Der Neophyt
Astra Militarum (Dorrmarker Regiment) × Symbiontenkult (Wärmegemeinde)
„Kälte ist Ehrlichkeit.“
I. Die Suppe
Der Winter auf Firnhalde war älter als jede Chronik, und in Hartenfels rechnete man ihn nicht nach Tagen, sondern nach Stufen. Oben, wo die Zitadelle in den Fels gehauen war, liefen die Rohre heiß und die Scheiben schwitzten. Darunter wurde die Wärme zugeteilt wie Brot, und auf der neunzehnten Stufe blieb davon kaum mehr als ein Geruch nach nassem Eisen.
Feldwebel Tomas Karst führte seinen Trupp durch den Gang und hielt die linke Hand in der rechten Achsel. Das tat er seit vier Tagen. Ring- und Kleinfinger fehlten dieser Hand seit einem Winter auf einer anderen Welt, und was fehlte, schmerzte in der Kälte am schlimmsten. Der Sanitäter hatte ihm erklärt, das sei nur der Kopf, der die Finger suche. Der Kopf suchte gründlich.
Die Rohre unter der Decke waren mit Lumpen umwickelt und stumm. Früher hatten sie gezischt, wenn der Dampf kam, und die Leute auf den unteren Stufen hatten nach diesem Geräusch geschlafen, wie andere nach dem Meer. Jetzt lagen sie an den Wänden, in Decken, dicht an dicht, und sie lagen immer noch unter den Rohren, weil ein Mensch nicht verlernt, sich dorthin zu legen, wo die Wärme herkommen soll. Karst stieg über Beine hinweg. Niemand sah auf.
„Wenn's noch kälter wird“, sagte Ruvo Hesse hinter ihm, „melde ich mich krank und lege mich in den Kessel.“
„Der Kessel nimmt keine Freiwilligen.“
„Der nimmt jeden. Das ist ja der Witz daran.“
Ruvo war vierzig und hatte drei Feldzüge überlebt, und zu jedem gehörte bei ihm ein Witz, der ihn überdauerte. Hinter ihm ging Yannik Brey und hustete. Der Husten kam in gleichmäßigen Abständen und war trocken. Yannik war neunzehn und hustete seit der Landung, und die Tabletten des Sanitäters taten nichts, außer dass sie bitter schmeckten. Wiebke Lund trug ihr Gewehr mit einem Tuch um den Lauf und sagte, wie immer, nichts. Bertram Ammer hatte den Vox auf dem Rücken, der leise rauschte, und am Ende ging Odo Kettel mit dem Flammenwerfer. Der Tank auf seinem Rücken war das Einzige im Trupp, das ein wenig Wärme abgab. Die anderen gingen gern neben ihm. Sie sagten es nicht.
Ihr Auftrag lautete, Rohrdiebe zu finden. Es gab Leute, die Leitungen anbohrten, um sich einen Faden Dampf in die Wohnzelle zu holen, und der Planetengouverneur hatte Wärmediebstahl dem Diebstahl von Munition gleichgestellt. Karst hatte in vier Tagen elf Anzapfungen gefunden und keinen Dieb. Die Löcher waren alt, mit Fett verschmiert, von Händen gemacht, die wussten, was sie taten. Die Leute lagen daneben und sahen ihn an, und er ließ Ammer die Stelle melden, und ein Trupp der Pioniere kam mit dem Schweißgerät. Die Leute sahen zu, wie man ihnen ihre Wärme zuschweißte.
Vor der Wärmehalle der Stufe stand die Schlange, die um zwei Ecken lief. Jeder hielt seine Marke in der Hand, graues Papier mit Stempel, Vordruck des Wärmeamtes: zwei Stunden am Tag in der Halle, für die Inhaberin oder den Inhaber, nicht übertragbar. Als Karst vorüberging, schloss der Ordner die Tür, und wer hinter der Zwölften stand, blieb draußen. Sie steckten die Marken wieder ein. Sie taten es ohne Klage, sorgfältig, als wäre das Papier selbst noch warm.
An der Ecke dahinter roch es nach Zwiebeln.
Es war ein Geruch, den Karst seit dem Landetag nicht mehr wahrgenommen hatte, und er blieb stehen wie vor einem Namen, den man kennt. Ammer sah ihn an. Ruvo schnupperte übertrieben. „Das ist Essen, Feldwebel“, sagte er. „Ich glaube, so nennt man das.“
In einer Nische, wo früher die Rohrwartung ihr Werkzeug gelagert hatte, war eine Decke vor den Eingang gespannt worden, und dahinter brannte Licht. Karst schob sie beiseite, weil es seine Pflicht war, jede unangemeldete Ansammlung auf der Stufe zu prüfen, und weil seine Hand ihn trieb.
Die Wärme traf ihn im Gesicht, gleichmäßig und tief, wie sie in einem Stall steht, in dem viele Tiere die Nacht verbracht haben. Vierzig Menschen saßen auf Kisten und auf dem Boden, Schüsseln auf den Knien, und keiner sprach laut. Der Herd am hinteren Ende war klein, das Feuer darunter kaum der Rede wert, und der Kessel darauf so groß, dass die Frau, die ihn rührte, beide Arme brauchte. Karst dachte, dass diese Wärme zu diesem Feuer nicht passte, und der Gedanke ging vorüber, wie Gedanken vorübergehen, wenn man zu lange gefroren hat.
Die Frau am Kessel war breit und nicht mehr jung, mit roten Unterarmen und einer Schürze, die einmal weiß gewesen war. Sie sah die Uniform an, das Lasergewehr auf seiner Schulter, und lächelte ihn nicht anders an, als sie den anderen zugelächelt hatte.
„Feldwebel“, sagte sie. „Ihr seht aus, als hättet ihr's nötig. Kommt rein und macht die Decke zu, ihr lasst die Wärme raus.“
„Wir sind im Dienst. Ich muss wissen, wer diese Stube führt und mit welcher Erlaubnis.“
„Schwester Wenke“, sagte sie. „Eine Erlaubnis habe ich nicht, weil ich nie danach gefragt hätte, und Sie hätten sie mir nicht gegeben. Setzt euch. Suppe ist kein Dienstvergehen.“
„Da hat sie recht“, sagte Ruvo und war schon drin.
Karst blieb im Eingang. Er hätte die Stube schließen lassen können. Er hatte die Befugnis, und in der Kaserne würde man ihn dafür loben. Hinter ihm hustete Yannik, und Wenke sah an ihm vorbei zu dem Jungen und sagte: „Du auch. Komm her, mein Kleiner.“ Yannik ging an seinem Feldwebel vorüber, als wäre der eine Tür.
„Setz dich, Junge“, sagte Wenke zu Karst. So hatte ihn lange keiner genannt. „Nur zum Schauen, wenn du magst. Schauen kostet nichts.“
Er setzte sich auf eine Kiste neben dem Herd. Sie gab ihm eine Schüssel, Graupen und Zwiebeln und ein paar Fasern Fleisch, die er nicht benennen konnte und nicht benennen wollte, heiß bis an den Rand. Er hielt sie mit beiden Händen. Nach dem dritten Löffel merkte er, dass der Schmerz fort war. Ring- und Kleinfinger hatten aufgehört zu suchen. Er hob die Hand und sah sie an, die drei Finger, die geblieben waren, und die zwei Stellen, wo keine mehr waren, und er wusste nicht, wann es aufgehört hatte. Mit dem Schmerz war es wie mit dem Schlaf: Man bemerkte das Ende immer erst hinterher.
„Besser?“, fragte Wenke, ohne hinzusehen.
„Ja.“
„Es ist die Wärme“, sagte sie. „Die tut den Händen gut.“
Sie blieben eine Stunde und noch eine halbe. Niemand im Trupp sagte etwas dazu. Yannik hustete nicht, solange sie da waren.
Als sie gingen, stand Wenke an der Decke und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Bleib warm“, sagte sie, zu allen und zu keinem. Ruvo grinste und meinte, das sei ein schöner Gruß. Karst schwieg. Draußen im Gang schlug ihnen die Kälte entgegen wie eine zufallende Tür, die Lumpen auf den Rohren hingen still, und die Leute an den Wänden sahen wieder nicht auf.
Der Schmerz kam zurück, noch vor der Treppe. Zum ersten Mal seit vier Tagen wusste Karst, wohin er ihn tragen konnte.
II. Yannik
Die Nordkaserne des Dorrmarker Regiments war ein Bau aus Ziegel und Panzerbeton, der für eine wärmere Welt gedacht gewesen sein musste. Die Mannschaftsstuben lagen zwei Ebenen unter dem Hof, und dort liefen die Rohre seit dem Herbst zwei Stunden am Morgen und zwei am Abend, wenn der Intendant das Kontingent nicht kürzte. Der Intendant kürzte es meistens. Er tat das schriftlich und mit einem Bedauern, das man ihm glaubte, weil Intendant Piet Kuhl der höflichste Mann der Kaserne war. Seine Mitteilungen begannen alle mit den Worten „Ich bitte um Nachsicht“, und die Männer hängten sie neben die Pritschen, obwohl niemand sie las.
Karst lag wach und hörte Yannik husten. Neun Pritschen standen in der Stube, neun Männer lagen darauf, und jeder von ihnen kannte den Husten so gut wie den eigenen Atem. Er kam aus dem Bett am Fenster, wo es am kältesten war, und er hatte sich in den letzten Wochen verändert. Er klang nicht mehr trocken. Er klang, als bewege sich in dem Jungen etwas, das vorher still gelegen hatte.
Am Morgen brachte er ihn zum Sanitäter.
Der Sanitäter, ein kleiner, grauer Mann mit einem Stethoskop, das er zwischen den Anwendungen unter dem Hemd wärmte, horchte Yannik lange ab und sagte dann zu Karst, nicht zu dem Jungen: „Das ist keine Erkältung mehr. Wenn es in den Grund geht, brauche ich ihn drei Wochen im Warmen. Ich habe kein Warmes.“
„Schreiben Sie es auf.“
„Habe ich. Es ändert nichts, aber ich habe es aufgeschrieben.“
Hauptmann Oskar Brandt las den Vermerk stehend, die Hände über einen Heizstrahler gehalten, der so klein war, dass er in einen Helm gepasst hätte. Brandt führte die Dritte Kompanie seit zwei Jahren und sah aus wie einer, der seit zwei Jahren zu wenig schlief. Er war nicht unfreundlich. Er hatte nur keine Mittel mehr für Freundlichkeit.
„Ich habe fünf Mann weniger, als ich haben müsste, Karst“, sagte er. „Und keinen Ersatz, weil das Munitorum den Ersatz auf der Stufe nach dem Kessel einplant, nicht vor ihm. Dienstfähig.“
„Herr Hauptmann, der Junge …“
„Ich weiß. Schreiben Sie's auf, ich schreibe es auch auf, und das Papier wird uns beide wärmen.“ Er sagte es müde und ohne Bitterkeit, und Karst grüßte und ging.
In der Nacht war Yanniks Bett leer.
Karst stand eine Weile davor und sah auf die Decke, die zurückgeschlagen war. Er wusste, wohin der Junge gegangen war. Er zog die Stiefel an und den Mantel und nahm das Gewehr nicht mit, was er sich später nicht erklären konnte. Die Wache am Nordtor sah seinen Ausweis nicht an. Sie nickte ihn durch, ein Gefreiter mit rotem Gesicht und tränenden Augen, und als Karst schon im Tor war, sagte der Mann leise in seinen Rücken: „Bleib warm.“
Karst drehte sich nicht um. Er ging bis zur nächsten Ecke und blieb dort stehen und atmete, und dann ging er weiter, weil es nichts gab, was er dem Gefreiten hätte sagen können.
In der Stube war es spät geworden und still. Nur noch ein Dutzend Menschen saß an den Wänden, einige schliefen, und in der Mitte lag Yannik auf einem Haufen Mäntel, den Kopf im Schoß der Frau, die Karst inzwischen als Schwester Wenke kannte. Sie hatte die Schürze abgelegt. Ihre Hände lagen auf der Brust des Jungen.
Er wollte etwas sagen und tat es nicht. Wenke hob nicht einmal den Blick.
„Hör ihm zu“, sagte sie.
Karst hörte zu. Der Junge atmete tief und gleichmäßig durch den offenen Mund, und in diesem Atem war nichts von dem Rasseln, das er seit Wochen kannte. Es klang, als atme ein Kind.
„Er hat seit dem Herbst nicht so geschlafen“, sagte Wenke.
„Sie sind keine Ärztin.“
„Nein.“ Sie sagte es freundlich. „Ich koche nur.“
Ihre Hände waren breit. Karst hatte in seinem Leben viele Hände gesehen, Hände von Schmieden und Schützen und Toten, aber diese lagen auf Yanniks Brust, als bedeckten sie mehr davon, als zwei Hände bedecken können, und wenn er genauer hinsah, war es unmöglich zu sagen, wo die eine aufhörte. Auf ihrem Unterarm, wo der Ärmel zurückgeschoben war, lag die Haut in feinen Falten, die sich mit Yanniks Atem bewegten, als atme der Arm mit. Er sah weg. Als er wieder hinsah, war es eine Hand und ein Arm.
„Setz dich“, sagte sie. „Er wacht nicht auf, und du stehst dich müde.“
Er setzte sich neben den Herd auf dieselbe Kiste wie am Tag zuvor. Die Wärme war da. Er fragte nicht, woher sie kam.
