Das Feuer unter der Asche
Eine Geschichte der Drachenwächter
Die Drachenwächter · Die Sieben Häupter
„Punkt eins: Varanthos geht vor. Punkt zwei: Die Stämme sind der Orden. Punkt drei: Was dem Wald schadet, schadet uns.“
Das Kessler-Protokoll, mündlich überliefert
PROLOG: Der Stein, der sich erinnert
DRAMATIS PERSONAE
Hauptmann Lyeth Vor'an — III. Kompanie — Die Tiefjäger (Protagonist) Scout-Sergeant Ravan Keth — Scout-Kompanie — Der erste Blick Scriptor Dreth Koss'valan — Scriptor — Das Auge im Dunkeln Ordenspriester Mekhar Voss'aran — Ordenspriester — Der Rauchsprecher Ordensmeister Auren Drak-Soln — Die Lebende Flamme Hauptmann Rath Voln-Kaar — II. Kompanie — Die Hüter der Flamme Scout Vel'har — Scout-Kompanie — Die Tochter von Varanthos Harrowmaster 'Sieben-Schritte' — Veth-Kha — Alpha Legion (Antagonist) Keth-Morr — Spiegelsplitter — Die Tausend Gesichter
Varanthos erinnert sich.
Das ist nicht Metapher. Es ist Geologie.
Unter der vierhundert Meter dicken Schicht aus Urwaldhumus, unter den Wurzeln der alten Bäume, die breit genug sind, dass ein Rhino-Panzer zwischen ihnen fahren könnte, unter den Lavahöhlen und dem Grundwasser und den Schichten aus erkalteter Asche von Eruptionen, die stattfanden, bevor der erste Mensch auf dieser Welt das erste Feuer entzündete — da liegt Stein. Schwarzer Basalt. Uraltes erkaltetes Magma.
Und dieser Stein trägt in seiner Kristallstruktur die Temperatur jedes Feuers, das je über ihm brannte.
Hauptmann Lyeth Vor'an hatte das aus einem nocturnischen Gesteinskundler-Traktat gelernt, den Scriptor Koss'valan ihm vor einem Jahr mit einer einzigen Bemerkung überreicht hatte: "Das erklärt einiges." Er hatte nicht gefragt, was gemeint war. Mit Koss'valan fragte man nicht. Man wartete, bis man selbst verstand.
Jetzt, kniend im Urwald von Varanthos, eine Hand flach auf dem moosbedeckten schwarzen Stein, verstand Vor'an.
Der Stein unter seiner Handfläche war kalt.
Er sollte warm sein. Sie waren hundert Kilometer von Drak'Varanthos entfernt — dem Festungskloster, das Jahrhunderte lang in diesem Urwald gebrannt hatte. Die geothermische Wärme unter diesem Sektor der Oberfläche sollte messbar sein. Sein Phobos-Rüstungssensorsystem zeigte 18,3 Grad. Umgebungstemperatur. Kein geologischer Wärmegradient.
Als wäre das Feuer hier schon lange erloschen.
Als wäre etwas in diesem Boden, das das Feuer auslöscht.
Vor'an stand auf. Hinter ihm stand Ravan Keth, der schon seit drei Minuten nichts gesagt hatte, was bedeutete, dass er ebenfalls etwas gespürt hatte. Neben Keth kauerte der junge Scout Vel'har, der den Auftrag bekommen hatte, die Thermalanomalien zu kartieren und jetzt einen Gesichtsausdruck trug, der sagte: Meine Karte stimmt nicht mit der Realität überein, aber ich traue meiner Karte mehr als der Realität.
"Sergeant", sagte Vor'an.
"Ich weiß", sagte Keth.
"Wir gehen zurück."
"Ja."
Sie gingen. Im Urwald von Varanthos gab es Dinge, die man nie laut aussprach, weil der Urwald sonst antwortete. Aber alle drei dachten dieselbe Frage.
Wer oder was hatte hier das Feuer ausgelöscht?
KAPITEL I: Die grüne Brennung
Vor sieben Jahren war Varanthos gebrannt.
Nicht wörtlich: Der Urwald brannte nicht, konnte nicht brennen, war zu feucht für dieses Ende. Aber irgendwas hatte angefangen. Ein Feuer unter der Asche, das niemand sehen konnte, das aber da war. Hauptmann Vor'an hatte es gespürt, hatte die Stämme befragt, hatte gelernt, dass die Stammesführer von drei verschiedenen Gemeinschaften unabhängig voneinander denselben Begriff verwendeten: "die grüne Brennung". Nicht ein Feuer, das Schmerz verursacht. Ein Feuer, das so tief brennt, dass man es erst bemerkt, wenn alles oben bereits tot ist.
Vor sieben Jahren hatte Vor'an zum ersten Mal das Gesicht gesehen.
Nicht das echte Gesicht. Die Drachenwächter hatten keine echten Gesichter ihrer Feinde. Was Vor'an gesehen hatte, war der Abdruck: ein toter Stammesmann in Arun-Stamm-Kleidung, der nicht vom Arun-Stamm war. Tattoo-Muster leicht falsch. Narbe an der falschen Wange. Und die Augen. Die Augen des Mannes hatten, kurz bevor er starb, kurz bevor das Neurotoxin seine Nervensignale endgültig unterbrach, etwas getan, das Vor'an nie vergessen hatte.
Sie hatten gelächelt.
Nicht der Mund. Die Augen. Als wäre das hier ein Ergebnis, das er erwartet hatte. Als wäre Vor'ans Entdeckung eine Bestätigung.
"Er wollte gefunden werden", hatte Vor'an danach dem Ordensmeister gemeldet.
Drak-Soln hatte geschwiegen. Ordensmeister Auren Drak-Soln schwieg auf eine spezifische Art, die bedeutete: Du hast gerade etwas gesagt, das ich nicht widerlegen kann, aber sehr gerne würde. Nach dreißig Sekunden hatte er gesagt: "Erkläre."
"Die Tattoos sind zu falsch. Ein guter Infiltrator macht Fehler, die man suchen muss. Diese Fehler springen ins Auge. Das bedeutet entweder, der Infiltrator war schlecht—"
"Was er nicht war."
"—was er nicht war. Oder er wollte, dass wir verstehen, dass er ein Infiltrator war. Er wollte, dass wir wissen, dass jemand im Arun-Stamm unterwegs war. Er wollte unsere Aufmerksamkeit."
Drak-Soln hatte seinen Donnerhammer Varanthos' Zahn auf den Boden gestützt und die Kante des Ratssaals angeschaut, als könnte er durch die Wand sehen. "Warum?"
"Um uns hier zu halten", hatte Vor'an gesagt. "Während etwas anderes woanders passiert."
Das war vor sieben Jahren.
In sieben Jahren hatten die Tiefjäger sechzehn ähnliche Vorfälle dokumentiert. Sechzehn falsche Stammesmitglieder. Sechzehn tote Agenten, alle mit dem gleichen Fehler. Alle zu einfach zu finden. Alle mit diesen Augen.
Und in sieben Jahren hatten sie nicht ein einziges Mal herausgefunden, was woanders passierte.
✦ ✦ ✦
Der Urwald kurz nach dem Morgengrauen war anders als der Urwald tagsüber oder nachts. Tagsüber war er grün und undurchdringlich und lebte mit dem normalen Chaos einer megafaunalen Biosphäre. Nachts war er dunkel und laut und die Biolumineszenz der tieferen Schichten schuf ein gespenstisches blaues Licht. Aber kurz nach dem Morgengrauen, in der Stunde zwischen Dunkel und Licht, war der Urwald still. Die Nachtjäger zogen sich zurück. Die Tagesjäger waren noch nicht aktiv. Der Nebel der Nacht hing noch zwischen den Bäumen.
In dieser Stunde bewegten sich die Tiefjäger am besten.
Vor'an führte fünf Krieger durch den Bereich östlich von Drak'Varanthos, dreißig Kilometer vom Festungskloster entfernt. Phobos-Rüstung, dunkelgrün, Lochfraß-Tarnung, die das Grün des Urwalds imitierte. Thermale Signaturen gedämpft. Kommunikationssilenz außer Handzeichen. Ein Trupp wie aus dem Nichts geschnitten.
Scout Vel'har lief zwei Positionen vor ihm, den Stalker-Bolter angelegt. Das Mädchen: neunzehn Jahre, Vas'kara-Stamm, Drachen-Initiation bestanden nach zwei Tagen anstatt drei. Sie hatte die beste Wärmewahrnehmung, die Vor'an je bei einem jungen Scout gesehen hatte. Nicht die trainierte Wahrnehmung, die alle Drachenwächter entwickelten. Die angeborene. Die man von Geburt an besaß.
"Drei Uhr", sagte Vel'har lautlos. Handzeichen: Lebendiges Ziel, Humanoid, bewegungslos, achtzig Meter.
Vor'an hob die Faust. Anhalten.
Alle fünf froren ein.
Der Urwald schwieg um sie herum.
Vor'an aktivierte sein eigenes Thermal-System. Die Wärme-Signatur achtzig Meter rechts war schwach, sehr schwach. Zu schwach für einen normal gekleideten Menschen. Gedämpft durch etwas. Durch eine Wärmedämpfung. Durch Ausrüstung, die das Wärmeprofil unterdrückte.
Durch die Ausrüstung eines Astartes.
Vor'an gab das Zeichen: Umzingeln. Leise. Jetzt.
Die fünf Krieger teilten sich auf. Im Urwald von Varanthos war das kein Problem: Dieser Wald war so dicht, dass man auf zwanzig Metern verschwand, wenn man wollte. Sie wollten. Zwei Minuten, drei Minuten. Vor'an bewegte sich direkt auf die Signatur zu, jeden Schritt in das weiche Moos gesetzt, bevor das Gewicht folgte. Kein Geräusch. Kein Rauschen. Nur das normale Leben des Urwalds um ihn herum.
Die Signatur rührte sich nicht.
Auf vierzig Metern sah er die Silhouette. Auf zwanzig Metern bestätigte das Auge, was der Sensor angedeutet hatte.
Ein Drachenwächter.
