Die Stille von Misericordia
Eine Geschichte des Todeskorps von Krieg
Astra Militarum (Todeskorps von Krieg)
„Verluste sind zu erfassen, nicht zu beklagen. Die Erfassung ist die Form, in der das Imperium trauert.“
Munitorum-Dienstvorschrift, Abschnitt Totenerfassung
I. Ein Sieg dauert selten länger als eine Nacht
Auf Vraks dauerte ein Sieg selten länger als eine Nacht.
Am Morgen nach Bastion Canticum war der Rauch noch nicht aus den gesprengten Gewölben gewichen, da zogen schon neue Kolonnen durch die Gräben, neue Munitionsschlitten rumpelten über Bohlenwege, neue Litaneien wurden über frisch ausgehobene Stellungen gesprochen. Die gefallene Festung lag hinter ihnen wie ein Zahn im Schlamm, noch warm an den Bruchkanten, noch voller Leiber, die Servitoren und Totentrupps erst im Laufe des Tages bergen würden. Doch der Krieg hatte sie bereits vergessen.
Vor ihnen lag Misericordia.
Kommissar Halbrecht stand im Beobachtungsgraben auf einer umgedrehten Munitionskiste und sah durch das Feldglas auf die neue Bastion. Sie erhob sich aus der Ascheebene wie ein abgebrochener Kathedralenturm, kantig, schwarz und tief gestaffelt. Wo Canticum ein Belagerungswerk gewesen war, wirkte Misericordia fast wie ein Gotteshaus, das der Krieg zu etwas anderem umgeformt hatte. Mehrere Wallringe zogen sich um den Hauptkörper. Zwischen ihnen lagen Trichterfelder, Drahtgürtel und Reste zerstörter Sturmangriffe älterer Wochen. Aus den oberen Scharten schlug gelegentlich Mündungsfeuer. Über dem Haupttor hing ein geborstener Aquila, dessen eine Hälfte herabhing wie ein gebrochener Arm.
„Sie haben die Nacht genutzt", sagte Halbrecht.
Oberst Dreir stand neben ihm, reglos wie immer, die behandschuhten Hände auf dem Rand des Grabens. Seine Maske war frisch mit Asche gepudert. Bei anderen Männern hätte das nach Müdigkeit ausgesehen. Bei Dreir war es bloß ein weiterer Zustand des Materials.
„Ja."
„Aus Canticum hätte ich gelernt, mich wenigstens einen halben Tag ausruhen zu lassen."
„Dann wären Sie nicht hier, Kommissar."
Halbrecht senkte das Glas. „Und Sie wären nicht Oberst des Todeskorps."
Dreir reagierte nicht darauf. Er hob nur zwei Finger, woraufhin ein Voxoffizier nähertrat und ihm einen Datentafelstreifen reichte.
„Misericordia", sagte Dreir, mehr zum Streifen als zu Halbrecht. „Äußere Linien: drei. Mögliche Minentunnel unter Nordwall. Unterirdische Kasematten tiefer als Canticum. Feindliche Reststärke unklar. Sicher ist nur, dass ein Teil der Überlebenden von Canticum dorthin ausgewichen ist."
„Dann wissen sie, wie wir kämpfen."
„Ja."
„Und wir wissen, wie sie sterben."
Dreir wandte den Kopf minimal. Das war bei ihm beinahe Zustimmung.
Hinter ihnen zogen die ersten Angriffssektionen an. Männer des Todeskorps in langen Mänteln, Masken, mit Lasergewehren, Bündeln von Schneidladungen, Klappspaten, Signalstäben. Schmale Figuren in einer Welt, die Menschen längst als Verbrauchsgut begriffen hatte. Halbrecht sah sie nicht mehr als Masse. Das war vielleicht die erste Niederlage, die Vraks ihm persönlich beigebracht hatte.
Er erkannte Leutnant Varn, an der Kartenkapsel und der Art, wie er beim Gehen den Kopf leicht senkte, als wolle er den Wind abhören. Feldsanitäter Brenn ging an seiner Seite, das zerschmetterte Bein von Canticum nun in einem schweren Schienenapparat, der seinen Gang kantiger machte. Hinter ihnen kamen neue Gesichter und wenige alte: Männer, die aus dem Schutt einer Bastion hervorgezogen und direkt in den Schatten der nächsten gestellt worden waren.
