Unter der Asche von Vraks

Eine Geschichte des Todeskorps von Krieg

Astra Militarum (Todeskorps von Krieg)

Teil 1 von 3 · 42 Min. Lesezeit

„Vraks lernt erst noch, was genug bedeutet.“

Oberst Dreir, 19. Belagerungsregiment des Todeskorps von Krieg

I. Vierhundertsechsunddreißig Rohre

Der Himmel über Vraks war kein Himmel mehr.

Er war eine Decke aus Asche, Öldunst und altem Feuer, in der das Licht starb, noch ehe es den Boden berührte. Selbst die Sterne schienen diesen Ort gemieden zu haben. Wo andere Welten unter Sonne, Mond oder dem kalten Glanz ferner Himmel lebten, existierte Vraks nur noch unter dem wiederkehrenden Blitz der Artillerie. Jeder Einschlag malte für den Bruchteil eines Herzschlags das Land in harten Weißtönen aus: Gräben, Stacheldraht, umgeworfene Transporter, Reihen halb begrabener Leichen, die im Staub des Todes dieselbe Farbe angenommen hatten wie die Erde.

Kommissar Halbrecht stand auf dem Absatz eines zerschlagenen Kommandostollens und sah hinaus in das Niemandsland.

Vor ihm lag die neunte Vorfeldlinie des Todeskorps von Krieg, ein geometrisches Wunder aus Schützengräben, Munitionsnischen, Verstrebungen aus Plaststahl und Schmutz. Nichts daran war schön. Alles daran war funktional. Es war eine Maschine aus Erde, und in ihr bewegten sich Männer wie Zahnräder: gesichtslose Silhouetten in schlammgrauen Mänteln, mit ihren Rundhelmen, den Atemmasken, den toten, runden Linsenaugen. Wenn sie sprachen, klangen sie durch die Rebreather wie Geister aus Metall.

Halbrecht hatte schon viele Regimenter gesehen. Cadianer, Vostroyaner, Stahllegionäre von Armageddon. Alle hatten sie etwas Menschliches behalten, selbst im Schlamm und in der Hölle. Ein Lachen. Einen Fluch. Einen Glücksbringer an der Waffe. Ein Foto im Brustharnisch.

Die Männer von Krieg trugen nichts außer Pflicht.

Ein dumpfer Schlag ging durch die Erde. Dann noch einer. Dann wurden es so viele, dass der Boden unter seinen Stiefeln zu zittern begann wie die Haut eines sterbenden Tieres.

„Beginn des Sperrfeuers", sagte eine Stimme neben ihm.

Halbrecht drehte sich um. Oberst Dreir stand da, reglos wie ein Denkmal. Die Uniform des Regimentskommandeurs unterschied sich von der seiner Soldaten kaum. Nur der Mantel war schwerer, der Brustpanzer mit Schrammen übersät, und auf der Schulter lag ein Mantelkragen aus Staub, der aussah wie zementierte Leichenasche. Die Linsen seiner Maske waren schwarz.

„Bastion Canticum?", fragte Halbrecht.

Dreir nickte. „Vierhundertsechsunddreißig Rohre. Drei Phasen. Erst Tiefenschlag. Dann Zerschlagung der Wallkrone. Dann Wandersperrfeuer vor unseren Angriffskompanien."

Er sprach es herunter wie ein Gebet.

Vor ihnen begann die Welt aufzubrechen.

Hinter den Linien des Todeskorps standen Batterien in kilometerlangen Reihen: Erdbebenmörser, Medusen, Basilisken, schwerfällige Belagerungsgeschütze, deren Läufe sich unter dem Rückstoß warfen wie Hälse uralter Tiere. Das Donnern wurde zu einer einzigen, alles verschlingenden Stimme. In der Ferne verschwand die Bastion Canticum hinter pilzenden Wolken aus Staub, Stein und Fleisch.

Halbrecht hatte die Zielpläne gesehen. Canticum war eine ketzerische Redoute, eine riesige Betonfestung mit unterirdischen Magazinen, Bunkerkammern und einer verborgenen Kapelle des Seuchenfürsten tief in ihrem Leib. Seit acht Monaten blockierte sie den Vormarsch der Belagerungsregimenter. Drei Frontalangriffe waren im Draht und im Feuer ihrer Makrobatterien verendet. Ein ganzer Grabenabschnitt war in fauligem Gas erstickt, als die Verräter eine Wolke chemischer Pest durch die Sturmstollen gepumpt hatten.

Heute sollte Canticum fallen.

Oder die Männer von Krieg sollten in ausreichender Zahl vor ihr sterben, um die Gleichung für morgen zu verbessern.

Halbrecht hasste es, wie leicht ihm dieser Gedanke inzwischen kam.

„Die Sturmkompanien?", fragte er.

Dreir hob eine behandschuhte Hand und deutete nach links, wo aus den Grabenöffnungen Gestalten aufstiegen. Sie kletterten Leitern hinauf, überprüften Bajonette, rückten Ladetaschen, hoben ihre Lasergewehre. Keine Stimmen. Kein Geschrei. Keine Aufmunterung. Nur Marschbereitschaft.

An ihrer Spitze ging Leutnant Varn.

Halbrecht kannte Varn besser als die meisten anderen im Regiment, wenn man auf Vraks überhaupt behaupten konnte, jemanden zu kennen. Varn war jung, soweit man das hinter Maske und Staub beurteilen konnte. Seine Bewegungen hatten noch nicht die völlige Sparsamkeit alter Krieg-Offiziere angenommen. Er trug eine Kartenkapsel über der Brust, eine Signalpistole am Gürtel und einen Klappspaten auf dem Rücken, als sei auch ein Leutnant jederzeit nur ein weiterer Mann im Dreck. Neben ihm marschierte Wachtmeister Kessel, der die Angriffssektion der Pioniere führte: Männer mit Sprengsätzen, Flammenwerfern und den schweren Schilden der Sturmtrupps.

„Varn nimmt die linke Bresche", sagte Dreir. „Kessel geht darunter. Sein Auftrag ist die innere Pforte."

„Und wenn die innere Pforte nicht mehr existiert?"

„Dann wird er etwas finden, das gesprengt werden kann."

Halbrecht hätte beinahe gelacht. Stattdessen zog er nur den Mantel enger, als der Wind einen Schwung staubiger Kälte aus den Trichtern herauftrieb.

Ein weiterer Offizier trat aus dem Stollen. Major Serev, Artilleriekoordinator, mager wie Draht, eine Rechenschiefertafel unter dem Arm. Er grüßte knapp.

„Bestätigung aus der Auswertung", sagte er. „Die Wallkrone bricht an sieben Punkten auf. Sekundäre Detonationen im Nordmagazin. Feindliche Gegenbatterie um dreiundvierzig Prozent reduziert."

„Nur dreiundvierzig?", fragte Halbrecht.

Serev sah ihn an, als sei der Rest der Frage unnötig. „Genug, um vorzurücken."

Das war die Sprache von Krieg. Nicht Sieg. Nicht Hoffnung. Genug.

Ein Messinghorn rief irgendwo in der Linie. Varn hob die Faust. Hunderte Männer hielten einen Herzschlag inne, während über ihren Köpfen das Wandersperrfeuer nach vorn kroch wie eine brennende Tür aus Erde und Stahl.

Dann stiegen sie aus den Gräben.

Sie taten es ohne Hast. Ohne Drama. In Reihen. Jeder Schritt im gleichen Abstand. Als marschierten sie über einen Exerzierplatz statt durch den zerschossenen Leib einer toten Welt.

Halbrecht sah ihnen nach, bis Staub und Feuer sie verschluckten.

„Sie vertrauen Ihnen", sagte er, ohne ganz zu wissen, warum.

Dreir wandte den Kopf kaum merklich. „Nein, Kommissar. Sie gehorchen."

Das war schlimmer.

II. Die linke Bresche

Varn ging in der zweiten Welle.

Die erste Welle war dafür da, den Draht zu markieren, die verborgenen Nester auszulösen, das genaue Feuer der Überlebenden zu verraten. Sie fiel in Stücken. Varn sah Körper in Mänteln stolpern, auseinanderbrechen, in Kratern verschwinden, ohne dass die Formation dahinter den Takt verlor. Das Wandersperrfeuer schlug zu kurz, dann wieder zu weit, und jedes Mal, wenn die Erde bebte, rieselte Schmutz von seinem Helm auf seine Atemmaske.

