Vierzig Tage

Die Zeugen · Fünfter Teil

Die Feuerhüter von Nocturne · Die Goldene Mauer · Word Bearers (Die Zeugen der Wunde) · Die Rauhgrater · Zivilisten (Hollbrunn)

Teil 5 von 5 · 38 Min. Lesezeit

„„Eine Chronik ist kein Zeugnis. Ein Zeugnis sagt, was war. Eine Chronik sagt, was der Orden tragen kann."“

Ordenspriester Vel'Schwur, Randbemerkung im Reliquiarium, ohne Datum

I. Der sechsunddreißigste Tag

Es gibt zwei Bücher, die ein Ordenspriester führt, und nur eines davon ist aus Papier.

Das aus Papier ist die Chronik. Sie wird im Reliquiarium aufbewahrt, in den drei Felskammern, deren Regale zu zwei Dritteln leer sind, und jeder Ordenspriester der Feuerhüter schreibt hinein, was der Orden über sich wissen soll: Feldzüge, Gefallene, Entscheidungen, mit Datum. Das andere Buch ist das, das er im Kopf führt, und es steht mehr darin, und niemand liest es.

Vel'Schwur stand am Morgen des sechsunddreißigsten Tages auf dem Wehrgang über Tor Zwei und begann, in beiden zu schreiben.

Unten lag Salzgrund. Die Gradierwerke rieselten; man sah es am Glanz auf dem Holz. In den Gassen saßen die Lichter, und seit einigen Tagen saßen sie nicht mehr in den Gassen, sondern standen in den Straßen, in Reihen, die auf den Siedeplatz führten und von dort weiter, durch die Lücke im Zaun, auf die Ebene hinaus, wo jemand mit Kreide oder Asche Linien ins Salz gezogen hatte. Man konnte von hier oben nicht lesen, was die Linien bedeuteten. Man konnte sehen, dass sie auf etwas hinausliefen, und dass es eine Richtung hatte, und dass die Richtung der Himmel war.

Vier Tage.

Bre'kar stand zehn Schritt weiter, wie jeden Morgen, und sagte die Zahl, zu niemandem. Der Hauptmann hatte sie seit dem zwölften Tag jeden Morgen gesagt, und Vel'Schwur hatte jeden Morgen zugehört, und in dem Buch, das aus Papier war, würde stehen: Der Hauptmann hielt den Ring vierzig Tage. In dem anderen stand, dass er jeden Morgen hinuntersah und dass er die Zahl sagte, damit er etwas zu sagen hatte.

Sechzig Brüder. Vollraths Stadtwehr, achtzehntausend, weil die Rauhgrater in der dritten Woche begonnen hatten, von unten auf den Wehrgang zu schießen, ohne Absicht, die Mauer zu nehmen, nur um zu zeigen, dass sie es konnten, und weil Vollraths Männer zurückschossen, und weil zwischen den beiden eine Unterstadt lag, in der Menschen saßen. In der Oberstadt eine Million dreihundertsiebzigtausend, mit Vorräten für weitere vierzig Tage, wenn man knapp rechnete, und Vollrath rechnete knapp. In Salzgrund dreiundzwanzigtausend. Weniger. Einundzwanzig waren heraufgekommen, durch eine Handbreit, einzeln, und standen in Dra'kaans Verzeichnis. Einige waren gestorben. Man wusste nicht, wie viele.

Und auf der Ebene, um alles herum, ein Lager, das auf den vierzigsten Tag wartete, so wie die Mauer auf ihn wartete.

„Er weiß es", sagte Bre'kar, ohne sich umzudrehen.

„Ja."

„Seit dem Mann am Seil."

„Seit dem Mann am Seil." Vel'Schwur sah auf die Linien im Salz. „Er richtet sie aus. Er stellt sie auf, für den Tag, an dem die Goldene Mauer landet. Er will, dass Vel'Kaddars Brüder aus ihren Landungsbooten steigen und als Erstes dreiundzwanzigtausend Menschen mit Kerzen sehen, zwischen sich und uns."

Bre'kar nickte. Er hatte es selbst gesehen; er brauchte es nicht gesagt zu bekommen. Aber einige Dinge müssen gesagt werden, auch wenn sie nichts ändern. Das war sein Satz, und Vel'Schwur hatte ihn sich vor Jahren geliehen und nie zurückgegeben.

II. Was ein Ordenspriester schreibt

Er hatte in dreihundert Jahren gelernt, dass die Chronik nicht lügt und trotzdem nicht alles sagt, und dass der Unterschied das Amt ist.

In die Chronik würde kommen: dass Hauptmann Bre'kar am zehnten Tag die Unterstadt Salzgrund aufgab, um den Ring zu halten, und dass er es mit Datum in sein Buch schrieb. Dass Apothecarius Dra'kaan am vierzehnten Tag Tor Drei eine Handbreit öffnete, auf Anordnung des Hauptmanns. Dass Bruder Tar'gan am dreiundzwanzigsten Tag durch die Hand seines Apothecarius fiel, nach den Verfahren. Dass ein versiegelter Kasten mit einem Namen darauf ins Reliquiarium gebracht wurde, dessen Inhalt nicht katalogisiert ist. Das alles war wahr, und es würde stehen.

Nicht in die Chronik würde kommen: dass der Hauptmann am zweiten Tag gesagt hatte, wir lassen niemanden zurück, und dass Vel'Schwur ihn gebeten hatte, es zweimal zu sagen. Dass ein Champion der Verräter vor Tor Eins seinen eigenen Satz gekannt hatte, den Satz vom Ordenspriester bei jedem Ort, und dass Vel'Schwur seither nachts prüfte, ob er ihn noch aussprechen konnte, ohne dass die Stimme etwas verriet. Dass er in der neunzehnten Nacht einem Apothecarius mit einem Sterbenden im Arm eine Tür verweigert hatte und dass es das Richtige gewesen war und dass es ihn nicht schlafen ließ, obwohl Astartes wenig schlafen.

Das andere Buch trug das. Das war, wofür es da war.

Er schrieb am Abend des sechsunddreißigsten Tages den ersten Eintrag für die Chronik, in der kleinen Kammer im Ostflügel der Zentrale, die Vollrath ihm gegeben hatte, auf das Papier, das Marrit Rieck ihm aus einem Kontor der Salzhändler geholt hatte, weil das Reliquiarium weit war und ein Ordenspriester nicht wartete, bis er zu Hause war, um zu schreiben.

Belagerung von Hollbrunn, Eschenwerth, sechsunddreißigster Tag. Der Ring steht. Die Kompanie zählt sechzig. Der Feind stellt die Bekehrten der Unterstadt in Reihen auf, mit Blick auf die Ebene. Der Entsatz ist für den vierzigsten Tag zugesagt.

