Brendeck
Astra Militarum (1. Askerholder Stadtpanzerregiment, „Die Städte“; 27. Karrenfelder Schützen, Dritte Kompanie) Orks
Schauplatz: Svartholm
„Wir stehen. Wir haben nichts, wohin wir sonst stehen könnten.“
Funkspruch Brendeck an den Rat der Städte, Svartholm, Eisfeld, 952.M41
I. Zugeteilt
FUNKSPRUCH · Brendeck an Rat der Städte · Svartholm, Eisfeld, 952.M41
„Wir stehen. Wir haben nichts, wohin wir sonst stehen könnten.“
Aufgezeichnet im Ratsbuch am Tag der Schlacht, Gegenstelle: der Landammann.
Hajo Brüning spürte seine Zehen seit drei Tagen nicht mehr, und er hielt das für ein gutes Zeichen, solange sie nicht wehtaten.
Das Zelt der Dritten Kompanie stand am Ufer der Eisbucht, in einer Mulde, die der Wind nicht ganz erreichte. Zwölf Mann schliefen in Mänteln um einen Ofen, der mehr roch als wärmte, nach nassem Wolltuch und verbranntem Fett. Brüning lag am Eingang, wo die Plane im Luftzug atmete. Sein linkes Ohr war vor zwei Wintern erfroren und nie wieder ganz warm geworden. Es pochte jetzt im Takt seines Pulses, und er lag da und zählte mit.
Feldwebel Pfaff kam kurz nach der Abendsuppe herein, mit Schnee auf den Schultern und einem Blatt in der Faust. Er war ein kahler, schwerer Mann, der auf einem Streichholz kaute, wenn er nachdachte, und er kaute jetzt. „Antreten vor dem Zelt. Der Hauptmann liest.“
Sie standen im Dunkeln, in zwei Gliedern, die Atemwolken über den Köpfen wie ein zweites Regiment. Hauptmann Rindt hielt das Blatt dicht vor die Brille, die im Frost beschlug und die er alle paar Zeilen mit dem Daumen freiwischte.
Sie waren seit sieben Wochen auf Svartholm. Bei der Landung waren sie einhundertachtundzwanzig gewesen, und die Orks, die über das Eis kamen, wenn der Wind drehte, hatten sechzehn davon geholt, fast jeden dritten Tag einen, ohne Eile und ohne Rücksicht auf den Zeitplan der Karrenfelder. Brüning hatte gelernt, die Orks zu hören, bevor man sie sah: ein dumpfes Schlagen auf Blech, das aus dem weißen Nichts kam, und dann die Stimmen, tief und gleichzeitig, wie ein Stadion bei einem Spiel, das man nicht gewinnen konnte. Er hatte nie einen Namen für sie gelernt, nur das Wort, das alle benutzten.
Rindt las ohne Betonung. Er las, dass die Dritte Kompanie der 27. Karrenfelder Schützen, einhundertzwölf Mann, ab sofort dem 1. Askerholder Stadtpanzerregiment zugeteilt sei, auf Probe, bis über die Zusammenlegung des Verbands entschieden werde. Dann faltete er das Blatt und steckte es in den Mantel.
„Auf Probe wen?“, sagte jemand in der zweiten Reihe.
„Das steht nicht da“, sagte Rindt.
Sie schwiegen. Brüning sah Dohl an, der neben ihm stand und mit den Füßen trat, um warm zu bleiben, ein langer, weißblonder Junge aus dem Nachbardorf, der schon als Kind jede Geschichte besser erzählt hatte als sie war. Dohl grinste, mit den Lippen und nicht mit den Augen. „Die Städte“, sagte er leise. „Mein Vetter hat bei denen gelegen, auf Brakkis, drei Wochen.“
„Und?“
„Die haben Kinder in den Panzern.“
„Jeder hat Kinder.“
„In den Panzern, hab ich gesagt. Mit Schulbänken.“ Dohl hob die Schultern. „Und sie haben keine Welt mehr, nur den Rest. Zwölf Städte waren es, und jetzt sind es neun, und eine Stadt ist ein Panzer. Mein Vetter sagt, wenn die auf der Straße kommen, steht man auf.“
„Wer steht auf?“
„Alle. Auch Majore.“
„Das sagt dein Vetter.“
„Das sagt er.“
Brüning hatte einmal auf einem Verladebahnhof einen Kommandostab vorbeifahren sehen, einen Generalmajor in offenem Wagen, und keiner hatte sich gerührt, außer um die Hand zur Mütze zu heben, weil man es musste. Aufstehen aus freien Stücken hatte er nur gesehen, wenn ein Brand ausbrach. Er sagte nichts mehr. Er trat von einem Fuß auf den anderen, und das Pochen im Ohr hielt ihn bei der Sache.
Der Hauptmann entließ sie mit einer Handbewegung. An der Zeltklappe, als er dachte, dass es niemand hörte, sagte er zu Pfaff: „Auf Probe heißt, dass einer zusieht und mitschreibt. Fragen Sie sich, wer.“ Pfaff antwortete nicht, er kaute. Sie gingen zurück in das Zelt, in die stinkende Wärme, und legten sich wieder um den Ofen. Pfaff stopfte noch ein Stück Holz nach und stellte die Klappe schief, damit es zog. „Morgen bei Tagesanbruch abmarschieren“, sagte er, ohne jemand anzusehen. „Mit allem. Die Stiefel von der Wand, Brüning, sonst friert dir das Leder.“
Brüning nahm sie von der Wand. Er wickelte die Fußlappen neu, einen nach dem anderen, trocken auf die Haut, so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte, damals, als der Winter in Karrenfeld noch das Schlimmste war, was es auf der Welt gab. Dann legte er sich hin, den Kopf auf den Tornister, und sah im Ofenschein den Rauch an der Zeltspitze entlangkriechen.
