Das Feuer in uns

Eine Geschichte der Feuerhüter von Nocturne

Die Feuerhüter von Nocturne

20 Min. Lesezeit

„Vulkan lehrte uns nicht, Feuer zu machen. Er lehrte uns, es zu hüten, wenn niemand mehr hinsieht.“

Apothecarius Morrack, Feuerhüter von Nocturne

I. Drei, vielleicht vier

Der Apothecarius kauerte über der Progenoiddrüse wie ein Priester über einer heiligen Reliquie.

Das war es, was Bruder Kaelith sah, als er die Zelle betrat: Apothecarius Morrack, der Älteste ihres Ordens, dessen Hände am Zittern waren — nicht vor Kälte, sondern vor einer Art ehrfürchtiger Verzweiflung. Die Drüse lag in einer Kristallwanne, rötlich und schwach leuchtend, kaum noch pulsierend. Ein Organ, das in der Brust eines sterbenden Marines entnommen worden war, das mächtigste Erbe ihres Ordens, das in diesem Moment wegzusterben drohte.

Sechs Jahre waren vergangen, seit der Kampf auf Morthis IV.

«Es ist vorbei», sagte Morrack, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war tonlos. «Der Wirt ist tot. Die Drüse war bereits im Sterben. In wenigen Tagen... in wenigen Tagen wird sie keine neuen Astartes mehr gebären können.»

Kaelith trat näher. Die Luft in der Zelle roch nach sterilem Schwefel und verbrannten Geweben — der Geruch der Mechanicus-Medizin, die das Unmögliche versuchte zu erreichen. Auf der Arbeitsfläche neben der Wanne lagen handschriftliche Aufzeichnungen, Seite um Seite, mit Formeln und Messungen in einer so kleinen, verkrampften Schrift, dass Kaelith ahnte, wie lange Morrack hier hatte sitzen müssen.

«Wie viele?», fragte Kaelith leise.

«Drei», sagte Morrack. «Vielleicht vier. Wenn wir Glück haben. Die Drüse wird noch drei oder vier Aspiranten hervorbringen, bevor sie stirbt. Aus eintausend hätten es werden sollen.»

Kaelith setzte sich. Der Stuhl war alt, aus Stahl und Kunstleder, der Art, die in den weniger heiligen Teilen des Klosters stand. Es gab zwei Arten von Stille im Imperium: die Stille der Schlacht, wenn die Kommunikation zusammengebrochen ist und nur noch das Dröhnen der Waffen und das Brüllen der Sterbenden zu hören ist, und die Stille der Trauer, in der die ganze Zukunft abbricht. Dies war die zweite.

«Der Ordensmeister weiß es?», fragte Kaelith.

«Er weiß es. Ich habe ihm vor drei Tagen Bericht erstattet.» Morrack lehnte sich zurück. Als er das tat, sah Kaelith die Falten in seinem Gesicht, die Adern an seinen Schläfen, das Zittern in seinen Knochengelenken. Der Apothecarius war nicht mehr jung, auch nicht für einen Space Marine. Er war einer der ersten Marine gewesen, die nach der Dunklen Zeit bei den Feuerhütern Dienst getan hatten. «Er hat mir befohlen zu warten. Zu warten und zu beobachten.»

«Das ist alles, was man tun kann», sagte Kaelith.

«Nein.» Morrack drehte sich um, und seine Augen waren nicht die eines alten Marines — sie waren die eines Kindes, das die Welt zum ersten Mal sieht und sie ungerecht findet. «Es gibt noch eine Möglichkeit. Ich habe es der ganzen Nacht überlegt. Ich habe die Aufzeichnungen der XVIII. Legion studiert — die Salamanders, unser Stammorden. Die alten Aufzeichnungen aus der Horus-Häresie. Es gibt Berichte über... über Verfahren. Unkonventionelle Methoden. Verfahren, die das Mechanicus verbietet, die das Imperium als Häresie einstuft.»

Kaelith erstarrte.

«Du wirst nicht sagen, was du gerade angedeutet hast», sagte er leise.

«Ich sage nicht, was ich andeuten will», antwortete Morrack. «Aber wenn ich die alten Forschungsunterlagen der Salamanders konsultieren könnte, die Unterlagen von Vulkan selbst, bevor sie vom Imperium unter Verschluss gelegt wurden, dann könnte ich vielleicht die Drüse stabilisieren. Nicht für tausend, aber für hundert. Vielleicht auch für mehr.»