Lange sagte keiner etwas. Irgendwo hinter der Wand hörte man Wasser durch ein Rohr laufen, ein Geräusch, das es auf dieser Stufe nicht mehr gab. Dann sagte Wenke, den Blick auf den schlafenden Jungen gerichtet: „Wer war es bei dir?“
„Wer war was?“
„Der, der gefroren hat. Jeder, der auf die Neunzehnte kommt, hat einen.“
Er hätte lügen können. Er hatte eine Antwort im Mund, die von der Hand handelte, von der Eiswelt und dem einen schlechten Winter, und er sprach sie nicht aus.
„Mein Bruder“, sagte er. „Anton. Er war neun.“
„Und du?“
„Sechzehn. Ich war schon weg. Ich bin zur Garde gegangen, damit zu Hause Rationen ankommen. Die Werbung hat das versprochen. Der Sold ging an die Familie, und wenn man Feldwebel wird, geht mehr.“ Er hielt inne. „Es kam im Frühjahr. Das Geld. Er war seit Wochen tot.“
Wenke nickte, langsam, und sagte nichts von dem, was Menschen sagen, um Schmerz zu beenden. Keine Tröstung, kein Du konntest nichts tun. Sie sagte: „Ja. So kommt es.“ Und weil es die einzige Antwort war, die nicht log, blieb er sitzen.
Gegen Morgen wachte Yannik auf. Er richtete sich auf, sah Karst an, sah Wenke an und sagte, mit einer Stimme, die niemand von ihm kannte: „Feldwebel? Ich hab geschlafen.“
„Ich weiß.“
„Ich hab so geschlafen wie zu Hause.“ Er lachte kurz, und es kam kein Husten nach dem Lachen. Er sah auf seine Hände, als gehörten sie ihm zum ersten Mal wieder.
Auf dem Rückweg zur Kaserne schwiegen sie beide. Der Gefreite am Tor hatte inzwischen abgelöst. Die neue Wache grüßte vorschriftsmäßig und sagte nichts.
Im Tagesbericht schrieb Karst: Stufe neunzehn, Streife ohne Besonderheiten. Er las den Satz zweimal und unterschrieb.
III. Handschuhe
Kommissarin Edda Marsch trug keine Handschuhe. Das hatte man in der Nordkaserne zuerst für eine Marotte gehalten, dann für eine Pose, und irgendwann hatte man aufgehört, darüber zu sprechen, wie man aufhört, über das Wetter zu sprechen. Sie war Mitte fünfzig, hager, mit einem Gesicht, das aus lauter Kanten bestand, und ihre Hände hingen bei jedem Appell nackt und rot an den Seiten, die Knöchel aufgerissen und mit einer Schicht Wachs bestrichen, die sie sich aus den Beständen des Sanitäters zuteilen ließ.
Der Hofappell begann im Dunkeln, wie alle Appelle in diesem Winter. Das Regiment stand in Zügen auf dem Ziegelpflaster, drei Kompanien unter dem Lampenmast, und vom Gletscher kam ein Wind, der den Schnee in Fahnen über den Hof trieb. Es waren zwanzig Grad unter dem Nullpunkt, und die Männer standen mit hochgeschlagenen Kragen, die Schultern nach innen gezogen, und atmeten in ihre Tücher.
Marsch ging die Reihen ab. Sie sprach nicht laut, sie hatte nie laut gesprochen, und die Männer mussten sich anstrengen, sie zu verstehen, was seinen eigenen Zweck erfüllte.
„Es wird über den Kessel geredet“, sagte sie. „Man sagt, er sei zu klein für die Stadt geworden, und die Stufen unter der Sechzehnten würden nicht mehr versorgt. Ob das stimmt, ist Sache des Planetengouverneurs. Ihre Sache ist, dass Sie auf den Stufen stehen, wenn er es befiehlt, mit Waffen, die funktionieren, und mit Köpfen, die es auch tun.“ Sie blieb vor einem Soldaten stehen, der zitterte, sah ihn an, ging weiter. „Sie werden frieren. Kälte ist Ehrlichkeit. Sie zeigt einem, was man aushält, und sie zeigt es sofort. Ein Mann, der in dieser Kälte lügen kann, ist entweder ein Heiliger oder ein Verräter, und ich habe in meinem Leben noch nicht viele Heilige gesehen.“
Dann kam Yannik Brey.
Er kam über den Hof gelaufen, als die Kompanien schon standen, eine Minute zu spät, die Stiefel offen, den Mantel nicht zugeknöpft. Er lief nicht hastig. Er lief locker, mit geröteten Wangen, und stellte sich in die Reihe, und dann stand er da, und die Männer neben ihm sahen ihn an, weil er nicht hustete.
Marsch war schon bei ihm.
„Soldat Brey.“
„Jawohl, Frau Kommissarin.“
„Sie sind zu spät.“
„Jawohl.“
Es lag keine Angst in der Antwort, und das war es, was sie bemerkte. Er sagte es freundlich, beinahe entschuldigend, wie man sich bei einer Nachbarin entschuldigt. Karst, der zwei Männer weiter stand, spürte, wie sein Magen sich zusammenzog.
„Ihre Stiefel“, sagte Marsch.
„Ich habe sie nicht geschnürt, Frau Kommissarin.“
„Das sehe ich. Nach dem Appell melden Sie sich hier auf dem Hof, ohne Mantel und ohne Mütze, und bleiben eine Stunde stehen. Als Erinnerung daran, dass Zeit kostbar ist.“
Karst trat einen Schritt vor, ohne es zu wollen. „Frau Kommissarin, der Zustand des Soldaten …“
„Steht in Ihrem Vermerk, Feldwebel, ich habe ihn gelesen.“ Sie wandte ihm das Gesicht nicht zu. „Wenn er so krank ist, wie der Sanitäter schreibt, wird er es nach einer Stunde zeigen, und ich lasse ihn ins Lazarett bringen. Wenn nicht, wissen wir auch das.“
Er trat zurück. Es gab nichts, was er hätte sagen können, das nicht mehr verraten hätte als es verhinderte.
Der Appell endete, die Kompanien rückten ab. Yannik stand allein auf dem Hof, im Hemd, den Mantel zu seinen Füßen. Karst sah von den Arkaden aus zu, gemeinsam mit einigen Männern, die nicht weggegangen waren. Nach zehn Minuten hätte ein Mensch zu zittern begonnen. Nach zwanzig hätte die Haut sich blau gefärbt, die Lippen, dann die Fingerspitzen. Yannik stand da, aufrecht, die Hände locker an den Seiten, den Blick auf die Mauer gerichtet, und zitterte nicht. Der Wind zerrte an seinem Hemd. Sein Atem, das sah Karst plötzlich und mit einem Schreck, der aus dem Bauch kam, stand nicht in der Luft vor seinem Mund. Neben ihm hauchten die Männer in den Arkaden kleine weiße Wolken. Yannik atmete, und die Luft vor ihm blieb klar.
Marsch stand am anderen Ende des Hofes und beobachtete ihn. Sie hatte die Hände auf dem Rücken. Sie beobachtete die ganze Stunde, und als sie vorüber war, rief sie nur: „Wegtreten.“
Yannik hob den Mantel auf. Seine Lippen waren rosig.
Ihr Dienstzimmer war einmal die Kammer eines Zahlmeisters gewesen und hatte kein Fenster. Marsch heizte es nicht. Es stand ein Tisch darin, ein Stuhl, ein zweiter Stuhl, auf dem noch nie jemand länger als eine Viertelstunde gesessen hatte, und ein Regal mit Aktenordnern, sauber beschriftet. Auf dem Tisch lag ein einzelnes Blatt.
„Setzen Sie sich, Feldwebel.“
Er setzte sich. Ihre Hände lagen flach auf dem Papier, als müsse sie es beruhigen.
„Ich habe sieben Stuben“, sagte sie. „Auf den Stufen sechzehn bis zwanzig. Räume, in denen man nicht friert, obwohl keine Leitung hineinführt. Die Leute nennen sie Wärmestuben, und sie nennen sie mit Zuneigung. Zwei davon habe ich selbst aufgesucht. Beide waren leer, als ich kam, und beide waren noch warm.“ Sie sah ihn an. „Auf dem Boden lagen Schüsseln.“
„Das hört sich nach Wohltätigkeit an, Frau Kommissarin.“
„Vieles fängt so an.“ Sie schob das Blatt einen Fingerbreit zu ihm hin, ohne dass er es lesen sollte. „Ihr Trupp hat die Neunzehnte. Kennen Sie eine solche Stube?“
„Nein, Frau Kommissarin.“
Sie schwieg. Es war kein Schweigen, das drängte. Ihr Blick ging langsam über sein Gesicht und blieb an seiner linken Hand hängen, die er auf dem Knie liegen hatte, die drei Finger, die zwei fehlenden Stellen. Er hatte vergessen, sie zu verstecken.
„Ich habe Lügen erwartet“, sagte Marsch. „Ich habe in dreißig Jahren mit vielen Lügnern gesprochen, und die meisten mussten sich Mühe geben. Sie sehen weg. Sie schlucken. Ihre Ohren werden rot.“ Sie legte den Kopf ein wenig schief. „Bei Ihnen hat sich nichts verändert. Es macht Ihnen nichts aus, mich zu belügen. Das ist das Bedenkliche daran.“
Er hatte keine Antwort. Er merkte, dass er keine Angst hatte, und begriff erst dann, dass das der Punkt war.
„Ich habe früher Handschuhe getragen“, sagte sie, und es klang wie eine Abschweifung. „Ein Handschuh ist ein Zwischenraum. Man greift nach etwas und weiß nicht mehr genau, wie es sich anfühlt, und dann entscheidet man ein wenig falsch. Immer ein wenig. Es summiert sich.“ Sie hob eine Hand und drehte sie im Licht der einzigen Lampe, das Wachs über den Rissen glänzte. „Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt. Ich möchte es wissen, bevor ich etwas tun muss.“
„Was sollen Sie denn tun müssen?“
„Ich habe schon einmal so etwas gesehen. Auf einer Welt, an deren Namen ich mich nicht erinnern möchte. Dort war es auch ein Winter, und die Leute waren auch freundlich.“ Sie legte die Hand wieder auf das Blatt. „Ich sage Ihnen nur eines. Wenn Sie etwas sehen, das Sie nicht verstehen, kommen Sie zu mir, bevor Sie es verstehen. Danach ist es zu spät, und dann werden Sie mir nicht mehr zuhören wollen.“
„Ich werde daran denken, Frau Kommissarin.“
„Nein“, sagte sie. „Das werden Sie nicht. Aber ich habe es gesagt.“
Er stand auf, grüßte und ging. In der Tür hörte er sie noch, die Stimme so leise wie beim Appell: „Und, Feldwebel. Ihre linke Hand. Sie halten sie nicht mehr in der Achsel.“
Er ging durch die Gänge der Kaserne, an Männern vorbei, die sich unter dünnen Decken zusammenrollten, und merkte, dass er ihr geglaubt hatte, jedes Wort, und dass es nichts änderte.
IV. Das Haus unter dem Haus
Am Abend ging er wieder hin. Er hatte es sich nicht vorgenommen. Er hatte die Stiefel angezogen, weil die Stiefel ihm bei der Kälte helfen sollten, und dann war er auf der Treppe gewesen, und dann auf der Neunzehnten.
Die Stube war voller als sonst. Man rückte für ihn zusammen, ohne aufzusehen, und jemand reichte ihm eine Schüssel. Wenke stand am Herd, den großen Löffel in beiden Händen, und sagte über die Schulter: „Du hast Fragen mitgebracht. Ich sehe es an den Schultern.“
„Ich habe keine.“
„Das gefällt mir.“ Sie legte den Löffel weg. „Die meisten stellen sie, und dann müssen wir Antworten erfinden. Du sitzt nur da und isst, und das verstehe ich.“ Sie wischte sich die Hände ab, sorgfältig, Finger für Finger, und sah ihn zum ersten Mal richtig an. Ihre Augen waren hell und feucht, wie das Innere einer Muschel. „Möchtest du sehen, wo sie herkommt?“
„Die Wärme.“
„Die Wärme.“
Er hätte nein sagen können. Er sagte es später sich selbst immer wieder vor: Er hätte nein sagen können, und sie hätte ihm die Schulter gedrückt und Suppe nachgefüllt. Er stellte die Schüssel ab.
Ein magerer Mann mit einem Talglicht führte ihn. Das war Bruder Hanno, dessen Gesicht Karst schon oft gesehen hatte, in der Schlange vor der Halle, unter den Decken, überall, ohne es je zu behalten. Hanno öffnete am hinteren Ende der Stube eine niedrige Tür, die Karst für einen Schrank gehalten hatte, und dahinter führten Stufen in einen Schacht.
Sie stiegen hinab. Die Rohrwartung, sagte Hanno, sei einmal ein Zugang zu den Kesselgängen gewesen, den man vergessen habe. Die Wände wurden warm, dann heiß. Rohre liefen daneben, dick wie Männer, aus denen es tropfte und zischte, das Geräusch, das auf der Neunzehnten so lange gefehlt hatte, und die Luft war so feucht, dass das Talglicht einen Hof bekam. Karst sah Ventile, so groß wie Wagenräder, von Rost und Ölresten überzogen, Marken der Wartungsschichten, mit Kreide geschrieben. Irgendwo tief unter ihnen dröhnte der Kessel, ein Ton, den man weniger hörte als in den Zähnen spürte. Sie gingen durch Gänge, die auf keinem Plan der Kaserne standen, und Karst hätte den Rückweg nicht mehr gefunden.
Dann gab es keine Rohre mehr.