Er schlief schlecht. Das Eis sang, wie es die ganze Nacht gesungen hatte, ein tiefes Knacken weit draußen, das durch die Zeltplane in den Boden und von dort in die Knochen ging. Dohl redete im Schlaf von einem Hund. Einmal fiel jemand über die Ofenstange, fluchte und legte sich wieder hin.
Als es grau wurde, standen sie auf, hustend, mit steifen Kiefern, und aßen kalten Zwieback, den sie in Tee tauchten. Draußen sah man die Bucht, eine graue Fläche bis zum Rand der Welt, ohne Wellen und ohne Schatten, und weit drüben, auf der anderen Seite des Eises, eine Reihe dunkler Hügel, die nicht dort gewesen waren, als es dunkel wurde. Brüning kniff die Augen zusammen. Die Hügel hatten Kanten.
„Das sind sie“, sagte Pfaff neben ihm. Er kaute.
Dann ging die Sonne auf. Sie kam rötlich und flach über den Rand der Eisfläche, ohne Wärme, und warf die Schatten der Zelte zwei Dutzend Schritt lang über den Schnee. In diesem Augenblick schlug über dem Eis eine Glocke.
Er hörte sie zuerst im Ohr, dem kranken, dann im Brustbein. Ein heller Ton, kurz, mit einem leisen Schnarren im Ausklang, wie von einem Gegenstand, der einmal einen Riss bekommen hatte. Es blieb eine Pause, in der Dohl den Mund aufmachte und wieder schloss. Dann die zweite, ein wenig tiefer. Die dritte. Er zählte sie, ohne es zu wollen, an den Fingern der Hand, in der die Teetasse zitterte, und als er bei der Letzten angekommen war, so tief, dass der Deckel seiner Feldflasche auf dem Zeltseil zu summen begann, hatte er die ganze Hand gebraucht und noch vier Finger der anderen.
„Neun“, sagte er.
„Das sind die“, sagte Pfaff noch einmal, und diesmal hörte Brüning etwas darin, das er nicht kannte, eine Art von Respekt, den der Feldwebel nicht gewohnt war aufzubringen und der ihn offenbar verlegen machte. Er spuckte das Streichholz in den Schnee.
II. Die Kolonne
ZUTEILUNG AUF PROBE · Departmento Munitorum, Sektion Verbandsstärke · Die Dritte Kompanie der 27. Karrenfelder Schützen wird dem 1. Askerholder Stadtpanzerregiment zugeteilt, bis über die Zusammenlegung entschieden ist.
AUSLEIHE · Ratsbuch der Städte · Die Dritte der Karrenfelder wird der Zunft von Brendeck geliehen, für die Schlacht, und kommt zurück.
Der Boden kam zuerst.
Sie warteten an einer Kreuzung, wo die Eispiste von der Küste auf die Straße über die Hochebene stieß, ein Mast mit einer Lampe und vier Stangen im Schnee. Dort lagerte schon, was an diesem Tag unterwegs war: ein Versorgungszug mit abgestellten Motoren, eine Gruppe Pioniere, die auf Kisten saßen und aus Blechbechern tranken, ein Mörserzug mit rauchenden Pfeifen. Brüning stand mit der Kompanie am Rand, den Tornister zwischen den Füßen. Der Tee in seinem Becher bekam Ringe, erst feine, dann groben Wellengang. Dohl ließ die Zähne aufeinanderschlagen, um zu prüfen, ob es an ihm lag.
Dann hörte man es, tief, langsam, ein Mahlen und Schieben von Eisen auf Eis, und über der Hochebene stieg Dampf auf, in einer Reihe, wie von einem Dutzend Schornsteinen.
Das erste, was er sah, war die Zunft. Männer und Frauen in grauen Jacken, zu dritt und zu viert um schwere Waffen, die auf Schultern getragen wurden, in zwei Reihen links und rechts der Straße. Sie gingen im Gleichschritt, und sie sahen nicht auf. Dahinter kamen die Panzer. Er hatte Leman Russ gesehen, bei Brakkis in einer Batterie, und er wusste, wie sie aus der Nähe wirkten, wie ein hingestelltes Haus. Diese hier waren in Vierergruppen geordnet, mit gleichem Abstand, und sie hielten ihn, ohne dass jemand schrie oder ein Zeichen gab, als wäre das Fahrwerk selbst für diesen Gleichschritt gebaut. Dann kam das erste der anderen Fahrzeuge.
Es war höher als der Kirchturm von Karrenfeld, und es bewegte sich. Er wusste, dass es ein Fahrzeug war. Er sagte es sich, mit den Worten, die man ihm beigebracht hatte, superschwer, Kette, Kanone, und die Worte hielten nicht. Auf dem Heck des Rumpfes saß ein Aufbau mit Luken, in einer Luke leuchtete eine Lampe, in einer anderen hing Wäsche, und an der Rückwand baumelte an einem Eisenbock etwas Rundes und Dunkles, das sich im Gehen der Kette bewegte und nicht klang.
Er merkte nicht, wann die Pioniere aufstanden.
Der Erste war ein Gefreiter mit einem Becher in der Hand. Er stand auf, ohne sich umzusehen, und stellte den Becher nicht ab. Der Zweite stand neben ihm, dann die ganze Gruppe, ohne Wort, ohne Befehl, ohne dass einer den anderen angesehen hätte. Die Mörserleute nahmen die Pfeifen aus dem Mund. Ein Major des Versorgungszuges, ein runder Mann mit Pelzkragen, kam aus dem Führerhaus und hielt sich am Türrahmen fest, die Mütze im Nacken. Er stand ebenfalls.