Grüne Rüstung, Phobos-Schnitt, Rücken an einen der großen schwarzen Basaltfelsen gelehnt. Helm ab, was allein schon eine Abweichung vom Protokoll war. Das Gesicht sichtbar: schwarze Haut, karmesinrote Augen, ein junges Gesicht. Zu jung. Vor'an kannte jeden Krieger seines Ordens. Dieses Gesicht kannte er nicht.
Was unmöglich war.
Der Orden hatte achthundert Krieger. Vor'an kannte alle.
Er gab kein Zeichen. Er trat aus der Deckung und richtete den Bolter auf den Fremden.
„Bezeichnung und Kompanie“, sagte er lautlos.
Der Fremde drehte den Kopf. Langsam. Keine überraschte Bewegung. Als hätte er Vor'ans Annäherung die ganze Zeit bemerkt und gewartet.
Die Augen.
Vor'an hatte diese Augen schon einmal gesehen. Nicht bei einem Drachenwächter. Bei einem toten Stammesmann. Augen, die lächelten, obwohl der Mund es nicht tat.
Der Fremde öffnete den Mund. Und sagte in perfektem Drachenwächter-Idiom, mit der leichten Klangfärbung des Vas'kara-Stammes: "Tiefjäger, ich habe drei Stunden auf dich gewartet. Ich musste sicherstellen, dass du allein bist."
"Ich bin nicht allein."
"Ich weiß. Fünf Positionen, dreißig-Grad-Fächer. Vel'har links, Keth hat die Hinterlinie. Gut positioniert." Eine Pause. "Erschieß mich nicht. Ich habe Informationen, die der Orden braucht."
"Wer bist du?"
Die Augen.
"Ich bin jemand, der die Sieben Häupter verlassen hat", sagte der Fremde. "Und ich habe nicht viel Zeit, bevor sie bemerken, dass ich fehle."
✦ ✦ ✦
Ravan Keth war seit vierzig Jahren Scout-Sergeant. In vierzig Jahren hatte er Dinge gesehen, die andere Krieger ins Zögern gebracht hätten. Er zögerte nicht mehr: Er analysierte, entschied, handelte. Aber als Vor'an die Situation über den offenen Kanal durchgegeben hatte und Keth auf den Fremden zutrat, machte Keth etwas, das er selbst kaum wahrnahm.
Er schluckte.
Der Fremde sah exakt wie ein Drachenwächter aus. Nicht "ähnlich wie". Exakt. Die Rüstungspassform. Die Proportionen. Die subtilen Abnutzungsmuster, die entstehen, wenn man eine Phobos-Rüstung jahrelang in Varanthos' Urwald trägt. Selbst der Geruch: das charakteristische Gemisch aus Drakkin-Fell, Varanthos-Erde und Schmiedeöl, das Keth mit geschlossenen Augen von tausend Metern hätte identifizieren können.
Dieser Mann roch nach Drachenwächter.
"Wie machst du das", sagte Keth. Es war keine Frage.
"Chirurgie", sagte der Fremde. "Pheromonimplantate. Olfaktorische Neumodulation. Drei Monate Vorbereitung für diese eine Identität." Eine kurze Pause. "Ich heiße Keth-Morr. Das ist mein Codename. Ich habe keinen anderen mehr."
"Alpha Legion."
"Spiegelsplitter-Zelle. Fünftes Haupt der Sieben Häupter." Keth-Morr sah Vor'an an. "Ich habe sechs Monate als Drachenwächter-Scout in eurem Orden gelebt. Ich kenne jeden von euch. Ich kenne Drak'Varanthos besser als manche von euch."
Stille.
Vor'an ließ den Bolter nicht sinken. "Warum bist du hier?"
"Weil das, was die Sieben Häupter auf Varanthos vorbereiten, auch mich betrifft." Keth-Morr lehnte den Kopf gegen den Felsen. "Ich bin seit dreißig Jahren Spiegelsplitter. Ich habe mich in fünfzehn verschiedene Orden eingebettet. Ich habe Identitäten gelebt, die ich nicht mehr vollständig auseinanderhalten kann." Die Stimme war flach. Nicht bereut. Nur — leer. "Harrowmaster Veth-Kha plant etwas, das selbst nach Alpha-Legion-Maßstäben zu weit geht. Und weil es auf Varanthos stattfindet, auf eurer Welt, dachte ich mir, ich sage euch Bescheid."
"Warum."
"Weil ich sechs Monate als Vel'har aus dem Vas'kara-Stamm gelebt habe." Keth-Morrs Blick fiel auf die echte Vel'har, die zwanzig Meter entfernt die Waffe auf ihn richtete. "Und weil ich ihre Mutter kenne. Ich habe Abende mit ihrer Familie verbracht. Ich habe an ihrem Herd gesessen."
Vel'har hielt die Waffe absolut ruhig. Ihre Augen sagten: Ich höre zu, und ich werde immer noch schießen.
"Das ist kein Grund", sagte Vor'an.
"Nein", räumte Keth-Morr ein. "Das ist ein Sentiment. Ich bin mir bewusst, dass Sentiments in meinem Beruf Fehler sind." Er sah Vor'an direkt an. "Aber Veth-Kha will Varanthos brennen lassen. Nicht wörtlich. Schlimmer. Er will die Stämme gegen euch aufhetzen. Er will, dass ihr Varanthos verlasst. Und dann will er die Welt als Operationsbasis nutzen."
"Die Stämme werden nicht—"
"Das dachtet ihr vor sieben Jahren auch", sagte Keth-Morr ruhig. "Als die erste Webernetz-Phase begann. Die Stammesführer haben die Agenten ausgeliefert. Ihr habt gewonnen. Aber ihr habt nicht gewonnen, Hauptmann. Ihr habt nur die erste Phase für beendet gehalten." Eine Pause. "Das Webernetz ist noch aktiv. Die zweite Phase läuft seit vier Jahren. Und die dritte Phase beginnt in zwei Wochen."
Vor'an ließ den Bolter sinken.
Nur ein wenig. Aber genug.
"Erzähl mir von den drei Phasen", sagte er.
KAPITEL II: Der Kult unter dem Wald
Es war eine Eigenart der Drachenwächter, dass ihre heiligsten Rituale im Feuer stattfanden.
Nicht im übertragenen Sinn. Der Orden verstand den Promethean Creed anders als die Stammorden-Salamanders: Wo Vulkans Söhne Feuer als Prüfstein und Schmiede sahen, sahen die Drachenwächter es als lebendige Kraft, als das Ding selbst, nicht sein Symbol. Daher: Wenn Ordenspriester Mekhar Voss'aran betete, tat er das stehend in einem Flammenkreis.
Die Ordenspriester anderer Orden hätten das als Häresie betrachtet. Voss'aran betrachtete die Ordenspriester anderer Orden mit höflicher Toleranz und weitgehend demselben Interesse, das er für Steine in Grabgängen aufbrachte.
Er stand jetzt in seinem Flammenkreis und hörte Vor'ans Bericht zu.
"Alpha Legion", sagte er, als Vor'an fertig war.
"Ja."
"Auf Varanthos."
"Seit sieben Jahren aktiv. Wahrscheinlich länger."
Voss'aran trat aus dem Flammenkreis heraus. Das Feuer zuckte kurz, als hätte es etwas verloren, und brannte dann weiter wie zuvor. Er nahm das Drakkin-Knochen-Krosius in beide Hände und sah auf Vor'an hinunter, nicht weil er größer war, sondern weil er es so hielt. "Und du glaubst dem Agenten."
"Ich glaube den Informationen. Den Agenten—" Vor'an überlegte. "Der Agent hat keine Motivation zu lügen, soweit ich erkennen kann. Wenn er uns falsche Informationen geben wollte, hätte er subtilere falsche Informationen gegeben. Was er beschreibt, ist zu spezifisch für eine Falle."
"Was er beschreibt, könnte genau deshalb eine Falle sein, weil es zu spezifisch ist."
"Ja. Das habe ich auch bedacht."
Voss'aran drehte sich zum Fenster des Klosterturms. Von hier oben sah man den Urwald bis zum Horizont: ein Meer aus Grün, durch das der Nebel zog, das die Sonne auf das Dach der Baumkronen malte. "Was beschreibt er konkret?"
"Die erste Phase: Infiltration der Stämme durch den Arun-Klan-Bereich. Identitätsfälschungen. Ziel: Vertrauen aufbauen, nicht handeln. Diese Phase glaubten wir beendet." Vor'an trat zum Fenster. "Sie war nicht beendet. Die Agenten, die wir fanden, waren absichtlich inkonsistent. Ablenkung."
"Die zweite Phase."
"Läuft seit vier Jahren. Kein direkter Kontakt. Kein physisches Eindringen. Sie haben Kommunikationskanäle unterwandert: nicht unsere Kanäle, die Stammeskanäle. Nachrichten zwischen Stämmen werden seit vier Jahren selektiv verändert. Kleine Veränderungen. Nichts, das auffällt. Aber kumuliert: Misstrauen zwischen bestimmten Stämmen, das vorher nicht existierte. Drei Stammeskonflikte, die wir als natürliche Spannungen klassifiziert haben, waren provoziert."
Voss'aran war sehr still. "Und die dritte Phase."
"In zwei Wochen. Keth-Morr nennt es 'Aktivierung'. Er gibt mir keine Details: Er sagt, er weiß sie selbst nicht vollständig. Die Spiegelsplitter erhalten nur den Teil der Information, der für ihre spezifische Aufgabe notwendig ist." Vor'an pausierte. "Aber er sagt, dass Veth-Kha plant, einen Vorfall zu inszenieren, der die Stämme glauben lässt, der Orden sei für eine Katastrophe verantwortlich. Nicht Kampf. Nicht Mord. Etwas, das schlimmer klingt: Verrat."
Voss'aran drehte sich langsam um. Die leere Knochenmaske seines Drakkin-Schädel-Helms, den er auch außerhalb des Kampfes trug, war unlesbar. "Was für ein Verrat."
"Rituelle Verletzung", sagte Vor'an. "Es gibt vier heilige Orte auf Varanthos, die die Stämme als absolut unantastbar betrachten. Orte, die selbst wir respektieren." Eine Pause. "Keth-Morr sagt, einer davon wird beschädigt werden. Und es wird so aussehen, als hätten Drachenwächter das getan."