Die Treppe endete in einem Raum, der nicht gebaut worden war. Das dachte er zuerst, ohne zu wissen, warum. Der Boden war Fels, glatt getreten, und die Wände waren einst Fels gewesen, aber jemand hatte sie über eine lange Zeit mit etwas überzogen, das getrocknet war und weich geblieben, glatt wie Wachs und lauwarm wie Haut. Die Decke war niedrig und wölbte sich, als sei sie nicht geschlagen, sondern gewachsen. Es roch nach Zwiebeln, nach nassem Stein und nach etwas Süßlichem, das er nicht benennen konnte.
Die Halle war voll. Ein paar hundert Menschen saßen im Kreis auf dem Boden, in Ringen, wie Jahresringe in einem Stamm, die Köpfe gesenkt. Er erkannte Gesichter. Die Frau vom Ordnerdienst der Wärmehalle. Zwei Männer der Pioniere, die die Rohre verschweißt hatten. Den Gefreiten vom Nordtor. Yannik saß in einem der inneren Ringe und hob nicht den Kopf, aber sein Rücken war weit und ruhig, als wüsste er, dass Karst kam.
Am anderen Ende der Halle war etwas.
Es war schwer zu beschreiben, weil niemand hinsah. Die Menschen in den Ringen wandten ihre Gesichter ihm zu, ohne dass ihre Blicke es trafen, wie man an der Sonne vorbeisieht. Dort, wo die Wärme herkam, hing eine Dichte in der Luft, die Karst wie einen Stoff auf der Haut spürte. Er sah einen Schatten, der größer war als eine Tür, oder er sah nichts. Etwas atmete dort. Es atmete mit dem Rhythmus der Halle, oder die Halle atmete mit seinem, und Karst hatte plötzlich das Gefühl, das er als Kind gehabt hatte, wenn seine Mutter ihn aus dem Schlaf hob und er noch nicht wusste, ob er träumte.
„Das ist der Vater“, sagte Hanno leise. „Du musst ihn nicht ansehen.“
Wenke war hinter ihn getreten. Er hatte nicht gehört, wie sie die Treppe herunterkam.
„Du kannst gehen“, sagte sie. „Der Gang ist offen. Ich zeige dir, wo er hochführt, und niemand hält dich auf.“ Sie sagte es ohne Trauer und ohne Druck. „Aber wenn du bleibst, bleibst du warm. Es kostet nichts, was du nicht schon verloren hast.“
Er dachte an Marsch, an das Blatt, an ihre wachsglänzenden Hände. Kommen Sie zu mir, bevor Sie es verstehen. Er verstand nichts. Er sah seine linke Hand an, die drei und die zwei Stellen. Sie schmerzte nicht.
„Was muss ich tun?“
„Knien“, sagte Wenke. „Und den Kopf senken.“
Er kniete sich auf den warmen Fels, den Kopf gebeugt, und es war absurd leicht. Die Ringe schlossen sich um ihn. Er hörte Stoff rascheln und Menschen atmen und sonst nichts. Vor ihm lag ein Fleck Boden, der nach Salz roch.
Hände legten sich auf seinen Nacken.
Sie waren kühl, und es waren zu viele. Er spürte sie, ohne sie zu sehen, viele schmale Finger, die sich ineinander schoben, die Wirbelsäule hinauf und hinunter tasteten, ohne Eile, mit einer Sorgfalt, die er sonst nur von Ärzten kannte und von Müttern. Einer der Finger, dünner als die anderen und kälter, blieb unterhalb des Schädels liegen. Es gab einen Stich, klein wie der Biss eines Insekts.
Dann kam die Wärme.
Sie lief ihm den Rücken hinab, langsam wie ein Öl, und füllte ihn aus, jede Ecke, die seit Jahren leer und kalt gewesen war. Die Finger, die fehlten, wurden warm, und die Zehen. Der Schmerz in der Brust, den er für angeboren gehalten hatte, löste sich. Er hörte sich atmen, ein langes, zittriges Ausatmen, das er nicht kontrollierte, und dann hörte er die anderen.
Sie waren in ihm. So kam es ihm vor, und es war kein Erschrecken darin. Er spürte Yanniks Atem, tief und leicht, als hätte er ihn selbst genommen. Er spürte Wenkes Müdigkeit, die alt war und sehr freundlich, und unter ihr etwas Schweres, das sie nie erwähnt hatte. Er spürte die Frau vom Ordnerdienst und ihre Trauer um ein Kind, das im Herbst gestorben war, und diese Trauer wurde von den anderen mitgetragen, ohne dass jemand sie ansprach, so wie eine Last, die auf vielen Schultern liegt, für keinen mehr schwer ist. Niemand zog sich zurück, und niemand fror.
Und dann eine Stimme, die nicht aus der Halle kam, sondern aus einem Ort tief in ihm, an dem er sie jahrzehntelang nicht gehört hatte.
Tomas. Mir ist nicht mehr kalt.
Er weinte. Er wusste nicht, wann es begann. Er kniete auf dem Fels, und die Tränen liefen ihm ins Kinn, und niemand sah ihn an, was das Gnädigste war, das man hätte tun können. Später fragte er sich, ob er den Namen selbst gedacht oder ob jemand ihn gehört und zurückgegeben hatte. Die Frage kam ihm damals nicht. Damals war da nur die Stimme, und sie war neun Jahre alt.
Die Hände zogen sich zurück, so sanft, wie sie gekommen waren.
Wenke half ihm auf. Ihre Hände waren wieder zwei, warm, mit Zwiebelgeruch. „Bleib warm“, sagte sie, sehr leise.
Und aus den Ringen kam, in einem einzigen, gedämpften Ton, den er noch nie gehört hatte und sofort kannte, die Antwort. Er brauchte nicht lange, bis er merkte, dass er sie mitsprach.
„Wir bleiben.“
Am Morgen fand er im Nacken einen Punkt, so groß wie eine Nadelspitze, ohne Blut, ohne Schmerz. Er fuhr mit dem Finger darüber und dachte, dass er ihn vor Marsch verbergen musste. Dieser Gedanke war der erste, den er nicht von selbst gedacht hatte.
V. Was man weitergibt
Drei Wochen später war Karsts Trupp der wärmste der Dritten Kompanie, und der Hauptmann hatte es bemerkt, ohne es zu verstehen. „Die Ihren haben Farbe“, sagte Brandt beim Morgenbericht. „Gutes Blut, Karst. Das spricht für Ihre Führung.“ Karst grüßte. Er hätte sagen können, woher die Farbe kam. Der Gedanke hatte keine Kraft mehr.
Ruvo Hesse hatte seit zwei Wochen keinen Witz mehr gemacht. Er lächelte. Er lächelte, wenn man ihn ansprach, und wenn man ihn nicht ansprach, und er trug es mit einer Gelassenheit, die Karst früher bewundert hätte und jetzt kaum noch bemerkte. Yannik hatte zugenommen, seine Wangen waren voll, und der Sanitäter sah ihn an wie ein Wunder, das man besser nicht berührt. Odo Kettel und Bertram Ammer gingen jeden Abend nach dem Dienst zur Neunzehnten, und mit ihnen die drei anderen des Trupps, deren Namen Karst gekannt hatte und nun nicht mehr brauchte, weil er sie von innen kannte, wie einen Raum, in dem man seit Jahren Licht macht.
Er musste nichts sagen. Das war das Erstaunliche. Es gab keine Berichte, keine Zettel, keinen Boten mit einem Auftrag. Er saß am Herd und aß seine Suppe, und der Tag, der hinter ihm lag, ging in die Halle über wie Wasser in einen Boden: die Streifenpläne, der Wortlaut des Appells, wer im Kasino wen gegrüßt hatte. Er gab es nicht. Es war nur nicht mehr allein in ihm. So wie man in einer warmen Stube nicht beschließt, dass man schwitzt.
An einem Vormittag rief man ihn zum Intendanten, um eine Anforderung für Promethium zu zeichnen. Piet Kuhls Zimmer lag im Erdgeschoss der Verwaltung, und es war das einzige in der Nordkaserne, in dem man den Mantel ausziehen konnte. Kuhl war ein hagerer Mann Anfang fünfzig, mit sehr sauberen Manschetten und einem schmalen Gesicht, und er legte die Finger ineinander, wenn er sprach. Er stand auf, als Karst eintrat, obwohl er im Rang über ihm stand, und schob den Stuhl heran.
„Ich bitte um Nachsicht für die Formulare, Feldwebel.“
Karst unterschrieb. Kuhl sah ihm dabei nicht auf die Hand. Er sah ihm für eine halbe Sekunde in den Nacken und lächelte.
„Der Vater hat Ihnen einen Platz gegeben“, sagte er. „Ich hoffe, Sie erlauben mir, Ihnen von Nutzen zu sein.“
Karst legte den Stift hin. „Sie auch?“
„Seit dem Winter davor.“ Kuhl sagte es, wie man sagt, dass man seit dem Winter davor in der Stadt wohnt. „Ich möchte nur, dass Sie wissen: Sie müssen nichts tun, was Sie nicht gern tun. Die Gemeinde ist keine Kompanie. Man bittet, und man wird gebeten, und niemand wird befohlen. Verzeihen Sie, wenn das wie ein Vortrag klingt. Ich sage es allen, die neu sind.“
Er sagte es allen. Karst hörte, was in dem Satz nicht stand, dass es Hunderte gab, die er nicht kannte, und dass diese Freundlichkeit eine Art von Verwaltung war.
Wiebke Lund fand ihn an einem Abend auf dem Wehrgang über dem Nordtor. Sie hatte dort ihr Nest, Sandsäcke und einen Schlitz, durch den sie das Vorfeld beobachtete, aber sie lag nicht darin. Sie saß mit dem Rücken an der Brüstung, das Gewehr im Schoß, das Tuch um den Lauf.
„Du riechst nach Zwiebeln“, sagte sie.
„Ich habe gegessen.“
„Ihr alle.“ Es klang nicht vorwurfsvoll. Sie hatte in vier Jahren im Trupp vielleicht zweihundert Sätze gesprochen, und Karst hatte sie alle behalten. „Ich hatte euch gestern im Hof im Visier. Zwanzig Mann, aufgereiht. Ich mach das, wenn mir langweilig ist, ich ziehe sie durchs Glas und sehe zu, wie sie atmen. Bei sechs stand nichts vor dem Mund.“ Sie hob den Kopf. „Bei Yannik. Bei Ruvo. Bei dir.“
Er sagte nichts. Der Wind kam über die Brüstung und trug Schnee.
„Sag mir, dass ich mich irre.“
„Du irrst dich.“
Sie nickte langsam. „Das hast du gut gesagt.“ Sie stand auf und nahm das Gewehr auf die Schulter. „Ich gehe zu ihr. Zur Kommissarin. Ich will dir nichts. Ich weiß nicht, was ihr da unten habt, und ich glaube sogar, dass es euch guttut. Aber ich halte es nicht mehr aus, euch beim Atmen zuzusehen.“
Sie war schon bei der Treppe, als sie noch einmal stehen blieb.
„Du hast mir mal Handschuhe geschenkt. Zum Geburtstag, im Lager auf der Eiswelt. Erinnerst du dich? Sie waren zu groß.“
„Ja.“
„Ich trage sie noch.“ Sie ging hinunter.
Als Karst die Neunzehnte erreichte, wusste die Halle es schon. Er hatte nichts gesagt, aber sein Erschrecken war vor ihm angekommen, und Wenke stand am Herd und sah ihm entgegen, ohne Vorwurf, mit dem Löffel in der Hand.
„Sie wird gehört werden“, sagte sie. „Wir tun ihr nichts. Es ist ihre Wahl.“
„Sie wird euch verraten.“
„Sie wird uns verraten, wenn sie kann, und dann wird sie es nicht verstanden haben.“ Wenke ließ den Löffel in den Kessel sinken. „Das ist keine Sünde, Junge. Das ist Kälte.“
Marsch ließ ihn zwei Tage später rufen. Der Raum war unverändert kalt, die Lampe die einzige, das Blatt auf dem Tisch lag genau dort, wo es vorher gelegen hatte. Sie hatte die Hände darauf gelegt, und er sah, dass die Knöchel frisch gewachst waren.
„Am vierten Abend fährt ein Konvoi zum Lager Sieben“, sagte sie. „Drei Schlepper mit Munition für die Stufen zwölf bis sechzehn. Die Begleitung bilden Sie, mit sechzehn Mann. Die Dritte Kompanie ist am Kessel gebunden, mehr habe ich nicht.“ Sie sprach ohne Nachdruck, wie man einen Fahrplan verliest. „Ich erwähne das nur Ihnen. Es ist wichtig, dass der Konvoi ordentlich ankommt.“
„Warum mir, Frau Kommissarin?“
„Weil ich Ihnen vertraue.“
Er hörte hin. Er hörte, wie er bei Wiebke hingehört hatte, auf eine Stimme, die etwas verriet, ein Zögern, ein Schlucken, ein Rot in den Ohren, und da war nichts. Ihre Stimme lag glatt und kalt wie der Fels der Neunzehnten. Später fiel ihm ein, dass er selbst so geklungen hatte, an dem Tag, an dem sie ihn nach der Stube gefragt hatte.
„Zu Befehl“, sagte er.
„Gut.“ Sie zog das Blatt zu sich heran. „Feldwebel. Ich weiß, dass Sie mir nicht zuhören wollen. Ich sage es trotzdem: Ich hoffe, Sie sind ein guter Soldat.“
Er ging. Auf der Treppe merkte er, dass er den Plan schon weitergegeben hatte. Es war nicht seine Entscheidung gewesen. Sie hatte ihm etwas in die Hand gelegt, und seine Hände waren nicht mehr nur seine.
In der Halle nahm man ihn entgegen wie ein Kind, das von der Schule kommt. Jemand reichte ihm die Schüssel. „Danke, Junge“, sagte Wenke leise, und in ihm ging etwas leichter, wie ein Stein, den man abgegeben hat.