«Das ist unmöglich», sagte Kaelith. «Diese Archive sind auf Terra. Unter der Bewachung des Astronomican-Synod. Wir sind ein kleiner Orden von tausend Brüdern auf einem Mond, den niemand kennt. Wir haben keine Macht über solche Dinge.»

«Nein», sagte Morrack. «Aber die Goldene Mauer könnte Fragen stellen. Deine Orden-Brüder in der Goldenen Mauer. Sie sitzen im Rat der Ordensmeister. Sie hätten die Mittel—»

«Sie würden mir niemals helfen», unterbrach Kaelith ihn. «Das würde bedeuten, das Mechanicus direkt herauszufordern. Das würde bedeuten, sich gegen die Inquisition zu stellen. Das würde bedeuten, alles zu riskieren.»

Morrack nickte langsam, als hätte er das erwartet. Seine Hände senkten sich wieder über die Progenoiddrüse, liebkosten sie fast, als könnte sanfte Berührung sie wieder ins Leben zurück bringen.

«Ich weiß», sagte Morrack. «Deswegen bin ich nur bei dir. Deswegen habe ich dir dies nicht befohlen. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass es eine Wahl gibt. Eine Wahl zwischen dem, was sicher ist, und dem, was richtig sein könnte.»

Kaelith verließ die Zelle, ohne zu antworten.

Das war keine Antwort, die ein Space Marine geben konnte. Eine Antwort hätte bedeutet, sich festzulegen. Und in diesen Tagen, fünf Jahre nach dem Krieg, in denen das Imperium der Menschheit langsam wieder in seine alten Muster zurückfiel, waren Festlegungen gefährlich.

Er hatte drei Tage Zeit. Das war das Ultimatum, das sich in seiner Brust festsetzte, als er die Korridore des Klosters durchschritt. In drei Tagen würde die Progenoiddrüse endgültig sterben. In drei Tagen würden die genetischen Pläne für die Feuerhüter von Nocturne für immer in der Stille verschwinden, und alle zukünftigen Brüder würden aus den restlichen wenigen Drüsen gezüchtet, geschwächt und unvollständig.

Eigentlich wusste Kaelith genau, was er tun würde. Das Problem war nicht die Unwissenheit. Das Problem war, dass die richtige Antwort die ganze Zeit schon in seinem Kopf existiert hatte. Alles, was Morrack gesagt hatte, war nur eine Zündschnur gewesen. Das Feuer war schon längst unter der Oberfläche gelegen.

II. Sechs Sätze, die wie Koordinaten aussahen

Er machte sich auf den Weg zur Astropathen-Kammer.

Das Gespräch mit Scriptor Vel'Raum, seinem Bruder von der Goldenen Mauer, dauerte genau zehn Minuten. Vel'Raum war alt und weise, und er hatte schon lange aufgehört, sich über die Wahl zwischen Konvention und Gewissen zu täuschen. Wenn jemand wüsste, wie man ins Archiv der Salamanders hineinkommt, dann dieser Astartes.

«Das, was du mir jetzt sagst», sprach Vel'Raum, bevor Kaelith zu Ende gekommen war, «ist eine Häresie. Die Inquisition würde für weniger einen ganzen Orden auslöschen.»

«Ja», sagte Kaelith.

«Der Apothecarius hat dir dies befohlen?»

«Nein. Er hat mir eine Tür gezeigt. Ich habe mich entschlossen, sie zu öffnen.»

Vel'Raum schwieg lange. In seinem Gesicht arbeitete etwas, eine innere Abrechnung zwischen dem Soldaten und dem Schreiber, zwischen der Zahl der Seelen und der Zahl der Toten. Am Ende nickte er langsam.

«Ich kann dir Zugänge geben. Nicht zum Hauptarchiv — das ist unmöglich. Aber es gibt schwarze Bibliotheken. Orte, wo das Mechanicus die Dinge aufbewahrt, die sie vergessen haben. Die Vulkan-Forschung ist dort nicht vollständig, aber sie ist umfangreicher als das, was die Inquisition kennt.» Vel'Raum lehnte sich vor. «Es wird Zeit kosten. Es wird Gefahr bedeuten. Und es wird bedeuten, dass du dich schuldig machst. Die Schuld wird bei dir bleiben, Kaelith, für den Rest deines Lebens.»

