Die Frist
Adeptus Mechanicus (Kel-Vantor, Skitarii der Zwölften Kohorte) · Die Eisenadern
„Im ganzen Verfahren der vollständigen Konvertierung kommt keine Frist vor. — Ausbildungsunterlage der Zwölften Kohorte, Rückseite“
I. Der Befund
Sie schneiden ihm den Panzer auf, und er sieht dabei zu.
Das ist der erste Umstand, den Joran Vashko an diesem Tag bemerkenswert findet: dass er zusieht. Ein Mensch, dem man den Brustpanzer aufschneidet, sieht weg. Ein Skitarii hat die Schmerzführung auf ein Viertel, seit er sie hat, und was von der linken Seite kommt, kommt als Meldung und nicht als Schmerz. Sektion vier, Integrität sechzehn Prozent, Fortsetzung nicht empfohlen. Und man kann einer Meldung zusehen.
Der Techpriester über ihm heißt Dorrek und arbeitet seit vierzehn Stunden. Seine Kittelärmel sind bis zu den Achseln nass.
„Vorhut Vashko."
„Hier."
„Sie können die Hand nicht mehr bewegen. Ist Ihnen das bewusst?"
Joran sieht an sich hinunter. Die linke Hand liegt auf der Bahre, sechs Zentimeter neben seinem Bein, in einer Haltung, die er nicht gewählt hat. Er schickt den Befehl. Es passiert nichts. Er schickt ihn noch einmal, langsamer, so wie man ein Wort wiederholt, das der andere nicht verstanden hat.
„Jetzt ist es mir bewusst."
Dorrek nickt und schreibt.
Das Feld, in das er schreibt, ist Joran vertraut. Es ist dasselbe Feld, in das man auf Kel-Vantor alles schreibt, was ein Mensch nicht mehr kann: Befund. Vier Zeilen. Darunter zwei Kästchen, und die Kästchen sind der Grund, warum ein Skitarii, der auf einer Bahre liegt, nicht auf den Techpriester sieht, sondern auf dessen Hand.
Er sieht nicht, welches Kästchen es wird. Dorrek hält das Brett falsch herum.
Draußen räumen sie den Südwesten. Man hört es nicht, weil die Lazarettebene neun Ebenen unter der Oberfläche liegt, aber Joran hat den noosphärischen Rand noch offen, und über den Rand kommen weiter die Nachträge herein, in dem flachen, gleichmäßigen Ton, in dem die Zwölfte Kohorte seit sechs Tagen ihre Verluste meldet.
Ansek, Bo — nicht bergungsfähig. Drenn, Hala — nicht bergungsfähig. Vashko, Joran — geborgen, Lazarett drei.
Er hört seinen eigenen Namen in derselben Liste wie die anderen, und er stellt fest, dass ihm der Unterschied zwischen den beiden Vermerken kleiner vorkommt, als er sein sollte.
Vier Stunden später kommt der Alpha.
Marte Vend ist zweiundfünfzig und führt die Vorhut seit elf Jahren. Sie hat drei Finger, ein Auge und eine Stimme, die aus einem Gerät kommt, weil ihr eigener Kehlkopf 989 in einem Schacht geblieben ist. Sie setzt sich nicht.
„Bo und Hala", sagt Joran.
„Ja."
„Und Brekk?"
„Brekk steht", sagt Vend. „Brekk steht, Orsk steht, ich stehe. Von neunzehn."
Sie sieht auf seine linke Hand. Sie sieht lange darauf.
„Vashko", sagt sie dann, „hast du den Befund gesehen?"
„Nein."
„Ich schon."
Und sie sagt es nicht so, wie man eine gute Nachricht anfängt, und auch nicht so, wie man eine schlechte anfängt. Sie sagt es so, wie ein Alpha etwas sagt, das sie in elf Jahren siebenmal gesagt hat.
II. Erzbahnkopf Vier
Sechs Tage vorher steht die Vorhut der Zwölften Kohorte an einem Ort, an dem nichts passieren wird.
Das ist der Auftrag, und der Auftrag ist richtig. Die Astartes liegen im nördlichen Werkrand und lassen sich schlagen, damit die Masse nach Süden ins offene Feld läuft, wo die Titanen sie erwarten. Was die Zwölfte macht, ist die Rückseite: vier Erzbahnköpfe sichern, über die niemand kommen wird, weil niemand einen Grund hat, dorthin zu gehen.
Neunzehn Vorhut. Vier Köpfe. Fünf Tage Regen aus Schlackestaub.
„Wir stehen an der Tür, durch die keiner geht", sagt Brekk am dritten Tag, „damit hinterher niemand sagen kann, dass die Tür offen war."
„Genau das", sagt Vend.
Am sechsten Tag geht doch jemand durch.
Es sind keine vierzigtausend. Es ist eine Splittergruppe von vielleicht dreihundert, die im Süden zwischen zwei Hallen durchgekommen ist, weil die Masse dort eine halbe Stunde lang so dicht stand, dass sie sich gegenseitig aus der Deckung geschoben hat, und die jetzt an der falschen Stelle ist und das nicht weiß.
Sie kommen um 04:10 über die Bahnrampe. Es ist noch dunkel.
Was danach geschieht, hat Joran Vashko in der Noosphäre aufgezeichnet, weil ein Skitarii alles aufzeichnet, und er hat es sich im Lazarett zweimal angesehen und dann nie wieder.
Zweiundzwanzig Minuten.
Zwei Galvanikgewehre auf einen Gang von sechs Metern Breite, das ist die ganze Lage. Ein Galvanikgewehr tötet einen Ork bei jedem Treffer, und ein Ork braucht bei sechs Metern Breite dreieinhalb Sekunden für die Strecke, und drei von ihnen passen nebeneinander. Man rechnet das im Kopf, während man schießt. Man rechnet es die ganze Zeit.
Bo Ansek fällt in der siebten Minute. Er hat noch neun Sekunden lang geschossen, nachdem ihm der linke Arm weg war, weil das Galvanikgewehr am Rücken verankert ist und nicht in der Hand liegt — es ist eine der Modifikationen, für die niemand dankbar ist, bis sie einmal zählt.
Hala Drenn fällt in der elften. Sie fällt nicht durch einen Ork. Sie fällt, weil ein Ork mit brennendem Rücken in einen Bahnkasten läuft und der Bahnkasten einen Druckspeicher hat, den dort niemand vermutet hätte, weil ein Erzbahnkopf keinen haben sollte.
Joran ist neun Meter weiter und dreht sich in die falsche Richtung.
Er erinnert sich an das Drehen. Er erinnert sich nicht an den Aufschlag. Er erinnert sich daran, dass er kurz danach auf dem Rücken lag und dass die Meldung in seinem Kopf sehr höflich war: Sektion vier. Integrität sechzehn Prozent.
Und er erinnert sich, dass er dabei an seinen Vater gedacht hat, und zwar an nichts Bestimmtes, sondern nur daran, dass sein Vater auch irgendwann einmal auf einem Rücken gelegen haben muss.
Die Vorhut hält den Kopf bis 04:32. Dann sind die dreihundert tot.
Es steht in keinem Bericht. Das ist keine Klage; die Zwölfte Kohorte hat nichts gehalten, was für den Ausgang der Schlacht erheblich gewesen wäre, und die Erzbahnköpfe wären, wenn sie gefallen wären, in derselben Nacht zurückgenommen worden.
Was in keinem Bericht steht, ist trotzdem geschehen, und siebzehn von neunzehn haben dafür bezahlt.
Joran Vashko denkt in den sieben Tagen danach oft daran, und er kommt jedes Mal zu demselben Ergebnis: Es hat sich gelohnt, und es steht nirgends, und beides gleichzeitig zu glauben ist die eigentliche Ausbildung, die ein Skitarii bekommt.
