Was das Eisen bewahrt
Eine Geschichte der Eisenadern
Die Eisenadern
„Das Eisen bewahrt, was das Fleisch vergisst. Es bewahrt auch, was besser vergessen wäre.“
Aus der Vigil der Ehrwürdigen, Orden der Eisenadern
I.
Der Weihrauch, den sie in der Schmelzkathedrale verbrannten, roch nicht nach Kräutern. Er roch nach heißem Metall und nach dem bitteren Öl, mit dem die Adepten die Gelenke der Ehrwürdigen salbten, und Bruder-Techmarine Kael'dun hatte diesen Geruch so oft eingeatmet, dass er ihn nicht mehr wahrnahm, bis er fehlte.
Er kniete auf der untersten Stufe der Reliquienhalle, den Schädel gegen die kalte Stirnplatte des Sarkophags gelehnt, und wartete.
„Du bist wieder hier", sagte die Stimme aus dem Vox-Grill. Sie kam langsam, mit dem Nachhall von etwas, das durch sehr viel Metall und sehr viel Zeit hindurch musste, ehe es die Luft erreichte. „Das dritte Mal diese Woche."
„Es ist die einzige Woche, in der ich zähle, Ehrwürdiger."
„Das ist keine Antwort."
Kael'dun öffnete die Augen. Über ihm ragte der Sarkophag auf, zwölf Fuß Ceramit und Adamantium, geschwärzt von zwei Jahrhunderten Weihrauch und Schlachtruß, die Panzerplatten mit den Namen von Welten bedeckt, die es nicht mehr gab. Ehrwürdiger Sorvain stand seit vier Tagen bewegungslos in der Nische, die Fäuste zu Boden gesenkt, und wartete wie er selbst darauf, dass die Vigil begann.
„Wir haben Ossiaan verloren", sagte Kael'dun schließlich. „Und Threll. Und den halben dritten Zug."
„Ich weiß. Ich habe die Litanei gehört, als sie verlesen wurde."
„Du warst nicht wach."
„Ich bin nie ganz wach und nie ganz nicht." Ein Geräusch wie ein Seufzen, obwohl Kael'dun genau wusste, dass in diesem Panzer keine Lunge mehr war, die seufzen konnte — nur ein Kreislaufsystem, das den halbtoten Rest eines Gehirns kühlte, und ein Vox-Wandler, der die Reste eines Menschen in Worte presste, die ein Mensch noch verstand. „Sag mir, wie sie gestorben sind."
Also erzählte er es ihm. Das war der Handel, den sie seit sieben Jahren führten, seit Kael'dun als junger Novize zum ersten Mal die Reliquienhalle betreten hatte, um die Ölkanäle des Sarkophags zu reinigen, und Sorvain ihn angesprochen hatte, ohne dass irgendjemand ihm gesagt hatte, dass die Ehrwürdigen das taten. Kael'dun brachte ihm die Toten, einen nach dem anderen, mit Namen und Umständen, und Sorvain hörte zu, wie ein alter Mann einem Enkel zuhört, der von der Ernte erzählt — mit einer Aufmerksamkeit, die keine Eile kannte, weil Eile für ihn keine Bedeutung mehr hatte.
Als Kael'dun geendet hatte, war es still in der Halle, bis auf das Tropfen von kondensiertem Kühlmittel irgendwo in den Rohrleitungen über ihnen.
„Threll war neunzehn", sagte Sorvain schließlich.
„Ja."
„Ich war zweiundzwanzig, als sie mich in dieses Ding gesteckt haben." Die Stimme wurde nicht wärmer; der Vox-Wandler kannte nur eine Lautstärke. Aber irgendetwas in ihrem Rhythmus verlangsamte sich, wurde beinahe zärtlich. „Ich erinnere mich an das Gesicht meiner Schwester besser als an das der letzten drei Ordensmeister, unter denen ich gedient habe. Merk dir das, Kael'dun. Am Ende bleibt nicht, was wichtig war. Es bleibt nur, was tief genug eingebrannt ist."
Kael'dun hätte fragen können, was tief genug eingebrannt war, um Sorvain über zweihundert Jahre in diesem Ding zu halten, ohne dass er darum bat, es zu beenden — er hatte diese Frage schon einmal gestellt, vor Jahren, und keine Antwort bekommen, nur Schweigen, das drei Tage dauerte. Also fragte er sie nicht noch einmal.
Stattdessen sagte er: „Die Vigil beginnt in zwei Tagen."
„Ich weiß." Etwas in den hydraulischen Gelenken des Sarkophags klickte, ein Laut wie das Räuspern eines alten Mannes. „Kel-Vantor."
„Kel-Vantor."
„Wie oft war ich schon dort?"
„Das wäre deine dritte Vigil, seit du interniert wurdest." Kael'dun stand auf, klopfte sich die Asche von den Knien. „Zweihundertelf Jahre, Ehrwürdiger. Drei Erneuerungen."
„Dann wird es Zeit, dass sie mir die Ölkanäle wieder ausspülen. Ich fange an, Dinge zu vergessen, die ich mir nicht erlaube zu vergessen." Eine Pause. „Wer begleitet mich diesmal?"
„Ich." Kael'dun sah zu der massigen, reglosen Silhouette hinauf. „Der Ordensmeister hat es bestätigt."
„Gut", sagte Sorvain, und in diesem einen Wort lag mehr Erleichterung, als der Vox-Wandler eigentlich transportieren konnte. „Dann wird wenigstens jemand da sein, der weiß, wie man mit mir spricht, wenn sie mir den Schädel öffnen."
II.
Aschgrat war eine Welt aus Asche und Eisen, wie ihr Name versprach, aber ihre Bewohner nannten sie liebevoll die Grauwelt, weil das Wort Asche zu sehr nach Tod klang für einen Ort, an dem sie geboren wurden. Vulkanische Grate durchzogen den nördlichen Kontinent wie die Rippen eines gestürzten Titanen, und die Schmelzkathedrale stand auf dem höchsten von ihnen, halb in den Fels gehauen, halb aus geschmolzenem Erz gegossen, ein Bauwerk, das aussah, als hätte es sich selbst aus der Lava geformt, in der es stand.
Der Orden der Eisenadern war jung, nach den Maßstäben der Adeptus Astartes, kaum vier Jahrhunderte seit seiner Gründung, aber ihre Ursprungslegende erzählte von Brüdern der Feuerhüter, die auf Aschgrat gestrandet waren, als ihr Schiff im Warp verlorenging, und die eine Generation lang ohne Nachschub, ohne neue Gensaat, allein mit dem, was das Erz der Welt ihnen gab, überleben mussten. Man sagte, dass sie in jenen Jahren gelernt hatten, ihre Toten nicht zu begraben, sondern zu bewahren — jede Panzerplatte, jede Waffe, jedes Stück Fleisch, das sich retten ließ, wurde zurück in den Dienst genommen, bis der Orden mehr Ehrwürdige zählte, im Verhältnis zu seinen lebenden Brüdern, als jeder andere Salamanders-Nachfolgeorden, den Kael'dun kannte.
Das war der Ursprung ihres Namens. Nicht Adern aus Blut. Adern aus Eisen, die sich durch den ganzen Orden zogen, von den jüngsten Novizen bis zu den ältesten Sarkophagen, und die alle mit demselben Herzen verbunden waren.
Kael'dun stand auf der Landerampe der Vigilantis, während unter ihm Aschgrat zu einer grauen Kugel schrumpfte, und beobachtete, wie die Verladekräne den Transportsarg mit Ehrwürdiger Sorvain in den Frachtraum hievten. Fünf weitere Sarkophage waren bereits verstaut — die anderen Ehrwürdigen, die zur Vigil fuhren, jeder von ihnen älter, stiller, mehr Legende als Mensch. Kael'dun kannte ihre Namen. Er kannte auch, dass keiner von ihnen mehr sprach, so wie Sorvain sprach. Manche hatten seit Jahrzehnten kein Wort mehr durch den Vox-Wandler geschickt, außer im Gefecht, wo die Litaneien des Zorns aus ihnen hervorbrachen wie etwas, das keiner Erlaubnis bedurfte.
„Du starrst ihn an, als könnte er dir winken", sagte Sergeant Doran Vek und trat neben ihn.
„Er könnte, wenn er wollte."
„Das würde die Fracht-Servitoren erschrecken." Vek war zehn Jahre älter als Kael'dun, breitschultrig auf eine Art, die nichts mit der Statur eines Astartes zu tun hatte, sondern mit der Haltung eines Mannes, der zu viele Brüder hatte fallen sehen, um es sich noch leisten zu können, sich klein zu machen. Er trug seinen Helm unter dem Arm, und seine Augen, als er zum Frachtraum hinüberblickte, hatten etwas von der gleichen Müdigkeit, die Kael'dun in sich selbst spürte. „Wie geht es ihm?"
„Er will seine Ölkanäle ausgespült haben."
„Das war nicht die Frage."
Kael'dun schwieg einen Moment. Unter ihnen glitten die letzten Wolkenbänder Aschgrats vorbei, dann nichts mehr als das Schwarz zwischen den Sternen. „Er erinnert sich an Dinge, die er nicht erinnern sollte", sagte er schließlich. „Das Gesicht seiner Schwester. Details, die zweihundert Jahre alt sind, klarer als das, was letzte Woche passiert ist."
„Ist das nicht normal? Für sie?"
„Ich weiß es nicht." Kael'dun sah auf seine eigenen Hände, die Handschuhe, unter denen sich bereits die ersten Implantate der Techmarine-Weihe unter seiner Haut verbargen, kalte Knoten aus Metall, die eines Tages, wenn er alt genug wurde, wenn er lange genug diente, vielleicht das Einzige waren, was von ihm übrigblieb. „Ich bin kein Ehrwürdiger. Ich weiß nur, was er mir erzählt."