VI. Lager Sieben
Lager Sieben lag am Ende der Nordflanke, dort, wo die Stollen der alten Eisminen auf die Kessellinie trafen, ein Depot im Fels mit einer Verladerampe, drei Lagerhallen und einer Wachstube, die man sich hätte sparen können. Der Weg führte über die Vierzehnte Stufe und durch einen Tunnel, den die drei Kettenschlepper gerade eben ausfüllten. Karst saß im ersten, neben dem Fahrer, einem Soldaten der Zweiten Kompanie, den er nur vom Sehen kannte. Hinter ihm saßen Ruvo und Yannik, Ammer mit dem Vox, Odo mit dem Flammenwerfer zwischen den Knien, und die drei anderen, die still waren, wie alle still waren, seit sie im Konvoi saßen. In den beiden Schleppern dahinter fuhren die übrigen acht Mann, Soldaten der Dritten Kompanie, die noch nie eine Wärmestube von innen gesehen hatten.
„Es geht schnell“, hatte Wenke gesagt. „Halte an der Rampe und bleib stehen. Wer stehen bleibt, dem geschieht nichts.“
Karst hatte genickt. Er hatte nicht gefragt, was den acht anderen geschehen würde. Er wusste es, ohne dass man es ihm hatte sagen müssen, und das Wissen lag in ihm wie ein Stück Eis in einem warmen Getränk: da, unverändert, und es schmolz nicht.
Das Depot war dunkel. Sie rollten die Rampe hinauf, die Ketten mahlten im Rollsplitt, und Karst hob die Hand, und der Fahrer trat auf die Bremse. Die Motoren erstarben. Die Stille, die dann kam, hatte ein Gewicht. Nirgends brannte Licht, in der Wachstube nicht, an der Halle nicht. Es gab keinen Posten.
Zu still, dachte Karst, und bevor der Gedanke zu Ende war, kamen sie aus den Hallen.
Es waren viele. Sie kamen aus allen drei Toren zugleich, gebückt und schnell, in Mänteln aus Kesselwolle, mit Bohrern und Schlagmeißeln und Feuerwaffen aus Eigenbau, und sie liefen nicht wie Menschen. Sie liefen tief, mit langen, schleifenden Schritten, und einer von ihnen, der im ersten Schein einer Handlampe sichtbar wurde, hatte unter dem Mantel ein zweites Paar Arme, klein und gefaltet wie die Vorderbeine eines betenden Insekts. Sein Gesicht war das eines Kesselarbeiters, sehr breit, mit schweren Brauen, und die Haut über seinen Schultern hatte den stumpfen Glanz von Horn.
Auf der Rampe schrien die acht Soldaten der Dritten. Karst hörte, wie der erste starb, ein kurzes, nasses Geräusch, das in ein Wort überging und nicht weitergesprochen wurde. Ruvo neben ihm rührte sich nicht. Yannik saß mit gefalteten Händen im Schlepper und sah geradeaus. Es gab keinen Befehl, aber Karst spürte den Ton der Halle in sich, sanft und gleichmäßig: Bleibt sitzen. Bleibt stehen. Es geht schnell.
Dann wurde es hell.
Von den Galerien über dem Depot, die er für Attrappen gehalten hatte, für Stahlträger und Kabelbrücken, gingen Leuchtkörper hoch, weiß, so gleißend, dass die Schatten der Hybriden schlagartig scharf wurden, wie Scherenschnitte. Und dann kam das Feuer.
Es kam von oben, aus dreißig Gewehren zugleich, das scharfe, zischende Fauchen von Lasergewehren, das er kannte, seit er sechzehn war, und es fegte die Rampe entlang wie eine Sichel. Die ersten Hybriden fielen mitten im Lauf, überschlugen sich, blieben liegen. Ein Flammenwerfer aus der Galerie legte einen Strahl über die Ladefläche des dritten Schleppers und erwischte vier von ihnen in ihrem Anlauf, und sie brannten und liefen weiter, brennende Gestalten mit Armen zu viel, in den Schein der Leuchtkörper hinein. Zwischen dem Fauchen der Laser hörte er Einzelschüsse, hart und trocken, jeder ein Treffer: Wiebke.
Wiebke, dachte er. Sie hat es ihr gesagt, und die Kommissarin hat sie hierher gestellt. Er begriff, dass Marsch ihn belogen hatte, weil sie ihm nicht glaubte, und dass er den Plan in die Halle getragen hatte wie einen Köder, den er selbst an den Haken gesteckt hatte.
Der Fahrer neben ihm riss die Tür auf und sprang. Er rannte über die Rampe, ein junger Mensch mit einem Helm, der ihm zu groß war, und ein Hybrid mit zwei Armen und zwei kleineren Fangarmen fuhr aus dem Schatten und riss ihn nieder. Karst sah es aus fünf Metern. Er sah die Klauen, die dem Jungen das Gesicht aufrissen, und den Mund des Jungen, der sich noch zu einem Wort öffnete, und dann hatte er das Lasergewehr an der Schulter und drückte ab.
Er hatte nicht entschieden. Es war der Körper, der es tat, der Körper eines Feldwebels, der seit zweiundzwanzig Jahren keinen seiner Männer sterben ließ, wenn er es verhindern konnte. Der Schuss traf den Hybriden zwischen die Schulterblätter und blieb dort einen Herzschlag lang wie ein leuchtender Nagel, dann sackte das Wesen zusammen. Es rollte herum, und Karst sah sein Gesicht.
Er kannte es. Es war der Gefreite vom Nordtor, der ihn in der ersten Nacht durchgewinkt hatte, mit den tränenden Augen und dem roten Gesicht.
In der Halle riss etwas.
Er spürte es in der Brust, ein Loch, so groß wie eine Hand, das aufging, und Kälte pfiff hindurch, die reine, ehrliche Kälte von Kommissarin Marschs Hof. Es dauerte nur einen Atemzug. Dann kam eine Welle von Wärme, hastig und zart, wie eine Mutter, die einem Kind über den Kopf fährt, und in dieser Wärme war keine Anklage. Es war das Schlimmste daran.
Um ihn her schmolz der Angriff. Odo stand am Schlepper, den Flammenwerfer am Bein, und sah den Leuten zu, die brannten. Ruvo hatte sich hinter die Kette geduckt. Von den Galerien stiegen Männer die Leitern hinab, in Mänteln, mit gezogenen Waffen, und mitten unter ihnen ging Marsch, ohne Handschuhe, die Bolterpistole in der rechten, die linke Hand leer und offen. Sie trat an die Leiche des Gefreiten und drehte sie mit dem Stiefel auf den Rücken. Die gefalteten Arme klappten auseinander, das zweite Paar, dünn und weiß, mit Fingern, die zu lang waren.
Sie sah Karst an. Er stand mit dem Gewehr in der Hand da und sagte nichts.
„Sie haben ihn erschossen, bevor er den Jungen fertig gemacht hat“, sagte sie.
„Ja.“
„Gut.“ Sie ließ sich Zeit. „Sehen Sie sich das an.“
„Ich sehe es.“
„Merken Sie sich den Anblick. Wenn Sie ihn vergessen, zeige ich ihn Ihnen wieder.“
Sie ging weiter. Hinter ihr, auf der Rampe, stand Wiebke Lund mit dem Gewehr im Arm und sah zu ihm herüber, aus dreißig Schritt Entfernung, ohne Ausdruck, und er hätte nicht sagen können, ob sie ihm etwas verzieh oder ihn abwog.
Am Morgen stand die Kommissarin vor dem Oberst.
Hendrik Lobe war zweiundsechzig, ein großer, schwerer Mann mit den Augen eines Menschen, der seit Jahren nicht mehr richtig geschlafen hat und sich darüber nicht beklagt. Er saß hinter seinem Schreibtisch in einem Mantel und trank Tee aus einem Blechbecher, und um ihn herum standen Brandt, zwei Majore und, an der Wand, mit gefalteten Händen, der Intendant.
„Einunddreißig Tote, Herr Oberst“, sagte Marsch. „Ich habe sie gezählt. Sie hatten vier Arme, manche sechs. Ich habe einen davon im Depot liegen lassen, damit Sie ihn sich ansehen können.“
„Ich habe den Bericht gelesen, Kommissarin.“ Lobe stellte den Becher ab. Er sah nicht unfreundlich aus, nur sehr müde. „Ich habe auch den Bericht des Planetengouverneurs gelesen, letzte Woche. Die Tiefenschichten. Das Wasser aus dem alten Kesselkreislauf, die Strahlung, die Menschen, die seit Generationen dort unten leben. Es gibt Mutationen. Es hat immer welche gegeben.“
„Herr Oberst, diese Mutationen haben in einem Hinterhalt gelegen, mit Waffen aus dem Zeughaus.“
„Menschen, die frieren, stehlen, Kommissarin. Ich möchte nicht, dass dieses Regiment Krieg gegen Hungernde führt.“ Er schob den Becher ein Stück von sich. „Kuhl, was sagt das Arzneiamt?“
„Ich bitte um Nachsicht, Herr Oberst.“ Der Intendant trat einen Schritt vor, die Finger ineinandergelegt. „Die Leichen wurden aus Gründen der Seuchengefahr in der Nacht bereits verbrannt. Ich habe die Anweisung unterzeichnet, ich hoffe, das war in Ihrem Sinne. Der Vorgang liegt bei den Akten.“
Marsch sagte nichts. Karst, der neben der Tür stand, sah ihr Gesicht nicht. Er sah ihre Hände. Sie hingen offen und rot an den Seiten, und die rechte hatte sich einmal zur Faust geschlossen und wieder geöffnet.
„Danke, Kommissarin“, sagte Lobe. „Sie tun mir leid, wissen Sie. Sie haben immer recht, und niemand hört Ihnen zu. Das ist ein hartes Schicksal.“ Er lächelte, ohne Spott. „Gehen Sie schlafen.“
Als die anderen hinausgingen, blieb Kuhl noch einen Augenblick an der Tür stehen.
„Bleib warm, Herr Oberst“, sagte er.
„Danke, Kuhl“, sagte Lobe und nickte, ohne aufzusehen, wie man ein Sprichwort erwidert. „Sie auch.“
VII. Die Öffnung
Neun Nächte nach Lager Sieben war die längste Nacht des Jahres, und der Oberst gab, wie in jedem Winter, im Kasino das Essen für die Offiziere. Es war Tradition, wie die Suppe für die Mannschaften am Morgen danach Tradition war. Marsch nahm daran teil. Sie hatte nicht wegbleiben können, ohne aufzufallen, und es war ihr Fehler, dass sie in diesen Wochen nicht mehr auffallen wollte.
Karsts Trupp hatte Wache am Nordtor. Der Dienstplan war von der Intendantur geschrieben worden, wie alle Dienstpläne, und in dieser Nacht stand am Nordtor kein einziger Mann, der nicht in der Halle gewesen wäre. Neun Männer im Torhaus, zwölf auf dem Hof, sieben am Wall, und sie alle wussten, was um Mitternacht geschehen würde, ohne dass jemand es ausgesprochen hätte. Das Wissen war wie die Wärme, es lag in der Luft. Man musste nicht danach greifen.
Nur ein Mensch am Tor wusste es nicht auf diese Weise. Wiebke Lund lag in ihrem Nest über dem Torbogen, seit dem Vormittag, das Gewehr auf der Sandsackkante, das Tuch um den Lauf. Man hatte sie dort gelassen. Marsch hatte sie dort hingestellt und die Intendantur hatte es nicht bemerkt, oder Kuhl hatte es bemerkt und aus Höflichkeit nichts dagegen getan.
Sie ist oben, sagte etwas in ihm. Wir tun ihr nichts, wenn sie unten bleibt.
Sie blieb nicht unten.
Kurz vor Mitternacht kamen die Lichter. Sie kamen von der Nordstraße herauf, sieben Paar Scheinwerfer im treibenden Schnee, sieben Lastschlepper mit dem Wappen der Intendantur an den Flanken und der Aufschrift Wärmeversorgung Kaserne. Karst kannte die Aufschrift. Seit dem Herbst waren solche Wagen hin und her gefahren, mit Brennstoff und Decken, und niemand am Tor hatte je einen anhalten lassen.
Er stand unter dem Torbogen und hielt den Passierschein in der Hand, den ihm ein Bote gebracht hatte, gesiegelt, mit Kuhls sauberer Unterschrift. Ammer stand neben ihm mit dem Vox. Yannik und Ruvo hatten sich an die Ketten der Torwinde gestellt. Odo lehnte an der Mauer und sah in den Schnee.
„Feldwebel.“
Wiebkes Stimme kam von oben, nicht laut. Er sah hinauf. Sie hatte den Kopf über die Sandsäcke gehoben.
„Halt sie an. Ruf die Wache.“
„Es sind Wagen der Intendantur.“
„Ich seh sie durchs Glas.“ Sie sprach ohne Eile, so wie sie immer sprach, jeden Satz für sich. „Die Fahrer haben keine Atemwolken. In allen sieben nicht. Und dahinter, auf den Ladeflächen, seh ich Köpfe. Viele. Ich hab noch nie eine Wärmeversorgung gesehen, die so viele Köpfe fährt.“
Er schwieg.
„Feldwebel. Ich hab die Hand am Alarm.“
Neben dem Nest hing das Seil der Torglocke, ein daumendickes Hanfseil, das man in hundert Jahren nicht gezogen hatte, weil man die Sirene benutzte. Er sah ihre Hand darauf.
Er stieg die Wendeltreppe zum Wall hinauf. Niemand hielt ihn auf. Die Männer standen an ihren Plätzen mit gesenkten Köpfen, und in ihnen allen war die gleiche warme Ruhe. Ammer sah ihm nach. Er hatte die Hand am Vox.
