Was nicht katalogisiert ist

Die Zeugen · Vierter Teil

Die Feuerhüter von Nocturne · Zivilisten (Hollbrunn) · Word Bearers (Die Zeugen der Wunde)

Teil 4 von 5 · 26 Min. Lesezeit

„„Versiegelt heißt nicht vergessen. Es heißt: nicht von dem geöffnet, der es gerade braucht."“

Ordenspriester Vel'Schwur, auf dem Wehrgang über Tor Zwei, in der neunzehnten Nacht

I. Das Salzmagazin

Fünfzehn Phiolen. Dra'kaan zählte sie jeden Morgen, obwohl sich die Zahl seit dem zwölften Tag nicht geändert hatte, weil das Zählen die einzige Handlung war, die ihm an ihnen noch blieb.

Sie standen in einem Kasten aus Plaststahl in der hintersten Nische des Salzmagazins, das Vollraths Leute ihm unter dem Wehrgang von Tor Zwei geräumt hatten: ein Gewölbe aus dem Salzstein des Doms, in dem die Stadt seit zwölfhundert Jahren ihr Salz gelagert hatte, bis kein Schiff mehr kam, es zu holen, und das jetzt leer war bis auf den Geruch. Das Salz hatte den Stein trocken gehalten. Es hielt jetzt seine Verwundeten trocken, und das war mehr, als er von den meisten Lazaretten sagen konnte, in denen er in sechsundfünfzig Jahren gearbeitet hatte.

Elf Brüder lagen im Magazin. Neun davon würden aufstehen, in Tagen oder in einer Woche; Ceramit hatte das meiste abgefangen, und was es nicht abgefangen hatte, hatten die Körper abgefangen, die man ihnen gegeben hatte. Bei zweien war er sich nicht sicher, und einer von diesen beiden war Or'dun.

Der Sergeant lag auf dem Plaststahltisch, den die Siedeleute aus einem Sudhaus heraufgetragen hatten, und sah zur Decke. Er sprach nicht viel. Er hatte am Tor Drei nicht viel gesprochen, als er sich dem singenden Astartes in den Weg gestellt hatte, und er sprach jetzt nicht viel, mit einer Wunde, die von der linken Schulter bis zur Hüfte lief und die nicht schloss.

„Sag es mir", sagte Or'dun.

„Die Larraman-Zellen arbeiten. Der Rand gerinnt, wie er soll. Aber unter dem Rand geht etwas weiter, das ich nicht sehe." Dra'kaan hob die Klinge des Narthecium vom Gewebe und betrachtete das, was sie zeigte: einen Saum, dünn wie ein Faden, schwarz, der von der Wunde ausging und unter der Haut in die Brust hinein lief, wie eine Ader, die es dort nicht gab. „Es ist nicht Fäulnis. Es ist nichts, was ich katalogisiert habe."

„Der Fremde hat gesungen", sagte Or'dun. „Als er mich schnitt. Er hat nicht aufgehört zu singen."

„Ich weiß."

„Sein Schwert hat geleuchtet. Ohne Feld."

„Ich weiß auch das." Dra'kaan schloss die Klinge. Er hatte das Schwert gesehen. Es lag im Torbogen von Tor Drei, neben dem Toten, den niemand berührte, und es leuchtete nicht mehr, seit der Kopf, der dazu gehörte, unter Vel'Schwurs Krosius gelegen hatte. Aber es hatte geleuchtet, als es Or'dun schnitt, und den Bruder daneben, Tar'gan, der nun auf dem zweiten Tisch lag und schlief und im Schlaf sprach, in einer Sprache, die Dra'kaan nicht kannte.

Er ging zu den fünfzehn Phiolen zurück, weil der Morgen noch nicht gezählt war. Fünfzehn Brüder, fünfzehn Namen, jeder einmal laut gesagt. Sha'vek, der im Fallen den Bolter hochgerissen hatte. Die vier aus der ersten Nacht. Die zwei vom Rieselhang. Die Gensaat war unversehrt. Das war das Einzige an diesem Krieg, das unversehrt war, und Dra'kaan hütete es, wie die Schmiede von Nocturne ihre besten Werkzeuge hüteten: eingelagert, trocken, gezählt.

Über ihm, auf dem Wehrgang, ging Vel'Schwur seine Runde. Dra'kaan kannte den Schritt. Der Ordenspriester machte keinen Lärm, aber er ging jede Nacht dieselbe Strecke, und der Stein des Magazins trug es herunter wie ein Puls.

II. Eine Handbreit

Am vierzehnten Tag stand ein Mann auf dem Salzsteig.