Und Brüning stand. Er stand schon, bevor er wusste, dass er stand, die Hände an den Hosennähten, den Tee in der linken Faust, als wäre er für diesen Augenblick bestellt worden. Seine Knie hatten es entschieden. Er sah an sich hinunter und dann nach rechts: Dohl stand mit offenem Mund, kreideweiß, und hinter ihm Pfaff, der als Letzter aufgestanden war und noch immer so aussah, als überlege er es sich.
„Alle“, flüsterte Dohl. „Auch Majore.“
Niemand von den Städten sah zu ihnen herüber. Die Zunft marschierte weiter, die Augen geradeaus, und auf den Rathäusern, wie sie die Weibel später nannten, saßen Kinder an den Luken, einer mit einem Löffel im Mund, eine andere mit einem Heft auf den Knien, und keines winkte. Neun Rümpfe zogen vorbei, einer nach dem anderen, in den langsamen Abständen eines Uhrwerks, und jedes Mal, wenn einer an der Kreuzung vorüber war, bückte sich einer der Stehenden, um den Becher aufzuheben, den er nicht abgestellt hatte.
Zuletzt kamen die Wagen. Es waren Planenwagen auf Ketten, einer hinter dem anderen, und aus den Heckluken sahen Gesichter, Frauen, die Wäschekörbe hielten, ein Alter mit einer Pfeife, ein Junge, der eine Henne trug, die nicht wollte. Zwischen den Wagen ging ein einzelner Mann in grauer Jacke, klein, zäh, mit einem grauen Bart, der aussah, als wäre er in der Kälte stehen geblieben. Als er die Karrenfelder sah, blieb er stehen.
„Karrenfelder?“
„Dritte Kompanie, siebenundzwanzigste Schützen“, sagte Hauptmann Rindt. „Zugeteilt.“
„Rüegg. Weibel von Brendeck, Zunft.“ Der Mann hob die Hand an die Mütze, flach, so wie man es in Karrenfeld nicht tat. „Ihr seid geliehen. Fallt hinten ein, bei den Bänken von Brendeck. Ihr kommt zurück.“
„Zugeteilt“, sagte Rindt noch einmal.
„Wie Sie wollen.“ Rüegg zuckte nicht. „Bei uns heißt es geliehen.“
Sie marschierten drei Tage hinter den Wagen. Brüning lernte, was er nicht sehen sollte und doch sah: Die Küche lief mit. Eine Frau mit einem Kessel auf dem Rücken, in dem etwas blubberte, ging neben der Zunft her und füllte im Gehen Blechschalen, die ihr entgegengehalten wurden. Ein Mädchen, vielleicht acht, trug einem Gefreiten die Wasserflasche und hatte sich offenbar entschieden, ihn zu adoptieren. Am Rand der Straße blieb alle zwei Stunden ein Wagen stehen, und Kinder sprangen heraus, rannten bis zu den ersten Büschen, kamen zurück, und der Wagen fuhr wieder.
Am Abend des vierten Tages lagerten sie an der Bucht. Die Rathäuser standen in einer Reihe am Ufer, mit den Heckwänden zum Eis, und an jedem hing die Glocke im Eisenbock. Brüning ging an den Fahrzeugen vorbei, um sich die Beine zu vertreten, und blieb vor dem ersten stehen, auf dessen Siegel eine Mauerkrone und ein Name standen. Die Glocke an seinem Heck war nicht größer als ein Wassereimer. Auf ihrer Flanke war ein heller Fleck, blank wie ein abgelaufener Absatz, dort, wo die Hände sie berührten.
Man nannte sie Salzkrautsuppe, und es war keins darin. „Alte Rezeptur“, sagte der Junge neben ihm am Feuer, ein Rotschopf mit Händen wie Spaten, Wassmer, Bürger von Brendeck, zwanzig. „Das Kraut gab es auf Askerhold, am Salzsee, und es ist längst alle. Wir nehmen Tang von hier. Schmeckt wie nichts von dem, was es war.“
„Woher weißt du, dass es nicht schmeckt wie das Original?“
Wassmer grinste, als hätte man ihn erwischt. „Weiß ich nicht“, sagte er. „Meine Mutter sagt es. Ihre Mutter hat es von ihrer Mutter, und die irgendwann vom Kraut.“
Nach dem Essen trat die Stadt vor das letzte der Rathäuser. Brüning stand mit den Karrenfeldern hinten, weil Rindt es so wollte, und hörte einen Mann sprechen, ruhig, mit langen Pausen, drei Namen, die er nicht kannte, und dann sagten alle zugleich ein Wort, das er auch nicht verstand. Es waren mehrere Tausend. Sie gingen danach auseinander wie nach einem Appell. „Das machen sie jeden Abend“, sagte Pfaff, der das Streichholz im Mund drehte. „Nicht unser Problem.“
Aus dem Heck des Rathauses von Brendeck drang eine Stimme, die einen Satz sprach, und viele sprachen ihn nach. Sieben mal sieben, neunundvierzig. Sieben mal acht, sechsundfünfzig. Die Kinder sagten die Reihe im Dunkeln, unter einem gewölbten Dach, hinter einer Luke mit einer Lampe, und es klang, als zählten sie etwas, das ihnen gehörte.
III. Eisfeld
SCHULHEFT · Klasse drei, Brendeck · Aufsatz: Was ich beim Umzug mitnehme
„Den Löffel und die Mütze und das Heft. Die Glocke nehme ich nicht mit, die trägt das Rathaus.“
Darunter, in roter Tinte: Gut. Nächstes Mal in ganzen Sätzen.
Am Morgen des fünften Tages schlugen die Glocken wieder, neun, und Brüning zählte sie mit der Hand an der Feldflasche, ohne dass er es sich vorgenommen hätte. Der erste Ton war hell. Der letzte ging ihm in die Zähne.
Dann zogen sie auf das Eis.
