Die offene Naht
Astra Militarum (2. und 4. Grünn Dschungel-Fallschirmjäger)
„Was schnell ist, reißt.“
I. Die Nahtprobe
Am dritten Tag kam der Züchter mit dem Daumen.
Gessa stand mit dem Kind im Arm an der hinteren Wand der Baracke von Gehege Marrek und sah ihm zu, wie er durch die Reihe der Körbe ging. Der Regen trommelte auf das Blechdach. Zwölf Säuglinge lagen in ihren Körben und schrien, jeder für sich, und der Züchter hörte sie nicht mehr. Er war ein Mensch, ein kleiner, zäher Mann des Munitorums, der den Ammen kaum bis an die Schulter reichte. Er hatte einen Griffel hinter dem Ohr, eine Tafel unter dem Arm und einen Daumen, dessen Hornhaut so dick war, dass er klang, wenn er klopfte.
Er drückte ihn auf die weiche Stelle oben am Schädel, wo die Platten sich treffen, und wartete. Bei einem guten Kind schoben sich die Nähte in diesen Tagen zu wie ein Tor. Der Daumen fand dann Knochen. Fest, sagte der Züchter und machte einen Strich auf die Tafel. Fest. Fest. Beim sechsten Korb sagte er es nicht, und zwei Träger kamen und nahmen ihn mit hinaus in den Regen. Gessa sah nicht hin. Sie hatte mehr Körbe hinausgehen sehen, als sie zählen konnte, und sie wusste, warum. Wo die Naht offen blieb, drückte das Hirn von innen gegen den Schädel, und ein Kind mit solchem Kopf hielt keinen Drill aus und starb vor der Ernte. Das Munitorum kaufte keine Ware, die verfiel.
Dann stand er vor ihr. Sie hielt das Kind mit beiden Armen an der Brust. Über dem Köpfchen saß die Haube, die sie am Morgen gebacken hatte, Lehm, Kalk und Leinen, dreifach, in der Glut hart geworden wie ein Topf. Der Daumen klopfte darauf.
„Warum die Haube?“
„Kopfgrind“, sagte Gessa. „Es nässt. Ich will nicht, dass es reißt.“
Der Züchter roch an dem Lehm. Er sah sie an, und sie sah zurück, mit dem breiten Gesicht, das jede Amme auf Grünn hat und in dem nichts steht. Der Daumen klopfte noch einmal. Kalk und Lehm klangen wie Stein.
„Fest“, sagte er und machte den Strich.
Als er gegangen war, setzte Gessa sich auf die Pritsche und löste die Haube mit dem Messer. Darunter war das Kind, rot und nass, und es sah sie mit Augen an, die keine Neugeborenenaugen waren. Oben auf dem Schädel, wo der Daumen Knochen hätte finden müssen, lag ein Fleck weiche Haut, breit wie ein Handteller. Sie legte zwei Finger darauf. Das Blut ging darunter, langsam und stark. Sie hatte nie einen kräftigeren Puls an einem Kind gespürt.
„Du“, sagte sie. „Du bist ein Ärger.“
Noch in der Nacht nähte sie ihm die Binde. Graues Leinen, aus einem Mehlsack gerissen, eng um den Kopf, damit die Platten zusammenfänden, wenn sie es wollten, und damit kein Daumen die Stelle fand, wenn sie es nicht wollten. Sie nahm ihre eigene Nadel, die aus Knochen. Es dauerte bis zum Morgen. Dann gab sie ihm einen Namen, obwohl das vor der zweiten Probe nicht Brauch war. Auf Grünn hieß es: Der Name fällt. Die Stelle bleibt. Wer einen Namen trug, würde einmal fallen. Aber sie brauchte etwas, das sie rufen konnte.
„Tobin“, sagte sie.
Mit sieben legte er Steine in den Matsch.
Gessa hatte ihm das Zählen beigebracht, so weit sie es selbst konnte, bis zehn, an den Fingern. Alles darüber hieß auf Grünn viele. Tobin legte zehn Steine in eine Reihe, dann eine zweite darunter, dann eine dritte, und als die Steine ausgingen, nahm er Scherben. Er sah lange darauf.
„Dreiunddreißig“, sagte er.
Gessa schaute hoch zum Zaun. Dort hing ein Junge aus dem Wurf und starrte herüber, mit offenem Mund. Sie trat in die Steine, dass sie auseinanderflogen. „Das sagst du nie laut.“
„Warum?“
„Weil sie es nicht können.“
Er hatte schon gezählt, was in seinem Wurf nicht zählte. Einundvierzig Jungen aus einer Regenzeit, und die anderen vierzig sagten „die Herde“, wenn sie sich meinten, und „wenige“ oder „viele“, wenn es um mehr ging. Tobin sah zu, wie sie aßen, und wusste, wer heute weniger bekam als gestern. Es machte ihm Kopfschmerzen. Wenn er zu lange zählte, hämmerte es hinter den Augen, sein Mund schmeckte nach Eisen, und die Welt lief langsam wie durch Sirup. Einmal blutete ihm die Nase auf den Boden. Gessa trug ihn am Abend zum Fluss und hielt seinen Kopf in das braune Wasser, bis das Hämmern nachließ.
„Nicht so schnell“, sagte sie. „Was schnell ist, reißt.“
Sie nannten ihn Bleichkopf, weil die Binde die Haut darunter weiß hielt. Sie nannten ihn auch anderes, und sie zeigten es ihm mit den Fäusten, bis er lernte, was sie sehen wollten: einen, der Ja sagte und Weiß nicht und dem Speichel aus dem Mundwinkel lief. Er übte es wie ein Handwerk. Er ließ eine Wand ansehen, wo er hinsah. Das Schlimmste war, dass es half.
Brokk machte dem ein Ende. Er war der Größte im Wurf, breit wie zwei, mit einem Gesicht wie ein Stück Holz, und er hatte noch nie etwas gedacht, das er nicht sofort tat. Er stand eines Morgens im Hof vor Tobin, sah die anderen an und sagte: „Meiner.“ Mehr sagte er nie. Danach ließen sie ihn in Ruhe. Abends saß Brokk neben ihm und teilte sein Brot, ohne zu fragen, warum.
In dem Jahr, in dem sie siebzehn wurden, kam die Ernte.
Sie stellten den Wurf im Hof auf, in Reihen, nackt bis auf den Lendenschurz, und am Zaun standen die Ammen, um zuzusehen. Der Verwalter des Munitorums saß unter einem Sonnendach mit einer Tafel auf den Knien, ein Mensch wie der Züchter, mit weichen Händen und einem Hut gegen den Regen. Neben ihm stand die Zuchtmeisterin, eine schmale Frau mit einer Peitsche, die sie nie benutzte. Sie ließen die Jungen paarweise ringen, damit man die Körper sah. Tobin bekam einen Jungen, der eine Handbreit größer war. Er wollte nicht gewinnen, er wollte nur nicht auffallen, und er ließ sich in den Schlamm drücken, wie er es geübt hatte.
Eine Hand griff nach seinem Kopf und riss. Die Binde ging ab mit einem Geräusch wie ein Tuch, das man zerreißt. Das graue Leinen lag im Matsch.
Die Zuchtmeisterin war in wenigen Schritten bei ihm. Sie packte seinen Schädel mit einer Hand und drückte mit dem Daumen auf die Stelle, und der Daumen sank ein.
„Offen“, sagte sie.
Im Hof wurde es still. Nur der Regen war noch da. Der Verwalter sah auf seine Tafel, dann hoch. „Marrek, Tobin“, las er vor, wie man einen Posten vorliest. Dann sagte er, ohne Eile: „Der Wurf steht zwölf unter Soll.“
„Er ist Ausschuss.“
„Er hat zwei Arme und zwei Beine. Er zählt als Körper.“ Der Verwalter machte einen Strich. „Wer hat ihn versteckt?“
Am Zaun trat eine alte Frau vor, breit wie ein Tor. „Ich“, sagte Gessa.
Zwei Träger nahmen sie in die Mitte. Der Verwalter schrieb etwas nieder und sprach es halblaut mit, wie er es immer tat, und Tobin, der im Matsch kniete und nichts sagte, hörte das Wort: Amme Gessa, zurückgezogen. Es war ein Wort für ein Gerät, das man aus dem Dienst nimmt.
„Du trägst sie“, sagte die Zuchtmeisterin zu ihm. „Du hast sie gemacht.“
Sie brachten Gessa hinter die letzte Baracke, wo die Grube lag, und dort tat es ein Träger mit dem Hammer, schnell und ohne Hass, wie man einen Pfahl einschlägt. Ihm war gesagt worden, was zu tun war, und er tat es. Tobin hob sie danach auf die Schulter, so wie man einen Sack nimmt. Sie war schwerer, als sie aussah. Hinter ihm stand der ganze Wurf in einer Reihe und sah zu. Er trug sie die dreißig Schritte bis zum Rand und ließ sie hinunter, und keiner in der Reihe sah eine Regung in seinem Gesicht, denn er hatte sechzehn Jahre geübt.
Der Brauch verlangte, dass der Träger einen Stein auf die Grube legte und die Formel sprach. „Der Name fällt“, sagte Tobin. Seine Stimme klang wie die aller anderen.
„Die Stelle bleibt“, antwortete der Wurf.
Brokk weinte. Tobin sah es aus dem Augenwinkel, die Tränen liefen ihm über das Holzgesicht, und er selbst hielt den Stein in der Hand und zählte. Ein Stein. Er legte ihn hin. Es war die erste Zahl, die er niemandem sagte.
II. Der Regen
Auf Vessarh regnete es anders als auf Grünn. Es kam nicht in Tropfen, sondern in Wänden, die durch das Blätterdach schlugen und den Boden zu einer Suppe machten, in der jeder Schritt einen Laut hatte. Der Zug ging in einer Reihe, zwei Trupps zu zehn Mann, die Lasergewehre quer vor der Brust, die breiten Helme voll Wasser. Vorn stapfte Zeichen-Träger Olm und trug das Zeichen seines Trupps, eine Stange mit einem Blech, auf das ein schwarzer Fisch gemalt war, denn ein Ogryn liest keine Zahlen, aber einen Fisch erkennt er überall. Hinten, am Ende der Reihe, gingen Brokk und Tobin.
Kein Mensch war bei ihnen. Die Offiziere warteten im Lager auf die Meldung, und was ein Zeichen-Träger bis dahin nicht verstand, verstand er nie. Auf Grünn nannte man die Offiziere Hütef, Hüter der Herde, wie ein Hirte seine Tiere hütet, und ein Hütef sprach in Sätzen, die ein Zeichen-Träger in zwei oder drei Wörter brach, damit sie bis ans Ende der Reihe kamen. Olm brach gut. Er war fünfzehn Jahre Zeichen-Träger und hatte die Behandlung hinter sich, die das Munitorum den Zeichen-Trägern gab, ein Stück Klugheit im Kopf, genug, um Namen zu behalten und den eigenen Trupp an zehn Fingern abzuzählen. Weiter reichte es nicht und sollte es nicht.
Tobin trug die Binde noch immer. Er hatte sie sich aus dem Stoff seines Hemdes genäht, mit Gessas Knochennadel, die er im Stiefel aufbewahrte, seit er den Hof verlassen hatte. Unter dem Helm merkte es keiner. Drei Jahre Drill hatten ihm beigebracht, wie ein Soldat zu marschieren, zu schießen und zu schweigen. Sie hatten ihm nicht beibringen können, nicht zu zählen.
Er horchte auf die Frösche.
In der ersten Stunde waren es Hunderte gewesen. Auf Vessarh sägten die Frösche die ganze Nacht in den Bäumen, ein Gekreisch wie von rostigem Blech, das man nach zwei Tagen nicht mehr hörte. Nach einer Stunde hörte man nur noch, wenn es aufhörte. Jetzt hatte es aufgehört. Erst rechts, dann links, dann vor ihnen, in einem weiten Bogen, der sich um den Zug legte. Er zählte zehn Atemzüge Stille.
„Olm“, sagte er. Er sagte es nicht laut genug, und er ging schneller und sagte es noch einmal. „Zeichen-Träger. Die Frösche.“
Olm drehte sich nicht um. „Weiter.“
„Sie sind weg. Nicht nur hier. Überall vor uns.“
Da drehte Olm sich um und schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht, so wie man einen Hund zurechtweist, und sagte: „Du machst Ärger, wo keiner ist.“ Brokk legte Tobin eine Hand auf den Arm. Sie gingen weiter.
Sie kamen noch dreißig Schritte weit.
Das Feuer kam von oben. Der erste Flammenstrahl schlug aus dem Geäst wie ein gelbes Seil und traf Olm in der Brust, und Olm hörte auf, ein Zeichen-Träger zu sein. Er brannte im Gehen weiter und ging noch drei Schritte, bevor er fiel, und das Zeichen mit dem Fisch fiel mit ihm in den Schlamm. Dann waren sie überall, die Feuer in den Kronen, Strahl um Strahl, und der Regen zischte, und das Blätterdach über ihnen fing an zu tropfen, aber nicht mit Wasser. Von rechts schossen Scharfschützen in kurzen, harten Schlägen. Ein Mann vor Tobin hob den Fuß und war weg, in eine Fallgrube gestürzt, in der etwas Spitzes wartete. Alle schrien. Der Zug rannte im Kreis wie eine Herde im Pferch, weil jeder den Mann vor sich sah und keiner den Feind. Der andere Zeichen-Träger lag schon im Wasser und rührte sich nicht, und ohne die beiden Fische wusste kein Ogryn, wohin er gehörte.
Tobin stand. Er wusste nicht, warum er stand. Etwas in seinem Kopf hatte sich geöffnet.
Es war wie damals im Fluss, nur andersherum. Das Hämmern hinter den Augen kam, der Eisengeschmack, und dann wurde die Welt langsam. Der Regen hing in der Luft in Fäden. Ein Flammenstrahl rollte durch die Nacht wie ein zäher Wurm, und er konnte ihm beim Wachsen zusehen. Er sah, woher das Feuer kam: aus den Bäumen, rechts, links und vor ihnen, in einem Bogen, der sich zuzog. Hinter ihnen lag der Weg, den sie gekommen waren, und er wusste, ohne zu wissen woher, dass dort Gruben waren. Nur zur Flussseite hin brannte nichts. Es war kein Rechnen. Es war, als hätte jemand Licht auf einen Boden geworfen, auf dem nur ein Fleck dunkel blieb.
Der Fluss war zu schnell, zu breit, in der Regenzeit kein Weg für Soldaten. Genau deshalb hatte dort keiner einen Schützen hingesetzt.
Er sog die Luft ein. Die Nase lief ihm warm über die Lippe, und er schmeckte es.