III. Was ein Skitarii ist
Man muss verstehen, wie ein Skitarii entsteht, sonst hält man das Folgende für eine Grausamkeit, und es ist keine. Es ist ein Verfahren mit einer Lücke.
Joran Vashko ist mit sechzehn zur Aushebung gegangen, freiwillig, wie fast alle auf Kel-Vantor, weil ein Skitarii Rationen der zweiten Stufe bekommt und weil sein Vater in der Verwaltung saß und ihm ohne ein Wort klargemacht hatte, dass er sich für den Schmelzdienst nicht eigne.
Mit siebzehn bekam er das erste. Die Ausatmung — eine Filterkopplung an der Luftröhre, damit die Schmiedelunge ihn nicht kriegt wie seinen Vater. Er hat drei Tage danach zum ersten Mal seit seiner Kindheit tief eingeatmet und geweint, was ihm peinlich war und was der Adept ihm freundlich als üblich bezeichnete.
Mit neunzehn die Beine. Mit einundzwanzig die Schmerzführung. Mit vierundzwanzig die Augen, und mit den Augen die Noosphäre, was der eigentliche Einschnitt ist: Ab dann ist man nie mehr allein in seinem Kopf, sondern hört immer den flachen Ton, in dem die Kohorte über sich selbst Buch führt.
Mit siebenundzwanzig die rechte Hand, weil die alte in einer Sicherungsluke geblieben war.
Er ist jetzt einunddreißig. Er ist zu ungefähr zwei Fünfteln Gerät.
Und keiner dieser Schritte hat ihm etwas genommen.
Das ist der Punkt, und die Priesterschaft betont ihn zu Recht: Die reguläre Modifikation ist graduell. Sie geht so langsam, dass der Mensch darin mitwächst. Man setzt nicht ein Gerät in einen Menschen, man setzt einen Menschen fort. Joran Vashko denkt in derselben Sprache wie mit sechzehn, er erinnert sich an dieselbe Kammer, er mag dieselbe Sorte Brei, und wenn er nachts an seinen Vater denkt, dann denkt er es mit demselben Ärger wie mit siebzehn.
Zwei Fünftel Gerät, und alles noch da.
Deshalb ist ein Skitarii nicht zu vergleichen mit einem Servitor, und deshalb sprechen Skitarii über Servitoren so, wie Menschen über Wetter sprechen: mit einer Selbstverständlichkeit, in der eine kleine, gut versteckte Vorsicht sitzt.
Und deshalb bedeutet die vollständige Konvertierung etwas anderes, als sie zu bedeuten scheint.
Sie ist nicht der nächste Schritt. Sie ist das Ende des Verfahrens und der Anfang eines zweiten, das mit dem ersten nichts zu tun hat: Ein schwerverwundeter Skitarii, dessen Instandsetzung teurer wäre als sein Ersatz, wird in eine Kataphronen-Einheit oder in einen Servitor überführt, ohne Rücksicht auf verbleibende Persönlichkeit oder kognitive Kapazität.
Ohne Rücksicht auf. Das steht so im Verfahren. Joran hat es zweimal gelesen, beide Male in Ausbildungsunterlagen, beide Male ohne hinzusehen, so wie man die Rückseite eines Formulars liest.
Er hat den Satz seit sechs Tagen im Kopf und er wird ihn nicht mehr los, und der Grund ist ein Wort, das dort nicht steht.
Im ganzen Verfahren der vollständigen Konvertierung kommt keine Frist vor.
IV. Die Liste
„Ich stehe drauf", sagt er.
„Ja", sagt Vend.
„Seit wann?"
„Seit heute Morgen." Sie sieht auf ihre eigene Hand, die drei Finger hat. „Vashko, ich sage dir jetzt, wie es abläuft, weil dir das sonst keiner sagt und weil es besser ist, wenn du es von mir hörst als von einem Adepten."
Und dann sagt sie es, in vier Sätzen, ohne zu beschönigen:
Die Liste heißt Nachtragsliste und liegt bei der Materialverwaltung, nicht bei der Priesterschaft, weil eine Konvertierung verwaltungstechnisch eine Instandsetzung ist, die anders gebucht wird. Es steht kein Datum daneben. Es steht nie ein Datum daneben. Man wird geholt, wenn die Konvertierungshalle Kapazität hat, und die Halle hat Kapazität, wenn der Vorlauf abgearbeitet ist, und wie lang der Vorlauf ist, weiß die Materialverwaltung und sonst niemand.
Nach der Zwölften Kohorte, nach sechs Tagen Südwestfeld, ist der Vorlauf lang.
„Wie lange", fragt Joran.
„Bei Bekk waren es neun Tage. Bei Sarn zwei." Vend richtet sich auf. „Und bei einem, dessen Namen ich dir nicht sage, waren es vier Stunden, weil zufällig ein Tisch frei war."
Joran liegt sehr still.
Was er in diesem Moment empfindet, ist nicht Angst, jedenfalls nicht die Sorte, für die er ausgebildet ist. Er hat auf dem Südwestfeld sechs Tage lang mit hoher Wahrscheinlichkeit gerechnet und dabei ordentlich gearbeitet; die Zwölfte Kohorte hat die Erzbahnköpfe gehalten, gegen einen Feind, der dort nie erschienen ist, und Joran weiß, dass in keinem Bericht stehen wird, dass sie das getan haben.
Es ist etwas anderes. Es ist der Umstand, dass er nicht weiß, wann.
Ein Mann, der weiß, dass er in sieben Tagen aufhört, hat sieben Tage. Ein Mann, der nicht weiß, ob es neun Tage sind oder vier Stunden, hat gar nichts. Er hat nur eine Tür, die jederzeit aufgehen kann, und einen Kopf, der ab jetzt nichts anderes mehr tut, als auf die Tür zu sehen.
„Kann man Einspruch einlegen?"
„Nein."
„Kann man einen Antrag stellen?"
Marte Vend schweigt eine Weile. Ihr Gerät gibt dabei ein leises, gleichmäßiges Geräusch von sich, das Skitarii, die lange zusammen dienen, an einer Kameradin genauso kennen wie ihr Gesicht.
„Ja", sagt sie schließlich. „Man kann einen Antrag stellen. Aber nicht gegen die Konvertierung."
V. Der Unterschied
Der Adept der Aussonderungsverwaltung kommt am zweiten Tag nach dem Befund, weil er kommen muss; es steht in seinem Amt, dass er jeden Fall persönlich unterrichtet, in dem beide Wege offenstehen.
Corvin Aeth ist Anfang dreißig, hat einen sehr geraden Rücken und blinzelt beim Zuhören nicht. Er trägt zwei Mappen. Er legt sie nebeneinander auf den Hocker neben der Bahre, was Joran später als das Ehrlichste an dem ganzen Gespräch in Erinnerung behält: dass sie nebeneinander lagen und nicht übereinander.
„Vorhut Vashko. Ich habe Ihnen drei Sachen zu erklären und keine davon ist ein Angebot."
„Ich höre."
„Erstens. Sie stehen auf der Nachtragsliste der Materialverwaltung. Das ist kein Urteil und keine Strafe; es ist eine Kostenrechnung. Ihre Instandsetzung ist mit vierhundertzwanzig Einheiten veranschlagt, Ihr Ersatz mit einhundertsiebzig. Ich sage Ihnen diese Zahlen, weil man sie Ihnen sonst vorenthält und weil ich es für falsch halte, einem Menschen die Zahl vorzuenthalten, die über ihn entscheidet."
Joran sagt nichts.
