Das zehnte Gebet von Vraks
Eine Geschichte des Todeskorps von Krieg
Astra Militarum (Todeskorps von Krieg)
„Ein Gebet ist eine Bitte. Eine Vorschrift ist eine Antwort. Auf Vraks verwechselt man beides seit acht Monaten.“
Kommissar Halbrecht
I. Namen, solange es welche gibt
Auf Vraks roch selbst der Morgen nach einem Massengrab.
Der Rauch von Misericordia hing noch immer zwischen den Grabenlinien, als hätte die gefallene Bastion sich geweigert, in den Tod zu gehen. Aus ihren geborstenen Scharten stieg grauer Dunst. Unter den Mauerresten klickten Servitoren mit Schaufelarmen durch Schutt und Knochen. Das Artilleriefeuer im Osten hatte nie aufgehört. Es war nur weit genug entfernt, um wie Wetter zu klingen.
Feldsanitäter Brenn saß auf einer umgestürzten Munitionskiste im inneren Hof der eroberten Bastion und schrieb Namen.
Nicht viele. Nur jene, die ihm heute noch in die Hände gekommen waren.
Regiment. Nummer. Fundort. Zustand.
Manche Zeilen waren kurz. Manche länger. Manche endeten mit der gleichen kleinen Notiz, die er sich längst abgewöhnt haben wollte und doch immer wieder schrieb: identifiziert durch Kennmarke. Als sei das ein Trost.
Seine linke Schulter pochte dumpf unter dem Verband. Der Rebreather schmeckte metallisch. Bei jedem Atemzug hörte er das leise Rasseln getrockneten Blutes in der Filtermembran. Vor ihm lagen zwei der Registerbücher aus Misericordia, in eine Ölplane eingeschlagen und mit dem Zeichen des Kommissariats versiegelt. Die Bücher wirkten unschuldig. Fast langweilig. Genau so sahen die schlimmsten Dinge des Imperiums oft aus.
Jemand trat neben ihn.
„Sie schreiben wieder."
Kommissar Halbrecht. Der Mantel war an den Säumen voller Staub, die Handschuhe dunkel von alten Flecken. Seine Stimme hatte in den letzten zwei Tagen etwas von ihrer Schärfe verloren, keine Milde, nur Abrieb.
„Ja", sagte Brenn.
„Sie schlafen nie?"
„Doch."
„Wann?"
Brenn sah kurz auf. „Wenn es keine Namen mehr gibt."
Halbrecht antwortete nicht. Er tat in letzter Zeit öfter so, als prüfe er einen Satz auf seinen Nutzen hin, ehe er darauf reagierte.
Aus dem Hauptwerk der Bastion kam Leutnant Varn. Der linke Arm steckte noch in einer Schlinge, aber sein Gang war wieder der eines Offiziers und nicht mehr der eines Verwundeten. Hinter ihm humpelte ein Mann mit Metallbein und Schubstangenstock durch den Staub.
Wachtmeister Kessel.
Das Provisorium aus Stahl und Leder quietschte bei jedem Schritt. Kessel schien das ebenso wenig zu interessieren wie die Blicke, die ihm folgten. Er setzte sich nicht. Er stellte sich nur neben Brenns Kiste und sah auf die Register hinunter.
„Die Bücher?"
„Ja", sagte Brenn.
Kessel nickte. „Dann hat sich Misericordia wenigstens gelohnt."
Varn schnaubte trocken. „Das und die Tatsache, dass wir noch leben."
„Vorläufig", sagte Kessel.
Es war das Nächste, was bei ihm als Humor durchging.
II. Entweder unser Lebender oder unser Toter
Halbrecht nahm eines der Register auf. „Ich habe die ersten Seiten durchgesehen. Viele Einträge stammen von Regimentern, die seit Monaten als vernichtet gelten. Einige sogar von Truppenteilen, die nie offiziell auf Vraks geführt wurden."
„Doppelte Erfassung?", fragte Varn.
„Oder gar keine." Halbrecht strich mit dem Daumen über den Einband. „Misericordia war nicht nur eine Bastion. Es war ein Archiv. Und wer immer es betrieb, hat nicht bloß die Toten gesammelt. Er hat sie einsortiert."
Kessel sah zu Brenn. „Das stört Sie mehr, als es sollte."
„Nein", sagte Brenn. „Es stört mich genau genug."
Der Kommissar zog einen weiteren Streifen aus seiner Manteltasche. „Das ist das Problem. Einer der Namen in diesem Buch taucht auch in unseren lebenden Bestandslisten auf."
Varn sah ihn an. „Ein Fehler?"