Stille im Raum. Nur das ferne Knacken des Feuers im Kreis hinter ihnen.
"Welcher Ort?"
"Das weiß er nicht. Oder er sagt, er weiß es nicht."
"Wir müssen alle vier schützen."
"Ja. Und wir müssen es tun, ohne dass die Stämme bemerken, dass wir sie schützen, denn wenn die Stämme denken, wir glauben, sie seien in Gefahr, werden sie fragen, warum, und dann müssen wir erklären, dass Alpha-Legion-Agenten auf Varanthos sind, was genau das auslösen wird, was Veth-Kha will: Panik, Misstrauen, Rückzug."
Voss'aran hob den Blick zur Decke. Es war die Art, auf die er betete: nicht mit gesenktem Kopf, sondern als würde er das Feuer oben suchen, wo es hingehörte. "Vulkan. Der Urwald brennt, ohne dass man die Flammen sieht." Er ließ die Decke los und sah Vor'an an. "Was sagt Drak-Soln?"
"Der Ordensmeister hört sich den vollständigen Bericht heute Abend an."
"Und das Artefakt?"
Vor'an blinzelte. "Welches Artefakt?"
Voss'aran schwieg kurz. "Keth-Morr hat dir nicht alles gesagt."
"Was meinst du?"
Der Ordenspriester trat zurück zum Flammenkreis und trat hinein. Das Feuer schloss sich um seine Füße, zuckte an der Rüstung empor, ohne die Politur zu verlassen. Er sah aus wie jemand, der aus dem Boden wächst. "Dreth Koss'valan hat mir vor drei Tagen etwas gezeigt. Ich hätte es dem Ordensmeister bereits melden sollen. Ich dachte, ich hätte mehr Zeit."
"Was hat Koss'valan gefunden?"
"Unter dem Urwald von Varanthos", sagte Voss'aran langsam, "in den tiefen Lavahöhlen, in einem Sektor, den wir nie vollständig kartiert haben—" Er hob den Blick. "Befindet sich etwas. Etwas, das dort nicht hingehört. Etwas sehr Altes. Etwas, das—" Eine Pause. "Dreth nennt es ein Echo. Er sagt, wenn er die Augen schließt und die Wärme wahrnimmt, spürt er einen Kältepunkt unter dem Boden, der nicht natürlich ist. Als hätte jemand ein Feuer in den Stein eingefroren."
Vor'an verstand plötzlich, was Voss'aran meinte. Den kalten Stein. Seine Handfläche. Vor dem Morgengrauen.
"Wie groß?"
"Dreth sagt: etwa die Größe einer Hand. Aber die Kälte, die es ausstrahlt — er sagt, die Kälte ist nicht temperaturbedingt. Sie ist... das Gegenteil von Feuer. Als wäre es ein Antifeuer." Voss'aran schüttelte langsam den Kopf. "Ich bin kein Theologe, Hauptmann. Ich bin ein Ordenspriester. Aber wenn ich höre 'ein Antifeuer unter Varanthos' und gleichzeitig höre, dass die Sieben Häupter Varanthos verwenden wollen—"
"Dann ist das Artefakt der Grund."
"Veth-Kha will nicht Varanthos. Er will, was unter Varanthos ist."
✦ ✦ ✦
Scriptor Dreth Koss'valan war schwer zu finden, weil er nie dort war, wo man ihn erwartete.
Das war kein Zufall. Es war Methode. Koss'valan arbeitete auf der Grundlage, dass sein größter taktischer Vorteil die Fähigkeit war, Informationen zu sammeln, die andere nicht sammelten, und das funktionierte am besten, wenn niemand wusste, wo er war oder was er beobachtete. Er trug keine Scriptor-Roben außer im formellen Kontext. Er trug Phobos-Rüstung wie die Tiefjäger. Er sprach selten und dann in einzelnen Sätzen.
Vor'an fand ihn in den unterirdischen Gewölben von Drak'Varanthos, zwei Ebenen unter den Schmiede-Hallen, in einem Gang, der in den Archivkatalogplänen nicht eingezeichnet war.
Er kniete auf dem Boden.
Beide Hände flach auf dem schwarzen Basaltstein.
Vor'an wartete.
Nach zwei Minuten hob Koss'valan den Kopf. Seine Augen, die weißen Augen ohne Iris, die im Dunkeln schwach leuchteten, sahen Vor'an an. "Du hast den Fremden gefunden."
"Du wusstest von ihm."
"Ich wusste, dass jemand da war, der nicht zu uns gehörte. Ich kannte seine Natur nicht." Koss'valan stand auf und bürstete den Staub von den Knien. "Die Wärmewahrnehmung ist keine präzise Waffe. Ich spürte Feuer, das nicht Feuer war. Ich spürte jemanden, der versuchte, nach Drachenwächter zu riechen."
"Versuchte?"
"Er war sehr gut. Aber es gibt Feinheiten—" Koss'valan hob eine Hand. "Das ist irrelevant. Was hat er dir gesagt?"
Vor'an berichtete. Koss'valan hörte zu mit dem Ausdruck eines Menschen, der einer Meldung folgt, die er bereits kennt, und auf Details wartet, die neu sind. Als Vor'an fertig war, schwieg er dreißig Sekunden.
"Das Ding unter dem Boden", sagte Koss'valan dann.
"Voss'aran hat es erwähnt."
"Es ist nicht neu. Es ist sehr alt. Älter als Varanthos als Welt, wenn ich das richtig deute — was ich vielleicht nicht tue." Eine Pause. "Es ist kein Artefakt in dem Sinn, dass es jemand dorthin gebracht hat. Es war schon immer dort. Es ist Teil der geologischen Formation. Aber—" Koss'valan suchte nach Worten. Das war ungewöhnlich. Er fand normalerweise die präzisen Worte ohne Suchen. "Es antwortet."
"Worauf?"
"Auf Feuer. Auf Wärme. Auf die Art Wärme, die Astartes produzieren: die gensaatgebundene thermische Signatur." Koss'valan sah die Wand an. "Als ich es zum ersten Mal berührte, durch den Stein, durch hundert Meter Lavagestein, nur mit dem Geist, antwortete es. Nicht mit Worten. Mit Kälte. Als wäre es sich meiner bewusst."
Vor'an ließ das sitzen. "Und die Alpha Legion weiß davon."
"Sie haben Jahre damit verbracht, danach zu suchen. Die Thermalanomalien in Sektor Ost — das ist nicht natürlich. Das ist jemand, der das Objekt lokalisiert. Jemand mit besserer thermaler Wahrnehmung als unsere Standardsensoren. Jemand, der einen sehr langen, sehr geduldigen Suchlauf durchgeführt hat."
"Warum wollen sie es?"
Koss'valan sah Vor'an direkt an. Für jemanden, der selten sprach, hatte er in diesem Moment einen Ausdruck, der sehr viel sagte. "Das ist die Frage. Die ich noch nicht beantworten kann. Aber ich habe eine Hypothese."
"Die wäre?"
"Das Ding unter dem Boden ist das Gegenteil von Feuer. Ich sagte das bereits. Das Gegenteil von Feuer ist—" Eine lange Pause. "Wenn die Sieben Häupter eine Waffe gegen uns entwickeln wollten. Uns als Drachenwächter. Als Salamanders-Nachfolgeorden. Mit unserer Gensaat, unserer Fähigkeit, Feuer wahrzunehmen, Wärme als Sinn zu nutzen—" Er ließ den Satz unvollendet.
Vor'an verstand. Langsam, mit Abscheu, aber er verstand.
"Eine Waffe, die Feuer löscht", sagte er. "Spezifisch. Zielgerichtet. Gegen uns."
"Oder schlimmer", sagte Koss'valan. "Eine Waffe, die das Feuer in uns löscht. Nicht die Rüstung. Die Gensaat. Die Fähigkeit. Das, was uns zu Drachenwächtern macht, statt zu einer anderen Version von Astartes."
Stille in den unterirdischen Gewölben.
Irgendwo in der Tiefe, sehr fern, das Knacken von erkaltender Lava.
"Wir müssen das Ding finden, bevor sie es tun", sagte Vor'an.
"Ja", sagte Koss'valan. Und dann, sehr leise, fast für sich selbst: "Und wir müssen verstehen, was es ist. Bevor wir es berühren."
KAPITEL III: Das Buch des Lebenden Feuers
In der Nacht vor dem Rat der Hauptleute schrieb Ordenspriester Voss'aran in sein persönliches Buch.
Er nannte es das Buch des Lebenden Feuers. Er hatte es vor zwanzig Jahren begonnen, nach einer Begegnung mit einem toten Chaos-Kultisten, dessen letzte Worte, im Delirium, im Sterbemoment, aus einem Text stammten, den Voss'aran wiedererkannte. Er hatte die Worte recherchiert. Er hatte die Quelle gefunden. Und er hatte angefangen zu schreiben, weil er verstanden hatte, dass das, was er glaubte, mächtiger war als das, was er ausübte.
Das Buch war keine Häresie. Es war Theologie. Es argumentierte, dass die Salamanders-Linie, Stammorden und Nachfolgeorden beide, das Feuer fundamental missverstand. Nicht falsch verstand. Zu eng verstand.
Er schrieb:
Die Lehre des Promethean Creed sagt: Feuer prüft. Feuer reinigt. Feuer gebiert neu. Das ist wahr. Aber es ist nur die Hälfte der Wahrheit.
Die ganze Wahrheit: Feuer ist lebendig. Nicht Symbol des Lebens. Nicht Metapher für Energie. Feuer ist das einfachste bekannte lebende System: Es atmet (Sauerstoff), es frisst (Brennstoff), es wächst, es bewegt sich auf Nährstoffe zu und weg von Kälte, es stirbt, wenn man ihm das Essen nimmt. Es ist kein Lebewesen, aber es lebt.
Was bedeutet das für uns, die Gensöhne eines Primarchen, der Perpetual war — der aus dem Tod wiedergeboren werden konnte wie das Feuer aus der Asche?
Es bedeutet: Das Feuer in uns ist kein Talent. Es ist keine Gabe. Es ist das, was wir sind. Nicht was wir können.