Es trug. Rüegg hatte es ihm am Abend gesagt, kurz und ohne Zusatz, zwei Meter dick und seit Monaten gefroren, und Brüning hatte genickt und nicht geglaubt, bis die Rathäuser darauf standen. Sie schoben sich nacheinander hinaus, und das Eis gab keinen Laut, nur einen Atem, tief unter den Ketten, ein Ziehen wie von einer Last, die jemand verlagert. Brendeck bezog die Mitte. Seine vier Viertel gingen links und rechts davon in Stellung, zehn Leman Russ, die sich im Schnee eingruben und nur Rohr und Turm zeigten, und die Zunft schloss hinter ihnen einen Ring um das Rathaus, Bank neben Bank, mit den Waffen auf Dreibeinen, die Läufe nach Westen.
Der Tross zog ab. Brüning sah es aus dem Augenwinkel, während er Munitionsgurte aus einer Kiste hob und Wassmer reichte, der die schwere Waffe der dritten Bank bediente. Die Planenwagen drehten auf dem Ufer in einer Reihe, die Kinder wurden von Armen in die Luken gehoben, der Alte mit der Pfeife saß schon oben, und die Wagen rollten die Hochebene hinauf, ohne Hast, in der Ordnung, in der sie gekommen waren. Nur die Frau mit dem Kessel ging nicht mit. Sie trug ihn die Leiter am Heck des Rathauses hinauf, mit beiden Armen, und verschwand in der Luke, und hinter ihr stiegen zwei Männer mit einer Trage, auf der ein Junge lag, der zu klein war, um zu wissen, was man mit ihm machte. Die Luke schloss sich nicht. Man ließ sie offen, damit es zog.
„Tross zieht um“, sagte Rüegg zu niemandem. Er sagte es ohne Gefühl, als zähle er Stiefel.
Um die Mittagszeit hörten sie die Trommeln.
Sie kamen vom anderen Ufer, ein Schlagen auf Blech, langsam und mit Lücken, und dann dichter, bis es kein Takt mehr war und nur noch eine Fläche aus Lärm. Das Eis gab sie weiter. Brüning spürte sie in den Sohlen, im Gürtel und im kranken Ohr, und er hatte sie schon oft gespürt, auf Svartholm, und noch nie so viele. Am Rand der Welt lag ein dunkler Streifen, der nicht still blieb.
„Waaagh“, sagte Wassmer leise, als sagte er den Namen eines Hundes, und lächelte nicht.
Sie kamen in einer Linie, so breit, dass Brüning ihre Enden nicht sah. Zuerst die Fahrzeuge, Trukks mit Kufen statt Rädern, aus Blech und Seilen zusammengeschweißt, mit Aufbauten aus Eisenplatten und Fellen, und auf ihnen standen die Orks, groß und grün und dicht wie Weizen, mit Waffen, die sie festhielten, als könnten sie ihnen entgleiten. Dahinter liefen die anderen. Hunderte. Er hörte sie jetzt einzeln, ein Brüllen, das wie ein Lachen klang, und er dachte an nichts. Er hielt einen Gurt in beiden Händen und wartete, dass jemand etwas sagte.
„Feuer“, sagte Rüegg.
Er brüllte es nicht. Er sagte es, wie man eine Tür öffnet. Dann sprachen die Waffen.
Brüning hatte schon geschossen, oft, mit dem Lasergewehr, und es hatte sich immer wie Arbeit angefühlt, trocken und genau. Das hier fühlte sich an wie ein Schlag auf die Brust, der nicht aufhörte. Das Rathaus über ihm gab einen Stoß, und der Schnee sprang vom Rumpf. Die Hauptkanone sprach, und die Luft wurde fest. Er presste die Hand auf das gesunde Ohr, und das andere pochte von selbst. Wassmer schoss, kurz, in Stößen, mit dem Gesicht eines Mannes, der Wäsche aufhängt. Der Lauf rauchte weiß, dann rot, und Brüning lud nach, ohne zu zählen, den Gurt über die Schulter, den Deckel auf, den Hebel durch, so wie sie es ihm in zwei Minuten gezeigt hatten.
Vor ihnen lösten sich die Viertel aus dem Schnee. Zwei, drei Panzer fuhren los, nicht alle, immer nur ein Viertel zugleich, schräg über das Eis auf die Flanke der Orklinie, und die Zunft sprach lauter, um ihnen den Rücken zu decken. Er sah, wie ein Trukk platzte. Er sah einen Ork mit weit aufgerissenem Maul im Sprung zerreißen. Die Panzer fuhren in die Lücke, die entstand, und die Lücke schloss sich, und aus dem Rauch kamen keine Panzer mehr zurück, nur der Schall.
„Drei“, sagte Rüegg neben ihm. Er hatte die Hand hochgehalten und zählte mit den Fingern, die Augen halb zu. „Drei.“
Die Orks erreichten den Ring.
Brüning sah sie als Schatten, dann als Gesichter, dann als einen Haufen. Einer sprang auf die Dreibeine der zweiten Bank, und die Waffe ging unter ihm weg wie ein Tisch, auf den jemand sprang. Er hörte Metall auf Metall. Neben ihm stieß Wassmer den Lauf nach vorn, ohne zu schießen, wie man einen Besen stößt, und etwas Großes fiel zurück. Dann sah er Dohl.
Dohl stand vor der Linie der Karrenfelder, zehn Schritt links, mit dem Gewehr an der Hüfte, und schoss auf einen, der schon bei ihm war. Er schoss auf Armlänge. Er schrie etwas, das Brüning nicht hörte, und Brüning wusste doch, was es war, weil es das Einzige war, was Dohl je gesagt hatte, wenn er Angst hatte: Alle, auch Majore. Dann war der Ork über ihm, und das Gewehr fiel, mit dem Kolben nach oben, in den Schnee.