„Fluss!“, brüllte er. „Alle in den Fluss! Kopf unten! Schwimmt!“
Keiner hörte ihn. Sie hörten nur, dass etwas schrie, und sie waren Grünner, sie brauchten ein Gesicht, sie brauchten einen Körper, den sie lesen konnten, und der Körper mit dem Fisch lag tot im Schlamm. Er sah Brokk an. Brokk, der nie einen Gedanken gehabt hatte, den er nicht sofort tat, sah ihn an und lud das Lasergewehr durch, und dann sagte er mit seiner Holzstimme, die über alles hinwegging, was nass und laut war:
„Tobin sagt! Fluss!“
Brokk lief los. Das war das Einzige, was sie verstanden. Wenn der Größte lief, liefen sie, und Tobin lief mit, er ging als Letzter, und hinter ihm brach das Feuer den Weg auf.
Das Wasser schlug ihm bis zur Brust. Es riss an den Beinen und an den Rucksäcken, es nahm zwei Männer sofort mit, aber die anderen hielten sich an den Gurten. Sie trieben hinunter, zwölf Herzschläge, fünfzehn, zweihundert Schritt weit, und über ihnen zischten die Flammenstrahlen ins Wasser und starben. Niemand hatte dort einen Schützen hingesetzt. Er zählte sie durch. Sechzehn Köpfe.
„Hier raus“, sagte er, und sie kletterten in den Schlamm, hinter dem Bogen der Feuertrupps.
Er sah sie von hinten. Drei Männer in Kutten in den Kronen, an Seilen, mit Tanks auf dem Rücken, die nach vorn schauten, weil vorn die Feinde brannten. Brokk kletterte den ersten Stamm hinauf wie ein Bär, riss den Mann von dem Ast und schlug ihm den Kolben ins Gesicht. Der Werfer fiel und rollte, und ein zweiter Ogryn packte den Schlauch und drehte ihn um. Das Feuer ging in die Bäume zurück, in die Kronen der Feuertrupps, und die Kultisten schrien, bis sie aufhörten.
Als es vorbei war, standen sechzehn von zwanzig im Regen, und keiner sagte etwas. Tobin bemerkte, dass seine Hand zitterte, die linke, und dass sein Hemd vorn nass und warm war. Aus der Nase lief es weiter. Die Welt ging wieder schnell, und mit dem Schwung, mit dem sie zurückkehrte, ging etwas, das er nicht benennen konnte.
Er merkte es erst am Morgen. Er wollte sich Gessas Gesicht vorstellen, um sich zu beruhigen, und fand nur, dass es breit gewesen war.
Kommissar Dorrik ließ ihn im Morgengrauen antreten, vor dem Lager, wo die Überlebenden aufgereiht standen. Dorrik war ein Mensch, lang und hager, mit einem Gesicht wie ein gefalteter Brief, und er zog die Handschuhe nicht aus, wenn er sprach. Er kannte keine Leidenschaft und hatte keine nötig. Auf Grünn wusste jeder, wann ein Kommissar schoss: wenn der Grund bekannt war, bevor er die Waffe zog. Ein Ogryn folgt seinem Kommissar, wie er dem Imperator folgt, denn er sieht den einen im anderen, und Dorrik wusste das und benutzte es sparsam.
„Sie haben zwanzig Mann geführt“, sagte Dorrik. „Ohne Befehl und ohne Zeichen.“
„Zeichen-Träger tot“, sagte Tobin.
„Dann führt der Nächste im Rang, und der waren Sie nicht.“ Dorrik betrachtete den Blutfleck auf seinem Hemd. „Sie haben den Hinterhalt vor der Truppe bemerkt. Sie haben den Weg ins Wasser gefunden. Es leben sechzehn Mann, die nach Lage der Dinge tot wären. Ich habe die Meldung gelesen.“
Tobin sagte nichts. Es war einfach, nichts zu sagen. Er hatte es im Hof gelernt.
„Zwölf Schläge“, sagte Dorrik. „Ein Ogryn ist nicht dazu da, zu wählen. Er ist dazu da, dass ein anderer für ihn wählt. Wer wählt, kann falsch wählen, und ein Ogryn, der falsch wählt, nimmt Hunderte mit.“
Sie banden ihn an den Stamm einer Palme. Der Riemen war ein Seil aus Kunstfaser, nass, mit einem Knoten am Ende, und beim ersten Schlag verstand Tobin, dass er sich nicht getäuscht hatte: Das war keine Strafe für Falsches, sondern für Richtiges. Beim vierten Schlag riss die Haut auf dem Schulterblatt. Beim sechsten hörte er einen Schritt, der nicht in den Takt gehörte, und dann stand Brokk zwischen dem Stamm und dem Kommissar, so breit, dass Dorrik ihn nur ansehen konnte.
„Halb“, sagte Brokk.
„Das Reglement kennt keine Hälften.“
„Halb“, sagte Brokk noch einmal, und er drehte sich um, damit der Rücken zum Kommissar zeigte, und legte die Hände an den Stamm über Tobins Kopf.
Dorrik sah ihn lange an. Dann schlug er zu, sechs Mal, auf Brokks Rücken. Der Riese bewegte sich nicht. Als es vorbei war, sagte Dorrik: „Das Reglement kennt keine Hälften. Aber es kennt Schulterblätter.“ Er zog die Handschuhe zurecht, zog ein kleines Buch aus dem Mantel und schrieb etwas hinein. Dann ging er.
Tobin hing im Riemen, und Brokk löste ihn, wie man einen Sack vom Haken hebt. Er sagte, ohne hinzusehen: „Weiter, Tobin.“
„Ja“, sagte Tobin. Er zählte die Stunden bis zum Abend. Er sagte es niemandem.
III. Der Sturz
Das Munitorum hatte Thorin auf ein Blatt gebracht. Es hing im Laderaum des Truppenschiffs an einer Stahlwand, ein grobes Lichtbild von oben, darunter drei Zeilen. Die Raumdock-Insel, die Hangartore von den Orks zerschossen, die Flotte ausgesperrt. Die Häfen im Innern der Insel, erreichbar nur durch den Voidschacht, der senkrecht durch ihren Bauch führte. Und in der letzten Zeile, in Munitorum-Schrift: geschätzte Feindstärke fünftausend.
Tobin konnte die Zeilen nicht lesen. Kein Ogryn konnte es. Aber Oberst Vellach hatte sie am Morgen vorgelesen, vor den angetretenen Reihen, und die Läufer hatten sie durch den Laderaum gebrüllt, Wort für Wort, damit jeder sie hörte. Fünf-tau-send. Ein Zeichen-Träger in der Reihe vor Tobin hatte es wiederholt und dabei die Hand gehoben, alle Finger gespreizt, und noch einmal alle Finger, und dann die Hände fallen lassen: viele. Das war eine Zahl, die ein Ogryn tragen konnte.
Die 2. Grünn stand in Reihen vor der Wand, tausendvierundsechzig Ogryn, und über ihnen, auf der Laufbrücke, standen die wenigen Menschen, die sie führten. Tobin stand in der dritten Reihe. Er sah nicht auf die Zeilen. Er sah auf das Bild.
Es war ein gutes Bild. Man erkannte die Kräne, die Containerstapel, die Rampe, die vom Hafen in den Schacht hinaufführte. Man erkannte, was die Orks getan hatten, denn sie hatten überall Feuer gemacht, kleine Feuer in Blechtonnen, die in Ringen zwischen den Stapeln standen. Er zählte sie. Er legte sie im Kopf zu Zehnern, wie damals die Steine im Matsch, zehn und zehn und zehn, und es dauerte lange, und hinter den Augen fing es an zu klopfen. Fünfzig Zehner und noch zwölf. Fünfhundertzwölf.
An jedem Feuer sitzen dreißig Orks. Das hatten die Drillmeister ihnen eingesungen, wie man ihnen alles einsang, damit es im Kopf blieb, auch wenn der Kopf nichts anderes behielt: Ein Feuer, dreißig Orks. Ein Feuer, dreißig Orks. Tobin hatte keine Rechnung, die er daraus machen konnte. Er hatte nur die Feuer und den Reim und die Zahl auf dem Blatt, und die drei passten nicht zusammen, so wie ein Korb nicht in einen Becher passt. Das Blatt sagte fünftausend. Das Bild sagte viel mehr.
„Wenig?“, fragte Brokk neben ihm.
„Viel“, sagte Tobin. „Zu viel.“
Er wusste, was er zu tun hatte. Er hatte es im Hof gelernt, an der Grube: Wer schweigt, bleibt, und wer zählt, wird zurückgezogen. Er hatte drei Jahre lang nichts anderes getan, und er hatte die sechs Schläge auf dem Rücken, die ihm bewiesen, wie ernst es gemeint war. Aber diesmal hing die Zahl nicht an ihm allein. Hinter ihm standen tausend, und wenn sie stimmte, würde der Voidschacht sie auf eine Weise fressen, die er sich in den Nächten schon ausmalen konnte.
„Sag es“, sagte Brokk.
„Sie schlagen mich wieder.“
„Halb“, sagte Brokk, und mehr war dazu nicht zu sagen.
Oberst Vellach ging die Reihen entlang, mit Kommissar Dorrik zwei Schritte hinter sich. Vellach war ein Mensch in den späten Jahren, grau und langsam, mit einer Stimme, die Türen aufschob, und er hatte genau einen Fehler, den man ihm nicht ansah: Er glaubte, was auf dem Blatt stand. Die Ogryn nannten ihn Hütef, wie sie jeden Offizier nannten, und sie liebten ihn auf ihre Art, wie ein Wurf einen Zaun liebt, der ihn hält. Als er an der dritten Reihe vorbeikam, trat Tobin einen Schritt vor.
„Hütef. Viele Feuer.“
Die Reihe hielt den Atem an. Vellach blieb stehen. „Was?“
„Auf dem Bild. Fünfhundertzwölf Feuer. Dreißig Orks an jedem Feuer. Das sind nicht fünftausend.“
„Das Munitorum hat gezählt. Mit Geräten.“
„Das Munitorum zählt Köpfe. Ich zähle Feuer.“
Er sah, wie Vellach nach den Worten suchte, und er sah, dass er sie nicht fand, denn eine Zahl, die man nicht widerlegen kann, muss man auf andere Weise loswerden. Ein Ogryn, der sprach, ohne gefragt zu sein, war schon an sich ein Fehler im Gefüge, und ein Oberst, der sich vor tausend Mann von einem Schützen berichtigen ließ, wäre keiner mehr gewesen. „Schütze“, sagte der Oberst. „Angst ist keine Zahl.“
„Hütef …“
„Der Befehl gilt.“
Vellach ging weiter. Dorrik blieb einen Herzschlag lang stehen und sah Tobin an, mit dem gefalteten Gesicht, und zog das kleine Buch aus dem Mantel und schrieb etwas hinein. Tobin dachte, dass die Zahl nun irgendwo stehen würde, wo sie niemandem nützte. Hinter dem Kommissar, am Rand der Gruppe, hob ein schmaler Offizier den Kopf, ein Major der 4. Grünn, der zur Abstimmung des Absprungs an Bord gekommen war. Er trug eine Felduniform, die orange gefärbt war, so grell, dass ein Ogryn sie im dichtesten Rauch fand, und keiner sonst im Regiment durfte sie tragen. Seine Lippen bewegten sich ein wenig, wie bei einem Mann, der im Kopf eine Rechnung macht, und er sah Tobin länger an als Dorrik. Dann sah er auf das Bild an der Wand. Er sagte nichts.
Der Absprung geschah in einer Stunde, die keine Uhrzeit hatte.
Sie flogen in Valkyries, achtzig Maschinen, dicht über den zerschossenen Hangartoren, und hinter den Toren tat sich der Schacht auf. Die Piloten waren Menschen der Luftflotte, hinter Glas, mit Gesichtern, die kein Grünner je sah. Im Bauch einer Valkyrie ist es eng für einen Ogryn. Sie saßen mit zusammengebissenen Zähnen und halb geschlossenen Augen, und sie hätten es nicht ausgehalten, wenn nicht an der Heckrampe der Major in seinem Orange gestanden hätte, ein Mensch, den man sehen konnte und der blieb, wo er war. Solange ein Hütef bei ihnen stand, hielt jede Enge.
Der Schacht war so tief, dass das Licht nach unten hin dünn wurde, ein Loch von zwei Kilometern, mit Gitterwerk und Trägern und Rohren an den Wänden entlang, und der Boden war rot vom Feuer. Die Ladeluke ging auf. Die Luft im Schacht stand, heiß und schwer, und roch nach Öl und Verbranntem.
„Springt“, sagte die Lautsprecherstimme des Piloten. „Springt, springt.“
Brokk stieß ihn hinaus. Es war das Erste, was Brokk ihm je getan hatte, das nicht Schutz war.
Er fiel. Das Grav-Chute schlug auf seinem Rücken auf und begann zu summen, ein hoher Ton, der die Zähne schmerzen ließ, und dann bremste es ihn ein, ohne ihn zu tragen, so wie ein Seil einen Sturz bremst. Um ihn herum fielen die Grünner in einer Wolke, Hunderte, schwarz vor dem roten Grund, und jeder trug das gleiche summende Ding auf dem Rücken. Es sah aus wie ein Schwarm Vögel. Dann kam die Flak.
Sie kam aus dem Boden, in dicken, gelben Perlenschnüren, und sie schnitt Männer entzwei. Ein Chute zerplatzte neben ihm, und der Ogryn darunter fiel ohne Ton, so schnell, dass er nicht mehr zu sehen war, bevor er unten aufschlug. Ein anderer schrie und schlug auf einen Träger, im Sturz, und der Träger nahm ihn mit sich ins Trümmergitter, und er blieb dort hängen, den Kopf nach unten. Tobin konnte alles sehen. Er hatte die Zeit nicht geöffnet. Sie war von selbst langsam geworden, weil sein Kopf in die Sekunden hineinfiel wie in einen Brunnen.
Er sah, dass die Flak in Salven kam und dass zwischen den Salven Luft war, so lang wie ein Atemzug, dann noch einer. Er sah, dass die Schützen unten nach den Chutes zielten, weil das Summen sie verriet. Er schaltete seines ab.
Es war Wahnsinn. Ein Grav-Chute, das man abstellt, bremst nicht mehr. Er fiel wie ein Stein, vierzig Meter, sechzig, mit den Beinen voran, an den Trägern vorbei, während die Flak über ihm die Gehängten zerriss. Er zählte, wie er die Wellen des Regens gezählt hatte. Bei Drei schaltete er ein, und der Ruck brach ihm zwei Rippen, aber die Salve ging dorthin, wo er nicht mehr war. Er schaltete ab, er zählte, er schaltete an. Er tat es elfmal, und er wusste es, weil er jede Zahl behielt, die er zählte, und er ließ sich durch die Zähne der Träger fallen wie durch einen Vorhang.
Neben ihm stürzte Brokk, der nichts von Zahlen wusste und einfach tat, was Tobin tat. Ein Splitter riss ihm den Helm vom Kopf. Brokk brüllte, und er lachte noch, als er unten aufkam.
Sie landeten in Rauch und Lärm, in einer Halle zwischen Containern, so groß wie Häuser. Tobin lag auf dem Rücken. Er hörte in dem linken Ohr nur noch einen hohen, dünnen Ton, der nicht aus dem Schacht kam. Aus der Nase lief es, und er wischte es mit dem Ärmel ab.