„Dritte Markierung links!", rief sein Voxmann.

„Gesehen", sagte Varn.

Er sah fast nichts. Nur Schatten im Rauch. Drahtpfähle, die aus der Erde ragten wie gebrochene Rippen. Einen Mann des Todeskorps, der ohne linken Arm weiterlief, als suche sein Körper noch nach einem Befehl, bevor er endlich zusammenfiel. Die Luft schmeckte durch den Filter nach Chemikalien, Eisen und der verbrannten Bitterkeit von Promethium.

„Vorwärts", sagte Varn, obwohl niemand stehengeblieben war.

Vor ihm ging Gardist Lho. Hinter ihm Feldsanitäter Brenn. Rechts trugen zwei Pioniere eine Sprengstange, länger als ein Mensch, in Tücher gewickelt gegen Funkenflug. Wachtmeister Kessel war nirgends zu sehen, bis Varn ihn plötzlich aus dem Rauch auftauchen sah, den Schild hoch, den Kopf gesenkt, während Laserschüsse die Metallplatte mit roten Punkten übersäten.

„Draht frei in zwanzig Metern", meldete Kessel.

„Zu langsam", sagte Varn.

„Dann sterben wir schneller."

Das war weder Ironie noch Beschwerde. Nur eine Feststellung. Bei anderen Männern hätte Varn das gehasst. Bei Kessel war es bloß die Form, in der Wahrheit zu ihm kam.

Die Bastion zeichnete sich nun aus dem Staub ab: ein grauer Zahn aus Beton, Kratern, verbogenen Verstrebungen und halb weggesprengten Zinnen. Die Mauer war an mehreren Stellen offen, aber hinter jeder Bresche lag eine weitere Linie, weitere Schießscharten, weitere Wälle. Canticum war gebaut worden, um selbst sterbend noch zu töten.

Dann antwortete die Bastion.

Schwere Maschinenkanonen erwachten. Autokanonen droschen in den Schlamm. Mörsergranaten platzten zu kurz und spuckten Splitterregen. Von den Resten der Wallkrone herab stiegen Geschosse mit grünen Fahnen auf, platzten in der Luft und ließen faulige Nebel in die Trichter sinken.

„Maskendichtigkeit prüfen!", schrie Brenn.

Varn musste den Befehl gar nicht wiederholen. Männer des Todeskorps überprüften ihre Verschlüsse im Laufen, tippten an Filter, zogen Lederriemen fest und marschierten weiter in die grüne Wolke hinein. Einer stolperte, würgte in den Rebreather und blieb kniend zurück, während zwei andere über ihn hinwegstiegen, ohne sich umzudrehen.

„Linke Bresche!", rief der Voxmann.

Varn sah sie nun klar. Ein aufgeplatzter Abschnitt der äußeren Wallkrone, in dem Ceramitplatten wie zerrissene Zähne schräg im Beton steckten. Davor lag ein Gürtel aus Draht, Minenresten und den Körpern der ersten Welle.

Er hob die Signalpistole und schoss eine weiße Leuchtfackel hoch.

Dahinter gingen die Pioniere in die Knie. Schneidladungen flogen in den Draht. Ein Augenblick Stille, dann ein harter, kurzer Knall. Metall peitschte auseinander. Varn sprang als Erster durch die Öffnung, rutschte auf Lehm und Blut aus, fing sich an einem halb zerschossenen Pfahl und landete im toten Winkel der Bresche.

Zwei seiner Männer waren mit ihm. Dann vier. Dann acht.

Der erste Verteidiger tauchte aus einer Mulde in der Mauer auf, in der fleckigen Uniform eines Vraks-Milizionärs, das Gesicht hinter einer groben Atemmaske, die Augen entzündet und fiebrig. Er hob ein Lasergewehr. Varn schoss ihm durch den Hals. Der Mann klappte um, als wäre eine Stütze weggezogen worden.

Dann brach das Nahfeuer los.

Brenn fiel sofort. Nicht tot. Nur umgerissen, als ein Splitter ihm das Knie zertrümmerte. Lho warf sich über den Sanitäter und feuerte blind in eine Scharte. Varn hörte Kugeln an Beton platzen, das wilde Kreischen eines schweren Bolters tiefer in der Bastion, das dumpfe Bellen von Flammenwerfern.

„Rein!", schrie er.

Sein Trupp stürzte in die äußere Laufgrabenlinie der Bastion. Dort roch es anders als draußen. Weniger nach Asche. Mehr nach Schimmel, Öl, Exkrementen und altem Weihrauch. Die Mauern des Grabens waren mit Sandsäcken verstärkt, viele aufgeplatzt, ihr Füllmaterial dunkel vor Feuchtigkeit. Über einer Munitionsnische hing ein vergilbtes Heiligenbild, dessen Gesicht mit braunen Fingern ausgestrichen worden war.

Ein Milizionär sprang aus einer Traverse mit aufgepflanztem Bajonett. Varn parierte mit dem Gewehrlauf, spürte den Schlag bis in die Schultern und stieß dem Mann die Pistole unter die Maske. Als er abdrückte, spritzte etwas Warmes über seine Handschuhe.

Hinter ihm warf Kessel eine Blendgranate in den nächsten Knick. Das Aufblitzen füllte den Graben mit weißer Härte. Pioniere stürmten nach, Schilde voran, Schrotladungen in den Händen.

„Rechts sichern!", rief Varn.

Niemand antwortete. Man folgte.

Sie kämpften sich Grabenstück für Grabenstück voran. Kein heroischer Lauf. Keine breite Front. Nur zehn Meter Dreck, ein Knick, zwei Tote, eine Nische, drei Schüsse, weiter. Varn verlor jedes Gefühl für Zeit. Er wusste nur noch, dass er atmete, zielte, nachlud, sprang, sich duckte und weiterging.

An einem Munitionsstand fand er Gardist Mern an die Wand gelehnt. Die Atemmaske war aufgerissen, der Filter fort, das Gesicht darunter grau und voll kleiner schwarzer Flecken. Mern hielt sein Lasergewehr noch immer im Anschlag, obwohl seine Hände schon still waren.

Varn nahm ihm die Ladetaschen ab.

Dafür war keine Litanei nötig. Krieg hatte eine praktische Frömmigkeit.

Als sie den inneren Vorgraben erreichten, kam das erste wirkliche Gegenfeuer.

Schwere Stubber deckten den Übergang. Dahinter lag die eigentliche Bastion: eine zweite Mauer, niedriger, dicker, von Brandnarben schwarz. Über der Pforte hing ein Relief des Imperators, dessen Gesicht mit Kettenschnitten verwüstet worden war. In den Nischen darüber standen Statuen von Heiligen, eingehüllt in Fäulnisnetze und schmutzige Banner des Verrats.

„Pforte intakt", sagte Kessel.

„Sprengen?"

„Nicht unter dem Feuer."

„Dann finden Sie einen anderen Weg."

Kessel nickte. Er sah nie aus, als hoffe er auf einen besseren Auftrag.

Er winkte vier Pioniere heran und verschwand mit ihnen in einer halb verschütteten Seitentreppe.

Varn blieb mit dem Rest im Vorgraben.

Die Minuten danach gehörten dem Warten unter Feuer. Ein hässlicher, schiefer Zustand zwischen Angriff und Sterben. Männer drückten sich in den Schlamm, schossen auf Scharten, warfen Fragmentgranaten in Fenster, zogen Verwundete zurück, wo es sich lohnte. Brenn lebte noch irgendwo hinter ihnen. Lho nicht mehr. Ein Treffer hatte ihm die Brust aufgerissen, während er gerade Varns letzte Ersatzenergiezelle weiterreichen wollte.

„Leutnant", sagte der Voxmann. „Meldung nach hinten?"

Varn sah die Pforte an, die Scharten, die zerfallende Heiligenstatue, den schwarzen Rauch, der aus einem oberen Riss quoll.

„Äußere Linie genommen", sagte er. „Innere Pforte unter Feuer. Pioniere arbeiten. Verluste schwer."

„Zahlen?"

Varn blickte über den Vorgraben. Manche Körper erkannte man noch. Manche nicht.