Er sah die Zeilen an. Dann fügte er eine hinzu, weil er sie sonst nicht hätte schreiben können, wenn es so weit war:

Der Hauptmann hat noch nicht entschieden, was am vierzigsten Tag geschieht. Ich glaube, er hat.

III. Der Mann am Seil

Der Mann war in der Nacht zum neunundzwanzigsten Tag an einem Seil vom Wehrgang gegangen, ein Soldat der Stadtwehr, zweiundzwanzig Jahre alt, aus dem dritten Zug am Ostabschnitt, und niemand hatte ihn aufgehalten, weil niemand damit gerechnet hatte, dass einer freiwillig hinunterging.

Vollrath hatte es gemeldet, am Morgen, mit fester Stimme, und Bre'kar hatte genickt, und Vel'Schwur hatte den Zug besucht, weil das seine Aufgabe war, und hatte die Männer gefragt, was der Mann gesagt habe, bevor er ging. Sie hatten es ihm gesagt, zögernd. Dass er nicht mehr zählen könne. Dass er jeden Tag hinuntersehe und die Lichter zähle und die Zahl nicht mehr aushalte. Dass er wissen wolle, was die da unten sehen.

„Und ihr?", hatte Vel'Schwur gefragt.

Sie hatten auf den Boden gesehen. Einer, ein Korporal mit grauem Gesicht, hatte schließlich gesagt: „Wir sehen auch hin, Herr. Jeden Tag. Aber wir sind oben."

Vel'Schwur hatte genickt und war gegangen und hatte das in das andere Buch geschrieben, und er dachte am siebenunddreißigsten Tag daran, als er über den Wehrgang ging und die Männer der Stadtwehr sah, die auf die Ebene hinunterblickten, auf die Linien im Salz, auf die Reihen der Lichter, die sich jeden Abend ordneten, und die nicht mehr wegsahen.

Der Feind hatte die Mauer nie angegriffen. Er hatte sie unterhöhlt, mit Kerzen.

Am Abend des siebenunddreißigsten Tages stand Dra'kaan bei ihm, mit dem Kasten, dem versiegelten, den er nirgendwo ließ, und sagte, dass Or'dun aufgestanden sei. Zehn Schritt, mit einer Hand an der Wand. Dass er in drei Tagen einen Bolter halten könne, wenn man ihm nicht zusehe.

„Er will hinunter", sagte der Apothecarius. „Er hat gefragt, ob wir hinuntergehen."

„Was hast du gesagt?"

„Dass der Hauptmann es nicht gesagt hat."

Vel'Schwur sah auf die Ebene. „Was glaubst du?"

Dra'kaan schwieg eine Weile. Dann sagte er den Satz, den Vel'Schwur später in die Chronik schrieb, weil er wahr war und weil er stehen konnte: „Ich glaube, dass er es seit dem elften Tag weiß und wartet, bis es einen Grund gibt, der nicht seiner ist."

IV. Die Lichter ordnen sich

Am achtunddreißigsten Tag sah man es auch bei Tag.

Sie standen. Nicht mehr in den Gassen, nicht mehr auf dem Siedeplatz, sondern draußen, auf der Ebene, zwischen dem Zaun und dem Lager, in Reihen, die sich an den Linien im Salz ausrichteten, und jede Reihe hatte hundert Schritt Abstand zur nächsten, und in jeder standen Menschen mit Kerzen, die bei Tag brannten, und sahen hinauf. Es waren nicht alle. Vel'Schwur schätzte vierzehntausend. Der Rest saß in den Gassen, oder lag in den Häusern, oder stand an einem Kanal.

Zwischen den Reihen gingen die Rauhgrater, ohne Gewehre. Sie brachten Wasser. Sie brachten Brot. Sie stellten die Reihen nach, wenn jemand umfiel, und trugen den, der umgefallen war, zurück in die Gassen, und dann standen die Reihen wieder. Am Rand der Ebene, wo das Salz in das Lager überging, standen drei rote Rüstungen, groß, still, und in der Mitte, vor der ersten Reihe, mit dem Rücken zur Stadt, stand die vierte, größer als die drei, und sah in die Richtung, aus der die Schiffe kommen würden.

Vollrath stand neben Vel'Schwur am Wehrgang. Sie war grau geworden in achtunddreißig Tagen, nicht im Haar, im Gesicht.

„Was ist das?", sagte sie.

„Ein Zeugnis." Vel'Schwur sah auf die Reihen. „Er stellt sie so auf, dass die Goldene Mauer sie sehen muss, bevor sie irgendetwas anderes sieht. Vierzehntausend Bürger des Imperiums, die ihr Imperator sechs Jahre nicht angesehen hat und die wir aufgegeben haben, mit Kerzen, zwischen den Landungsbooten und der Mauer. Und dann fragt er die Goldene Mauer, was ihr Gesetz dazu sagt."

„Was sagt es?"

„Kein Zentimeter zurück." Er sagte es ohne Betonung. „Die Goldene Mauer wird angreifen, was zwischen ihr und der Festung steht, die sie entsetzen soll. Das ist ihr Gesetz, und sie hat es nur einmal gebrochen, auf Ossilar, und trägt es seitdem." Er sah zu Bre'kar hinüber, der zehn Schritt weiter stand und hinuntersah. „Es sei denn, es steht etwas anderes zwischen ihnen."

Vollrath sah ihn an. Dann sah sie auf Bre'kar, und dann auf die Ebene, und Vel'Schwur sah, wie sie es begriff, und dass sie es nicht aussprach, weil es nicht ihre Entscheidung war und weil sie in achtunddreißig Tagen gelernt hatte, wem sie gehörte.

„Und die Roten", sagte sie stattdessen. „Da unten sind acht. Ich sehe vier."

„Vier gehen nicht mit ihm", sagte Vel'Schwur. „Der mit der Axt und drei, die ihm folgen. Sie stehen im Lager. Sie stehen nicht in den Reihen." Er hatte sie am Morgen gesehen, mit dem Auspex, am hinteren Rand des Lagers, bei den Transportern, mit Waffen. „Der Champion hat vierzehntausend Zeugen und acht Brüder, und die Hälfte seiner Brüder glaubt ihm nicht mehr. Das ist die Zahl, die er nicht ausgerichtet hat."

Am Abend fand er den Hauptmann im Torraum von Tor Drei, wo Bre'kar seit dem elften Tag nicht mehr gewesen war. Er stand vor dem Fallgitter, das geschlossen war bis auf den Spalt, den Dra'kaan offen hielt, und sah durch die Stäbe auf den Steig hinunter, auf die Bündel, die dort lagen, und auf die Kerzen, die man hatte stehen lassen und die längst erloschen waren.