Dra'kaan sah ihn vom Wehrgang aus, weil er zur Morgenstunde immer dort stand, um die Unterstadt anzusehen, die er nicht mehr betreten durfte: ein Mann allein, ohne Bündel, der den Steig heraufkam, langsam, und dreißig Schritt vor Tor Drei stehen blieb und wartete. Unten in den Gassen sahen die Rauhgrater ihm nach und taten nichts. Der Fremde hatte gesagt, er lasse hinauf, wer hinaufwolle. Der Mann war der Erste, der es prüfte.

Bre'kar hatte gesagt, dass die Kompanie nicht wieder herunterkomme. Er hatte es dem Ordenspriester gesagt, auf dem Wehrgang, mit dem Buch in der Hand, und Dra'kaan hatte es gehört und nichts erwidert, weil man dem Hauptmann in solchen Momenten nichts erwiderte. Der Hauptmann hatte nicht gesagt, dass niemand mehr heraufkomme.

Dra'kaan ging die Stufen hinunter, in den Torraum, wo vier Soldaten der PDF an der Winde standen und den Mann durch die Sehschlitze ansahen, und wo der tote Astartes noch im Bogen lag, weil Dra'kaan angeordnet hatte, ihn nicht anzurühren, bevor er wusste, was in ihm war.

„Flügel eine Handbreit", sagte er. „Gitter so weit, dass ein Mann darunter durchkriecht. Nicht weiter."

Der Zugführer sah ihn an. „Der Hauptmann hat gesagt..."

„Der Hauptmann hat gesagt, dass wir nicht hinuntergehen. Ich gehe nicht hinunter." Dra'kaan nahm den Helm ab. „Eine Handbreit."

Sie taten es. Der Flügel schwang eine Handbreit auf, das Gitter stieg knirschend, kaum einen Meter, und Dra'kaan kniete sich in den Spalt und sah den Mann an, der zwanzig Schritt entfernt stand und nicht wusste, was er sah: einen schwarzhäutigen, rotäugigen Riesen in grünem Ceramit, auf den Knien, mit ausgestreckter Hand.

„Komm", sagte Dra'kaan.

Der Mann kam. Er bückte sich, kroch, und Dra'kaan nahm ihn am Arm und zog, und dann war er drin, im Torraum, und das Gitter fiel, und der Flügel schloss sich, und der Mann stand zwischen den Soldaten und zitterte und sagte immer wieder, dass er nicht gesehen habe. Dass er nicht hinaufgesehen habe. Dass er nur nicht gewusst habe, wohin.

„Das ist genug", sagte Dra'kaan und gab ihn den Soldaten.

Am Abend kam Bre'kar ins Magazin. Er kam selten; er ließ sich Bericht geben, im Stehen, oben auf dem Wehrgang, und hielt sich aus dem Lazarett heraus, weil ein Hauptmann zwischen den Verwundeten nicht Hauptmann sein kann. Diesmal kam er, stellte sich neben den Tisch, auf dem Or'dun lag, und sah auf den Sergeant, und dann auf Dra'kaan.

„Eine Handbreit."

„Ja."

„Ohne mich zu fragen."

„Du hättest Ja gesagt. Dann hätte es in deinem Buch gestanden, dass du es angeordnet hast, und nicht, dass ich es getan habe." Dra'kaan wischte die Klinge ab. „So steht es richtig."

Bre'kar sah ihn eine Weile an. Dann zog er das Buch aus der Hüfttasche seiner Rüstung, das kleine, in Leder gebundene, das Dra'kaan nur zweimal in sechsundfünfzig Jahren aufgeschlagen gesehen hatte, und schrieb hinein, im Stehen, ohne aufzusehen.

„Es steht drin, dass ich es angeordnet habe", sagte er, als er es zuklappte. „Mit Datum. Wer heraufwill, kommt herauf. Das ist meine Anordnung, ab heute, und du hast sie einen Tag zu früh ausgeführt." Er wandte sich zur Tür. „Pass auf dich auf."

Dra'kaan stand am Tisch und sah ihm nach. Or'dun auf dem Tisch lachte, leise, mit der Wunde, die nicht schloss.

„Er hat es dir weggenommen", sagte der Sergeant.

„Ja", sagte Dra'kaan. „Er nimmt jedem alles weg, was hinterher unbequem wird. Das ist seine Art zu tragen."

III. Marrit

Die Siedeleute aus der Unterstadt lebten im Ring, wo Platz war: in den Höfen der Salzhändler, in den leeren Kontoren, in den Gängen der Mauer selbst, siebenundsechzigtausend Menschen, die nichts mitgenommen hatten außer dem, was sie tragen konnten, und die die Oberstadt ansah, wie eine Stadt Leute ansieht, die man hereingelassen hat.