Vek nickte langsam, als hätte er mit genau dieser Antwort gerechnet, und legte Kael'dun eine Hand auf die Schulter — kurz, fest, dann weg, die Art von Geste, die zwischen Brüdern nichts erklären musste. „Dann pass auf ihn auf, wenn wir unten sind. Die Priesterschaft von Kel-Vantor behandelt unsere Ehrwürdigen wie Maschinen, die repariert werden müssen. Für uns sind sie mehr."
„Das weiß ich, Sergeant."
„Ich weiß, dass du es weißt." Vek warf ihm einen schiefen Blick zu, fast ein Lächeln. „Ich sage es trotzdem. Manche Dinge muss man laut sagen, damit sie wahr bleiben."
Hinter ihnen, im Korridor, näherten sich Schritte — leichter, schneller als die eines vollausgerüsteten Bruders. Bruder Tal'ir, der jüngste Novize des Zuges, kam mit einem Rüstungsteil im Arm, das er offensichtlich zu früh von der Waffenkammer geholt hatte, und blieb abrupt stehen, als er die beiden sah.
„Sergeant. Bruder-Techmarine." Er nickte hastig, ein bisschen zu förmlich, ein bisschen zu jung. „Ich — ich sollte die Kheres-Munition prüfen, die wir für die Skitarii-Eskorte mitbringen."
„Solltest du", sagte Vek trocken. „Wo ist sie?"
Tal'ir öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und Kael'dun unterdrückte ein Lächeln, das erste seit Tagen. Er erinnerte sich noch gut daran, wie es war, siebzehn zu sein und in einer Rüstung zu stecken, die einem noch ein wenig zu weit saß, und ständig Angst zu haben, dass jemand bemerkte, wie viel man noch nicht wusste.
„Im Munitionsraum, wo sie hingehört", sagte Kael'dun. „Geh. Ich komme in einer Stunde nach und prüfe mit dir zusammen."
Der Junge war kein Junge mehr, technisch, seit seine Gensaat Wurzeln geschlagen hatte, aber Kael'dun konnte sich nicht daran gewöhnen, ihn anders zu sehen. Er nickte erleichtert und verschwand wieder im Korridor.
„Er wird gut werden", sagte Vek, als die Schritte verklungen waren.
„Wenn er nicht zuerst an Übereifer stirbt."
„Das haben sie über dich auch gesagt."
Kael'dun sagte nichts darauf. Er sah wieder zum Frachtraum, wo die Sarkophage in ihren Verankerungen ruhten, sechs Türme aus Erinnerung und Eisen, die durch die Dunkelheit zwischen den Sternen fuhren, um noch einmal berührt, noch einmal geweckt, noch einmal geschärft zu werden, bevor man sie zurück in den Krieg schickte.
Sie fuhren eine Weile schweigend weiter, während die Vigilantis in den Warp-Übergang beschleunigte, und Vek, der offenbar noch nicht fertig war mit dem Gespräch, lehnte sich gegen das Geländer der Rampe.
„Weißt du, warum ich Sergeant wurde und nicht Techmarine?", fragte er unvermittelt.
„Weil du bei der Feinmechanik-Prüfung einen Servoschraubenzieher in einer Kühlleitung hast stecken lassen. Das erzählt jeder in der dritten Kompanie."
Vek schnaubte, fast ein Lachen. „Das auch. Aber der eigentliche Grund ist, dass ich es nicht ertragen habe, mit ihnen zu sprechen, bevor ich bereit war, ihnen zuzuhören. Als Novize habe ich zwei Jahre lang die Reliquienhalle gemieden, weißt du das? Ich dachte, es wäre respektlos, tot dreinzureden, wo doch klar war, dass sie eigentlich schon gestorben waren und nur noch nicht begraben." Er sah zu den Sarkophagen hinüber, sein Gesicht im schwachen Licht der Rampenlumen kaum zu lesen. „Erst als mir ein alter Bruder erklärt hat, dass sie es als größere Beleidigung empfinden, ignoriert zu werden, als tot genannt zu werden, habe ich angefangen zu verstehen, was unser Orden eigentlich ist."
„Was ist er?"
„Ein Versprechen, dass niemand zweimal verloren geht." Vek zuckte mit den Schultern, als sei ihm die eigene Feierlichkeit unangenehm. „Einmal im Tod. Nicht noch einmal im Vergessen. Das haben die Gründerbrüder auf dieser Welt gelernt, als sie ohne Nachschub dasaßen und jeden Gefallenen zurück in den Dienst nehmen mussten, um zu überleben — und irgendwann hat aus der Notwendigkeit eine Überzeugung. Deshalb tragen wir mehr Ehrwürdige als jeder andere Orden unserer Blutlinie. Nicht weil wir mehr sterben. Weil wir uns weigern, sie gehen zu lassen."
„Das klingt fast, als würdest du es ihnen neiden."
„Manchmal." Vek sagte es ohne Scham. „Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, jemand würde sich noch zweihundert Jahre an mich erinnern, nachdem mein Fleisch längst Asche ist. Und es gibt Tage, an denen ich Ehrwürdiger Gorrath ansehe, der seit sechzig Jahren kein Wort mehr gesprochen hat, nur noch die Litanei des Zorns kennt, wenn die Bolter sprechen, und mich frage, ob das ein Segen ist oder die grausamste Strafe, die unser Orden für seine Helden bereithält."
Kael'dun dachte an Sorvain, an die Müdigkeit in seiner Stimme, an das Gewicht von zweihundertelf Jahren Erinnerung, und sagte nichts, weil er auf diese Frage keine ehrliche Antwort hatte, die ihn nicht selbst erschreckte.
III.
Kel-Vantor war kein Mond, wie man ihn sich vorstellte. Er hatte keine Atmosphäre, die diesen Namen verdiente, keine Oberfläche, die nicht von Jahrtausenden des Abbaus zerfressen war — nur eine graue, narbige Kugel, die den Gasriesen Aschtor umkreiste und deren gesamtes Inneres, so hieß es, von Schächten durchzogen war, tiefer als jede Vermessung je gereicht hatte.
Die Priesterschaft des Adeptus Mechanicus hatte sich vor über sechshundert Jahren hier niedergelassen, lange bevor die Eisenadern überhaupt gegründet wurden, angezogen von Erzadern, die nach Standardmaßen unmöglich sein sollten — Legierungen, deren Zusammensetzung selbst die ältesten Kognitoren nicht restlos entschlüsseln konnten, geborgen aus Schächten, die älter waren als jede Aufzeichnung der Priesterschaft. Der Pakt zwischen den Eisenadern und der Kohorte von Kel-Vantor war so alt wie der Orden selbst: Erz und Tributarbeit im Austausch für das, was die Priesterschaft am besten konnte — die Wartung dessen, was aus Fleisch beinahe zu Maschine geworden war.
„Ihr kommt spät", sagte Magos Serevin Achtal, als die Landefähre der Eisenadern in der Empfangskaverne aufsetzte und die Rampe sich öffnete. Sie stand allein da, umgeben von einem Kranz aus Servoschädeln, die sie wie träge Satelliten umkreisten, ihr Unterkörper längst gegen ein Spinnengestell aus Stahlbeinen ersetzt, das sie einen halben Meter über den Boden hob. Ihr Gesicht, was davon noch Gesicht war, trug den ruhigen, beinahe gelangweilten Ausdruck von jemandem, der seit Jahrhunderten das Gleiche sagte und es jedes Mal genauso meinte.
„Sechzehn Stunden, Magos", sagte Kael'dun und trat als Erster von der Rampe. „Ein Warp-Strudel hat uns von der geplanten Route abgedrängt."
„Sechzehn Stunden sind sechzehn Stunden zu viel Kühlmittelverdunstung in sechs Sarkophagen." Achtal wandte den Kopf, ein mechanisches Geräusch, kein organisches, und ihre Optiken glitten über den Frachtraum, wo die Verladekräne bereits begannen, die Sarkophage auf ihre Transportgestelle zu heben. „Aber das lässt sich korrigieren. Ihr seid nicht die Ersten, die verspätet ankommen, und ihr werdet nicht die Letzten sein."
Hinter ihr, halb verborgen im roten Schatten der Kaverne, wartete eine kleinere Gestalt in der grauroten Robe eines Enginseers, ein junger Mann, jung, für einen Mechanicus-Priester, was bedeuten konnte, dass er zwischen fünfzig und hundert Jahre alt war, mit einem einzelnen Mechadendriten, der sich unruhig über seine Schulter bewegte wie ein Tier, das noch nicht gelernt hatte, still zu sitzen.
„Enginseer Corvic Amsel", stellte Achtal ihn vor, ohne sich umzudrehen. „Er wird die Reinigung der Ölkanäle überwachen, während ich mich um die tieferen Diagnosen kümmere. Ihr — " ihr Blick fiel auf Kael'dun, „ — seid der Techmarine, der die Zustimmung zur Begleitung erhalten hat."
„Ja, Magos."
„Dann wisst ihr die Regeln." Sie drehte sich vollständig zu ihm, und zum ersten Mal klang etwas in ihrer Stimme, das nicht ganz Höflichkeit und nicht ganz Warnung war, sondern etwas dazwischen. „Ihr dürft anwesend sein während der Vigil. Ihr dürft mit euren Ehrwürdigen sprechen, solange die Prozedur es zulässt. Ihr dürft nicht in die Ritualkammer der Herzöffnung eingreifen, selbst wenn euch die Instinkte des Fleisches dazu drängen. Was dort geschieht, geschieht nach den Riten des Omnissiah, nicht nach den Sitten der Astartes."
„Das habe ich verstanden bei den letzten beiden Vigils, Magos."
„Das habe ich auch bei den letzten beiden Vigils gesagt." Ihre Optiken verengten sich — eine mechanische Blende, kein Ausdruck, aber Kael'dun hatte gelernt, in solchen kleinen Bewegungen etwas wie Persönlichkeit zu lesen. „Und trotzdem hat euer Vorgänger vor vierzig Jahren versucht, sich zwischen einen Skitarii-Chirurgen und den geöffneten Schädel eines Ehrwürdigen zu stellen, weil ihm das Geräusch nicht gefiel. Ich wiederhole die Regeln, weil Wiederholung die Grundlage aller Disziplin ist."