„Sie wird schießen", sagte Bre'kar, ohne sich umzudrehen. „Die Goldene Mauer. Nicht aus Zorn. Weil ihr Gesetz keinen Satz für Kerzen hat. Threnn hat es einmal gebrochen, für Skara, und ich habe gesehen, was es ihn gekostet hat. Ich kann ihn nicht bitten, es zweimal zu brechen."

„Nein."

„Also muss etwas anderes zwischen ihnen stehen." Er legte die Hand auf einen der Stäbe, dort, wo am elften Tag eine kleinere Hand gelegen hatte, auf der falschen Seite. „Ich habe gesagt, wir kommen nicht wieder herunter."

„Du hast vieles gesagt."

Bre'kar wandte sich um. Vel'Schwur sah ihm ins Gesicht, in dem seit vierzig Tagen nichts stand, was man hätte lesen können, außer dass er hinuntersah, und sah, dass der Hauptmann auf etwas wartete, das nicht Zustimmung war und nicht Widerspruch.

„Sag es laut", sagte Vel'Schwur. „Damit es gesagt ist, bevor du es schreibst."

„Wir gehen hinunter."

Vel'Schwur nickte, langsam, wie in der ersten Nacht auf dem Wehrgang, und irgendwo in dem Buch, das er im Kopf führte, entstand ein Eintrag, mit Ort und mit Stunde, und er stellte fest, dass es der erste in vierzig Tagen war, den er gern schrieb.

V. Das Buch

In der Nacht zum vierzigsten Tag rief der Hauptmann den Ordenspriester, den Apothecarius und den Sergeanten auf den Wehrgang über Tor Drei, und zog das Buch aus der Hüfttasche, und las vor, was er geschrieben hatte, weil er wollte, dass es drei hörten, bevor es geschah.

Vierzigster Tag. Der Entsatz der Goldenen Mauer wird bei Tagesanbruch erwartet. Die Bekehrten der Unterstadt stehen auf der Ebene zwischen Landezone und Ring. Die Kompanie geht bei Tagesanbruch durch alle drei Tore hinunter und stellt sich zwischen die Goldene Mauer und die Bekehrten. Die Stadtwehr hält den Ring. Ziel: die Verräter-Astartes. Nicht die Bekehrten. Die Bekehrten werden nicht angegriffen und nicht verteidigt. Sie werden gedeckt. Entscheidung: Hauptmann Bre'kar. Bezeugt: Ordenspriester Vel'Schwur.

Er klappte es zu.

„Du hast gesagt, wir kommen nicht wieder herunter", sagte Ashek. Der Sergeant hatte in achtundzwanzig Tagen kaum mit dem Hauptmann gesprochen, nicht aus Zorn, aus etwas, das älter war als Zorn und näher an Scham, und Vel'Schwur wusste, dass die Hand an der Winde von Tor Drei zwischen ihnen stand wie eine dritte Person.

„Ja."

„Und jetzt gehen wir hinunter."

„Ja. Es steht beides." Bre'kar sah ihn an. „Ich habe am zweiten Tag gesagt, wir lassen niemanden zurück, und am zehnten, dass wir es tun, und am elften, dass wir nicht herunterkommen, und morgen kommen wir herunter. Alle vier Sätze stehen in diesem Buch, mit Datum, und keiner ist gestrichen. Wenn die Goldene Mauer fragt, was ich getan habe, lese ich ihnen alle vier vor."

Ashek schwieg. Dann sagte er: „Ich gehe mit dem ersten Trupp."

„Du gehst mit mir."

„Ich gehe mit dem ersten Trupp, Hauptmann. Ich habe am elften Tag nicht gezogen. Morgen gehe ich zuerst durch das Tor, das du zugezogen hast." Ashek hielt den Blick. „Das steht dann auch in deinem Buch."

Bre'kar sah ihn lange an. Dann nickte er, einmal, das Nicken eines Mannes, der die Rechnung gesehen hat.

„Dra'kaan."

„Ich bleibe am Tor, mit der Hand im Spalt", sagte der Apothecarius. „Wer heraufwill, kommt herauf. Auch morgen. Or'dun steht neben mir; er hält einen Bolter, wenn keiner zusieht. Der Kasten bleibt im Magazin, versiegelt, und wenn ich nicht zurückkomme, weiß der Ordenspriester, was darauf steht."

„Der Ordenspriester geht mit mir", sagte Bre'kar. „Bis zu dem Roten, der vor den Reihen steht."

Vel'Schwur nickte. Er hatte nichts anderes erwartet.

„Ein Ordenspriester bei jedem Ort", sagte der Hauptmann, und es war das erste Mal, dass Vel'Schwur den Satz aus einem anderen Mund hörte, der nicht der eines Verräters war, und er stellte fest, dass es ihm die Stimme zurückgab.

VI. Der vierzigste Tag

Sie fielen aus dem Warp, als der Himmel über der Ebene grau wurde, drei Schiffe, gold, so groß, dass man sie mit bloßem Auge als Sterne sah, die sich bewegten, und dann als Formen, und dann als das, was sie waren.

Die Aschenwacht meldete es zuerst, und dann meldete es niemand mehr, weil man es sah. Vel'Schwur stand mit dem Hauptmann im Torraum von Tor Eins, mit dreißig Brüdern, und hörte über den Vox, wie der Astropath des Kreuzers eine Botschaft empfing und weitergab, ohne sie aus dem Rauschen ziehen zu müssen, weil das Rauschen für einen Moment schwieg: Goldene Mauer an Ring. Wir landen westlich der Stadt, außerhalb des Lagers. Haltet.

„Sie werden zuerst die Reihen sehen", sagte Bre'kar.

„Ja."

„Dann gehen wir jetzt."

Die drei Tore öffneten sich zugleich, nicht eine Handbreit, ganz, mit einem Geräusch, das die Unterstadt in vierzig Tagen nicht gehört hatte, und die Feuerhüter von Nocturne gingen hinunter.

Ashek zuerst. Vel'Schwur sah es über den Vox des Torraums, weil Dra'kaan den Sehschlitz offen hielt: Der Sergeant stand vor der Winde, an der er am elften Tag die Hand nicht bewegt hatte, und zog den Hebel selbst, und das Gitter stieg, knirschend, hundert Jahre Salz in den Führungen, ganz hinauf, und Ashek ging darunter durch, als Erster, und blieb auf der anderen Seite einen Moment stehen. Dann ging er den Steig hinunter, mit dem ersten Trupp, an den Bündeln vorbei, die dort seit dem elften Tag lagen, und an einer Stelle blieb er noch einmal stehen, wo eine Kerze im Salz stand, erloschen, und Vel'Schwur wusste nicht, was er dort sah, und fragte ihn nie. Bre'kar durch Tor Eins, mit Vel'Schwur an seiner Seite. Der Rest durch Tor Zwei, den Rieselhang hinunter. Sechzig grüne Rüstungen, weniger drei, die im Magazin lagen, und weniger Dra'kaan, der im Torraum kniete, mit der Hand im Spalt, obwohl der Spalt jetzt ein offenes Tor war, weil er es so gesagt hatte.