«Ich weiß», sagte Kaelith.

«Das Feuer, das die Salamanders ausmacht und das Nocturne selbst prägt, ist nicht die Zerstörung», sagte Vel'Raum sehr leise. «Das ist der Wunsch zu bauen. Nachdem alles zu Asche geworden ist. Das ist der einzige Grund, warum die Salamanders überhaupt existieren. Der Primarch hat gewusst, dass es nicht reicht, nur zu kämpfen. Man muss auch wieder aufbauen können.»

Er gab Kaelith sechs Sätze, die wie Koordinaten aussahen. In der Tat waren sie das — sie waren ein Code zu einem der verlorenen Archive des Mechanicus, das seit fünfhundert Jahren unter einem anderen Namen fungierte. Ein Ort, an den niemand hineinwollte, weil die Menschen, die dort arbeiteten, nicht als wirklich betrachteten.

«Vergiss meinen Namen», sagte Vel'Raum. «Vergiss, dass du hier warst. Wenn die Inquisition dich jemals foltert, werde ich für dich sterben, bevor ich diesem Orden antworte. Das ist alles, was ich dir sagen kann.»

III. Was einen Menschen ausmacht

Der Plan war einfach, was bedeutete, dass er wahrscheinlich unmöglich war.

Kaelith würde sich eine Fälschung eines Astra-Militarum-Dokumentes beschaffen — von den Behörden nicht schwierig, die Imperiale Bürokratie produzierte mehr Papier als die Hälfte der lebendigen Menschen. Er würde damit zu dem Archiv gehen und vorgeben, dass er ein Offizier der Nachtschicht sei, der Dokumente sammelt. Die Arbeitenden dort waren keine echten Menschen, sie waren Abkömmlinge der alten Mechanicus-Sklaven, Menschen, die so lange in den Kellern der Forscher gelebt hatten, dass sie gelernt hatten, nicht mehr zu sehen.

Er würde hineinwandern und am sichersten Ort die Vulkan-Forschung finden — in den Kellern unter dem Keller.

Das Problem war nicht, hineinzuwandern. Das Problem war, dass er, wenn er einmal drin war, alles wieder aus seinem Kopf herausnehmen müsste. Die Archivare des Mechanicus hatten längst gelernt, ihre Bücher mit Kontrollen auszustatten. Mit Kontrollen, die an die biologischen Systeme der Leser gebunden waren. Mit Kontrollen, die, wenn sie nicht richtig entfernt wurden, einen Astartes-Gehirn in Feuerfackeln verwandeln konnten.

Kaelith brauchte jemanden, der eine dieser Kontrollen hätte entfernen können. Jemanden, der nicht ein echtes Mitglied des Ordens war, sondern jemanden, der die Werkzeuge hatte.

Er dachte an Vekan. Der Name war wie ein Stigma auf seiner Haut.

Vekan war kein Militär, sondern Adeptus Mechanicus — ein echter Techniker, einer der wenigen, die in den Feuerhütern lebten und arbeiteten, und der einzige, den niemand eigentlich mochte. Das lag nicht daran, dass Vekan unangenehm war, sondern daran, dass er sich weigerte, so zu tun, als würde er die Grenze zwischen Mensch und Maschine respektieren, die das ganze Imperium zusammenhalten sollte.

Vekan trug ein Implantat über seinem Auge — das war nicht ungewöhnlich. Das Ungewöhnliche war, dass sich das Implantat bewegte, dass es blinzelte und drehte, als hätte es einen eigenen Willen. Der Grund war schlichter: Er hatte in den schwarzen Bibliotheken des Mechanicus gelernt, bevor er zu den Feuerhütern kam.

«Du wirst mich fragen, ob ich das tun werde», sagte Vekan, bevor Kaelith auch nur den Mund geöffnet hatte. «Und ich werde ja sagen, weil du willst, dass ich ja sage. Aber was du wirklich fragen solltest, ist, ob es möglich ist, ohne dass der Netzwerk-Schutz merkt, dass wir ihn angegriffen haben.»

Sie waren in Vekans Werkstatt, die unter der Schießanlage lag. Der Raum roch nach heißem Metall und verbranntem Kunststoff, und die Wände waren mit Geräten bedeckt, die Kaelith nicht benennen konnte. In einem Winkel stand eine Simulation eines menschlichen Gehirns, aus rotem Wachs gebaut, durchbohrt mit hundert feinen Stahldrähten.