„Zweitens. Auf dieser Liste gibt es keine Frist. Sie werden nicht benachrichtigt. Zwei Träger kommen, und dann ist es der Tag."
„Das weiß ich."
„Ich weiß, dass Sie es wissen. Ich muss es trotzdem sagen." Aeth legt die Hand auf die linke Mappe. „Drittens. Es gibt auf diesem Mond drei Wege, auf denen ein Mensch aufhört, ein Mensch zu sein, und Sie kennen sie alle. Der Schweigeschnitt trifft die Kontaminierten und hat vier Tage Bedenkzeit. Die vollständige Konvertierung trifft die, deren Instandsetzung sich nicht rechnet, und hat keine. Und der Letzte Dienst trifft niemanden."
Er hebt die Hand von der Mappe.
„Weil man ihn beantragt."
Joran Vashko liegt auf einer Bahre in Lazarett drei, mit einer Hand, die sechs Zentimeter neben seinem Bein liegt, und begreift, was ihm angeboten wird und was nicht.
Es ist kein Ausweg. Es ist derselbe Raum.
Die Halle der Letzten Pflicht liegt zwei Ebenen über der Aussonderungshalle Neun und ist etwas würdiger ausgestattet — eine Ewige Flamme, Sitzbänke für Zeugen, keine Kapuzenverhüllung. Die Konvertierungshalle liegt woanders und hat gar nichts. Aber was in allen dreien am Ende auf dem Tisch liegt, ist dasselbe, und was danach durch die Gänge geht, ist dasselbe.
Der Unterschied sind sieben Tage.
„Was passiert mit dem Eintrag", fragt Joran.
„Welchem Eintrag?"
„Ich stehe auf der Nachtragsliste. Wenn ich den Antrag stelle — steht mein Name dann auf zwei Listen?"
Und Corvin Aeth, der beim Zuhören nicht blinzelt, sieht bei dieser Frage zum ersten Mal an ihm vorbei.
„Nein", sagt er. „Ein Petent des Letzten Dienstes wird von der Nachtragsliste gestrichen. Das ist der einzige Unterschied, den die Verwaltung anerkennt, und er ist buchhalterischer Natur: Ein Mensch, der sich selbst zuführt, ist kein Materialvorgang mehr."
„Also rechnet es sich für die Verwaltung."
„Ja", sagt Aeth. „Es rechnet sich für die Verwaltung."
Er sagt es, ohne die Stimme zu ändern, und Joran versteht in diesem Moment, dass dieser Mann ihm gerade das Einzige gegeben hat, was er zu geben hatte: die Wahrheit, unverpackt, an der Stelle, an der eine Verpackung leichter gewesen wäre.
VI. Sein Vater
Ilun Vashko war Aufseher der Grabungsfreigaben. Das ist ein Schreibtisch mit einem Stempel, und der Stempel entscheidet, welcher Schacht befahren wird.
Er hatte die Schmiedelunge seit zwölf Jahren, was für einen Verwaltungsmann ungewöhnlich ist und was er sich in seiner Zeit als junger Adept auf den unteren Ebenen geholt hatte. Er hat nie darüber gesprochen. Er hat überhaupt wenig gesprochen; Joran hat als Kind gedacht, das sei Strenge, und weiß seit einigen Jahren, dass es Kurzatmigkeit war.
Und er hatte den Tod des Enginseers Corvic Amsel im Sechsten Schacht freigegeben. Nicht befohlen — freigegeben. Ein Stempel. Amsel ist unten geblieben und hat einen Trümmerbogen mit dem Rücken gestützt, damit zwei andere herauskamen, und der Stempel darüber trug Ilun Vashkos Kennung.
Joran hat davon erfahren, wie er von allem erfahren hat, was seinen Vater betraf: aus einem Verzeichnis, drei Jahre zu spät.
Denn als sein Vater sich meldete, war Joran nicht auf Kel-Vantor.
Das ist der Umstand, den er in den folgenden Tagen mehrfach in die Hand nimmt und wieder hinlegt. Die Zwölfte Kohorte lag damals neun Monate im Aschtor-Randfeld gegen Reste, die niemand zählte. Er war dreiundzwanzig. Er hat in diesen neun Monaten dreimal an seinen Vater gedacht, jedes Mal kurz, jedes Mal mit Ärger.
Als er zurückkam, gab es einen Vorgang und keinen Vater.
Er hat damals vier Tage lang die Verwaltung abgelaufen. Ebene neun, Ebene zwölf, die Kohortenschreibstube, zweimal die Schmelzkathedrale. Er war dreiundzwanzig, er trug Panzer, und er hat vier Tage lang mit Leuten gesprochen, die ihm freundlich erklärten, dass sie ihm nichts erklären dürfen.
Am fünften Tag hat er aufgehört.
Er hat danach elf Jahre lang nicht mehr gefragt, und wenn ihn jemand nach seinem Vater fragte, hat er gesagt, der sei gestorben, was insofern zutraf, als es sich für ihn genau so anfühlte, und was insofern nicht zutraf, als der Körper vier Ebenen tiefer Schlacke schob.
Er hat sich in diesen elf Jahren eine Erklärung zurechtgelegt, und die Erklärung war: Sein Vater hat es niemandem gesagt, weil es ihm gleich war.
Es hat elf Jahre gehalten. Es hält jetzt seit vier Tagen nicht mehr.
„Ich habe ihn nicht unterschrieben", sagt Aeth am dritten Tag, als Joran danach fragt. „Ich war damals zwei Jahre im Amt und habe zugesehen. Mein Vorgänger hat unterschrieben."
„Hat er es begründet?"
„Ein Petent muss nichts begründen. Ihr Vater hat es trotzdem getan, in zwei Zeilen, weil er Verwaltungsmann war und weil Verwaltungsleute Felder ausfüllen." Aeth sieht ihn an. „Wollen Sie es hören?"
„Ja."
„Schmiedelunge Stufe vier. Und ich habe einen Mann in einen Schacht gelassen, der nicht mehr herausgekommen ist."
Joran liegt still.
„Das Zweite ist der Grund", sagt er nach einer Weile.
„Das weiß ich nicht", sagt Aeth. „Ich weiß nur, dass er beides hingeschrieben hat und dass er das Erste zuerst geschrieben hat und dass Menschen das Wichtigere selten zuerst schreiben."
Und dann sagt der Adept den Satz, wegen dem Joran ihn zwei Tage später aufsuchen wird.
„Er hat das Feld ausgefüllt, Vashko."
„Welches Feld?"
„Zu benachrichtigen. Zwei Zeilen am Fuß des Bogens. Der Petent kann eine Person benennen, der nach Vollzug Mitteilung gemacht wird." Aeth schlägt die Mappe nicht auf; er weiß es auswendig, was für sich genommen eine Auskunft ist. „Er hat Sie eingetragen. Vollständig, mit Dienstkennung. Und er hat es nicht durchgestrichen."
„Ich habe nie eine Mitteilung bekommen."
„Nein", sagt Corvin Aeth. „Sie haben sie bekommen. Sie haben sie nicht gelesen."
VII. Was aus dem Manifold kam
Am vierten Tag kommt ein Astartes ins Lazarett drei, und die Ebene wird sehr still.
Er ist gepanzert, weil er unmittelbar von der Rampe kommt, und er muss sich unter dem Durchgang bücken, und ein Techpriester, der ihm zufällig im Weg steht, geht rückwärts, ohne es zu merken. Auf seiner Schulter sitzt das Zeichen der Eisenadern, und seinen rechten Arm hat er nicht.
„Vorhut Joran Vashko."
„Herr."