Auf dem Wall wehte der Wind Schnee in seine Augen, und er sah sie zuerst nur als Umriss. Sie lag auf der Seite, das Gewehr auf ihn gerichtet, nicht schussbereit, sondern locker, wie man ein Gewehr auf jemanden richtet, den man kennt. Ihre andere Hand hielt das Glockenseil. Sie trug die Handschuhe. Sie waren aus grauer Wolle, zu groß, und die Fingerspitzen hingen leer.
„Ich hätte schießen können“, sagte sie. „Ich hab den ersten Wagen im Fadenkreuz gehabt, seit sie im Tal waren. Wenn ich den Fahrer treffe, steht alles.“
„Warum hast du nicht?“
„Ich hab auf dich gewartet.“
Er stand da, das Lasergewehr am Riemen, die Laserpistole am Gürtel. Aus der Halle kam keine Anweisung, und das würde ihn bis ans Ende beschäftigen: Die Halle fragte nichts und forderte nichts. Sie wartete, mit der ganzen Geduld der Wärme. Man bittet, hatte Kuhl gesagt, und man wird gebeten. Er hätte das Seil nehmen können. Er hätte die Torglocke selbst läuten und sich neben sie legen können, und sie hätte ihm nichts getan. Er wusste das so sicher, wie er wusste, dass die Wärme nicht gehen würde, wenn er es täte, dass sie nur ein wenig leiser würde, und dass er dann anfangen würde zu frieren.
Er dachte an Anton.
„Wiebke“, sagte er. „Lass es.“
„Sie haben Ruvo“, sagte sie. „Ruvo hat gelacht, damals, auf der Eiswelt. Erinnerst du dich? Er hat den Feldwebel der Zweiten nachgemacht, bis wir nicht mehr konnten. Ich hab neulich versucht, ihn zum Lachen zu bringen. Er hat gelächelt.“ Sie rührte sich nicht. „Ich will nicht, dass ihr euch das nehmt. Auch wenn es warm ist.“
„Es ist nicht nur warm.“
„Dann sag mir, was es noch ist.“
Er hatte keine Antwort. Er hatte eine Stimme, neun Jahre alt, die sagte, dass ihr nicht mehr kalt war, und diese Stimme war das Einzige in ihm, das er gegen die Bilder von Yannik und Ruvo und den vierarmigen Gefreiten hätte aufwiegen können, und es war ein winziges Gewicht auf einer Waage, die gegen ihn stand.
Sie zog am Seil.
Er hatte die Laserpistole in der Hand, bevor er es merkte. Er würde später versuchen, dieses Bruchstück einer Sekunde zu finden, das Loch, durch das er sich hätte anders entscheiden können, und er würde es nicht finden, weil es keines gegeben hatte. Er hatte es gewollt. Er hatte es gewollt, so wie man den Arm hebt, um einen Schlag abzuwehren.
Der Schuss fauchte über den Wall. Er traf sie in die Brust. Sie fiel zurück gegen die Sandsäcke, das Seil rutschte ihr aus der Hand und schwang lautlos, und die Glocke, hundert Jahre alt, gab nur ein einziges, dumpfes Klingen von sich, das der Wind wegnahm.
Er ging zu ihr. Sie lag auf dem Rücken, die Augen offen, und Schnee fiel auf ihr Gesicht und schmolz nicht.
„Tomas“, sagte sie. Sie hatte ihn seit dem Landetag nicht beim Vornamen genannt. „Und? War sie gut, die Suppe?“
„Ja“, sagte er.
Sie nickte, als hätte sie es geahnt, und dann nickte sie nicht mehr.
Er stand lange. Es war vielleicht eine halbe Minute. Unter ihm am Tor wartete der Konvoi, sieben Paar Scheinwerfer im Schnee, und die Motoren summten tief und ließen den Wall zittern. Er nahm den Passierschein aus der Tasche und sah, dass sein Daumen das Siegel gebrochen hatte, ohne dass er es bemerkt hatte.
Die Winde für die Torketten stand in einem Häuschen an der Wallecke. Er drehte sie selbst. Drei Männer aus der Halle kamen ihm zu Hilfe, sie legten die Hände neben seine, und die Ketten liefen, und der Nordtorflügel schwang auf, langsam und schwer, mit dem tiefen Geräusch, das er seit zweiundzwanzig Jahren kannte und das jedes Mal bedeutete, dass jemand nach Hause kam.
Die Lastschlepper fuhren ein. Auf den Ladeflächen standen Menschen dicht an dicht, in Mänteln, in Uniformen, mit Werkzeug und Waffen, ein Meer aus gesenkten Gesichtern, und mit jedem Wagen, der unter dem Bogen hindurchglitt, kam ein Flüstern, ein einziger Gruß aus hundert Mündern, so leise, dass er in den Wind überging.
Bleib warm.
„Wir bleiben“, sagte Karst, auf dem Wall, neben der toten Frau.
Um Mitternacht ging der Boden der Nordkaserne auf. Es kam aus den Kesselgängen unter dem Westflügel, ein Stoß, der sich anfühlte, als habe die Kaserne für einen Atemzug den Boden verlassen, und dann kam der Ton, tief und lang, und dann das Fenstergeklirr von zweitausend Scheiben. Ein Feuerpilz stieg über dem Westflügel auf. Es wurde hell im Schnee, und in dieser Helligkeit sah Karst auf dem Hof die ersten Menschen aus den Wagen springen und in die Nacht rennen.
VIII. Die Kaserne
Sie schliefen noch, als es begann. Die Mannschaften der Nordkaserne lagen in den Stuben zwei Ebenen unter dem Hof, sechshundert Mann in Reihen von Pritschen, und die Explosion hatte den Westflügel aufgerissen und die Treppenhäuser mit Staub gefüllt, und sie kamen aus den Betten in Unterhemden, mit Lasergewehren in den Händen, hustend, blind, und rannten in einen Hof, der von Menschen wimmelte, die sie kannten.
Denn viele der Angreifer trugen Uniformen. Es waren Männer des Regiments, die in der Halle gewesen waren, und sie fielen ihre Kameraden an, mit Kolben, mit Messern, mit den bloßen Händen, und die Kameraden erkannten sie und zögerten. Diese Sekunde des Zögerns kostete mehr Leben als alles andere in dieser Nacht.
Karst ging mit vierzig Männern über den Hof. Er hatte sie nicht gerufen. Sie waren einfach da, wie die Wärme da war, Yannik an seiner linken Seite, Ruvo an seiner rechten, hinter ihnen Odo mit dem Flammenwerfer und Ammer mit dem Vox, das nur noch rauschte. Yannik lächelte. Er hatte das Lasergewehr im Anschlag, und er ging wie ein Junge, der an einem Frühlingsmorgen zur Schule geht. Er schoss einem Mann in den Rücken, der aus einer Tür stürzte, und der Mann kippte vornüber auf die Steine, und Yannik nickte ihm freundlich zu, als habe er ihm einen Dienst erwiesen.
Aus den Mannschaftseingängen quoll Feuer. Aus dem Turm der Verwaltung fiel ein Fenster mitsamt dem Mann, der sich daran festgehalten hatte. Auf dem Hof lagen Tote, halb bekleidet, im Schnee, der von der Hitze der Flammen schmolz und wieder gefror, sodass sich das Pflaster mit einer Schicht aus schwarzem Eis überzog, und die Stiefel der Angreifer rutschten darauf. Ein Kommissar des Regiments, ein junger Mann, den Karst nicht kannte, stand mit gezogener Bolterpistole mitten auf dem Hof und schrie. Sie erledigten ihn von drei Seiten zugleich. Er fiel, ohne dass die Schüsse seine Stimme zum Schweigen brachten, und schrie noch am Boden, bis jemand ihm den Fuß auf die Kehle setzte.
Im Ostflur der Verwaltung hatten sie sich verbarrikadiert.
Hauptmann Brandt hatte es getan, mit Tischen, Aktenschränken und den umgekippten Pritschen der Wachstube, und hinter dieser Barrikade lagen dreißig Mann, die den Flur mit einem Sperrfeuer aus Lasergewehren überzogen, so dicht, dass die ersten sechs Angreifer wie Puppen zurückgeworfen wurden. Karst warf sich in eine Türnische. Neben ihm fiel ein Mann aus der Halle mit einem Loch in der Stirn, das noch rauchte.
„Odo“, sagte er.
Odo Kettel trat vor. Er ging aufrecht in den Flur hinein, ohne Eile, den Flammenwerfer vor dem Bauch, und die Laser trafen ihn und ließen ihn nicht stolpern. Sein Mantel rauchte. Er blieb stehen, hob die Düse, und die Zündflamme fauchte.
Der Strahl war orange und weiß und füllte den Gang wie eine Woge. Er fraß sich in die Tische, in das Holz und die Aktenschränke, und dahinter hörte Karst Menschen, die gerade noch Befehle gerufen hatten, in einem einzigen Ton verschwinden. Die Barrikade sackte zusammen. Aus dem Feuer stiegen brennende Gestalten, ruderten mit den Armen, fielen. Er sah Brandt. Der Hauptmann stand aufrecht in den Flammen, die Pistole noch in der Hand, und sah ihn an. Er hatte nicht einmal Zeit, etwas zu sagen. Er sah nur, mit diesen müden Augen, die nach zwei Jahren ohne Schlaf keine Fragen mehr stellten, und dann knickte er ein.
„Weiter“, sagte Karst.
Sein eigener Ton überraschte ihn. Er klang wie Marsch.
Ein Melter fraß ein Loch in die Ostmauer, ehe sie das Ende des Flurs erreichten. Er hörte es zuerst, das tiefe, gequälte Summen der Waffe, dann sah er den Strahl durch die Tür kommen, ein gleißendes, rotes Licht, das Ziegel und Beton zu einem Rinnsal aus Glühwasser machte. Die Wand löste sich in einem Kranz aus Funken auf. Dahinter lag die Nacht, der Schnee, die Aufstiegsstraße, die zum Berg führte, und durch das Loch strömten Soldaten. Er sah sie im Gegenlicht laufen, Schatten, die sich duckten, Männer in Unterhemden mit Lasergewehren und ein paar mit Verbänden um den Kopf, und sie liefen nicht in Panik. Jemand führte sie. Jemand hatte die Reste einer Kompanie gesammelt und in eine Kolonne verwandelt.
Er kannte das Gesicht sofort, obwohl es zwanzig Schritt entfernt war und verrußt.
Marsch stand auf der Galerie über dem Flur, den Rücken zum Feuer, die Bolterpistole in der Rechten. Sie hatte keinen Mantel an. Ihre Hände waren rot vom Frost und schwarz vom Pulver. Sie schoss, ohne hinzusehen, und ein Hybrid, der die Treppe hinaufgesprungen war, rollte rückwärts wieder hinunter. Sie schoss ein zweites Mal. Dann hob sie den Kopf und sah Karst.
Sie sah ihn lange an. Es war weder Hass noch Vorwurf in ihrem Gesicht. Sie hob die linke Hand, nackt und leer, und hielt sie ihm entgegen, nicht wie zum Gruß, sondern wie jemand, der etwas abwägt, das er nicht tragen will. Dann drehte sie sich um und ging.
Er hätte schießen können. Er hatte das Lasergewehr an der Schulter, und sie war ein Ziel, das man auf dieser Entfernung nicht verfehlen konnte. Sein Finger lag am Abzug, und in der Halle in ihm war es still, weil sie nicht drängte. Er ließ die Waffe sinken.
Später fragte er sich, ob es Gnade gewesen war oder nur Müdigkeit.
Das Kasino lag am Ende des Verwaltungsflügels, ein hoher Saal mit einer Tafel für hundert Gäste und Galerien für Musiker, die man in diesem Winter entlassen hatte. Die Explosion hatte die Decke in der Mitte gespalten. Ein Kronleuchter lag quer über dem Tisch, und die Tafel war mit zerbrochenem Kristall bedeckt und mit Männern in Paradeuniform, die ihre Orden noch trugen. Es roch nach Suppe. Man hatte für die längste Nacht Suppe gekocht, wie jedes Jahr, und sie stand in den Terrinen und dampfte.
Oberst Lobe lag auf dem Boden neben dem Kopfende, mit dem Rücken an einem umgestürzten Stuhl. Ein Balken hatte ihm die Beine unterhalb der Hüfte zerdrückt. Er war bei Bewusstsein und sah in den Riss in der Decke, durch den Schnee auf sein Gesicht fiel. Neben ihm kniete Kuhl.
Der Intendant hatte die Manschetten hochgeschoben. Er trug keinen Mantel, sein Gesicht war sauber, seine Finger lagen ineinander, und er sprach leise, so leise, dass Karst im Eingang nur Bruchstücke verstand: „… ich bitte um Nachsicht, Herr Oberst. Es wird nicht lange dauern. Es gibt keinen Grund, sich zu quälen …“
„Kuhl“, sagte Lobe. Seine Stimme war rau. „Gut, dass Sie da sind. Wo ist die Kommissarin? Wir müssen …“
„Ich weiß, Herr Oberst.“
Kuhl legte ihm die eine Hand auf die Stirn, wie man es bei einem Kranken tut, um das Fieber zu prüfen. Die andere schob er unter die Uniformjacke des Alten, zwischen die Rippen. Es ging sehr schnell. Etwas in der Bewegung war so sicher, so ohne Zögern, dass Karst begriff, dass Kuhl es nicht zum ersten Mal tat. Lobe holte Luft. Er sah den Intendanten an, und in seinen müden Augen war eine kleine, langsame Überraschung.
„Ach so“, sagte der Oberst.