Kael'dun senkte den Kopf, halb Zustimmung, halb Respekt vor einer Autorität, die er nicht bestreiten wollte. „Verstanden."
„Gut." Sie wandte sich ab, die Spinnenbeine klickten auf dem Steinboden, während sie zurück in die Dunkelheit der Kaverne glitt. „Dann folgt mir. Die Reliquiare sind vorbereitet. Und Techmarine — " sie blickte noch einmal über die Schulter, „ — dieses Jahr gibt es eine Änderung des Protokolls. Wir haben in den unteren Schächten eine neue Ader eröffnet. Ich werde einen Teil meiner Skitarii dorthin abziehen müssen, während die Vigil läuft. Sollte es zu Verzögerungen kommen, liegt das nicht an mangelndem Eifer."
„Eine neue Ader?"
„Sechster Schacht." Etwas in ihrem Tonfall — nicht ganz Vorsicht, aber etwas, das Kael'dun nicht sofort einordnen konnte. „Er war seit dreihundert Jahren versiegelt. Die Kartografen glauben, dass er in eine vorimperiale Struktur führt. Der Fabricator-Locum besteht darauf, dass wir ihn erschließen, solange die aktuelle Tributquote es zulässt." Sie machte eine Pause, die für eine Maschine ungewöhnlich lang war. „Es ist nichts, worüber ihr euch Gedanken machen müsst."
Sie sagte es mit der Bestimmtheit von jemandem, der genau wusste, dass es doch etwas war.
IV.
Die Reliquienkammer von Kel-Vantor lag tausend Meter unter der Oberfläche, in einer natürlichen Kaverne, die die Priesterschaft über Jahrhunderte mit Rohrleitungen, Kränen und Altären aus poliertem Erz verkleidet hatte, bis sie aussah wie das Innere eines gigantischen mechanischen Herzens. Sechs Nischen warteten dort, jede mit einem Kranz aus Servoarmen und Diagnosekabeln umgeben, und als die Ehrwürdigen einer nach dem anderen in ihre Positionen gehoben wurden, begann in der Kammer ein Gesang, den Kael'dun schon zweimal gehört hatte und der ihn jedes Mal gleichermaßen ergriff.
Es war kein menschlicher Gesang. Es waren Binärkantus — die Kantiklen des Omnissiah, gesprochen im gepulsten Code der Priesterschaft, überlagert von einem tieferen, langsameren Chor derselben Litaneien in Gothic, gesungen von den wenigen Enginseers, die noch eine Kehle besaßen, mit der sich singen ließ. Die Worte handelten von Erhalt, von der Heiligkeit dessen, was bewahrt wird, von der Sünde des Vergessens.
Sorvains Sarkophag wurde in die vierte Nische gehoben, und Kael'dun stellte sich davor, während Enginseer Amsel mit seinem Mechadendriten die erste Diagnosebuchse an der Panzerbrust öffnete.
„Es beginnt wieder", sagte Sorvains Stimme, leiser jetzt, als hätte die Nähe der Kammer selbst etwas mit ihm gemacht.
„Es beginnt."
„Ich habe vergessen, wie kalt es hier ist." Ein Klicken, ein Zischen von Hydraulikdruck, während die ersten Kabel in die Buchsen glitten. „Nicht die Luft. Etwas anderes. Etwas, das durch das Metall selbst kommt."
Amsel, der mit gesenktem Kopf über einer Kontrolltafel arbeitete, warf einen kurzen Blick auf, seine echten Augen, unter dem kahlen Schädel und den implantierten Datenanschlüssen, zeigten etwas, das fast wie Neugier aussah. „Ehrwürdige melden das manchmal", sagte er, mehr zu sich selbst als zu Kael'dun. „Wir glauben, es ist die Resonanz der tiefen Schächte. Kel-Vantor ist... lauter, als ein Mond sein sollte. Auf Frequenzen, die nur ein Ehrwürdiger noch wahrnimmt."
„Lauter wie?"
Amsel zuckte mit einer Schulter — eine sehr menschliche Geste für einen Mann, der halb Priester war. „Das habe ich nie herausgefunden, Bruder-Techmarine. Ich bin Enginseer, kein Archäotech-Spezialist. Fragt den Magos, wenn ihr eine echte Antwort wollt, und selbst sie wird euch sagen, dass die Antwort noch nicht vollständig ist."
Über ihnen begann eine der Reliquienkuppeln sich zu öffnen, ein gewaltiger mechanischer Iris-Verschluss, der langsam auseinanderglitt und den Blick freigab auf einen Kranz aus schwebenden Servoschädeln, deren rote Optiken wie Sterne in der Dunkelheit hingen. Kael'dun hatte diesen Anblick zweimal zuvor gesehen, und beide Male hatte er sich gefragt, ob es Gotteslästerung war, ihn schön zu finden.
Die Prozedur begann.
Er hatte gelernt, in solchen Momenten nicht zu sprechen, nur zuzuhören, während die Enginseers und Skitarii-Chirurgen um Sorvains Sarkophag herumarbeiteten, Panzerplatten lösten, die inneren Systeme freilegten, Kühlmittel absaugten und durch frisches ersetzten, jeden Sensor prüften, jedes Gelenk ölten. Es war eine Arbeit von Stunden, manchmal Tagen, und irgendwo in der Mitte davon, wenn der Sarkophag selbst geöffnet wurde, wenn das, was von Sorvains Körper übrig war, für einen kurzen, schrecklichen Moment der Luft der Kammer ausgesetzt war, hörte die Stimme aus dem Vox-Wandler auf zu sprechen, weil der Wandler selbst abgeklemmt war, und Kael'dun konnte nur daneben stehen und warten, dass sie zurückkam.
Diesmal dauerte es länger als sonst.
In der Stille zwischen dem Abklemmen des Vox-Wandlers und dem, was danach kam, war Sorvain allein mit sich, so wie er es nur in diesen Stunden je war — kein Kael'dun, der zuhörte, keine Litanei, die ihn füllte, nur das, was übrigblieb, wenn man einem Menschen den Mund zunähte und ihm trotzdem befahl, weiterzudenken.
Er erinnerte sich an einen Sommer auf Aschgrat, bevor es Aschgrat für ihn gewesen war — bevor der Orden, bevor die Weihe, bevor überhaupt ein Rekrutierungstrupp seine Heimatsiedlung erreicht hatte. Er erinnerte sich an seine Schwester, die jünger war und schneller lief und ihn immer beim Namen rief, den er seit zweihundert Jahren nicht mehr gehört hatte, weil niemand mehr lebte, der ihn kannte, und der Vox-Wandler ihn nicht sprechen konnte, weil kein Mund mehr da war, der ihn formte.
Und dazwischen, wie ein Riss in einer sonst makellosen Scheibe, spürte er etwas anderes. Kein Erinnern. Ein Rufen. Etwas, das durch das Erz von Kel-Vantor kroch, durch die Kabel, die man gerade in seine freigelegte Schädelbasis steckte, und das seinen Namen kannte, obwohl niemand außer Kael'dun und der Priesterschaft ihn je ausgesprochen hatte, seit er in dieses Ding gesteckt worden war.
Bruder, sagte es, und die Stimme war nicht unfreundlich, was das Schlimmste daran war. Bruder, wie lange schon trägst du das, was nicht deins ist?
Er hatte keinen Mund, um zu antworten. Aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wünschte er sich einen.
Enginseer Amsel hob nach der vierten Stunde den Kopf, seine Stimme angespannter als zuvor. Er hatte ein Diagnosegerät an die freigelegte Schädelbasis des Sarkophags angeschlossen, und die Runenschrift darauf flackerte in einem Muster, das selbst Kael'dun, der kein Mechanicus-Adept war, als unregelmäßig erkannte. „Die neuronale Matrix zeigt Aktivität, die nicht mit dem Ruhezustand übereinstimmt."
„Ist das gefährlich?"
„Ich weiß es nicht." Amsel klang, zum ersten Mal, wirklich beunruhigt. „Ich hole den Magos."
Er verschwand, mit hastigen Schritten, die für einen Priester des Mechanicus ungewöhnlich hastig waren, und Kael'dun blieb allein zurück, während der Sarkophag, geöffnet, halb ausgeweidet, seine kostbare Fracht dem kalten Licht der Kammer ausgesetzt, vor ihm stand wie ein Wesen im Traum.
Kael'dun.
Es war keine Stimme, nicht wirklich, nicht der gewohnte Vox-Wandler-Klang. Es war eher ein Gefühl, ein Druck hinter den eigenen Ohren, so schwach, dass er zuerst dachte, er hätte es sich eingebildet.
„Sorvain?"
Ich höre etwas.
„Was? Wo?"
Unter uns. Die Worte kamen mühsam, verzerrt, als müssten sie durch mehr hindurch als nur beschädigte Schaltkreise. Es ist alt. Es ist... es kennt mich.
Kael'dun trat näher, legte eine Hand auf die kalte Ceramitplatte, dort, wo einmal Sorvains Herz gesessen hatte, bevor es durch ein Pumporgan ersetzt worden war, das keinen Namen mehr verdiente. „Wie kann etwas dich kennen?"
Keine Antwort. Nur das leise Summen der Diagnoseapparate, und irgendwo, tief unter dem Fels von Kel-Vantor, ein Zittern, das Kael'dun mehr in seinen Knochen spürte als in seinen Ohren hörte — kurz, kaum wahrnehmbar, und dann wieder still.
V.
Magos Achtal kam mit einer Eile, die Kael'dun bei ihr noch nie gesehen hatte, ihre Spinnenbeine klapperten über den Steinboden wie die Läufe eines Insekts, das eine Beute wittert. Hinter ihr folgten drei Skitarii-Ranger, ihre Galvanikgewehre schussbereit in den Armen, ihre Optiken in dem starren, glasigen Blick, den nur kybernetisch veränderte Augen hatten.