Und wenn jemand das auslöschen will—
Er legte den Stift nieder. Draußen, durch das hohe, schmale Fenster, konnte er den Urwald von Varanthos sehen. Dunkel, in dieser Stunde. Nur die Biolumineszenz der tiefen Schichten, die durch die Baumkronen geisterte. Blaues Licht, pulsierend.
Er dachte an das, was Koss'valan gesagt hatte.
Ein Antifeuer.
Nicht die Kälte des Todes. Die Kälte des Auslöschens. Des gezielten Löschens.
Voss'aran war kein ängstlicher Mann. Er war Ordenspriester. Ordenspriester waren das Fundament, nicht die Spitze. Sie kämpften mit, aber ihr Kampf war fundamentaler als Bolter und Klinge. Ihr Kampf war der gegen den Moment, in dem ein Krieger zweifelte, in dem ein Bruder zögerte, in dem das Feuer im Mann kleiner wurde als die Aufgabe.
Er hatte noch nie gezweifelt.
Jetzt, allein mit seinem Buch und dem pulsierenden Licht des Urwalds, zweifelte er.
Nicht an Vulkan. Nicht an dem, was er glaubte. Er zweifelte daran, ob er genug verstand. Ob er genug vorbereitet war. Ob das, was er das Lebende Feuer nannte, ausreichen würde gegen das, was unter der Erde wartete.
Er schlug das Buch auf und schrieb weiter:
Das Feuer wird immer gewinnen. Nicht weil es stärker ist. Sondern weil es weiß, was es ist.
Wenn wir das wissen, wenn wir das als Erfahrung kennen und nicht nur als Lehrsatz, dann gibt es nichts, das uns löscht.
Aber wenn wir vergessen haben, was wir sind...
Er schloss das Buch.
...dann braucht es kein Antifeuer. Dann löschen wir uns selbst.
✦ ✦ ✦
Der Rat der Hauptleute fand in der Stille-Kammer statt, drei Ebenen unter dem Hauptturm, in einem Raum ohne Fenster und ohne Feuer. Dieser Raum war eine Besonderheit der Drachenwächter: der einzige Ort im Festungskloster, in dem kein Feuer brannte. Weil man hier manchmal Feuer auslöschen musste, um klar zu denken. Manchmal war das Feuer das Problem.
Ordensmeister Auren Drak-Soln saß am Kopf des langen Schwarzbasalttisches. Er war groß selbst für Primaris-Astartes-Standard, obsidianschwarz, mit Augen, die das Karmesin seiner Gensaat zu einem dunkleren Dunkelrot hin verschoben hatten, wie erkaltende Kohle, die von innen noch leuchtet. Sein Donnerhammer Varanthos' Zahn lehnte gegen die Wand hinter ihm, als wäre er vergessen worden, aber Vor'an hatte noch nie erlebt, dass Drak-Soln seinen Hammer vergaß.
Neben ihm: Voss'aran, ohne Helm. Das war ungewöhnlich. Der Ordenspriester trug seinen Drakkin-Knochen-Helm so regelmäßig, dass manche jüngeren Krieger dachten, es sei sein Gesicht. Aber in der Stille-Kammer, ohne Feuer, nahm er ihn ab.
Sein echtes Gesicht war, das war der erste Gedanke, das Gesicht eines Mannes, der sehr viel gesehen hatte und sich bewusst war, dass er noch mehr sehen würde. Tiefe Linien, die nicht von Kampf kamen, sondern von Jahrzehnten konzentrierter Intensität. Augen, die zu oft zu direkt schauten.
Vor'an. Koss'valan. Hauptmann Rath Voln-Kaar der Zweiten, der immer den Eindruck machte, er würde sofort aufstehen und irgendetwas sprengen, wenn man ihn ließ. Hauptmann Hrath Monn der Vierten, der aussah wie eine geologische Formation, die sich entschieden hatte einen Stuhl zu benutzen.
Keth-Morr saß am anderen Ende des Tisches.
Das war Drak-Solns Entscheidung gewesen und hatte zwanzig Minuten Diskussion gekostet. Voln-Kaar hatte dagegen argumentiert, mit der spezifischen Art Argumentation, die auf "dann erschieß ich ihn jetzt" hindeutete. Drak-Soln hatte entschieden: Der Alpha-Legion-Agent sitzt am Tisch. Wenn er lügt, töten wir ihn danach.
Keth-Morr hatte dazu gesagt: Das ist fair.
Jetzt saß er da, ohne Phobos-Rüstung. Er hatte sie abgelegt auf Drak-Solns Anweisung, was bedeutete, dass er nur eine Art Basalcaecus-Unterrüstung trug, die seinen Körper sehr viel kleiner wirken ließ als zuvor, sehr viel weniger wie ein Drachenwächter. Und er referierte.
Er sprach gut. Präzise. Ohne Überzeugungsrhetorik, nur Fakten. Zahlen. Zeitrahmen.
Er beschrieb die drei Phasen.
Er beschrieb Veth-Khas Operationskonzept: Varanthos nicht als Kampfziel, sondern als Operationsplattform. Das Objekt unter dem Boden nicht als Waffe gegen die Drachenwächter, sondern als Schlüssel. Hier zögerte er zum ersten Mal, was Vor'an registrierte.
"Schlüssel für was", sagte Drak-Soln.
"Das weiß ich nicht."
"Das ist eine Antwort, die ich nicht akzeptiere."
Keth-Morr sah den Ordensmeister an. Und sagte dann etwas, das den Raum sehr still machte: "Weil Veth-Kha mir die Hälfte der Information bewusst vorenthalten hat. Er hatte meine Mission konzipiert als: Drachenwächter ablenken, während andere das Objekt bergen. Ich weiß nicht, was es ist. Ich weiß nicht, was es tut. Ich weiß nur, dass es dafür sorgt, dass Veth-Kha bisher mehr Ressourcen in Varanthos investiert hat als in jede andere Operation seit dreißig Jahren."
Pause.
"Und ich weiß", fügte Keth-Morr hinzu, "dass er fünf Hexer bereitstellt. Für ein Objekt, das er als 'rein technologisch' klassifiziert hat."
Koss'valan und Voss'aran sahen sich an.
"Ein Antifeuer", sagte Koss'valan.
"Erkläre", sagte Drak-Soln.
"Was ich unter dem Boden gespürt habe, ist kein Warpgegenstand. Es ist nicht psionisch. Es ist — es ist ältere Physik. Etwas, das die Wissenschaft des Imperiums noch nicht vollständig beschreiben kann, aber das ich mit meinen Wahrnehmungsfähigkeiten ertasten konnte." Koss'valan wählte Worte sorgfältig. "Es löscht Wärme spezifischer Art. Nicht zufällig. Es reagiert auf thermische Muster, die wir als Gensaat-Träger produzieren, auf das, was unsere Brüder Fire-Sight nennen."
Drak-Solns Finger tippten einmal gegen die Tischoberfläche. "Und die Hexer—"
"Sind nicht hier, um das Objekt zu aktivieren", sagte Voss'aran ruhig. "Sie sind hier, um es zu stabilisieren. Um zu verhindern, dass es sich unkontrolliert entlädt, während es transportiert wird."
"Also wollen sie es von Varanthos entfernen."
"Ja."
"Und die Stammesoperation—"
"Deckmantel. Destabilisierung als Ablenkung. Während unsere Aufmerksamkeit bei den Stämmen liegt, holen sie das Objekt."
Drak-Soln stand auf. Er tat das nicht laut. Es war trotzdem der dominante physische Akt im Raum. "Wie lange haben wir?"
"Zwei Wochen, wenn Keth-Morrs Information stimmt", sagte Vor'an. "Weniger, wenn Veth-Kha bemerkt hat, dass sein Agent fehlt."
"Wie lange bis er das bemerkt?"
Keth-Morr antwortete: "Er weiß es bereits."
Alle Augen.
"Ich habe ein Check-in-Signal versäumt", sagte Keth-Morr gleichmütig. "Seit zwei Stunden. Die Sieben Häupter werden das in etwa zwölf Stunden als Kompromittierung einordnen. Danach: unbekannte Reaktion."
"Unbekannte Reaktion könnte beschleunigen bedeuten."
"Ja."
Drak-Soln sah Vor'an an. "Wie viele Krieger kannst du in Sektor Ost in sechs Stunden haben?"
"Die Dritte komplett. Zwanzig Krieger. Mehr wenn—"
"Nimm die Vierzehnte dazu."
"Zweiunddreißig insgesamt."
"Und Koss'valan." Der Ordensmeister sah den Scriptor an. "Du führst. Nicht Vor'an."
Vor'an öffnete den Mund.
"Du bist der beste Taktiker des Ordens, Hauptmann", sagte Drak-Soln. "Koss'valan ist der Einzige, der das Objekt spüren kann. Er führt, du schützt." Eine Pause. "Und du nimmst Keth-Morr mit."
Voln-Kaar sagte laut: "Nein."
"Er kennt Veth-Khas Operationsmodus. Er kann Spiegelsplitter identifizieren. Er ist der einzige Vorteil, den wir haben." Drak-Soln sah Voln-Kaar an, ruhig und sehr final. "Wenn er uns verrät, tötest du ihn, Rath. Das ist deine einzige Aufgabe auf dieser Mission."
Voln-Kaar setzte sich wieder. Sein Ausdruck sagte: Das ist der einzige Aspekt dieses Plans, den ich akzeptiere.
Drak-Soln sah Voss'aran an. "Ordenspriester."
"Ordensmeister."
"Das Buch des Lebenden Feuers."
Voss'aran blieb still.
"Ich habe es gelesen", sagte Drak-Soln. "Vor fünf Jahren. Ich habe nichts gesagt, weil es kein Dokument war, das Konsequenzen haben sollte." Eine Pause. "Es hat jetzt Konsequenzen. Teile es."
Stille im Raum.
Dann sagte Voss'aran, ohne seinen Ausdruck zu ändern: "Ja, Ordensmeister."
KAPITEL IV: Das Antifeuer
Das Kessler-Protokoll war in keinem offiziellen Ordensdokument der Drachenwächter beschrieben.