Wachtmeister Kessel fehlte.
Halbrecht suchte einen Augenblick länger, obwohl er wusste, dass es töricht war. Kessel lag in einer Chirurgiestation zwei Grabenlinien zurück und lernte dort, wie man mit einem Metallbein stand, bevor man mit ihm wieder in den Krieg ging. Auf Vraks war das bereits eine Form von Schonung.
„Varn führt den ersten Stoß?", fragte Halbrecht.
„Ja", sagte Dreir. „Er kennt nun das Verhältnis zwischen Mut und Verbrauch besser als vor Canticum."
„Das klingt beinahe wie ein Lob."
„Es ist eine Feststellung."
Halbrecht hob das Feldglas erneut. Über Misericordia hing kein Rauch aus dem Herzwerk, keine seuchenhafte Ausdünstung wie in Canticum. Stattdessen stieg aus mehreren Schloten ein blasser, trockener Dampf. Zu sauber. Zu geordnet.
„Was, glauben Sie, ist dort unten?"
„Etwas, das den Feind zu lange hat halten lassen", sagte Dreir. „Mehr ist unnötig."
Auf Vraks war das immer die eigentliche Antwort.
II. Vorwärts nach Pfeife
Leutnant Varn hatte in der Nacht eine Stunde Schlaf bekommen.
Er wusste das nur, weil Brenn es ihm gesagt hatte. Er selbst erinnerte sich bloß daran, an einer Grabenwand gesessen zu haben, den Helm im Schoß, den Rücken gegen Sandsäcke, und dann plötzlich wieder aufzustehen, als ein Horn zum Sammeln rief. Dazwischen musste etwas gelegen haben, das andere Menschen Erholung nannten.
Misericordia lag nun vor ihm, flach und schwarz im fahlen Morgenlicht, als seine Sturmsektion die Bereitstellungsrinne erreichte.
„Filter prüfen", sagte Brenn.
Niemand antwortete. Hände gingen an Riemen, Verschlüsse, Maskenkanten. Ein kurzes, routiniertes Abtasten von Gummi, Leder, Metall. Das Geräusch war leiser als Gebet.
Varn stellte sich auf eine der Munitionskisten am Grabenrand und sah über die Köpfe seiner Leute. Es waren weniger, als er vor Canticum kommandiert hatte. Mehr, als er befürchtet hatte. Krieg war großzügig in beidem.
„Ziel ist die äußere Ringlinie", sagte er. „Artillerie öffnet uns das Nordfeld. Pioniere markieren den Draht. Zweiter Zug folgt uns im Abstand von vierzig Schritten. Wenn wir liegenbleiben, steigen sie über uns. Also bleiben wir nicht liegen."
Ein paar Linsenaugen richteten sich zu ihm auf. Nicht erwartungsvoll. Nur aufnehmend.
„Im Hauptwerk vermuten die Auswerter Munitionsmagazine und tiefe Kasematten. Möglich sind auch Schienentunnel für Gegenstöße oder Versorgung. Wenn ihr etwas findet, das nach einem Eingang aussieht, meldet ihr es. Wenn ihr etwas findet, das nach einem Schrein aussieht, meldet ihr es schneller."
Das war der einzige Rest von Humor, der sich auf Vraks noch in ein Briefing retten ließ. Niemand lachte. Aber Brenns Blick blieb einen Herzschlag länger auf ihm. Das genügte.
„Vorwärts nach Pfeife. Halten nach Leuchtfackel. Rückzug nur auf Befehl."
Er wollte noch mehr sagen. Etwas über Canticum. Über die, die gefallen waren. Über Kessel. Über die Tatsache, dass man zwischen zwei Bastionen manchmal gerade genug Zeit bekam, um die Namen auf den Verluststreifen trocknen zu lassen, bevor neue dazukamen.
Stattdessen sagte er nur: „Für den Imperator."
Das Horn klang.
Vor ihnen setzte das Sperrfeuer ein.
Diesmal waren es keine vierhundert Rohre wie bei Canticum. Nur genug, um ein Stück Welt unbewohnbar zu machen. Basilisken und Mörser warfen ihre Ladungen auf das Vorfeld von Misericordia. Trichter platzten auf. Drahtgürtel sprangen in Fetzen. Ein Maschinengewehrnest verschwand in einer Wolke aus Beton, Erde und Menschenresten. Das Donnern rollte durch den Schlamm, ließ Wasser in den Stiefeln zittern und schob den Gestank von Promethium und aufgewühltem Untergrund in die Masken.
