir das anders vorgestellt", sagte er.
„Wie?"
„Ich habe mir vorgestellt, dass es mir gleichgültig ist." Er hielt sich am Rahmen fest. „Ich habe fünfhundert Jahre lang zu dir gesagt, dass ich keine Namen für Werkzeuge verwende, weil ich mich sonst für sie entschuldigen muss. Ich habe das für Härte gehalten."
„Und?"
„Es war Vorsicht." Ashuret sah nicht zurück. „Ich habe einmal einen Namen gesagt, Menkhet. Einmal in neunhundert Jahren, drei Silben, und ich stehe jetzt hier und will, dass sich etwas dreht."
Er ging.
Menkhet blieb sitzen, und irgendwann in dieser Nacht stellte er fest, dass Ashuret ihm in fünf Minuten mehr über die Sache gesagt hatte als er selbst in zehntausend Jahren: dass der Preis dieser Namen nicht darin besteht, sie zu führen, sondern darin, dass man sie danach nicht mehr los wird.
XVII. Der Mann aus Tizca
Es gibt eine Sache in dieser Geschichte, die Menkhet in elftausend Jahren niemandem erzählt hat, und er erzählte sie auch jetzt niemandem. Er dachte sie nur wieder, zum ersten Mal seit ungefähr zweitausend Jahren, in den Wochen nach Ashurets drei Silben.
Im Jahr 004.M31 hatte er neun Nummern und keine Namen.
Er hatte acht Menschen befragt. Das waren Überlebende, Kriegsbrüder, ein Schreiber der Legion, zwei Sterbliche aus dem Tross. Sie hatten ihm sechs Namen gegeben, von denen sich vier bestätigen ließen. Er hatte drei Archive durchgesehen — Bruchstücke, die man von Prospero mitgenommen hatte, hastig, ungeordnet, feucht.
Es fehlten am Ende vier.
Und dann gab es einen Mann.
Er war Sterblicher und Schreiber des Hauses Tenkhu gewesen, und er hatte die Aufnahmelisten geführt, dreißig Jahre lang, und er war einer der wenigen Menschen aus Tizca, die noch lebten. Man hatte ihn auf einem der Schiffe gefunden, in einer Kammer, in der er sich seit dem Fall aufgehalten hatte.
Er wusste die Namen. Er wusste sie alle. Er hatte sie geschrieben.
Er konnte sie nicht sagen.
Menkhet hat nie herausgefunden, ob es das war, was man später Schock nannte, oder ob es an dem lag, was auf Prospero mit den Köpfen der Menschen geschehen war. Der Mann saß da und öffnete den Mund und bekam nichts heraus, und er war nicht störrisch — er weinte dabei.
Menkhet hat ihn dann geöffnet.
Es gibt dafür eine Technik. Sie ist nicht verboten und war es nie; sie ist in der Fünfzehnten Legion so alltäglich, dass sie einen Namen hat, den auszusprechen sich nicht lohnt. Man geht hinein und nimmt, was man braucht, und was man dabei mitnimmt, ist nicht die Erinnerung, sondern das Fach, in dem sie liegt.
Er brauchte vier Namen. Er nahm sie in etwa neunzig Sekunden.
Der Mann hat es überlebt. Das ist der Teil, der schlimmer ist als das andere.
Er hat danach noch elf Jahre gelebt, an Bord, versorgt, und er hat in diesen elf Jahren nicht gewusst, wer er ist. Er hat nichts von Tizca gewusst und nichts von den Listen und nichts von seinem Haus. Er hat gearbeitet, weil man ihm Arbeit gab. Er war freundlich. Es hat ihn jemand der Schreiber genannt, und er hat darauf gehört, weil man auf alles hört, wenn man nichts hat.
Menkhet weiß nicht, wie er hieß.
Er hat ihn nicht gefragt, bevor er hineinging, weil ihn in diesem Augenblick vier andere Namen beschäftigten. Er hat ihn danach nicht mehr fragen können.