Vollrath hatte die, die etwas konnten, in die Lazarette gesteckt. Dra'kaan hatte drei Frauen aus der fünften Pfanne bekommen, weil Siederinnen mit heißen Flüssigkeiten umgehen konnten und keine Angst vor Verbrennungen hatten, und eine von ihnen hieß Marrit Rieck.

Sie fragte nicht. Das fiel ihm zuerst auf. Die anderen beiden fragten alles, was man einen Apothecarius der Astartes fragen kann, wenn man ihn zum ersten Mal ohne Helm sieht, und er beantwortete es knapp; Marrit fragte nichts, arbeitete, trug Wasser, hielt Or'duns Arm, wenn Dra'kaan die Wunde öffnete, und sah dabei nicht weg. Am dritten Tag, als sie allein im hinteren Gewölbe waren, sagte sie den ersten Satz, der keine Antwort auf eine Anweisung war.

„Mein Vater ist unten."

Dra'kaan hörte auf, die Phiolen zu zählen.

„Tammo Rieck. Der Brückenwart. Der Hauptmann hat vor ihm gekniet, am zehnten Tag. Er ist geblieben, wegen der Schieber." Sie sagte es, wie man etwas sagt, das man dreißigmal im Kopf gesagt hat. „Ich wollte fragen, ob Sie etwas wissen. Sie sind an Tor Drei. Sie sehen hinunter."

„Ich sehe die Gassen. Ich sehe die Lichter. Ich sehe nicht, wer an einer Brücke steht."

„Nein." Sie nickte. „Das habe ich mir gedacht."

Er sah sie an, und dann tat er etwas, das er selten tat, weil er es nicht für seine Aufgabe hielt: Er nahm sie mit auf den Wehrgang.

Es war Nachmittag. Unter ihnen lag Salzgrund, mit den Rauhgratern in den Gassen und den Lichtern, die bei Tag brannten, und dahinter die Ebene und das Lager, und zwischen den Siedehäusern und dem Zaun die schwarzen Gerüste der Gradierwerke. Dra'kaan zeigte hinunter, nicht auf die Gassen, sondern auf die Gerüste.

„Sieh dir das an."

Sie sah hin. Er sah, wie sie hinsah, mit den Augen einer Frau, die seit ihrem sechzehnten Jahr Sole las, und wie sie es begriff, bevor er es sagte.

„Sie rieseln", sagte sie.

„Seit dem ersten Tag. Jeden Tag. Ich stehe jeden Morgen hier, und sie rieseln." Er ließ die Hand sinken. „Ich verstehe nichts von Salz. Aber Vollrath hat mir gesagt, dass die Gradierwerke trocken laufen, wenn niemand die Sole verteilt, in zwei Tagen, drei. Und dass die Siedehäuser dann ausgehen. Die Siedehäuser brennen. Ich sehe den Rauch."

Marrit stand am Wehrgang und sah auf das Rieseln, das man von hier nicht hören konnte, und weinte nicht, und Dra'kaan sah, dass sie es von jemandem gelernt hatte.

„Der Kanal läuft", sagte sie.

„Ich weiß nicht, was das heißt."

„Es heißt, dass er lebt." Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, obwohl sie trocken waren. „Es heißt, dass er an den Schiebern steht und nicht hinaufsieht. Wenn er hinaufsähe, würde er sie nicht bedienen. Man kann nicht beides."

Sie ging zurück ins Magazin, und Dra'kaan blieb noch stehen und sah auf die Gradierwerke und dachte, dass er zwei Wochen lang jeden Morgen auf ein Lebenszeichen gesehen hatte, ohne zu wissen, dass es eines war, und dass es eine Siederin gebraucht hatte, um es zu lesen. Auf Nocturne hätte man gesagt: Er hatte das Metall gesehen und nicht den Fehler. Es kam nicht oft vor. Es kam vor.

IV. Was das Schwert ließ

Am achtzehnten Tag hatte der Faden Or'duns Herz erreicht. Das zweite.

Dra'kaan sah es auf dem Bild des Narthecium: die schwarze Linie, dünn wie ein Haar, die von der Wunde ausging, war unter der Haut entlanggewandert, hatte sich verzweigt, hatte das Zweite Herz gefunden und sich darum gelegt, nicht hinein, nur darum, wie eine Hand, die noch nicht zudrückt. Or'dun spürte es. Er sagte es nicht. Er sagte, dass ihm kalt sei, und ein Astartes sagt das nicht.