„Los!"
Varn stieg aus dem Graben.
Die erste Strecke verlief fast geordnet. Das Wandersperrfeuer kroch vor ihnen her. Männer liefen in Linien, sprangen über erste Trichter, glitten an umgestürzten Pfählen vorbei. Ein Gardist fiel links von Varn, stolperte mit einem Loch in der Brust noch drei Schritte weiter und brach dann um, ohne die Formation zu stören.
Dreißig Meter. Fünfzig. Achtzig.
Dann begann Misericordia zurückzuschießen.
Autokanonen ratterten aus dem linken Wallbogen. Schweres Laserfeuer zuckte aus einer halb eingegrabenen Kasematte. Irgendwo auf dem Nordgrat bellte ein Mörser, dessen Schüsse zu kurz fielen und den eigenen Vorraum mit Splittern rasieren mussten. Varn sah zwei Männer des ersten Zuges im selben Augenblick fallen, einer mit abgerissener Schulter, einer mit etwas, das früher ein Kopf gewesen war.
„Rechts halten!", rief er.
Die Linie bog leicht ab, folgte einer Reihe alter Trichter, die gerade tief genug waren, um Bewegung darin zu verschlucken. Brenn lief hinter ihm, den Sanitäterkasten am Gurt, als trüge er einen kleinen Schrein aus Blech.
„Draht!", kam der Ruf von vorn.
Pioniere warfen sich in den Schlamm. Schneidladungen flogen. Ein kurzes Zittern, dann riss ein Abschnitt des äußeren Drahtgürtels auf. Varn stürmte durch die Lücke, trat auf etwas Weiches, das im Morast verborgen lag, und sah erst beim zweiten Schritt, dass es die Hälfte eines Mannes war.
III. Die Wand aus Kennmarken
Die erste Ringlinie von Misericordia bestand aus einem niedrigen, zähen Schützengraben mit Betonverstärkungen. Verräterische Milizionäre lagen darin, manche tot, manche noch lebend genug, um zu feuern. Varn schoss einen in die Brust, sprang in den Graben und landete zwischen einer Kiste blindgeladener Zellen und einem knienden Schützen, dessen Maske mit frommen Zeichen bemalt war. Der Mann hob das Bajonett. Varn rammte ihm den Gewehrschaft ins Gesicht, bis der Widerstand aufhörte.
Neben ihm kletterte Brenn hinunter und zog sofort einen Verwundeten an die Grabenwand.
„Lassen", sagte Varn.
„Er schießt noch."
Das war Brenns Maßstab. Solange einer noch schießen konnte, war er es wert, verbunden zu werden.
Varn nickte nur und sah über den Grabenrand.
Jenseits der ersten Linie stieg Misericordia erst richtig an. Ein zweiter Wall, steiler und mit Kasemattenschächten versehen. Dahinter die eigentliche Bastion, in deren Mitte der alte Kathedralenkörper stand. Zwischen erstem und zweitem Ring lag kein offenes Feld, sondern ein Trümmergarten aus aufgeworfenen Erdwällen, zerstörten Munitionskarren und eingestürzten Laufstegen. Eine Todeszone aus Deckung und Sichtbehinderung zugleich.
„Weiter!", rief er.
Der zweite Übergang kostete ihn vier Männer.
Einen holte ein Scharfschütze aus einem Schartenfenster. Zwei verschwanden, als eine versteckte Mine den Boden unter ihnen aufklappte. Der vierte wurde von einem schweren Stubber quer durch den Leib geschnitten und blieb mit offenen Händen im Stacheldraht hängen, als wolle er den Himmel aufhalten.
Varn dachte nur noch in Entfernungen.
Zehn Meter bis zum Trichter. Fünf bis zum eingestürzten Karren. Zwölf bis zur Traverse. Drei Schüsse übrig in der aktuellen Zelle. Dann nachladen.
Als sie den zweiten Ring erreichten, war es kein Sturm mehr. Nur noch Nahkampf.