Sie sammelten sich, wie Grünner es tun, mit Brüllen und Stoßen. Oberst Vellach war schon auf eine Kiste gestiegen, ein grauer Mensch im Rauch, den die Läufer rings um ihn mit ihren Stimmen trugen, und er ließ die Zeichen-Träger melden. Die Zeichen-Träger meldeten mit den Fingern: mein Trupp acht, meiner sechs, meiner drei. Der Schreiber des Obersts, ein Mensch mit einem Lappen vor dem Mund gegen den Rauch, zählte die Finger zusammen und nannte eine Zahl, und Vellach nickte. Siebenhundertzwölf von tausendvierundsechzig. Der Rest hing in den Trägern oder lag im Schacht oder war der Boden geworden, auf dem die anderen standen.
Tobin hatte nicht mitgezählt. Er hatte es sich verboten, und seine Zählung kam trotzdem auf dieselbe Zahl, wie von selbst. Der Ton in seinem Ohr hörte nicht auf.
Über ihnen, hoch im Licht, fielen noch die Letzten.
IV. Die Hallen
Der Hafen von Thorin war eine Stadt aus Kisten. Sie standen zwanzig Stück hoch, blau und rot und rostbraun, in Schluchten, die sich alle hundert Schritte kreuzten, und über ihnen hingen die Kräne wie erstarrte Riesenvögel im Rauch. Es gab keinen Himmel, nur die Decke der Halle, weit oben, von Brandnebeln verhangen, und keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Es gab die Orks.
Sie hörten sie, bevor sie sie sahen. Ein Dröhnen von tausend Stimmen, das aus dem Boden kam und aus den Wänden der Kisten, ein Brüllen ohne Wörter, in dem nur ein Laut war, langgezogen und tief, den jeder Soldat kannte. Waaagh! Oberst Vellach stand auf einer Kiste und schrie gegen den Lärm an, und weil Grünner nichts auf Vox hielten, hatte er Läufer, die seine Worte durch die Reihen brüllten, drei Wörter, nie mehr. Zur Rampe. Durch die Hallen. Nicht stehen bleiben. An seiner Seite stand sein Stellf, Leutnant Ganth, ein junger Mensch mit schmalem Kinn, der die Wörter in Zeichen umsetzte, mit den Armen, damit auch der sie las, der sie nicht hörte. Die Sappe folgte ihnen mit den Fässern aus den Vorräten der Docks, Brennstoff, Meißel, Ladungen, geführt von einem kleinen, trockenen Hauptmann mit Brandnarben auf den Handrücken. Rehl hieß er, und er zählte seine Fässer im Gehen, mit den Lippen, wie ein Mann, der nichts anderes besitzt.
Sie gingen in drei Kolonnen, dicht an den Kisten. Tobin ging in der linken, an Brokks Seite, mit dem Lasergewehr im Anschlag. Sein Ohr sang. Er hatte die Nase gewischt und die Rippen gebunden und dachte, dass er das schlimmste Stück hinter sich hatte. Er täuschte sich, wie sich einer täuscht, der schon einmal Glück hatte.
Die ersten kamen um die Ecke, als wäre die Ecke ein Loch. Grüne Leiber, breit und hässlich, in Blechplatten und Lumpen, mit Beilen, die zu groß waren, und Schießeisen, die mehr Lärm machten als Schaden. Boyz, dreißig auf einmal, und hinter ihnen dreißig mehr, und hinter denen ein Meer. Die vorderste Reihe der Grünner schoss, und die erste Reihe der Orks fiel, und die zweite lief über sie hinweg.
Dann waren sie im Nahkampf, und Tobin begriff, warum die Zucht auf Grünn die Ogryn so gemacht hatte. Es war keine Kunst. Es war ein Handwerk, in dem er selbst nichts konnte, aber er konnte es sehen. Ein Grünner schlug mit dem Kolben, und ein Ork brach zusammen. Ein Grünner packte einen Ork an Hals und Gürtel und warf ihn in die nächsten. Die Lasergewehre fauchten, so nah, dass man die Hitze im Gesicht spürte, und die Flammenwerfer rollten ihre orangefarbenen Zungen durch die Gasse, und wo sie hinleckten, blieb ein schwarzer Umriss auf dem Boden. Das Blut der Orks roch nach nassem Metall und nach Pilz. Es lief in die Fugen der Kisten.
Er stach, er schoss, er rechnete nicht. Er zählte nur, aus alter Gewohnheit, die Toten neben sich. Vier. Sieben. Dreizehn.
An der Kreuzung der dritten Schlucht blieb die Kolonne stehen, weil sie musste. Von vorn drückten Orks, von links, von rechts. Die Grünner standen Schulter an Schulter in dem Trichter, und hinter ihnen stauten sich die Nachrückenden, und alle brüllten, und keiner konnte sich bewegen. Eine Falle, die niemand gebaut hatte. Die Orks kamen von allen vier Seiten in die Mitte, und die Mitte war ein Platz von vielleicht vierzig Schritt, und darin hielten dreihundert Grünner. Leutnant Ganth stand mitten unter ihnen, kleiner als jeder Ogryn um ihn herum, und schrie Befehle, die in dem Gedränge niemand verstand.
Tobin sah nach oben, und da hing es.
Ein Portalkran stand über der Kreuzung, mit einem Ausleger so lang wie ein Dock, und an seiner Kette schwebte ein Container, den der Rauch grau gefärbt hatte, wie ein Sarg für einen Berg. Vierzig Tonnen, vielleicht mehr. Der Kran hatte im Augenblick des Angriffs gehalten, mitten in der Arbeit, wie jeder Kran in dieser Halle. Die Kette hing nicht gerade. Sie hing schräg, zur Seite der Orks hin, und der Container hing mit ihr.
Der Druck kam, ohne dass er ihn rief. Das Hämmern, der Eisengeschmack. Er sah die Kette, und er sah, was geschehen würde, wenn sie riss: Der Kasten würde nicht fallen, er würde schwingen, quer über die Kreuzung, auf die Seite zu, von der die Orks hereinströmten, und er würde erst stehen bleiben, wenn er die Wand traf. Er rechnete es nicht aus. Er wusste es, wie man weiß, in welche Richtung ein Baum fällt, an dem man die Axt angesetzt hat.
Er konnte es nicht befehlen. Ein Schütze befiehlt nicht. Er drängte sich durch die Leiber, Schulter voran, bis er vor dem jungen Menschen stand, der ihm bis an die Brust reichte.
„Hütef.“
Ganth drehte sich um, mit Blut an der Schläfe und dem Mund voll Staub. „Was?“
„Der Kasten.“ Tobin zeigte nach oben. „Die Kette. Wenn sie ab ist, fällt er auf sie. Nicht auf uns.“
Ganth sah hoch. Er sah lange hin, länger, als ein Mensch in diesem Gedränge Zeit hatte, und Tobin sah, dass er verstand. Es war das Seltene an ihm, dass er zuhörte. Er hörte auch jetzt zu.
„Melter!“, schrie der Leutnant. „Der Haken! Die Kette über dem Container!“ Er sah sich um, zu den Ogryn, die ihn nicht verstanden. „Links raus! Alle in die Gasse links!“
Es hörte keiner. Es waren zu viele Wörter und zu wenig Körper. Ganth sah das, und er sah Tobin an, und Tobin sah Brokk an.
Brokk holte Luft. Er verstand nicht, und er würde es trotzdem tun, das stand ihm im breiten Gesicht. „Links!“, brüllte er. „Hütef sagt! Links raus!“ Und weil er der Größte war und weil sein Gesicht das Gesicht des Wurfs war, drehten sich die Köpfe. Die Grünner drängten nach links in die schmale Gasse, die vorher keiner beachtet hatte, Schulter an Schulter, mit den Kolben schlagend, und rissen das Gedränge auf wie einen Sack.
Ein Melterschütze aus dem Trupp warf sich in die Gasse, kniete, legte an und schoss. Es gab ein weißes Licht.
Die Kette sprang. Der Container hing, hing, schwang. Er kam heraus aus dem Rauch wie ein Urteil, schräg, riesig, und die Orks sahen ihn kommen und hoben die Gesichter und liefen nicht weg, weil sie es nicht konnten. Er strich über die Kreuzung von links nach rechts und nahm sie mit, dreihundert, vierhundert, alles, was in der Mitte gestanden hatte. Danach war es sehr leise. Es gab kein Brüllen mehr, nur das Knirschen von Blech und ein Geräusch, das wie Regen war.
„Rampe!“, schrie Vellach von seiner Kiste, und niemand fragte, wer die Kette angeschossen hatte.
Ganth stand in der Gasse und drehte den Kopf. Er sah Tobin an, nur kurz, und nickte. Es war das erste Mal, dass ein Mensch ihm nickte. Tobin wusste nicht, wohin mit dem Gesicht, und sah auf seine Stiefel.
Einer hatte es gesehen. Kommissar Dorrik stand im Schatten eines Stapels und sah Tobin an, und er zog das Buch nicht. Dann hob er den Bolter und schoss einem Ork, der um die Ecke kam, den Kopf weg, und wandte sich ab.
Sie gingen weiter. Der Schreiber meldete es im Gehen, mit dem Lappen vor dem Mund: fünfhundertneunzig noch. Tobin wollte die Zahl nicht, aber sie war schon da. Die linke Hand zitterte jetzt auch, wenn er nichts zählte. Er stopfte sie in den Gurt.
Am Ende der letzten Schlucht stand der Champion.
Er war der größte Ork, den Tobin je gesehen hatte, so groß wie ein Ogryn, mit einer Eisenhaube, die fest an den Schädel geschmiedet war, und mit einer Waffe, die früher ein Schiffsanker gewesen sein musste. Hinter ihm brannten die Trümmer eines Trukks. Er stand in dem Rauch, und die Boyz, die ihm folgten, blieben hinter ihm stehen und schwiegen, was bei Orks selten ist. Er war der Leibwächter von Nob Bruzzak, dem Unterboss, der die Häfen für Knarzbaks Waaagh! hielt, und er hatte darauf gewartet, dass jemand kam.
Er hob den Anker und zeigte auf Brokk.
Brokk gab Tobin sein Gewehr. Er tat es nicht aus Berechnung. Ein Zweikampf war ein Zweikampf, und ein Gewehr hatte darin nichts zu suchen.
Sie fanden sich in der Mitte. Der erste Schlag des Ankers brach Brokks Rippen, die Tobin hören konnte, ein Knacken wie von einem Ast. Brokk grunzte. Der zweite Schlag traf die Schulter. Er ging in die Knie, und der Champion hob den Anker zum dritten Mal, und Brokk, der auf den Knien lag, stieß den Kopf nach vorn.
Schädel gegen Schädel. Der Laut war der eines Hammers auf einem Amboss. Die Haube des Orks sprang in zwei Teile, und der Champion stand, wo er stand, mit den Augen im Leeren, und fiel um wie ein Stapel. Brokk erhob sich mit einem Gesicht, das von Blut überlaufen war, und lächelte darunter, und er sagte:
„Dicker Kopf.“
Tobin stand da mit den beiden Gewehren im Arm. Er sah den zerbrochenen Schädel des Orks, die Bruchlinien, die glatten Kanten, und er dachte an seinen eigenen, und daran, dass Knochen wie diese nie über ihm wachsen würden.
Dann brüllten die Boyz hinter den Trümmern auf, und die Rampe lag vor ihnen, breit und steil, hinauf zu einem Schott im Fels, und die Grünner liefen darauf zu, und hinter ihnen wurde die Waaagh! wieder laut.
V. Die Rampe
Die Rampe stieg vom Hafenboden hundert Schritt an, breit wie ein Marktplatz und steil genug, dass ein Mann, der sie hinaufrannte, nach der Hälfte Atem holen musste. Oben schloss sie mit einem Bogen aus Stahl, der zwölf Schritt hoch und ebenso breit war, und dahinter lag im Fels das Schott, ein Tor aus Panzerplatten, so dick wie ein Ogryn breit ist, offen jetzt und auf Schienen geführt. Dahinter begann der Schacht. Oben im Schacht, vier Stunden Kletterei entfernt, warteten die Valkyries.
Das war der ganze Plan, und es war Vellachs Plan. Halten, bis die Flotte kam, oder halten, bis nichts mehr zu halten war.
Der Oberst ließ die Grünner hinter dem Bogen antreten, in drei Reihen, die Lasergewehre auf die Rampe gerichtet. Hauptmann Rehl ließ seine Sappe Fässer von den Kisten nehmen, Fässer mit Brennstoff aus den Vorräten der Docks, und an den Rand der Rampe rollen, weil man Fässer überall brauchen kann und weil ein Pionier nichts zurücklässt, das brennt. Hinter dem kleinen Hauptmann ging, wie immer, zwei Schritt dahinter, ein Ogryn der Sappe mit einem Verband um die Schulter, Harl. Er war Rehl zugeteilt worden, vor Jahren, und seitdem ging er hinter ihm her, wohin der Hauptmann ging, als hätte man ihn an ihn gebunden. Tobin hielt sich an Brokks Seite, in der ersten Reihe, weil Brokk dort stand. Der Ton in seinem Ohr war stärker geworden, ein Faden, der zu reißen drohte.
Dann kam die erste Welle.
Sie kam die Rampe herauf wie Wasser, das bergauf läuft, tausend Boyz, mit Beilen und Feuerknüppeln, in einer Breite, die den ganzen Bogen füllte. Die erste Salve der Lasergewehre nahm die Vorderen weg. Die zweite nahm die nächsten. Sie stiegen über die Toten und kamen weiter, bis sie den Bogen erreicht hatten, und dort begann das Töten von Nahem, mit Kolben, mit Bajonetten, mit den Händen. Es dauerte zwanzig Minuten. Als sie zurückwichen, lagen die Orks dicht auf den letzten dreißig Schritt, und vor dem Bogen lagen vierzehn Grünner. Tobin hatte sie gezählt.
Die zweite Welle ähnelte der ersten. Die dritte brachte Rokkits, und eine davon traf den Felsen über dem Kommando, und als der Staub sich legte, lag Oberst Vellach am Boden und hatte keine Beine mehr. Er sah zu Tobin hoch. Er schien zu sprechen. Es kam kein Ton, und dann kam auch der Blick nicht mehr. Neben ihm lag der Schreiber mit dem Lappen vor dem Mund und führte keine Zahlen mehr.
Leutnant Ganth, der als Nächster im Rang kam, hielt sich eine Welle lang. Er stand auf einer Kiste, kleiner als jeder, den er führte, und schrie, und die Läufer trugen seine Wörter, und es ging, es ging besser, als Tobin gedacht hatte. In der vierten Welle fiel er, mit einem Beil im Hals, mitten im Befehl, und danach war es, als hätte jemand im Raum das Licht gelöscht. Es war der Mensch, der ihm zugenickt hatte. Tobin wusste nicht, was er dabei fühlte, und stellte fest, dass es nichts mit Zahlen zu tun hatte.