„Später", sagte er.

III. Eine Bitte, die man nicht gern stellt

Im Kommandostollen wartete Halbrecht auf Antworten, die zu langsam kamen und doch immer dieselbe Form hatten.

Vorfeldlinie erreicht. Linke Bresche offen. Rechte Bresche verloren. Pioniere im inneren Bereich. Gasstörung in Sturmstollen Fünf. Munitionsnachschub verzögert. Feldprediger tot. Artillerieeffekt zufriedenstellend.

Er saß an einem groben Feldtisch aus Kistenholz, auf dem Karten, Sprechschädel und Schadenslisten lagen. Über ihm rieselte bei jedem Einschlag Staub von der Decke. Ein Haken hielt eine tote Lampe, die dennoch hin und her schwang, als zögere sie, ob sie noch Teil der Welt sei.

Oberst Dreir stand am Voxgerät und hörte ohne Regung zu.

„Die rechte Bresche?", fragte Halbrecht.

„Verloren", sagte Dreir.

„Und Sie sagen das so?"

„Sie ist noch im Bereich der Wiederverwendung."

Halbrecht stieß Luft durch die Zähne aus. „Bei allen Thronwelten, Oberst, sind Ihre Leute irgendwann einmal Menschen gewesen?"

Dreir schwieg so lange, dass Halbrecht glaubte, er würde nicht antworten.

Dann sagte er: „Ja."

Mehr nicht.

Ein neuer Offizier trat ein. Artillerie-Major Serev, diesmal blutverschmiert am Ärmel.

„Gegenstoß aus dem Nordwerk", sagte er. „Nicht nur Miliz. Auspex zeigt schwere Panzerung im inneren Hof. Astartes-Biometrien unbestimmt."

Dreir nahm die Meldung auf, als würde er ein Gewicht in der Hand wenden. „Death Guard?"

„Möglich."

Halbrecht sah auf. „Bestätigt?"

„Nein."

„Dann sagen Sie nicht Death Guard."

Serev nickte, aber nur aus Formalität. Auf Vraks mussten manche Namen nicht ausgesprochen werden, um ihre Gegenwart in den Raum zu tragen.

Dreir wandte sich an den Voxoffizier. „Signal an das Flottenelement."

Halbrecht hob eine Augenbraue. „Sie haben doch nicht..."

„Ich habe vorgesorgt."

„Womit?"

„Mit einer Bitte, die man nicht gern stellt."

Halbrecht wollte weiterfragen, doch da heulte oben in der Asche ein anderer Ton auf. Kein Artilleriefeuer. Tiefer. Schärfer. Der Laut schwerer Triebwerke, die aus großer Höhe herabstießen und dann abrupt bremsten.

Der Stollen vibrierte.

Serev sah zur Decke. „Landekapseln."

Niemand sprach für einen Augenblick.

Dann sagte Dreir: „Gut."

IV. Graue Rüstung, rote Ordenszeichen

Halbrecht trat ins Freie, gerade als die erste Landekapsel einschlug.

Sie krachte jenseits der Bastion in einen zerfurchten Wallgraben, warf Staub und Leiber hoch und stand dann dampfend inmitten des Beschusses. Ihre Ceramitblätter sprangen auf.

Aus dem Rauch traten Space Marines in grauer Rüstung mit roten Ordenszeichen.

Red Scorpions.

Halbrecht hatte sie schon zuvor aus der Ferne gesehen, nie so nah. Sie wirkten weder wie Menschen noch wie Heilige. Eher wie eine Antwort auf eine Frage, die man lieber nicht gestellt hätte. Ihre Bewegung hatte nichts Überstürztes, selbst unter Feuer nicht. Jeder Schritt war ökonomisch. Jeder Schuss endgültig. Bolter bellten, und wo sie hintrafen, verloren Körper ihre Form.

Mehr Landekapseln schlugen nieder. Ein Contemptor-Dreadnought stieg aus einer von ihnen wie ein wandernder Sarkophag der Feindschaft, die Kraftfaust verrußt, der Sturmkanonenlauf schon rotierend. Hinter ihm kam ein Hauptmann ohne Helm, das schmale, blasse Gesicht unbewegt, als beträte er einen Exerzierhof statt die Vorhölle von Vraks.

Dreir stellte sich ihm entgegen.

Halbrecht folgte, mehr aus Instinkt als aus Rangbewusstsein.

Der Astartes-Hauptmann musterte erst den Oberst, dann Halbrecht. Seine Augen waren hell und unangenehm nüchtern.

„Hauptmann Phocion", sagte er.

„Oberst Dreir", antwortete Dreir. „19. Belagerungsregiment, Todeskorps von Krieg. Bastion Canticum steht vor dem Fall."

„Vor dem Fall", wiederholte Phocion. „Sie haben darum gebeten, dass wir die Sache abkürzen."

Halbrecht hörte den kalten Vorwurf darin.

„Wir haben darum gebeten", sagte Dreir, „dass Sie den inneren Widerstand neutralisieren, bevor er sich erneut konsolidiert."

Phocion nickte. „Auspex bestätigt verseuchte Architektur und Warp-Verunreinigung im zentralen Sanktuarium. Meine Brüder werden den Kern nehmen. Ihre Männer öffnen den Zugang."

„Der Zugang ist in Arbeit."

„Dann arbeiten sie zu langsam."

Dreir sah ihn reglos an. „Dann werden Ihre Brüder die Geduld des Imperators üben müssen."

Halbrecht warf ihm einen Blick zu. Für einen Menschen hatte Dreir einen erstaunlichen Instinkt dafür, wie weit man einen Space Marine reizen durfte, ohne zu sterben.

Phocion antwortete nicht sofort. Dann sah er in Richtung der Bastion, wo Varns Kompanie noch immer im Vorgraben festsaß.

„Die linke Bresche", sagte er. „Dort hinein."

Er gab den Befehl nicht über Vox. Er musste nicht. Die Red Scorpions setzten sich in Bewegung wie eine graue Klinge.

Halbrecht sah ihnen nach. „Sie mögen Ihre Art nicht."

„Niemand mag unsere Art", sagte Dreir.

„Und das stört Sie nicht?"

„Es wäre ineffizient, sich von fremdem Unbehagen beeinflussen zu lassen."

Halbrecht hätte gern widersprochen. Doch über Vraks war Effizienz längst zu einer Form von Glauben geworden.

V. Kessel hat einen Weg gefunden

Varn hörte zuerst die Bolter.

Nicht das gewöhnliche Stakkato schwerer Waffen. Das hier war tiefer, dichter, entschlossener. Ein Laut, der nicht unterdrückte, sondern auslöschte.

Dann sah er die ersten Red Scorpions in den Vorgraben springen.

Einer landete keine drei Meter neben ihm, rollte den Aufprall ab, stand bereits schießend wieder auf und jagte drei Boltergeschosse in die Scharten über der inneren Pforte. Wo eben noch Mündungsfeuer gewesen war, klafften nun schwarze Löcher und etwas, das über die Mauer lief.

Die Red Scorpions drängten an seinen Leuten vorbei, ohne sie zu beachten. Ihr Hauptmann ging mitten im Feuer. Ein Vraks-Offizier sprang auf der Wallkrone hoch, die Uniform voll Schmutz, ein Kettenschwert erhoben. Der Space Marine schoss ihm den Brustkorb weg, noch ehe der Mann seinen Schrei zu Ende bringen konnte.

„Leutnant", sagte eine Stimme zu Varns Linken.

Er wandte sich um. Hauptmann Phocion stand vor ihm.

„Status."

Varn schluckte trocken, obwohl sein Mund staubig war. „Äußere Linie genommen. Pioniere suchen Zugang zur inneren Pforte. Gegenfeuer aus Scharten und vermutlich Tiefenstellungen. Mögliche Chaos-Kontamination im Kernwerk."

Phocion sah an ihm vorbei, als läse er die Mauer selbst. „Mögliche?"

Varn dachte an die Banner, die fauligen Netze, das ausgekratzte Gesicht des Imperators. „Wahrscheinliche."

„Besser."

Einer der Red Scorpions, ein Apothecarius an den weißen Markierungen des Helms erkennbar, trat näher an eine Leiche im Vorgraben und betrachtete die verfärbten Hautstellen um die aufgerissene Maske.