Er wollte hinlaufen. Er hatte schon einen Fuß vorgesetzt, da riss Rüegg ihn am Kragen zurück, hart, und sagte nichts, und Brüning blieb stehen. Danach war nur noch Lärm.
Es endete, wie es begann, ohne dass er eine Stelle fand, an der es gewesen wäre. Die Trommeln wurden langsamer. Die Rufe wurden Einzelstimmen. Die Orklinie, was von ihr übrig war, zog sich auf das Eis zurück, in Haufen, über Leichen und brennende Fahrzeuge, und über der Fläche stand eine Wand aus schwarzem Rauch, in der man hörte, wie es knisterte. Die Viertel kamen zurück, langsam, einzeln, mit angesengtem Lack. Rüegg zählte sie, wieder mit den Fingern, und hielt den Daumen nach unten, als er fertig war. „Sieben.“
Brüning nahm die Hand vom Ohr. Er sah sie an, als gehörte sie jemand anderem. Aus der offenen Heckluke des Rathauses kam Dampf, warm und fett, ein Geruch nach Zwiebeln, und in der Luke stand die Frau mit dem Kessel und füllte, mit einer Kelle, Blechschalen, die ihr aus der Zunft entgegengehalten wurden, als sei der Tag nichts weiter als ein Mittagessen, das später kam.
IV. Das Rathaus
ZÄHLBOGEN · Küche der Stadt Brendeck · Tag der Schlacht
Esser am Morgen: 419. Esser am Mittag: 219. Esser am Abend: kein Eintrag.
Die zweite Welle kam am frühen Nachmittag, und sie kam still.
Keine Trommeln. Brüning lag hinter der Kiste, den Kopf unter dem Rand, und merkte erst an Wassmers Schweigen, dass etwas fehlte. Die Fläche vor ihnen war leer bis zum Rauchvorhang, in dem es glomm, und aus dem Rauch schob sich ein Schatten. Er hielt ihn zuerst für ein Stück Küste, das sich losgerissen hatte.
Es war ein Schiff. Oder es war einmal eins gewesen, ein Eisbrecher oder der Rumpf davon, schwarz, gewölbt, mit einem Bug aus Stahlplatten, zwei Männer hoch, und die Orks hatten ihm Kufen angeschweißt und Schornsteine und über die ganze Länge einen Zaun aus Haken. Es glitt, ohne sich zu beeilen, über das Eis, und hinter ihm lief dicht und still eine Masse, die nicht schrie. Brüning hörte nur das Kreischen des Stahls.
„Brendeck an Rat der Städte“, sagte neben ihm das Funkgerät.
Der Karrenfelder Funker hockte zwei Schritt weiter, die Kopfhörer um den Hals, und hatte den Lautsprecher laut gedreht, weil der Hauptmann es verlangte. Seit dem Morgen hing die Kompanie am Netz der Städte, und es war das erste Mal, dass dort eine Stimme sprach, die nicht Zahlen sagte. Sie war ruhig. Es war die Stimme einer Frau, nicht mehr jung, und sie sprach langsam, mit Pausen, in denen etwas rauschte.
„Wir stehen. Wir haben nichts —“
Dann rauschte es lauter, und Brüning hörte den Rest nicht, weil in diesem Augenblick das Rathaus feuerte. Die Kanone hustete, und eine Flamme sprang aus dem Rohr, die so lang war wie ein Haus. Der Schnee auf dem Rumpf stob in einem Stück davon. Das Schiff am Rand der Welt ruckte, und in seinem Bug blitzte eine Naht auf, eine helle Linie in der Platte, aber es kam weiter.
Die Viertel fuhren los. Alle vier, diesmal zugleich, mit schwarzem Atem aus den Auspuffen, die sieben Panzer von Brendeck in einer Linie schräg auf das Schiff zu, und die Zunft schoss, bis der Lauf der Waffe vor Brüning blau wurde. Er sah, wie ein Panzer unter dem Bug verschwand, als hätte jemand eine Hand darübergelegt. Einen zweiten sah er brennen, mit der Luke offen, aus der niemand kam. Er sah den dritten stehen bleiben und weiter schießen, und er schoss, bis der Rauch ihn schluckte. Es dauerte nicht lange. Von sieben fuhren zwei zurück.
Das Schiff erreichte das Rathaus.
Brüning hatte nicht gewusst, dass ein Laut so tief sein konnte, dass man ihn mit dem Magen hörte. Der Bug hob sich, dann schob er sich unter die Wanne des Stadtpanzers, mit einem Geräusch wie ein ganzes Dach, das einstürzt, und das Rathaus stieg vorn an, so hoch, dass die Ketten vom Eis kamen, und fiel zurück. Aus dem Schiff schoss etwas, weiß und dann orange, und im selben Atemzug stand das Rathaus in Flammen. Es brannte von der Wanne an, in einer Wand aus Öl, die über den Rumpf lief und an den Seiten herunterfloss wie ein Vorhang.
Die Kanone schoss noch einmal.
Dann öffnete sich die Kommandantenluke im Turm. Eine Frau stieg aus, Mitte fünfzig, mit einer Lederkappe und breiten Händen, und sie legte beide Hände flach auf den Rand der Luke, als lege sie sie auf einen Tisch. Sie sah über das Eis, über die Zunft, über die Viertel, die zurückkamen oder nicht, und ihr Blick ging nicht lange, nur bis zum Heck. Sie sagte etwas, und es war nicht für die Kanone.
Brüning sah es zum ersten Mal richtig, weil er hinsah, ohne zu wissen, warum. Aus der Heckluke kamen Menschen. Die Frau mit dem Kessel, ohne Kessel, mit einer Kelle in der Faust. Ein Alter mit einem Verband um den Kopf. Zwei Männer mit einer Trage, auf der niemand mehr lag, dann eine junge Frau mit einem Kind im Arm, das schrie. Sie kamen die Leiter herunter, einer nach dem anderen, und es waren mehr, als er geglaubt hatte, dass in diesen Raum passten. Dann klemmte etwas. Die Luke ruckte, ein Eisenstück bog sich im Rahmen, und der Rumpf neigte sich nach hinten, der Boden unter dem Heck schien sich zu senken, und niemand kam mehr.