Die Grünner schossen weiter, aber sie schossen ohne Ordnung. Sie sahen umher. Die Reihen lösten sich. Es fehlte der Hütef, den man sehen konnte, und es fehlte der Stellf, der ihn ersetzte, und die Zeichen-Träger, die seine Wörter in die Trupps getragen hätten, lagen vorn am Bogen, zwischen den Toten, mit ihren Fischen und Sternen. Ohne diese Wörter wurde jede Gruppe eine Herde, die nicht wusste, wohin sie sollte.
Tobin sah, wie es anfing. Ein Trupp am linken Rand ließ den Bogen los und lief zum Schott. Ein zweiter stand und starrte. Er hörte Kommissar Dorrik schreien, hoch und trocken, in ganzen Sätzen, und hörte, dass es nichts nützte, denn ein ganzer Satz war für die Grünner nur Lärm, und der Kommissar war der Einzige, dem sie gehorcht hätten, wenn sie ihn verstanden hätten. Fünfhundert Ogryn standen auf einem Berg und wussten nicht, was sie tun sollten. In zehn Minuten würde die fünfte Welle den Bogen nehmen.
Er hatte keinen Plan. Er hatte nur, was er in drei Wellen gesehen hatte, und das war klein. Die Orks kamen alle in derselben Ordnung: erst die Boyz zu Fuß. Dann, ein Stück dahinter, die Trukks mit Ladung, die den Boyz nachfuhren. Dann die Nachhut, die nachdrängte, wenn der Bogen schwach wurde. Und zwischen einer Welle und der nächsten lag immer dieselbe Zeit, sechs Zehner Atemzüge, er hatte sie gezählt, wie er jede Sache zählte. Sie lernten nichts. Sie waren zu stark, um zu lernen. Sie wiederholten sich, und etwas, das sich wiederholt, ist für einen, der sich Dinge merkt, ein Weg.
Er lief zu den Fässern. Dort hockte Hauptmann Rehl auf einem der Deckel, mit rußigen Händen, und zählte nicht mehr seine Fässer, sondern sah auf die Rampe hinunter, mit dem Blick eines Mannes, der überlegt, wie man etwas aus dem Boden reißt.
„Hütef“, sagte Tobin. „Sie kommen immer gleich.“
Rehl drehte den Kopf. Er war Pionier, und ein Pionier hört auf alles, was sich wiederholt, weil man daraus bauen kann. „Gleich wie?“
„Erst Boyz. Dann Wagen mit Ladung. Dann Nachhut. Sechs Zehner Atemzüge dazwischen. Immer.“ Tobin schluckte Blut. „Die Wagen fahren hinter den Boyz. Durch alles, wo die Boyz durchgelaufen sind.“
Rehl sah auf die Rampe. Dann auf die Fässer. Dann auf Tobin, und dann hob er die Stimme, so trocken, dass sie bis zum Kommissar trug. „Dorrik! Brennstoff auf die letzten dreißig Schritt. Die Boyz laufen hindurch, die Wagen nicht, die fahren hinein. Melter auf die Wagen, Flammenwerfer auf alles, was brennt.“
Dorrik kam herüber, im Laufschritt, die Handschuhe an den Gürtel gehakt. Er sah auf die Rampe, auf Rehl und auf den Ogryn, der hinter dem Hauptmann stand und blutete, und Tobin sah, wie der Kommissar rechnete, nicht mit Zahlen, sondern mit Lagen. Dann zog Dorrik das Buch aus dem Mantel, sah es an und steckte es wieder ein, ohne hineinzuschreiben.
„Tun Sie es“, sagte er zu Rehl. Und zu Tobin: „Marrek. Sie sagen es ihnen. In ihren Wörtern. Ich werde nicht verstanden.“
Er stieg auf ein Fass.
Es war ein Fass mit Brennstoff, glitschig, und die Binde schwitzte ihm unter dem Helm. Er war ein Schütze, kein Zeichen-Träger, und sie sahen ihn an, wie man einen ansieht, der auf etwas steigt, auf das er nicht gehört. „Sappen!“, brüllte er. Seine Stimme ging über den Bogen, und sie drehten die Köpfe. „Fässer auf die Rampe! Öffnet sie!“
Sie sahen ihn an und rührten sich nicht. Dann sagte Brokk hinter ihm, laut: „Hütef sagt. Tobin sagt.“
Sie gingen an die Fässer.
Es war erstaunlich, wie schnell es ging. Sie waren Grünner, sie brauchten nur ein Gesicht und ein Wort, und Rehl stand bei den Fässern und zeigte, was zu tun war, mit den Händen, und Harl wiederholte es in zwei Wörtern für die anderen Sappen. Die Deckel flogen auf, und der Brennstoff lief über die Rampe, in einem dünnen, glänzenden Strom, der in den Fugen der Platten stand. Zwei Flammenwerfer-Schützen wurden an die Bogenpfeiler gestellt. Die Melter, alle drei, zog Rehl in die Mitte hinter die Barrikade.
„Die Wagen“, sagte der Hauptmann zu Tobin, und Tobin sagte es den Meltern in drei Wörtern. „Nicht die Boyz. Die Wagen, wenn sie im Brennstoff fahren.“
Die fünfte Welle kam. Sie kam die Rampe herauf, und als sie den glänzenden Streifen erreichte, hob Dorrik die Hand, die behandschuhte, und wartete, bis der Vorderste mitten im Brennstoff stand, und ließ sie fallen. Die Flammenwerfer sprachen. Der Streifen wurde eine Wand. Der Bogen roch nach verbranntem Schwein.
Die Boyz, die hindurchkamen, brannten. Die Trukks, die in den brennenden Streifen fuhren, fingen Meltastrahlen und flogen in Stücken, mit den Boyz darin, die noch gar nicht abgesprungen waren. Die Welle kam nicht bis zum Bogen. Sie kam nicht einmal bis zur Hälfte.
Tobin stand auf dem Fass und atmete.
„Wieder“, sagte er. „Sie kommen wieder. Gleich.“
Sie hielten sechs Wellen so. Es wurde ein Handwerk, und es wurde nicht leichter, es wurde nur gleichmäßiger. Die Fässer gingen aus, und die Sappe rollte Kisten, aus denen sie mit Meißeln und Ogryn-Händen Schmieröl gewannen. Die Melter überhitzten. Die Flammenwerfer wurden knapp. Rehl ließ sie abwechselnd feuern, immer die Hälfte, und die andere ruhen, damit die Läufe nicht platzten, und Tobin trug es weiter, in Wörtern, die ein Grünner behielt. Wo eine Lücke am Bogen aufbrach, schickte der Hauptmann Brokk, und Brokk füllte sie mit seinem Körper aus. Manchmal lachte er dabei.
Bei der elften Welle hörte es auf. Nicht plötzlich, nicht mit einem Zeichen. Die Orks kamen einfach nicht wieder. Die Rampe lag im Halbdunkel, mit rußigen Streifen, mit Hunderten von Toten, die dampften, und die Lichter der Halle unten, die vorher ein gelbes Dauerlicht gewesen waren, sanken in ein Rot, das langsam dunkler wurde. Nachtschicht. Die Docks von Thorin gingen nach der Uhr, wie sie es immer taten, auch mitten im Krieg.
Dorrik zählte seine Leute. Es war sein Amt, und er tat es mit dem Finger in der Luft, Reihe um Reihe, die Lippen unbewegt. Tobin zählte auch. Er hatte es sich verboten, und er zählte trotzdem, und als der Kommissar den Finger sinken ließ und eine Zahl sagte, war es Tobins Zahl.
„Fünfhundertundeins“, sagte Dorrik.
Es war das erste Mal in Tobins Leben, dass ein anderer dieselbe Zahl hatte wie er. Er hätte es gern jemandem gesagt.
„Sie haben aufgehört“, sagte Brokk. Er saß am Boden und hielt seinen Kopf mit beiden Händen fest, als fürchtete er, er könnte abfallen.
„Nein“, sagte Tobin. „Sie sammeln sich.“
Von unten, aus der Halle, kam ein Geräusch, das er nicht gleich einordnen konnte. Tief, ein Brummen, das im Fels vibrierte. Motoren. Nicht die kleinen Kisten, die die Boyz fuhren, sondern etwas Schwereres, viel Schwereres, und es kam nicht aus einer Richtung. Er hörte fünf. Er hörte sieben.
Da fingen die Grünner an zu singen. Es begann bei einem, leise, an der linken Barrikade, und ging von Mund zu Mund, so wie ein Feuer in trockenem Gras: das Dunkelgebet, das alle kannten, ein Lied ohne Melodie, das mehr gesprochen war als gesungen. Nacht kommt. Nacht bleibt. Nacht geht nicht. Ich bleibe. Fünfhundert Stimmen, sehr tief, und die Rampe hallte davon.
Er setzte sich, mit dem Rücken an einen Pfeiler, und schloss die Augen.
Diesmal rief er es.
Bisher war es ihm zugestoßen. Jetzt griff er danach, wie ein Mann, der im Dunkeln die Wand nach dem Schalter absucht. Das Hämmern kam, sanft, das Eisen im Mund, und die Welt wurde langsam und klar, und in der Klarheit hörte er die Motoren einzeln, jeden mit seinem Ton. Sieben schwere. Dahinter viele kleinere, in Bewegung. Sie sammelten sich, und sie sammelten sich lange, so lange, wie fünf Wellen gedauert hatten, und danach kamen sie die Rampe herauf, nicht in Wellen, sondern in einem Stoß, mit den schweren vorn.
Er sagte es Dorrik, als der Kommissar zu ihm kam. Er sagte es mit geschlossenen Augen, in Stücken, wie man Steine nacheinander hinlegt, und der Kommissar schrieb nichts auf. Er stand da und hörte zu. Als Tobin die Augen öffnete, sang niemand mehr. Sie sahen ihn an, alle, in den Reihen, mit den breiten Gesichtern, und er sah in ihnen, was er nie gesehen hatte: kein Misstrauen, keine Angst. Sie warteten, dass er etwas sagte. Er merkte, dass ihm das Blut über die Lippe lief. Er merkte auch etwas anderes, das ihm erst später ganz zum Bewusstsein kam: dass er Gessas Worte noch hatte, jedes einzelne, Was schnell ist, reißt, aber nicht mehr ihre Stimme dazu.
„Hütef Tobin“, sagte einer, halb im Scherz.
Keiner lachte.
VI. Das Schott
Dorrik ließ Rehl und Tobin zu sich rufen, als die Lieder verstummt waren, und sie standen zu dritt am Rand des Bogens, der Kommissar zwischen dem kleinen Hauptmann und dem Ogryn, der ihn um zwei Köpfe überragte.
„Sieben Kampfwagen“, sagte Dorrik. „Dahinter Fußvolk. Marrek sagt, so lange, wie fünf Wellen gedauert haben, dann im Stoß, die Schweren vorn.“ Er sagte es zu Rehl, nicht zu Tobin. „Hält der Bogen sie?“
„Nein“, sagte Rehl. „Die Fässer nicht, die Melter erwischen zwei, vielleicht drei. Dann kommen die anderen durch, und was hinter dem Bogen steht, wird zerdrückt.“ Er sah zum Schott hinüber. „Ich habe die Platte an der Tür gelesen. Neun Sekunden, bis es zu ist. Nur von innen, an der Säule in der Vorhalle. Solange es zu ist, kommen sie nicht hinein, und im Schacht sind wir vier Stunden von den Valkyries entfernt. Wer nicht drinnen ist, bleibt draußen.“
„Wie viele hinein?“
„Zwei in der Sekunde durch die Tür, wenn keiner stolpert“, sagte Rehl. „Die Verwundeten zuerst, die Sappe, dann, wer noch geht.“
„Und wer draußen bleibt?“
„Hält den Bogen. Bis es zu ist.“
Dorrik nickte. Er hatte den Plan im Gesicht des Hauptmanns gelesen, ehe der ihn ausgesprochen hatte. „Die erste Reihe hält mit mir“, sagte er. „Die zweite und die dritte gehen, wenn ich es sage, so spät, wie der Bogen es erlaubt.“ Er zog den rechten Handschuh aus, was Tobin noch nie gesehen hatte, und darunter war eine schmale, weiße Hand mit einem Ring. Er drehte den Ring am Finger.
„Wer hält, hält, bis das Schott zu ist“, sagte er, laut genug, dass es die Nächsten hörten. „Das ist mein Befehl. Ich halte mit.“ Dann leiser, nur zu Tobin: „Marrek. Sie stehen an der Säule.“
„Ja, Kommissar.“
„Ein Handschuh ist dunkel. Eine bloße Hand sieht ein Ogryn auf sechzig Schritt, im Rauch, wenn sonst nichts Weißes da ist.“ Er hob sie ein wenig, zeigte sie ihm, und ließ sie wieder sinken. „Wenn ich die Hand hebe, ziehen Sie. Nicht früher. Nicht später.“
„Wann?“, fragte Tobin. Es war keine Frage, die ein Ogryn stellt. Er hörte es, als er sie stellte.
„Das sage ich nicht.“ Dorrik zog den Handschuh nicht wieder an. „Ich habe Ihnen einmal gesagt, dass ein Ogryn nicht wählt. Das gilt. Ich wähle. Sie ziehen. Dafür gibt es den Befehl, damit einer nicht zu tragen hat, was er nicht tragen kann.“
Tobin wusste, dass das nicht stimmte. Er sagte es nicht.
Sie brachten die Verwundeten hinein, fünfundsiebzig, auf Tragen und auf den Schultern, und die Sappe legte unter Rehls Augen Ladungen in den Schacht, für später. Tobin ging mit ihnen und stellte sich an die Säule, eine Stahlstele so hoch wie ein Ogryn, mit einem roten Bügel, den man nach unten zog. Vor ihm lag die Vorhalle, ein Gewölbe aus dunklem Stein. Dahinter lag das offene Schott und hinter dem Schott der Bogen, sechzig Schritt entfernt, und im Bogen standen Menschen und Ogryn, die er kannte, die Waffen auf die Rampe gerichtet. Er sah ihre Rücken. Er sah Brokks Rücken in der Mitte, die breiten Schultern, den Helm mit dem Riss. Er sah, neben dem Pfeiler, eine schmale weiße Hand, die an einem langen schwarzen Mantel herunterhing wie ein Stück Papier.
Sie hatten noch eine Stunde, hatte er gesagt, so lange, wie fünf Wellen dauern. Es waren vierzig Minuten.
Die Motoren begannen ohne Vorwarnung, tief und alle auf einmal, als hätte jemand einen Deckel von einem Kessel gehoben. Er hörte sie durch den Fels. Er hörte sie in den Zähnen. Sieben Stimmen, die sich zu einem Ton verschränkten, und dann schoben sie sich vorwärts, aus der Halle heraus, auf die Rampe zu.
Drüben im Bogen drehte Dorrik den Kopf zu den Läufern und sagte etwas, kurz, und die Läufer brüllten es durch die Reihen, drei Wörter, die Tobin bis in die Vorhalle verstand: „Tür! Lauft! Tür!“
Sie liefen. Die zweite Reihe und die dritte, die Nachrücker, die Gruppen der Reserve, sie kamen die sechzig Schritte auf das Schott zu, und sie kamen zu zweien durch die Tür, in die Vorhalle, zu zweien, zu zweien. Er zählte sie. Er zählte, ohne zu wollen, und das Hämmern setzte ein.