«Ist es möglich?», fragte Kaelith.

«Ja», sagte Vekan. «Aber es wird Zeit kosten. Zwei Tage, mindestens.»

«Wir haben nicht zwei Tage», sagte Kaelith.

«Du hast nicht zwei Tage», korrigierte Vekan. «Aber ich bin bereit, mir Zeit zu nehmen. Das ist ein anderes Problem.» Vekans Implantat drehte sich auf Kaelith hin, es wurde zum Auge, das sehen konnte, was normale Augen nicht sehen konnten. «Du wirst mir alles erzählen, was du weißt. Warum du das tust. Wer dich dazu gebracht hat. Alles.»

Kaelith erzählte ihm von Morrack und der sterbenden Drüse. Er erzählte ihm von Vel'Raum und den Koordinaten. Am Ende der Geschichte lehnte sich Vekan zurück und seine organische Hand hob sich an sein Kinn.

«Der Apothecarius hat genau richtig gerechnet», sagte Vekan. «Die Salamanders haben unter Vulkan mit biologischen Verfahren gearbeitet, die das Mechanicus heute nicht einmal mehr versteht. Sie haben verstanden, dass die Gensaat nicht starr sein muss, dass sie sich anpassen kann. Die neuen Marine-Generationen, die du züchten könntest, wenn du diese Forschung finden würdest, wären nicht schwächer. Sie wären unterschiedlich. Und für das Imperium ist das schon schlimm genug.»

«Wirst du mir helfen?», fragte Kaelith.

Vekan nickte.

«Es wird die Dinge schwierig machen», sagte er. «Wenn man herausfindet, dass ich dich geholfen habe, werde ich hingerichtet. Der Ordensmeister wird einen Inquisitor rufen, und dieser wird mich in einen Käfig setzen und alle Implantate herausreißen, um sicherzustellen, dass das Mechanicus keinen Häretiker schafft. Das ist Doktrin.»

«Ich weiß», sagte Kaelith.

«Aber Morrack wird tausend Marines zeugen können, statt nur hundert», sagte Vekan. «Das ist das Gewicht deiner Entscheidung. Ein ganzer Mann gegen tausend mögliche Existenzen. Das ist das Geschäft, in das du dich einlässt.»

«Ja», sagte Kaelith.

«Dann lass mich dir sagen, was du tun musst», sagte Vekan.

Sechsunddreißig Stunden später hielt Kaelith einen Code in seinen Händen. Der Code war nicht geschrieben. Der Code war Vekan selbst — ein winziger Kristall, der aus Vekans eigenem Implantat herausgenommen worden war, eine Nachricht, die nur der Sicherheitsschutz des Archivs lesen konnte. Ein Opfer, das Vekan gebracht hatte, das ihn für den Rest seines Lebens blind auf einem Auge machen würde.

«Du brauchst das nicht zu tun», sagte Kaelith.

«Nicht», sagte Vekan. «Aber ich will es tun.» Der Techniker setzte sich hin und nahm einen Verband zu seinem leeren Augensocket. «Weißt du, was das Schlimmste am Imperium ist? Es ist nicht die Tyrannei. Das ist das Gefühl, dass die Tyrannei notwendig ist. Dass alle diese Regeln und alle diese Verbote notwendig sind, um zu überleben. Aber das ist nicht wahr. Das ist nur das, was das Mechanicus uns erzählt hat, um seine Macht zu behaupten.»

Kaelith nahm den Kristall. Er war warm in seiner Handfläche, noch von der Biowärme des Technikers.

«Gib ihn dem Sicherheitssystem, wenn du hineingehst», sagte Vekan. «Er wird denken, dass ich selbst es bin, der anfordert, dass die Bücher für einen anderen zugänglich werden. Er wird nicht widersprechen. Nach etwa vier Stunden wird der Code verfallen, und bei der nächsten Überprüfung wird festgestellt, dass es einen Eindringling gab. Du musst bis dahin längst weg sein.»

«Das macht dich zum Verräter», sagte Kaelith.

«Das macht mich zu einem Menschen», sagte Vekan. «Was, wie die Inquisition mir erklären wird, dasselbe wie Verrat ist.»

IV. Vier Stunden

Das Archiv befand sich unter einem verlassenen Industriekomplex auf einer Unterstation, drei Sprünge vom Heimatsystem entfernt. Das Licht dort war blau-grün und pulsierend, als würde es von etwas Biologischem kommen, und die Luft roch nach Feuchtigkeit und verrottetem Metall.