„Ambros!“, rief die Frau von oben.
Rüegg lief. Er lief zum Heck, den Kopf eingezogen, und riss an der Luke, mit beiden Händen, mit dem Fuß gegen die Wand gestemmt. Zwei Zunftmänner kamen dazu, mit einem Brecheisen. Es gab ein Geräusch von Eisen auf Eisen und von hinten, aus dem Rumpf, ein Klopfen, dreimal, in großen Abständen. Die Luke bewegte sich nicht. Die Hitze von der Wanne her stand schon als Wand im Gesicht.
„Lass“, sagte die Frau in der Luke. Sie sagte es nicht laut, und Brüning verstand sie trotzdem, weil sie dazu die Hand hob. „Ambros. Der Bock. Die Glocke.“
Rüegg ließ das Brecheisen fallen. Er sah sie an, nur eine halbe Sekunde, und etwas ging über sein Gesicht, das Brüning nicht kannte. Dann drehte er sich um und sah Brüning, der drei Schritt hinter ihm stand, ohne zu wissen, warum, mit leeren Händen. „Du“, sagte er. „Mit.“
Der Eisenbock hing an der Heckwand über der Luke, vier Bolzen, rotbraun vor Rost, und die Glocke daran schwang leise, so wie ein Gegenstand schwingt, den man gehört hat, bevor man ihn sah. Wassmer stand schon auf der Leiter und schlug mit einem Hammer auf den ersten Bolzen. Er brach auf den ersten Schlag. Der zweite wollte nicht. Brüning legte die Hände an die Flanke der Glocke, und die Bronze war warm, nicht heiß, aber so warm, wie ein Tier ist. Er spürte den Hammer im Metall. Auf der Schulter der Glocke standen Buchstaben, groß, in die Bronze gegossen, und er las sie, weil sie vor seinem Gesicht waren: BRENDECK, und darunter, kleiner, WER HÖRT, KOMMT.
Aus der Luke klopfte es nicht mehr.
„Tragen!“, schrie Rüegg.
Der dritte Bolzen brach, der vierte gab nach, und das Gewicht fiel in die Hände. Vierundachtzig Kilo, sagte später jemand, aber er hatte es in diesem Augenblick in den Armen und in den Beinen und im Rücken, ein Tier, das nicht wollte. Sie nahmen sie zu dritt, Rüegg an der Krone, er und Wassmer an den Seiten, und liefen. Unter ihren Stiefeln fing das Eis an zu sprechen, in kurzen, harten Lauten wie Schüsse. Hinter ihnen sackte das Rathaus, erst eine Hand breit, dann zwei, mit einem tiefen Seufzen in der Flanke, und die Kanone, die noch einmal geschossen hatte, schwieg.
Er sah sich nicht um. Er trug die Glocke, und sie liefen, bis das Eis wieder fest unter den Füßen war und die Hitze im Rücken zu bloßer Wärme wurde.
V. Der Umzug
RATSBUCH DER STÄDTE · Abend nach der Schlacht · Eisfeld, hinter der Linie
Brendeck steht nicht mehr. Die Bürgermeisterin ist gefallen. Ihr Stuhl wird gestellt.
Die Überlebenden gehen bei Kaltenau und bei Torgelow ein, nach Köpfen gezählt. Gäste werden nicht gezählt.
Am Abend waren die Orks fort, und niemand konnte sagen, warum.
Sie hatten sich vom Rathaus gelöst, als es sackte, haufenweise, ohne Befehl, den Rauch im Rücken, und die übrigen Viertel der Städte hatten ihnen in die Flanke gesetzt, bis auf dem Eis nur noch Wracks standen und Fetzen von Fell. Ob sie geschlagen waren oder satt, wussten die Weibel nicht. Brüning stand am Ufer, wo die Zunft sich sammelte, und sah zu, wie die Sonne hinter der Eisfläche verschwand. Es brannte noch an einer Stelle in der Mitte der Bucht, tief unten, im Eis, ein Fleck wie ein Auge, der jede Viertelstunde etwas kleiner wurde.
Seine Hände zitterten, und er konnte sie nicht still bekommen. Sie waren aufgerissen, an den Handflächen, und das Blut war schon trocken. In den Stiefeln, die er seit einer Woche nicht mehr gespürt hatte, brannte es jetzt, zehn Funken, einer an jedem Zeh, so heftig, dass er sich auf einen Stein setzen musste. Er hatte gedacht, es sei gut, wenn sie nicht wehtaten. Er saß da und ließ sie wehtun.
Die Glocke lag auf einem Wagen.
Gantner hatte sie ihnen abgenommen, der Weibel von Torgelow, der mit dem schlechten Bein, und er hatte nichts dazu gesagt. Er stand am Heck eines Planenwagens, auf dem Säcke lagen und Strohballen, und nahm sie in beiden Armen, wie man ein Kind aus einem Kahn hebt, und legte sie auf die Seite, ins Stroh. „Nicht stellen“, sagte er zu Wassmer. „Legen.“ Dann schlug er die Plane darüber, und Brüning sah noch einen Rand der Bronze, an dem Ruß klebte, und die Rundung der Schulter, auf der die Buchstaben saßen, die man jetzt nicht mehr lesen konnte.
„Sie hängt nicht, also liegt sie“, sagte Rüegg, und er sagte es ohne Tonfall, für sich, leise. Er stand daneben, die Mütze in der Faust, und ihm fehlte etwas, das Brüning erst später benennen konnte: Er hatte aufgehört, die Hände zu bewegen.