Tar'gan auf dem zweiten Tisch sprach im Schlaf. Er sprach jetzt auch wach, manchmal, in einer Sprache, die nicht Gothisch war und nicht Nocturnisch und die Dra'kaan nicht kannte, in einem Ton, der auf und ab ging. Er wusste es nicht, wenn er es tat. Er sah einen an, mitten im Satz, mit klaren Augen, und die Worte kamen weiter, und dann hörten sie auf, und Tar'gan fragte, was er gesagt habe.

Dra'kaan hatte alles versucht, was katalogisiert war. Er hatte den Rand der Wunde ausgeschnitten, tief, bis ins Gesunde, und der Faden war am nächsten Morgen wieder da, dünner, weiter. Er hatte Or'duns Blut gereinigt, wie man es bei einem Gift tat, und der Faden war geblieben, weil er nicht im Blut war. Er hatte das Schwert untersucht, das im Torbogen lag, mit dem Auspex und mit den Augen: eine Klinge aus einem Metall, das er nicht kannte, ohne Energiefeld, mit Schrift darauf, die er nicht las, und ohne jedes Leuchten. Es war ein Schwert. Was es in Or'dun gelassen hatte, war kein Schwert.

Er kannte die Zeichen des Warp an einem Körper. Er hatte sie auf zwei Welten gesehen, und er hatte gelernt, was man mit ihnen tat: Man brannte. Man schnitt nicht, man brannte, alles, und man barg die Gensaat nicht, weil man nicht wusste, was in ihr war. So stand es in den Verfahren, und die Verfahren waren alt und aus gutem Grund alt.

Or'dun lebte. Or'dun sprach, sah ihn an, fragte, wie viele es heute seien, und meinte die Phiolen. Man brannte keinen Mann, der fragte, wie viele es heute seien.

Am Abend ging Dra'kaan auf den Wehrgang und wartete, bis der Schritt kam.

Vel'Schwur blieb stehen, als er ihn sah. Der Ordenspriester hatte den Helm unter dem Arm, wie immer nachts, und das narbige Gesicht war ruhig, wie immer, und Dra'kaan sagte, ohne Einleitung, was er zu sagen hatte.

„Es gibt Dinge im Reliquiarium, die nicht katalogisiert sind."

Vel'Schwur sah ihn an. Er stellte keine Frage.

„Ich weiß nicht, was. Ich weiß, dass jeder Ordenspriester bei seiner Erhebung Zugang bekommt und dass jeder etwas hineinlegt und dass das Adeptus Terra nichts davon weiß. Ich weiß, dass der Merksatz, den wir als Novizen lernen, sich auf etwas bezieht, das dort liegt und das niemand beim Namen nennt." Dra'kaan hielt den Blick. „Ich frage nicht, was es ist. Ich frage, ob es etwas über Gensaat ist. Über das, was ein Körper mit einem Fremden tut, der in ihn hineinkommt. Ich habe einen Sergeant, der in zwei Tagen stirbt, und einen Bruder, der in einer Sprache spricht, die er nicht kennt, und alles, was katalogisiert ist, sagt: brennen."

Es war lange still. Unten brannten die Lichter in den Gassen.

„Es gibt etwas", sagte Vel'Schwur.

V. Das versiegelte Feuer

„Siebzehn Blatt", sagte der Ordenspriester. „Abgeschrieben von Hand, vor sehr langer Zeit, von einem Ordenspriester, dessen Namen ich dir nicht sage, weil er nichts ändert. Aus einer Arbeit, die der Primarch selbst begonnen hat und die das Mechanicus als Häresie eingestuft und unter Verschluss genommen hat, bevor unser Orden gegründet wurde. Sie handelt von der Gensaat. Davon, dass sie nicht starr ist. Dass ein Orden sich anpassen könnte, an eine Welt, an einen Feind."

Dra'kaan sagte nichts. Er hatte es gewusst, seit er den Merksatz als Novize gelernt hatte, ohne es zu wissen, so wie man weiß, dass eine Tür in einem Haus ist, die man nie geöffnet hat.

„Ich habe sie gelesen", sagte Vel'Schwur. „Jeder Ordenspriester liest sie einmal, und dann legt er sie zurück. Und ich sage dir, was darin steht, weil du es wissen musst, um zu verstehen, warum ich sie dir nicht gebe: Es steht kein Verfahren darin. Keine Chemie, kein Schnitt, nichts, was du morgen an Or'dun anwenden könntest. Es steht ein Gedanke darin. Dass ein Apothecarius nicht nur ein Arzt sein müsse, sondern auch ein Schöpfer. Dass der Wirt sich verändern lassen muss, damit die Gensaat wächst." Er sah hinunter auf die Lichter. „Es ist eine Tür, Bruder. Keine Medizin. Und du stehst mit einem Sterbenden im Arm davor und fragst mich, ob du sie öffnen darfst."