„Seuchenzeichen", sagte er.

Phocion nickte kaum merklich. „Dann ist Zeit nicht länger euer Verbündeter."

Varn hätte beinahe gefragt, wann sie es je gewesen sei.

Stattdessen zeigte er auf die Seitentreppe, in der Kessel verschwunden war. „Dort unten arbeitet mein Wachtmeister. Er sollte gleich—"

Die Bastion hob sich.

Nicht im Ganzen. Nur der Bereich unter der Pforte. Ein inneres Aufblähen von Beton und Erde, als hätte die Festung selbst eingeatmet. Dann schoss Feuer durch die Fugen, Steine platzten heraus, eine Scharte kippte schief, und eine Reihe von Leichen am Wall glitt wie Puppen in den Graben.

Einen Herzschlag später kam der Knall.

Varn wurde gegen die Wand geworfen. Sein Helm schlug an Beton. Etwas Warmes lief ihm in den Kragen. Überall schrie Metall. Staub füllte den Vorgraben so dicht, dass Licht nur noch als grauer Fleck existierte.

Als er sich hochrappelte, sah er die Pforte nicht mehr.

Da war nur noch ein schwarzer Riss in der Mauer und darüber ein klaffender Spalt, aus dem Rauch und dunkles Gebrüll quollen.

Kessel hatte einen Weg gefunden.

Die Red Scorpions zögerten keinen Augenblick. Sie stürmten in den Riss. Phocion als Erster. Sein Schwert war nun gezogen, eine harte Klinge aus blauem Licht, die den Staub in kalten Fetzen zerschnitt.

Varn sammelte, was von seinem Trupp noch stand.

„Mit ihnen!"

Sie gingen in die Bastion.

VI. Was aus der Kapelle bricht

Dahinter lag kein Hof, wie Varn erwartet hatte. Sondern ein Trümmerfeld aus eingestürzten Kasematten, verbrannten Munitionswagen und einer schiefen Kapelle, deren Glockenturm halb abgerissen war. Der innere Bereich von Canticum hatte einmal imperiale Würde besitzen sollen. Jetzt war er ein Krankensaal des Krieges. Mauern atmeten Schimmel. Statuen trugen Flecken wie Leichenhäute. Zwischen Geröllhaufen lagen Verteidiger und Angreifer, viele noch zuckend.

Die Pioniere hatten die Pforte von unten aufgerissen. Kessel stand im Rauch, ein Stück Mantel verbrannt, den Arm blutig bis zum Ellbogen. Von seinen vier Männern lebten noch zwei. Einer hielt sich den Bauch. Der andere trug keine Maske mehr und atmete röchelnd durch einen rot verschmierten Verband.

„Weg offen", sagte Kessel.

„Sie bluten."

„Ja."

Varn blickte in den schwarzen Spalt der Kapelle. Von dort kam das Gebrüll, tiefer jetzt, näher, begleitet von einem schleifenden Metallton.

„Was ist da drin?"

Kessel sah kurz hin. „Etwas Großes."

Dann brach es aus der Kapelle.

Es war ein Space Marine, aber nur in dem Sinn, in dem ein aufgeplatzter Kadaver noch ein Mensch war. Die Rüstung war einst die einer Verräterlegion gewesen, grün, schwer, mit dicken Platten und faulenden Siegeln. Nun war sie mit Rost, Beulen und Fleischwucherungen vernäht. Aus einem aufgerissenen Schulterspalt hing etwas Nasses und Lungenfarbenes. Der Helm hatte keine Augen mehr, nur schmale giftige Glimmpunkte.

Death Guard.

Varn erkannte den Namen erst, nachdem sein Körper schon reagiert hatte. Er schoss. Der Laserstrahl fraß sich in eine der fauligen Platten und verschwand wirkungslos. Andere taten es ihm gleich. Die Luft zwischen ihnen und dem Verräter flackerte rot.

Der Chaos-Space-Marine hob einen schweren Bolter, der aussah, als sei er mit Knochen verklebt worden, und feuerte.

Ein Gardist neben Varn platzte auf. Ein Red Scorpion bekam die Salve an den Brustpanzer und wurde einen Schritt zurückgeworfen, fing sich sofort und ging weiter.

Phocion traf den Death-Guard-Krieger mit zwei Bolterschüssen in Helm und Hals. Der Verräter taumelte. Dann war der Hauptmann bei ihm.

Das Schwert aus blauem Licht fuhr einmal quer durch die faulige Brustplatte. Nicht tief genug. Der Verräter schlug mit dem Ellenbogen zurück, als würde er einen Rammbock führen. Phocion duckte sich unter dem Schlag hinweg, trat in den Gegner hinein, und nun kamen zwei weitere Red Scorpions von der Seite. Kettenschwertzähne fraßen sich in gammeliges Ceramit. Eine Melterladung traf den linken Arm. Das Ding gab einen Laut von sich, mehr nasses Husten als Wut.

Dann rammte Phocion ihm die Klinge durch das aufgedunsene Helmgitter.

Der Death-Guard-Krieger blieb noch stehen, als müsse sein Körper erst überzeugt werden, dass er tot war. Dann stürzte er um. Wo er aufschlug, platzte eine Wolke dicker Fliegen aus den Ritzen seiner Rüstung und verteilte sich über den Hof.

Kessel sah dem Kadaver eine Sekunde zu lang nach.

„Weiter", sagte Varn.

Sie gingen in die Kapelle.

Drinnen war es wärmer. Nicht lebendig warm. Modernd warm. Die Luft stand voller süßer Fäulnis, fauler Weihrauchschwaden und dem Gestank von feuchten Stoffen, die zu lange auf Fleisch gelegen hatten. Die Wände waren mit Gebeten bedeckt, übereinandergeschrieben in brauner Farbe, manche mit Blut, manche mit Exkrementen, manche mit etwas, das zu beiden geworden war.

Am Altar hatte jemand den Imperator gestürzt und durch ein rohes, aufgedunsenes Ding aus Knochen und Talg ersetzt. Kerzen schmolzen in grünen Fettlachen. Unter dem Altar führte eine Treppe tiefer hinab.

„Da", sagte der Apothecarius der Red Scorpions. „Die Verunreinigung ist darunter."

Phocion gab kurze Befehle. Zwei seiner Brüder blieben oben, um den Kapelleneingang zu sichern. Der Rest ging in die Tiefe.

Varn folgte mit Kessel und dem, was von seinem Trupp noch übrig war. Der Hof hinter ihnen war noch nicht genommen, aber das spielte nun keine Rolle mehr. Solche Orte hatten immer ein Herz. Und oft schlug es nicht aus Fleisch.

Die Treppe führte in unterirdische Magazine, dann in ältere Gänge, dann in etwas, das längst vor der Bastion hier gewesen war. Die Architektur veränderte sich. Grobe Militärstollen wurden zu gemauerten Korridoren mit Reliefbögen und Reliquiennischen. Überall hing feuchte Wärme. Wasser tropfte. Manchmal war es Wasser.

VII. Nicht den Mann, das Becken

Kessel entdeckte die erste Falle.

Ein Draht, fast unsichtbar in der Dunkelheit. Dahinter eine Reihe Schrapnellladungen in einer Heiligennische. Er hielt die Faust hoch. Die Kolonne stoppte. Einer der Pioniere kroch vor, kniff den Draht mit einem Werkzeug durch und hielt den Atem an.

Nichts.

„Weiter", sagte Kessel.

Sie gingen tiefer.

Bald fanden sie die ersten Verwundeten.

Nicht ihre eigenen. Bastionsverteidiger, die in Nischen oder an Wänden lehnten. Einer hatte keine Beine mehr und summte einen Choral, den Halbrecht aus seiner Zeit an einer Schola kannte. Ein anderer hielt sich die Eingeweide mit beiden Händen im Leib und grinste hinter verfaulten Zähnen, als die Kolonne vorbeikam. Ein Red Scorpion erschoss ihn im Gehen.

Varn sagte nichts dagegen.

Dann kamen die Stimmen.

Leise zuerst. Eine Vielzahl flüsternder Kehlen, die aus einem weiter unten liegenden Raum heraufdrangen. Nicht Gesang. Mehr das feuchte Murmeln einer Menge, die längst vergessen hatte, wie Beten ohne Hunger klingt.