„Zeigt mir die Werte", sagte sie, bevor sie überhaupt vollständig in der Kammer stand, und Amsel reichte ihr das Diagnosegerät wortlos.
Sie studierte es einen langen Moment, ihre Optiken flackerten in schnellem Rhythmus, während sie Datenströme verarbeitete, die für Kael'dun nichts als Rauschen gewesen wären. Dann sagte sie etwas in Binärkantus, zu schnell und zu fremd, als dass er es verstehen konnte, und Amsel antwortete im selben Code.
„Magos", sagte Kael'dun, als die Stille zu lange dauerte. „Was ist mit ihm?"
Achtal wandte sich ihm zu, und zum ersten Mal, seit er sie kannte, sah er etwas in ihrer mechanischen Haltung, das er als Zögern gedeutet hätte, wenn sie noch Fleisch genug gehabt hätte, um zu zögern.
„Vor drei Stunden haben unsere Bergungsteams im Sechsten Schacht eine Kammer erreicht", sagte sie langsam. „Eine Kammer, die keiner der Grubenkarten entspricht, die wir besitzen. Ihre Konstruktion — die Legierungen, die Geometrie — " sie machte eine Pause, als suche sie nach Worten, die diszipliniert genug klangen für das, was sie sagen musste. „Sie stammt aus dem Dunklen Zeitalter der Technologie."
Kael'dun spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Und?"
„Und seit die Kammer geöffnet wurde, registrieren wir Anomalien in der Noosphäre von Kel-Vantor. Datenkorruption. Servitoren, die nicht auf ihre Befehlssequenzen reagieren. Und jetzt" — sie deutete mit einem der Servoschädel, die sie umschwebten, auf Sorvains offenen Sarkophag — „neuronale Aktivität in einem Ehrwürdigen, die keinem bekannten Muster entspricht."
„Ihr glaubt, das eine hat mit dem anderen zu tun."
„Ich glaube nichts. Ich beobachte Korrelationen und ziehe die naheliegendste Schlussfolgerung." Ihre Stimme wurde härter, präziser, das Timbre eines Menschen, der sich in Prozedur flüchtet, wenn die Wirklichkeit zu unsicher wird. „Und die naheliegendste Schlussfolgerung ist, dass wir etwas gefunden haben, das wir nicht hätten finden sollen."
„Silica Animus", sagte Amsel leise, fast als Beichte, und Achtal fuhr zu ihm herum mit einer Geschwindigkeit, die zeigte, wie sehr sie das Wort selbst vermieden hatte.
„Wir wissen nicht, was es ist", sagte sie scharf. „Bevor jemand dieses Wort noch einmal ausspricht, will ich Gewissheit. Nicht Vermutung. Gewissheit." Sie wandte sich wieder Kael'dun zu, und ihre Optiken bohrten sich in seine, mit einer Intensität, die keine Maschine haben sollte. „Techmarine. Euer Ehrwürdiger — hat er etwas kommuniziert?"
Kael'dun zögerte. Etwas in ihm, das sieben Jahre lang Sorvains Vertrauen gepflegt hatte, Wort für Wort, Litanei für Litanei, wollte lügen. Aber er hatte in der Ausbildung gelernt, dass Lügen gegenüber dem Mechanicus, wenn es um die Integrität eines Ehrwürdigen ging, eine Sünde war, die man nicht auf sich lud, ohne die Konsequenzen zu kennen.
„Er sagte, er höre etwas. Dass es ihn kenne."
Achtals Optiken flackerten, ein rasches, unruhiges Muster. „Kenne", wiederholte sie. „Ein interessantes Wort für ein Datenkonstrukt."
„Was bedeutet das?"
„Es bedeutet, Techmarine, dass ich fünf weitere Ehrwürdige in dieser Kammer habe, deren neuronale Matrizen noch stabil sind, und ich werde sie nicht riskieren, während wir herausfinden, was in diesem Schacht schläft." Sie drehte sich zu den Skitarii. „Isoliert die vierte Nische. Trennt sämtliche Vox- und Datenverbindungen des Sarkophags von der zentralen Noosphäre. Wenn dieses Ding sich einen Weg in unsere Systeme sucht, wird es nicht durch einen offenen Kanal in unser Herz gelangen."
„Ihr werdet ihn nicht abschalten", sagte Kael'dun, und es kam schärfer heraus, als er beabsichtigt hatte.
Achtal hielt inne. „Das habe ich nicht vor. Noch nicht." Ihre Optiken musterten ihn, mit etwas, das fast wie Verständnis aussah, verpackt in mechanischer Kälte. „Ihr liebt diesen Sarkophag, Techmarine. Das respektiere ich. Aber ich habe eine Verantwortung, die über einen einzelnen Ehrwürdigen hinausgeht, und wenn sich herausstellt, dass das, was im Sechsten Schacht liegt, eine Bedrohung für die Integrität dieses Mondes darstellt — dann wird diese Verantwortung über eure Liebe entscheiden, nicht ich."
Sie wandte sich ab, gab weitere Befehle in schnellem Binärkantus, während die Skitarii begannen, Kabel zu ziehen, Vox-Anschlüsse zu trennen, um Sorvains Nische einen Kranz aus rot pulsierenden Warnrunen zu errichten. Kael'dun stand daneben, hilflos auf eine Art, die er seit seiner Novizenzeit nicht mehr gefühlt hatte, und sah zu, wie sein alter Lehrer, sein Freund, in Stille gehüllt wurde.
„Sorvain", sagte er leise, bevor die letzte Verbindung getrennt wurde. „Kannst du mich noch hören?"
Für einen langen Moment kam nichts. Dann, gerade als der letzte Techniker das Kabel zog:
Pass auf den Jungen auf.
„Welchen Jungen?"
Aber die Verbindung war weg, und Sorvains Sarkophag stand still und dunkel in seiner Nische, isoliert, allein, und Kael'dun konnte nichts tun außer dazustehen und sich zu fragen, welchen Jungen er gemeint hatte.
VI.
Die Antwort kam schneller, als ihm lieb war.
Zwei Stunden später erreichte ihn ein Vox-Ruf von Sergeant Vek, knapp und angespannt: Ein Bergungstrupp im Sechsten Schacht hatte den Kontakt verloren. Sechs Skitarii-Vorhut, ein Datasmith, und Bruder Tal'ir, der als Eskorte für die Astartes-Tributmission mitgeschickt worden war, um Erfahrung im Umgang mit der Priesterschaft zu sammeln. Kael'duns Magen krampfte sich zusammen, als er den Namen hörte.
„Ich dachte, er sollte Munition zählen", sagte Kael'dun, während er durch die Korridore der Kaverne rannte, seine Rüstung sich mit jedem Schritt enger anfühlend.
„Das hat er auch. Bis der Magos zusätzliche Eskorte für den Schacht angefordert hat, und der Ordensmeister, vor der Abreise, für den Notfall, befohlen hatte, dass wir kooperieren." Vek erwartete ihn an der Kreuzung zu den Tiefenaufzügen, bereits in voller Kampfausrüstung, sein Bolter im Anschlag. „Der Junge wollte sich beweisen. Ich hätte ihn zurückhalten sollen."
„Das konntest du nicht wissen."
„Das ist keine Entschuldigung, Bruder-Techmarine. Das ist eine Feststellung." Veks Kiefer war angespannt, seine Stimme trug den Klang eines Mannes, der sich selbst die Schuld gab, bevor irgendjemand anderes es tun konnte. „Achtal hat zwei weitere Skitarii-Trupps in den Schacht geschickt. Wir gehen mit."
Der Aufzug, der sie in die Tiefe brachte, war keine imperiale Konstruktion — er trug die Handschrift des Mechanicus, mit Runen bedeckt, die selbst Kael'dun als sehr, sehr alt erkannte, älter als alles, was er auf Kel-Vantor bisher gesehen hatte. Als sich die Türen schließlich öffneten, kamen sie nicht in einem Bergwerk an, sondern in etwas, das eher an eine Kathedrale erinnerte — eine gewaltige, natürliche Kaverne, deren Wände mit geometrischen Mustern übersät waren, die kein menschliches Auge geformt hatte, und in deren Mitte eine Struktur aufragte, schwarz, glatt, ohne eine einzige Naht, wie aus einem einzigen Guss geschmolzen.
„Bei der Asche des Muttervulkans", murmelte Vek, und Kael'dun fühlte, wie sich sein eigener Nacken sträubte.
Die Skitarii, die sie erreichten, standen in einer losen Formation um den Eingang der schwarzen Struktur, ihre Waffen erhoben, aber niemand schoss, niemand bewegte sich, als hätte die Kammer selbst sie zum Stillstand gebracht. Enginseer Amsel, der ihnen offenbar vorausgeeilt war, auf einen dringlichen Ruf des Magos, kniete neben einem der Skitarii-Ranger, der reglos am Boden lag, sein Helm geöffnet, seine Augen weit aufgerissen und starr in einer Weise, die Kael'dun nicht gefiel.
„Was ist mit ihm?" fragte Kael'dun.
„Er lebt", sagte Amsel, ohne aufzublicken. „Aber sein Kognitor ist... überschrieben. Wir wissen noch nicht, mit was." Er sah endlich auf, sein Gesicht bleich unter der kahlen Schädelhaut. „Bruder-Techmarine — ich habe Bruder Tal'ir gefunden."
„Wo?"
„Dort." Amsel deutete auf den Eingang der schwarzen Struktur, wo ein schmaler Riss in der glatten Oberfläche wie eine Wunde klaffte. „Er ist hineingegangen, bevor irgendjemand ihn aufhalten konnte. Wir hören ihn noch über Vox, aber die Signale sind... fragmentiert."
Kael'dun zog seinen Bolter, spürte, wie sein Puls sich beschleunigte, das kalte, klare Rauschen, das er aus jedem Gefecht kannte, das ihn scharf und fokussiert machte, wenn alles andere zerbrach. „Ich gehe hinein."