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht."
Halbrecht reichte Brenn den Streifen. Darauf stand eine Kennung, die Brenn kannte.
19. Belagerungsregiment. 4. Sturmkompanie. Gardist Rhem.
Brenn hob den Blick. „Rhem ist im äußeren Sicherungsring. Ich habe ihn vor zwei Stunden selbst gesehen."
„Dann ist entweder unser Lebender falsch", sagte Halbrecht, „oder unser Toter."
Niemand sprach einen Moment lang.
In den Mauerschatten der Bastion rief irgendwo ein Feldprediger die Litanei des geordneten Übergangs. Weit draußen jaulten Geschütze. Der Krieg setzte seine Zeilen fort, ob hier unten nun eine Kennung falsch stand oder nicht.
„Wo wurde der Eintrag gemacht?", fragte Varn.
Halbrecht schlug die Seite auf, die er mit einem Lederstreifen markiert hatte. „Untersektor Sepultura. Unterarchiv IX. Das liegt laut alten Bauplänen unter dem westlichen Munitionswall."
Kessel sah zur schwarzen Silhouette des Hauptwerks. „Unter Misericordia."
„Nicht im zerstörten Kern", sagte Halbrecht. „Tiefliegender. Abgeschnitten. Wahrscheinlich nicht von der ersten Sprengung erreicht."
Varns Gesicht wurde härter. „Also wieder runter."
„Ja."
„Mit wie vielen?"
„Mit genug, um die Sache zu beenden. Nicht genug, um aufzufallen. Oberst Dreir verlegt die Hauptkräfte bereits für den nächsten Angriff. Ich bekomme keine Kompanie für ein Archivproblem."
„Für ein Archivproblem", wiederholte Kessel.
Halbrecht hielt seinem Blick stand. „Für eine mögliche ketzerische Infrastruktur unter einer gerade gesicherten Bastion."
„Das klingt schon besser."
Varn sah auf Brenn. „Und Sie kommen mit."
Brenn schloss das Register. „Ja."
„Wegen der Kennung?"
„Wegen der Toten."
Kessel schnaubte leise. „Gleicher Grund. Andere Formulierung."
III. Gib den Toten nicht Ruhe, sondern Verwendung
Eine Stunde später stiegen sie hinab.
Diesmal nicht durch den Nordschacht von Misericordia, sondern durch einen halb eingestürzten Versorgungsschacht unter dem westlichen Wall. Der Eingang lag hinter einer Munitionsnische, deren Sandsäcke von Granatsplittern aufgeschlitzt waren. Ein Servitor hatte die ersten Steinplatten bereits beiseitegeräumt, bis man auf Eisenstufen und tieferes Schwarz hinabblicken konnte.
Die kleine Stoßgruppe bestand aus Varn, Brenn, Kessel, sechs Gardisten des Todeskorps, zwei Pionieren und Halbrecht. Keine Space Marines. Keine Red Scorpions. Keine grauen Halbgötter, die das Wesentliche mit kalter Gewalt aus dem Weg räumten.
Nur Menschen. Wie immer, wenn es unerquicklich wurde.
Der Abstieg roch nach Staub und altem Kalk. Weiter unten kam etwas dazu, kein Fäulnisgeruch, sondern das trockene Aroma von Knochenräumen, von Lagern, in denen der Tod lange genug aufbewahrt worden war, um ordentlich zu werden.
Kessel führte. Das Metallbein klackte auf den Stufen, aber sein restlicher Körper bewegte sich so vorsichtig, als wolle er die neue Mechanik nicht damit beleidigen, sie für etwas anderes als Krieg zu benutzen.
„Draht links", sagte er einmal.
Einer der Pioniere kniete nieder, tastete die Wand ab und fand einen kaum sichtbaren Auslöser zwischen zwei Steinen.
„Alt", murmelte er.
„Funktioniert alt?", fragte Varn.
„Wenn es Vraks ist, ja."
Sie schlichen weiter.
Die Stufen endeten in einem Korridor mit niedrigen Bögen und Nischen für Heiligenstatuen. Die Statuen fehlten fast alle. Manche waren abgesägt worden. Manche lagen zerschlagen am Boden. In den leeren Sockeln standen statt ihrer nummerierte Schädel, auf Eisenstifte gesteckt, als habe irgendjemand begonnen, die Heiligen des Imperiums durch die Toten der eigenen Kriege zu ersetzen.
Halbrecht bemerkte Brenns Blick. „Nicht jetzt."
Brenn nickte. Nicht aus Zustimmung. Nur, weil er wusste, dass Empörung im falschen Augenblick meist mit Splittern bezahlt wurde.