„Bruder-Techmarine Kael'dun." Er zieht sich einen Hocker heran, der unter ihm aussieht wie Spielzeug, und setzt sich, was Joran in seinem ganzen Dienst noch bei keinem Astartes gesehen hat. „Ich bin Ihretwegen hier und ich habe wenig Zeit, also fange ich am unangenehmen Ende an. Ich habe vorgeschlagen, den Körper Ihres Vaters zu benutzen."
Joran sagt eine Weile nichts.
„Sie meinen Einheit 0839."
„Ich meine den Körper Ihres Vaters", sagt Kael'dun. „Ich habe zwei Nächte gebraucht, um es vorzuschlagen, und ich habe es vorgeschlagen, und wenn ich es beim Namen der Einheit nenne, mache ich es mir leichter, als es war."
Und dann erzählt er es. In zehn Minuten, ohne Auslassung, mit der Genauigkeit eines Mannes, der Bericht erstatten gelernt hat und dem nie beigebracht wurde, dabei etwas wegzulassen.
Die zusammengelegte Einheit, 0774 mit 0839. Der Sechste Schacht, die Vermessung der zweiundzwanzig Schächte, die im Kataster nicht stehen. Das Manifold eines Warlord-Titanen, der einzige Apparat im imperialen Bestand, der aus einem beschädigten Bewusstsein noch etwas herausholt. Vierzig Minuten Übernahme. Tiefenprofile, Gesteinsklassen, Kappenstärken, sauber, geordnet.
Und ganz am Ende ein Rest, der keine Vermessung war.
„Ein Bild", sagt Kael'dun. „Ein Trümmerbogen, von unten gesehen. Darunter ein Mann, der ihn mit dem Rücken stützt. Das Bild hört auf, bevor der Bogen aufhört."
Joran hat die Augen geschlossen. Er weiß nicht, wann er sie geschlossen hat.
„Das ist der Sechste Schacht."
„Ja."
„Das ist Amsel."
„Ja."
„Dann —" Joran hört seine eigene Stimme und findet sie zu schnell. „Dann war er noch da. Nach neun Jahren war noch etwas da."
Und Bruder-Techmarine Kael'dun, der seinen rechten Arm auf der Großen Rampe gelassen hat und der mit dem Beichten noch nicht fertig ist, sagt das Grausamste und Anständigste, was in diesen sieben Tagen jemand zu Joran Vashko sagt.
„Etwas war da. Ich weiß nicht, was."
„Er hat den Schacht freigegeben. Er hat Amsel —"
„Vashko." Kael'dun beugt sich vor. „Hören Sie mir zu, denn ich werde das nicht zweimal sagen. In dieser Einheit lagen zwei Menschen. Der eine hat den Bogen gesehen, weil er darunter stand. Der andere hat den Stempel gesetzt, der den anderen hineingelassen hat. Beide könnten dieses Bild tragen. Ich weiß nicht, welcher es war. Ich könnte es Ihnen sagen, und es wäre freundlich, und es wäre erfunden."
Joran hört sich selbst atmen. Die Filterkopplung macht dabei ein Geräusch, das er seit vierzehn Jahren nicht mehr hört, weil man es nach zwei Wochen nicht mehr hört, und das er in diesem Moment hört.
„Warum sagen Sie mir das?"
„Weil ich es getan habe", sagt Kael'dun. „Nicht der Princeps, nicht der Enginseer, nicht der Magos. Ich habe es vorgeschlagen, und ich habe gewusst, dass der Rumpf die Übernahme nicht aushält, und ich habe es trotzdem vorgeschlagen, weil ich die Vermessung brauchte."
„Sie hätten mich fragen können."
„Ja." Er sagt es sofort, ohne Verteidigung. „Sie waren neun Ebenen tiefer, im Lazarett drei, in derselben Nacht. Ich habe nicht gefragt, weil ich wusste, was Sie geantwortet hätten, und weil ich die Antwort nicht gebrauchen konnte. Das ist der ganze Grund. Ich habe ihn zweimal gebeichtet und er wird nicht besser."
„Und hat es sich gelohnt?"
Kael'dun sieht ihn an. Die Augen der Eisenadern sind bernsteinfarben; aus einem halben Meter ist das etwas anderes als aus zehn.
„Sieben Schachtkappen unter der Großen Rampe sind verschlossen", sagt er. „Es hat einen Warlord gekostet, eine Princeps Maior, eine Steuerfrau und einen neunzehnjährigen Moderatus. Und den Rumpf Ihres Vaters. Ob es sich gelohnt hat, weiß ich in vierzig Jahren, und wenn ja, wird niemand mehr wissen, wofür."
Er richtet sich wieder auf.
„Was ich Ihnen sagen kann, ist das: Neun Jahre nach dem Vollzug war in einem Körper, der Schlacke geschoben hat, noch etwas, das ein Bild festhalten konnte. Das ist alles, was ich weiß, und es ist mehr, als ich vorher gewusst habe, und ich wünschte, ich wüsste es nicht."
VIII. Tag eins
Joran Vashko stellt den Antrag am nächsten Morgen.
Er stellt ihn nicht, weil ihn der Astartes getröstet hätte. Er ist nicht getröstet. Was Kael'dun ihm gebracht hat, ist die schlechteste Nachricht seines Lebens, und er hat die Nacht damit verbracht, sie in die einzige Form zu bringen, in der man sie tragen kann:
Wenn in einem umgewandelten Körper nach neun Jahren noch etwas ist, dann löscht die Umwandlung nicht. Sie schließt ein.
Das gilt für die Halle der Letzten Pflicht genauso wie für die Konvertierungshalle. Der Unterschied liegt nicht dort. Wenn das Ende in beiden Räumen dasselbe ist, dann ist alles, was ein Mensch auf Kel-Vantor noch besitzen kann, der Weg dorthin.
Und der eine Weg hat sieben Tage und der andere hat zwei Träger, die kommen, wenn ein Tisch frei wird.
Er lässt sich das Formular bringen. Er füllt es mit der rechten Hand aus, weil die linke sechs Zentimeter neben seinem Bein liegt, und die rechte ist seit vier Jahren nicht seine eigene und schreibt ordentlicher als die alte.
Vashko, Joran. Vorhut, Zwölfte Kohorte. Einunddreißig Jahre. Befund: Sektion vier, Integrität sechzehn Prozent. Instandsetzung veranschlagt vierhundertzwanzig Einheiten. Antrag auf Vollzug des Letzten Dienstes, eigenhändig.
Bei der Begründung hält er an.
Sein Vater hat zwei Zeilen geschrieben und das Wichtigere an die zweite Stelle gesetzt. Joran sitzt sechs Minuten davor und schreibt dann einen Satz, von dem er weiß, dass er nicht stimmt, und lässt ihn stehen, weil er den, der stimmt, nicht aufschreiben will.
Weil ich nicht ersetzt werden möchte, ohne gefragt worden zu sein.
Das Feld Zu benachrichtigen lässt er leer. Vorerst.
Corvin Aeth nimmt den Bogen entgegen, prüft ihn, stempelt den Eingang und trägt die Frist ein. Sieben Tage. Es dauert vier Minuten.
Dann sagt er: „Sie sind von der Nachtragsliste gestrichen. Ich habe es soeben veranlasst."
Joran wartet auf etwas, das er nicht benennen kann, und merkt dann, dass er auf Erleichterung gewartet hat.
Sie kommt nicht. Was kommt, ist etwas Kleineres und viel Merkwürdigeres: Er weiß jetzt, wann.
Sechs Tage später hat er zum ersten Mal seit dem Befund vier Stunden am Stück geschlafen.
IX. Tag zwei
Am zweiten Tag lässt er sich in die Schmelzkathedrale bringen.