Der Archivar war ein alter Mann, möglicherweise noch älter. Seine Augen waren trübe und seine Bewegungen mechanisch. Er schaute nicht auf, als Kaelith hineinwanderte. Es war, als würde er ihn nicht sehen, oder als hätte er gelernt, davon auszugehen, dass Autorität das Recht hatte, sich zu bewegen, ohne wahrgenommen zu werden.

Kaelith legte den Kristall auf die Arbeitsfläche.

Der Mann beugte sich vor. Etwas in seinem System lesend, etwas reagierend. Dann nickte er und deutete auf ein Terminal.

«Vierfünfzehn», sagte der Mann. Seine Stimme war wie Glas, gebrochen und scharf. «Vier Stunden. Dann Sie gehen. Nicht später.»

«Verstanden», sagte Kaelith.

Vier Stunden. In dieser Zeit musste er ein Jahrhundert von Forschung finden und absorbieren. Die Vulkan-Forschung war da irgendwo, in einer dieser Reihen, versteckt zwischen den tausend Lügen, die das Imperium über sich selbst erzählte.

Die Bücher waren alt. Sie waren in einem Format gebunden, das Kaelith nicht sofort erkannte — nicht elektronisch, nicht auf Pergament. Sie schimmerten, als wären sie aus etwas hergestellt, das nicht ganz fest war. Als er einen Band in die Hände nahm, spürte er, wie das Wissen direkt in seinen Gehirn strömte. Die Seiten waren nicht geschrieben. Sie waren echte Speicher, Zeugen von Ereignissen, die vor tausend Jahren stattgefunden hatten.

Die erste Seite enthielt einen Titel, in einer Schrift, die Kaelith erkannte: Über die Adaptation der Genesis-Keime und die Möglichkeit einer lebenden Legion.

Das war es.

Kaelith tauchte tief in die Forschung ein. Seite für Seite, Bild für Bild. Vulkan, der sich selbst verletzlich machte, weil er wusste, dass die Gensaat nur wachsen konnte, wenn der Wirt selbst für Veränderung offen war. Vulkan, der gegen die Doktrinen des Mechanicus ankämpfte. Vulkan, der die Astartes nicht als unveränderliche Götter sah, sondern als etwas, das atmen konnte, das wachsen konnte, das sich an die Zeiten anpassen konnte.

Und am Ende der Forschung: die Methode. Nicht die Chemikalien oder die Keime, die waren längst veraltet. Aber die Grundlage. Der Gedanke. Die Vorstellung, dass ein Apothecarius nicht nur ein Arzt sein müsse, sondern auch ein Schöpfer. Ein Mann, der nicht nur das Zerfallene reparierte, sondern auch das Neue erschaffen konnte.

Es war möglich. Mit der richtigen Anleitung war es möglich.

Kaelith las die letzte Seite und zwang sich, langsamer zu atmen.

Zwei Stunden und vierzig Minuten waren vergangen.

Dann sah er sie. Die andere Forschung. Nicht Vulkans Werk, sondern etwas, das danach kam. Ein Name, den er erkannte: Morrack. Ein anderer Morrack, vielleicht ein Ur-Großvater dieses Apothecarius, hatte dieselbe Forschung schon einmal durchgeführt. Im Jahre 768. Und er hatte sie aufgegeben, hatte diese Forschung unter Verschluss gelegt, mit einer handschriftlichen Notiz:

Ich habe verstanden, was der Primarch wollte. Aber ich habe auch verstanden, dass ich nicht würdig bin, es zu vollbringen. Das Feuer in mir ist nicht groß genug. Mögen stärkere Männer diesen Weg betreten.

Kaelith nahm diese Notiz in sich auf. Die Tinte war verblichen, aber die Worte waren kristallklar. Ein Marine, der es besser wusste, als seine Große Hoffnung auf eine Lüge zu bauen.

Er war am vordesten Rand der vier Stunden, als die Alarmanlage begann zu heulen.

Kaelith rannte.

Er rannte die Treppen hinauf, die Gänge entlang, und hinter sich hörte er die schweren Schritte der Sicherheitsdronen. Die Türen der alten Fabrik zitterten mit jedem Schritt. Als er hinausfloh, sah er bereits die schwarzen Schiffe am Himmel — nicht die Inquisition, nicht das Mechanicus. Schlimmer. Konkurrenten um die Forschung.