Es war mündlich überliefert, Hauptmann zu Hauptmann, Ordenspriester zu Ordenspriester, seit dem ersten Ordensmeister Tho'mar Vesh. Es beschrieb, was zu tun war, wenn Varanthos und seine Bewohner in einer Weise bedroht wurden, die normalen Kampfeinsatz überstieg. Es war in vier Punkte gefasst, jeder kürzer als ein Satz.
Punkt eins: Varanthos geht vor.
Punkt zwei: Die Stämme sind der Orden.
Punkt drei: Was dem Wald schadet, schadet uns.
Punkt vier: Wenn Feuer allein nicht reicht, verwende Feuer anders.
Vor'an dachte daran, während die Dritte Kompanie sich durch den nächtlichen Urwald bewegte.
Keth-Morr lief drei Positionen hinter ihm. Vor'an spürte ihn mehr, als er ihn sah. Das war das Seltsame daran, einen Alpha-Legion-Agenten im Trupp zu haben. Keth-Morr bewegte sich wie ein Drachenwächter. Roch wie ein Drachenwächter. Reagierte auf Handzeichen wie ein Drachenwächter. Es war die akkurateste Imitation, die Vor'an je gesehen hatte, und das machte es tiefer unheimlich, als eine offensichtliche Verkleidung es gewesen wäre.
"Dreißig Meter", sagte Vel'har, die wieder an der Spitze war. Handzeichen: Zielbeschreibung. Nicht humanoid. Struktur.
Vor'an gab das Haltezeichen.
Koss'valan trat neben ihn. Der Scriptor hatte die letzten zwei Stunden schweigend marschiert, beide Hände in leichten Handschuhen, den Psi-Stab diagonal hinter dem Rücken gebunden, damit er die Hände frei hatte. Er blieb stehen und legte eine Hand auf den Boden. Auf den Boden. Direkt, durch die Moos-Schicht, auf den Basaltstein.
Dreißig Sekunden.
"Wir sind über ihm", sagte Koss'valan.
"Das Objekt."
"Tief. Dreißig Meter mindestens. Aber direkt unter uns." Eine Pause. "Und es weiß, dass wir hier sind."
"Das ist keine beruhigende Information."
"Nein."
Vor'an gab Vel'har das Zeichen: Vorwärts, langsam.
Die Struktur war kein Gebäude. Sie war ein Höhleneingang: natürlich, oder fast natürlich. Die Lavahöhlen von Varanthos waren alle natürlich. Dieser Eingang war minimal erweitert worden, die scharfen Kanten geglättet, das Moos um den Eingang entfernt. Kürzlich. Werkzeugspuren.
"Sie sind schon drin", sagte Keth-Morr.
Vor'an sah ihn an.
"Ich erkenne den Arbeitsstil. Das ist Giftarm-Arbeit. Dritte Zelle. Schnell, präzise, keine Kante breiter als nötig. Sie wollten heute Nacht hier sein." Er sah Vor'an an. "Wir sind nicht vor ihnen. Wir sind mit ihnen."
Kurze Stille.
"Wie viele", sagte Vor'an.
"Für eine Bergungsoperation dieser Priorität: acht bis zwölf Legionäre plus Hexer. Und—" Keth-Morr zögerte. "Er wird hier sein."
"Wer."
"Veth-Kha."
"Du sagtest, er ist nie im Feld."
"Er ist fast nie im Feld." Keth-Morrs Stimme war flacher als sonst. "Für das hier. Für das, was er dreißig Jahre gesucht hat. Er ist hier." Eine kurze Pause. "Oder einer seiner Doubles ist hier, der so gut ausgebildet ist, dass es keinen Unterschied macht."
Voln-Kaar schob sich neben Vor'an. "Ich gehe zuerst."
"Das ist nicht—"
"Mein Auftrag ist, Keth-Morr zu töten, wenn er uns verrät." Voln-Kaar sah Vor'an an. "Wenn ich zuerst gehe, und er uns verrät, bin ich in einer Position, ihn zu töten." Er sah in den Höhleneingang. "Und ich gehe gerne zuerst."
Vor'an nickte.
Die Dritte Kompanie und die Vierzehnte, insgesamt zweiunddreißig Krieger, positionierten sich in drei Gruppen. Erste Gruppe: hinein. Zweite Gruppe: Deckung der Eingänge und Ausgänge. Es gab immer Ausgänge in Lavahöhlen, Koss'valan hatte das kartiert. Dritte Gruppe: Oberflächenprotektion für den Fall, dass Verstärkung von außen kam.
Voss'aran blieb an der Oberfläche. Nicht weil man ihn dort brauchte.
Er blieb, weil er betete. Und weil er das Buch des Lebenden Feuers in der Hand hielt, aufgeschlagen auf einer Seite, die in diesem Moment mehr Bedeutung hatte als alle Bolter im Trupp.
✦ ✦ ✦
Die Lavahöhlen unter Varanthos waren anders als alles, was Vor'an je gesehen hatte.
Er war ein Leben lang auf dieser Welt. Er hatte die Urwald-Oberfläche in jeder Jahreszeit, in jeder Wetterbedingung, bei Nacht und Tag durchkämpft. Er kannte den Dschungel wie einen Teil von sich. Aber die Tiefe kannte er nicht.
Sie war — weit. Unerwartet weit. Die Lavahöhlen verzweigten sich in natürlichen Strukturen, die keiner architektonischen Logik folgten, aber eine eigene Logik hatten, die von Geologen beschrieben wurde und die Vor'an jetzt verstand: Das Feuer hatte hier seinen Weg genommen, als Varanthos noch jung und heiß war, und dieser Weg war in den Stein gebrannt wie Erinnerung.
Das Kessler-Protokoll.
Der Stein erinnert sich.
Die Wärmebildkameras seiner Phobos-Rüstung zeigten das Höhlensystem als Labyrinth aus orangefarbenen und gelben Linien: die Restwärme der Geologie, die Körperwärme seiner Männer, und—
Dort.
Acht Wärmesignaturen, gedämpft, aber nicht unsichtbar. Zwanzig Meter voraus, hinter einem natürlichen Gesteinsvorsprung. Und hinter den acht Signaturen: eine neunte. Die kälter war als alle anderen.
Nein. Nicht kälter.
Kalt.
Kein thermisches Signal. Kein Wärmeprofil. Etwas, das keine Körperwärme hatte, aber Masse, einen physischen Körper. Als wäre der Körper das Negative einer Person, ein Körper, der Wärme aufnahm, statt abzugeben.
Koss'valan hob die Hand. Halt.
Alle froren ein.
Der Scriptor stand mit geschlossenen Augen. Seine Hände, jetzt aus den Handschuhen, gegen die Höhlenwand gelegt. Der Psi-Stab am Boden, nicht in der Hand. Er brauchte keine Waffe. Er brauchte Kontakt.
"Das ist es", flüsterte er.
Nicht mehr als drei Meter über dem Boden, in einer natürlichen Nische in der Höhlenwand. Ein Objekt von etwa dreißig Zentimetern Durchmesser. Rund. Schwarz: nicht die Farbe Schwarz, sondern das Fehlen von Farbe, wie ein Loch in dem Material der Wirklichkeit. Es reflektierte kein Licht. Es sendete keine Wärme. Es war einfach da.
Und unter den Händen der acht Alpha-Legion-Legionäre, die sich in einem Halbkreis darum gruppiert hatten, begann es zu reagieren.
Vor'an sah die Reaktion nicht mit bloßem Auge. Er sah sie im Thermalbild seiner Rüstung: wie die Wärmesignaturen der Legionäre, die das Objekt hielten und berührten und mit, mit irgendwas, das keine normalen Werkzeuge waren, manipulierten, von dem Objekt absorbiert wurden. Wie die Wärme aus ihren Körpern in das Ding floss, und das Ding... sich veränderte.
Größer wurde.
Nicht physisch. Thermal. Das Kältevolumen um das Objekt expandierte.
Koss'valan öffnete die Augen. Und sagte, laut genug, dass alle es hörten: "Stopp."
Vor'an gab das Zeichen.
Zweiunddreißig Krieger bewegten sich aus der Deckung.
Was folgte, war weniger Kampf als Maschinerie.
✦ ✦ ✦
Die Alpha-Legion-Legionäre waren gut. Besser als gut. Sie reagierten auf die plötzliche Präsenz von zweiunddreißig feindlichen Kriegern so wie ein Alpha-Legion-Trupp reagierte: ohne Panik, ohne vergeudete Bewegung, mit der kühlen Präzision von Kriegern, die ihr ganzes Leben darauf trainiert hatten, überrascht zu werden und nicht zu sterben.
Sie teilten sich. Drei stürmten direkt auf die Drachenwächter zu: Ablenkung, Körper als Zeitgewinn. Drei traten zurück in die Dunkelheit der Seitentunnel. Zwei blieben bei dem Objekt.
Die zwei, die blieben, trugen keine Waffen. Sie trugen etwas anderes. Vor'an sah es nicht sofort: Seine Aufmerksamkeit war auf die drei Angreifer gerichtet, die in die Linie einbrachen, mit einer Koordination, die keine verbale Kommunikation erforderte. Schulter-zu-Schulter-Kampf in engen Tunneln. Bolterfeuer, das die Höhlenwände aufriss und Steinfragmente durch die Luft trieb. Das metallische Kreischen von Kraftschwert gegen Kraftschwert.
Er sah es an Koss'valans Gesicht.
Der Scriptor hatte die Augen geschlossen und stand stockstill, inmitten des Kampfes, während ein Drachenwächter-Bruder drei Meter von ihm entfernt gegen einen Alpha-Legion-Krieger rang. Er stand so, weil er spürte, was die zwei beim Objekt taten, und was er spürte, ließ ihn nicht mehr normal stehen.
"Rath!", rief Vor'an.
Voln-Kaar schoss. Einmal. Zweimal. Die zwei Alpha-Legion-Krieger beim Objekt traten zurück.
Zu spät.
Das Kältevolumen in Vor'ans Thermalbild hatte sich verdoppelt. Dann verdreifacht.
Und dann spürte er es nicht mehr thermisch. Das war das Ding, das Vor'an erst in dem Moment verstand, in dem es passierte.
Er spürte es.