Ein Milizionär sprang aus einer Nische, halb wahnsinnig, mit einem geschwärzten Aquila um den Hals und einem Flammenwerfer in den Händen. Varn schoss ihn nieder, doch der Mann fiel nach vorn und drückte im Sterben den Abzug. Promethium fächerte in den Graben, traf zwei Gardisten an Rücken und Armen und hüllte sie in laufendes Feuer. Einer rannte noch drei Schritte, ehe er gegen die Wand prallte und zu brennen aufhörte.
Brenn trat an ihnen vorbei, ohne hinzusehen.
„Zu spät", sagte er, als sei das ein Befund und keine Klage.
Im nächsten Knick erstarrte Varn.
An der Grabenwand waren mit Nägeln und Draht Namensschilder befestigt. Hunderte. Imperiale Kennmarken. Regiment, Nummer, manchmal Herkunftswelt. Darunter lagen Schädel in ordentlichen Reihen auf Sandsäcken, als habe jemand hier ein Archiv der Gefallenen eingerichtet. Manche trugen noch Teile ihrer Masken, manche die Kinnriemen, manche nichts mehr.
„Thron...", murmelte einer seiner Leute.
Brenn trat näher, sah kurz darüber und sagte: „Nicht anfassen."
„Warum?"
„Weil sie wollen, dass wir stehenbleiben."
Das war das Schreckliche: Er hatte recht.
Varn zwang sich weiter. Die Schädel blickten ihnen nicht nach. Und doch hatte er den Eindruck, dass der ganze Graben aus Erinnerung bestand, die sich gegen die Lebenden richtete.
IV. Der Nordschacht
Hinter der nächsten Traverse fand er den Eingang zum inneren Versorgungsschacht.
Er lag halb unter einer umgestürzten Heiligenstatue begraben, breit genug für zwei Männer nebeneinander. Aus der Finsternis darunter kam kein Beschuss. Nur ein Luftzug. Trocken. Kalt. Und alt.
Varn gab das Zeichen ins Vox.
„Nordschacht gefunden. Tiefer Zugang ins Hauptwerk. Möglicher Einbruchspunkt."
Die Antwort kam nicht von Dreir.
„Verstanden", sagte eine schmale, kalte Stimme. „Halten Sie den Zugang."
Varn kannte sie.
Hauptmann Phocion.
Er sah nach oben. Über den zerfurchten Himmel fielen schwarze Punkte aus der Asche.
Landekapseln.
Sie schlugen hinter dem zweiten Ring ein, eine nach der anderen, wie urteilende Hämmer. Graue Gestalten stiegen aus den aufgesprungenen Ceramitblüten und begannen sofort zu feuern. Bolterbellen rollte über die Grabenlinien, tief, präzise, unerquicklich. Verräterische Feuerpunkte auf dem oberen Wall erloschen nacheinander. Ein Melterschlag brannte eine ganze Scharte zu weißem Glas.
Die Red Scorpions waren zurück.
Neben den Landekapseln stieg auch der Contemptor-Dreadnought aus dem Rauch. Sein Schritt war langsamer als der eines Menschen, aber endgültiger. Varn fühlte einen kurzen, unerklärlichen Stich von Erleichterung, als er das schwere Chassis durch die Staubwand brechen sah.
„Zugang halten!", rief er.
Seine Restsektion sicherte den Schacht, während die Red Scorpions sich durch den zweiten Ring fraßen. Phocion selbst kam wenige Minuten später über den Wall gestiegen, das Kraftschwert bereits gezogen, die graue Rüstung nun von neuem Ruß überzogen. Er blickte einmal auf den Schachteingang, einmal auf die Schädel an der Grabenwand.
„Trophäen."
„Oder Warnung", sagte Varn.
„Beides."
Der Astartes wandte sich dem Schacht zu. Zwei seiner Brüder traten vor, Auspexgeräte in den Händen.
„Tiefe?", fragte Phocion.
„Unbekannt", sagte Varn. „Luftzug von unten. Kein hörbares Maschinenwerk. Keine Stimmen."
„Dann verbirgt man dort etwas, das nicht gehört werden soll."
Brenn trat zu ihnen, den Sanitäterkasten immer noch geschlossen. „Wenn der Zugang alt ist, können dort Gase stehen. Oder Krankheit."
Phocion sah ihn an. „Dann sterben wir sauberer als oben."