Wassmer setzte sich neben ihn auf die Deichsel des Wagens. Er sagte lange nichts und reichte ihm schließlich ein Stück Brot, das hart war und noch warm von seiner Jacke. „Die mit dem Kessel hieß Hedwig“, sagte er. „Sie hat immer zu viele Zwiebeln genommen. Immer. Meine Mutter hat sich deswegen jedes Mal mit ihr gestritten.“ Er kaute, und Brüning sah, dass ihm die Kiefer wehtaten. „Das Brot ist von gestern. Sie hat’s gebacken.“
Brüning aß es. Er wusste nichts, was er hätte sagen können, und sagte es.
Sie traten an. Es gab keinen Ruf dazu. Die Brendecker, was von der Zunft übrig war, stellten sich in eine Reihe am Ufer, und Brüning, der noch immer neben dem Wagen stand, sah, wie sie sich ordneten, nach Bänken, so, wie sie am Morgen gezählt worden waren. Dort, wo vorher drei Mann um eine Waffe gestanden hatten, standen jetzt zwei oder einer. Dann kamen die Panzerleute, zwei Besatzungen, in grauen Overalls, mit rußigen Gesichtern, jeder fünf, die aus ihren zwei Wagen gestiegen waren und sich ans Ende stellten, ohne dass jemand sie ansah. Als alle da waren, trat Gantner vor die Reihe.
„Ich zähle“, sagte er.
Er zählte sie mit dem Finger, den Kopf bewegte er nicht, jeden einzeln, von links nach rechts, mit einem Murmeln, das niemand verstand. Er zählte bis zum Ende und fing beim Ende noch einmal an, weil die Zahl stimmen musste. Brüning sah ihm zu, wie er an den Männern der dritten Bank vorbeikam, an Wassmer, der nicht aufsah, und dann an ihm.
„Fünfundsiebzig“, sagte Gantner.
„Der ist geliehen“, sagte Rüegg, ohne den Kopf zu heben. „Der gehört den Karrenfeldern.“
Gantner sah Brüning an. Es war das erste Mal, dass der Weibel ihn ansah, und der Blick verlangte wenig. Er prüfte, ob etwas stimmte, wie man ein Maß an einen Stab hält. „Dann vierundsiebzig“, sagte er.
Brüning merkte erst jetzt, dass er in der Reihe stand. Er hatte sich hingestellt, als der Gantner das Zählen begann, mit den Fersen zusammen, weil es alle taten. Er trat einen Schritt zurück, auf die Seite, wo der Schnee nicht festgetreten war, und sein Stiefel versank. Es war ein ganz kleiner Schritt. Er kam ihm lang vor.
„Vierundsiebzig“, wiederholte Gantner. „Brendeck, Zunft und Viertel. Es waren einhundertachtundachtzig.“ Er sagte es zu niemandem, er sagte es auf das Eis hinaus, und es war eine Zahl, die man aussprach, damit man sie nicht allein tragen musste. „Der Tross?“
„Zweihundert“, sagte eine Frau von der anderen Seite, mit einem Bogen in der Hand, den sie nicht gelesen hatte. Sie war von Brendeck, sie hatte das schmale Gesicht einer Lehrerin, und sie sagte es, als gebe sie eine Zahl durch den Vox, flach und genau, und ihre Lippen zitterten nicht. „Zweihundert. Die Küche ist nicht dabei.“
Das war alles. Dann sagte Gantner, dass sie umzogen, und die Reihe löste sich in Bewegung auf.
Der Umzug begann, als es dunkel wurde. Brüning ging ihn mit, weil seine Kompanie in der Richtung lag, und weil es der Weg war, den man ging. Die Wagen fuhren voran, mit gelöschten Lampen. Die Zunft ging links und rechts, die Gesichter nach außen, die Waffen auf den Schultern, und hinter den Wagen, mit der Planenfracht, ging, was von Brendeck war, vierundsiebzig Mann und zweihundert Frauen, Kinder und Alte, so still, dass er den Schnee unter den Sohlen hörte, zweihundertvierundsiebzig Mal. Niemand sagte etwas. Ein Kind fragte, und eine Hand legte sich auf seinen Mund, nicht hart.
Pfaff holte ihn am Rand der Straße ein, mit dem Streichholz im Mundwinkel. Er sah müde aus, älter, als er gestern gewesen war. Er hatte das Blatt in der Faust, auf dem die Namen der Kompanie standen, und er hatte sie durchgestrichen, mit Bleistift, drei Zeilen, dann noch eine, und die Zeilen in der Mitte hielt er mit dem Daumen fest.
„Dreiundzwanzig“, sagte er. „Dohl auch.“
„Ich hab’s gesehen.“
„Hab ich mir gedacht.“
Sie gingen eine Weile. Der Feldwebel kaute. „Die machen das jeden Abend“, sagte er dann, nicht zu Brüning, sondern in die Dunkelheit hinein. „Heute haben sie einen mehr.“
VI. Die Verlesung
RATSBUCH DER STÄDTE · Verlesung am Abend · vor dem Rathaus von Torgelow
Der Landammann: „Verlesen wird Halmstadt. Ihre Glocke hängt nicht mehr. Ihr Name ruht bis zum Sonnenaufgang.“ Alle: „Er ruht.“ Ebenso Gerrinsfurt. Ebenso Ulmersfeld. Ebenso Brendeck.
Gezählt: vier Namen. Die Städte stehen. Noch.
Die Verlesung wurde erst gehalten, als der Umzug angekommen war.