Kessel blickte zu Varn. Selbst hinter der Maske sah er angespannt aus.

„Wenn dort unten ein Reaktor ist", sagte Varn, „sprengen wir ihn."

„Wenn dort unten etwas Heiliges war, ist es das nicht mehr."

„Ist das Trost?"

„Nein."

Die letzte Pforte stand offen.

Dahinter lag ein unterirdischer Schrein, dessen Kuppel von dicken Strebebögen gehalten wurde. In seinem Zentrum erhob sich ein gesprungenes Aquila-Relief über einem abgesenkten Becken, das einmal Weihwasser getragen hatte und nun mit schwarzer Brühe gefüllt war. An Ketten über dem Becken hingen Leiber in Priesterroben, viele noch lebend, die Bäuche aufgequollen, die Münder vernäht, an ihren Handgelenken dünne Röhren befestigt, aus denen Flüssigkeiten in die Beckenrinne tropften. Um sie herum knieten Dutzende Vraks-Milizionäre, viele ohne Waffen, die Köpfe gesenkt, ihre Masken in den Schoß gelegt, als beteten sie die Luft selbst an.

Und am anderen Ende des Beckens stand der Mann, der das Ganze leitete.

Er schien einmal die Gewänder eines Kardinalsgenerals oder Festungsprälaten getragen zu haben. Goldstickerei hing in Fetzen von seiner Brust. Die Haut seines Gesichts war an mehreren Stellen grünlich durchscheinend. Ein Auge fehlte und war durch ein Messinggitter ersetzt. In der rechten Hand hielt er einen Krummstab mit einem Aquila, dessen Flügel in faulige Haken verbogen worden waren.

Er sah zu ihnen hinüber.

„Noch mehr", sagte er.

Seine Stimme war weich. Erschöpft beinahe. Das machte sie schlimmer.

„Ihr gebt und gebt", fuhr er fort. „Acht Monate lang. Gräben, Knochen, Stunden, Namen. Und immer glaubt ihr, es fehle nur noch ein letzter Schlag."

Phocion schritt nach vorn. „Im Namen des Imperators—"

„Nein", sagte der Prälat ruhig. „Sprecht seinen Namen hier nicht, wenn ihr nicht bereit seid, ihn mitzuhören."

Varn fühlte, wie sich die Haare an seinem Nacken aufrichteten, obwohl der Rebreather kühl über seine Haut strich. Die Luft im Schrein war dicker geworden. Im schwarzen Becken zogen Kreise durch die Brühe, als kämen Blasen aus einer Tiefe auf, die in keinem Bauplan verzeichnet war.

Die knienden Milizionäre hoben gleichzeitig die Köpfe.

Phocion tat, was Space Marines am besten konnten. Er beendete die Rede mit einem Bolterschuss.

Der Prälat wurde an der Schulter getroffen, drehte sich halb und fiel nicht. Aus der Wunde quoll keine normale Blutung. Nur dunkle Flüssigkeit und etwas Weißes, das sich wieder zurückzog.

Der ganze Schrein explodierte in Bewegung.

Milizionäre sprangen auf, viele mit Messern oder rostigen Lasergewehren. Andere warfen sich blindlings unter die Bolter der Red Scorpions. Von den Seitenemporen brach Feuer los. Varn schoss auf einen Schützen, der sich hinter einer Reliquienkiste duckte. Kessel stürmte nach links, wo eine Reihe von Röhren in das schwarze Becken mündete.

„Nicht den Mann", schrie er. „Das Becken!"

Varn verstand erst einen Herzschlag später.

Phocion nicht. Oder vielleicht verstand er und entschied trotzdem anders. Der Hauptmann war bereits auf dem Weg zum Prälaten, das Schwert vor sich, während seine Brüder die Emporen säuberten. Der Chaos-Priester hob den Stab. Die Ketten über dem Becken begannen zu schwingen. Einer der hängenden Leiber platzte auf und ergoss eine Wolke schwarzer Flüssigkeit.

Ein Red Scorpion wurde davon getroffen. Seine graue Rüstung zischte. Das Ceramit verfärbte sich. Der Space Marine taumelte, hob dennoch den Bolter und feuerte weiter, bis ihn sein Bruder packte und aus der Wolke zerrte.

Varn sprang über eine umgestürzte Bank und rutschte bis an den Rand des Beckens. Es stank nach Fieber, Mist und etwas, das einmal menschliches Fett gewesen war. In der Brühe trieben Knochenstücke, Kerzenreste, Zähne.

„Ladung!", rief er.

Kessel warf ihm eine Sprengladung zu. Varn fing sie, fast zu spät. Seine Handschuhe glitten vor Nässe. Hinter ihm schrie jemand im Rebreather. Vor ihm hob sich in der Oberfläche der Brühe ein Blasenhügel, groß wie ein Kopf.

Er zog den Zünder.

Auf der anderen Seite des Schreins traf Phocion den Prälaten. Das Kraftschwert hieb ihm den Stab entzwei, dann eine Hand, dann einen Arm. Doch der Mann fiel noch immer nicht. Er lächelte nur, als würde ihn jede Wunde daran erinnern, dass er längst etwas anderes geworden war.

„Ihr seid zu spät", sagte er.

Varn warf die Ladung.

Sie traf das Becken, glitt hinein und verschwand.

„Runter!"

Die Explosion war gedämpft, aber brutal. Schwarze Brühe schoss bis zur Kuppel. Ketten rissen. Die hängenden Leiber stürzten herab. Das Becken brach an einer Seite auf, und aus seinem Inneren drang nicht nur Flüssigkeit, sondern Atem — ein tiefer, fauliger Ausstoß, als hätte unter dem Boden etwas zu lange auf diese Öffnung gewartet.

Risse liefen über die Steinplatten.

Kessel trat neben Varn und schleuderte eine zweite Ladung in den Spalt.

„Zurück!"

Diesmal hob sich der Boden.

Der mittlere Teil des Schreins brach in sich zusammen und riss das halbe Becken, die Statuen und die knienden Milizionäre mit sich. Aus der Öffnung darunter drang ein schwarzer, dampfender Schacht empor, aus dem Fäulnis wie Wind stieg. Varn sah für einen Moment etwas sich darin bewegen. Zu groß für einen Menschen. Zu formlos für alles andere, was je einen Namen verdient hatte.

Dann sprang Phocion auf den Prälaten zu und trennte ihm den Kopf vom Leib.

Der Körper blieb noch einen Augenblick stehen. Dann fiel auch er in den aufgerissenen Schacht.

Der gesamte Schrein begann zu beben.

„Raus!", befahl der Hauptmann.

Niemand brauchte eine zweite Aufforderung.

Sie kämpften sich aus dem einstürzenden Gewölbe hinaus, durch Gänge, in denen Staubwolken jedes Licht fraßen. Ein Pionier wurde von herabstürzenden Steinen zerschmettert. Einer der Red Scorpions blieb zurück, um seinen verätzten Bruder zu tragen. Kessel hinkte nun deutlich. Varn bemerkte erst auf halber Treppe, dass sein linker Ärmel dunkel und schwer geworden war.

Oben in der Kapelle war die Luft kalt und scharf. Der Boden unter ihnen bebte weiter. Irgendwo im Bastionshof brach eine Wand ein. Glocken stürzten. Geschrei, Voxrauschen und das ferne Hämmern neuer Artillerie füllten die Welt.

„Ist es vorbei?", fragte Varn.

Phocion sah ihn an, als hätte er etwas Kindisches gefragt. „Nein."

Natürlich nicht.

VIII. Eine Verbrauchsrechnung

Im Hof tobte nun die eigentliche Schlacht.

Die Bastion war nicht tot, nur im Sterben. Aus Seitenkasematten und Rückwerken stießen neue Verteidiger vor, fanatischer als zuvor, manche mit fauligen Bannern, manche in dicken Chemieschutzanzügen, manche bloß in Lumpen und mit Äxten. Auf den halb eingestürzten Mauern eröffneten Autokanonen das Feuer. Der Hof wurde zu einem Schredder aus Staub, Steinsplittern und kurzen Sichtlinien.

Aber jetzt waren die Red Scorpions im Zentrum.