Brenn nickte. Er schien das als ausreichend praktischen Gedanken zu akzeptieren.
Sie stiegen hinab.
V. Munitionsbahn oder Leichentransport
Der Schacht führte tiefer als jeder Zugang in Canticum.
Zuerst kamen Versorgungsgänge aus Beton, mit Schienen in der Mitte und rostigen Karren an den Wänden. Dann wurden die Bögen älter, schmaler, massiver. Stein statt Beton. Eingelassene Heiligennischen, aus denen die Heiligenköpfe herausgeschlagen waren. Irgendwo tropfte Wasser. Oder etwas, das ähnlich klang.
Varn ging hinter Phocion. Brenn hinter ihm. Die übrigen Gardisten bildeten den hinteren Sicherungsring, während die Red Scorpions nach vorn und zu den Seiten abdeckten. Der Dreadnought passte kaum in die alten Gänge. Wo die Decke zu niedrig war, schliff Ceramit an Stein und ließ Funken fallen.
„Munitionsbahn", sagte Brenn leise und deutete auf die Schienen. „Oder Leichentransport."
„Woran erkennen Sie den Unterschied?"
„Am Geruch."
Varn roch nur Staub, kaltes Metall und etwas Moderndes, das nicht stark genug war, um den ganzen Schacht zu füllen. Also vermutlich beides.
Sie erreichten eine Querkammer mit mehreren Türen. Zwei waren verschlossen. Eine stand offen. Hinter ihr lag ein Raum voller Regale. Nicht mit Munition. Mit beschrifteten Knochenkisten.
Brenn ging zu einer, öffnete den Deckel, sah hinein und schloss sie wieder.
„Kinder."
Niemand sagte etwas.
Phocion blieb nicht einmal stehen. Er wandte nur den Kopf einen Winkel weit, als nähme er die Information in eine Liste auf, die mit Sieg oder Niederlage nichts zu tun hatte. Dann ging er weiter.
Die eigentliche Tiefe begann hinter einer Bronzetür, die aus einem anderen Zeitalter zu stammen schien. Darauf waren Szenen des Martyriums gehämmert, doch über vielen Gesichtern lagen Kerbschnitte, als habe jemand sie systematisch entstellt. Die Tür stand einen Spalt offen.
„Kontaktzeichen", sagte einer der Red Scorpions.
An der Unterkante klebte Blut. Frisch genug, um noch nicht ganz dunkel zu sein.
Phocion trat vor. „Öffnen."
Die Tür wurde aufgestoßen.
VI. Die Begräbnishalle
Dahinter lag ein Raum, der einst eine Begräbnishalle gewesen sein musste. Lang, niedrig, voller Steinsärge, die in Wandnischen geschoben waren. Zwischen ihnen hingen Kettenlampen. Ihr Licht war schwach und gelb. Es reichte aus, um die toten Gesichter auf den Sarkophagdeckeln sichtbar zu machen.
In der Mitte des Raums knieten Männer der Tyrant's Legion.
Nicht viele. Vielleicht zwanzig. Die Waffen lagen vor ihnen. Ihre Hände ruhten auf den Schenkeln. Die Masken waren abgenommen. Staubige, ausgezehrte Gesichter, die zur gegenüberliegenden Wand blickten, wo ein einziges großes Relief stand: der Imperator auf dem Thron.
Alle Augen waren offen. Keiner lebte.
Varn erkannte es zu spät. Nicht, weil er dumm war. Weil der Anblick zu ruhig war.
„Runter!"
Brenn schrie es.
Im selben Moment platzten Ladungen aus den Steinsärgen links und rechts. Splitter peitschten den Raum entlang. Ein Gardist hinter Varn fiel ohne Laut. Ein Red Scorpion bekam den Schlag an die Schulter und wurde gegen eine Nische gerissen. Steinbarben schossen durch die Luft wie Wespenschwärme.
Aus den hinteren Nischen brach dann Beschuss los.
Die Toten am Boden waren Köder gewesen. Hinter den Sarkophagreihen lauerten die Lebenden.
Varn warf sich hinter einen umgestürzten Deckel. Laserfeuer zischte an ihm vorbei. Brenn lag links, die Schulter offen, aber noch schießend. Phocion ging nicht in Deckung. Er stürmte durch die Mitte der Halle, als gehöre ihm der Raum bereits, und sein Schwert schnitt das erste Mündungsfeuer entzwei, bevor Varn den Mann dahinter richtig gesehen hatte.