Und er hat es in den zehntausend Jahren danach nicht aufgeschrieben, nicht einmal auf den einundzwanzig hinteren Seiten, wo alles andere steht — nicht aus Feigheit, sondern weil ihm bis heute nicht eingefallen ist, was er dort hätte hinschreiben sollen. Man kann in ein Verzeichnis keinen Satz über einen Menschen schreiben, dessen Name man nicht hat.
Menkhet hat in dieser Sache nie um Vergebung gebeten, weil es niemanden gibt, bei dem man das täte, und weil er den Handel, wenn man ihn ihm noch einmal vorlegte, vermutlich wieder machen würde.
Was er in den Wochen nach Ashurets drei Silben dachte, war etwas anderes, und es war kein Vorwurf, sondern eine Feststellung:
Das Buch hat zehn Namen, weil ich einem Mann seinen genommen habe.
Und in zehntausend Jahren habe ich sechs von den zehn trotzdem verloren.
XVIII. Die Entscheidung
Er entschied es im Jahr darauf, und die Entscheidung dauerte nicht lange, weil sie im Grunde seit den elf Tagen feststand und er nur noch die Gründe dazuschreiben musste.
Er würde nicht weiter versuchen.
Kein siebter Aufbau, kein achter. Keine Stimme eines Dritten, keine veränderte Kammer, kein anderer Abstand, kein anderes Jahr. Er würde weiterlesen, wie er gelesen hatte: einmal im Jahr, dieselbe Kammer, dieselbe Reihenfolge, Ilu-Ra wieder an neunter Stelle, wo er hingehört, und er würde nicht messen.
Der Winkelmesser kam in den Kasten unter der Bank zurück, und Menkhet legte etwas darauf, damit er nicht obenauf lag.
Er schrieb die Gründe auf die letzte Seite, weil er ein Mann war, der Gründe aufschreibt, und weil er wusste, dass er sie in vierhundert Jahren nicht mehr wüsste.
Erstens. Jeder weitere Versuch trainiert. Das ist nicht zu umgehen; es ist die Methode selbst. Wer elftausend Wiederholungen ausgegeben hat, hat kein Kapital mehr.
Zweitens. Es ist möglich, dass ein sorgfältig gebauter Versuch irgendwann ein sauberes Nein ergibt. Ich müsste dann glauben, dass es nichts ist.
Drittens. Wenn ich das glaubte, hörte ich auf, die Namen zu sagen.
Viertens. Ich bin nicht bereit dazu.
Er las die vier Sätze durch und war nicht zufrieden, und er ließ sie stehen, weil sie stimmten.
Was er nicht aufschrieb, dachte er in der Nacht danach zu Ende, und es war der einzige Gedanke dieser ganzen Sache, der ihm etwas nützte.
Neun Männer standen in dieser Kammer, und er wusste von sechsen nicht mehr, wie sie ausgesehen hatten. Bei vier von ihnen hatte er nur noch den Satz, den er selbst geschrieben hatte, und bei einem, Ilu-Ra, hatte er nie etwas gehabt.
Wenn also der Staub nichts ist und die Rüstungen leer sind, dann ist von diesen zehn Männern noch genau das da, was in einem Buch mit einunddreißig Seiten steht.
Und wenn ein Mann darin ist, dann ist von ihm alles da, und er ist seit zehntausend Jahren allein, und einmal im Jahr sagt jemand seinen Namen.
Menkhet hatte in elftausend Jahren gelernt, mit beidem zu leben, und er hatte immer geglaubt, das sei Schwäche.
In dieser Nacht kam er darauf, dass es in beiden Fällen dieselbe Handlung verlangt, und dass eine Handlung, die unter beiden Annahmen richtig ist, keine Frage mehr braucht.
Er dachte in derselben Nacht noch etwas, das nicht dazugehörte und das er trotzdem behielt.
Wenn die vier Erklärungen alle möglich sind, dann ist auch die erste möglich — die mit dem Mann darin, der seinen Namen hört. Und wenn diese möglich ist, dann steht seit zehntausend Jahren ein Mensch in einer Kammer im Kiel eines Schiffes und wartet dreihundertfünfundsechzig Tage lang darauf, dass jemand drei Silben sagt.