Der Contemptor-Dreadnought stampfte durch eine eingestürzte Arkade und fegte einen ganzen Zug Milizionäre mit der Sturmkanone aus der Welt. Wo er seinen Melterstrahl hinrichtete, platzten Mauern auf. Hinter ihm gingen graue Astartes stoisch voran und drückten den Feind auf beiden Flanken zusammen.

Das Todeskorps folgte nicht wie Helden einer Legende. Es folgte wie Infanterie, die endlich einen Punkt in der Mauer erkannt hatte, an dem Anstrengung in Raum übersetzt werden konnte.

Varn sammelte zwanzig Männer. Dann zwölf. Dann siebzehn, als irgendwo aus einer Seitengasse Überlebende einer anderen Kompanie zu ihm stießen. Keiner fragte nach Namen. Er setzte sie links der Astartes an, ließ sie eine Munitionsnische nehmen, dann den Zugang zu einem rückwärtigen Kasemattengang.

Dort fand er Brenn wieder.

Der Sanitäter hatte das zerschmetterte Knie abgebunden, sich mit einem Stück Kabel aufgerichtet und versorgte nun einen Gardisten, der keinen Unterkiefer mehr hatte.

„Du lebst", sagte Varn.

„Vorläufig."

„Kannst du gehen?"

„Ja."

„Kann er?" Varn zeigte auf den Verwundeten.

Brenn sah den Mann kurz an. „Nein."

Der Gardist mit dem fehlenden Kiefer versuchte etwas zu sagen. Es kam nur ein rasselnder Laut.

Varn wartete auf die Bitte, zurückgelassen zu werden. Es kam keine. Männer von Krieg baten nicht um diese Gnade. Sie erwarteten, dass andere die Rechnung für sie machten.

Brenn legte dem Verwundeten die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in den Schutz der Nische zurück und nahm ihm die restlichen Ladetaschen ab.

Dann stand er wieder auf.

Der Mann blieb sitzen und hielt das Lasergewehr über den Knien, als würde er Wache schieben, bis die Festung oder das Universum endgültig Feierabend machte.

Varn ging weiter.

Im Kommandostollen erhielt Halbrecht die Meldung vom Einbruch ins Herzwerk und glaubte ihr zunächst nicht.

„Bestätigt?"

„Vom Red-Scorpions-Vox und von Leutnant Varns Restsignal", sagte der Offizier.

„Und die Bastion?"

„Innere Erschütterungen. Schwere Strukturbrüche. Aber sie hält noch."

Oberst Dreir hörte zu, die Hände auf dem Kartentisch. Dann gab er neue Befehle aus, kalt und präzise. Reserven vor. Zweite Welle auf die linke Bresche. Artilleriesperre um hundertsechzig Meter verlagern. Sanitätsdepots nach vorn. Flammenpanzer in Bereitschaft. Die Sprache des Todeskorps war die Sprache von Zahnrädern, die ineinandergreifen, egal, wie viel Fleisch zwischen sie geraten war.

Halbrecht betrachtete die Karte.

„Wenn das Herzwerk gebrochen ist", sagte er, „wird Canticum jetzt entweder zusammenfallen oder den letzten Gegenstoß werfen."

„Ja."

„Und?"

„Und wir müssen schneller sein als sein Sterben."

Halbrecht stieß einen Laut aus, der fast ein Lachen gewesen wäre. „Ich habe früher geglaubt, Belagerungskrieg sei ein Geduldsspiel."

„Nein", sagte Dreir. „Er ist eine Verbrauchsrechnung."

„Von Munition?"

„Von allem."

Halbrecht schwieg.

Dann ertönte vom Eingang her neues Donnern. Er trat hinaus und sah die dritte Welle des Todeskorps aus den Gräben steigen. Neue Männer. Neue Nummern. Dieselben Mäntel. Dieselben Linsen. Dieselbe wortlose Bereitschaft, in den Rauch zu gehen, den andere für sie geöffnet hatten.

Er fragte sich, ob der Imperator je müde wurde, so viele Gesichter nicht zu sehen.

IX. Heute schon

Im Hof der Bastion begann der Gegenstoß.

Nicht überall. Genau dort, wo er am meisten schmerzte. Eine verborgene Seitentür sprang auf und spie eine Reserve aus: Verräter in schweren Grabenpanzern, begleitet von zwei verseuchten Ogryns, deren Haut unter Brandzeichen quoll. Dahinter ein Chemiewerferteam mit langen Tanks auf dem Rücken. Sie trafen die linke Flanke der vorgehenden Krieger-Regimenter und rissen ein Loch in die frisch gewonnene Linie.

Varn sah es zu spät.

Das Gas kam flach und gelbgrün über den Boden, kroch unter zerschossenen Wagen hindurch und biss sich in jede Schwachstelle. Die ersten Männer fielen würgend um, als ihre Filter versagten. Ein Ogryn packte einen Pionier und schlug ihn so heftig gegen eine Mauer, dass Blut fächerförmig hochspritzte.

„Antitankladungen nach vorn!", schrie Varn.

„Das sind keine Panzer", sagte Brenn.

„Heute schon."

Kessel war bereits unterwegs. Er hatte noch drei Männer. Einer trug Satchel Charges, einer einen Flammenwerfer, einer nur eine Pistole und einen Klappspaten. Sie liefen tief geduckt durch die Trümmer, nutzten jeden Schutthaufen, jedes Mauerstück, während das Gas sich um ihre Stiefel wickelte.

Ein Red Scorpion sprang von einer eingestürzten Galerie direkt auf den ersten Ogryn herab und rammte ihm das Kampfmesser bis zum Ellenbogen in den Hals. Das Monster schlug blindlings um sich, traf den Space Marine an der Schulter und wurde im selben Augenblick von drei Lasersalven und einer Boltergarbe durchlöchert. Es fiel auf die Knie, lebte noch, bis Kessels Flammenwerferträger ihm das Gesicht abbrannte.

Der zweite Ogryn erreichte beinahe Varns Stellung. Er warf zwei Gardisten beiseite wie Lumpen und bekam erst dann Kessels Ladung unter den Bauch geschnallt.

„Runter!", brüllte Kessel.

Die Detonation riss dem Riesen die Beine weg. Der Torso schlug vor Varns Füßen auf und griff noch nach ihm, bis Brenn ihm das Bajonett durch ein Auge trieb.

Das Chemiewerferteam drehte den Strahl. Phocion sah es ebenfalls. Er war zu weit weg.

Varn schoss zuerst auf den Tank. Traf nicht. Schoss wieder. Nichts. Dann ging der Träger plötzlich in einem Melterstrahl auf, weiß und heftig, und der ganze Chemietank platzte in einer Wolke brennenden Giftes.

Hinter dem Dampf stand der Contemptor-Dreadnought.

Seine Stimme grollte über einen äußeren Lautsprecher, tief und verzerrt. „Vorrücken."

Es war das erste Wort, das Varn von ihm hörte.

Es war auch genug.

Mit der dritten Welle im Rücken brach das Todeskorps den Gegenstoß. Nicht schnell. Nicht elegant. Aber vollständig. Kessel verlor einen weiteren Mann. Brenn bekam einen Splitter in die Schulter und arbeitete trotzdem weiter. Ein namenloser Gardist mit zerrissenem Ärmel nahm das Banner einer gefallenen Sturmsektion auf und steckte es in einen Schutthaufen, als brauchte der Hof irgendein Zeichen dafür, wem er nun gehörte.

Bis zum Nachmittag war Canticum fast gefallen.

Fast.

Der letzte Widerstand hielt sich im Nordwerk. Eine halb eingestürzte Munitionshalle, die durch Trümmergänge mit den Resten der Bastion verbunden war. Von dort aus schossen die Verteidiger noch immer auf jede Bewegung im Hof. Es war genug, um den Sieg offen und die Verlustlisten lang zu halten.

Oberst Dreir selbst kam an die Front.

Halbrecht begleitete ihn, denn an diesem Punkt gehörte seine Anwesenheit entweder zur Moral oder zur Strafe. Er war nicht sicher, was die Männer von Krieg überhaupt unter dem Wort Moral verstanden.

Sie fanden Varn im Schatten einer zerborstenen Ladeplattform. Der Leutnant hatte nun einen Verband um den Arm und Blut bis an den Mantelsaum. Kessel saß neben ihm und lehnte mit geschlossenen Augen an einem Munitionskasten, als ruhe er nur.