Es war wie ein Zug. Wie wenn Wasser in einen Abfluss fließt und man das Saugen der Strömung an der Oberfläche spürt, noch bevor man es sieht. Eine Kälte, die keine Temperatur war, die tiefer als Temperatur war, die in dem Bereich operierte, wo seine Gensaat saß, wo die Fire-Sight saß, wo das war, das ihn zu einem Drachenwächter machte und nicht zu einem anderen Astartes.
Neben ihm taumelte ein Krieger der Dritten. Nicht durch einen Treffer. Er taumelte, als hätte ihn jemand von innen heraus gestoßen.
Dann ein zweiter.
Das Objekt saugte.
✦ ✦ ✦
Keth-Morr hatte dreißig Jahre für die Alpha Legion gearbeitet. Er hatte dreißig Identitäten gelebt. Er hatte sich in dreißig Orden eingebettet und dreißig Mal etwas gelernt, das er nicht vergessen konnte.
Er stand jetzt an der Wand, drei Meter vom Kampf entfernt, und sah das Objekt.
Er kannte seinen Auftrag. Er war hier, um abzulenken, zu beraten, Voln-Kaar eine Rechtfertigung zu geben, ihn zu töten, falls er sich feindlich verhielt. Er war kein Kämpfer mehr, für diese Seite. Er war Informationsquelle und potentielle Leiche.
Aber er sah, wie die Drachenwächter taumelten.
Er sah, wie Vor'an, der nie taumelte, einen Schritt zur Seite machte, der nicht taktisch war.
Er sah Koss'valan, der immer noch stand mit geschlossenen Augen, dessen Gesicht eine Blässe zeigte, die bei obsidianschwarzem Teint unmöglich war, aber trotzdem da war.
Und er sah die zwei Alpha-Legion-Krieger beim Objekt, die das Gerät in den Händen hielten, das das Objekt aktivierte.
Er kannte das Gerät.
Es war aus der Hexer-Werkstatt des Vergessenen Wortes. Er hatte es hergestellt gesehen. Er wusste, wie es funktionierte.
Er wusste auch, wie man es deaktivierte.
Voln-Kaar würde ihn danach töten. Wahrscheinlich. Er hatte dreißig Sekunden, um das zu entscheiden.
Er entschied in einer.
Er trat vor.
✦ ✦ ✦
Was Keth-Morr in den nächsten zwanzig Sekunden tat, war, aus reiner taktischer Perspektive, so präzise, dass Vor'an es hinterher dreimal rekonstruierte und jedes Mal den gleichen Schluss zog: Dieser Mann hatte diese Situation hundertmal in Gedanken durchgespielt.
Er trat auf den nächsten Alpha-Legion-Krieger zu, der ihn noch als Verbündeten erkannte, bevor er ihn als Bedrohung einordnen konnte. Er nutzte diese halbe Sekunde. Dann war er beim Objekt.
Das Aktivierungsgerät war ein spezifisches Stück Technik. Es funktionierte durch physischen Kontakt, durch Druck an drei definierten Punkten. Um es zu deaktivieren, musste man diese Punkte in umgekehrter Reihenfolge trennen.
Keth-Morr tat das.
Das Objekt hörte auf zu saugen.
Die Kälte verschwand nicht. Aber sie hörte auf zu wachsen.
Und dann war Voln-Kaar da, mit einer Bewegung, die keinen überflüssigen Teil enthielt, die Kraftfaust in vollem Zyklus, und Keth-Morr warf sich zur Seite, nicht um zu entkommen, das war nicht schnell genug, sondern um das Aktivierungsgerät hinter sich zu lassen, sodass der Zug der Faust das Gerät mitnehmen würde.
Das Gerät zerstörte sich unter dem Aufprall in drei Teile.
Keth-Morr traf die Höhlenwand.
Das Objekt, das Antifeuer, das Ding ohne Thermalsignatur, begann zu pulsieren. Langsam. Einmal. Zweimal. Als würde es nach etwas suchen. Dann hörte das Pulsieren auf.
Es lag in seiner Nische. Reglos. Kalt.
Bereit.
Aber nicht aktiv.
✦ ✦ ✦
Der Kampf dauerte drei weitere Minuten. Die sechs Alpha-Legion-Krieger, die noch kämpften, kämpften gut, aber zahlenmäßig hoffnungslos. Zwei entkamen in die Seitentunnel. Vor'an ließ sie entkommen, denn die Tunnel führten nirgendwo hin und sie hatten keine Ausrüstung mehr und das Objekt war gesichert.
Als es still war, kniete Vor'an bei Keth-Morr.
Der Alpha-Legion-Agent war bei Bewusstsein. Er hatte die Höhlenwand mit der linken Schulter getroffen, die eindeutig gebrochen war. Er atmete flach.
"Warum", sagte Vor'an.
Keth-Morr antwortete nach einer Pause: "Vel'hars Mutter. Ich habe an ihrem Herd gesessen." Er schloss kurz die Augen. "Ich habe an sehr vielen Herden gesessen. Das war das einzige Mal, dass es schwer war weiterzugehen."
Vor'an sah ihn an.
"Die sechs Monate auf Varanthos", sagte Keth-Morr. "Als Vel'har. Als Scout." Er sah zur Decke. "Ich habe die Drachen-Initiation versucht. Ich bin nach einem Tag zurückgekommen, weil ich das Tier nicht finden konnte. Scout-Sergeant Keth hat mir gesagt: 'Das war kein Drakkin. Das war ein Jungtier. Geh zurück.'" Eine kurze Stille. "Ich bin nicht zurückgegangen. Meine Mission erlaubte es nicht."
"Was erlaubt deine Mission jetzt", sagte Voln-Kaar von hinter Vor'an.
"Gar nichts mehr", sagte Keth-Morr. "Ich habe keine Mission mehr."
Voln-Kaar sah Vor'an an. Vor'an sah Voln-Kaar an.
Koss'valan stand über dem Objekt und legte vorsichtig beide Hände darum, ohne es zu berühren. "Wir haben ein größeres Problem", sagte er.
Alle sahen ihn an.
"Veth-Kha ist nicht hier", sagte Koss'valan. "Die thermische Signatur, die ich für ihn gehalten habe. Das war nicht er." Er hob den Blick. "Das war ein Double. Einer seiner Doubles."
Stille in den Höhlen.
"Veth-Kha ist noch immer auf Varanthos", sagte Koss'valan. "Und er hat das hier gewusst. Er hat uns hierher gebracht."
"Warum", sagte Vor'an.
Koss'valan sah zum Objekt. "Weil das hier nicht das Ziel war. Das war die erste Phase seines wirklichen Plans."
Das Objekt pulsierte einmal.
Kalt.
KAPITEL V: Das Feuer unter der Asche
Der Valdek-Stamm lebte im nordwestlichen Quadranten von Varanthos, in Baumhäusern, die so hoch in den Baumkronen saßen, dass die Oberfläche nicht mehr sichtbar war. Sie hatten keinen Kontakt zu anderen Stämmen im letzten Monat gehabt, was Vor'an jetzt verstand als einen der kleinen Kommunikationseingriffe der Tintenzunge-Zelle, die Kontaktprotokolle zwischen Stämmen subtil verändert hatte.
Der Valdek-Stamm war isoliert worden.
Und im isolierten Valdek-Stamm lebte, seit drei Monaten, jemand, der nicht zum Stamm gehörte.
Scout Vel'har hatte ihn identifiziert. Nicht durch Wärmewahrnehmung. Durch etwas Subtileres. Sie hatte den Stamm besucht im Rahmen ihrer Garnisons-Rotation, als normale Interaktion mit der Bevölkerung. Sie hatte ein Gespräch geführt. Sie hatte danach gesagt: "Der Schmied des Stammes. Er redet wie einer von euch."
"Wie einer von wem", hatte Vor'an gefragt.
"Wie Drachenwächter. Er wählt Worte wie ein Krieger, nicht wie ein Stammeshandwerker. Er hält sich anders. Er beobachtet Ausgänge."
Keth-Morr hatte bestätigt, was Vel'har beschrieben hatte. "Das ist keine Spiegelsplitter-Operation. Das ist zu grob. Das ist Erstes-Auge-Langzeitinfiltration, Schuppenträger. Sie haben seit Monaten jemanden im Stamm."
"Was tut er dort."
"Warten." Keth-Morr hatte gezögert. "Und vorbereiten. Der Valdek-Stamm hat einen heiligen Ort: eine Felsformation, zwei Kilometer nördlich ihrer Siedlung. Sie nennen ihn den Ersten Stein. Sie behaupten, das war der erste Fels auf Varanthos, der aus der Urzeit übrig blieb."
"Und."
"Er ist der heiligste Ort auf dieser Welt, den ihr respektiert."
Vor'an verstand sofort.
✦ ✦ ✦
Der Erste Stein war nicht das, was Vor'an erwartet hatte.
Er war groß, sehr groß, dreißig Meter hoch, ein einzelner Felsblock aus schwarzem Basalt, der aus dem Urwaldboden ragte wie ein Zahn. Alt. Sehr alt. An seiner Oberfläche hatten Generationen von Stammesmitgliedern Markierungen eingeritzt: nicht Schrift, sondern Muster. Spiralen und Kreise und Linien, die geologische Prozesse abbildeten, die Stämme als heilig interpretierten: die Bewegung der Lava, die Zyklen der Eruption, die Muster des Erdbebens.
Vor'an kannte diesen Stein. Er hatte ihn dreimal in seinem Leben besucht: nicht als Krieger, sondern als Gast des Valdek-Stammes, auf Einladung von Stammesführerin Vel'han Koss.
Vel'han Koss.
Deren Name Keth-Morr trug. Nicht den Namen. Den zweiten Namen. Die Mutter war Vel'han. Die Tochter war Vel'har. Der zweite Name bezeichnete die Mutter-Linie. Keth-Morr hatte als Vel'har gelebt, als Tochter dieser Stammesführerin, für sechs Monate.
Die echte Vel'har stand jetzt neben Vor'an und hielt die Waffe auf den Ersten Stein.
Auf den Mann, der davor stand.
Er war alt. Das war das Erste, was Vor'an auffiel: nicht Astartes-alt, sondern menschlich-alt, siebzig oder achtzig Jahre, mit dem gebeugten Stand eines Handwerkers, der sein Leben damit verbracht hatte, Metallstücke über sich zu heben. Er trug Valdek-Stammeskleidung. Er hielt einen Meißel in der rechten Hand.