Er hatte sich der Welt gegenüber nie so nackt gefühlt. Es war, als hätte man ihm die Haut vom Kopf gezogen. Alles wurde langsam. Die Männer, die durch das Tor liefen, hingen im Schritt. Er sah in ihre Gesichter, in die Poren, in die Schweißtropfen, die ihnen von den Brauen tropften, und er zählte, und er zählte, und die Zahl wuchs unter seinen Fingern wie ein Stapel, den er nicht abtragen konnte. Hinter ihnen drückten die Motoren auf die Rampe. Die Kampfwagen brauchten nicht lange.
Der Bogen hielt, aber er hielt nicht mehr gut. Jeder Mann, der ihn verließ, machte ihn ein wenig dünner. Er sah, wie die Reihe dort schrumpfte, wie sich die Lücken schlossen und wieder öffneten, wie Brokk Schritt für Schritt nach links wanderte, um zu füllen, was fehlte. Er sah die Boyz, die vor den Wagen liefen und auf ihnen ritten, die ersten schon auf halber Höhe der Rampe, im Brennstoff, der nicht mehr brannte.
Er legte die Hand um den Bügel. Draußen liefen sie noch. Er sah ein Gesicht, das er kannte, den Jungen aus dem Wurf, der ihm mit siebzehn im Hof die Binde vom Kopf gerissen hatte, und er sah, dass der Junge es nicht schaffen würde: Der Abstand zwischen dem Jungen und der Tür und der Abstand zwischen dem Jungen und den Boyz waren gleich.
Er wartete auf die Hand.
Er sah sie nicht. Er sah die schmale Gestalt im schwarzen Mantel neben dem Pfeiler, das Gesicht, das auf die Rampe gerichtet war. Er sah, dass sie wartete wie er. Er sah, dass jeder Herzschlag, den der Kommissar wartete, zwei Männer durch die Tür ließ und das Gewicht des Bogens verringerte. Dorrik wusste das. Er wartete trotzdem, so lange, wie ein Mensch warten kann, der weiß, was er damit bezahlt.
Dann hob er die Hand.
Sie war sehr weiß. Sie stand in der Luft, über dem Mantel, über den Rücken der Ogryn, im Rauch und im roten Licht der Rampe, die einzige helle Sache auf sechzig Schritt, und es war die Hand, die er gemeint hatte. Tobin sah sie, und seine Finger rührten sich nicht.
Es war zu früh. Es war nicht zu früh, es war genau der Augenblick, den er gesehen hatte, und es war doch zu früh, weil draußen noch Gesichter liefen. Er hielt den Bügel. Zwei Herzschläge lang. Drei. Der Kommissar hielt die Hand oben und drehte den Kopf nicht, weil er wusste, dass Tobin sie sah.
Brokk drehte den Kopf.
Er stand im Bogen, mit dem Lasergewehr am Lauf gepackt, und sah über die sechzig Schritt zu ihm herüber. Es war zu weit, um Gesichter zu lesen. Tobin las es trotzdem. Brokk verstand nichts von Zahlen und hatte nie etwas von seinem Freund verlangt, das er nicht geben konnte, und er sah zu ihm herüber wie bei der Auspeitschung. Dann drehte er sich um und zeigte der Halle den Rücken, damit Tobin sein Gesicht nicht sehen musste.
Tobin zog den Bügel nach unten.
Der Motor unter dem Boden dröhnte auf, und das Schott setzte sich in Bewegung, mit der Schwerfälligkeit einer Sache, die für etwas gebaut worden war, das größer ist als ein Mensch. Es lief auf seinen Schienen. Der Spalt schrumpfte, zwei Schritt, einen, einen halben. Ein Ogryn, der aus dem Bogen gerannt war, warf sich hinein und kam durch. Ein zweiter warf sich hinein und blieb hängen, mit einem Arm und dem Kopf, und die Tür nahm ihn mit, ohne langsamer zu werden, und Tobin hörte etwas, das er nie mehr aus dem Ohr bekam.
Das Schott schloss.
Hundertsiebzehn waren drinnen.
Es war still, für einen Herzschlag. Dann begann das Klopfen.
Sie schlugen von draußen gegen den Stahl, mit Fäusten, mit Kolben, mit den Köpfen, wer es noch bis zur Tür geschafft hatte. Der Schlag kam gedämpft, ein dumpfes, tiefes Dröhnen, das in der Vorhalle stand. Er hatte nie gewusst, dass Stahl so klang. Er zählte mit. Eins, zwei. Es waren zu viele, um sie voneinander zu trennen, aber er trennte sie. Elf. Zwölf. Er zählte, weil er nichts anderes tun konnte, weil das Zählen das war, was er hatte. Das Klopfen wurde dünner. Vierzig. Achtzig. Das Dröhnen der Kampfwagen kam durch den Fels näher, und der Boden bebte. Hundert. Der Bolter des Kommissars, fünf Mal, dumpf durch die Panzerplatte. Zweihundert. Dann kamen die Schreie, die man durch einen Stahlkörper nicht mehr hörte, nur spürte. Er zählte weiter.
Als das Klopfen aufhörte, hatte er sechshunderteinundvierzig Schläge gezählt. Er wusste es, ohne dass er es gewollt hatte, und er wusste, dass es nie mehr aufhören würde.
Hinter ihm standen hundertsiebzehn Ogryn in der Vorhalle und sahen ihn an. Keiner sagte etwas. Einer, ein Sappe mit einem Verband um die Schulter, machte den Mund auf und schloss ihn wieder.
Dann schlug draußen etwas gegen das Schott, das größer war als eine Faust.
Rehl stand neben der Säule, mit der Ladung in beiden Händen. Er sah Tobin an, und Tobin sah, dass dem Hauptmann etwas im Gesicht arbeitete, das nicht zu seinem Rang gehörte. Er sagte nichts darüber. Er legte nur, ganz kurz, die rußige Hand auf Tobins Arm, dort, wo die Haut aufgerissen war.
„Weiter“, sagte Rehl. „Alle.“
Aus der Nase lief es Tobin seit Minuten, und er hatte es nicht bemerkt. Sie gingen in den Schacht.
VII. Der Schacht
Der Schacht war eine Röhre aus Rippen und Rohren, so weit, dass zwei Ogryn nebeneinander klettern konnten, und in seiner Mitte hing eine Leiter, die im Dunkel über ihnen verschwand. Es roch nach altem Öl. Aus der Tiefe kam ein Geräusch wie von einem Hammer auf Blech, langsam, immer gleich, und jeder in der Kolonne wusste, was das war. Die Orks arbeiteten am Schott.
Hundertsiebzehn kletterten hinauf. Sie sprachen nicht. Ein Ogryn mag keine Röhre, und diese war eng für Leute, die sonst im Freien starben, und sie biss die Zähne aufeinander und kletterte, weil der Mann vor ihnen kletterte. Hauptmann Rehl ging an der Spitze, klein und schnell, mit Harl dicht hinter sich, und Tobin ging dahinter, in der Mitte, weil er nicht vorn gehen durfte und nicht hinten gehen konnte. Er hörte, wie es hinter ihm knirschte, Stiefel auf Eisen, Gurte, Atem. Keiner sah ihn an. Sie sahen auf die Sprossen vor sich, auf die Stiefel des Mannes davor, auf alles, was nicht sein Gesicht war.
Er verstand es. Sie hatten in der Vorhalle gestanden und zugesehen, und jeder von ihnen hatte durch das offene Schott gesehen, was er getan hatte, und keiner hatte die Hand gehoben. Sie waren Grünner, sie hatten gelernt, dem zu folgen, den sie lesen konnten, und sie hatten den Kommissar gelesen, den schwarzen Mantel und die weiße Hand, und der Kommissar lag draußen und war nichts mehr, dem man etwas anlasten durfte. Ein Kommissar sprach für den Imperator. Es blieb nur einer, dem sie es anlasten konnten, der Schütze an der Säule mit der Binde unter dem Helm. Sie taten es nicht laut. Aber er hörte ihr Schweigen, und es war eine Antwort.
Das Klettern dauerte vier Stunden, und in der ersten Stunde gehörte es den Verwundeten.
Sie waren fünfundsiebzig, und sie waren die Langsamsten. Einer hatte kein Bein. Einer trug den Arm eines anderen, den er im Schacht gefunden hatte. Sie zogen sich an den Sprossen hoch, mit Gurten, mit Zähnen, mit dem Willen, der auf Grünn keinen Namen hatte, und über ihnen war das Dunkel und unter ihnen die Orks, die nicht müde wurden. Er hörte sie. Ein Getrampel wie von Regen auf einem Blechdach, das immer näher kam. Die Orks kletterten schneller als Ogryn. Sie waren kleiner, sie waren leichter, sie kannten keine Angst vor dem Absturz.
Bei der zweiten Kammer, wo der Schacht sich zu einem Raum mit Gitterboden weitete, ließ Rehl die Kolonne halten. Er stand in der Mitte, mit rußigen Händen, und hörte nach unten, und seine Lippen bewegten sich, wie sie sich bei den Fässern bewegt hatten. Dann sagte er, so laut, dass die Läufer es nicht zu tragen brauchten: „Eine halbe Stunde. Dann sind sie hier. Ich brauche Zeit an der Leiter.“
Sie sahen ihn an und verstanden nur, dass etwas gebraucht wurde.
„Zehn“, sagte Rehl. Er hob beide Hände, die Finger gespreizt, damit sie es lasen. „Zehn, die nicht mehr klettern können. Sie bleiben hier und sitzen an der Leiter.“
Es war einen Atemzug lang still. Dann sagte der Ogryn ohne Bein, der an der Wand lehnte: „Ich.“
Er sagte es nicht zu Rehl. Er sagte es zu der Wand, wie man einen Namen sagt, und ein zweiter, mit einem zerschlagenen Becken, sagte: „Ich.“ Dann ein dritter. Es wurde nicht gewählt und nicht gemeldet. Es war, als würde eine Reihe abgezählt, und der Mann, der an der Reihe war, antwortete. Neun Wörter, jedes dasselbe. Tobin zählte sie mit.
„Zehnter“, sagte Rehl.
Harl trat vor, mit seinem Verband, und stellte sich neben den Hauptmann. Er sagte nichts. Er sah Rehl an, wie ein Hund einen Mann ansieht, der aufbricht.
„Das hatte ich befürchtet“, sagte Rehl, nicht unfreundlich. Er schickte ihn nicht zurück. Er band selbst die Ladung an die Sprossen, mit den Händen eines Mannes, der es oft getan hat, zog die Zündschnur über den Boden und legte sie dem Ogryn ohne Bein in die Hand wie einen Riemen. „Wer ihn hält, zieht, wenn ich es sage.“
Dann trat er zu Tobin.
Er hatte ein Zeichen in der Hand, eine Stange mit einem Blech, auf dem ein Stern gemalt war, abgebrochen und schief. Es hatte neben einem Toten auf einer Trage gelegen, einem Zeichen-Träger der Sappe, der auf der Rampe gefallen war und den die Sappe nicht hatte liegen lassen. „Marrek.“
„Hütef.“
„Vor dem Absprung haben Sie dem Obersten gesagt, es seien fünfhundertzwölf Feuer auf dem Bild. Der Kommissar hat es mir erzählt, auf der Rampe, als er das Buch weggesteckt hat.“ Rehl sprach schnell und trocken, wie jemand, der einen Posten verbucht. „Dreißig Orks an einem Feuer. Fünfhundertzwölf mal dreißig, das sind mehr als fünfzehntausend. Nicht fünftausend. Fünfzehntausend und mehr. Sie hatten recht.“ Er hielt das Zeichen hin. „Behalten Sie das. Sie behalten ja alles. Dann hat es einer.“
Tobin nahm das Zeichen. Es war schwerer, als es aussah.
„Hinauf“, sagte Rehl. „Klettern. Weiter. Mehr müssen Sie ihnen nicht sagen, es ist alles, was sie behalten. Sie führen sie hinauf, Marrek. Oben wartet eine Valkyrie.“
„Ja, Hütef.“
Dann setzte er sich an die Leiter, zwischen die Verwundeten, und Harl setzte sich neben ihn. Die Zehn saßen da mit ihren Gewehren im Schoß. Tobin blieb stehen. Er hatte nie gewusst, was man zu einem sagt, der bleibt, und er sagte, was ihm einfiel, vom Hof her, aus dem Mund eines Trägers über einer Grube:
„Der Name fällt.“
„Die Stelle bleibt“, antworteten sie, alle zehn, und der Hauptmann sprach die Worte nach, ohne den Brauch zu kennen.
Er ging.
Zehn Minuten später hörte er unter sich die Ladung, ein dumpfes, kurzes Krachen, das durch das Eisen kam, und danach, für die Dauer von zehn Herzschlägen, das Schreien von Orks, die eine Leiter hinunterstürzten. Dann kam das Getrampel wieder, langsamer diesmal. Er zählte nicht die Männer, die geblieben waren. Er zählte die, die kletterten. Hundertsieben.
An der dritten Kammer stießen sie auf Grünner, die nicht zu ihnen gehörten.
Es waren zwölf, verdreckt, mit Waffen, die sie von toten Orks genommen hatten, und sie standen in einem Seitenschacht und sahen dem Zug entgegen, als hätten sie ihn erwartet. Versprengte, die in den Hallen nicht bis zur Rampe gekommen waren und auf eigene Faust den Weg nach oben gesucht hatten, weil alle Wege nach oben führten. Ein Zeichen-Träger war bei ihnen, mit einem Blech, auf dem ein Rabe gemalt war. Er sah Tobin an und sagte: „Wo ist der Hütef?“
„Tot“, sagte Tobin.
„Wo ist der Stellf?“
„Tot.“
„Wer führt?“
Tobin hob das Zeichen. Er hob es nicht, um etwas zu sagen. Es war alles, was er in der Hand hatte, und es war ein Stern, den ein Mensch ihm gegeben hatte. Der Zeichen-Träger der Versprengten sah es lange an. Er sah nicht, wer es trug, nur dass es getragen wurde. Dann nickte er, ohne etwas zu sagen, und stellte sich mit seinen Zwölf in die Reihe.
Hundertneunzehn, dachte Tobin. Er sah zu, wie sie sich einreihten, und er hörte nicht auf zu zählen.
Die zweite Nachhut blieb an der vierten Kammer. Elf Mann, diesmal, aus der Sappe, geführt von einem Zeichen-Träger mit einem Spaten auf dem Blech. Sie hielten an, ohne dass es ihnen jemand sagte, und sahen zurück, wo der Hauptmann nicht mehr stand. „Hütef sagte“, sagte der Zeichen-Träger der Sappe, zu niemandem, zu der Leiter. „Vierte Kammer. Wir.“ Es war ein Auftrag, den Rehl ihnen auf der Rampe gegeben hatte, mit den Fingern und mit zwei Wörtern, und sie führten ihn aus. Sie sprengten die Leiter mit den letzten Ladungen, und Tobin hörte sie danach nicht mehr, weil die Orks das Dröhnen überdeckten. Hundertacht, zählte er, und die nächsten neun kamen aus einem Seitenschacht, Versprengte wie die anderen, mit zerrissenen Uniformen und Ohren voll Schmutz.