V. Was der Ordensmeister verdammt

Er brauchte zwei Tage, um sicher zur Basis der Feuerhüter zurückzukehren.

Morrack las die Notiz, die Kaelith ihm überreichte. Seine Hände zitterten nicht. Sein Blick war fest.

«Das war falsch von mir», sagte er sehr ruhig. «Dich das zu fragen. Ein Marine sollte nicht für die Sünden eines alten Mannes bezahlen müssen.»

«Ich habe das getan, weil ich es wollte», sagte Kaelith. «Und ich würde es wieder tun.»

Morrack nickte langsam. Dann las er die Forschung. Es dauerte einen ganzen Tag und eine Nacht. Am Morgen danach kam er zu Kaelith und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht. Nicht aus Zorn — aus Dankbarkeit. Das war die Art der Feuerhüter, Dank zu zeigen.

«Es wird nicht schnell gehen», sagte Morrack. «Ich werde ein Jahr brauchen, um die Forschung vollständig zu assimilieren. Und es wird nicht ohne Opfer sein. Ich bin kein Vulkan. Ich bin kein Titan der Gene. Ich bin ein alter Mann mit dem Wissen, das du mir gegeben hast.»

«Reicht das?», fragte Kaelith.

«Es muss reichen», sagte Morrack.

Aber bevor Kaelith gehen konnte, fasste der Apothecarius ihn am Arm.

«Vekan», sagte er. «Der Techniker. Was ist mit ihm?»

«Er hat den Ordensmeister alles erzählt», sagte Kaelith. «Auf die Kopfzahl, ohne zu lügen. Er sagte, dass Treue wichtiger ist als die Mechanicus-Doktrin.»

«Und der Ordensmeister?»

«Das hat mir Vel'Raum erzählt. Der Ordensmeister hat Vekan zur Strafe verdammt. Er muss den Orden verlassen und auf Nocturne gehen, um sich selbst zu reparieren. Es ist nicht Tod, aber es ist... es ist Vergessensein.»

Morrack senkte seinen Kopf.

«Nein», sagte er. «Das wird es nicht sein. Der Ordensmeister hat unter den Salamanders gedient, bevor er zu uns kam. Er kennt die Wertschätzung. Er wird Vekan als einen Gast behandeln, nicht als einen Sklaven. Das ist das Versprechen von Nocturne.»

VI. Interrogator Solennus

Ein Jahr später kam die Inquisition.

Sie kamen, weil jemand in der Archive eine Frage gestellt hatte, die man besser nicht hätte stellen sollen. Eine Frage über einen Kristall, der aus einem Implantat eines Technikers entnommen worden war, das nicht mehr existierte. Eine Frage, die dazu führte, dass man nachforschte, was dieser Techniker getan hatte.

Es war Interrogator Solennus, ein höflicher Mann mit ruhiger Stimme, der die Wahrheit lobte, weil die Wahrheit, wie er sagte, das beste Gewissen beruhigte.

«Ich muss Sie fragen», sagte Interrogator Solennus zu Kaelith, «ob Sie sich des Verbrechens der Häresie schuldig gemacht haben. Das Anschauen von verbotenen Archiven. Der Diebstahl von Forschungsdaten. Das Unterstützen eines Technikers bei der Beschaffung von nicht-autorisierten Komponenten.»

«Ja», sagte Kaelith.

«Und Sie bereuen diesen Schritt?»

Das war die Frage, auf die alles ankam. Die Antwort auf diese Frage würde entscheiden, ob er lebendig hinausging oder ob er für den Rest seines Lebens in einer schwarzen Zelle verbracht werden würde.

«Nein», sagte Kaelith. «Ich bereue es nicht.»

Die Stille, die folgte, war absolut.

«Das ist nicht die Antwort, die ich erwartet habe», sagte Interrogator Solennus.

«Es ist die ehrliche Antwort», sagte Kaelith.

Der Interrogator lehnte sich zurück. Für eine lange Zeit sagte er nichts. Dann sprach er sehr leise:

«Ich bin nicht hier, um Sie zu verdammen, Bruder Kaelith. Ich bin hier, um zu verstehen, was in diesem Orden geschehen ist, dass einer Ihrer besten Krieger denken würde, dass Verrat eine gute Idee ist.»