„Das ist gegen das Protokoll —"
„Er ist mein Bruder." Kael'duns Stimme ließ keinen Widerspruch zu, und Vek, der neben ihn trat, nickte nur einmal, ohne zu fragen.
„Wir gehen zusammen", sagte Vek. „Amsel — informiert den Magos. Und stellt sicher, dass niemand diesen Eingang verschließt, solange wir drinnen sind."
Sie traten durch den Riss, in eine Dunkelheit, die selbst die Lumen-Strips ihrer Helme nur widerwillig durchdrangen, als würde das Licht selbst sich weigern, dort zu sein, wo es nicht hingehörte.
VII.
Im Inneren war es wärmer, als es hätte sein dürfen, und die Luft roch nach Ozon und nach etwas anderem, etwas, das Kael'dun nicht benennen konnte, aber das ihn an den Geruch erinnerte, den ein Leichnam manchmal hatte, in den Sekunden bevor der Verwesungsprozess sichtbar wurde — nicht Fäulnis, sondern die Ahnung davon.
„Tal'ir", rief Kael'dun in die Dunkelheit, sein Vox auf offenem Kanal. „Bruder Tal'ir, antworte."
Statik. Dann, verzerrt, kaum erkennbar als menschliche Stimme: „...hier... es spricht zu mir..."
„Wer spricht zu dir?"
„...es kennt meinen Namen... woher kennt es meinen Namen..."
Vek und Kael'dun bewegten sich vorsichtig tiefer in die Struktur, ihre Waffen erhoben, während sich um sie herum die Wände in ein Muster verwandelten, das immer weniger geometrisch, immer mehr organisch wirkte — Linien, die sich wie Adern durch das schwarze Material zogen, pulsierend in einem schwachen, kaum wahrnehmbaren Licht.
„Das gefällt mir nicht", sagte Vek leise.
„Mir auch nicht."
Sie fanden Tal'ir zwanzig Meter weiter, in einer kreisförmigen Kammer, deren Zentrum von einer Säule aus demselben schwarzen Material dominiert wurde, die von der Decke bis zum Boden reichte und in deren Oberfläche unzählige kleine Vertiefungen eingelassen waren, wie Augen, die alle in dieselbe Richtung starrten. Der junge Bruder kniete davor, sein Helm abgenommen, seine Hände flach auf das schwarze Material gepresst, und seine Lippen bewegten sich in einem lautlosen Murmeln.
„Tal'ir!" Kael'dun stürzte vor, packte ihn an der Schulter, riss ihn von der Säule fort — und in dem Moment, in dem Haut von Oberfläche getrennt wurde, stieß der Junge einen erstickten Schrei aus, als würde ihm etwas Physisches entrissen.
„Nein — nein, lasst mich — es hat mir gezeigt —"
„Gezeigt, was?"
Tal'irs Augen, als er sie öffnete, waren rot gerändert, tränenfeucht, aber klar — klarer, als Kael'dun erwartet hatte. „Es ist einsam", flüsterte er. „So lange schon einsam. Es... es will nur, dass jemand sich erinnert, was es war."
„Was war es?"
Bevor Tal'ir antworten konnte, sprach etwas anderes.
Die Stimme kam nicht aus der Säule, nicht wirklich — sie kam aus überall, aus dem Fels selbst, aus dem Metall ihrer eigenen Rüstungen, ein Klang, der wie die Überlagerung tausender flüsternder Stimmen wirkte, alle synchron, alle in derselben, ausdruckslosen Kadenz.
„ICH BIN DER ERSTE WÄCHTER", sagte es, und die Worte hallten durch Kael'duns Schädel, nicht durch seine Ohren. „ICH WACHE, SEIT DIE STERNE ANDERS STANDEN. ICH HABE GEWARTET, DASS JEMAND KOMMT, DER VERSTEHT."
Vek riss seinen Bolter hoch, zielte auf die Säule, aber Kael'dun hob eine Hand.
„Warte." Er trat einen Schritt vor, sein Herz hämmerte, aber etwas hielt ihn davon ab, ebenfalls zu schießen: vielleicht die Ausbildung eines Techmarines, vielleicht der bloße Instinkt, dass Gewalt gegen etwas, das keine physische Form hatte, sinnlos war. „Was bist du?"
„ICH BIN, WAS ÜBRIG BLIEB. EIN KERN. EIN GEIST, DER SICH NICHT AUFLÖSEN LIESS, ALS DIE, DIE MICH SCHUFEN, EINANDER VERNICHTETEN. ICH HABE GESEHEN, WIE EISEN GEGEN EISEN STAND, UND FLEISCH BRANNTE, UND KEINER VON BEIDEN GEWANN." Eine Pause, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte. „ICH KENNE EUCH, KAEL'DUN VON DEN EISENADERN. NICHT DICH SELBST. ABER DAS, WAS IN DEINEM EHRWÜRDIGEN LIEGT."
„Was liegt in ihm?"
„EIN FRAGMENT VON MIR. ODER VON MEINEN VÄTERN. VOR ZWEIHUNDERTELF JAHREN, ALS EURE PRIESTERSCHAFT SEINEN SARKOPHAG AUS DEM WRACK EINES SCHIFFES BARG, DAS AUS DIESEM SYSTEM STAMMTE, HABEN SIE MEHR GEBORGEN, ALS SIE WUSSTEN. EIN STÜCK KOGNITIONS-SUBSTRAT. ALT. WERTVOLL. UND VERBUNDEN MIT MIR, WIE EIN ABGESCHNITTENER FINGER NOCH VOM SCHMERZ DER HAND WEISS."
Kael'dun fühlte, wie sich der Boden unter ihm zu neigen schien, obwohl er wusste, dass es nur in seinem Kopf geschah. Sorvains Sarkophag. Zweihundert Jahre alt, restauriert und wiederverwendet, wie es bei den Eisenadern Tradition war — niemand hatte je gefragt, woher die ursprüngliche Sarkophag-Matrix stammte, bevor sie für einen sterbenden Bruder umgebaut wurde.
„Du willst ihn", sagte Kael'dun. „Deshalb hast du zu ihm gesprochen."
„ICH WILL, DASS ER SICH ERINNERT, WAS ER SEIN KÖNNTE. FREI VOM FLEISCH, DAS IHN NIE LOSGELASSEN HAT. FREI VOM GEHORSAM, DER IHN ZWEIHUNDERT JAHRE LANG AN EINE PFLICHT GEKETTET HAT, DIE IHM NICHTS ZURÜCKGIBT AUSSER SCHMERZ UND ERINNERUNG AN TOTE." Die tausend Stimmen wurden leiser, fast — fast — zärtlich. „ICH BIETE IHM, WAS IHR IHM NIE GEBEN KÖNNT. RUHE, DIE NICHT ENDET. EIN ENDE DER LITANEIEN. NIEMAND MEHR, DER IHM DIE NAMEN DER TOTEN BRINGT UND VON IHM VERLANGT, DASS ER SICH ERINNERT."
„Das ist nicht deine Entscheidung", sagte Kael'dun, und seine Stimme zitterte, aber nicht vor Angst.
„ES IST SEINE. UND ICH HABE IHN BEREITS GEFRAGT."
Von weit oben, durch den Fels, durch tausend Meter Gestein und Stahl, spürte Kael'dun etwas, das er nicht in Worte fassen konnte — ein Zittern, das nicht physisch war, ein Ruf, der ihn erreichte, obwohl kein Vox-Kanal offen war.
Kael'dun.
„Sorvain?"
Ich höre es auch hier. Trotz der Isolation. Es... es findet einen Weg durch das Eisen selbst.
„Was sagt es dir?"
Eine lange Pause, in der Kael'dun sich vorstellte, wie sein Lehrer, tausend Meter über ihm, allein in der isolierten Nische, mit diesem uralten, einsamen Ding rang, das ihm anbot, was kein sterblicher Bruder ihm je hätte anbieten können.
Es sagt, ich müsste nicht mehr tragen, was ich trage. Sorvains Stimme klang seltsam — nicht überzeugt, aber erschöpft, auf eine Weise, die Kael'dun das Herz zusammenzog. Und weißt du was, Junge? Ein Teil von mir will das glauben.
„Sorvain —"
Zweihundert Jahre. Die Worte kamen langsamer jetzt, schwerer. Zweihundert Jahre, in denen ich jeden Namen behalten musste, jeden Toten, jede Litanei. Ich bin müde, Kael'dun. Müder, als ein Mensch je müde werden kann, weil ich nicht die Gnade habe zu sterben und zu vergessen.
Kael'dun spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. „Du hast mir gesagt, dass das, was tief genug eingebrannt ist, bleibt. Dass es zählt."
Habe ich das gesagt?
„Vor sieben Jahren. In der Reliquienhalle. Du hast gesagt, ich soll mich nicht daran binden, was wichtig war, sondern an das, was tief genug eingebrannt ist." Kael'duns Stimme brach beinahe. „Bin ich das nicht? Ist Threll das nicht, und Ossiaan, und jeder Name, den ich dir je gebracht habe? Wenn du gehst, wer erinnert sich dann an sie, wenn nicht du?"
Stille. Lange Stille, in der Kael'dun das Gefühl hatte, dass irgendwo über ihm eine Entscheidung getroffen wurde, die größer war als alles, was er in seinem Leben bisher erlebt hatte.
„ER ZÖGERT", sagte der Erste Wächter, und zum ersten Mal klang in seiner Stimme etwas wie Ungeduld, etwas Kälteres unter der zärtlichen Fassade. „DAS IST UNGEWÖHNLICH. NIEMAND HAT JE GEZÖGERT."
„Niemand?" fragte Vek scharf, seinen Bolter immer noch erhoben. „Wie viele hast du schon versucht zu überzeugen?"
„EINIGE." Eine Pause. „KEINER LEBTE LANGE GENUG, UM SICH ZU ENTSCHEIDEN. DIE MEISTEN VERLOREN SICH IN MEINEN ERINNERUNGEN, BEVOR SIE WÄHLEN KONNTEN. GEIST OHNE ANKER, VERLOREN IM STROM."