Die Red Scorpions folgten in enger Linie. Ein Kettenschwert kreischte. Ein Melterschlag schmolz zwei Nischen mitsamt Verteidigern in dieselbe Wand. Aus den oberen Bogengängen warfen Verräter Brandflaschen und Handgranaten herab.
Und dann hob sich am Ende der Begräbnishalle ein Sarkophag.
Nicht irgendeiner. Der größte. Ein monumentaler Grabbehälter aus schwarzem Stein, in dessen Deckel ein Bischof oder Gouverneur in Relief gemeißelt war. Er kippte langsam nach vorn, als sei der Tote darin aufgestanden.
Dahinter stand ein Dreadnought.
Aber nicht wie jener, der mit ihnen gekommen war. Dieses Chassis war alt, breiter, verwachsen mit Ketten, Heiligensiegeln und faulenden Tüchern. Aus Ritzen in der Panzerung hing Fleisch. Die Energieklaue am rechten Arm war mit Knochen behängt. Links hing ein Autokanonenlauf, dessen Mündung mit Gebetsbändern vernäht war.
Die Stimme, die aus dem Lautsprecher kam, war ein nasses Krächzen.
„Misericordia... bleibt."
Varn schoss instinktiv. Der Strahl verglühte auf dem Brustpanzer.
Der verräterische Dreadnought hob die Autokanone und eröffnete das Feuer.
Stein explodierte. Ein ganzer Abschnitt Sarkophagnischen zerbrach. Brenn wurde unter Splittern begraben, tauchte hustend wieder auf und kroch weiter. Zwei Gardisten verschwanden in roter Gischt. Der mit ihnen gekommene Contemptor reagierte sofort. Sein Sturmkanonenlauf begann zu rotieren, und die Begräbnishalle wurde von zwei uralten Maschinen mit Feuer gefüllt.
Das war kein Duell der Helden. Es war ein Zusammenstoß von Metall, Masse und Vergangenheit. Der loyalistische Dreadnought ging Schritt um Schritt vor, der verräterische stand zwischen den Gräbern und schoss, als wolle er nicht siegen, sondern nur alles mitnehmen.
„Flanke!", schrie Varn.
Phocion hatte denselben Gedanken bereits vollzogen. Während die Dreadnoughts den Raum zerschlugen, führte er zwei Brüder rechts an den Sarkophagreihen vorbei. Varn sammelte, was von seiner Sektion noch stand, und ging links herum.
Sie stürmten zwischen Grabnischen durch, sprangen über Steintrümmer und Tote, duckten sich unter herabfallenden Kettenlampen. Varn kam bis an die Seite des Verräter-Dreadnoughts, kaum zehn Meter entfernt. Erst dort sah er, was in seine Panzerung geritzt war: alte Gebete, imperiale Siegel, Namen. Hundertfach. Übermalt, verkrustet, entstellt.
Brenn hatte doch recht gehabt. Es war ein Leichentransport. Eine ganze Bastion aus den Toten gebaut.
„Sprengladung!"
Der letzte Pionier seiner Gruppe, ein stiller Mann namens Sere, warf ihm das Paket zu. Varn fing es, zog den Zünder und rannte los. Der verräterische Dreadnought drehte sich halb. Die Energieklaue fuhr aus. Varn warf sich unter ihren Schlag, spürte die Druckwelle an Rücken und Helm und schlug die Ladung gegen das linke Kniegelenk des Chassis.
Dann rannte er nicht weg. Dafür war keine Zeit.
Etwas traf den Verräter gleichzeitig von der anderen Seite. Phocion. Die Energieklinge bohrte sich in den Schulterspalt. Der loyalistische Contemptor schlug frontal mit der Faust zu.
Varn warf sich nur noch zur Seite.
Die Sprengladung detonierte.
Das Kniegelenk brach auf. Schwarzes Öl, Fleisch und Mechanik quollen heraus. Der verräterische Dreadnought kippte halb, riss dabei zwei Sarkophagreihen nieder und schlug noch mit der Klaue um sich. Seine Autokanone spie eine letzte Salve in die Decke. Stein brach.