Und an seinem linken Handgelenk war ein Symbol eingeätzt, das Vor'an kannte.
Eine Spirale aus sieben Punkten.
Das Sieben-Häupter-Zeichen.
"Legen Sie den Meißel nieder", sagte Vor'an.
Der Mann drehte sich um. Sein Gesicht war — normal. Das war das Unheimlichste daran. Nicht ein Alpha-Legion-Gesicht, nicht das Gesicht eines Fanatikers oder eines Verräters. Das Gesicht eines alten Schmiedes.
"Er schläft", sagte der Mann.
"Wer."
"Veth-Kha." Der Mann wies mit dem Meißel auf den Boden um den Ersten Stein herum. "Er hat mir gesagt, ich solle warten, bis er schläft. Dann die Markierungen einarbeiten."
"Welche Markierungen."
Der Mann hob einen Papierfetzen. Darauf: ein Muster. Eine Sequenz. Vor'an erkannte es nicht sofort. Koss'valan, der neben ihm trat, erkannte es nach drei Sekunden.
"Das ist eine Aktivierungssequenz", sagte Koss'valan leise. "Für das Objekt."
"Das Objekt ist zwei Kilometer entfernt, unter dem Boden."
"Die Sequenz ist keine direkte Verbindung. Es ist—" Koss'valan überlegte. "Es ist ein Anker. Wenn diese Sequenz in den Ersten Stein eingearbeitet wird, und das Objekt danach aktiviert wird — die Aktivierungswirkung würde nicht auf einen lokalen Bereich begrenzt sein. Sie würde sich entlang der geologischen Formation ausbreiten."
Stille.
"Entlang welcher Formation."
"Dem Basalt." Koss'valan sah den Boden an. Die Wand. Die Höhle. "Der gleiche Basalt, der unter dem gesamten Sektor liegt. Der gleiche Stein, der überall auf Varanthos ist. Der Stein, der..." Er hielt inne.
Vor'an verstand wieder. Langsamer diesmal, weil es schlimmer war.
"Der die Temperatur aller Feuer speichert, die je über ihm brannten", sagte er.
"Wenn das Objekt aktiviert wird und der Anker im Ersten Stein ist—" Koss'valan schloss kurz die Augen. "Es würde nicht einzelne Gensaat-Träger treffen. Es würde den Basalt treffen. Den gesamten Basalt unter Varanthos. Die gespeicherte Wärme von tausend Jahren."
"Es würde den Stein auslöschen."
"Das Feuer in dem Stein." Koss'valan öffnete die Augen. "Nicht physisch. Nicht die Temperatur. Die gespeicherte thermale Geschichte. Das, was unsere Gensaat mit dieser Welt verbindet, was unsere Fire-Sight aktiviert und stabilisiert, was uns zu Drachenwächtern macht statt zu—" Er ließ es.
Der alte Schmied sah von einem zum anderen. "Er hat mir gesagt, es würde nichts zerstören", sagte er verwirrt. "Er hat mir gesagt, es sei ein altes Ritual. Für den Stamm."
"Wer hat Ihnen das gesagt."
"Der Mann, der im letzten Monat zum Stamm kam. Er nannte sich Keth." Er sah auf die Spirale an seinem Handgelenk. "Er hat mir das gegeben. Er hat gesagt, es sei ein Segen."
Vor'an sah Koss'valan an. Koss'valan sah den alten Schmied an.
Nicht Keth-Morr.
Ein anderer Keth.
Ein anderes Gesicht.
"Wo ist er jetzt", sagte Vor'an.
"Er wollte beim Ersten Stein warten. Er sagte—" Der Schmied blinzelte. "Er sagte, er würde schlafen. Er sagte, wenn er schläft, sei es Zeit."
Vor'an drehte sich um.
Ravan Keth stand fünf Meter hinter ihm.
Der echte Ravan Keth. Mit seiner Phobos-Rüstung, seinem alten Stalker-Bolter, seinem Drakkin-Fell-Tarnmantel.
Neben dem echten Ravan Keth stand ein zweiter.
Identisch.
Dieselbe Rüstung. Derselbe Tarnmantel. Dieselbe Haltung.
Dieselben Augen.
Nein. Nicht dieselben.
Diese Augen lächelten.
✦ ✦ ✦
Veth-Kha hatte dreißig Jahre lang keinen Kampf geführt. Das war sein Prinzip. Sein Credo. Kampf war das letzte Mittel, das Zeichen, dass alle anderen Optionen versagt hatten.
Aber er war kein schlechter Kämpfer.
Er war ein sehr guter Kämpfer.
Das hatte Vor'an nicht einkalkuliert.
Was folgte, war kurz und brutal und chaotisch auf eine Art, die keine Alpha-Legion-Operation war: Das war ein Plan, der zusammenbrach, in dem Moment, als Veth-Kha erkannte, dass das Aktivierungsgerät des Objekts zerstört war und Keth-Morr die Seite gewechselt hatte und zweiunddreißig Drachenwächter um den Ersten Stein standen.
Veth-Kha kämpfte nicht. Er bewegte sich.
Er war in Vor'ans Linie, an ihm vorbei, auf den Ersten Stein zu, bevor Vor'an ihn einordnen konnte. Der echte Ravan Keth, der vier Jahrzehnte Scout-Sergeant gewesen war und in dieser Zeit nie einen Moment zu langsam reagiert hatte, holte ihn auf halbem Weg ein.
Kein Bolter. Kein Handzeichen. Keth sprang einfach.
Die zwei Männer trafen sich in der Luft und trafen den Boden als einen Körper, drei Meter vor dem Ersten Stein.
Voln-Kaar war auf Keth-Morr fokussiert: Das war sein Auftrag. Er war eine halbe Sekunde zu spät.
Vor'an war vier Sekunden zu spät. Vier Sekunden, in denen er Veth-Kha als Bedrohung einordnen, das Kampfgeschehen analysieren und eine taktische Entscheidung treffen musste.
In diesen vier Sekunden kämpften Keth und Veth-Kha.
Ravan Keth war kein Kämpfer im klassischen Sinn. Er lehrte Unsichtbarkeit, nicht Kampf. Aber vierzig Jahre Erfahrung auf Varanthos hatten ihn gelehrt, was sein Körper konnte, und sein Körper konnte Veth-Kha festhalten.
Nicht schlagen. Nicht besiegen.
Halten.
Vel'har schoss.
Einmal. Präzise. Schulter. Das genügte für den Moment: Veth-Kha war getroffen, aber nicht außer Gefecht, Alpha-Legion-Physiologie, er würde sich erholen. Aber er ließ Keth los und kniete für eine halbe Sekunde auf einem Knie.
Vor'an war dann da.
"Genug", sagte er.
Veth-Kha sah ihn an. Das Gesicht unter dem Helm: Er trug keinen, er war im Kampf und trug immer noch keinen Helm, das war die Pose, das war das Zeichen. Es war das Gesicht eines Mannes, der gerade berechnet hatte: Es gibt hier keine Berechnungsmöglichkeit mehr, die zu einem Erfolg führt.
Die Augen lächelten nicht.
"Du hast diese Runde gewonnen", sagte er. Auf perfektem Varanthos-Idiom, mit der Klangfärbung des Vas'kara-Stammes.
"Keth-Morr hat die Arbeit gemacht."
Eine kurze Pause. "Ja." Veth-Kha ließ sich vollständig auf das Knie sinken. "Er hat immer gut gearbeitet." Nichts in seiner Stimme. Keine Bitterkeit. Keine Wärme. Nur Registrierung. "Ich hätte wissen sollen, dass Varanthos—" Er brach ab.
"Was."
"Dass Varanthos andere Prioritäten setzt." Er sah den Ersten Stein an. Den alten Basalt, der Jahrtausende von Feuer in seiner Kristallstruktur trug. "Ihr habt sieben Jahre damit verbracht, zu suchen, was wir tun. Ihr habt nie aufgehört." Eine kurze Pause. "Das hätte ich einkalkulieren sollen."
"Warum wolltest du das Objekt."
Stille.
"Nein", sagte Veth-Kha schließlich. "Das werde ich dir nicht sagen."
"Weil du es selbst nicht weißt."
Die Augen, für einen Moment, einen einzigen, zeigten etwas. Nicht Überraschung. Bestätigung. Als hätte er auf diese Frage gewartet.
"Nein", sagte er. "Ich weiß es nicht."
✦ ✦ ✦
Koss'valan versiegelte das Objekt.
Er tat das mit einer Methode, die er drei Stunden vorher noch nicht kannte und die er hinterher nicht vollständig beschreiben konnte. Er legte beide Hände um das Objekt, ohne es zu berühren, und er benutzte die Wärme. Nicht sein Feuer. Die Wärme des Steins. Die gespeicherte Wärme von tausend Jahren Varanthos. Die Temperaturen von tausend Feuern, die über diesem Stein gebrannt hatten.
Er leitete sie in das Objekt.
Das Objekt nahm sie auf. Das war sein Wesen: Es nahm Wärme auf, es absorbierte Feuer, es war das Negative. Aber als es tausend Jahre Varanthos-Feuer auf einmal bekam, als es die gespeicherte Hitze von Vulkaneruptionen und Jahrtausenden Nocturne-ähnlicher Geologie und hunderttausend Lagerfeuern und den Schmieden der Drachenwächter und dem ewigen Feuer im Zirkelraum—
Es füllte sich.
Ein Antifeuer, das voll war.
War kein Antifeuer mehr.
War nur noch etwas sehr Schweres, sehr Altes, sehr Stilles.
Koss'valan nahm die Hände weg. Er zitterte leicht. Nicht vor Erschöpfung: Er zitterte wie jemand, der etwas getan hat, das er nicht vollständig verstand, und der sich dessen bewusst ist.
"Es ist versiegelt", sagte er.
"Was bedeutet das."
"Es ist jetzt — gesättigt. Gefüllt. Es kann keine Wärme mehr aufnehmen. Es ist—" Er suchte nach Worten. "Es ist ein Behälter, der voll ist. Es kann kein Feuer mehr löschen, weil es zu voll mit Feuer ist, um noch Platz für mehr zu haben."