In den Gassen standen die Rauhgrater und sahen zu. Sie hoben die Gewehre nicht. Sie hatten Befehl, sie nicht zu heben, das sah man daran, wie sie sie hielten, mit beiden Händen quer, wie etwas, das man nicht fallen lassen und nicht benutzen darf. Ein Hauptmann mit einem Bergmannsgesicht stand am Siedeplatz und sah Bre'kar an, als er vorbeiging, und Bre'kar sah zurück, und keiner sagte etwas.

An der mittleren Brücke stand ein kleiner Mann mit krummem Rücken und drehte ein Rad. Er sah nicht auf, als sechzig Astartes an ihm vorbeigingen. Vel'Schwur sah ihn an, im Vorbeigehen, und dachte an die vier Zeilen, die er noch nicht geschrieben hatte.

Dann waren sie durch den Zaun, auf dem Salz, im Morgen.

Die Reihen standen. Vierzehntausend, mit Kerzen, in Linien, die auf den Westen zuliefen, wo drei goldene Schiffe herunterkamen und die ersten Landungsboote sich lösten. Und vor der ersten Reihe stand der Champion, mit dem Rücken zu ihnen, und drei Rote neben ihm, und er wandte sich nicht um, als die Feuerhüter kamen. Er wusste, dass sie kamen. Er hatte darauf gebaut.

Bre'kar führte die Kompanie an den Reihen entlang, nicht hindurch, nach Westen, auf das Salz zwischen den Reihen und dem Ort, wo die Boote landen würden, und stellte sie dort auf, in einer Linie, sechzig Schritt breit, mit dem Rücken zu den Kerzen und dem Gesicht zur Goldenen Mauer.

Und wartete.

VII. Kein Zentimeter

Die ersten Boote setzten auf, dreihundert Schritt westlich, und die Goldene Mauer stieg aus, in Gold, in der Ordnung, in der sie alles tat: erst die Sturmtrupps, die den Rand sicherten, dann die Bastionäre, die sich eingruben, wo es nichts einzugraben gab, dann die Schleudersteine, die vorgingen. Vel'Schwur kannte die Kompanien. Er kannte den Mann, der zwischen ihnen ging, in Gold, mit dem Kettenschwert an der Seite, und der stehen blieb, als er sah, was vor ihm lag.

Threnn Vel'Kaddar hatte auf Ossilar gelernt, was sein Gesetz kostete. Er sah es jetzt noch einmal: vierzehntausend Menschen mit Kerzen, in Reihen, zwischen ihm und der Festung, die er entsetzen sollte, und dahinter das Lager des Feindes, und am Rand des Lagers vier rote Rüstungen mit Waffen, die er nicht erreichen konnte, ohne durch die Reihen zu gehen. Und vor den Reihen eine Linie aus Grün.

Der Vox knackte. Bre'kar hatte die Frequenz seit dem ersten Tag offen gehalten, für diesen Morgen.

„Bre'kar."

„Threnn."

Es war lange still. Vel'Schwur hörte den Wind über das Salz gehen, und hinter sich, aus den Reihen, ein Geräusch, das er nicht sofort einordnete und dann doch: vierzehntausend Menschen, die atmeten und nichts sagten.

„Was ist das, was zwischen mir und deiner Mauer steht?", fragte Vel'Kaddar.

„Bürger des Imperiums. Vierzehntausend. Sie haben Kerzen."

„Das sehe ich. Ich frage, was sie sind."

„Menschen, die man sechs Jahre nicht angesehen hat und die wir am elften Tag zurückgelassen haben, um den Ring zu halten." Bre'kars Stimme war so, wie sie im Stehen war. „Dahinter steht ein Champion der Word Bearers, der sie aufgestellt hat, damit du ihn fragst, was dein Gesetz dazu sagt. Ich stehe hier, damit du es nicht fragen musst."

Wieder Stille. Dann: „Du weißt, was mein Gesetz sagt."

„Ich weiß es. Ich habe es auf Ossilar brechen sehen, für dreihunderttausend, und ich habe dir hinterher gesagt, dass das keine Schwäche war." Bre'kar sah geradeaus, auf das Gold. „Ich bitte dich nicht, es zu brechen, Threnn. Ich bitte dich, es nicht anwenden zu müssen. Der Feind sind acht Astartes und ein Lager. Nicht die Kerzen. Lass mich die acht holen. Die Kerzen stehen hinter mir, und was hinter mir steht, ist unter meiner Verantwortung, nicht unter deinem Gesetz."

Vel'Schwur sah zur Goldenen Mauer hinüber. Die Schleudersteine standen. Die Bastionäre standen. Ein Sergeant, den er als Kell erkannte, stand einen Schritt hinter seinem Hauptmann, wie seit Jahrzehnten, und wartete auf ein Wort.

„Für Ossilar", sagte Vel'Kaddar schließlich, und es war weder eine Zusage noch ein Befehl. Es war ein Handschlag über dreihundert Schritt Salz. „Hol deine acht. Ich halte. Wenn einer von ihnen einen Fuß auf mein Salz setzt, gehört er mir."

„Einverstanden."

Der Vox schloss. Bre'kar wandte sich zu Vel'Schwur.

„Jetzt", sagte er.

VIII. Malkor

Der mit der Axt wartete nicht, bis jemand ihn holte.

Vel'Schwur sah es vom Rand der Linie: die vier roten Rüstungen am hinteren Rand des Lagers, die sich lösten, nicht auf die Feuerhüter zu, nicht auf die Reihen, sondern nach Westen, um das Lager herum, auf das Gold. Sie gingen nicht. Sie liefen, wie Astartes laufen, wenn sie es ernst meinen, und der mit der Axt lief vorn, und hinter ihnen kamen Rauhgrater, zweihundert, dreihundert, mit Gewehren, die sie hoben, die einzigen in diesem Morgen, die sie hoben.

Es war Malkors Zeugnis. Vel'Schwur wusste seinen Namen von Bre'kar, vom Tor Zwei, und er wusste, was der Champion über ihn gesagt haben musste, weil er es an der Art sah, wie der Champion vor den Reihen stand und sich nicht umwandte, als die vier liefen: wie ein Mann, der etwas hat kommen sehen und es nicht aufhalten konnte und beschlossen hat, es nicht anzusehen.

„Vel'Kaddar", sagte Bre'kar in den Vox. „Vier Rote, von Süden, mit Rauhgratern. Sie sind deine."

„Ich sehe sie."