Er kann gehen. Das Bein ist unversehrt, und ein Skitarii, dem die halbe linke Seite fehlt, geht immer noch besser als ein gesunder Werker; das ist der Teil der Modifikation, den niemand romantisch findet und der jeden Tag zählt. Ein Träger begleitet ihn, weil es Vorschrift ist. Der Träger ist neunzehn und redet nicht.
Die Beschickung läuft auf drei Bahnen. Er weiß, wo die Fördereinheiten stehen, in denen die zusammengelegten Einheiten arbeiten, weil er es vor sechs Jahren einmal herausgefunden und danach nie wieder überprüft hat.
Der Weg dorthin führt durch sechs Ebenen, und Joran Vashko sieht sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.
Ebene neunzehn: die Schmelzkohorten beim Schichtwechsel, zweitausend Menschen in einem Gang, der für achthundert gebaut ist, alle mit dem Atemtuch am Hals und keiner mit dem Tuch vor dem Mund, weil man nach dem zwölften Jahr aufhört.
Ebene fünfzehn: Aushänge. Schichtpläne, Rationsanpassungen, die Kohortenliste. Vor der Kohortenliste stehen sechs oder sieben Leute und lesen, und einer von ihnen fährt mit dem Finger die Zeilen entlang, langsam, von unten nach oben.
Ebene zwölf: die Wache der Arbites, sechzehn Mann, geduldet auf einem alten Vertrag, mit nichts zu tun.
Und dann die Kathedrale.
Sie ist der einzige Ort auf Kel-Vantor, an dem der Mond aussieht, wie ein Fremder ihn sich vorstellt: ein schwarzer Keil aus dem Boden, innen hohl, sechshundert Meter hoch, und in der Mitte hängt die Hitze wie ein zweiter Körper. Joran ist als Kind zweimal hier gewesen, weil sein Vater es für erzieherisch hielt, und er erinnert sich an nichts als an die Hand seines Vaters am Kragen, die ihn vom Geländer wegzog.
Er steht neunzehn Minuten auf dem Gitterlaufsteg.
Der Platz ist leer.
Nicht aufgefüllt — leer. In der Reihe der Beschicker klafft eine Lücke von etwa einem Meter, und die beiden Einheiten daneben haben ihre Zyklen angepasst, damit das Band nicht überläuft, was bedeutet, dass sie jetzt alle fünf Sekunden greifen statt alle sieben. Es funktioniert. Es funktioniert vollkommen. Man muss lange hinsehen, um zu bemerken, dass da etwas fehlt.
Er zählt die Einheiten. Es sind achtzehn auf der oberen Bahn, siebzehn auf der mittleren. Die Lücke ist auf der mittleren, dritte Position von der Rutsche aus.
Er bemerkt, dass er nach der Schulterhaltung sucht.
Das ist der Punkt, an dem er hätte aufhören sollen. Ein Skitarii mit Augen der vierten Stufe kann auf sechzig Meter eine Bewegungssignatur auflösen, und Joran hat sechs Jahre lang gewusst, welche Position sein Vater hatte, und hat in sechs Jahren genau einmal hingesehen und danach nicht mehr, und der Grund dafür war nicht Feigheit, sondern eine sehr genaue Vorstellung davon, was das Hinsehen mit einem macht.
Jetzt sucht er die Signatur eines Körpers, der nicht mehr da ist, an einer Position, auf der nichts steht.
Ein Werker kommt an ihm vorbei, sieht ihn, sieht den Skitarii-Panzer, geht weiter.
Joran denkt an das Formular in der Verwaltung, auf dem irgendwo ein Verlustabgleich anhängig ist. Der Körper seines Vaters ist ein Materialvorgang, der abgeschlossen werden muss, und irgendjemand wird dafür Belege beibringen müssen, und die Belege werden nicht enthalten, was tatsächlich geschehen ist, weil das, was tatsächlich geschehen ist, unter zweiundzwanzig nicht katalogisierten Schächten liegt und dort bleiben soll.
Sein Vater wird als Ausfall gebucht. Ohne Vermerk.
Auf dem Rückweg fragt der neunzehnjährige Träger zum ersten Mal etwas.
„Herr — war das einer von Ihren?"
Joran überlegt, ob er lügt.
„Mein Vater", sagt er.
Der Junge nickt und redet den ganzen Rückweg nicht mehr, und an der Schleuse zu Lazarett drei sagt er: „Meiner ist auf Bahn zwei", und geht.
X. Tag drei
Am dritten Tag kommt die Vorhut.
Es sind drei. Marte Vend, Brekk und Orsk, und sie stehen in der Tür wie Leute, die vor dem Hereinkommen abgesprochen haben, wer zuerst redet, und dann redet keiner.
Brekk hat einen Verband am Kopf und wird ihn behalten, weil man Verbände bei Skitarii selten wechselt. Orsk hat gar nichts und sieht deshalb aus wie ein Feigling, was er nicht ist; das Südwestfeld hat ausgesucht, ohne zu fragen.
„Wir haben gehört, du hast unterschrieben", sagt Vend.
„Ja."
„Warum."
Joran hat auf diese Frage vier Antworten vorbereitet und keine davon ist es.
„Weil ich wissen wollte, wann."
Vend nickt langsam. Ihr Gerät gibt das leise, gleichmäßige Geräusch von sich.
Und dann tut die Vorhut der Zwölften Kohorte etwas, wofür es keine Vorschrift gibt und das in keinem Bericht steht.
Sie bleiben.
Nicht lange — sie haben Dienst, die Kohorte steht bei sechs von neunzehn und muss trotzdem die Erzbahnköpfe sichern. Sie bleiben zweiundvierzig Minuten. Sie reden nicht über den Antrag. Brekk erzählt eine sehr lange, sehr langweilige Geschichte über einen Kompressor. Orsk isst Joran den halben Nährbrei weg, weil Orsk das seit elf Jahren tut. Vend sitzt daneben und sagt fast nichts.
Als sie gehen, bleibt Vend an der Tür stehen.
„Vashko. Am siebten Tag — sind da Bänke?"
„Ja, Alpha. Sitzbänke für Zeugen. Keine Kapuzen."
„Gut", sagt Marte Vend und geht.
XI. Der Verlustabgleich
Am dritten Tag bringt ihm ein Adept der Materialverwaltung ein Formular ans Bett.
Das ist nicht Bosheit und nicht einmal Gedankenlosigkeit. Es ist Zuständigkeit: Joran Vashko ist der nächste eingetragene Angehörige der Person, die dem Körper zugrunde lag, der unter der Designation 0839 geführt wurde, und ein Verlustabgleich braucht eine Erklärung des nächsten Angehörigen, wenn ein Körper ohne beigebrachte Belege ausfällt.
Der Adept ist höflich. Er wartet, bis Joran sich aufgesetzt hat. Er erklärt jedes Feld.
„Hier tragen Sie ein, wann Sie die Einheit zuletzt gesehen haben."
„Vor sechs Jahren. Auf einem Laufsteg."
„Das genügt nicht als Beleg."
„Ich weiß."
„Und hier —" der Adept dreht das Blatt, „— die Umstände des Ausfalls, soweit Ihnen bekannt."
Joran sieht auf das Feld. Es ist vier Zeilen hoch.
Er könnte es füllen. Ein Bruder-Techmarine der Eisenadern hat ihm gestern zehn Minuten lang die Umstände erklärt: eine Einspeisung in das Manifold eines Warlord-Titanen, vierzig Minuten Übernahme, sieben Schachtkappen unter der Großen Rampe, zweiundzwanzig Schächte, die im Kataster der Zwölften Kohorte nicht stehen.
Er sagt: „Nicht bekannt."