Hundertsiebzehn.
Er blieb an einer Sprosse hängen, mit der Stirn an das kalte Eisen, und lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch, das keiner verstand. Es waren wieder hundertsiebzehn. Es waren nicht dieselben.
Oben war Licht.
Es kam aus einer Luke, die ein Wartungsdeck öffnete, nicht mehr als ein Rechteck aus grauem Schein, und als er hindurchstieg, schlug ihm die Luft entgegen, kühl und stinkend nach Rauch, die Luft des Docks, das noch nicht verloren war. Das Deck war ein flacher Stahlrücken, an drei Seiten von Trümmern umgeben. Von unten kamen die Orks. Sie hatten die letzte Leiter noch nicht gebrochen.
Da waren die Valkyries.
Sie kamen tief aus dem Rauch, mit heulenden Triebwerken, ein Dutzend hintereinander, und die vorderste schwebte über dem Deck, mit gesenkter Heckklappe und zwei Bordschützen, die auf alles hielten, was unten aus der Luke kam. Feuer schlug in ihren Rumpf. Sie tanzte, sie drehte sich, sie kam nicht höher, weil sie die Luke im Ziel behalten musste. Auf der Rampe stand ein schmaler Mann in einer orange gefärbten Uniform, die linke Hand mit dem schwarzen Fingerersatz am Haltegriff, und brüllte etwas, das im Lärm unterging. Er stand dort, damit sie ihn sahen. Die Ogryn liefen auf das Orange zu wie Wasser bergab.
Sie liefen, zu den Maschinen, die eine nach der anderen aufsetzten, und er blieb auf dem Deck stehen und zählte sie hinein, einen nach dem anderen, im Dröhnen der Flak, im Getrampel der Orks, die aus der Luke quollen. Er zählte sie mit den Fingern auf der Schulter, wie Gessa ihn gelehrt hatte, zehn, und noch zehn. Die Letzten kamen mit den Orks im Nacken. Ein Sappe warf sich auf die Heckklappe der letzten Maschine. Die Piloten zogen hoch, ehe die Rampen zu waren, und die Orks fielen von den Kanten wie Ameisen von einem Ast. Tobin sprang als Letzter auf die Rampe der vordersten, wo der Offizier ihn am Gurt packte.
„Wie viele?“, schrie der Major.
„Hundertsiebzehn“, sagte Tobin.
„Von tausendvierundsechzig.“
„Fünfzehntausend waren es.“
Der Major sah ihn an, mit einem schmalen, fast eleganten Gesicht und hellen, graubraunen Augen. „Ich weiß“, sagte er. Er sagte es leise, und Tobin verstand, dass er es auf dem Truppenschiff gehört und gerechnet hatte, und dass er nichts getan hatte, weil man auf einen Schützen nicht hört.
Die Valkyries stiegen durch den Rauch. Tobin setzte sich auf den Boden, den Rücken an die Bordwand, zwischen die Männer, die ihn nicht ansahen, den Stern im Arm, und schloss die Augen.
Das Klopfen hörte nicht auf. Es lag nicht mehr am Schott. Es lag in seinem Kopf, an der Stelle, wo die Nähte offen standen, und es schlug im Takt seines Herzens.
VIII. Die Kanäle
Sie nannten ihn den Türmann, und sie sagten es nur hinter seinem Rücken, weil er auf dem Ohr, das noch hörte, alles verstand. Dreißig Jahre nach Thorin war er ein grauer, langsamer Ogryn mit einer Binde unter dem Helm, die nur noch aus Flicken bestand, und einer rechten Hand, die im Ruhezustand klapperte wie ein Zahn im Becher. Er war Zeichen-Träger geblieben, mit dem Stern auf dem Blech, den er seit dem Schacht trug. Man beförderte keinen Ogryn, der zählte, denn über dem Zeichen-Träger gab es für einen Ogryn nur noch Menschen, und man ließ ihn auch nicht gehen, denn wo er stand, kamen mehr Leute zurück, als es hätten sein dürfen. Er war ein Werkzeug, das man ungern anfasste.
Nur die Jungen fragten nach dem Namen. Die Alten sagten nichts. Die Alten waren die Hundertsiebzehn, oder was von ihnen übrig war, und sie trugen an der Linken einen grauen Stoffstreifen um den Oberarm, den nach ihnen die halbe Dritte Kompanie übernommen hatte, ohne genau zu wissen, wofür. Graubinder nannten sie sich inzwischen, die Dritte Kompanie der 4. Grünn, und es klang wie ein Ehrenname und war einer.
Tobin hatte es nie so gewollt.
Er dachte daran, während er am Rand des Kanals kniete und den Streifen an seinem Arm festzog. In der ersten Nacht nach Thorin, im Bauch des Truppenschiffs, hatten sie in einem Kreis um ihn gesessen, die Hundertsiebzehn, stumm, in den Kojen, die das Munitorum ihnen zugeteilt hatte. Er hatte geglaubt, sie würden ihn töten. Er hätte es gut gefunden. Aber keiner hatte etwas getan. Sie saßen da, und einer hatte gesagt: „Sie haben geklopft.“ Ein anderer: „Wir haben es gehört.“ Ein dritter: „Ich bin durch die Tür gegangen. Mein Bruder nicht.“
Da hatte Tobin zum ersten Mal in seinem Leben ein Wort gefunden, das für sie passte, und er hatte es nicht erfunden. Er hatte es von der Grube genommen. Dort sprach der Träger: Der Name fällt, und der Wurf antwortete: Die Stelle bleibt. Er hatte es nur gewendet. Wer durch die Tür gegangen war, sagte zu dem, der draußen geblieben war: Du bliebst. Und er sagte danach, was ein Träger tut: Ich trage. Mehr war es nicht. Es war so klein, dass es in jeden Kopf passte, auch in die, die nur Fisch und Axt kannten. Sie hatten es wiederholt. Sie hatten sich Streifen aus den Hemden gerissen und mit Asche grau gemacht, nach dem Bild, das er ihnen von Gessas Binde beschrieb, und sie um den linken Oberarm gebunden, dorthin, wo man einen trägt, den man tragen muss. Am Morgen sagten es alle, und als das Munitorum sie in die Vierte einreihte, brachten sie es mit, in die Reglemente, in die Litaneien, in den Namen einer Kompanie. Niemand wusste mehr, von wem es stammte, und Tobin hatte es so gewollt. Nur das Grau erinnerte an Gessa, und auch das wusste keiner.
Neben ihm stand Leutnant Mourne.
Er war kein Ogryn. Er war ein Mensch, jung und schmal, mit einem Dolch am Gürtel, den er nie zog, und er war der einzige Offizier der Vierten, der die Sprache der Grünner sprach, wie sie sie sprachen: kurz, mit Pausen, so, dass man ihm folgen konnte. Er hatte sie als Kind gelernt, auf Grünn, als Sohn eines Mannes vom Zuchtamt, der Striche auf Tafeln gemacht hatte, und die Ogryn folgten ihm, wie man einem Hütef folgt, und wunderten sich nur, dass er wartete, bis sie geantwortet hatten. Er las Karten, wo andere sie ansahen. Er sah Tobin manchmal an, wenn er dachte, es merke keiner, wie man jemanden ansieht, den man schon einmal in einem Korb gesehen hat.
„Die Kanäle führen unter die Festung“, sagte Mourne leise. „Zwei Trupps und ich. Wir suchen den Zugang zu den Kellern, und wenn wir ihn finden, kommen wir zurück und sagen es. Mehr nicht.“
„Es ist nie mehr nicht“, sagte Tobin.
Mourne lächelte, dünn. „Gehen Sie vor, Zeichen-Träger. Ich folge Ihrem Ohr.“
Der Kanal war ein Schlund aus Ziegeln, mit einem schmalen Steg entlang der Wand und einem schwarzen Wasser, das aus der Festung kam. Es roch nach Fäulnis und nach etwas Süßlichem darunter, das Tobin in der Nase behielt, ohne es einordnen zu können. Sie gingen im Gänsemarsch, ohne Licht, gebückt, mit angelegten Armen, und hinter ihm knirschten die Zähne von Leuten, die keine Decke mögen. Ogryn hören besser, als sie sehen, und Tobin hörte mit dem rechten Ohr, das linke summte seit dreißig Jahren einen einzigen Ton.
Nach einer Stunde blieb er stehen.
Es war kein Laut, sondern eine Lücke in den Lauten. Das Tropfen hatte sich geändert. Es kam jetzt in einem Takt, der nicht vom Wasser war. Er hob die Hand, und der Trupp hielt, und die Stille wurde dicht wie Wolle.
Etwas schlug. Tief in der Erde, langsam, so leise, dass man es mit den Füßen mehr fühlte als mit den Ohren. Ein Puls. Er lauschte ihm und zählte, und als er bei elf angelangt war, schlug es wieder.
„Hütef“, sagte er zu Mourne. „Etwas schlägt. Unten.“
Mourne horchte. Er hörte nichts. Er wartete trotzdem, einen halben Atemzug länger, als ein Offizier wartet, der nichts hört, und dann sagte er: „Zurück. Leise.“
Sie drehten sich um, und auch dort, wo sie hergekommen waren, war der Kanal nicht mehr leer. Ein Licht ging an, ein Schreien, und dann war er voll.
Es waren Menschen gewesen. Er sah es, als der erste Flammenwerfer im Trupp aufbrüllte und das Ziegelgewölbe in einem gelben Ruck erhellte. Er sah Gesichter, zerlaufen, gedehnt, mit einem zweiten Kiefer unter dem ersten, mit Händen, die in Klauen ausliefen, mit einer Haut, die an manchen Stellen noch Haut war und an anderen ein Panzer, glänzend und schwarz. Sie rannten über die Wände. Sie rannten an der Decke. Sie kamen von vorn, von hinten, aus den Seitengängen, und sie schrien nicht. Sie waren Infizierte, Träger des zweiten Blutes, Kinder des Symbiontenkultes, und sie kannten den Kanal, wie Tobin die Lieder des Wurfs kannte.
Der Trupp schoss. Das Lasergewehr fauchte, die Flamme rollte, und die Infizierten fielen und liefen weiter, und in dem engen Gewölbe war keine Richtung frei. Ein Ogryn schrie, als sich eine Klaue in seinen Bauch bohrte. Ein zweiter ging über Bord in das schwarze Wasser und kam nicht mehr hoch. Mourne riss den Dolch heraus, zum ersten Mal, und kämpfte schmal und schnell, wie es nur ein Mensch tat, der klein ist unter Großen.
Tobin stand, und der Druck kam, und diesmal tat er es nicht sanft.
Das Hämmern war ein Hammer, der ihm die Augen aus dem Schädel trieb. Er schmeckte kein Eisen, er schmeckte Blut, warm und salzig, aus dem linken Ohr, das nur noch summte, und aus beiden Nasenflügeln. Die Welt wurde langsam, und in der Langsamkeit hörte er, was die anderen nicht hörten: Die Angriffe waren nicht regellos. Sie kamen in Schüben, und jeder Schub kam mit dem Schlag, den er im Kanal gehört hatte, dem tiefen Schlag von unten. Es war ein Herz, das sie führte, etwas Großes in den Kellern der Festung, und es schlug für alle, und alle gehorchten. Und zwischen zwei Schlägen, für die Dauer eines Atemzugs, war der Kanal leer.
„Hütef!“, schrie er. „Es schlägt alle elf! Zwischen den Schlägen ist Luft!“
Mourne sah ihn an, mit Blut im Gesicht. Er verstand es, noch ehe Tobin zu Ende war, und er rief in den Lärm, in Wörtern, die ein Ogryn behielt: „Flammenwerfer links! Schießen, wenn Tobin zählt! Nur dann!“
„Eins“, sagte Tobin, laut, in die Dunkelheit. „Zwei. Drei.“ Sie hörten ihn trotzdem. Das war das Erstaunliche. Sie hatten dreißig Jahre gebraucht, und sie hörten ihn, so wie man einem Trommler folgt, der die Zahlen schlägt, die man selbst kennt. „Vier. Fünf. Sechs.“ Er merkte nicht, dass er es leise sagte, dass er sich vom Hämmern in den Schädel drücken ließ, dass ihm Speichel aus dem Mundwinkel lief. „Sieben. Acht. Neun. Zehn. Elf. Jetzt.“
Der Flammenwerfer sprach in die Lücke. Der Schub, der von links kam, lief in eine Wand aus Feuer und blieb dort. Der nächste, der von rechts kam, traf auf die Gewehre. „Vor!“, rief Mourne, und sie gingen, Schritt um Schritt, in der Pause nach vorn, und zwischen den Pausen duckten sie sich, auf Mournes „Halt!“, und so zogen sie ihre Bahn durch den Kanal wie durch einen Wald, in dem man den Schlag der Axt im Voraus kennt, weil einer ihn zählt und einer entscheidet, was man mit der Zeit zwischen den Schlägen tut.
Es kostete elf. Die Hälfte davon in den ersten beiden Minuten, als er noch zu langsam war, die andere Hälfte danach, weil ein Zählen nicht ausreichte, wo eine Klaue ihr eigenes Tempo hatte. An der Kreuzung, zwei Kilometer weiter, stießen sie auf eine Eisenleiter, die nach oben führte, und Mourne schob die Männer hinauf, einen nach dem anderen, und Tobin zuletzt, und der Leutnant stand mit blutigem Dolch am Fuß der Leiter und sah ihn an.
„Sie haben es gehört“, sagte Mourne. „Vorher. Das Herz.“
„Ja.“
„Wie?“
Tobin öffnete den Mund. Er sah, wie Blut auf seine Hand tropfte, die rechte, und wie sie zitterte. „Man hört, wenn man langsam ist“, sagte er, „und wenn man langsam ist, tut es weh.“
Der junge Offizier antwortete nicht. Er sah ihn an, und in dem schmalen Gesicht arbeitete etwas, das er von zu Hause kannte, und dann nickte er und stieg die Leiter hinauf, und Tobin folgte ihm als Letzter.
Oben zählte er sie. Zehn, ihn und den Leutnant eingerechnet, und keiner sagte etwas. Er hörte das Klopfen. Es war nicht das Klopfen von Thorin. Es war das Herz unter der Festung, elf Schläge, elf Schläge, elf, und er hörte, dass das Ohr, das er nicht mehr hatte, es trotzdem verstand.
IX. Die Zahl
Oberst Mhorvan ließ ihn kommen, als es dämmerte, und er ließ ihn in das Zelt bringen, in dem sonst nur die Kommissare saßen.