Der Contemptor des Red-Scorpions-Stoßtrupps trat durch den Staub, packte den gestürzten Gegner an der Schädelplatte und rammte ihm den Melterlauf direkt in den Brustsarkophag.
Weißes Licht füllte die Halle.
Als Varn wieder sah, war nur noch ein ausgebranntes Wrack zwischen den zerbrochenen Gräbern übrig.
Die restlichen Verteidiger brachen zusammen. Einige flohen tiefer in die Anlage. Andere warfen die Waffen weg. Die Red Scorpions töteten die Fliehenden. Das Todeskorps sicherte die Hallen und erschoss die, die noch zu schießen versuchten. Misericordia verteidigte sich bis zuletzt mit toten Dingen.
Und doch war das nicht das Ende.
VII. Ein Vorratshaus, keine Grabstätte
Hinter der Begräbnishalle fanden sie den eigentlichen Kern.
Es war kein Schrein wie unter Canticum. Kein fauliges Wunderbecken. Kein Kultchor. Nur eine riesige Zentralgruft, in der tausende Kennmarken von der Decke hingen, an Drähten, in Reihen, wie metallischer Regen. Darunter arbeiteten Servitoren an Tischen, sortierten Knochen, säuberten Schädel, schrieben Nummern in Bücher. In der Mitte stand ein großer Kognitor aus Schwarzeisen, in den Zahnscheiben und Pergamentrollen eingelassen waren.
„Sie archivieren sie", sagte Brenn.
Er hatte Blut im Rebreather. Varn hörte es bei jedem Atemzug.
Auf dem Kognitor lief noch eine Liste. Regiment. Nummer. Fundort. Zustand. Verwertbarkeit.
Phocion trat an das Gerät, betrachtete die Reihen und schwieg.
Halbrecht hätte in diesem Augenblick vermutlich eine Rede gehalten. Über Schändung, über Unmenschlichkeit, über das, was Verrat mit den Toten macht. Dreir hätte vermutlich nur die nächsten Koordinaten verlangt. Varn stand da und dachte an Brenn, der Namen aufschrieb, damit sie gezählt waren.
Hier unten hatte der Feind genau das Gleiche getan.
Nur aus einem anderen Glauben heraus.
„Sprengen?", fragte Varn.
Brenn sah zu den Reihen aus Kennmarken hoch. „Wenn wir sprengen, verschwinden sie wieder."
Phocion wandte sich um. „Das ist keine Grabstätte. Es ist ein Vorratshaus."
„Trotzdem sind es ihre Namen", sagte Brenn.
Ein langer Augenblick verstrich.
Dann sagte Phocion: „Nehmt die Bücher. Zerstört den Rest."
Es war das Nächste, was ein Red Scorpion je zu Mitleid sagen würde.
Sie schafften, was sie konnten. Brenn und zwei Gardisten rissen Register aus den Halterungen. Varn zog Kästen mit Marken von den Haken. Die Red Scorpions setzten Melterladungen an den Kognitor und die Servitorengestelle. Als sie den Raum verließen, hing noch immer der metallische Regen von tausend Toten über ihnen.
Die Sprengung hinterließ von Misericordias Kern nur geschmolzene Rippen.
Am Abend war die Bastion gefallen.
VIII. Namen, für danach
Nicht mit einem großen Einsturz wie Canticum. Misericordia starb langsamer. Wall um Wall. Kasematte um Kasematte. Bis nur noch vereinzelter Widerstand aus Nebengängen kam, den Flammenwerfer und Sprengtrupps tilgten. Als die Dunkelheit hereinbrach, wehte bereits wieder der zerrissene Aquila des Imperiums über dem Haupttor.
Halbrecht stand im inneren Hof zwischen Munitionskarren und notdürftig aufgestellten Lazaretttragen. Überall lagen Verwundete. Tote lagen schon geordnet. Lebende wurden noch geordnet. Auf Vraks war auch das eine Frage der Verwaltung.
Varn trat zu ihm, den linken Ärmel geschwärzt, die Maske voller feiner Steinspuren. Brenn kam hinter ihm, blasser als noch am Morgen, aber gehfähig.
„Misericordia ist genommen", sagte Varn.
„Ja", sagte Halbrecht. „Das habe sogar ich bemerkt."
Er versuchte ein Lächeln. Es misslang knapp.