«Das war kein Verrat», sagte Kaelith. «Das war Rettung.»

«Rettung?», wiederholte der Interrogator.

«Unsere Dauer war am Ende», sagte Kaelith. «Ohne die neue Forschung, ohne die Anleitung, die Sie jetzt untersagen, würde unser Orden in drei Generationen vergessen sein. Das ist nicht Rettung durch Stärke. Das ist Rettung durch Hoffnung. Das ist das, was der Primarch uns beigebracht hat.»

Interrogator Solennus stand auf. Er ging zur Tür und öffnete sie. Es war nicht die Tür zum Verhörzimmer, sondern eine Tür, die nach draußen führte, in die Gänge des Klosters.

«Gehen Sie», sagte der Interrogator.

«Was?», fragte Kaelith.

«Gehen Sie. Erzählen Sie Ihrem Apothecarius, dass ich keine Häresie gefunden habe. Erzählen Sie Ihrem Ordensmeister, dass die Archive für die Salamanders offenstehen — für Fragen der Forschung und des Überlebens, nicht für Fragen der Macht.»

Kaelith konnte nicht glauben, was er hörte.

«Und Sie, Interrogator?», fragte er.

«Ich werde einen Bericht schreiben», sagte Solennus. «Einen Bericht, in dem ich feststelle, dass das Mechanicus sich in dieser Angelegenheit geirrt hat. Dass eine größere Hoffnung möglich ist, wenn man bereit ist, seine Angst zu opfern. Ich bin ein alter Mann, Bruder Kaelith. Ich bin müde von der Angst.»

VII. Das Feuer brennt weiter

Das Feuer der Feuerhüter von Nocturne war nicht das Feuer der Schlacht.

Das Feuer, das Vulkan gelehrt hatte, war das Feuer der Hoffnung, die noch immer brannte, nachdem alles andere zu Asche geworden war. Es war die Flamme, die weiterloderte, wenn niemand es verstand, warum sie nicht erstarben sollte.

Morrack verbrachte die nächsten fünf Jahre damit, mit der Progenoiddrüse zu arbeiten, und befruchtete die neuen Keime mit der alten Forschung. Und am Ende, langsam, aber sicher, begann die Drüse zu heilen. Nicht zu hundert Prozent. Die Drüse war zu lange sterbend gewesen. Aber genug für fünfhundert zukünftige Marine. Genug, um die Feuerhüter für weitere Generationen lebendig zu halten.

Vekan kehrte nie aus Nocturne zurück.

Das war okay. Es war nicht der Anfang einer Tragödie, sondern ihr Ende. Auf Nocturne, in den Feuer-Bergen, wurde Vekan zu einem der ersten Nicht-Astartes, die den Titel eines Meister-Technikers erhielten. Die Marines respektierten ihn. Und noch wichtiger — er respektierte sich selbst.

Interrogator Solennus schrieb seinen Bericht.

Und der Bericht machte seinen Weg durch das Mechanicus und durch die Inquisition, eine Stimme unter vielen, die sagte, dass nicht alle Hoffnung Häresie war und dass nicht jede Veränderung gegen die Doktrin verstieß — dass das Imperium selbst, in seinem innersten Wesen, eine Maschine war, die sich anpassen musste, um zu überleben.

Der Bericht änderte nicht alles. Das Imperium war zu groß, zu träge, zu verunsichert in seiner eigenen Lehre, um sich schnell zu verändern. Aber er öffnete eine Tür. Und in diesem Universum, in dem Hoffnung so selten war wie das Licht zwischen den Sternen, war jede offene Tür ein Wunder.

Kaelith trug die Narben des Gewissens für den Rest seines Lebens.

Das war der Preis, das Gewicht, das er von nun an trug. Er war ein Marine, der alles riskiert hatte und alles verloren hatte — nicht sein Leben, sondern seine Unschuld. Er würde für immer wissen, dass er gegen die Doktrinen des Imperiums verstoßen hatte. Dass sein Name, irgendwo in den schwarzen Archiven, als einer markiert war, der Häresie verübt hatte.

Aber er sah die Feuerhüter: die neuen Marines, die in den kommenden Jahren ausgebildet wurden, gezeugt aus der Forschung, die er gestohlen hatte, mit der Stärke, die Morrack zurück in sie gelegt hatte. Dann wusste er, dass es sich gelohnt hatte.

Das Feuer brannte immer noch.

Und es würde weiter brennen.

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