Vor'an sah das Objekt an. Klein. Rund. Schwarz.
Jetzt, in der Thermalkamera, leuchtete es orange.
Wie eine kleine Sonne.
"Was machen wir damit", sagte er.
Koss'valan sah ihn an. "Das entscheidet der Ordensmeister."
✦ ✦ ✦
Voss'aran stand an der Oberfläche, als die ersten Krieger aus der Höhle kamen.
Er hatte gebetet. Er hatte das Buch des Lebenden Feuers in der Hand gehalten und darin gelesen, nicht für sich, sondern für die Stämme, für das Gefühl, das dieser Wald hatte, das Feuer, das immer in diesem Stein gewesen war und das jetzt, er spürte es, ruhiger war. Nicht erloschen. Ruhiger. Gesättigt.
Er sah Vor'an. Er sah Koss'valan. Er sah Ravan Keth, der einen Arm leicht hängen ließ, aber aufrecht ging. Er sah Voln-Kaar, der Keth-Morr stützte, nicht als Gefangener; der Ausdruck war komplizierter als das.
Er sah das Objekt, das Koss'valan in einer mechanischen Kapsel trug, die ein Trupp-Sanitäter schnell zusammengebaut hatte.
Er sah Veth-Kha, gefesselt, von zwei Kriegern begleitet.
Er schloss das Buch.
"Das Feuer hat gehalten", sagte er.
Nicht als Frage. Als Aussage.
Vor'an nickte.
"Und das andere Feuer", sagte Voss'aran und sah Keth-Morr an.
Keth-Morr traf seinen Blick. Der Alpha-Legion-Agent sagte nichts. Sein Ausdruck war — das war schwer zu lesen, bei jemandem, der sein Leben damit verbracht hatte, Ausdrücke anzunehmen und abzulegen. Aber Voss'aran, der in dreißig Jahren Ordenspriester-Dienst mehr Ausdrücke analysiert hatte als die meisten, las etwas.
Erschöpfung.
Nicht körperliche. Die andere Art.
"Du bist müde", sagte Voss'aran.
Keine Antwort.
"Nicht von diesem hier." Voss'aran wies kurz auf den Urwald, die Höhle, den Ersten Stein. "Vom ganzen."
Keth-Morr sah ihn an. Dann, sehr leise: "Ja."
Voss'aran öffnete das Buch wieder. Er hatte eine bestimmte Seite im Kopf: nicht weil er sie markiert hatte, sondern weil er sie hundertmal gelesen hatte und die Seite sich von selbst fand. Er reichte das Buch an Keth-Morr.
Keth-Morr sah auf die Seite. Er las. Er las langsam.
Dann sah er auf.
"Was soll ich damit", sagte er.
"Nichts", sagte Voss'aran. "Lesen. Fertig."
Keth-Morr sah wieder auf die Seite. Und dann tat der Mann, der dreißig Jahre lang Gesichter getragen hatte und der eigenes Gesicht vergessen hatte, etwas, das nicht kalkuliert war. Das bemerkte Vor'an, der aus drei Metern Abstand zusah.
Er las die Seite zweimal.
✦ ✦ ✦
Der Text, den Keth-Morr zweimal las, lautete:
Das Feuer fragt nicht, wer du warst.
Es fragt nur, ob du brennst.
EPILOG: Drei Monate später
Varanthos.
Der Urwald dampfte nach einem Nachmittagsregen, der Dunst stieg zwischen den Bäumen auf, das Licht brach durch die Baumkronen in einzelne Balken, die sich so dicht mit Lichtpartikeln füllten, dass sie fast greifbar schienen.
Hauptmann Lyeth Vor'an stand am Rand des Urwaldes, dreißig Meter vom Eingang zu Drak'Varanthos entfernt, und hörte.
Das war seine Eigenart. Er hörte. Er war der Hauptmann der Tiefjäger: Er war unsichtbar, er war präzise, er sah, bevor er gesehen wurde. Aber was ihn zu einem guten Tiefjäger machte, war nicht das Sehen. Es war das Hören.
Er hörte den Urwald.
Den Regen, der von den Blättern tropfte. Die Ferne des Schattenschreiters, der irgendwo hundert Meter entfernt auf Beute wartete. Den Wind, der in dreißig Metern Höhe die Baumkronen bewegte, ohne dass man ihn unten spürte.
Und darunter: die Wärme. Das war neu, das waren drei Monate.
Der Boden war warm.
Nicht dramatisch. Nicht außergewöhnlich warm. Aber der geothermische Gradient, der vor vier Monaten verschwunden war, war zurück. Das Antifeuer im Stein war gefüllt und gesättigt und geschlossen, und in der Abwesenheit seiner Absorption hatte die natürliche Wärme von Varanthos sich über drei Monate wieder aufgebaut, war zurück in den Stein gesickert.
Der Stein erinnerte sich wieder.
Hinter ihm, auf dem Pfad nach Drak'Varanthos, kam jemand.
Nicht laut, sehr leise. Aber nicht so leise wie ein Drachenwächter. So leise wie jemand, der sehr viel trainiert hatte, aber nicht seit der Kindheit trainiert worden war.
Vor'an drehte sich nicht um. "Keth-Morr."
"Hauptmann."
Keth-Morr trat neben ihn. Auch er sah in den Urwald. Er trug eine Standardrüstung ohne Abzeichen: weder Drachenwächter noch Alpha Legion. Er war, für den Moment, nichts.
"Drak-Soln hat entschieden", sagte Vor'an.
"Ich weiß. Er hat es mir gesagt."
"Und?"
Keth-Morr antwortete nicht sofort. "Ich weiß nicht, was ich sein soll, wenn ich kein Agent bin."
"Das ist keine Entscheidung für heute."
"Nein." Er sah die Baumkronen an. "Vel'har hat mich besucht."
"Sie hat es mir gesagt."
"Sie wollte mich fragen, ob ich bei der Drachen-Initiation dabei war, als sie ihre gemacht hat. Als 'Vel'har'." Eine Pause. "Ich war dabei. Als Beobachter, für die Mission. Ich habe nicht eingegriffen. Ich habe nur zugesehen."
"Was hat sie gesagt."
"Sie hat gesagt, dass es einen Unterschied macht. Dass jemand dabei war." Er sah Vor'an von der Seite an. "Ich weiß nicht, ob das stimmt."
"Ich auch nicht."
Stille zwischen ihnen. Der Urwald dampfte.
"Das Objekt", sagte Keth-Morr. "Was macht Drak-Soln damit."
"Das ist nicht öffentliche Information."
"Ich weiß." Eine kurze Pause. "Aber ich frage trotzdem."
Vor'an überlegte eine Sekunde. Dann: "Es ist noch hier. Auf Varanthos. Koss'valan überwacht es. Es ist stabil." Er sah den Urwald an. "Es ist gefüllt mit Varanthos-Feuer. Koss'valan sagt, es strahlt jetzt. Wie eine Wärmequelle." Eine Pause. "Er sagt, er weiß nicht, ob es immer so bleiben wird. Oder ob es sich irgendwann wieder entlädt."
"Und dann."
"Dann ist es wieder ein Antifeuer."
"Und Veth-Kha."
"Im Gewahrsam des Ordens. Interrogation." Vor'an sah Keth-Morr an. "Er sagt nichts."
"Er weiß auch nichts. Was er über den Ursprung des Objekts weiß — er hat mir Fragmente gesagt. Nur Fragmente. Die Sieben Häupter haben dreißig Jahre nach dem Objekt gesucht, ohne jemals vollständig zu verstehen, was es ist." Eine Pause. "Ich glaube, das war für den Harrowmaster das erste Mal, dass er etwas getan hat, ohne vollständige Information."
"Weil er es brauchte."
"Weil er fürchtete, dass jemand anderes es findet, bevor er es versteht." Keth-Morr sah die Baumkronen. "Das erste Mal in dreißig Jahren, dass er aus Angst handelte."
"Was fürchtete er."
Stille.
"Das", sagte Keth-Morr.
Er wies auf den Urwald. Den Urwald, der dampfte. Den Boden, der warm war. Den Stein, der sich erinnerte.
"Er fürchtet Dinge, die älter sind als er", sagte Keth-Morr. "Dinge, die größer sind. Das Feuer hat ihn nie interessiert als das Feuer, das ihr meint, als das, was ihr seid. Er hat immer gedacht, es sei ein Talent. Eine Fähigkeit. Etwas, das man analysieren und replizieren kann." Eine Pause. "Jetzt weiß er, dass er falsch lag."
Vor'an nickte langsam.
"Das Buch von Voss'aran", sagte Keth-Morr dann.
"Was ist damit."
"Er hat mir eine Abschrift gemacht." Er hielt inne. "Er hat mir das erste Mal in meinem Leben etwas gegeben, das ich nicht für eine Mission gebrauchen kann."
Vor'an sah ihn an.
Keth-Morr sah den Urwald an. Und sagte, sehr ruhig: "Es fragt nur, ob du brennst."
Der Urwald dampfte.
Das Feuer unter der Asche war noch da.
Es würde immer noch da sein.
✦ ✦ ✦
In der Stille-Kammer von Drak'Varanthos, drei Ebenen unter der Erde, in dem Raum ohne Fenster und ohne Feuer, saß Ordensmeister Auren Drak-Soln allein.
Vor ihm auf dem Tisch lag das Objekt.
Es leuchtete orange.
Er legte eine Hand daneben, nicht darauf. Daneben.
Es war warm.
Drak-Soln saß lange Zeit so. Dann sagte er, zu sich selbst, zu dem Objekt, zu dem Raum ohne Feuer:
"Du bist jetzt ein Drachenwächter."
Das Objekt leuchtete.
Er ließ es allein.
Im Zirkelraum oben brannte das ewige Feuer, das seit Tho'mar Vesh nie erloschen war.
Es würde nie erlöschen.
✦ ✦ ✦
"Das Feuer fragt nicht, wer du warst.
Es fragt nur, ob du brennst."
— Aus dem Buch des Lebenden Feuers,
von Ordenspriester Mekhar Voss'aran,
Orden der Drachenwächter,
Zweite Gründung, M31
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