Der Adept schreibt nicht bekannt und wirkt dabei erleichtert, und Joran versteht in dieser Sekunde, dass der Mann genau weiß, was er nicht wissen darf, und dass die ganze Verwaltung an dieser Stelle sehr sorgfältig nicht hinsieht.
„Ein Ausfall ohne Beleg kann nicht als Verlust gebucht werden", sagt der Adept. „Er bleibt offen."
„Was heißt offen?"
„Die Zuweisung läuft weiter. Rationsanspruch entfällt bei Servitoren, aber Wartungsschichten, Ersatzteilkontingent und Schichtplanung bleiben offen stehen, bis der Vorgang geschlossen ist." Er sammelt seine Blätter. „In der Praxis heißt es, dass die Schmelzkathedrale weiterhin alle vier Monate eine Wartungsschicht für eine Einheit einplant, die nicht mehr existiert."
„Wie lange?"
„Bis jemand befugt ist, sie anzuhalten." Der Adept steht auf. „Dafür ist niemand da. Anhalten ist ein eigener Vorgang."
Joran liegt danach lange still.
Sein Vater hat den Letzten Dienst gewählt, um nützlich zu sein, und ist es neun Jahre lang gewesen, und jetzt ist der Körper weg und die Nützlichkeit bleibt in der Planung stehen wie ein Nagel in einer Wand, an der kein Bild mehr hängt.
Und irgendwo auf Ebene neun liegt gleichzeitig ein Bogen mit zwei Zeilen darauf, in denen ein Mann seine Gründe genannt hat, und den liest niemand, weil er in der falschen Verwaltung liegt.
Es sind zwei Häuser. Sie reden nicht miteinander. Das ist alles.
XII. Tag vier
Am vierten Tag will er zurück.
Es kommt ohne Anlass. Er liegt seit zwei Stunden wach, es ist die dritte Schicht, auf der Ebene ist es still bis auf die Umluft, und irgendwann stellt er fest, dass er die Tage falsch herum zählt. Er hat bis zum vierten Tag gezählt, was man tut, wenn man Zeit hat. Ab jetzt zählt er von sieben abwärts, was man tut, wenn man keine mehr hat.
Er ruft den Adepten. Es ist 02:40. Corvin Aeth kommt in zwanzig Minuten und ist angezogen, was bedeutet, dass er nicht geschlafen hat.
„Ich ziehe zurück."
Aeth setzt sich nicht. Er steht neben der Bahre, sehr gerade, und blinzelt nicht.
„Das dürfen Sie", sagt er. „Jederzeit bis zur letzten Stunde. Ich bin verpflichtet, es Ihnen mindestens einmal während der Frist ausdrücklich zu sagen, und ich sage es Ihnen hiermit ausdrücklich: Sie dürfen jederzeit zurückziehen. Es hat keine Folgen."
„Dann ziehe ich zurück."
„Ich muss Ihnen dazu eine Angabe machen. Nicht, um Sie umzustimmen — weil ich sie machen muss und weil ich es unterlassen könnte und es dann nie erfahren würde."
„Sagen Sie."
„Wenn Sie zurückziehen, wird die Streichung auf der Nachtragsliste rückgängig gemacht." Aeth sagt es ohne jede Betonung, wie eine Temperatur. „Ihr Eintrag geht dann nicht an das Ende der Liste, sondern an die Stelle, an der er stand, weil die Materialverwaltung nach Befunddatum sortiert und nicht nach Eingang. Sie stünden seit neun Tagen darauf."
Joran liegt sehr still.
„Wie lang ist der Vorlauf?"
„Das weiß ich nicht. Das weiß die Materialverwaltung."
Es ist keine Drohung, kaum eine Warnung. Es ist Arithmetik, und die Arithmetik ist so gebaut, dass es für einen Mann in Joran Vashkos Lage keinen Weg zurück gibt, der ihm Zeit verschafft — der Rückweg nimmt ihm die einzige Zeit, die er hat, und gibt ihm dafür eine Tür, die jederzeit aufgehen kann.
Niemand hat das so entworfen. Es sind zwei Verfahren aus zwei Häusern, und dass sie ineinandergreifen wie eine Falle, ist das Ergebnis von Sortierregeln.
„Dann ziehe ich nicht zurück."
„Ich trage nichts ein", sagt Aeth. „Dieses Gespräch hat nicht stattgefunden, im Sinne der Aktenführung."
Er geht zur Tür. Dort bleibt er stehen und tut etwas, das ihm sichtbar schwerfällt, weil er nicht dafür ausgebildet ist.
„Vashko. Ich komme um 02:40 herunter, wenn Sie rufen. Auch morgen. Auch übermorgen."
XIII. Tag fünf
„Ich habe eine Frage", sagt Joran am fünften Tag. „Und ich weiß, dass Sie sie nicht beantworten müssen."
„Fragen Sie."
„Führen Sie eine Liste?"
Corvin Aeth sieht ihn an. Es dauert lange.
„Ja."
„Was steht darin?"
„Jeder Vorgang der Halle der Letzten Pflicht bekommt bei mir ein zweites Zeichen. Es gibt drei." Er sagt es, als läse er es ab, was er nicht tut. „Das erste bedeutet, dass der Petent von sich aus gekommen ist und nicht gewankt hat. Das zweite bedeutet, dass er gewankt hat und trotzdem gekommen ist. Das dritte bedeutet, dass jemand mit ihm gesprochen hat."
„Wie viele haben das dritte?"
„In sieben Jahren einhundertsiebenundzwanzig von vierhundertneunundfünfzig."
Joran rechnet. Es ist mehr als ein Viertel.
„Und wozu ist die Liste?"
„Zu nichts", sagt Aeth. „Ich zeige sie niemandem. Ich habe sie in sieben Jahren einem einzigen Menschen gezeigt, und der hatte selbst eine."
Er legt die Hände auf die Knie, links neben rechts.
„Die Verwaltung sagt, es gebe drei Wege, und der Unterschied sei die Freiwilligkeit. Ich sitze seit sieben Jahren an diesem Tisch und weiß, dass die Freiwilligkeit an einhundertsiebenundzwanzig Stellen so ausgesehen hat, dass jemand im richtigen Moment im Zimmer stand. Manchmal ein Vorarbeiter, der einen Platz brauchte. Manchmal ein Sohn. Und ein einziges Mal ein Verfahren, das dem Petenten den Rückweg verrechnet hat, ohne dass irgendjemand es so gewollt hätte."
„Ich kriege das dritte."
„Nein", sagt Corvin Aeth. „Sie kriegen das zweite. Sie haben gewankt und sind trotzdem gekommen, und Sie sind um 02:40 gewankt, wo Sie niemand gesehen hat. Wenn ich Ihnen das dritte gäbe, würde ich mich selbst zum Zimmer erklären, und das steht mir nicht zu."
„Sie sind das Zimmer."
„Möglicherweise", sagt Aeth. „Deshalb führe ich die Liste."
Joran sieht ihn an. Der Adept sitzt sehr gerade auf dem Hocker, die Hände auf den Knien, links neben rechts, und er ist einunddreißig oder zweiunddreißig und hat in sieben Jahren vierhundertneunundfünfzig Mal in einer Halle gestanden und den Stift gereicht.
„Adept."
„Ja."
„Wie viele davon waren Skitarii?"
Aeth antwortet nicht sofort, und das ist bei ihm eine Auskunft.
„Elf."
„In sieben Jahren."
„In sieben Jahren." Er sieht auf seine Hände. „Skitarii stellen den Antrag fast nie. Sie stehen auf der Nachtragsliste und warten. Ich habe lange geglaubt, das sei Tapferkeit."
„Und jetzt?"