Die Goldene Mauer tat, was sie war. Die Bastionäre hoben die Bolter, die Schleudersteine gingen vor, und der Rand des Salzes, dreihundert Schritt westlich, wurde zu dem, was er auf Ossilar gewesen war: eine Linie, hinter die man keinen Zentimeter zurückging. Die Rauhgrater kamen in das Feuer wie Bergleute in einen Schacht, der einbricht, und blieben liegen, und die vier Roten kamen durch sie hindurch, weil Astartes durch fast alles hindurchkommen, und dann waren sie bei den Schleudersteinen.

Vel'Schwur sah Malkor die Axt heben. Er sah sie fallen, einmal, zweimal, und Gold fallen, und dann sah er Vel'Kaddar, der ihm entgegenging, mit dem Kettenschwert, und Kell an seiner Seite, und dann war es zu weit und zu voll, um noch einzelne zu sehen.

Es dauerte nicht lange. Es war nie lange, wenn vier gegen hundert standen, auch wenn die vier zehntausend Jahre gehabt hatten, das Töten zu lernen, und es war nur deshalb nicht kürzer, weil Malkor nicht fiel, als er hätte fallen sollen, und weiterging, brennend, mit der Axt, wie er am Tor Zwei durch Bre'kars Feuer gegangen war, und erst stehen blieb, als das Kettenschwert des Hauptmanns der Schleudersteine in seinem Helm stand, der nie ein Helm gewesen war.

Über den Vox, den Bre'kar offen hielt, hörte Vel'Schwur Vel'Kaddar atmen. Dann: „Vier. Und die, die mit ihnen kamen. Sieben von meinen."

„Ich habe es gesehen."

„Hol den Rest, Bre'kar. Ich halte."

Hinter den Feuerhütern, in den Reihen, hatten die Menschen mit den Kerzen zugesehen. Sie hatten die Köpfe gewandt, nach Westen, weg vom Himmel, zum ersten Mal an diesem Morgen, und Vel'Schwur sah, wie einige die Kerzen sinken ließen, nicht viele, ein paar Dutzend in vierzehntausend, und wie die Rauhgrater in den Reihen nicht kamen, um sie wieder aufzurichten, weil die Rauhgrater in den Reihen auch zugesehen hatten.

IX. Der Siedeplatz

Der Champion stand, wo er gestanden hatte, mit dem Rücken zum Salz und dem Gesicht zur ersten Reihe, und die drei Roten neben ihm.

Bre'kar ging auf ihn zu, mit zwanzig Brüdern und Vel'Schwur, den Rest der Kompanie ließ er in der Linie, mit dem Gesicht zum Gold, weil eine Linie eine Linie ist, auch wenn sie nur noch gegen ein Gesetz steht, das sich zurückhält. Der Champion sah sie kommen. Er hob keine Waffe. Er hatte keine.

Zwei der Roten hoben eine. Der eine war jünger als der Champion, im Sinne der Legion, mit einem Gesicht, das noch ein Gesicht war, und er trat vor, mit einem Bolter, und sagte etwas in der alten Sprache, das wie eine Frage klang, und der Champion antwortete nicht, und der Rote schoss, und der zweite neben ihm schoss mit.

Es war kurz. Vel'Schwur sah Bre'kars Flammenwerfer, aus zehn Metern, und die beiden Roten, die brannten und weiterschossen, und zwei Brüder aus dem Trupp fallen, und dann Bre'kars Klinge, zweimal, und dann lagen die beiden im Salz, und der Champion hatte sich nicht bewegt, und der dritte Rote, der zu seiner Rechten, hatte sich auch nicht bewegt und sah auf die Toten und sagte, leise, ein Wort, das Vel'Schwur nicht verstand und dessen Bedeutung er verstand: eine Zahl.

„Sethmar", sagte der Champion. „Orsaan." Nur das.

Bre'kar blieb zehn Schritt vor ihm stehen. Der Flammenwerfer gesenkt, nicht bereit. Er sagte nichts. Er hatte auf Sordenval einem Ketzer zugehört, und vor Tor Eins, und er hatte dem Ordenspriester vor Jahren erklärt, dass man einen Feind kennen muss, bevor man ihn tötet, und Vel'Schwur sah ihm an, dass er ihn jetzt kannte und dass es nichts leichter machte.

„Hauptmann", sagte der Champion. Die Stimme war, wie sie aus der Nähe war. „Du bist heruntergekommen."

„Ja."

„Du hast gesagt, du kommst nicht."

„Ich habe vier Dinge gesagt. Sie stehen alle in meinem Buch."

Der Champion nickte, und es war das Zugeständnis zweier Handwerker, das Vel'Schwur schon einmal gesehen hatte, vor Tor Eins, und das ihn damals erschüttert hatte und jetzt nicht mehr, weil er inzwischen wusste, dass es echt war und dass das Echte an einem Feind das Schlimmste ist.

„Ich habe darauf gebaut", sagte der Champion. „Ich habe darauf gebaut, dass du herunterkommst und dich zwischen sie und das Gold stellst. Ich wollte, dass sie das sehen: die Söhne Vulkans, die sie zurückließen und die wiederkamen, um sie zu decken. Das ist das Zeugnis. Nicht das Gold. Du." Er wandte den Kopf, langsam, und sah zum ersten Mal an diesem Morgen nicht in den Himmel, sondern auf Vel'Schwur. „Und du, Priester. Bezeuge es."

X. Was unter dem Kiefer sah

Vel'Schwur trat vor.

Er tat es nicht, weil der Champion es verlangt hatte. Er tat es, weil es sein Amt war, bei jedem Ort zu stehen, an dem eine Entscheidung getroffen wurde, die den Namen des Ordens trug, und weil hier eine getroffen werden würde, und weil er in vierzig Tagen gelernt hatte, dass der Satz nicht ihm gehörte, sondern dem Ort.

Er stand vor dem Champion, so nah, dass er die Platten über der Rüstung sah, das Chitin, das nicht dazugehörte, und darunter das Gesicht, breit, alt, und unter dem rechten Kiefer das Andere, klein, schwarz, das sich bewegte. Es sah nicht auf Vel'Schwur. Es sah nach oben. Es hatte, seit die Feuerhüter durch den Zaun gekommen waren, nach oben gesehen, zur blassen Naht am grauen Himmel, und es sah noch immer, und Vel'Schwur stellte fest, dass der Champion es wusste und dass es ihm etwas ausmachte.

„Ich habe gesehen", sagte der Champion, und es war nicht die Stimme vom Vox. Es war leiser. „Ich sage es dir, Priester, weil du es aufschreibst. Ich habe gesehen, dass die Götter geantwortet haben und Lorgar nicht. Ich habe gesehen, dass vierzehntausend hinaufsahen und dass das, was zurücksah, nicht die Götter waren." Er hob die Hand, langsam, zum Kiefer, ohne das Andere zu berühren. „Es hat nach oben gesehen, seit ihr gekommen seid. Es sieht, was sie sehen. Ich habe dreihundert Jahre nicht gefragt, was es sieht. Heute Morgen habe ich gefragt."