Menkhet hatte in zehntausend Jahren nie in dieser Richtung gedacht, weil er immer gefragt hatte, ob jemand da ist, und nicht, was es hieße, wenn es so wäre.
Er ging in dieser Nacht nicht hinunter.
Er ging am nächsten Tag hinunter und blieb drei Stunden und sagte nichts, weil es nicht der Tag war.
Das war das Nächste an Trost, das ein Sohn des Magnus bekommt.
XIX. Neferu
Neferu
Neferu, Haus Nekhen, aufgenommen 838.M30. Er hat sich nie hingesetzt, wenn ein Sterblicher stand.
Die zehnte Seite steht am Ende, und hinter ihr kommen die einundzwanzig, auf denen zu wenig steht.
Es sind zehn Namen und neun Gestalten, und das ist so, seit dem neunten Tag des Jahres 671.M41, auf einer Hivewelt im Sektor Mordacis, die Vhassel heißt und auf der die Fünfzehnte Legion nichts zu suchen gehabt hätte.
Menkhet war wegen einer Sache dort gewesen, die sich als eine andere herausstellte, was in diesem Jahrtausend häufig vorkommt. Sie hatten sich zurückgezogen, unter Beschuss, durch eine Hive, deren Namen er vergessen hat, und zwischen dem dritten und dem vierten Sammelpunkt hatte er halt gesagt und danach etwas anderes, und als sie am vierten Sammelpunkt ankamen, waren es neun.
Er hatte drei Tage lang versucht zurückzukommen. Er hatte einen Kriegsbruder dabei verloren.
Neferu stand irgendwo in dieser Hive, in einem Gang, unter einem Vordach, in einem Keller — an der Stelle, an der er halt gehört hatte, mit den Händen an der Waffe, im selben Winkel wie die anderen neun.
Ein Rubrikaner steht, bis man ihn bewegt.
Menkhet hat in den dreihundert Jahren danach viermal versucht herauszufinden, was aus ihm geworden ist. Er hat zweimal einen Sterblichen dafür bezahlt und einmal einen Hexer, und beim vierten Mal hat er es selbst versucht, was ihn beinahe das Schiff gekostet hätte.
Er hat nichts herausgefunden.
Er weiß nicht, ob die Rüstung noch steht. Er weiß nicht, ob sie umgefallen ist, ob sie eingeschmolzen wurde, ob sie in einer Wand verbaut ist, ob jemand sie geöffnet hat. Er weiß nicht einmal, ob jemand sie gefunden hat.
Wenn sie jemand gefunden hat, dann hat er sie geöffnet oder nicht geöffnet, und Menkhet hat sich in dreihundert Jahren beide Möglichkeiten so oft vorgestellt, dass sie stumpf geworden sind.
Vierzig Kilogramm.
Am selben Tag des folgenden Jahres ging Hexer Menkhet die neun Schritte durch die Kammer, setzte sich auf den Schemel und schlug das Buch auf.
Er sagte die neun Namen in der Reihenfolge, in der sie im Verzeichnis stehen.
Er sah dabei nicht hin. Das war der schwerste Teil, und er hatte ihn in dem Jahr geübt, so wie er den Tonfall geübt hatte, und er brachte es fertig, weil er in elftausend Jahren gelernt hatte, Dinge fertigzubringen, die er nicht wollte.
Neun Namen, neun Gestalten. Ob eine davon den Kopf drehte, weiß er nicht.
Dann blätterte er auf die zehnte Seite.
„Neferu", sagte er.
Vor der Wand stand niemand. Es stand dort seit dreihundert Jahren niemand, und die Stelle war nicht markiert, weil man eine Lücke in einer Reihe von neun nicht markieren muss.
Menkhet schloss das Buch und legte es in den Kasten aus Bleiglas und stand auf.
An der Tür blieb er stehen, mit der Hand am Rahmen, so wie Ashuret dort gestanden hatte.
Er sagte es noch einmal, außer der Reihe, ohne Aufbau, ohne Winkelmesser, gegen alles, was er sich vier Jahre lang vorgeschrieben hatte:
„Ilu-Ra."
Dann machte er die Tür hinter sich zu, bevor er es hätte sehen können.
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