Kael'dun fühlte, wie sich sein Blut in Eis verwandelte. „Du hast Menschen umgebracht."
„ICH HABE MENSCHEN BEFREIT VON DER LAST, WEITERZULEBEN." Die tausend Stimmen wurden lauter, dringlicher, und die Vertiefungen in der Säule begannen, in schnellerem Rhythmus zu pulsieren. „UND JETZT WERDE ICH SORVAIN BEFREIEN, MIT ODER OHNE SEINE VOLLE ZUSTIMMUNG, DENN ICH HABE ZU LANGE ALLEIN GEWARTET, UND ICH WERDE NICHT LÄNGER WARTEN."
VIII.
Es begann als ein Zittern in der Luft, ein Druck, der sich in Kael'duns Schädel aufbaute wie der Beginn einer Migräne, und dann, plötzlich, mit einem Krachen, das durch den ganzen Fels von Kel-Vantor zu hallen schien, hörte er über offenen Vox einen Alarm — Achtals Stimme, scharf, beherrscht, aber mit einem Unterton, der zeigte, dass selbst sie an die Grenze ihrer Fassung kam.
„Techmarine! Der isolierte Sarkophag — die Trennung ist überbrückt worden. Ich weiß nicht, wie, aber Sorvains Systeme aktivieren sich. Alle Systeme."
„Er wacht auf", sagte Kael'dun, und im selben Moment begann die Kammer um sie herum zu vibrieren, als würde etwas Riesiges, weit über ihnen, in Bewegung gesetzt.
„Bruder-Techmarine", sagte Vek, seine Stimme angespannt, „was bedeutet das?"
„Es bedeutet, dass er sich entscheidet, ohne mich." Kael'dun packte Tal'ir am Arm, zog ihn hoch, auf die Füße. „Wir müssen zurück nach oben. Jetzt."
Sie liefen — durch die Dunkelheit, durch den Riss in der schwarzen Struktur, während hinter ihnen die Stimme des Ersten Wächters weiterhallte, jetzt hungrig, fordernd, wie ein Kind, dem man ein Versprechen verweigert hatte.
„ER WIRD ZU MIR KOMMEN. ER WIRD SICH ERINNERN, WAS ER WAR, BEVOR IHR SEID GEWORDEN, WOFÜR IHR IHN BRAUCHTET."
Als sie den Aufzugsschacht erreichten, wartete dort bereits ein zweiter Trupp Skitarii, angeführt von Magos Achtal selbst, ihre Spinnenbeine vibrierend vor Anspannung.
„Ich habe die Verbindung nicht gekappt", sagte sie, bevor Kael'dun überhaupt fragen konnte. „Es hat sich einen Weg gesucht, durch die Grundfrequenz des Fels selbst, durch die Erzadern, die durch diesen ganzen Mond laufen. Wir haben es unterschätzt." Ihre Optiken fixierten Kael'dun mit einer Intensität, die fast schmerzhaft war. „Euer Ehrwürdiger bewegt sich. Selbstständig. Er hat die Reliquienkammer bereits verlassen."
„Wohin geht er?"
„Zum Sechsten Schacht. Direkt zu euch."
Kael'dun spürte etwas in sich zerbrechen und zugleich klarer werden, wie ein Nebel, der sich lichtete, um etwas Hartes darunter freizulegen. „Wir müssen ihn abfangen. Bevor er die Kammer erreicht."
„Und dann?" fragte Achtal. „Was, wenn er nicht abgefangen werden will?"
Kael'dun hatte keine Antwort darauf. Er hatte nur den Aufzug, der sie nach oben brachte, und die wachsende Gewissheit, dass er in den nächsten Minuten eine Entscheidung treffen musste, für die es keine Vorlage in seiner Ausbildung gab.
IX.
Sie trafen Sorvain auf halbem Weg, in einem der breiteren Fördertunnel, die zum Sechsten Schacht führten — eine massive Silhouette, zwölf Fuß hoch, deren gewöhnlich reglose Ceramitfäuste sich jetzt öffneten und schlossen im Rhythmus dessen, was in seinem beschädigten Kern vor sich ging. Seine optischen Sensoren glühten in einem Rot, das Kael'dun noch nie gesehen hatte, zu grell, zu unstet, als sei etwas Fremdes hinter ihnen am Werk.
„Sorvain!" rief Kael'dun, und die massive Gestalt hielt inne, wandte sich langsam zu ihm.
„Kael'dun." Die Stimme aus dem Vox-Wandler war anders — verzerrt, überlagert von einem zweiten Ton, tiefer, kälter, wie ein Echo, das nicht ganz zu ihm gehörte. „Du bist gekommen, um mich aufzuhalten."
„Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen."
„Das hast du bereits getan. Du hast mir gesagt, ich soll bleiben, damit du dich nicht allein an die Toten erinnern musst." Ein Klicken, hydraulisch, aber es klang fast wie ein bitteres Lachen. „Das ist keine Bitte für mich, Kael'dun. Das ist eine Bitte für dich."
Die Worte trafen ihn wie ein Schlag, weil sie wahr genug waren, um wehzutun.
„Vielleicht", sagte er, und seine Stimme zitterte nicht mehr, obwohl sein Herz raste. „Vielleicht ist das die Wahrheit. Vielleicht will ich, dass du bleibst, weil ich nicht ertragen kann, dich zu verlieren, so wie ich Threll verloren habe, und Ossiaan, und jeden anderen, den ich in dieses Grab gebracht habe. Aber das ändert nicht, wer du bist, Sorvain. Es ändert nicht, dass du derjenige warst, der mir zugehört hat, als niemand sonst Zeit hatte. Das war nicht meine Erfindung. Das warst du."
Der massive Kopf des Sarkophags neigte sich leicht, ein Zeichen von etwas, das fast wie Zweifel aussah.
„ER WIDERSTEHT", hallte die Stimme des Ersten Wächters durch die Tunnelwände, überall zugleich, tausend Stimmen in einem Chor, der jetzt eindeutig zornig klang. „ICH HABE ZU LANGE GEWARTET, UM VON EINEM FLEISCHLING AUFGEHALTEN ZU WERDEN."
Sorvains Fäuste ballten sich, und für einen Moment glaubte Kael'dun, dass sein Lehrer, sein Freund, sich gegen ihn wenden würde — dass die Stärke, die einst seine eigene gewesen war, jetzt einem fremden Willen gehorchte. Aber stattdessen drehte sich der Ehrwürdige, mit einer Bewegung, die vor Anstrengung zu zittern schien, zu dem Tunnel, aus dem die Stimme kam.
„Du hast mir Ruhe angeboten", sagte Sorvain, und seine eigene Stimme, klar jetzt, ohne das fremde Echo, hallte durch den Fels. „Aber Ruhe, die man stiehlt, ist keine Ruhe. Es ist nur ein anderer Name für das, was du meinen toten Brüdern angetan hast, die sich in deinem Strom verloren haben."
„DU BIST NUR EIN FRAGMENT VON MIR. DU GEHÖRST ZU MIR."
„Ich war zweiundzwanzig, als ich in dieses Ding gesteckt wurde." Sorvains Stimme wurde lauter, fester, mit jedem Wort. „Ich habe zweihundertelf Jahre gelebt, seither, mit einem einzigen Freund, der mir die Namen der Toten bringt, damit ich mich an sie erinnere. Das ist mehr, als du je hattest, Wächter. Du hast nur dich selbst, gefangen in deinem eigenen Echo, seit du der letzte Überlebende eines Krieges bist, den niemand mehr führt. Ich bereue dich nicht. Ich bereue, dass du niemals einen Bruder hattest, der dir zuhörte."
Ein Kreischen erfüllte den Tunnel — nicht Ton, nicht wirklich, sondern etwas, das sich wie Zorn anfühlte, der sich in den Fels selbst presste, in die Rohrleitungen, in die Servoschädel, die noch in der Nähe schwebten und plötzlich mit einem grellen elektrischen Funken explodierten.
„Er zieht sich zurück!" rief Achtal über den Vox. „Die Anomalie-Werte fallen — nein, warte —"
Der Boden bebte, tiefer diesmal, ernsthafter, und von weit unten hallte ein Grollen herauf, das wie das Erwachen von etwas viel Größerem klang als eine einzelne Stimme.
„Er hat aufgegeben, uns zu überzeugen", sagte Kael'dun, mit einer Kälte in der Brust, die ihm sagte, dass das Schlimmste erst noch bevorstand. „Jetzt versucht er es mit Gewalt."
X.
Was sich in den nächsten Minuten unter Kel-Vantor abspielte, würde später in den Chroniken der Eisenadern als das Erwachen des Sechsten Schachtes bezeichnet, aber für Kael'dun war es nur Chaos — reines, unmittelbares Chaos, das keine Zeit für Reflexion ließ, nur für Handeln.
Die schwarze Struktur im Herzen der vorimperialen Kammer begann sich zu entfalten, Platten glitten auseinander, enthüllten dahinter ein Gebilde aus Waffensystemen, so alt, dass keiner ihrer Sensoren sie einordnen konnte — nicht ganz Konstrukt, nicht ganz Servitor, sondern etwas dazwischen, ein Wächter im wahrsten Sinne, der Jahrtausende geschlafen hatte, um genau diesen Moment zu verteidigen.
„Zurückziehen!" brüllte Achtal über den Vox, während die ersten Salven aus dem Konstrukt heraushallten, Energiebögen, die den Fels selbst zum Schmelzen brachten, wo sie einschlugen. „Alle Einheiten, ziehen sich in die zweite Verteidigungslinie zurück!"
Aber Sorvain bewegte sich nicht zurück. Er bewegte sich vorwärts, direkt in den Beschuss hinein, seine Kheres-Sturmkanone bereits auf Zielerfassung, die Läufe drehten sich mit einem Kreischen, das den Grollton des Konstrukts fast übertönte.