Sie erreichten eine bronzene Schottpforte, auf deren Oberfläche ein zehnzeiliges Gebet eingraviert war. Die ersten neun Zeilen kannte Brenn auswendig. Das Gebet der geordneten Aufopferung, wie es in den Feldkapellen von Krieg gesprochen wurde.
Die zehnte Zeile nicht.
Sie war nachträglich ergänzt worden, enger und tiefer ins Metall geschnitten.
Gib den Toten nicht Ruhe, sondern Verwendung.
Selbst Kessel blieb einen Herzschlag lang stehen.
„Das ist neu", sagte Varn.
„Das ist Häresie", sagte Halbrecht.
„Auf Vraks ist der Unterschied selten groß", murmelte Kessel.
IV. Unterarchiv IX
Die Pioniere öffneten die Schottpforte.
Dahinter lag Unterarchiv IX.
Es war keine Kapelle. Kein Schrein. Kein von Chaosgeflüster durchtränkter Dom wie unter Canticum. Gerade das machte es schlimmer. Der Raum war funktional. Groß, trocken, in Reihen aufgebaut. Auf Metallgestellen lagen Schädel, Oberarmknochen, Kennmarken, Brustplatten, sauber sortiert nach Regiment, Herkunft und Zustand. Zwischen den Reihen liefen Schmalspurschienen. Karren standen bereit. An den Wänden hingen Schreibtafeln mit Klassifizierungen.
In der Mitte stand ein Kognitorturm, verbunden mit Reihen von Servitoren, die Knochen reinigten, registrierten und in Messingrahmen einsetzten. Auf der Plattform darüber hing ein Kranz aus Kennmarken, hundertfach, tausendfach, wie ein metallischer Choral.
Und zwischen den Gestellen bewegten sich Menschen.
Nicht viele. Zwanzig vielleicht. Männer und Frauen in abgetragenen Uniformen des Administratums, des Munitorums, der Bastionsmiliz. Einige bewaffnet, andere nur mit Schreiberstiften und Sägen. Sie hatten die Pforte gehört. Zu langsam. Zu spät.
Varn schrie nicht. Er schoss.
Der erste Mann fiel vom Kognitorpodest. Im selben Moment brach von den Gestellgängen Feuer los. Laserschüsse zuckten zwischen Schädelreihen. Einer der Gardisten des Todeskorps ging mit einem Loch im Hals nach hinten weg, als hätte ihn jemand am Kragen gezogen.
„Deckung!"
Kessel war schon hinter einem Wagen. Der Pionier neben ihm warf eine Blendgranate in den linken Gang. Weißes Licht brach an Knochen und Metall. Schreie. Brenn zog den gefallenen Gardisten an den Rand, sah in die Wunde und ließ ihn sofort los.
Zu spät.
Halbrecht stand mitten zwischen ihnen und schoss mit der Bolterpistole so präzise, wie Brenn es von einem Kommissar nicht erwartet hätte. Jeder Treffer war ein Urteil. Kein Zorn darin. Nur Vollstreckung.
„Kognitor zuerst!", rief er.
Varn nickte. „Kessel! Mit mir!"
Sie brachen rechts durch.
Zwischen den Knochenregalen wurde der Kampf enger. Ein Archivschreiber sprang Varn mit einem Zerlegemesser an und bekam den Gewehrkolben in die Zähne. Kessel schoss einem Milizionär das Knie weg und trat ihn vom Gang. Brenn folgte langsamer, weil er einen zweiten Verwundeten mitriss, der noch schießen konnte.
Dann sah Brenn ihn.
Gardist Rhem.
Er stand am anderen Ende eines Regals, die Maske halb geöffnet, das Lasergewehr im Anschlag. Genau die Kennung, die im Register als tot geführt wurde. Genau derselbe Mann, den Brenn oben noch gesehen hatte.
Nur dass seine Augen falsch waren.
Kein Wahnsinn, keine Mutation. Schlimmer als das: eine Leere in geordneter Weise, als habe jemand aus ihm alles entfernt, was an einem Menschen unnötig war, und nur Funktion belassen.
„Rhem!"
Der Mann reagierte nicht auf den Namen. Er feuerte.
Der Schuss streifte Brenns Rippenpanzer. Brenn stolperte gegen ein Gestell voller Kennmarken. Metall rasselte wie Regen.
„Rhem!"
Wieder keine Reaktion. Nur ein zweiter Schuss.
Halbrecht kam seitlich in den Gang und sah die Szene mit einem Blick.