„Und darunter?"
Varn sah zu Brenn.
Der Sanitäter zog zwei Registerbücher aus einer Ölplane und reichte sie dem Kommissar. „Totenerfassung. Beutebücher. Regimenter aller möglichen Fronten. Wahrscheinlich Monate, vielleicht Jahre."
Halbrecht nahm die Bücher vorsichtig, als seien sie fragiler als die Verwundeten um ihn herum.
„Sie haben sie mitgenommen?"
„So viele wir konnten", sagte Brenn.
„Warum?"
Brenn sah ihn an, als sei die Frage nicht schwierig, nur unnötig. „Damit sie wieder gezählt sind."
Halbrecht nickte langsam.
In der Ferne marschierten die Red Scorpions bereits ab. Graue Gestalten, die aus einer Schlacht kamen, als hätten sie einen Befehl abgeheftet. Hauptmann Phocion ging an der Spitze. Der Contemptor folgte zuletzt.
Als er auf Höhe von Varn und Brenn kam, blieb der Dreadnought diesmal nicht stehen. Der Lautsprecher knackte nur kurz.
„Misericordia gebrochen."
Mehr nicht.
Varn sah dem gewaltigen Rücken nach, bis er im Rauch verschwand.
„Das ist diesmal noch weniger als eine Medaille", sagte Brenn.
Varn atmete einmal heiser aus. Vielleicht ein Lachen. Vielleicht nur Erschöpfung.
Oberst Dreir trat auf die Stufen des inneren Torhauses und verlas die erste Bilanz des Tages. Verlustzahlen. Munition. Verwundete nach Priorität. Neuverteilung der Züge. Zwei Bastionen in zwei Tagen. Nächstes Ziel in Vorbereitung.
Kein Jubel. Kein Innehalten. Nur der nächste Eintrag.
Als er geendet hatte, kam er zu Halbrecht.
„Marschbereitschaft bei Vorlicht", sagte er.
„Natürlich."
Dreir blickte auf die Bücher in Halbrechts Arm. „Was ist das?"
„Namen", sagte Halbrecht.
Dreir sah ihn an. Dann die Register. Dann Brenn.
„Nützlich?"
Halbrecht dachte an die Schädelwand. An die Kennmarken im Regen. An Brenns ruhige Stimme.
„Ja", sagte er schließlich. „Nicht für den Angriff. Für danach."
Dreir schwieg lange genug, dass Halbrecht beinahe geglaubt hätte, die Antwort sei verloren gegangen. Dann nickte der Oberst.
„Dann sichern lassen."
Es war ein kleines Zugeständnis. Vielleicht das Einzige, das dieser Planet noch hervorbringen konnte.
Später, als über Misericordia nur noch Notlichter, Schweißgeruch und fernes Artillerieflackern lagen, saß Varn auf einer Kiste im Innenhof und sah Brenn beim Schreiben zu. Wieder Namen. Wieder Kennungen. Wieder dieser langsame, saubere Strich, als könne man mit Tinte den Krieg wenigstens in Zeilen zwingen, wenn schon nicht in Ordnung.
„Du hast die Bücher gerettet", sagte Varn.
„Ja."
„Weshalb wirklich?"
Brenn hielt kurz inne. Das Papier knisterte unter seiner Handschuhkante.
„Weil der Feind sich Mühe gegeben hat, sich falsch an sie zu erinnern."
Varn sagte nichts dazu.
Über ihnen hing der zerrissene Aquila von Misericordia. Der Wind zog daran. Die Fahne bewegte sich kaum. Unter den Stufen des Hauptwerks fuhren Totentrupps bereits die nächsten Reihen aus den Tunneln.
Der Krieg auf Vraks ging weiter, mit derselben Beharrlichkeit wie die Männer, die ihn führten. Bastion um Bastion. Name um Name. Verbrauch um Verbrauch.
Doch in dieser Nacht, zwischen zwei Angriffen, lagen in Halbrechts Quartier zwei schmutzige Registerbücher aus dem Bauch einer ketzerischen Festung, und irgendwo darin standen die Toten wieder auf der richtigen Seite der Rechnung.
Das war kein Sieg.
Aber es war mehr als nichts.
Und auf Vraks war selbst das etwas, das man festhalten musste, bevor es im Staub verschwand.
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