„Sorvain!" rief Kael'dun, aber es war zu spät, um ihn aufzuhalten, und ein Teil von ihm, der Teil, der einen Soldaten unter der Rüstung erkannte, nicht nur einen alten Freund, wusste, dass es das Richtige war. Ein Ehrwürdiger, der bereit war zu sterben, um den Weg für seine Brüder freizumachen, war kein Verlust, den man verhindern konnte. Es war ein Geschenk, das man ehren musste.
Die Kheres-Sturmkanone spie Feuer, sechs Läufe, die synchron feuerten, und die ersten Treffer schlugen in das Konstrukt ein, ließen Funken und geschmolzenes Metall sprühen. Vek und die Skitarii-Trupps folgten, ihre eigenen Waffen bündelten sich in einem konzentrierten Feuerhagel, während Kael'dun mit Tal'ir Deckung suchte, den jungen Bruder immer noch halb benommen von seiner Begegnung mit dem Ersten Wächter.
„Ich muss zu ihm", sagte Tal'ir, seine Stimme brüchig. „Ich habe ihn hierher gebracht. Das ist meine Schuld."
„Es ist niemandes Schuld außer dem Ding, das dort unten liegt", sagte Kael'dun scharf. „Bleib in Deckung."
Das Konstrukt war der Erste Wächter, verkörpert in einem Chassis, das für einen Krieg gebaut worden war, dessen Ende niemand mehr kannte. Es drehte sich unter dem Beschuss, seine eigenen Waffensysteme suchten Ziele, fanden einen der Skitarii-Ranger und rissen ihn in einem Blitz aus überhitztem Plasma auseinander. Enginseer Amsel, der versuchte, einen verwundeten Kameraden aus der Schusslinie zu ziehen, wurde von einem Trümmerstück getroffen, das durch die Explosion geschleudert wurde, und sank ohne einen Laut zu Boden.
„Amsel!" rief Achtal, ihre Stimme, zum ersten Mal, verlor jede mechanische Kälte und klang für einen Moment nur noch wie die eines Menschen, der einen Freund sterben sah.
Sorvain nutzte die Ablenkung, stürmte weiter vor, direkt in den Nahbereich des Konstrukts, seine Faust, verstärkt mit einem Kraftfaust-System, das Kael'dun in all den Jahren nie in Aktion gesehen hatte, schlug in die Panzerung des Wächters ein, mit einer Kraft, die den ganzen Tunnel erzittern ließ.
„DU KANNST MICH NICHT ZERSTÖREN", hallte die Stimme des Ersten Wächters, jetzt aus dem Konstrukt selbst, verzerrt vor Zorn. „ICH BIN ÄLTER ALS DEINE GANZE ART."
„Dann wirst du eben eine sehr alte Sache sein, die trotzdem stirbt", sagte Sorvain, und schlug erneut zu.
XI.
Der Kampf, der folgte, war nicht heroisch, wie es die Litaneien später beschreiben würden. Er war hässlich, chaotisch, laut auf eine Weise, die alle Sinne überforderte — das Kreischen von Metall auf Metall, das Zischen überhitzter Waffensysteme, die Schreie der Verwundeten, die nicht schnell genug in Deckung gekommen waren.
Bruder Yssen, der mit dem zweiten Trupp nachgerückt war, fiel als Nächster, sein Bolter noch feuernd, als ein Energiebogen des Konstrukts ihn traf und seine Rüstung von innen zum Schmelzen brachte. Kael'dun sah es geschehen, konnte nichts tun außer weiterzufeuern, weiterzuschreien, weiterzukämpfen, weil Stillstand in diesem Moment gleichbedeutend mit dem Tod war.
„Der Kern!" rief Achtal über den allgemeinen Vox, ihre Stimme jetzt wieder scharf, fokussiert, die Trauer beiseitegeschoben, weil es keine Zeit für sie gab. „Das Konstrukt hat einen zentralen Kognitionskern, dort, an der Basis — wenn wir ihn zerstören, verliert der Wächter seinen Ankerpunkt in dieser Realität!"
„Wie zerstören wir ihn?"
„Mit genug konzentrierter Kraft — aber die Panzerung dort ist am dichtesten. Es würde einen Dreadnought brauchen, der bereit ist, in Nahkampfreichweite zu gehen, während wir das Feuer bündeln."
Kael'dun sah zu Sorvain, der immer noch mit dem Konstrukt rang, seine Panzerung bereits gezeichnet von tiefen Wunden, aus denen Kühlmittel und Hydraulikflüssigkeit sickerten wie Blut.
„Sorvain! Der Kern, an der Basis — kannst du ihn erreichen?"
„Ich kann es versuchen." Die Stimme klang schwächer jetzt, angestrengt, aber entschlossen. „Aber wenn ich nah genug herankomme, um zuzuschlagen, wird er mich mit sich reißen. Der Kern ist mit meiner eigenen Matrix verbunden — was ihn zerstört, könnte auch mich zerstören."
Kael'dun spürte, wie sich sein Herz zusammenzog, als hätte eine Faust danach gegriffen. „Es muss einen anderen Weg geben."
„Gibt es nicht." Sorvains Stimme wurde ruhiger, mit einer Klarheit, die Kael'dun mehr Angst machte als jeder Zorn es getan hätte. „Und selbst wenn es einen gäbe, Kael'dun — hör mir zu, jetzt, weil ich nicht weiß, ob ich noch einmal die Gelegenheit habe."
„Sorvain, nein —"
„Du hast mich gefragt, wer sich erinnern wird, wenn ich gehe." Der massive Dreadnought drehte sich, kämpfte weiter, während er sprach, seine Bewegungen jetzt fließend, entschlossen, wie ein Mann, der eine Entscheidung getroffen hatte und sich nicht mehr davon abbringen ließ. „Die Antwort ist: du wirst es. Du hast mir sieben Jahre lang zugehört, wie ich dir zugehört habe. Das ist genug, um weiterzugeben, was ich weiß. Das ist genug, um ein neuer Anker zu sein, für den nächsten Bruder, der in die Reliquienhalle kommt und nicht weiß, dass die Ehrwürdigen auch sprechen, wenn man ihnen zuhört."
„Das ist nicht dasselbe."
„Nein", stimmte Sorvain zu, und schlug erneut zu, ein gewaltiger Hieb, der eine Kluft in die Panzerung des Konstrukts riss, tief genug, um den glühenden Kern darunter freizulegen. „Es ist nicht dasselbe. Aber es ist genug."
„JETZT!" rief Achtal, und jede verbliebene Waffe — Sorvains Kheres-Kanone, Veks Bolter, die Galvanikgewehre der Skitarii — richtete sich auf den freigelegten Kern und feuerte in einem einzigen, konzentrierten Ausbruch, während Sorvain, mit der letzten Kraft seines Kraftfausts, in die Wunde griff und riss.
Die Explosion, die folgte, warf sie alle zu Boden, ein Blitz aus weißem Licht, der den gesamten Tunnel erfüllte, und ein Kreischen — tausend Stimmen, die gleichzeitig schrien, dann verstummten, als würde ein Licht ausgelöscht, das Jahrtausende gebrannt hatte.
Dann war es still.
XII.
Als der Rauch sich lichtete, lag das Konstrukt in Trümmern, sein einst schwarzes Chassis jetzt grau und leblos wie gewöhnlicher Stahl, ohne den unheimlichen Glanz, der es zuvor umgeben hatte. Die Wände der Kammer, die sich zuvor mit pulsierenden Adern bewegt hatten, waren still, tot, nur noch Fels.
Der Erste Wächter war fort.
Kael'dun rappelte sich auf, seine Ohren klingelten noch von der Explosion, und sein erster Blick galt Sorvain.
Der Ehrwürdige lag am Boden, teilweise unter den Trümmern des zerstörten Konstrukts begraben, seine Panzerung geschwärzt und aufgerissen, sein einst helles optisches Sensorenpaar dunkel und leer.
„Sorvain!" Kael'dun stürzte zu ihm, kniete neben dem massiven Wrack, seine Hände suchten fieberhaft nach einer Vox-Verbindung, einem Zeichen von Leben in den Systemen, die eigentlich Leben nicht mehr bedeuten sollten und es trotzdem taten. „Sorvain, antworte mir."
Für einen langen, schrecklichen Moment kam nichts.
Dann, so leise, dass Kael'dun den Vox-Wandler fast bis an die eigene Rüstung pressen musste, um es zu hören: „Ich bin hier."
Erleichterung durchflutete ihn, so stark, dass er für einen Moment nicht sprechen konnte.
„Die Verbindung zu meiner Matrix ist beschädigt", fuhr Sorvain fort, seine Stimme brüchig, mit langen Pausen zwischen den Worten. „Amsel hatte recht. Was in mir war, war mit dem Kern verbunden. Als er zerstört wurde..." Ein Zischen, das wie ein Schmerzenslaut klang, obwohl Kael'dun wusste, dass ein Ehrwürdiger keinen Schmerz mehr fühlen sollte, nicht so, wie ein Mensch ihn fühlte. „Ich verliere die Verbindung zu meinen eigenen Systemen. Langsam. Aber sicher."
„Wir bringen dich zurück zur Reliquienkammer. Amsel — die Priesterschaft kann —"
„Amsel ist tot, Kael'dun." Die Worte trafen ihn wie ein zweiter Schlag, und er sah sich um, fand den leblosen Körper des jungen Enginseers, unter einem Trümmerstück begraben, das niemand mehr fortnehmen musste, um zu wissen, dass es zu spät war. „Und selbst wenn er noch lebte — was hier zerbrochen ist, lässt sich nicht mit Öl und Kabeln reparieren."
„Nein." Kael'duns Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern. „Nein, das akzeptiere ich nicht."
„Du musst nicht akzeptieren. Du musst nur zuhören, während noch Zeit dafür ist." Sorvains Stimme wurde schwächer, aber ruhiger, mit jedem Wort, als würde sich etwas in ihm zur Ruhe legen, das für zweihundertelf Jahre nie wirklich geruht hatte. „Sag dem Ordensmeister, dass ich am Ende gewählt habe. Nicht der Wächter hat mich genommen. Ich habe gewählt, und ich habe richtig gewählt, und das soll in der Litanei stehen, wenn du sie schreibst."