„Jetzt glaube ich, dass es niemand ist, der ihnen sagt, dass es die Liste gibt", sagt Corvin Aeth. „Der Befund wird von der Materialverwaltung erhoben, und die Materialverwaltung unterrichtet nach ihrer eigenen Ordnung, und in ihrer Ordnung kommt mein Amt nicht vor. Ich erfahre von einem Fall, wenn ein Alpha mich ruft. Alphas rufen selten. Ihre hat gerufen."
Joran sagt eine Weile nichts.
„Wann?"
„Am Tag des Befundes. Zwei Stunden nachdem sie ihn gelesen hatte." Aeth steht auf. „Ich sage Ihnen das nicht, um Ihnen ein Gefühl zu machen. Ich sage es Ihnen, weil Sie sonst glauben, Sie wären von selbst darauf gekommen, und weil das nicht stimmt."
XIV. Tag sechs
Der Rückstand liegt bei achtundvierzigtausend Einträgen.
Ein Skitarii im Feld empfängt über die Noosphäre alles, was die Kohorte über sich selbst weiß, und der überwiegende Teil davon ist Schrott: Bestandsmeldungen, Wartungsintervalle, Rationszuteilungen, Verlegungen. Damit ein Kämpfender davon nicht taub wird, filtert die Ausrüstung nach Belangklassen. Klasse eins bis vier gehen durch. Fünf bis neun gehen in einen Rückstand, der nie gelesen wird, weil ihn niemand lesen kann.
Eine zivile Mitteilung ist Klasse sieben.
Joran braucht am sechsten Tag zwei Stunden, um den Rückstand zu durchsuchen, weil die Ausrüstung dafür nicht gebaut ist und weil er es mit einer Hand tut.
Der Eintrag ist neun Jahre alt.
MITTEILUNG NACH VOLLZUG. Vorgang: Vashko, Ilun, Aufseher der Grabungsfreigaben. Ritus: der Letzte Dienst, vollzogen. Benannte Person: Vashko, Joran, Vorhut, Zwölfte Kohorte. Persönlicher Zusatz des Petenten, bis zweihundert Zeichen:
Joran. Ich habe das Feld ausgefüllt, damit du es nicht aus einem Verzeichnis erfährst. Wenn du das liest, ist es mir gelungen. Es tut mir leid wegen der neun Monate. Ich habe nicht gewusst, wie man wartet. I. V.
Er hat es aus einem Verzeichnis erfahren. Drei Jahre später.
Joran Vashko sitzt sehr lange auf der Kante der Bahre.
Er ist nicht wütend auf die Verwaltung. Er hat einunddreißig Jahre auf diesem Mond gelebt und weiß, dass es keine Bosheit ist: Die Mitteilung wurde erstellt, versandt, zugestellt und archiviert, jeder Schritt korrekt, und der einzige Fehler in der ganzen Kette ist, dass ein Vater nicht wusste, dass sein Sohn Klasse sieben nicht liest, und dass es keine Stelle gibt, die es ihm hätte sagen können.
Am Nachmittag lässt er den Bogen kommen.
Im Feld Zu benachrichtigen trägt er Vend, Marte, Alpha, Vorhut Zwölfte Kohorte ein, mit Dienstkennung, vollständig, so wie sein Vater es getan hat.
Dann fragt er Aeth: „Kommt das bei einem Skitarii im Dienst an?"
„Nein", sagt Aeth. „Es ist Klasse sieben."
Joran streicht es durch. Einmal, waagerecht.
Und dann lässt er sich in den Gang bringen, in dem die Zwölfte Kohorte ihre Ausrüstung fasst, und wartet dort zwei Stunden, bis die Vorhut von der Sicherung kommt, und sagt es Marte Vend ins Gesicht.
Es dauert elf Sekunden.
Es ist der einzige Übertragungsweg auf diesem Mond, für den es keine Belangklasse gibt.
XV. Die Nacht
Er schläft nicht.
Das ist keine Angst. Es ist ein Skitarii-Umstand: Die Schmerzführung arbeitet nachts anders, und die linke Seite meldet seit sechs Tagen alle vier Minuten dasselbe, und man kann eine Meldung ignorieren, aber man kann nicht ignorieren, dass man sie ignoriert.
Also liegt er wach und macht das Einzige, was ihm einfällt: eine Aufstellung.
Er geht sich durch, von unten nach oben, so wie ein Materialadept ein Gerät durchgeht.
Die Beine sind nicht seine. Die Hüfte ist zur Hälfte seine. Die rechte Hand ist nicht seine, die linke ist seine und tut nichts. Der Brustkorb ist seiner, mit Ausnahme von Sektion vier. Die Luftröhre hat eine Kopplung. Die Augen sind nicht seine. Der Schädel ist seiner. Was darin ist, weiß niemand genau, und das ist der Punkt, an dem jede Aufstellung dieser Art aufhört, eine Aufstellung zu sein.
Zwei Fünftel Gerät. Er hat das immer für die Antwort gehalten.
In dieser Nacht merkt er, dass die Zahl nichts sagt, weil sie über die falsche Größe geht. Sie zählt, was ersetzt wurde. Sie zählt nicht, was nie in einem Verzeichnis stand.
Er sucht danach. Es dauert eine Weile.
Was er findet, ist dies: Er ist neun Jahre alt und steht mit seinem Vater auf einem Laufsteg über der Beschickung, weil sein Vater das für erzieherisch hält. Es ist heiß und laut. Er steht am Geländer und sieht hinunter, und irgendwann greift sein Vater ihm von hinten in den Kragen und zieht ihn zwei Schritte zurück, ohne ein Wort, ohne Erklärung, und lässt die Hand danach noch ungefähr fünf Sekunden dort liegen.
Fünf Sekunden. Ein Griff in einen Kragen.
Es steht in keinem Vorgang. Es ist in keiner Mitteilung, in keinem Bogen, in keiner Belangklasse, in keiner Liste der Materialverwaltung und in keinem Heft, das amtlich nicht existiert. Es hat kein Feld. Sein Vater hat es vermutlich nach einer Woche vergessen.
Joran Vashko liegt in der sechsten Nacht wach und beschließt, es niemandem zu sagen.
Nicht aus Trotz. Aus Arithmetik: Alles, was er in den letzten sechs Tagen aufgeschrieben, beantragt, gestempelt oder gemeldet hat, ist dadurch zu einem Vorgang geworden, und jeder dieser Vorgänge ist anschließend seinem Zugriff entzogen worden und irgendwo abgelegt, wo ihn Leute lesen, die ihn nicht kennen.
Dieses eine bleibt draußen.
Es ist das kleinste Eigentum, das er je besessen hat, und es ist das erste, von dem niemand eine Abschrift hat.
Um kurz nach drei kommt der neunzehnjährige Träger.
Er ist nicht bestellt, er hat keinen Auftrag, und er kann auf die Frage, warum er da ist, keine Antwort geben; er sagt zweimal an, dass er gleich wieder geht, und bleibt dann bis 05:40 auf dem Hocker sitzen. Sie reden in diesen zweieinhalb Stunden über Kompressoren, weil Brekk dieses Thema drei Tage vorher aufgebracht hat und weil es das einzige ist, das sich anbietet.
Als er geht, sagt Joran: „Wie heißt du?"
„Tarn, Herr."
„Tarn. Deiner auf Bahn zwei — wie lange?"
„Vier Jahre."
„Geh mal hin", sagt Joran Vashko. „Nicht heute. Aber geh mal hin."
XVI. Tag sieben
Die Halle der Letzten Pflicht ist kleiner, als er gedacht hat.
Er hat sie sich wie eine Kammer vorgestellt und sie ist ein Saal, aber ein niedriger, mit einer Decke aus schwarzem Stein, in der die Ewige Flamme sich spiegelt, so dass man sie zweimal sieht. Es riecht nach heißem Metall und nach dem Öl, mit dem man Kerzen nicht ölt und Geräte schon.