„Bericht", sagte Dreir.

Varn stand auf. „Nordwerk hält. Feind hat mindestens zwei automatische Geschütze, gestaffelte Gräben im Innenraum und Restkräfte in den oberen Gängen. Munition bei vielen Trupps kritisch."

„Pioniere?"

„Vier gehfähig."

Dreir sah Kessel an. „Wachtmeister?"

Kessel öffnete die Augen. „Sprengzugang möglich. Über die Seitenfundamente. Aber jemand muss die Ladung hineintragen."

Halbrecht blickte auf die Munitionshalle. Das Nordwerk war teilweise eingestürzt. Ein langer Riss zog sich durch das Mauerwerk, aber nicht tief genug, um es von selbst zu brechen. Bolter- und Stubberfeuer kam aus Schießscharten und aus dem Schatten dahinter. Ein normaler Sturmangriff würde weitere hundert Männer kosten.

Dreir betrachtete die Halle, dann die Männer vor ihm.

„Sie werden die Ladung tragen", sagte er zu Kessel.

„Ja, Oberst."

„Sie werden den Zugang öffnen", sagte er zu Varn.

„Ja, Oberst."

Dann wandte er sich an Phocion, der mit zwei Red Scorpions hinter sie getreten war, fast lautlos trotz des Schutts unter seinen Stiefeln.

„Wenn die Halle offen ist, gehört der Kern Ihnen."

Phocion nickte. „Und die Außenränder?"

„Dem Todeskorps."

Das war die Wahrheit. Space Marines entschieden Schlachten oft an einem Punkt. Den Rest mussten gewöhnliche Menschen ausfüllen und so lange halten, bis die Geschichte genug Material hatte, um sie zu vergessen.

X. Canticum ist gefallen

Der letzte Angriff begann im Zwielicht.

Die Sonne war hinter der Asche nie richtig erschienen, aber das Licht wurde dünner und metallischer, als der Tag starb. Der Hof lag voller Rauch. Brände fraßen sich an Balken und Stoffresten fest. Überall knisterte heiße Munition.

Varn führte die Restsektion links herum, unter einer halb eingestürzten Mauer entlang, dann durch einen Versorgungsgang, dessen Boden von herabgefallenen Ikonen und Hülsen übersät war. Kessel und seine drei Pioniere trugen die Ladung, schwer und ungelenk, als schleppten sie einen zweiten, metallischen Sarg.

Sie kamen beinahe unbemerkt bis an das Seitenfundament.

Dann erwachte ein verstecktes Maschinengewehr.

Der erste Pionier wurde vom Feuer quer durch die Brust gehoben. Der zweite fiel über ihn. Varn warf sich an die Wand, schrie Ziele ins Vox und hörte im selben Moment das kalte Einsetzen der Red-Scorpions-Bolter vom Hof her. Schüsse hämmerten in die Schießscharte. Beton spritzte. Das Maschinengewehr setzte aus, nur kurz.

„Jetzt!"

Kessel und der letzte Pionier sprangen vor. Der Mann mit der Ladung rutschte im Schutt aus, fiel auf die Knie, rappelte sich wieder auf und schob das Paket mit beiden Armen in den dunklen Spalt des Fundaments. Ein Schuss traf ihn dabei in den Hals. Er blieb noch einen Augenblick über die Ladung gebeugt, als bete er. Dann sackte er langsam zusammen.

Kessel drückte den Zünder in die Kuhle des Pakets, packte den Toten noch an der Jacke und versuchte, ihn mit zurückzureißen. Vergeblich.

„Weg!", brüllte Varn.

Sie warfen sich in Deckung.

Die Sprengung riss das Seitenfundament auf wie morsches Knochenwerk. Die Munitionshalle hob sich mit einem hässlichen metallischen Kreischen, eine Wand brach aus, und glühende Staubwolken schossen in den Hof.

Durch den frischen Riss stürmten die Red Scorpions.

Phocion vorne. Der Contemptor hinterher. Varn sah nur Fragmente des inneren Gemetzels: Bolterblitze, die Dunkelheit in rhythmischen Hieben aufrissen. Ein verräterischer schwerer Stubber, der plötzlich verstummte, weil die ganze Schützenplattform mit ihren Bedienern nach hinten gerissen wurde. Den Schatten eines zweiten Death-Guard-Kriegers, der aus den oberen Gängen herabkam, nur um vom Dreadnought in der Hüfte gepackt und in die Mauer geschlagen zu werden, bis Rüstung und Leib nicht mehr zu unterscheiden waren.

Dann kam das Echo der inneren Detonationen.

Erst eine. Dann zwei. Dann ein tiefes Wummern, das durch den ganzen Hof lief.

Die Munitionshalle brach endgültig.

Ein Teil der Nordwand kippte langsam nach außen, als müsse sie sich noch einmal vergewissern, dass Schwerkraft wirklich ein Gesetz und kein Gerücht war. Dann fiel sie. Steine, Träger, Geschützteile, Leichen und Banner stürzten in den Hof.

Varn warf sich über Kessel. Staub schlug über beide hinweg. Irgendetwas Schweres krachte dicht neben ihnen ein. Für einige Sekunden war alles nur Lärm und Finsternis.

Als die Welt zurückkam, war das Nordwerk fort.

Wo eben noch Widerstand gewesen war, stand nun ein rauchender Schutthügel.

Der Beschuss verstummte.

Nicht allmählich. Ganz.

Selbst die Männer von Krieg hoben für einen Moment die Köpfe, als könnten sie das Schweigen nicht sofort einordnen.

Im herabsinkenden Staub stand Hauptmann Phocion auf dem Schutt des Nordwerks. Seine Rüstung war mit Ruß und fremdem Blut gesprenkelt. Das Kraftschwert war erloschen. Neben ihm ragte der Contemptor-Dreadnought aus einer Wolke aus Putz und Rauch auf wie ein Denkmal, das man erst im Nachhinein errichtet hatte.

Phocion blickte über den Hof, dann zu Dreir hinüber, der nun ebenfalls vorgetreten war.

„Canticum ist gefallen", sagte der Space Marine.

Es war kein Triumph darin. Nur Abschluss.

Oberst Dreir nickte. „Bestätigt."

Halbrecht merkte, dass er die Luft angehalten hatte. Er ließ sie ausströmen, langsam, und roch dabei Asche, Blut, Sprengstoff und den stechenden Rest der zerstörten Chemikalien.

„Und jetzt?", fragte er leise.

Niemand antwortete ihm sofort.

XI. Beinahe eine Medaille

Die Nacht kam früh über Vraks. Oder vielleicht war es nur mehr Rauch.

Servitoren krochen bereits in die Ruinen, um Munition zu bergen, Verwundete zu sortieren und die ersten Zahlen zu sammeln. Feldprediger wandelten zwischen Reihen von Toten. Nicht, um sie zu retten. Nur, um ihre Pflicht vor ihnen zu erfüllen, solange sie noch Gesichter hatten. Sanitäter schnitten Mäntel auf, zogen Tourniquets fest, gaben Morphium dort, wo Zukunft noch wirtschaftlich war.

Varn saß auf einem Steinblock und ließ Brenn den Arm neu verbinden. Kessel lag ein paar Meter weiter auf einer Trage. Nicht tot. Aber bleicher als der Staub.

„Sie werden das Bein nehmen müssen", sagte Brenn.

Kessel nickte. „Welches."

„Das linke."

„Gut."

Brenn arbeitete schweigend weiter.

Varn sah auf den Hof hinaus. Zwischen rauchenden Trümmern bewegten sich die Überlebenden seiner Kompanie. Einer sammelte noch ganze Energiezellen von Toten. Einer kniete neben einem Kameraden und schrieb etwas auf ein Blechkärtchen. Ein anderer stand nur da und blickte auf die eingestürzte Kapelle, als versuche er, den Lärm darunter noch zu hören.

Kommissar Halbrecht kam zu ihm.

„Leutnant."

Varn machte Anstalten aufzustehen.

„Bleiben Sie sitzen", sagte Halbrecht.

Varn blieb sitzen. Das fühlte sich seltsam nach Gnade an.

Halbrecht sah kurz auf Brenns Arbeit, dann auf Kessel. „Er hat die Halle geöffnet."

„Ja."