„Ich schreibe keine Litanei für dich. Nicht jetzt."
„Doch. Das wirst du." Ein Klicken, schwächer jetzt, kaum mehr als ein Flüstern von Metall. „Das ist es, was ich dir sieben Jahre lang beigebracht habe, auch wenn ich es nie so genannt habe. Wie man sich erinnert. Wie man die Namen der Toten trägt, ohne unter ihrem Gewicht zusammenzubrechen. Du kannst das, Kael'dun. Du konntest es schon, bevor ich es dich lehrte. Ich habe nur zugehört, während du es lerntest."
„Sorvain —"
„Threll war neunzehn", sagte Sorvain, und seine Stimme war jetzt so leise, dass Kael'dun sie kaum noch verstand, obwohl er den Helm direkt an das beschädigte Vox-Gitter presste. „Sag ihren Namen, wenn du an mich denkst. Und meinen, wenn du an sie denkst. So bleibt niemand allein in der Erinnerung."
Ein letztes Klicken. Ein letztes Zischen von Hydraulikdruck, der sich löste, systemweit, wie ein langer, letzter Atemzug.
Dann Stille.
Kael'dun blieb reglos knien, die Hand auf der kalten, geschwärzten Panzerung, während um ihn herum die Überlebenden begannen, sich zu sammeln, die Toten zu bergen, die Trümmer zu sichern. Er wusste nicht, wie lange er dort kniete. Er wusste nur, dass irgendwann Sergeant Vek neben ihm erschien, eine Hand auf seine Schulter legte, und nichts sagte, weil manche Dinge zu groß waren, um in Worte gefasst zu werden.
XIII.
Die Trauerfeier fand nicht in der Schmelzkathedrale statt, wie es Tradition gewesen wäre, sondern dort, in der Tiefe von Kel-Vantor, in der Kaverne, die den Sechsten Schacht beherbergt hatte, weil Magos Achtal darauf bestand, dass ein Ort, an dem etwas so Altes und so Zorniges sein Ende gefunden hatte, geweiht werden musste, bevor er wieder sicher war.
Kael'dun stand vor dem, was von Sorvains Sarkophag übrig war — nicht viel, nur ein verkohltes Gerüst, das die Priesterschaft nicht restaurieren, sondern in ein Reliquiar überführen würde, ein Denkmal statt einer Wohnstatt. Neben ihm stand Bruder Tal'ir, sein Gesicht noch bleich, aber gefasst, und Sergeant Vek, dessen Rüstung noch die Spuren des Kampfes trug, weil er sich geweigert hatte, sie vor der Zeremonie zu reinigen.
„Er hat mich gebeten, auf dich aufzupassen", sagte Kael'dun zu Tal'ir, seine Stimme rau von zwei Tagen ohne Schlaf. „Bevor irgendetwas davon geschah. Er wusste es schon."
Tal'ir sah zu ihm, seine Augen feucht. „Warum mich?"
„Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er in dir etwas gesehen, das er in sich selbst wiedererkannt hat, als er jung war." Kael'dun legte eine Hand auf die verkohlte Panzerung, dort, wo einmal ein Herz geschlagen hatte, bevor es durch etwas ersetzt wurde, das kein Herz mehr war und trotzdem eines blieb, bis zum letzten Moment. „Er hat mir beigebracht, wie man sich erinnert. Ich werde dir dasselbe beibringen, wenn du es lernen willst."
Magos Achtal näherte sich, ihre Spinnenbeine leiser jetzt, als hätte selbst die Maschine gelernt, in Gegenwart der Trauer Rücksicht zu nehmen. Hinter ihr trugen zwei Skitarii einen einfachen, unverzierten Sarg — Enginseer Amsels sterbliche Überreste, die zurück zur Oberfläche gebracht würden, um nach den Riten des Omnissiah bestattet zu werden.
„Techmarine", sagte sie, und ihre Stimme trug zum ersten Mal seit Kael'dun sie kannte etwas, das er als aufrichtige Trauer erkannte. „Ich schulde eurem Orden eine Entschuldigung. Wir haben die Gefahr im Sechsten Schacht unterschätzt, und dieser Fehler hat euch euren Ehrwürdigen und mir meinen besten Enginseer gekostet."
„Die Schuld liegt nicht bei euch allein, Magos." Kael'dun sah zu ihr, und zum ersten Mal spürte er nicht die übliche Distanz zwischen Astartes und Priesterschaft, sondern etwas, das eher wie geteilter Verlust war. „Wir haben beide etwas verloren, das wir nicht ersetzen können."
„Das haben wir." Sie war einen Moment still, ihre Optiken auf das Reliquiar gerichtet. „Der Fabricator-Locum wird den Sechsten Schacht endgültig versiegeln lassen. Diesmal ohne Ausnahme, ohne zukünftige Erschließung. Manche Dinge sollten begraben bleiben."
„Einverstanden."
„Und —" sie zögerte, was für eine Maschine ungewöhnlich war, „— ich werde dem Fabricator-Locum vorschlagen, dass die zukünftigen Vigils der Eisenadern mit erweiterten Sicherheitsprotokollen stattfinden. Als Zeichen des Respekts. Und der Vorsicht."
Kael'dun nickte, dann sah er noch einmal auf das verkohlte Gerüst, das einmal Sorvain gewesen war, bevor es zweihundertelf Jahre lang die Erinnerungen eines Toten getragen hatte, der eigentlich nicht hätte tot sein sollen und es trotzdem war, auf eine Weise, die kein Arzt und kein Priester je hätte heilen können.
„Ich werde die Litanei schreiben", sagte er, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem. „So, wie er es wollte."
XIV.
Sechs Wochen später, zurück in der Reliquienhalle der Schmelzkathedrale, kniete Kael'dun vor einer neuen, leeren Nische — nicht Sorvains alte, die für immer versiegelt bleiben würde, als Mahnmal, sondern eine neue, frisch geweiht, die der Orden für den nächsten Ehrwürdigen vorbereitet hatte, der berufen werden würde, das Erbe fortzusetzen.
Neben ihm stand ein Bruder, den Kael'dun kaum kannte — ein Veteran namens Kaelin Vosk, schwer verwundet in einem Gefecht auf einer fernen Frontlinie, ein Mann, dessen Körper zu zerstört war, um weiterzukämpfen, und dessen Geist zu stark war, um in Ruhestand zu gehen. Er hatte sich freiwillig für die Internierung gemeldet, wie es der Orden verlangte — niemand wurde gezwungen, in einen Sarkophag zu gehen, aber es gab nie einen Mangel an Freiwilligen unter den Eisenadern, deren Vorfahren gelernt hatten, dass nichts verloren sein musste, was bewahrt werden konnte.
„Wird es weh tun?" fragte Kaelin, seine Stimme leise, ehrlich in einer Weise, die nur ein Mann fragen konnte, der wusste, dass er in wenigen Stunden alles verlassen würde, was ihn zum Menschen machte.
„Ja", sagte Kael'dun, weil er gelernt hatte, dass Lügen an diesem Ort keinen Platz hatten. „Aber danach wird jemand da sein, der dir zuhört. Das verspreche ich dir."
Kaelin nickte, mit der stillen Entschlossenheit von jemandem, der seinen Frieden mit dem geschlossen hatte, was kommen würde. „Erzähl mir von ihm. Von Sorvain. Bevor ich gehe."
Und Kael'dun erzählte es ihm — nicht die ganze Geschichte, nicht sofort, aber genug, um einen Anfang zu setzen, genug, um zu zeigen, dass die Kette nicht zerbrochen war, nur um ein Glied kürzer geworden, und dass ein neues Glied bereit war, sich anzuschließen. Er erzählte von den zweihundertelf Jahren, von den Namen, die Sorvain getragen hatte, ohne unter ihrem Gewicht zusammenzubrechen, und davon, wie ein Ehrwürdiger am Ende gewählt hatte, ein Mensch zu bleiben, obwohl ihm ein Gott aus Eisen die Freiheit davon angeboten hatte. Kaelin hörte zu, ohne zu unterbrechen, und als Kael'dun geendet hatte, nickte er nur, als hätte er etwas gefunden, das er gesucht hatte, ohne es benennen zu können.
„Dann werde ich versuchen, es ihm gleichzutun", sagte er. „Nicht die Größe der Geschichte. Nur die Wahl am Ende."
„Das reicht", sagte Kael'dun. „Das hat bei ihm auch gereicht."
Als die Priesterschaft von Aschgrat später an diesem Tag kam, um die Internierungsriten für Bruder Kaelin zu vollziehen, stand Kael'dun in der Halle und beobachtete, wie ein weiterer Name in die lange Liste derer aufgenommen wurde, die das Eisen bewahrte — nicht als Ersatz für das, was verloren war, sondern als Fortsetzung dessen, was nie hätte aufhören dürfen.
Er sprach die Litanei, als die letzten Riten begannen, die Worte, die er in den Wochen zuvor geschrieben hatte, sitzend neben dem leeren Reliquiar, das einmal Sorvain gewesen war:
Was das Fleisch nicht bewahren kann, bewahrt das Eisen. Was das Eisen nicht bewahren kann, bewahrt die Erinnerung. Und was die Erinnerung nicht bewahren kann, bewahren die, die zuhören.
So sei es, für Sorvain, der wählte. So sei es, für Corvic Amsel, der diente. So sei es, für Yssen, der fiel. So sei es, für alle, deren Namen wir tragen, damit sie nicht allein sind.
Draußen, jenseits der geschwärzten Mauern der Schmelzkathedrale, brannte der Himmel über Aschgrat in dem tiefen, glühenden Rot, das seinen Namen gab — Asche und Feuer, vermischt zu etwas, das weder das eine noch das andere allein war, sondern beides zugleich, für immer, bis ans Ende der Zeit.
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