„Und?"

„Es sieht sich selbst."

Es war still. Die Reihen hinter ihnen atmeten. Der dritte Rote stand neben seinem Champion und zählte nichts.

„Ich kann dir keine Absolution gewähren", sagte Vel'Schwur. Er sagte es, wie er es auf Sordenval gesagt hatte, zu einem Mann, der seine Tochter getötet hatte, und er hörte selbst, dass es nicht dasselbe war und dass die Worte trotzdem die einzigen waren, die sein Amt hergab. „Aber ich kann bezeugen, was du getan hast."

„Das ist alles, was ich je wollte", sagte der Champion, und dann tat er das, was Vel'Schwur nicht in die Chronik schrieb.

Er kniete.

Nicht vor Vel'Schwur. Nicht vor Bre'kar. Er kniete auf dem Salz, mit dem Gesicht zur ersten Reihe, zu den vierzehntausend, die ihn ansahen, und sagte in ihrer Sprache, laut, so dass die ersten Reihen es hörten und die nächsten es weitertrugen: „Ihr habt gesehen. Es genügt. Geht nach Hause."

Sie bewegten sich nicht.

Er sagte es noch einmal. Vel'Schwur sah, dass die Reihen standen, mit den Kerzen, und dass sie hinaufsahen, nicht auf den Champion, und dass das, was sie sahen, nicht auf ihn hörte, weil es nie er gewesen war, auf den sie gehört hatten. Er sah, wie der Champion es begriff. Er sah es in dem breiten, alten Gesicht, und er sah, dass es nicht Verzweiflung war, was darin stand, sondern etwas, das er nur von einem Mann kannte, der gerade eine Rechnung zu Ende gerechnet hat und weiß, dass sie stimmt.

„Dann bezeuge auch das", sagte der Champion, ohne sich umzudrehen. „Dass ich es gesagt habe. Und dass sie es nicht gehört haben."

Und dann, zu Bre'kar: „Hauptmann. Ich habe keine Waffe. Ich habe nie eine getragen, seit dem Kelch. Wenn du einen Mann nicht tötest, der keine trägt, dann tut es der Priester. Er hat ein Amt dafür."

Bre'kar sah ihn an. Vel'Schwur sah den Hauptmann an und wusste, was in ihm vorging, weil er es selbst gewusst hätte: dass ein Sohn Vulkans nicht auf Unbewaffnete schießt und dass dieser Mann darauf gebaut hatte, vom ersten Tag an, und dass er jetzt darauf baute, dass es jemand anderes tat.

„Nein", sagte Bre'kar.

Der Champion nickte. Er hatte es erwartet. Dann sah er zu Vel'Schwur, mit den oberen Augen, während das Andere weiter nach oben sah, und in dem Blick war etwas, das Vel'Schwur später lange nicht loswurde, weil es Dank war.

Vel'Schwur hob das Krosius.

XI. Neun

Er tat es nicht schnell. Er tat es, wie er auf Sordenval eine Kreatur getötet hatte, die einmal ein Mensch gewesen war: mit einem Wort, das er nicht laut sagte, und mit dem Gewicht der Waffe, die sein Amt war, und der Champion der Zeugen der Wunde kniete auf dem Salz von Eschenwerth und sah ihn an, bis das Krosius ihn traf, und sein Gesicht lächelte nicht. Das schrieb Vel'Schwur später auf, weil es wahr war und weil es dem widersprach, was in dem Bericht stehen würde, den irgendwer irgendwo schreiben würde: Er lächelte nicht. Er sah aus wie ein Mann, der etwas gesehen hat und es nicht mehr sehen will.

Das Andere unter dem Kiefer hörte auf, nach oben zu sehen. Vel'Schwur sah es. Die kleinen schwarzen Augen schlossen sich, langsam, wie die Augen eines Tiers, das einschläft, und dann war nichts mehr unter dem Kiefer als Haut, alt, mit Platten darüber, die nicht dazugehörten.

Hinter ihm, in den Reihen, ging ein Laut durch die vierzehntausend, den Vel'Schwur nicht in die Chronik schrieb, weil er kein Wort dafür hatte. Es war kein Schrei. Es war das Geräusch, das ein Raum macht, wenn viele Menschen zugleich ausatmen. Und dann, hier und dort, erst einzeln, dann in ganzen Reihen, setzten sie die Kerzen ab. Nicht alle. Nicht die Hälfte. Aber Tausende, die die Kerzen vor sich ins Salz stellten, wie man etwas abstellt, das man lange getragen hat, und dann standen sie da, mit leeren Händen, und sahen nach oben, und Vel'Schwur sah, dass sie nichts sahen. Dass sie den Himmel sahen, grau, mit einer Naht darin, und dass er nichts zurücksah. Er wusste nicht, ob das gut war. Er wusste, dass es wahr war.

Der dritte Rote stand noch neben dem Toten.

Er hatte sich nicht bewegt. Er hatte zugesehen, wie sein Champion kniete und starb, mit einem Gesicht, das nichts zeigte außer der Aufmerksamkeit eines Mannes, der mitzählt, und jetzt sah er Vel'Schwur an und dann Bre'kar und sagte, in einem Gothisch, das zehntausend Jahre alt klang: „Acht."

„Wie heißt du?", fragte Bre'kar.

„Nekhal." Er sah auf den Toten hinunter. „Ich zähle. Ich habe immer gezählt. Dhorvak am Tor. Sethmar und Orsaan hier. Malkor und drei bei dem Gold. Thagoth." Er sah auf. „Acht. Einer fehlt zur Zahl, die in dem Bericht stehen wird. Ich weiß, wie die Berichte lauten. Wir haben zehntausend Jahre lang Berichte aus dem Rauschen gezogen."

„Leg die Waffe ab", sagte Bre'kar.

„Ich habe keine gehoben." Nekhal wandte sich um, langsam, und sah nach Westen, wo die Goldene Mauer stand, dreihundert Schritt, in Gold, mit gehobenen Boltern, und der Rand ihres Salzes war eine Linie, hinter die man keinen Zentimeter zurückging. „Du schießt nicht auf Unbewaffnete, Hauptmann. Der Priester hat sein Amt getan; er tut es nicht zweimal an einem Morgen. Aber die dort haben ein Gesetz, und ich habe es vom Lager aus vierzig Tage lang angesehen. Es ist ein gutes Gesetz. Es zählt nicht."

Er ging.

Er ging nach Westen, über das Salz, mit offenen Händen, ohne Eile, an der Linie der Feuerhüter vorbei, die ihn ansahen und ihn gehen ließen, weil ihr Hauptmann nichts sagte, und Vel'Schwur sah ihm nach und wusste, was er tat, und rief ihn nicht zurück, weil es kein Wort gab, das ihn zurückgerufen hätte. Nekhal ging, bis er den Rand des goldenen Salzes erreichte, den einen Zentimeter, und setzte einen Fuß darauf.