„Ja."

„Dann sage ich Nein."

Dra'kaan hatte es erwartet. Er stellte fest, dass es ihn trotzdem traf, an der Stelle, an der ihn seit sechsundfünfzig Jahren nichts mehr getroffen hatte, und dass er den Ordenspriester dafür nicht hasste, und dass er nicht wusste, was er stattdessen tat.

„Die vier Säulen", sagte er. „Die zweite Asche. Versiegeltes bleibt nicht auf ewig verboten. Es muss neu geprüft werden."

„Ja. Von denen, die es nicht brauchen." Vel'Schwur wandte sich zu ihm, und seine Stimme war so ruhig wie immer, und Dra'kaan hörte, dass die Ruhe ihn etwas kostete. „Das ist die Regel, und sie ist nicht Willkür. Ein versiegeltes Wissen wird geprüft, wenn der Orden es sich leisten kann, es zu verwerfen. Nicht in der neunzehnten Nacht einer Belagerung, von einem Apothecarius, der einen Bruder verliert. Du würdest nicht prüfen. Du würdest greifen. Und wenn du gegriffen hättest und Or'dun lebte, dann hätten wir einen Sergeant und eine offene Tür, und die Tür bliebe offen, weil sie einmal geholfen hat. Und wenn du gegriffen hättest und Or'dun stürbe, dann hättest du ihn mit etwas getötet, das der Primarch selbst nicht zu Ende gedacht hat."

„Also stirbt er mit etwas, das ich zu Ende gedacht habe."

„Er stirbt vielleicht. Und du wirst getan haben, was katalogisiert ist, und ich werde bezeugen, dass du alles getan hast." Vel'Schwur schwieg einen Moment. „Ich kann dir keine Tür öffnen, Dra'kaan. Ich kann nur bezeugen, was du tust. Das ist wenig. Es ist alles, was mein Amt hergibt."

Dra'kaan sah hinunter auf Salzgrund. Auf die Lichter. Auf die Gradierwerke, die rieselten.

„Versiegelt heißt nicht vergessen", sagte der Ordenspriester, leiser. „Es heißt: nicht von dem geöffnet, der es gerade braucht. Irgendwann wird einer kommen, der es nicht braucht und es trotzdem liest. Dann wird geprüft. Ich glaube nicht, dass ich das noch erlebe. Ich glaube auch nicht, dass es dann jemandem hilft, den wir heute kennen."

Er ging weiter, seine Runde, und Dra'kaan blieb auf dem Wehrgang, bis der Schritt in der Mauer verklungen war, und stellte fest, dass er an die Tür dachte, wie man an eine Tür denkt, hinter der jemand spricht, und dass er sie nicht öffnen würde, nicht weil der Ordenspriester es gesagt hatte, sondern weil er, wenn er ehrlich war, dasselbe gesagt hätte, an einem anderen Tag, mit einem anderen Sterbenden.

Es half nicht. Es stimmte trotzdem.

VI. Brennekes Frau

Am einundzwanzigsten Tag kam eine Frau mit zwei Kindern den Steig herauf, und Dra'kaan war im Torraum, weil er seit dem vierzehnten Tag immer im Torraum war, wenn jemand den Steig heraufkam.

Es waren nicht viele gewesen. Elf in sieben Tagen, einzeln, meistens Männer, meistens nachts. Sie kamen nicht, weil sie nicht gesehen hatten, sondern weil sie gesehen hatten und nicht länger sitzen wollten, und Dra'kaan zog jeden von ihnen durch den Spalt und gab ihn den Soldaten und stellte keine Fragen. Er hatte gelernt, dass die Fragen sie zurückschickten, in den Kopf, in die Gasse, und dass sie im Torraum nur eines brauchten, nämlich eine Hand.

Die Frau blieb vor dem Gitter stehen, wie alle stehen blieben. Sie rief nicht. Die Kinder standen neben ihr, ein Junge und ein Mädchen, klein, und sahen auf das Gitter, und Dra'kaan sah durch den Sehschlitz auf die drei und auf den leeren Steig dahinter, und unten am Fuß des Steigs stand ein Posten der Rauhgrater und neben ihm ein kleiner Mann mit krummem Rücken, der nicht hinaufsah.

„Eine Handbreit", sagte Dra'kaan.

Der Flügel schwang auf, das Gitter stieg, er kniete in den Spalt und streckte die Hand aus, und die Frau schob das erste Kind hinein, und er nahm es, so wie man etwas nimmt, das zu leicht ist für die Hand, die es hält, und stellte es hinter sich, und dann das zweite, und dann die Frau, die kroch und zitterte und die er am Arm zog, und dann fiel das Gitter.