Es gibt vier Sitzbänke. Es gibt keine Kapuzen.
Zwei Ebenen tiefer liegt die Aussonderungshalle Neun, und dort gibt es Kapuzen und keine Bänke, und Joran Vashko denkt in dem Moment, in dem er hereingeführt wird, zum ersten und einzigen Mal, dass diese zwei Ebenen vielleicht doch etwas sind.
Man führt ihn nicht. Das ist eine der Bestimmungen, und sie ist die einzige, an der man merkt, dass sich jemand etwas dabei gedacht hat: Ein Petent des Letzten Dienstes geht auf eigenen Beinen hinein, solange er es kann. In Halle Neun wird geführt.
Joran Vashko kann. Er geht die elf Meter selbst und braucht dafür lange, weil die linke Seite bei jedem Schritt einen Bruchteil hinterherkommt, und niemand hilft ihm, und das ist die Höflichkeit.
Auf den Bänken sitzen vier.
Marte Vend, Brekk und Orsk, in Panzern, die man nicht gereinigt hat, weil die Kohorte seit acht Tagen nicht aus dem Dienst gekommen ist. Und ganz hinten, allein auf der vierten Bank, der neunzehnjährige Träger, dessen Namen Joran nicht kennt und dessen Vater auf Bahn zwei steht.
Kein Astartes. Er hat auch keinen erwartet; ein Techmarine der Eisenadern hat auf einem Forge-Mond, unter dem zweiundzwanzig Schächte verschlossen werden müssen, anderes zu tun, und Joran ist ihm für zehn Minuten Wahrheit im Lazarett dankbarer, als er es für zwei Stunden auf einer Bank wäre.
Er hat mit Vend nicht abgesprochen, dass sie kommen. Er hat ihr am Vortag im Ausrüstungsgang gesagt, dass es am siebten Tag ist, und sie hat genickt und ist weitergegangen, weil die Vorhut in vier Minuten aufsitzen musste.
Sie sitzen jetzt in Panzern, die man seit acht Tagen nicht gereinigt hat, in einer Halle mit einer Ewigen Flamme, und Marte Vend hat die drei Finger ihrer rechten Hand auf dem Knie liegen und sieht geradeaus.
Brekk weint nicht und Orsk isst nichts, und beide tun etwas, das ihnen sichtbar schwerfällt: Sie sehen hin.
Das Ankleiden dauert zwanzig Minuten und wird von zwei Adepten vollzogen, die nicht sprechen.
Es besteht darin, dass man ihm die Panzerung abnimmt, Stück für Stück, in der Reihenfolge, in der man sie ihm über vierzehn Jahre gegeben hat. Das ist nicht symbolisch gemeint; es ist notwendig, weil das, was darunter kommt, an anderen Stellen ansetzt. Aber es fällt zusammen, und niemand in dieser Halle hat je behauptet, dass das ein Zufall wäre.
Bei der Filterkopplung an der Luftröhre hält der jüngere Adept kurz an.
„Die erste", sagt Joran.
„Herr?"
„Das war meine erste. Mit siebzehn."
Der Adept nickt und macht weiter, und Joran atmet danach zum ersten Mal seit vierzehn Jahren die Luft dieses Mondes so ein, wie sie ist, und sie schmeckt nach heißem Metall und nach Öl, und er hustet, und der Husten ist der Husten seines Vaters.
Um vier Uhr zwanzig legt Corvin Aeth den Bogen ein zweites Mal vor.
Das ist der einzige Vorgang, bei dem die Verwaltung von Kel-Vantor ein Papier zweimal zeigt: einmal am ersten Tag der Frist und einmal in der Halle, kurz vorher, damit der Petent Änderungen anbringen kann.
Aeth reicht ihm den Stift.
Joran sieht auf das Feld Zu benachrichtigen, in dem ein durchgestrichener Name steht und daneben nichts.
Und dann schreibt er in die zweite Zeile, ordentlich, mit einer rechten Hand, die seit vier Jahren nicht seine eigene ist:
Einheit 0839.
Corvin Aeth sieht darauf. Er sieht sehr lange darauf.
Einheit 0839 gibt es nicht mehr. Sie ist vor elf Tagen im Kopf eines Warlord-Titanen ausgefallen, sauber, ohne Zucken, und irgendwo in der Materialverwaltung liegt dazu ein unabgeschlossener Verlustabgleich, dem die Belege fehlen und immer fehlen werden.
Der Adept der Aussonderungsverwaltung könnte den Eintrag streichen. Es wäre nicht nur sein Recht; es wäre seine Pflicht, denn eine Mitteilung an eine nicht existierende Designation ist ein Formfehler, und Formfehler werden vor Vollzug bereinigt.
Er nimmt den Bogen zurück, legt ihn auf das Pult und lässt ihn stehen.
Das ist alles, was er tun kann, und er tut es.
Corvin Aeth spricht die Litanei nicht. Das tut ein Priester, ein alter Mann mit einem Sprechgerät, der aus einer anderen Ebene kommt und der Joran Vashko nie gesehen hat und nie wieder sehen wird, und das ist richtig so: Ein Ritus, den der spricht, der einen kennt, wäre ein Abschied, und ein Abschied ist etwas, das der Verwaltung nicht zusteht.
Aeth steht seitlich. Sein Amt ist das Papier.
Bevor es anfängt, tut er noch etwas, das nicht vorgeschrieben ist und das Joran erst hinterher als das erkennt, was es war.
Er dreht den Bogen um, so dass die beschriebene Seite nach unten liegt.
Es ist eine winzige Bewegung. Sie bedeutet, dass niemand, der später in diese Halle kommt, im Vorbeigehen liest, was ein Mann in seine letzten zwei Zeilen geschrieben hat.
Um halb fünf beginnt die Litanei. Sie dauert elf Minuten.
Joran Vashko hört in den letzten davon den flachen, gleichmäßigen Ton, in dem die Zwölfte Kohorte über sich selbst Buch führt, und er hört noch, wie sein eigener Name darin auftaucht, in derselben Liste wie an dem Tag, an dem sie ihm den Panzer aufgeschnitten haben — und er stellt fest, dass ihm der Unterschied zwischen den Vermerken diesmal groß genug vorkommt.
Vashko, Joran — Vorgang abgeschlossen. Nicht als Ausfall zu buchen.
XVII. Das vierte Zeichen
Corvin Aeth schließt den Vorgang am selben Abend ab. Es dauert neun Minuten, wie immer.
Danach nimmt er das Heft heraus, das amtlich nicht existiert, und schlägt es bei der laufenden Zeile auf.
Vierhundertsechzig.
Er setzt das zweite Zeichen. Gewankt und trotzdem gekommen — es stimmt, es ist um 02:40 geschehen, es hat niemand gesehen außer ihm, und er hat es nicht in die Akte geschrieben.
Dann sitzt er eine Weile.
Dann setzt er dahinter ein viertes Zeichen, für das es keine Bedeutung gibt, weil er es nie zuvor gesetzt hat.
Er weiß an diesem Abend noch nicht, was es bedeuten wird. Er weiß nur, wofür er es gesetzt hat: für einen Vorgang, bei dem der Weg zurück teurer war als der Weg nach vorn, und zwar nicht, weil jemand es so wollte, sondern weil zwei Häuser nach unterschiedlichen Regeln sortieren.
Wenn es dafür ein Zeichen gibt, kann man es zählen.
Und wenn man es lange genug zählt, hat man irgendwann eine Zahl, und eine Zahl ist das Einzige auf diesem Mond, dem jemand zuhört.
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