Die Goldene Mauer tat, was sie war.

„Neun", sagte Vel'Schwur, leise, auf dem Salz, zu niemandem, und stellte fest, dass er es gezählt hatte, weil jemand zählen musste, und dass es das Letzte war, was er für diesen Mann tun konnte, und dass es in kein Buch kam.

XII. Was die Lichter taten

Die Rauhgrater legten die Waffen nieder.

Nicht alle, nicht sofort. Aber der Hauptmann mit dem Bergmannsgesicht ging am Mittag des vierzigsten Tages über das Salz zu Bre'kar, allein, ohne Gewehr, und blieb zehn Schritt vor ihm stehen und sagte, dass er Bodo Wehle heiße und dass er die planetare Verteidigungsstreitmacht von Rauhgrat geführt habe und dass er sie noch führe, was von ihr übrig sei, dreißigtausend, und dass sie sich ergäben. Er sagte nicht, wem. Er sagte, dass sie sich ergäben.

Bre'kar sah ihn an. Dann sagte er in den Vox, zu Vel'Kaddar: „Dreißigtausend Rauhgrater legen die Waffen nieder. Ich nehme sie an."

„Sie sind Verräter."

„Sie sind Bergleute, die jemand angesehen hat. Was sie sind, entscheidet nicht dein Gesetz und nicht meine Lehre. Das entscheidet das Imperium, wenn es kommt. Es kommt immer." Bre'kar hielt den Blick auf Wehle. „Manchmal zu spät."

Es war lange still über den Vox. Dann sagte Vel'Kaddar: „Ich lasse in das Buch der Schwüre schreiben, dass du sie angenommen hast. Nicht ich."

„Das ist richtig so", sagte Bre'kar, und Vel'Schwur hörte, dass er den Satz von einem Apothecarius geliehen hatte und ihn auch nicht zurückgeben würde.

Wehle stand noch. Er sah an Bre'kar vorbei, auf die Reihen, auf die Kerzen im Salz, auf die Menschen, die davorstanden mit leeren Händen oder die Kerzen noch hielten oder sich hinsetzten, weil sie vierzig Tage gestanden hatten, und er sagte, ohne dass jemand ihn gefragt hätte: „Er hat gesagt, sie sollen nach Hause gehen."

„Ich habe es gehört."

„Sie gehen nicht. Sie wissen nicht, wohin. Rauhgrat ist eine Welt ohne Zehnt, die seit einem Jahr nicht antwortet. Salzgrund ist eine Unterstadt, die man aufgegeben hat." Wehle sah Bre'kar an, mit dem Bergmannsgesicht, das nichts verbarg. „Wohin gehen Leute, die gesehen haben, dass niemand nach ihnen sieht, Hauptmann? Er hat ihnen keinen Ort gegeben. Er hat ihnen einen Himmel gegeben. Und der ist leer, das habe ich heute Morgen gesehen."

Bre'kar antwortete nicht sofort. Er sah auf die Reihen, die sich auflösten, langsam, nicht in Richtung des Lagers und nicht in Richtung der Stadt, sondern einfach, wie Salz auf Salz.

„Zurück in die Gassen", sagte er dann. „Unter das Dach, das da ist. Der Kanal läuft. Die Siedehäuser brennen. Das ist nicht viel. Es ist ein Ort." Er sah zu Vel'Schwur. „Ordenspriester. Geh mit ihnen. Nicht als Richter."

Vel'Schwur ging.

Er ging durch die Reihen, die keine mehr waren, an Menschen vorbei, die ihn ansahen, wie er auf keiner Welt angesehen worden war: nicht mit Furcht, nicht mit Ehrfurcht, mit der Müdigkeit von Leuten, die etwas gesehen haben und es nicht mehr sehen, und die einen schwarzen Riesen mit einem Krosius vorbeigehen sehen, an dem noch etwas klebt, und die wissen, wessen. Er sagte nichts. Er hatte kein Amt für das, was hier zu sagen gewesen wäre, und er wusste es, und ging, damit einer ging, dem sie nachgehen konnten, wenn sie wollten.

Einige gingen. Nicht viele. Ein paar hundert, die Kerzen im Salz gelassen, in die Gassen, hinter ihm, unter das Dach, das da war.

An der mittleren Brücke stand der kleine Mann mit dem krummen Rücken und drehte ein Rad. Er sah auf, als der Ordenspriester kam, zum ersten Mal, und dann an ihm vorbei, den Steig hinauf, wo die Tore offen standen, alle drei, und wo eine junge Frau in einer Siederschürze herunterkam, langsam, an den Bündeln vorbei.

Vel'Schwur blieb stehen, ein paar Schritt vor der Brücke, weil es Dinge gab, bei denen ein Ordenspriester nicht stand, und sah zu.

Die Frau kam die Gasse herunter und blieb vor der Brücke stehen, und der Alte drehte das Rad zu Ende, eine Viertelumdrehung, weil die zweite Pfanne gerade ihr Maß bekam, und dann sah er sie an. Keiner von beiden sagte etwas. Sie ging auf die Brücke, legte die Hand auf das Rad, neben seine, nicht um es zu drehen, und stand so, und der Alte ließ die Hand liegen. Unten lief die Sole.

„Der Kanal läuft", sagte der Alte, zu niemandem, und dann, zu ihr: „Du riechst die Sole. Sie ist heute schwerer."

„Ich weiß", sagte sie. „Die vierte Brücke braucht eine halbe Umdrehung."

Er nickte, und sie gingen zusammen zur vierten Brücke, und Vel'Schwur ging weiter, durch die Gassen, unter das Dach, das da war, und schrieb es in das andere Buch, weil es in kein anderes kam.

XIII. Vier Zeilen

Am einundvierzigsten Tag zählte Vollrath, weil jemand zählen musste, und Vel'Schwur stand dabei und schrieb mit.

Feuerhüter von Nocturne: vierundfünfzig. Sechs am vierzigsten Tag, auf dem Salz, vier durch die Rauhgrater, die mit Malkor gelaufen waren, zwei durch Sethmar und Orsaan. Ihre Namen standen bei den anderen, einmal laut gesagt, und ihre Gensaat bei Dra'kaans Phiolen, dreiundzwanzig jetzt, und ein Kasten, den niemand mitzählte.

Goldene Mauer: sieben, alle am Rand ihres Salzes. Vel'Kaddar nannte die Namen über den Vox, und Vel'Schwur schrieb sie auf, weil die Kette gehalten hatte und weil ein Ordenspriester schreibt, was gehalten hat.