„Runter!"
Brenn warf sich, mehr aus Reflex als Gehorsam. Halbrechts Bolterpistole bellte. Rhem wurde nach hinten gegen das Regal gerissen, blieb einen Herzschlag in seinen Gurten hängen und sank dann langsam in sich zusammen.
Brenn kroch zu ihm.
Die Kennung stimmte. Das Gesicht auch. Die Narben an der Stirn. Der Schnitt an der Kieferlinie, den Brenn vor Wochen selbst genäht hatte. Alles derselbe Mann.
Nur dass in seiner Brust kein Herzschlag mehr gewesen war, noch ehe Halbrecht ihn traf.
„Wie?", fragte Varn, der sich neben sie fallen ließ.
Brenn zog den Brustharnisch auf. Darunter verliefen dünne Metallstreifen unter der Haut, primitive Leitbahnen, verbunden mit einem hinter dem Brustbein verankerten Mechanismus.
„Servitorisierung", sagte Brenn tonlos. „Nicht vollständig. Eher... Wiederverwendung."
Kessel sah nicht auf den Toten, sondern auf die Regale. „Dann sind das hier nicht nur Register."
Nein.
Sie waren Lagerlisten.
V. Die Mathematik des Archivars
Am Kognitorturm trat jetzt eine neue Figur auf das Podest.
Alt. Dünn. Die Uniform einst die eines Munitorum-Archivars, jetzt von Flecken und staubigem Fett steif. Auf der Brust trug er mehr Datensiegel als Abzeichen. Ein halbes Gesicht war durch eine Linse ersetzt, die bei jedem Wort leicht rot glomm.
„Ihr versteht es nicht", sagte der Mann.
Natürlich tat er das. Natürlich hatten solche Männer immer genau diesen Ton, weder fanatisch noch ekstatisch, nur müde und überzeugt, dass Grausamkeit Verwaltung sei.
„Vraks verbraucht mehr, als Terra nachliefert", fuhr er fort. „Ihr führt Listen. Ich schaffe Kontinuität. Ein Körper ist Material. Eine Kennung ist Ordnung. Ein gefallener Soldat ist nur dann verloren, wenn niemand ihn erneut einsetzt."
Halbrecht hob die Waffe. „Im Namen des Imperators—"
„Sprecht seinen Namen nicht, wenn ihr seine Mathematik nicht ertragt."
Dann schlug er die Hand auf den Kognitorturm.
Überall im Archiv klickten Verriegelungen auf.
Aus den Gestellen kippten nicht nur Knochen, sondern Leiber. Teilweise ganz. Teilweise ergänzt. Tote in Uniformresten des Astra Militarum, der Vraks-Miliz, sogar in den schmutzigen Mänteln des Todeskorps. An Drähten, Klammern und primitiven Gliedmaßenapparaten hoben sie die Köpfe.
Brenn hatte schon viele Tote gesehen. Aber noch nie, wie sie sich als Verwaltungsakt erhoben.
Das Gefecht brach ein zweites Mal los.
Die ersten der Wiederverwendeten fielen unter konzentriertem Laserfeuer. Aber sie stürmten nicht wie Wahnsinnige. Sie gingen wie Soldaten, denen nur der Schmerz genommen worden war. Einer der Gardisten des Todeskorps wurde von einem stumpfen Klappspaten über das Knie gehebelt und verschwand schreiend unter drei Leibern. Kessel sprengte ein ganzes Regal weg. Knochen, Marken und tote Körper regneten in einem einzigen schmutzigen Schwall zu Boden.
„Turm!", schrie Varn.
Er und Halbrecht stürmten vor. Brenn verlor sie kurz hinter einem Wagen mit Schädelkisten.
Rhem lag noch immer vor ihm.
Brenn sah die offene Brust. Die primitiven Leitbahnen. Die Kennmarke. Den Namen. Dieselbe Hand, mit der er vor zwei Tagen einen Verwundeten verbunden hatte, griff jetzt nach Rhem und schloss ihm die Augen, obwohl das sinnlos war. Dann zog er die Kennmarke ab und steckte sie ein.
Etwas packte ihn am Rücken.
Ein Wiederverwendeter. Halbgesicht fort, ein Arm nur noch durch Draht gehalten. Brenn rammte ihm das Sanitätsmesser unter das Kinn. Keine Wirkung. Noch einmal, tiefer. Wieder keine. Erst als Kessel von der Seite kam und dem Ding mit seiner neuen Metallprothese das Knie zertrat, kippte es zur Seite.
„Sie hören nur auf zentrale Signale", sagte Kessel. „Oder sie haben schlicht keinen guten Grund, umzufallen."