Sie stand im Torraum und hielt die Kinder und sah ihn an.

„Mein Mann ist unten", sagte sie. „Er kniet. Er hat unseren Sohn liegen sehen, am ersten Morgen, und er kniet."

Dra'kaan nickte. Er sagte nichts. Er dachte an Marrit, die im Magazin Wasser trug, und an den kleinen Mann am Fuß des Steigs, und an Or'dun, der auf dem Tisch lag und fragte, wie viele es heute seien, und er stellte fest, dass er eine Stadt vor sich hatte, in der alle etwas unten gelassen hatten, und dass sein Amt darin bestand, eine Hand durch einen Spalt zu halten.

Am Abend schrieb er die drei in sein Verzeichnis. Er führte eines, seit dem vierzehnten Tag, weil Bre'kar eines führte und weil jemand zählen musste: vierzehn Menschen, die durch eine Handbreit heraufgekommen waren. Er schrieb die Namen, wenn sie einen sagten. Diese Frau sagte einen. Brenneke. Er schrieb ihn hin und dachte, dass unten einer kniete, der genauso hieß, und dass beide Namen richtig waren.

VII. Der Schnitt

Am dreiundzwanzigsten Tag beschloss er, zu schneiden, weil er nichts anderes mehr hatte, und weil ein Schmied, der ein Metall nicht kennt, es nicht ansieht, bis er es kennt, sondern es bearbeitet, bis es ihm sagt, was es ist.

Er sagte es Or'dun. Er sagte es ganz. Dass er die Wunde öffnen werde, so tief, wie sie ging, und dem Faden folgen, mit der Klinge, bis dorthin, wo er das Zweite Herz umschloss, und dass er ihn dort abschneiden werde, wenn es ging, und dass es vielleicht nicht ging, und dass Or'dun dabei wach sein müsse, weil Dra'kaan wissen müsse, ob der Sergeant noch Or'dun sei, während er schnitt.

„Und Tar'gan?"

„Tar'gan zuerst. Er ist weiter."

„Und wenn es nicht geht?"

„Dann werde ich brennen", sagte Dra'kaan. „So steht es in den Verfahren. Ich sage es dir, damit du es weißt."

Or'dun sah zur Decke. Dann sagte er: „Schneide."

Er begann mit Tar'gan, und er wusste nach einer Stunde, dass es bei Tar'gan nicht ging. Der Faden war kein Faden mehr. Er hatte sich in der Brust verzweigt wie eine Wurzel, um beide Herzen, in die Lunge, und als Dra'kaan ihn an einer Stelle durchtrennte, sprach Tar'gan, wach, mit klaren Augen, in der Sprache, die er nicht kannte, und lächelte dabei, und Dra'kaan hörte in dem Lächeln das Lächeln des Toten im Torbogen und wusste, was er tat.

Er tat es. Er tat es handwerklich, ohne Hast, wie Bre'kar in den Gradierwerken gekämpft hatte, und er sagte Tar'gans Namen vorher, einmal, laut, kurz, so dass der Bruder ihn hörte, und Tar'gan hörte auf zu lächeln und sah ihn an und nickte. Danach sprach er nicht mehr in der fremden Sprache. Er sprach überhaupt nicht mehr.

Dra'kaan stand danach eine Weile am Tisch und wusch die Hände in der Sole, die Marrit ihm gebracht hatte, weil Salz das war, was diese Stadt gegen Fäulnis hatte, und weil er begriffen hatte, dass es nichts nützte und es trotzdem tat.

Dann ging er zu Or'dun.

Er öffnete die Wunde, von der Schulter bis zur Hüfte, und folgte dem Faden. Es dauerte drei Stunden. Or'dun war wach. Or'dun sagte alle zwanzig Minuten, wie viele es heute seien, und Dra'kaan antwortete jedes Mal: fünfzehn. Der Faden lief unter dem Brustkorb entlang, dünn, schwarz, und wo Dra'kaan ihn mit der Klinge berührte, zog er sich zurück, nicht wie Gewebe, wie ein Tier, und er folgte ihm bis zum Zweiten Herzen und fand dort, wo der Faden sich um das Herz legte, etwas, das nicht Faden war: einen Splitter, kaum so groß wie ein Fingernagel, aus dem Metall, das er nicht kannte, und der Splitter leuchtete. Schwach. Ohne Feld.

Er nahm ihn heraus.