Kuhl drückte ihm die Augen zu und blieb noch einen Augenblick knien.
„Bleib warm, Herr Oberst“, sagte er.
Er stand auf, zog die Manschetten herunter und sah zu Karst, als sei er ein Kollege, den man im Flur trifft.
„Feldwebel. Wie schön. Ich hatte gehofft, dass Sie kommen.“
„Die Kommissarin ist durch die Ostmauer.“
„Ich habe es gehört.“ Kuhl klang unbesorgt. „Hundertvierzig Mann, nach unserer Zählung. Sie werden die Aufstiegsstraße zur Zitadelle erreichen, und die Zitadelle hat Mauern, die zweihundert Jahre gehalten haben. Es ist nicht schlimm.“ Er lächelte. „Ich bitte um Nachsicht, dass ich Sie nicht früher warnen konnte, wie es ausgehen würde. Der Vater sagt, es sei die beste Nacht, die wir hätten bekommen können.“
Karst sah den Oberst an. Der Schnee lag auf den Wimpern des alten Mannes wie Salz.
„Er hat Ihnen vertraut“, sagte er.
„Ja“, sagte Kuhl. „Das war sehr freundlich von ihm.“
Als es hell wurde, brannte die Nordkaserne noch. Karst stand auf dem Hof, an der Stelle, an der Yannik im Hemd gestanden hatte, und die Flammen aus dem Westflügel warfen ihr Licht auf den Schnee, der wieder zu fallen begonnen hatte. Sie trugen die Toten zusammen. Es waren auf beiden Seiten sehr viele, und sie legten sie in Reihen, die Loyalen und die anderen nebeneinander, und Karst sah keinen Unterschied. Hinter der Mauer, oben, wo die Zitadelle aus dem Fels wuchs, brannten die Fenster gelb, und auf den Zinnen standen Menschen, klein wie Puppen.
Yannik kam heran. Er hatte Ruß im Gesicht und einen Schnitt an der Wange, der sich schon schloss, und er sah glücklich aus.
„Es ist warm, Feldwebel“, sagte er. „Merken Sie es? Sogar hier draußen.“
„Ja.“
Er merkte es. Er sah in die Kälte, in die Flocken, die durch den Rauch schwebten, und stellte fest, dass die Männer um ihn, die Toten fortschleppten, keine Wolken mehr in die Luft hauchten. Er atmete aus. Vor seinem Mund blieb es klar.
Und er fror nicht.
IX. Die Horchstation
Die Zitadelle hielt. Drei Tage lang rannte die Wärmegemeinde gegen ihre Mauern an, und drei Tage lang fielen ihre Leute im Schnee vor den Toren, und Kuhl entschuldigte sich bei jeder Meldung für die Verluste, als seien es Verspätungen. Sie waren zu viele, und die Mauern waren zu dick. Auf den Zinnen standen hundertvierzig Mann, die nichts mehr zu verlieren hatten, und mitten unter ihnen ging eine Frau ohne Handschuhe, die an jedem Morgen die Zinnen ablief und jedem Mann ins Gesicht sah.
Am vierten Morgen rief man Karst zu Kuhl.
„Wir haben ein Problem, Feldwebel“, sagte der Intendant. „Ich bitte um Nachsicht, dass ich es so unumwunden sage. Die Horchstation der Zitadelle sendet.“
Sie sendete seit dem ersten Tag. Der Turm, in dem der Astropath des Regiments saß, stand am Fuß der Zitadelle, an der Nordseite, und niemand hatte ihn genommen, weil man ihn von außen nicht nehmen konnte: eine Tür aus Panzerstahl, Wände so dick wie ein Mann lang, und in der Nacht kam aus seinen Fugen manchmal ein bläuliches Flimmern, das den Schnee davor zum Zischen brachte. Aber ein alter Kesselgang führte darunter hindurch, und Hanno hatte ihn gefunden.
„Er soll aufhören“, sagte Kuhl. „Der Vater bittet Sie darum. Sie kennen die Wege. Nehmen Sie, wen Sie brauchen.“
Karst nahm fünfzehn. Ruvo ging neben ihm, Yannik hinter ihm, Ammer mit dem Vox, das rauschte und rauschte. Sie stiegen durch den Kesselgang hinauf, im Dunkeln, über Rohre, die mit einer dünnen Schicht aus Wachs überzogen waren, und dann durch eine Luke in einem Keller, in dem es nach verbranntem Metall roch.
Die sechs Wachen der Horchstation starben in zwei Minuten. Es waren Soldaten des Regiments, jung und erschöpft, und sie hatten nicht damit gerechnet, dass jemand von unten kam. Karst sah einen von ihnen, der die Hände hob, und einen Mann aus der Halle, der ihm mit dem Schlagmeißel den Kopf einschlug. Er sah hin. Es gab niemanden, der ihm hätte sagen können, dass er wegsehen dürfe.
Dann stiegen sie die Wendeltreppe hinauf.
Die Luft veränderte sich auf halber Höhe. Sie wurde dicht und metallisch, wie Luft in der Nähe eines Blitzes, und ein Summen kam mit ihr, tief und ohne Quelle, das man mehr im Schädel spürte als in den Ohren. Einer der Männer hinter Karst blieb stehen, hielt sich die Ohren zu, und Blut lief ihm zwischen den Fingern hervor. Ammer schaltete den Vox aus, weil es plötzlich aufgehört hatte zu rauschen und stattdessen sprach.
Oben lag ein kreisrunder Raum mit Kabeln an den Wänden, die zu einem einzigen Punkt in der Mitte zusammenliefen, und dort saß in einem hohen Stuhl aus geschwärztem Eisen ein sehr alter Mann.
Astropath Oswin war blind. Man hatte es ihm nicht nehmen müssen, er war es schon lange, und über den leeren Augenhöhlen lag ein Tuch mit eingestickten Zeichen. Seine Hände lagen auf den Armlehnen, die Finger gespreizt, und zuckten. Der Mund bewegte sich, immerfort, ohne Ton. Um seinen Kopf herum stand ein Flimmern, das die Luft verzerrte, als hänge Hitze über einer Straße.
„Feldwebel Tomas Karst“, sagte er, und seine Stimme klang, als spräche er aus einem anderen Raum. „Dritte Kompanie. Ich habe auf Sie gewartet.“
Niemand rührte sich. Die fünfzehn standen an der Tür, und es war in ihnen etwas, das Karst zum ersten Mal an ihnen sah: Sie hatten Angst.
„Ich sehe Sie“, sagte Oswin. „Ich sehe euch alle. Ihr seid ein sehr lautes Licht.“ Er wandte das verhüllte Gesicht ein wenig zur Seite. „Ich habe drei Tage gesendet, Feldwebel. Ich habe nur einen Satz. Ich wollte, dass Sie ihn hören, bevor Sie es tun.“
„Sagen Sie ihn.“
„Der Kult ist die Tür.“
Karst hörte den Satz, und in der Halle, tief in ihm, regte sich etwas. Ein leises Ziehen. Die Halle wollte nicht, dass er zuhörte.
„Ihr Vater“, sagte Oswin, „ist ein Patriarch. Er ist ein Symbiont, ein Wesen, das sich in eurer Welt vermehrt, ohne dass ihr es merkt, und das eure Sehnsucht benutzt, um sich zu ernähren. Er hat Firnhalde nicht gewählt, weil es kalt ist. Er hat es gewählt, weil hier viele frieren. Es ist das Einfachste auf der Welt. Man gibt Wärme, und man bekommt Menschen.“
„Es ist mehr als das.“
„Ja, das ist es.“ Der alte Mann lächelte, sehr schwach. „Es ist auch wahr. Ich spüre es. Eure Gemeinde ist keine Lüge, das hat sie mir schwer gemacht. Aber hinter ihr steht etwas. Ein Schatten, Feldwebel. Sehr weit weg noch, aber er kommt näher, und er folgt dem Licht Ihres Vaters. Wie die Motten. Eine Schwarmflotte, so groß, dass der Himmel dahinter kein Ende mehr hat. Sie sind nicht auf dem Weg hierher, weil sie Firnhalde brauchen. Sie kommen, weil Ihr Vater ihnen ruft. Er ist die Tür, und ihr seid der Rahmen, und was hindurchkommt, hat noch nie einen Rahmen stehen lassen.“
Ruvo trat vor.
Er trat einen Schritt nach vorn, ohne dass Karst es gesehen hatte, und hob das Lasergewehr an, und Karst sah sein Gesicht im Schein der flimmernden Luft. Es lächelte nicht. Es hatte aufgehört, sich dem Lächeln zu widmen. Etwas ging darin vor, und es lief unter der Haut entlang, ein Wölben und Zusammenziehen, als wanderte ein Tier durch einen Sack.
„Ruvo“, sagte Karst.
Der Mantel riss an den Schultern. Es war ein Geräusch wie das Zerreißen von nassem Segeltuch, und aus den Rissen schob sich etwas Blasses, Langes, das zunächst wie ein Arm aussah und dann nicht mehr. Ruvo sah an sich herab. Er war noch da, für einen Augenblick war er ganz da, und er hob den Kopf und blickte Karst an, mit diesen schmalen Augen, die er von drei Feldzügen her kannte.
„Feldwebel“, sagte er. Seine Stimme war heiser und klang wie früher. „Ich glaube, mir ist kalt.“
„Ruvo …“
„Das ist der Witz daran.“
Dann drehte sich sein Kopf ruckartig zu Oswin, und was aus Ruvo Hesse geworden war, sprang.
Karst schoss. Er hatte das Lasergewehr im Anschlag, und der Schuss traf den Springenden in der Luft, in die Brust, die halb offen war, und hob ihn zurück. Ruvo prallte gegen die Wand, glitt herab, und seine Hände, die viel zu viele waren, tasteten noch eine Weile über den Boden, als suchten sie etwas, das sie verloren hatten.
In der Halle riss es.
Diesmal wurde aus dem Loch ein Riss, der von der Brust bis in den Nacken lief, und die Kälte strömte hindurch wie Wasser durch einen Deich. Er ging in die Knie. Er hörte die Gemeinde in sich aufheulen, hunderte Stimmen, sanft und entsetzt, wie eine Mutter, die ihr Kind unter einem Wagen sieht, und dann hörte er, was sie riefen. Sie riefen seinen Namen. Sie riefen ihn so, wie ein Neunjähriger ruft, wenn man ihn zu lange draußen lässt.
„Tomas, komm heim. Tomas, komm heim, komm heim.“
„Yannik“, sagte er, als er wieder atmen konnte.
Der Junge kniete auf dem Boden. Er hielt sich die Arme vor der Brust, wo der Stoff sich wölbte und dehnte, und sein Gesicht war nass und sehr jung. „Feldwebel, mir ist so warm“, sagte er. „Es hört nicht auf. Es hört nicht auf.“ Die anderen hatten sich um ihn gedrängt und zogen ihn weg, ohne ihn anzusehen, und Karst sah ihnen zu und rührte sich nicht.
Oswin hatte den Kopf gehoben. Die Finger auf den Lehnen zuckten nicht mehr.
„Es ist heraus“, sagte er. „Der Satz. Ich weiß nicht, ob jemand antwortet. Aber es ist draußen, und Sie haben es ermöglicht, Feldwebel. Sie haben den geschossen, der mich töten wollte.“
„Er war mein Freund.“
„Ja.“ Es lag kein Vorwurf in dem Wort. „Man kann beides sein.“
Karst kam auf die Beine. Seine Knie hielten ihn kaum. Er sah den Alten an, der wieder zu murmeln begonnen hatte, und begriff, dass er jetzt einen Befehl geben musste, und dass es niemand mehr gab, der ihm sagen würde, welchen.
„Senden Sie weiter“, sagte er.
„Ich habe nicht vor, aufzuhören.“ Oswins Mund verzog sich. „Feldwebel. Wenn Sie noch etwas tun wollen, das keinem gehört. Nicht der Kommissarin, nicht der Halle. Der Patriarch sitzt unter dem Kessel. Wenn er stirbt, reißen die Bande, und das Licht erlischt. Ob es reicht, weiß ich nicht. Aber es ist alles, was ich sehen kann.“
Er ging. Sie ließen ihn gehen. Niemand hielt ihn auf, weder die fünfzehn noch die Stimmen in ihm. Beim Abstieg hörte er hinter sich den Astropathen weitersprechen, monoton und leise, in die Nacht hinaus, und vor sich hörte er die Halle rufen.
Er hielt sich beide Hände an die Schläfen, die drei Finger und die zwei Stellen, und stieg trotzdem hinunter.
X. Der Kessel
Er ging die Aufstiegsstraße im Morgengrauen hinauf, mit erhobenen Händen und ohne Waffe, und die Zitadelle sah ihm zu. Er merkte, wie die Läufe auf den Zinnen ihn verfolgten. Es war ein Gefühl im Nacken, sehr kalt, und er war dankbar dafür.
Vor dem Tor blieb er stehen. „Ich will die Kommissarin sprechen“, rief er hinauf. „Ich kenne den Weg zu ihm.“
Es dauerte lange. Er stand im Schnee, und die Stimmen in ihm riefen, leiser jetzt, aber nicht weniger. Tomas, komm heim. Er hatte gelernt, sie zu ertragen, so wie man ein Fieber erträgt: Man hörte nicht zu, man wartete nur.
Dann öffnete sich die kleine Tür im Tor, und Marsch kam heraus.
Sie sah furchtbar aus. Es waren fünf Tage, seit er sie im Ostflur gesehen hatte, und in diesen fünf Tagen hatte sie mehr Fleisch verloren, als sie hatte, die Wangen lagen in Höhlen, und über die Handrücken zogen sich Risse, die sich nicht mehr schlossen. Sie hielt die Bolterpistole an der Seite, den Lauf nach unten.