Es war ein großes Zelt mit einem Kartentisch, auf dem die Festung von Kargstein lag wie ein zerschlagener Zahn, umringt von Zeichen in Rot und Grün. Über dem Tisch hing eine Lampe. Daneben stand ein Mann in einer orange gefärbten Felduniform, hoch gewachsen, mit einem Gesicht, das noch immer fast elegant war, und mit graubraunen Augen, deren Weiß von den Jahren gelb geworden war. Mhorvan war nicht mehr jung. Er hatte an Gewicht verloren. Die schwarze Prothese an seinem linken Ringfinger klopfte langsam auf den Rand der Karte, und Tobin hörte es sofort, denn es klopfte im Takt von elf.
Kommissar Haldane stand am Zelteingang, schmächtig, in tadelloser Uniform, ein Glasauge im Gesicht, die weißen Handschuhe an den Händen. Er sah nicht auf, als Tobin eintrat. Er schrieb.
„Türmann“, sagte Mhorvan.
„Hütef.“
„Setz dich.“
Tobin blieb stehen. Er hatte sich abgewöhnt, in Gegenwart von Offizieren zu sitzen. Wer saß, wurde gefragt.
„Du hast damals eine Zahl genannt“, sagte Mhorvan. Er sagte es zur Karte hin. „Auf dem Truppenschiff, vor Thorin. Fünfhundertzwölf Feuer, dreißig Orks an jedem. Ich stand hinter dem Kommissar und habe zugehört, und ich habe gerechnet, und ich habe nichts gesagt, weil ein Major nicht widerspricht, wenn sein Oberst spricht, und weil ich dachte, du seist ein Ogryn, der Angst hat. Ich habe es nie vergessen.“ Die Prothese klopfte. „Seitdem frage ich jeden Zeichen-Träger, ob einer von ihnen zählt. Keiner zählt. Du bist der Einzige, und du lagst nie falsch.“
Tobin sagte nichts.
„Wie viele Menschen sind in der Festung? Ich meine nicht die Kultisten. Die anderen.“
Da war es. Er hatte es gewusst, seit der Kanal ihm sein Herz gezeigt hatte. Die Festung von Kargstein war einmal ein Ort mit einer Stadt darum gewesen, eine Handelsstation mit Werkstätten, mit Schulen, mit Familien. Der Kult hatte sie genommen. Er hielt sie noch, in den Kellern, in den Höfen, als Schild, als Vorrat, als Nahrung für das, was in der Tiefe schlug. Frauen, Kinder, alte Männer, die niemand geholt hatte, und ihr Brot roch man durch den Schutt.
„Das kann ich nicht, Hütef“, sagte er. „Ich zähle, was ich sehe. Menschen sehe ich nicht. Ich sehe Feuer.“
„Dann sag mir, was du gesehen hast.“
Tobin schloss die Augen. Er brauchte den Druck nicht. Er hatte die Bilder im Kopf, wie er jedes Bild im Kopf hatte, das er einmal angesehen hatte, das vom Abend und das vom Morgen, die man ihm gestern gezeigt hatte, als Mourne den Kanal beschrieb. „Auf dem Bild vom Abend brennen Feuer, die auf dem Bild vom Morgen aus sind“, sagte er. „Die Feuer des Kults brennen immer, Tag und Nacht. Diese nicht. Man kocht, und dann ist es aus. Das sind Herde. Ich habe sie gezählt.“
„Wie viele?“
„Dreihundertzwanzig.“
Haldane hatte aufgehört zu schreiben.
„Kommissar“, sagte Mhorvan, ohne sich umzudrehen.
„Das Munitorum rechnet auf einen Herd in einer Fabrikgemeinde sechzehn Köpfe“, sagte Haldane. Er sagte es flach, wie einen Posten, und seine Hand schrieb, noch während er sprach. „Dreihundertzwanzig mal sechzehn. Fünftausendeinhundertzwanzig. Mit einem Fehler von hundert, in beide Richtungen.“
Es war sehr still. Draußen wurde es dunkel. Man hörte das Lager, Stimmen, Stiefel, das Klappern einer Suppenkelle, und weit hinten die Ogryn, die anfingen zu singen. Nacht kommt. Nacht bleibt.
„Wie lange bleibt uns?“, fragte Mhorvan.
„Es wird schneller“, sagte Tobin. „Im Kanal waren es elf Herzschläge zwischen zwei Schlägen. Als wir herauskamen, neun. Wenn es bei eins ist, hört es nicht mehr auf.“
„Zwei Tage“, sagte Haldane. „Nach der Rate. Der Stab hat es mir heute früh auch gesagt.“
„Und der Stab sagt: zwölf Tage, um sie herauszuholen“, sagte Mhorvan. „Es gibt keinen Weg, der breit genug ist. Die Tore sind bewacht, die Kanäle voller Infizierter.“ Er sah auf die Karte. „Und die Bombardierung braucht einen.“
Er wandte sich um. Er legte die schwarze Hand auf die Karte, über die Festung, so dass die Finger die Höfe verdeckten.
„Ich habe in der Vierten eine Regel gelernt“, sagte er. „Oberst Monn hat sie uns hinterlassen. Man beschießt nichts, in dem Zivilisten sind, bevor man sie herausgeholt hat. Ich habe sie befolgt, mein Leben lang. Vor Jahren, in einer anderen Festung, hielten sie dreitausend, und ich habe verhandelt, weil die Regel es verlangte. Ich habe Tage damit verbracht. Achthundert sind in diesen Tagen gestorben, im Keller, in der Enge, weil ich verhandelt habe, statt zu schießen. Es hat mich gelehrt, dass die Regel nicht die Menschen zählt. Sie zählt mich.“ Er atmete. „Ich brauche die Zahl, damit ich weiß, was ich tue.“
„Sie haben sie, Hütef“, sagte Tobin.
„Ich will, dass ein anderer sie hat. Dass ich sie nicht allein erfunden habe.“
Tobin sah ihn an. Er hatte Feuer gezählt, mehr nicht. Es war das Einzige, was er je getan hatte, und es hatte keine Seite. Er wusste, dass es nicht reichte, um etwas zu teilen, und dass der Oberst es trotzdem versuchte, und dass die Rechnung, die er nun in der Hand hielt, auch an Tobins Fingern hing.
„Dreihundertzwanzig Feuer“, sagte er. „Das ist meine Zahl.“
Mhorvan nickte. Es war ein langsames Nicken, ohne Erleichterung, das Nicken eines Mannes, der eine Rechnung erhalten hat. „Danke“, sagte er.
Fünftausendeinhundertzwanzig war keine Warnung mehr. Es war die Summe, die man unter ein Urteil schreibt. Tobin sah es, und er sah, dass der Oberst es auch sah.
„Kommissar“, sagte Mhorvan, ohne sich umzudrehen. „Ich brauche die Freigabe für die Artillerie. Alles, was Sie haben. Zwei Tage.“
Haldane zog das Buch zu sich heran. „Ich schreibe es auf“, sagte er, „mit der Begründung, dass die Regel von Oberst Monn in dieser Nacht gestorben ist.“ Er sagte es ohne Spott. Er schrieb es auf.
Die Bombardierung begann am nächsten Abend.
Tobin erlebte sie von einem Graben aus, drei Kilometer entfernt, mit dem Rücken an der Grabenwand und den Knien angezogen, wie die Ogryn, die um ihn saßen. Man sah nichts als einen Schein am Horizont, ein Wetterleuchten, das nie erlosch. Man hörte kaum etwas. Aber der Boden sprach. Das Klopfen kam durch die Erde, durch die Wand, durch die Zähne, in Schüben, dumpf und tief und immer neu, und jeder Schlag war eine Faust auf ein Tor, das sich nicht öffnete.
Er zählte die Einschläge. Er hatte nicht gewollt. Es waren viertausendzweihundertneunzig, bis der Morgen kam, und er wusste, dass die Zahl nichts bedeutete und mit der anderen nichts zu tun hatte, und sie fügten sich trotzdem zusammen in seinem Kopf, und dort blieben sie.
X. Der Sturm
Die Festung brannte noch, als sie sprangen.
Sie sprangen im Morgengrauen aus dreiundzwanzig Valkyries, dicht über den Mauern, in einen Himmel aus schwarzem Rauch, der von unten rot beleuchtet war. Der Wind trug Asche. Er trug den Geruch von Gebratenem und Verkohltem und von Stein, der zu lange in Feuer gestanden hatte, und der Geruch kam in die Helme, in die Münder, in die Kleider, und blieb dort. Tobin hing an seinem Grav-Chute und hörte, wie die Turbinen im Rücken sangen, und unter ihm ging die Festung auf wie eine schlecht verheilte Wunde: Höfe aus Trümmern, Mauern ohne Dächer, Türme, die abgerissen worden waren wie Zähne. Zwischen den Ruinen kroch etwas, das sich bewegte.
Vor der Ladeluke hatte Mhorvan gestanden, die orange Uniform schwarz von Ruß, als einziger Mensch zwischen den Ogryn, gut zu sehen, damit sie in der Enge den Weg zur Luke fanden. „Der erste Befehl ist der Sturz“, hatte er gesagt, wie immer, und sie hatten geantwortet: „Der zweite ist das Landen.“ Dann, nach einem Atemzug, den es sonst nicht gab, hatte er hinzugefügt: „Ich habe einen dritten gefunden.“ Er hatte nicht gesagt, welcher. Keiner hatte gefragt.
Sie landeten in einem Hof. Die Steine waren warm. Auf dem Boden lagen Menschen in der Haltung, in der sie das Feuer gefunden hatte, dicht an dicht, in Reihen, wo ein Keller eingebrochen war und die Decke von oben nachgefallen. Er zählte nicht. Es zählte in ihm, ohne dass er es wollte, und die Zahl, die es nannte, war so groß, dass er sich abwandte und den Blick auf den Rücken des Mannes vor sich richtete.
„Weiter“, sagte Mourne.
Der Kult hatte die Bombardierung überlebt. Nicht alle, nicht viele, aber die, die tief genug saßen. Sie kamen aus den Kellern und Gängen in einer Flut, und diesmal schrien sie, weil das, was sie führte, im Sterben lag und sie es spürten. Infizierte mit vier Armen. Kultisten in Kutten, die Brand an den Händen hatten und trotzdem Waffen trugen. Männer und Frauen, deren Haut sich schon veränderte. Die Grünner schlugen sie nieder. Die Lasergewehre schossen, die Bajonette stachen, die Kolben sangen, und Tobin ging mitten hindurch, den Kopf voll von dem, was die Welt ihm sagte. Er hörte den Herzschlag. Er hörte, dass er nicht mehr elf war, nicht mehr neun, sondern drei, und dass er schneller wurde.
„Hütef“, sagte er, als Mourne neben ihm auftauchte, blutig, mit dem Dolch in der Faust. „Drei. Es wird schneller.“
„Dann ist es bald“, sagte Mourne, und ging weiter. Wie lange bald war und was man bis dahin tun musste, wusste er, nicht Tobin.
Sie erreichten das innere Tor nach einer Stunde. Es war eine Doppelmauer, mit einer schmalen Einfahrt in der Mitte, hoch genug für einen Ogryn, und darin hing, eine Handbreit über dem Boden, ein Fallgatter aus Eisenstäben, so dick wie ein Arm. Dahinter lag der Innenhof mit dem Eingang zur Krypta, und in der Krypta schlug es. Die Sappe ging hindurch, mit Ladungen, mit Mourne an der Spitze und zwanzig Graubindern hinter ihm. Sie kamen bis an die Treppe. Sie legten. Es dauerte zehn Minuten, und in den zehn Minuten drängte der Kult aus den Seitenhöfen in einer Welle nach, und die Grünner, die im Innenhof gekämpft hatten, die Verwundeten, die Nachhut, die Träger, mussten sich durch die Einfahrt zurückziehen, weil nichts anderes blieb.
Es waren Hunderte. Er sah sie kommen, mit den Tragen, mit den Armen über den Schultern der Kameraden. Er sah, dass die Einfahrt eng war, und dass die Kette, die das Gatter hielt, oben in einem Zahnrad lief, und dass in dem Zahnrad jemand saß.
Es war ein Kultist, klein, verkrümmt, in einer Nische unter dem Gewölbe, mit einer Axt in der Hand. Er hob sie, und Tobin sah, was er tun würde, und war schneller als er.
Er lief. Er hatte es nie gelernt, so zu laufen, mit einem Körper, den dreißig Jahre Krieg und der Druck zerbrochen hatten, aber er lief, und er kam unter das Gatter, als die Axt die Kette traf.
Das Eisen fiel. Es fiel wie eine Faust, und er stand darunter und fing es.
Es war kein Heldentum. Er wusste es, während er es tat, und es machte ihm keine Mühe, das zu wissen. Es war nicht einmal ein Entschluss. Keiner hatte es ihm befohlen, und er hatte es auch sich selbst nicht befohlen. Seine Beine waren schneller gewesen als alles andere in ihm, wie damals im Hof, als die Binde riss. Das Gatter wog vier Tonnen, und er trug es auf dem Nacken und den Schultern und den gebeugten Armen, wie man ein Dach trägt, das man festhält, damit die Bewohner herauskommen. Seine Knie zitterten. Seine Wirbel knackten. Das war der Körper. Der Kopf war etwas anderes.
Der Kopf öffnete sich, ohne dass er ihn rief, bis zum Anschlag, weiter als je zuvor.
Die Welt ging vollständig in Sirup über. Er sah einzelne Staubkörner von der Decke rieseln, jedes für sich, in der Zeitlupe eines Traums. Er sah die Träger kommen, den ersten mit vier Mann an der Bahre, dann den zweiten, dann drei, die humpelten, dann einen, der einen anderen auf dem Rücken trug. Er sah, wie sie sich unter das Eisen duckten, obwohl sie es nicht mussten, und wie sie ihn ansahen, im Vorbeigehen, mit Gesichtern, die er kannte oder nicht kannte, und in den Gesichtern war eine Zahl. Er zählte. Er zählte alle. Es waren zweihunderteinundvierzig, die sie noch trugen, und hinter den Trägern kam der Kult.
Ein Schlag traf ihn im Rücken, von einer Klaue. Er spürte, wie die Haut aufriss, und es war ihm gleichgültig. Neben ihm stand jemand, der ein Lasergewehr abfeuerte, in Reihen, in Richtung der Welle, und er erkannte den grauen Streifen am Arm. Die Hundertsiebzehn, oder die, die geblieben waren. Sie hatten sich vor das Gatter geworfen, um ihm den Rücken zu decken. Sie standen da, alte Männer, mit den Bajonetten im Anschlag, und sie sagten nichts, und sie waren da.
Er merkte, dass ihm Blut aus den Augen lief.
Nicht aus der Nase. Aus den Augen, in zwei warmen Rinnsalen, und die Welt vor ihm färbte sich rot. Aus den Ohren, auch aus dem, das keins mehr war. Etwas in seinem Schädel bewegte sich, mit einem Knirschen, das er von innen hörte, nicht mit den Ohren: die Naht, die offene, die nie geschlossen hatte. Sie spannte sich wie ein Riemen. Er dachte, dass sie reißen würde, und dachte es ruhig, wie man denkt, dass eine Leiter bricht, auf der man steht.
Der vorletzte Mann, den er sah, war ein junger Bursche mit einem Arm, der sich mit dem anderen die Bahre eines Freundes heranzog und schrie, ohne dass Tobin ihn hörte. Er lächelte ihn an. Er wusste nicht, wieso. Der Bursche kroch unter das Gatter.