Es war keine elegante Operation. Er zog ihn mit einer Zange, die für Granatsplitter gemacht war, aus dem Gewebe zwischen dem Zweiten Herzen und der Lunge, und Or'dun schrie, zum ersten Mal in dreiundzwanzig Tagen, und dann lag der Splitter auf dem Plaststahl und leuchtete, und der Faden in Or'duns Brust war noch da, schwarz, und bewegte sich nicht mehr.

Am Morgen war er blasser. Am dritten Tag war er ein Strich, wie eine alte Narbe. Am fünften fragte Or'dun, wann er aufstehen dürfe, und Dra'kaan sagte: nicht heute.

Der Splitter lag in einer Phiole, allein, in der hintersten Nische, und leuchtete noch, und Dra'kaan sah ihn jeden Morgen an, nach den fünfzehn, und zählte ihn nicht mit.

VIII. Nicht katalogisiert

Tar'gans Gensaat lag in der sechzehnten Phiole.

Er hatte sie geborgen. Er hatte es getan, bevor er brannte, gegen die Verfahren, die sagten, dass man bei den Zeichen des Warp nichts barg, weil man nicht wusste, was darin war, und er hatte es getan, weil die Verfahren von Männern geschrieben worden waren, die einen Bruder gebrannt hatten, ohne ihn vorher beim Namen zu nennen, und weil Tar'gan genickt hatte. Die Progenoiddrüsen hatten unversehrt ausgesehen. Sie sahen immer unversehrt aus. Das war das Problem.

Er saß am vierundzwanzigsten Tag in der hintersten Nische, mit der sechzehnten Phiole in der Hand, und die Verfahren sagten: vernichten. Ein Orden, der etwas in seine Gensaat ließ, das er nicht katalogisiert hatte, war in drei Generationen kein Orden mehr. Er wusste das. Er wusste auch, dass man fünfzehn Phiolen gerettet hatte, aus einer Kompanie, die achtundsiebzig gewesen war, und dass eine sechzehnte ein Fünfzehntel mehr Feuerhüter bedeutete, in fünfzig Jahren, wenn die Stadt fiel oder nicht fiel und der Orden weiterging.

Er wusste vor allem, dass er es nicht entscheiden konnte. Nicht hier. Nicht mit dem, was er wusste.

Also tat er das, was ein Schmied tut, der ein Metall bearbeitet hat, bis es ihm gesagt hat, was es ist, und der es trotzdem nicht kennt: Er legte es beiseite und schrieb darauf, was es war.

Er nahm die sechzehnte Phiole aus dem Kasten und legte sie in einen zweiten, kleineren, den Marrit ihm aus einem Sudhaus geholt hatte, ein Behälter für Salzproben, aus Plaststahl, mit einem Deckel, der sich versiegeln ließ. Er legte den Splitter dazu, in seiner eigenen Phiole, leuchtend. Er versiegelte den Kasten. Und er schrieb auf den Deckel, mit dem Gravierstift des Narthecium, in der kleinen, geraden Schrift, die er für die Namen benutzte:

Bruder Tar'gan, Feuerhüter von Nocturne. Gefallen am 23. Tag der Belagerung von Hollbrunn, durch die Hand seines Apothecarius, nach den Verfahren. Gensaat geborgen gegen die Verfahren. Zeichen des Warp in der Brust; Ursache: Splitter, beiliegend. Nicht katalogisiert. Nicht zu öffnen ohne den Ordensmeister und einen Ordenspriester. Nicht zu vernichten ohne dieselben. Dra'kaan.

Vel'Schwur stand in der Tür, als er den Stift absetzte. Dra'kaan hatte ihn nicht kommen hören. Er hörte ihn nie kommen.

„Zeig es mir", sagte der Ordenspriester.

Dra'kaan hielt ihm den Kasten hin. Vel'Schwur las den Deckel, lange, und seine Hand lag dabei auf dem Krosius an seiner Seite, nicht als Drohung, nur, weil sie dort lag.

„Du hast gegen die Verfahren geborgen."

„Ja."

„Und gegen dein Wissen versiegelt, statt zu vernichten."

„Ja."

„Warum?"

Dra'kaan sah auf den Kasten. „Weil ich nicht der bin, der es braucht", sagte er. „Ich brauche ihn nicht. Ich habe fünfzehn. Deshalb kann ich ihn versiegeln, statt zu greifen oder zu verbrennen. Du hast gesagt, versiegelt heißt: nicht von dem geöffnet, der es gerade braucht. Ich habe zugehört." Er sah auf. „Irgendwann kommt einer, der es nicht braucht und es trotzdem prüft. Der Ordensmeister. Ein Ordenspriester. Nicht ich."

Vel'Schwur sah ihn an. Dann nahm er den Kasten, hielt ihn einen Moment, wie man etwas hält, dessen Gewicht man prüft, und gab ihn zurück.