„Feldwebel.“
„Frau Kommissarin.“
„Ich habe Sie im Ostflur nicht erschossen, weil mir meine Leute wichtiger waren. Ich erschieße Sie jetzt nicht, weil Sie allein die Straße heraufkommen, mit erhobenen Händen, und weil ich wissen will, warum.“ Ihre Stimme blieb glatt. „Wiebke ist tot.“
„Ja.“
„Ich weiß. Ich habe in jener Nacht die Glocke gehört. Einmal.“ Sie sah ihn an, ohne zu blinzeln. „Warum sind Sie hier?“
Er griff in die Manteltasche und zog die Handschuhe heraus, graue Wolle, zu groß, die Fingerspitzen leer. Er wusste nicht, wann er sie genommen hatte. Er hielt sie ihr hin. Sie sah sie an, lange, und nahm sie nicht.
„Behalten Sie sie“, sagte sie. „Ich trage keine.“
„Ich kann Sie zu ihm führen. Zum Patriarchen.“ Das Wort fühlte sich fremd an. „Er sitzt unter dem Kessel. Ein Gang beginnt im Keller der Zitadelle, unter dem Vorratsraum, hinter einer zugemauerten Tür. Ich weiß, wo. Wenn er stirbt, reißt die Gemeinde.“
„Und wenn es eine Falle ist?“
„Dann erschießen Sie mich zuerst.“
„Das hatte ich vor.“ Sie trat einen Schritt näher. „Drehen Sie sich um. Zeigen Sie mir den Nacken.“
Er drehte sich um. Er spürte ihre Finger, kalt und rau, auf der Haut, und dann ihre Nägel, die die Stelle abtasteten, den Punkt, so groß wie eine Nadelspitze. Sie sagte nichts. Sie zog die Hand zurück.
„Ich sollte Sie erschießen“, sagte sie.
„Ja.“
„Nach dem Kessel.“
Sie nahm vierzehn Mann. Einen Melterträger, einen Unteroffizier mit dem Kettenschwert und zwei Flammenwerfer, dazu zehn mit Lasergewehren, die in diesem Winter auf die Hälfte ihres Gewichts abgemagert waren. Sie sprachen nicht. Sie sahen Karst an, als sei er ein Tier, das man auf der Straße gefunden hatte, und niemand rückte von ihm ab. Der Unteroffizier drückte ihm eine Laserpistole in die Hand. „Geladen“, sagte Marsch. „Ich möchte sehen, was Sie damit tun.“
Der Gang begann, wie er gesagt hatte, unter dem Vorratsraum. Die Tür war zugemauert, der Melter fraß sie in zehn Sekunden auf. Dahinter lag ein Schacht mit Eisenleitern, und tief unten hörte man den Kessel dröhnen.
Karst stieg voran. Er kannte den Weg. Es war der, den ihn Hanno geführt hatte, nur von der anderen Seite, und er erinnerte sich an jeden Schritt, an jedes Rohr, an die Wärme, die mit jeder Leitersprosse stärker wurde. Marsch stieg hinter ihm, so nah, dass er ihren Atem im Nacken hörte, und die Mündung ihrer Pistole berührte gelegentlich seinen Rücken, ohne Druck.
Der Dampf begann auf halber Strecke.
Er stand in den Kesselgängen wie Nebel, weiß und heiß, so dicht, dass man die Hand vor dem Gesicht verlor. Die Männer legten die Hände auf die Schultern der Vordermänner, wie Blinde, und Karst führte sie, indem er die linke Wand entlangstrich, mit den drei Fingern und den zwei Stellen, die es nicht mehr gab. Es tropfte von der Decke. Die Rohre stöhnten.
Sie kamen aus dem Dampf, ohne dass man sie gehört hätte.
Der erste Schrei kam von hinten. Karst wirbelte herum und sah nur weiße Schwaden und darin einen Schatten, der sich auf einen der Laserschützen geworfen hatte, groß und langarmig. Ein Fauchen, ein Klirren, ein Mann, der schrie. Marsch schoss, zweimal, und das Mündungsfeuer machte im Dampf für einen Augenblick einen Saal aus Licht, in dem Gestalten hingen wie Fleisch in einem Laden. Sie waren überall. Sie kamen von den Rohren herab, aus Nischen, aus Lüftungsschächten, und sie berührten Karst nicht. Sie strichen an ihm vorbei, in einem Abstand von Fingerbreiten, mit schmerzhaft traurigen Gesichtern, und fielen die anderen an.
Er schoss.
Er schoss auf jene, die ihn gekannt hatten. Er wusste es, jedes Mal, wenn der Kopf einer Gestalt im Schein des Schusses zu ihm herumfuhr. Er sah sie, die Frau vom Ordnerdienst, einen der Pioniere, die die Rohre verschweißt hatten, und jeder Schuss riss einen kleinen Riss in die Halle, und dann kam die Kälte durch. Er weinte. Er merkte es an der Nässe im Gesicht, die im Dampf nicht von den Tropfen zu unterscheiden war.
Der Flammenwerfer flammte auf. Im Dampf war es ein rotes Wunder, ein Feuerbogen, der fauchend über die Rohre lief und die Nischen ausleuchtete, und in den Nischen kauerten sie, dutzendweise, und schrien. Der Geruch war süß und schwer. Der zweite Flammenwerfer folgte. Der Dampf glühte orange.
Vor der letzten Biegung stand Yannik.
Er stand mitten im Gang, mit gebeugten Schultern, und was sich am Vortag unter seiner Uniform gewölbt hatte, hatte den Stoff zerrissen. Die zweiten Arme hingen schlaff, nass, wie Fahnen bei Windstille. Er sah Karst an. Der Flammenwerfer neben Marsch hob die Düse.
„Nein“, sagte Karst.
„Feldwebel“, sagte Marsch.
„Ich mache es.“
Er ging zu dem Jungen. Es waren nur vier Schritte. Yannik sah ihn an, das Gesicht klein und hilflos in dem Wirrwarr aus Armen, und sein Mund zitterte.
„Es ist warm, Feldwebel“, sagte er. „Ich glaube, es ist nicht mehr warm. Ich glaube, es ist auch nicht mehr kalt.“
„Ich weiß.“
„Er lässt mich nicht gehen. Und Sie können nicht durch, wenn ich hier stehe.“ Er schluckte. „Sie müssen das machen. Bitte.“
Karst hob die Pistole. Er hatte sie noch nie so ruhig gehalten. Der Schuss ging durch den Dampf, kurz, und Yannik Brey, der zwei Monate zuvor am Rand der Neunzehnten gehustet hatte wie ein Uhrwerk, sackte in sich zusammen und lag still.
Marsch trat neben ihn und legte, ohne etwas zu sagen, eine Hand auf seine Schulter. Es war eine kurze, harte Berührung. Dann nahm sie sie weg.
Die Kesseltür lag hinter der Biegung, ein Schott aus verkrustetem Stahl, halb offen, und in der Öffnung stand Wenke.
Sie trug ihre Schürze. Sie war die Einzige in der ganzen Kesselanlage, die nicht schwitzte. Ihr Gesicht war ruhig, die roten Unterarme hingen locker an den Seiten, und sie stand so breit im Schott, dass man sie nicht hätte umgehen können.
„Junge“, sagte sie.
Die Männer hinter ihm hoben die Waffen. Marsch hob nichts. Sie sah Wenke an, mit der ganzen Konzentration eines Menschen, der sich ein Gesicht merkt.
„Du bist gekommen.“ Wenkes Stimme klang wie in der Stube, dunkel und mütterlich, und der Dampf machte um sie einen Hof. „Ich habe gewusst, dass du kommst. Ich habe zu den anderen gesagt, er wird kommen, er ist ein guter Junge.“
„Geh zur Seite.“
„Du warst warm. Weißt du noch? Du hattest Schmerzen in den Fingern, und ich habe dir Suppe gegeben, und du hast geweint.“ Sie lächelte, und es war so freundlich, dass ihm die Knie weich wurden. „Ich habe dir nichts genommen. Ich habe dir nur gegeben. Du willst das einzige töten, was dich gehalten hat.“
„Es hat mich nicht gehalten“, sagte er. „Es hat mich benutzt.“
„Das schließt sich nicht aus.“
Er hatte keine Antwort darauf. Er sah ihre Ärmel, und darunter bewegte sich etwas, die Haut warf Wellen, und er sah, dass sie es nicht mehr verbarg. Sie hob die Arme, und es waren mehr als zwei, sechs, acht, die aus den Ärmeln glitten, schlank, lang und weiß wie Kerzen, und sie breitete sie aus, alle, in der Bewegung einer Frau, die nach Hause kommt und ihr Kind empfängt.
„Komm her“, sagte sie. „Dann ist es vorbei. Du musst nichts tun.“
Er wusste, dass es stimmte. Er wusste, dass er in diese Arme gehen und für den Rest seines Lebens warm sein könnte, und Anton würde sagen, dass ihm nicht mehr kalt sei, und alles wäre gut. Er stand da, die Pistole in der Hand, und der Dampf zog an ihm vorbei.
„Feldwebel“, sagte Marsch, leise.
„Ich weiß.“
„Wenn Sie es nicht können, sagen Sie es.“
„Ich kann es nicht“, sagte er.
„Gut.“
Sie nickte dem Melterträger zu.
Der Strahl fuhr durch den Dampf, ein Strich aus Rot und Weiß, und traf Wenke in die Brust. Sie schrie nicht. Sie stand einen Augenblick da, die Arme ausgebreitet, den Kopf ein wenig schief, und der Dampf um sie kochte, und die Schürze fing an zu brennen, und ihr Gesicht blieb dabei ruhig. Dann fielen ihr die Arme herab, einer nach dem anderen, und sie sackte auf die Knie.
Er war bei ihr, bevor er es wusste. Er fing sie auf, und sie war leicht, unglaublich leicht, wie ein Sack Federn, und sie roch nach Zwiebeln und nach Rauch. Ihre Hand fand seine, und es war wieder eine Hand, breit, warm, mit Suppenwärme in den Fingern.
„Junge“, sagte sie, sehr klein.
Mehr sagte sie nicht.
Er legte sie auf den Boden. Er stand auf, und Marsch stand neben ihm und sah ihn an, und sie sagte kein Wort davon, dass es ihr leidtue. Sie trat an das Schott und stieß es auf, und hinter ihm lag die Treppe, die abwärts in die Wärme führte.
XI. Der Vater
Die Treppe war länger, als er sie in Erinnerung hatte. Sie hatte mehr Stufen, oder er ging langsamer, und mit jeder Stufe wurde die Luft wärmer und schwerer, bis sie an der Haut klebte wie Atem. Vor ihm ging der Melterträger, hinter ihm Marsch, und hinter ihr die Übrigen, sieben, mehr waren nicht geblieben. Die Waffen waren leiser geworden. Niemand sprach.
Die Halle lag offen vor ihnen.
Sie war voll. Wie in jener ersten Nacht saßen die Menschen in Ringen auf dem warmen Fels, mehrere hundert, die Köpfe gesenkt, und diesmal kniete auch niemand in der Mitte. Sie warteten. Man hatte sie nicht bewaffnet und nicht versteckt, und sie sahen den Eindringlingen nicht entgegen. Als sie die letzte Stufe betraten, wandten sie ihre Gesichter alle gleichzeitig der Treppe zu, sanft, wie eine Wiese sich im Wind neigt, und aus den Ringen kam ein Ton, den Karst inzwischen kannte, ein tiefes, gleichmäßiges Summen aus hunderten Kehlen.
Bleib warm. Bleib warm. Bleib warm.
„Feuer“, sagte Marsch.
Es war kein Kampf. Er wollte es später anders nennen und konnte es nicht. Der Flammenwerfer hob die Düse und legte einen Bogen über den ersten Ring, und die Menschen darin rührten sich nicht. Sie brannten sitzend, mit gefalteten Händen, und das Summen wurde höher und brach dann nicht ab, sondern wurde leiser, nach und nach, wie ein Chor, dem einer nach dem anderen die Luft ausgeht. Ein Junge rannte aus dem Ring, brennend, und lief dem Melterträger in die Arme, und der Mann ließ die Waffe fallen und umfasste ihn, als könne er das Feuer ersticken, und dann brannten sie beide.
Karst schoss nicht. Er ging.
Er ging durch die Ringe hindurch, die Laserpistole in der Hand, und links und rechts neben ihm brannten Menschen, die er gekannt hatte. Die Frau vom Ordnerdienst hob den Kopf, als er vorbeikam, und lächelte ihn an. Ein Pionier flüsterte etwas, das Karst nicht verstand und sofort begriff. Hanno saß im dritten Ring, aufrecht, das Talglicht neben sich, und sah Karst nach, mit einem Gesicht, das nichts als Sorge kannte.
Zum ersten Mal, dachte Karst, sehe ich, was Marsch seit dreißig Jahren tut. Es war ein Gedanke ohne Erleichterung. Er wusste, dass er stimmte.
Am Ende der Halle stand Kuhl.
Der Intendant hatte den Mantel abgelegt und die Manschetten hochgeschoben, und seine Hände hingen an den Seiten, sehr lang und sehr sauber. Er war der Einzige, der stand. Hinter ihm, im Halbdunkel, wo die Wärme herkam, hing die Dichte, die Karst wie einen Stoff auf der Haut spürte, und er wusste, ohne hinzusehen, dass sie größer geworden war.