Der letzte war Mourne. Er kam aus dem Innenhof gerannt, schmal und schnell, das Zündgerät in der Faust und Blut im Gesicht, und er sah Tobin unter dem Eisen stehen, sah das Rot aus seinen Augen laufen und sah, dass er kaum noch stand. Er sagte nichts. Er hielt das Gerät hoch und zeigte mit der anderen Hand dreimal die offene Hand, kurz hintereinander, drei Hände, wie Ogryn zählen, und dann warf er sich unter das Gatter.
Es kam keiner mehr. Vor Tobins Augen stand Brokks Rücken, breit und dem Tor zugewandt, und er hielt trotzdem noch eine Sekunde.
Dann ließ er los, und im selben Augenblick packten ihn vier Hände am Gurt und zogen ihn aus der Einfahrt heraus, an den Beinen, wie man einen Toten zieht, und hinter ihm schlug das Eisen auf den Boden, dass die Steine sprangen. Er lag auf dem Rücken und sah in den Rauch. Die Hundertsiebzehn beugten sich über ihn. Einer von ihnen weinte, ein alter, breiter Ogryn, den Tobin dreißig Jahre lang in der Baracke neben sich gehabt und nie angesehen hatte, weil er es nicht ertrug. Jetzt sah er ihn. Es war ein Gesicht, das dreißig Jahre lang getragen hatte, und es weinte, weil es heute etwas hatte tragen dürfen.
„Zweihunderteinundvierzig“, sagte Tobin. Seine Zunge gehorchte ihm nicht.
„Wir haben sie“, sagte der Alte. „Wir haben sie alle.“
Unter der Erde krachte es. Er fühlte es in den Rippen und in dem Stein, auf dem er lag, eine große, tiefe Faust, die Mourne gesetzt hatte. Dann kam die Stille.
Zum ersten Mal seit dem Kanal schlug nichts.
Er lag da und hörte in sie hinein, wie in ein Zimmer, aus dem jemand ausgezogen ist. Er hörte den Wind. Er hörte die Asche fallen. Er hörte, weit weg, jemanden schreien, und jemanden, der es nicht mehr tat. Und darin, an der Stelle, wo das Herz gewesen war, hörte er es langsam wieder anfangen, leise und tief, an einem anderen Ort.
Es war sein eigenes.
XI. Die Naht
Der Feldchirurg hieß Trebbe, ein breiter Mensch mit großen Händen, die vorsichtiger waren als jede Pinzette. Er saß am Feldbett, als Tobin aufwachte, und hielt einen Lappen, der rot war, und sah ihn an, ohne zu lächeln.
„Drei Tage“, sagte er. „Sie haben drei Tage geschlafen. Haben Sie Schmerzen?“
„Klopfen“, sagte Tobin.
„Ja.“ Trebbe legte den Lappen weg. „Ich habe Ihren Schädel abgetastet, als Sie bewusstlos waren, und Sie wissen, was ich gefunden habe. Bei jedem Ogryn schließen sich die Nähte in den ersten Tagen. Bei Ihnen sind sie offen geblieben, ein ganzes Leben lang, und das Hirn darunter hat sich gedehnt, so weit es die Knochen erlauben. Das ist es, was Sie so macht. Und es ist das, was Sie umbringt.“ Er hob die Hand. „Der Druck steigt mit jedem Mal, wenn Sie so zählen. Was Sie im Tor getan haben, hat ihn in wenigen Minuten weiter getrieben als sonst in einem Jahr. Die Nähte geben nach. Es ist eine Frage von Tagen, vielleicht Wochen, bis sie reißen. Wenn sie reißen, sterben Sie, und es geht nicht schnell.“
Tobin sah an die Decke des Zelts. Sie war grau. Sie war aus Segeltuch. Er zählte die Nähte darin, aus Gewohnheit, und hörte auf.
„Man kann es aufhalten“, sagte Trebbe. „Es gibt einen Eingriff. Wir legen eine Platte über die Naht. Plaststahl, gebogen, mit Schrauben im Knochen. Sie hält den Schädel zusammen. Sie hält alles zusammen. Der Druck fällt, das Klopfen hört auf.“ Er zögerte. „Bei den Zeichen-Trägern setzt das Munitorum ein Stück Klugheit in den Kopf, genug für Namen und zehn Finger. Bei Ihnen ist der Kopf von Geburt an zu klug. Die Platte hält ihn zusammen, und sie nimmt das Zuviel. Was Sie können, wenn Sie langsam werden, bleibt nicht. Sie werden ruhig, Zeichen-Träger. Ich sage nicht dumm. Ich sage: ruhig.“
Es war lange still. Draußen sang jemand das Dunkelgebet, mit einer Stimme, die dünn war.
Das Zelt bewegte sich, und Kommissar Haldane trat ein, schmächtig, weiß behandschuht, das Glasauge glänzend im Licht der Lampe. Er blieb am Fußende des Bettes stehen und betrachtete Tobin, als betrachte er ein Blatt Papier, auf dem etwas geschrieben stand, das er schon gelesen hatte.
„Sie haben ein Gatter gehalten, das Ihnen niemand befohlen hat“, sagte er. „Ich habe es in mein Buch geschrieben. Befehlsanmaßung, Umstand glorreich, Bestrafung nicht angemessen.“ Er schwieg kurz. „Das Munitorum hat die Keller gezählt, als die Festung genommen war. Fünftausendeinhundertsiebenundzwanzig. Ihre Feuer lagen richtig.“ Er sagte es ohne Beigeschmack, und Tobin hörte es, und die Zahl legte sich zu den anderen. „Der Chirurg hat mir gesagt, was er Ihnen gesagt hat. Ich bin hier, weil es Vorschrift ist, dass ein Kommissar zugegen ist, wenn ein Soldat seiner Zurechnungsfähigkeit beraubt wird.“
„Beraubt“, sagte Tobin.
„Ich wähle das Wort mit Absicht.“ Haldane öffnete die Hände, die weißen, und die Finger waren steif wie Zweige. „Das Reglement sieht für einen Ogryn keine Wahl vor. Ich gebe Ihnen eine, weil Sie dreißig Jahre nach Vorschrift gelebt haben und weil ich es kann, und ich gebe sie Ihnen ohne Schmuck. Die Platte oder der Bolter. Die Platte lässt Sie leben, und Sie sind danach nicht mehr das, was Sie waren. Der Bolter lässt Sie sterben, ohne dass es weh tut, jetzt, ehe der Druck es tut. Beides ist eine Gnade. Ich weiß nicht, welche die größere ist.“
Tobin sah ihn an. Er sah in das eine Auge, das lebte, und in das andere, das Glas war, und er erkannte, dass es dem Mann nicht gleichgültig war. Es war die Höflichkeit eines Menschen, der oft entscheiden muss, wer geht und wer bleibt, und der sie sich abverlangt.
„Sie sind Ogryn“, sagte Haldane leise. „Das bedeutet, dass Sie gelöscht werden können. Das ist keine Drohung, sondern eine Tatsache. Ich frage, ob Sie bereit sind, gelöscht zu werden.“
„Die Platte“, sagte Tobin.
Haldane nickte. Er schien nicht überrascht. „Aus Todesangst?“
„Nein.“ Tobin suchte nach den Worten. Es fiel ihm schwer, und er wusste, dass es ihm nicht mehr lange schwer fallen würde. Es waren Zahlen, die dort standen, statt der Wörter. „Es hört nicht auf. Sechshunderteinundvierzig. Zweihunderteinundvierzig. Fünftausendeinhundertsiebenundzwanzig. Ich habe sie nicht gewollt. Sie kommen. Jede Nacht sagen sie sich auf. Ich will, dass es leise wird.“
„Das ist ein Grund“, sagte Haldane.
„Es ist der einzige.“
Der Kommissar sah ihn noch einen Augenblick an, dann neigte er den Kopf, zum ersten Mal, und sagte: „Ich schreibe es auf“, und ging.
Leutnant Mourne kam am Abend, ohne sich anzumelden. Er stand im Zelteingang, schmal, mit einem Verband um die Hand, und wusste nicht, wohin er sehen sollte.
„Ich habe gehört, was Sie gewählt haben.“
„Ja.“
„Sie hätten den Bolter nehmen können.“
„Dann hätte es aufgehört“, sagte Tobin. „Ich möchte, dass es leise ist, nicht, dass es ganz weg ist.“
Er griff in den Stiefel, den man ihm nicht ausgezogen hatte. Da lag sie, wo sie immer lag: die Nadel aus Knochen, gelb vom Alter, so lang wie ein Finger. Er hielt sie Mourne hin. Der Leutnant nahm sie nicht.
„Was ist das?“
„Damit näht man eine Binde. Aus grauem Leinen, eng um den Kopf. Damit die Platten zusammenfinden, wenn sie wollen. Und damit kein Daumen die Stelle findet, wenn sie nicht wollen.“ Tobin legte ihm die Nadel in die Hand und schloss ihm die Finger darum. Er wusste, wessen Sohn der Leutnant war. Es sprach sich herum bei Leuten, die nichts anderes zu bereden hatten. „Sie kennen den Daumen. Wenn Sie einmal einen finden, dessen Naht offen ist, nähen Sie ihm eine Binde. Und wenn einer drückt, sagen Sie: fest.“
Mourne sagte nichts. Er hatte das schmale Gesicht gesenkt, und Tobin sah, wie sich in seinem Nacken etwas bewegte, eine Ader, die schlug.
„Fest“, sagte er schließlich, leise, wie man ein Wort ausprobiert, das man noch nie gebraucht hat.
Am Morgen kam Trebbe mit der Schale und den Schrauben. Sie legten ihn auf den Bauch, das Gesicht in ein Polster aus Leder, und er hörte, wie die Instrumente auf Metall klirrten, und das Klirren war beruhigend.
„Zählen Sie rückwärts“, sagte Trebbe. „Von zehn. Das hilft.“
„Zehn“, sagte Tobin. Er lächelte in das Leder. Es war lange her, dass ihn jemand um eine Zahl gebeten hatte, die nichts kostete.
„Neun.“
„Acht.“
„Sieben.“
Er hörte das Klopfen. Es war weit weg, und es wurde langsamer. Es war wie damals im Fluss, wenn Gessa ihn unter Wasser hielt und das Hämmern nachließ und die Stimmen dünner wurden, und er wusste, dass er nicht sterben würde und dass er trotzdem etwas verlor, und er war froh.
„Sechs.“
„Fünf.“
„Vier.“
Er dachte an Gessa, von der ihm nur die Breite geblieben war, und an Brokks Rücken. Er dachte an den Stein, den er auf die Grube gelegt hatte. Ein Stein.
„Drei.“
Er wusste nicht mehr, was danach kam.
XII. Nachtgebet
Die Suppe war gut.
Tobin aß sie langsam. Er hielt den Löffel in der rechten Hand, und die Hand zitterte nicht. Sie lag ruhig auf dem Holz des Tisches, breit und warm. Er sah sie an und freute sich daran.
Es war Abend in der Baracke. Der Regen fiel auf das Blechdach. Er trommelte, und Tobin hörte gern zu. Zwölf Mann saßen am Tisch, junge, laute, mit Bart und ohne. Bei der Suppe sprach keiner, so war es auf Grünn Brauch, und nur das Kratzen der Löffel füllte den Raum. Danach lösten sich die Zungen. Sie stritten um das Brot. Einer lachte. Einer schlug mit der Faust auf das Holz, und die Löffel sprangen, und alle lachten, und Tobin lachte mit.
„Türmann“, sagte ein Junge mit Sommersprossen. „Wie viele waren wir? Damals, auf Thorin?“
Tobin dachte nach. Er dachte gern nach, jetzt, es ging leicht. Es ging wie Wasser, das man aus einem Eimer gießt. Er legte den Löffel hin und sah auf seine Finger.
„Viele“, sagte er.
„Aber wie viele?“
„Viele.“ Er lächelte. „Sehr viele.“
Der Junge zuckte die Schultern und aß weiter. Die anderen sahen sich an, und einer sagte leise etwas. Tobin hörte es nicht, oder er hörte es und vergaß es sofort. Es machte ihm nichts. Sie waren nett zu ihm. Sie brachten ihm Brot und den Rest aus dem Topf. Sie klopften ihm auf die Schulter und sagten Tobin, und nicht mehr Türmann, und er fand, dass das ein schöner Name war. Er klang wie ein Stein, der ins Wasser fällt.
Das Zeichen mit dem Stern trug jetzt einer der Jungen. Es lehnte neben der Tür, und Tobin sah es manchmal an, und es war ein hübsches Blech.
Unter seiner Mütze saß die Platte, kühl und glatt. Er tastete manchmal danach. Sie war fest. Kein Daumen würde etwas finden.
Nach dem Essen wurde es dunkel. Sie räumten den Tisch ab. Draußen im Regen zog jemand die Lampen auf, und die Baracke wurde gelb und warm, und einer fing an zu singen. Es war das Dunkelgebet. Er kannte es. Er kannte es besser als alles andere, und er sang mit, tief und leise, und die anderen sangen, und der Raum war voll davon.
Nacht kommt.
Nacht bleibt.
Nacht geht nicht.
Ich bleibe.
Am Ende der Bank saß Leutnant Mourne, der einzige Mensch an diesem Tisch, schmal und still. Er saß da wie immer, ohne zu singen. Unter dem Rand des Helms, den er nie ablegte, sah man jetzt einen grauen Streifen. Er sah Tobin an, lange, und Tobin nickte ihm freundlich zu, und der Leutnant senkte den Kopf. Tobin fand es merkwürdig. Er wusste nicht, warum. Es war ihm bald wieder entfallen.
Später gingen sie schlafen. Er lag auf seiner Pritsche und hörte dem Regen zu, und der Regen sagte nichts. Es war still im Kopf. Er hatte nie gewusst, dass es so still sein konnte. Er dachte an nichts. Vor dem Fenster war es dunkel, und irgendwo in der Dunkelheit war ein Fluss, und eine alte Frau, die ihm den Kopf hielt. Das Bild war weit weg. Er streckte die Hand danach aus und griff daneben, und es war gut.
Da klopfte es an die Tür.
Es klopfte nicht laut. Es klopfte dreimal, mit der flachen Hand, ruhig, und dann eine Pause, und dann noch einmal. Er hörte es und wusste, dass er es früher gezählt hätte. Er hätte gewusst, wie oft, und wer, und warum. Er lag da und hörte zu. Es machte ihm keine Angst. Es klang wie etwas, das er kannte, wie ein Freund an einer Tür.
Er stand auf.
Der Boden war kalt unter den Füßen. Er ging durch den Raum, an den schlafenden Männern vorbei, mit den breiten Schultern, die sich im Schlaf hoben und senkten. Die Tür war aus Holz. Der Riegel war schwer, und er schob ihn zurück, ohne Mühe, und der Regen kam herein, und mit dem Regen die Nacht.
Er zählte nicht mehr. Er lächelte, und er machte auf.
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