„Ich bezeuge es", sagte er. „Mit Datum."

„Das ist alles, was dein Amt hergibt."

„Ja." Der Ordenspriester wandte sich zur Tür. Dort blieb er stehen, ohne sich umzudrehen, so wie ein anderer vor Tor Eins stehen geblieben war, und Dra'kaan dachte es und legte den Gedanken hin.

„Es ist mehr, als ich in der neunzehnten Nacht geglaubt habe", sagte Vel'Schwur. „Du hast eine Tür gebaut, die man nicht heute öffnet, und hast das hineingelegt, was mich am meisten daran hindert, sie zu öffnen. Das ist nicht katalogisiert, Bruder. Das ist Nocturne."

Er ging. Dra'kaan setzte sich wieder und zählte die Phiolen. Fünfzehn. Und eine, die er nicht mitzählte, in einem versiegelten Kasten, mit einem Namen darauf, der einmal laut gesagt worden war.

IX. Das Rieseln

Am dreißigsten Tag stand Marrit neben ihm auf dem Wehrgang, zur Morgenstunde, weil sie seit dem sechzehnten Tag jeden Morgen dort stand.

Sie sahen auf die Gradierwerke. Sie rieselten. Man sah es am Glanz auf dem schwarzen Holz, der sich veränderte, wenn Sole lief, und der sich nicht veränderte, wenn keine lief, und Marrit las ihn wie Dra'kaan ein Narthecium-Bild las: sofort, ohne nachzudenken, mit dem Wissen, dass sie es niemandem erklären konnte.

„Er hat den dritten Schieber zurückgedreht", sagte sie. „Vor ein paar Tagen. Die untere Leitung war einen Moment offen, man sieht es an der Rieselwand links, die war nass bis unten. Jetzt ist sie wieder trocken."

„Woher weißt du, dass er es war?"

„Weil sonst niemand es zurückgedreht hätte."

Dra'kaan nickte. Er hatte in dreißig Tagen gelernt, dass er von dieser Stadt nichts wusste, und dass die Leute, die etwas von ihr wussten, es an Stellen sahen, an denen er nichts sah, und dass das kein Fehler war, sondern die Sache selbst. Er hatte einen Sergeant, der aufstehen würde. Er hatte fünfzehn Phiolen und einen versiegelten Kasten. Er hatte vierzehn Menschen in einem Verzeichnis, die durch eine Handbreit heraufgekommen waren, und ein Buch des Hauptmanns, in dem stand, dass er es angeordnet hatte. Er hatte einen Splitter, der leuchtete.

Und er hatte zehn Tage.

Bre'kar sagte die Zahl jeden Morgen, auf dem Wehrgang über Tor Zwei, zu niemandem. Dra'kaan hörte es manchmal, wenn der Wind stand. Zehn. Die Kompanie zählte sechzig. Zwei waren seit dem zwölften Tag noch auf dem Ring gefallen, durch Lasergewehre von unten, und Tar'gan im Magazin, und ihre Phiolen standen bei den fünfzehn, und Dra'kaan zählte siebzehn und sagte fünfzehn, wenn Or'dun fragte, weil Or'dun die Zahl vom Tisch her kannte und sie behalten sollte.

„Was passiert am vierzigsten Tag?", fragte Marrit.

„Es kommen Schiffe. Ein anderer Orden. Gold." Dra'kaan sah auf die Ebene, auf das Lager, auf die Feuer, die auch am Tag brannten. „Sie werden landen und die Stadt befreien. So ist es zugesagt, und die, die es zugesagt haben, halten ihre Zusagen."

„Und die unten?"

Er antwortete nicht sofort. Er sah auf die Gassen, in denen die Lichter saßen, mehr als je zuvor, und die sich seit einigen Tagen ordneten, in Reihen, in den Straßen zum Siedeplatz, als richte sie jemand aus, und er dachte an den Fremden vor Tor Eins, der gesagt hatte, er habe Geduld.

„Die unten haben gesehen", sagte er. „Ich weiß nicht, was das am vierzigsten Tag bedeutet. Ich weiß, dass dein Vater es nicht getan hat."

Marrit nickte. Sie sah auf das Rieseln.

„Der Kanal läuft", sagte sie, und ging hinunter ins Magazin, Wasser tragen, und Dra'kaan blieb noch stehen, wie er jeden Morgen stehen blieb, und sah auf den Glanz auf dem schwarzen Holz, der sich veränderte, weil Sole lief, und der ihm, seit er ihn lesen konnte, das Einzige in dieser Stadt war, das jeden Tag dasselbe sagte.

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