Brenn rappelte sich hoch. „Dann den Turm."
Varn hatte das Podest fast erreicht. Halbrecht deckte ihn. Der Archivarmagier, oder was auch immer aus dem Mann geworden war, zog nun keinen Bolter, keine Klinge, sondern etwas Kleineres. Einen Kontrollstab, von dem feine Lichtimpulse in den Kognitor liefen. Bei jedem Impuls richteten sich weitere Körper auf.
Varn sprang auf das Podest.
Der Archivar zog den Stab hoch, als könnte man einen Leutnant mit einem Schreibwerkzeug aufhalten. Vielleicht glaubte er das wirklich. Vielleicht hatte diese Hölle zu lange funktioniert.
Halbrechts Schuss traf ihn in die Seite. Nicht tödlich. Nur genug, um ihn zu drehen.
Varn war da. Er riss dem Mann den Stab aus der Hand und schlug ihm mit dem Gewehrkolben das Gesicht entzwei. Der Archivar stürzte gegen den Kognitor. Drähte spannten sich. Funken stoben.
„Ladung!"
Kessel warf seine letzte Sprengladung hoch. Brenn fing sie auf halbem Aufstieg, reichte sie weiter, Varn riss den Zünder heraus und stopfte das Paket in den offenen Servicering des Kognitors.
„Zurück!"
Sie sprangen vom Podest, als die Ladung losging.
Die Explosion war klein, aber der Raum reagierte, als hätte man ihm das Rückenmark zerschlagen. Der Kognitorturm platzte auf. Kennmarken schossen wie Schrapnelle durch die Luft. Die Servitoren fielen in sich zusammen. Überall im Archiv blieben die Wiederverwendeten mitten im Schritt stehen, zitterten einmal und stürzten dann in die Gänge, Regale und Knochenhaufen zurück.
Stille kam nicht sofort.
Erst das Metallrauschen der fallenden Marken. Dann das langsame Nachgeben von Ketten. Dann nur noch Atmen, Blut und das entfernte Donnern der Artillerie weit über ihnen.
VI. Wiederhergestellt für imperiale Erfassung
Brenn stand lange zwischen den Toten, bis Halbrecht zu ihm trat.
„Bericht?"
Brenn sah auf die Reihen. Auf die echten Leiber. Die falschen. Die halb registrierten. Die sortierten. Die gezählten. Die falsch erinnerten.
„Es war kein Gebet", sagte er schließlich und blickte zur bronzenen Tür mit ihrer zehnten Zeile. „Es war eine Anweisung."
Halbrecht nickte langsam. „Dann wird sie nicht in den offiziellen Bericht kommen."
„Wird irgendein Bericht wahr sein?"
Der Kommissar sah zum zerstörten Kognitor hinauf. „Nein. Aber manche Berichte sind wenigstens nützlich."
Varn kam mit blutverschmiertem Ärmel vom Podest. „Drei tot. Zwei verwundet. Turm zerstört. Anlage unbrauchbar."
„Die Bücher?", fragte Brenn.
Kessel hob einen Sack aus Wachsleinen. „Hier."
Brenn nahm ihn. Er war schwerer, als ein Sack mit Papier sein durfte.
„Dann", sagte Halbrecht, „steigen wir wieder hinauf."
„Und die hier unten?", fragte einer der Gardisten.
Halbrecht sah sich um. In seinem Blick lag keine Gnade, aber auch kein Ekel mehr. Nur Verwaltungswille.
„Kennzeichnen. Versiegeln. Später säubern lassen."
Brenn blieb noch einen Augenblick bei Rhem liegen. Dann nahm er die Kennmarke aus der Tasche und legte sie dem Toten auf die Brust.
Damit er wieder gezählt war.
Als sie Stunden später aus dem Schacht traten, war über Misericordia bereits die nächste Nacht herabgesunken. Der Himmel von Vraks flackerte fernrot von neuen Einschlägen. Auf den inneren Höfen der Bastion wurden schon wieder Munitionskarren beladen. Der Krieg hatte ihnen genau genug Zeit gelassen, um eine weitere Form des Verrats zu finden, und nicht genug, um sie zu betrauern.
Brenn setzte sich auf dieselbe Kiste wie am Morgen, schlug das Register auf und schrieb den nächsten Namen.
Diesmal unter eine neue Überschrift.
Wiederhergestellt für imperiale Erfassung.
Kein Sieg.
Aber eine Korrektur.
Und auf Vraks blieb selbst das nur bestehen, solange jemand es aufschrieb.
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