„Und Sie?"

„Ich war dabei."

Halbrecht schwieg. Dann sagte er: „Das ist mehr, als viele von sich behaupten können."

Varn war zu müde für Antworten, die vorsichtig hätten klingen sollen. „Ist das eine Auszeichnung, Herr Kommissar?"

„Nein", sagte Halbrecht. „Nur ein Umstand."

Er setzte sich nicht. Kommissare setzten sich selten unter Soldaten, es sei denn, sie planten, etwas aus einer Nähe zu sagen, die gefährlicher war als Distanz.

„Ich habe heute verstanden", sagte Halbrecht nach einer Weile, „dass ich lange versucht habe, das Todeskorps falsch zu lesen."

Varn sah zu ihm auf. „Inwiefern?"

„Ich hielt euch für gebrochene Männer. Dann für fanatische. Dann für leere. Aber das stimmt alles nicht ganz." Er sah hinaus in die Nachtarbeit der Regimenter. „Ihr seid Werkzeuge eines Glaubens, den andere nur sprechen. Das macht euch nicht weniger menschlich. Vielleicht macht es euch nur schwerer zu ertragen."

Varn dachte darüber nach. Es war eine seltsame Art von Respekt.

„Wir sind Soldaten des Imperators", sagte er schließlich.

„Ja", antwortete Halbrecht. „Aber heute wart ihr auch die Männer, die diese Festung genommen haben. Das sollte irgendwer wenigstens einmal aussprechen."

Varn wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er war erleichtert, als Dreir sie rief.

Der Oberst stand auf den Resten einer Munitionsplattform und las die ersten Verlustzahlen vom Datentafelstreifen ab. Um ihn herum sammelten sich die überlebenden Offiziere, Sanitäter, Feldpriester und Voxschreiber.

„Bastion Canticum", sagte Dreir, „ist gefallen. Ziel erreicht. Eigene Verluste: vorläufig zweiundsechzig Prozent in den ersten Angriffskompanien. Pioniersektionen achtundsiebzig Prozent. Artillerieausfälle sechzehn Rohre. Bestätigte Feindvernichtung in der Bastion: unvollständig."

Er machte eine Pause. Nicht aus Pathos. Um Raum für Eintragungen zu lassen.

„Neugliederung beginnt sofort. Munitionsverteilung in dreißig Minuten. Tote werden nach Kennzeichnung in Reihe Nord abgelegt. Verwundete erster und zweiter Priorität zu den Chirurgiestationen. Dritte Priorität erhält Morphium und Seelsorge. Neue Angriffsplanung für Zielpunkt Misericordia bei erstem Vorlicht."

Ein Windstoß ging über den Hof und wirbelte Asche über ihre Stiefel.

Niemand protestierte. Niemand fragte nach Ruhe. Niemand nach Sieg.

Canticum war gefallen, also wartete bereits das nächste Werk.

Halbrecht schloss für einen Moment die Augen.

Als er sie wieder öffnete, standen die Red Scorpions schon bereit zum Abmarsch. Hauptmann Phocion sprach kurz mit Dreir. Kein Handschlag. Kein Dank. Nur zwei Offiziere verschiedener Arten, die festhielten, dass ein notwendiger Punkt der Kampagne abgehakt worden war.

Dann wandten sich die Space Marines ab.

Der Contemptor-Dreadnought ging zuletzt. Als er an Varn vorbeikam, drehte sich der Sarkophaghelm minimal in seine Richtung. Vielleicht Zufall. Vielleicht Wahrnehmung. Vielleicht bloß Mechanik.

Aus dem Lautsprecher kam wieder diese tiefe, verzerrte Stimme.

„Gut gehalten."

Dann ging der Dreadnought weiter.

Varn sah ihm nach, bis die grauen Gestalten im Rauch verschwanden.

Kessel hatte die Worte ebenfalls gehört. Trotz Schmerz und Fieber zog sich etwas wie ein schiefer Schatten durch seine Haltung.

„Von einem Dreadnought", sagte er.

„Ja."

„Das ist beinahe eine Medaille."

Varn lachte heiser. Es war der erste Laut, der sich seit Stunden so anhörte, als gehöre er einem lebenden Menschen.

XII. Damit sie gezählt sind

Später, als die Nacht vollständig über Vraks lag und nur noch Brände, Signallampen und die fernen Blitze weiterer Fronten die Dunkelheit zerschnitten, ging Halbrecht durch die Reihe der Toten.

Sie lagen sauber geordnet auf Planen. Nummern an den Stiefeln. Mäntel geglättet, wo möglich. Atemmasken über den Gesichtern, selbst bei denen, die keine Gesichter mehr hatten. Ein Schreiber des Munitorums saß auf einer Kiste und las Kennungen vor, während ein anderer sie in Tabellen übertrug.

Am Ende der Reihe kniete Brenn.

Vor ihm lag Lho. Daneben Mern. Daneben Männer, deren Namen Halbrecht nie erfahren hatte. Brenn schrieb jeden von ihnen auf einen Streifen, selbst jene, die nur noch über Regimentsnummern zu identifizieren waren.

„Es ist spät", sagte Halbrecht.

„Ja."

„Das könnten andere übernehmen."

Brenn schüttelte den Kopf. „Ich war bei ihnen."

Halbrecht sah zu, wie der Sanitäter weiterschrieb. Langsam. Sauber. Als sei jede Zeile eine Naht, mit der man die Wirklichkeit notdürftig wieder zusammenzog.

„Warum tun Sie das?", fragte Halbrecht.

Brenn legte den Stift kurz beiseite. „Damit sie gezählt sind."

Er sagte es so schlicht, dass Halbrecht plötzlich nicht mehr wusste, ob er auf dieser Welt jemals eine wahrere Form von Würde gehört hatte.

Am Rand des Hofs bellte schon wieder fernes Artilleriefeuer. Nicht ihre Rohre. Weiter östlich. Jemand anderes starb bereits für den Plan von morgen.

Halbrecht blickte zur schwarzen Silhouette der gefallenen Bastion. Canticum rauchte noch aus hundert Rissen. Über dem eingestürzten Glockenturm hing eine Wolke aus Funken und Asche, die im Wind aussah wie ein Schwarm dunkler Vögel.

Er dachte an den Prälaten im Schrein, an seine weiche Stimme, an die widerliche Ruhe in seinen Worten. Ihr gebt und gebt. Vielleicht hatte der Ketzer geglaubt, darin einen Vorwurf erkannt zu haben, wo doch nur eine der ältesten Wahrheiten des Imperiums sprach.

Es gab kein Ende, das nicht mit mehr Verbrauch bezahlt wurde.

Oberst Dreir trat neben ihn.

„Die erste Marschordnung für Misericordia ist fertig", sagte er.

„Natürlich."

„Die Reservekompanien werden bei Vorlicht verlegt."

Halbrecht nickte, ohne wirklich zuzuhören. Dann fragte er: „Oberst. Glauben Ihre Männer überhaupt an Sieg?"

Dreir betrachtete die rauchende Bastion.

„Nein", sagte er nach einer Weile. „Sie glauben an Auftrag."

„Und Sie?"

Diesmal dauerte die Antwort länger.

„Ich glaube", sagte Dreir, „dass manche Welten nur durch die Menge ihrer Opfer zurück in die Ordnung gezwungen werden können."

Halbrecht sah auf die Reihen der Toten, auf Brenn, der noch immer Namen notierte, auf Varn, der im Sitzen eingeschlafen war, während ein Sanitäter ihm den Verband nachzog, auf Kessel, dessen linkes Bein bereits für den Chirurgietisch vorbereitet wurde.

„Dann ist Vraks fast erlöst", sagte er.

Dreir wandte den Kopf. Vielleicht war das bei ihm so etwas wie Traurigkeit. Vielleicht nur Erschöpfung.

„Nein, Kommissar", sagte er. „Vraks lernt erst noch, was genug bedeutet."

Im Osten zuckte ein neuer Blitz über die Horizonte der Schützengräben.

Die Nacht auf Vraks war lang. Der Krieg länger.

Und unter dem herabsinkenden Staub der gefallenen Bastion standen die Überlebenden des Todeskorps auf, rückten Mäntel, luden Lasergewehre nach und bereiteten sich schweigend auf den nächsten Einsatz vor.

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