„Feldwebel“, sagte Kuhl. „Ich bitte um Nachsicht, dass ich Sie enttäuschen muss.“
„Geh zur Seite, Piet.“
„Das kann ich nicht. Ich bin an dieser Stelle aufgestellt worden.“ Er lächelte, ohne Bosheit, wie ein Mann, der einem Gast erklärt, warum die Tür geschlossen ist. „Man hätte Sie auch an meiner Stelle nicht gehen lassen.“
Seine Hände veränderten sich. Es war nichts Plötzliches daran. Die Finger wurden länger, die Nägel dunkler, und die Haut auf den Handrücken bekam den stumpfen Glanz von Horn. Er hob sie langsam, und Marsch schoss.
Sie schoss mit der Bolterpistole, aus zehn Schritt, und traf ihn im Mund, mitten in einem Wort. „Ich bitte um Nach…“ Der Kopf schlug nach hinten, und Kuhl fiel, ohne dass seine Manschetten sich verschoben hätten, und blieb liegen. Er sah sehr höflich aus.
Marsch senkte die Pistole. „Ich hatte ihn eine Weile im Visier“, sagte sie. „Er sprach zu viel.“
Der Melterträger war tot, mit dem Jungen im Arm. Die anderen hatten die Ringe hinter sich gelassen und standen jetzt in der Mitte der Halle, atemlos, verbrannt an den Händen. Karst ging zu der Stelle, an der der Melter auf dem Fels lag. Er war schwer, als er ihn aufhob, schwer wie ein Kind, das im Schlaf nicht getragen werden will. Er trug ihn in den Armen weiter, dorthin, wo die Wärme herkam.
Der Vater saß in der Wand.
Er sah ihn zum ersten Mal, und er hätte später nicht sagen können, was er gesehen hatte. Es war groß, größer als ein Tor, und es saß im Wachs, das die Wände überzog, und das Wachs war ein Teil von ihm, oder er ein Teil des Wachses. Es gab einen Kopf, der zu breit war, und Arme, die zu lang waren, und es gab Augen, viele, in einer Reihe, dunkel und sanft wie die eines Rindes. Der Körper bewegte sich langsam mit dem Atem der Halle, und die Halle atmete mit ihm, und dieser Atem war seit Wochen der seine gewesen.
Er hatte keine Angst, und darin lag das Furchtbare. Vor ihm saß das Wesen, das Firnhalde fressen würde, und Karst fühlte nur dieselbe tiefe, warme Ruhe, die er in den Ringen gefühlt hatte, und ein Verlangen, das Kinn zu senken.
Tomas.
Die Stimme kam aus der ganzen Halle zugleich. Sie war leise und neun Jahre alt.
Mir ist nicht mehr kalt.
„Anton ist tot“, sagte Karst.
Ja. Aber ich habe ihn behalten.
„Das ist gelogen. Du hast meine Erinnerung benutzt.“
Beides. Es klang traurig, und es war wahr, und Karst begriff, dass es nie eine Lüge gewesen war, nie, und dass das das Schlimmste war, was man über diese Wärme sagen konnte. Ich habe dich gehalten, Tomas. Du hast so lange gefroren. Komm heim. Es kostet nichts, was du nicht schon verloren hast.
Hinter ihm stand Marsch, sie sagte nichts. Er hörte ihren Atem und sonst nichts.
Er dachte an den Hof. An Yannik im Hemd, Atem, der nicht stand. An Wiebke im Schnee, mit den Handschuhen, die zu groß waren. An Ruvo, der sich für einen letzten Augenblick an einen Witz erinnert hatte. Er dachte an Wenke, die leicht gewesen war, und an die Stimme, die nicht neun Jahre alt sein durfte, weil Anton nicht mehr da war, um sie zu haben.
Er hob den Melter.
Tomas, bitte.
Es war die Stimme seines Bruders. Es würde immer die Stimme seines Bruders sein, das wusste er, sie würde in ihm bleiben, auch wenn das Wesen starb, weil er sie dorthin gelegt hatte. Er hielt die Waffe an der Schulter, wie man ein Kind hält, und legte den Finger an den Abzug.
„Es tut mir leid“, sagte er zu Anton, oder zu dem, was Anton benutzt hatte, oder zu sich.
Der Strahl war weiß.
Er schlug in die Reihe der Augen, und das Wachs an den Wänden warf Blasen und begann zu laufen. Das Wesen schrie nicht. Es sang, einen einzigen, hohen Ton, der aus allen Wänden zugleich kam, und dann kam der Ton aus allen Ringen, hunderte Kehlen, die auf einmal aufschrien, und dann brach die Halle in ihm zusammen.
Es war wie das Reißen eines Seils, an dem er seit Wochen gezogen hatte. Die Stimmen verstummten, alle auf einmal, und in der Stille war nur noch sein eigener Atem. Er fiel auf die Knie. Der Melter glitt ihm aus den Händen. Die Wärme verließ ihn, langsam, wie Wasser aus einer Wanne, von den Fingern her, von den Zehen, aus der Brust, und zurück blieb, was vorher da gewesen war.
Kälte.
Sie war nicht mehr die Kälte der Neunzehnten, nicht die des Hofes. Sie war seine eigene. Sie fuhr ihm in Hände und Rücken, und die Finger, die er nicht mehr hatte, schmerzten wieder, klar und genau, und er hielt sie in die Luft und ließ sie schmerzen. Kälte ist Ehrlichkeit, hatte Marsch gesagt, auf dem Hof im Dunkeln, und er hatte es für einen Spruch gehalten. Er kniete im warmen Fels, in einer Halle voller Toter, und fror, und es war zum ersten Mal seit Wochen wahr.
Marsch kam und stellte sich neben ihn. Sie sagte nichts. Nach einer Weile bückte sie sich, nahm den Melter auf und reichte ihm die Hand.
Er nahm sie. Sie war kalt und rau und sehr fest.
XII. Schnee
Die Wärme, die aus dem Kessel kam, reichte bis zur Sechzehnten Stufe. Das war immer so gewesen. Was darunter lag, hatte die Gemeinde gewärmt, und nun war die Gemeinde fort, und in der ersten Woche erfroren auf den unteren Stufen mehr Menschen als in dem ganzen Winter davor. Sie lagen in ihren Decken unter den Rohren, wie sie schon immer gelegen hatten, und man fand sie am Morgen, mit Reif auf den Wimpern. Niemand kam mit einer Suppe.
Marsch hatte es gewusst. Sie sagte es Karst auf dem Wehrgang der Zitadelle, am neunten Tag, während sie die Zinnen abgingen, und sie sagte es ohne Härte, wie man einen Fahrplan verliest. „Das ist der Preis. Ich habe ihn gekannt, als wir hinuntergingen. Ich hätte ihn nicht verkleinern können, indem ich ihn verschwiegen hätte.“
„Ich habe ihn auch gekannt“, sagte Karst.
„Nein.“ Sie blieb stehen. „Sie haben ihn gefühlt. Das ist etwas anderes.“
Er ging in diesen Tagen ohne Fesseln durch die Zitadelle, und die Männer sahen ihn an und ließen ihn vorbei. Sie hatte ihn nicht erschossen. Sie hatte am ersten Morgen gesagt, dass sie es nach dem Kessel tun werde, und am zweiten, dass sie keine Zeit habe, und danach hatte sie nichts mehr gesagt, und er hatte begriffen, dass sie es nicht vergessen hatte. Sie hielt es in der Hand, wie man ein Blatt hält, das man nicht weglegt.
Ammer war bei ihm. Der Funker war einer von vierzig Überlebenden aus der Halle, die die Loyalen aus den Wärmestuben geholt hatten, dünn, zitternd, mit Augen, die auf nichts fixierten. Sie hatten sie entwaffnet, dann bewaffnet, weil man die Männer brauchte, und keiner von ihnen sprach von dem, was in den Ringen gewesen war. Nachts hörte man sie im Schlaf. Sie riefen Namen, die niemand kannte, und manchmal riefen sie einen Satz. Karst hörte ihn durch die Wand seiner Kammer, jede Nacht, und wachte davon nicht auf, weil er nicht mehr schlief.
Bleib warm.
Er war kalt. Die Kälte hatte sich in ihm eingerichtet wie ein Nachbar, der nicht mehr geht. Sie schmerzte in den Händen, im Rücken, in den Stellen, wo die Finger fehlten, und sie war das Einzige, das er sicher als seins erkannte.
Oswin hatte man auf das Dach getragen. Er saß in seinem Eisenstuhl an der Brüstung des Horchturms, in Decken gewickelt, mit dem Tuch vor den Augen, und murmelte den Satz in den Himmel, den er seit über zwei Wochen sprach. Er sprach ihn leiser als früher, aber er hörte nicht auf.
„Es hat jemand geantwortet“, sagte er am Abend zu Marsch, als sie zu ihm heraufkam.
Sie sagte nichts. Karst, der hinter ihr stand, sah, wie sich ihre Hand öffnete.
„Ich weiß nicht, wie weit weg. Ich weiß nicht, wer. Es war kein Wort, es war nur eine Richtung.“ Der Alte hob das verhüllte Gesicht. „Vielleicht ein Schiff. Vielleicht eine Flotte. Sie werden Wochen brauchen, und ich weiß nicht, wie viele Wochen wir haben.“
„Wir werden halten“, sagte Marsch.
„Ja.“ Oswin lächelte, sehr dünn. „Das dachte ich mir.“
Sie stand noch eine Weile neben ihm, ohne etwas zu sagen. Dann sah sie über die Brüstung, nach Norden, zum Gletscher hinaus, wo der Himmel sich zu färben begann, mit einer stumpfen, öligen Farbe, die es dort nicht gab.
„Feldwebel“, sagte sie.
„Ja, Frau Kommissarin.“
„Wie viele haben wir auf der Nordmauer?“
„Zweihundertzwölf. Einhundertzwanzig der Regimentsreste, vierzig aus der Halle, der Rest Stadtwachen und Zivilisten mit Lasergewehren.“
„Zu wenige.“
„Ja.“
„Es gibt keine anderen.“ Sie sagte es wie einen Befund. „Ich habe Ihnen gesagt, ich werde Sie erschießen.“
„Ja.“
„Ich brauche Sie auf der Mauer.“ Sie sah ihn nicht an. „Das ist keine Gnade. Es ist Mangel.“
„Ich verstehe.“
„Gut.“
Sie kamen in der Nacht.
Zuerst merkte man es an den Sternen. Sie gingen aus, einer nach dem anderen, im Norden, über dem Gletscher, langsam, wie Kerzen in einem Haus, in dem jemand von Zimmer zu Zimmer geht. Der Himmel wurde dunkler, als er sein durfte, ein Dunkel, das keine Wolke war, und es kam näher. Die Männer auf der Nordmauer verstummten. Auf dem Horchturm schrie Oswin, ein einzelnes, hohes Wort, und dann sagte er nichts mehr, und Marsch, die neben ihm stand, legte ihm die bloße Hand auf die Schulter.
Karst stand an der Zinne, das Lasergewehr im Arm. Neben ihm stand Ammer, der zitterte, und rechts und links standen die Männer des Regiments, die er seit dem Landetag kannte, mit Gesichtern, die ihm nichts nachtrugen, weil sie zu müde dafür waren.
Er zog die Handschuhe aus der Manteltasche. Er hatte sie in diesen Tagen bei sich getragen und nicht gewusst, wozu. Jetzt zog er sie an, die grauen Wollhandschuhe, zu groß, die Fingerspitzen leer, und ballte die Fäuste. Sie waren nicht warm. Die Wolle war von Wiebkes Händen vorgewärmt gewesen, nicht mehr, und jetzt war sie nur noch Wolle. Aber sie hielten die Kälte ein wenig von der Haut ab, gerade so viel, wie man braucht, um das Gewehr zu halten.
Ein Handschuh ist ein Zwischenraum, hatte Marsch gesagt. Er dachte, dass es Zwischenräume gab, die man brauchte.
Unten in der Stadt begannen die Sirenen. Es waren die alten Sirenen von Hartenfels, die man seit dem letzten Jahrhundert nicht mehr geprobt hatte, und sie heulten, ungleichmäßig, in einem Ton, der von den Gletscherwänden zurückkam. In den Stufen gingen Lichter an, viele, schwach, wie Funken in kalter Asche. Es waren die Menschen auf den unteren Stufen, die aus ihren Decken krochen und zum Himmel sahen.
Dann kam der Wind. Er kam von Norden, und er roch nach Salz und nach faulem Obst.
Marsch trat an seine Seite. Sie hatte die Bolterpistole gezogen und hielt sie an der Hüfte, und ihr Gesicht im Licht der Sirenenlampen sah aus wie das eines Menschen, der sich zu viele Gesichter gemerkt hat.
„Kälte ist Ehrlichkeit, Feldwebel“, sagte sie.
„Ja, Frau Kommissarin.“
„Ich habe es früher gesagt, um Männer zu quälen.“ Sie sah auf den Himmel. „Ich glaube, es ist auch wahr.“
„Es ist wahr.“
Sie nickte. Sie standen nebeneinander, in der Nacht, auf der Mauer, und sahen dem Dunkel zu, das aus dem Norden kam, und das Dunkel senkte sich, langsam, wie ein Tuch, und in ihm bewegte sich etwas, sehr viel, sehr weit, das keine Wolke war.
Dann fiel es.
Es fiel in großen, weichen Flocken, weiß und schwerelos, schwebend im Licht der Sirenenlampen. Es fiel auf die Zinnen, auf die Mauer, auf die Gesichter der Männer, die den Kopf zurückgelegt hatten. In der ersten Reihe der Stadt, unten auf den Stufen, hoben Kinder die Hände.
Karst streckte den Arm aus. Eine Flocke fiel auf den grauen Wollhandschuh und blieb liegen.
Sie schmolz nicht.
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