Zeugen der Wunde: neun. Alle. Dhorvak im Torbogen von Tor Drei, am elften Tag; Malkor, Vashtor, Vhorne, Sarrun am Rand des goldenen Salzes; Sethmar und Orsaan vor der ersten Reihe; Ur-Thagoth vor der ersten Reihe; Nekhal am Rand des goldenen Salzes. Ihre Namen kannte Vel'Schwur von einem, der gezählt hatte, und er schrieb sie auf, in das andere Buch, weil sie in kein anderes kamen.

Rauhgrater: Vollrath schätzte achtundzwanzigtausend, die die Waffen niedergelegt hatten, und dreihundert, die mit Malkor gelaufen waren, und die Zahl derer, die in vierzig Tagen in den Gradierwerken und an den Toren und auf dem Rieselhang geblieben waren, nannte sie nicht, weil niemand sie gezählt hatte.

Menschen aus Salzgrund, auf der Ebene, am vierzigsten Tag: zweihundertsechzig, im Feuer der Goldenen Mauer, als Malkor durch die Reihen lief. Vollrath nannte die Zahl fest. Vel'Schwur schrieb sie fest.

Menschen aus Salzgrund, in den Gassen, am einundvierzigsten Tag: zweiundzwanzigtausend, ungefähr, unter dem Dach, das da war. Der Kanal lief.

Am Abend ging Vel'Schwur allein zu der Stelle vor der ersten Reihe, die keine Reihe mehr war, wo die Rauhgrater die beiden Roten fortgetragen hatten, ordentlich, ohne dass jemand es ihnen gesagt hatte, und wo im Salz noch der Abdruck zweier Knie stand, groß, und davor eine Kerze, die jemand hatte stehen lassen und die nicht mehr brannte.

Er kniete sich nicht hin. Er hatte es auf Sordenval getan, an der Asche eines Mannes, der seine Sünde und seine Rettung nicht mehr hatte auseinanderhalten können, und er hatte es niemandem gesagt, und er stand jetzt vor dem Abdruck im Salz und stellte fest, dass er es diesmal nicht tun würde, nicht weil es falsch gewesen wäre, sondern weil dieser Mann darauf gebaut hätte, und weil das das Letzte war, was Vel'Schwur ihm noch verweigern konnte.

Stattdessen schrieb er, im Stehen, auf das Papier aus dem Kontor, vier Zeilen, wie Vel'shar sie vor zehntausend Jahren geschrieben hatte und Dra'kaan auf Morthis IV, und wie die Martyrologie sie aufbewahrt, für die, deren Namen man nicht kennt:

Wir haben euch zurückgelassen, mit Datum. Wir sind wiedergekommen, mit Datum. Das ist mehr, als wir gesagt haben, und weniger, als wir schulden. Die Wahrheit ist das Mindeste, was man euch schuldet, und die Wahrheit ist: Der Himmel war leer, und ihr habt trotzdem hinaufgesehen, und wir haben nicht.

Er las sie. Dann strich er das letzte Wort nicht, obwohl es nicht stimmte. Sie hatten hinaufgesehen. Jeden Morgen, vierzig Tage lang, von einem Wehrgang, und hatten die Zahl gesagt. Aber es stimmte auch, und er ließ es stehen, weil vier Zeilen nicht dazu da sind, zu stimmen, sondern getragen zu werden.

XIV. Die Chronik

Was Vel'Schwur in die Chronik schrieb, in der kleinen Kammer im Ostflügel der Zentrale, in der Nacht zum zweiundvierzigsten Tag, bevor die Aschenwacht die Kompanie aufnahm und die Goldene Mauer die Stadt übernahm und das Imperium zu kommen begann, in Form eines Astropathen, der eine Meldung absetzte, die irgendwann irgendwo aus dem Rauschen gezogen werden würde:

Belagerung von Hollbrunn, Eschenwerth, 005.M42, vierzig Tage. Hauptmann Bre'kar hielt den Ring mit achtundsiebzig Brüdern, von denen vierundfünfzig zurückkehrten. Die Unterstadt Salzgrund wurde am elften Tag aufgegeben, um den Ring zu halten, und am vierzigsten Tag wiederbetreten. Der Feind, eine Kriegsband der Word Bearers unter einem Gal-Vorbak-Champion namens Ur-Thagoth, neun Astartes, mit rund vierzigtausend abgefallenen Verteidigungskräften der Welt Rauhgrat, wurde am vierzigsten Tag im Zusammenwirken mit einem Verband der Goldenen Mauer unter Hauptmann Threnn Vel'Kaddar vollständig vernichtet. Der Champion fiel durch die Hand des Ordenspriesters. Die Bekehrten der Unterstadt, rund dreiundzwanzigtausend, wurden nicht angegriffen. Zweihundertsechzig von ihnen fielen im Gefecht am Rand der Landezone. Achtundzwanzigtausend Rauhgrater legten die Waffen nieder und wurden der planetaren Verteidigung übergeben, bis das Imperium entscheidet. Die Kette zur Goldenen Mauer hat gehalten; sieben Brüder der Goldenen Mauer fielen für sie. Ein versiegelter Kasten wurde ins Reliquiarium überführt.

Er las es. Es war wahr. Es sagte nicht, dass der Champion gekniet hatte. Es sagte nicht, dass er gelächelt hatte, weil er es nicht getan hatte, und Vel'Schwur wusste, dass der Bericht, der aus dem Rauschen gezogen werden würde, es anders sagen würde, mit einer Art triumphierender Hingabe, weil Berichte das tun, und dass irgendwo ein Dunkler Apostel auf einem Schiff, das ein Sarg war, ihn glauben und eine Gedenkzeremonie halten würde, klein, nach den ältesten Traditionen, und dass es nichts gab, was Vel'Schwur dagegen tun konnte, außer es in das andere Buch zu schreiben.

Es sagte nicht, dass ein Brückenwart den Kanal gehalten hatte, weil ein Kanal in keine Ordenschronik gehört, und Vel'Schwur schrieb es trotzdem darunter, klein, als Randbemerkung, weil er in vierzig Tagen gelernt hatte, dass es Dinge gab, die kein Amt bezeugen konnte und die jemand bezeugen musste.

Es sagte nicht, dass der Hauptmann vier Sätze gesagt hatte, die alle standen. Aber das stand in einem anderen Buch, mit Datum, und würde dort auch stehen, wenn es unbequem wurde, und es war schon unbequem, und der Hauptmann stand jeden Morgen auf dem Wehrgang und sagte keine Zahl mehr, weil es keine mehr gab, und sah trotzdem hinunter.

Vel'Schwur legte die Feder ab. Draußen ging der Morgen über die Ebene, weiß, und in Salzgrund rieselten die Gradierwerke, und man sah es am Glanz auf dem Holz, wenn man wusste, wohin man sehen musste.

Er wusste es jetzt. Das kam auch in kein Buch.

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