Es war schon tief in der Nacht. Die Rathäuser standen in der neuen Reihe am Ufer, acht, mit Lücken zwischen den Heckwänden, die man nicht hätte sehen sollen und doch sah, und niemand hatte Lampen angezündet. Die Leute standen im Dunkeln vor dem letzten, in Reihen, wie sie gegangen waren, die Zunft am Rand, die Kinder vorn. Die Brendecker standen verteilt, ein paar bei Kaltenau, ein paar bei Torgelow, als wüssten sie nicht, ob sie hingehörten. Brüning sah die Lehrerin, die ihre Klasse zählte, mit dem Finger, und er sah Wassmer, der den Kopf gesenkt hielt.
Er stand hinten. Er stand mit den Karrenfeldern in einer Reihe, die ihnen niemand angewiesen hatte, und Pfaff neben ihm hielt die Hände auf dem Rücken, wie auf einem Appell, den man nicht kannte und trotzdem für verbindlich nahm. Das Eis knackte. Die Sterne waren da, so scharf, dass es in den Augen schmerzte. Dann kam der Landammann.
Er kam aus der Luke des Rathauses, ein hagerer alter Mann mit einer Brille, deren Bügel mit Zwirn geflickt war, und er stieg auf eine Kiste, die dort für ihn stand. In der Hand hielt er ein Buch. Er schlug es nicht auf. Er stand eine Weile, und die Stille wurde so groß, dass Brüning seinen eigenen Pulsschlag im Ohr hörte, den kranken, und das Atmen von Tausenden, die nichts sagten.
„Verlesen wird Halmstadt.“
Eine kurze Pause. „Ihre Glocke hängt nicht mehr. Ihr Name ruht bis zum Sonnenaufgang.“
„Er ruht“, sagten alle.
Es kam in Wellen, ein wenig versetzt, wie ein Echo von verschiedenen Wänden. Gerrinsfurt. Ulmersfeld. Er kannte die Wörter nicht, und doch hatte sich etwas in ihm eingerichtet, das sie erwartete, so wie man bei einem langen Marsch den nächsten Schritt erwartet. Er stand mit offenem Mund und merkte, dass er nicht atmete.
„Verlesen wird Brendeck.“
Es ging nicht durch das Feld. Es blieb stehen. Der Landammann hatte den Namen so gesagt wie die anderen, in derselben Stimme, ohne ein Gewicht, das man hätte wiegen können, und dennoch sah Brüning, wie Köpfe sich senkten, nicht alle, nur an bestimmten Stellen, und wie an einer Stelle, vorn bei den Torgelowern, eine Frau mit einem Kind auf dem Arm die Hand auf den Hinterkopf des Kindes legte, als wollte sie ihm etwas zuhalten.
„Ihre Glocke hängt nicht mehr.“
Auf einem Wagen hinter den Reihen lag eine Bronze unter einer Plane, und Brüning dachte an das Stroh.
„Ihr Name ruht bis zum Sonnenaufgang.“
„Er ruht“, sagten sie.
Er sagte es mit. Er wusste es erst, als es heraus war, zwei Wörter, leise, in seine Atemwolke hinein. Neben ihm drehte Pfaff den Kopf, nicht weit, nur so, dass er es sah, und das Streichholz im Mundwinkel ruhte. Er sagte nichts. Weiter vorn, in der ersten Reihe der Brendecker, sagte Wassmer es ein halbes Wort nach den anderen, und die Stimme brach auf dem zweiten, und Rüegg, der neben ihm stand, den Mund geschlossen hielt, bis es vorüber war, und dann sprach er es zu Ende, allein, ein Stück zu spät, als wäre er eine Treppe hinuntergegangen und hätte unten eine Stufe zu viel gefunden.
„Die Städte stehen“, sagte der Landammann.
„Noch.“
Brüning sagte es nicht. Er hörte es von den anderen, und es klang wie etwas, das man aus einem Zimmer trägt, in dem das Licht ausgeht, und dann gingen sie auseinander, schweigend, jede Gruppe in ihre Richtung, und es wurde wirklich dunkel auf dem Feld.
Er hatte die zweite Wache. Er stand von Mitternacht bis zum Morgen an der Eisgrenze, wo das Ufer in die Bucht überging, in einem Pelzmantel, der nach einem anderen roch, und starrte auf die Fläche, auf der es noch immer an einer Stelle glomm. Es war eine klare, harte Nacht, so kalt, dass die Haut an den Fingern ihm am Gewehr festklebte, wenn er sie lange darauf ließ. Er hörte hinter sich das Lager, Männer, die sich im Schlaf umdrehten, einen Husten, ein Kind. Er bemerkte, dass im Lager niemand den Namen sagte.
Es fiel ihm erst bei der Ablösung auf. Wassmer kam, verschlafen, mit rotem Gesicht, und sagte, er löse die Wache ab, und er sagte nicht, von welcher Stadt er kam. Er sagte: „von der dritten Bank“. Die Weibel sprachen von der Mitte, wenn sie den Platz meinten, an dem das Rathaus gestanden hatte. Die Frauen sagten sie. Der Hauptmann Rindt, der kurz vor der Dämmerung kam, um nach der Wache zu sehen, sagte das Eisfeld und las dann den Namen von einer Karte ab, stumm, mit den Lippen. Es hatte ihm niemand befohlen. Brüning merkte, dass sich über Nacht eine Lücke im Lager gebildet hatte, in der Form eines Wortes, und dass alle sie umgingen, wie man auf einem Weg um eine Stelle geht, an der etwas liegt.
Er selbst hatte den Namen dreimal fast gesagt. Er hatte ihn im Mund gehabt wie einen heißen Stein.
Zuletzt wurde es grau. Der Osten bekam einen Rand, dann einen Strich, rot und flach, und Brüning stand mit steifen Beinen und beiden Händen am Gewehr und wartete. Er wusste jetzt, worauf. Die Sonne kam hoch, ein Stück, nur der Rand, und weit am Ufer, vom ersten Rathaus in der Reihe, wo bis gestern das erste gestanden hatte, kam kein Laut.
Es blieb still. Es war ein Atemzug lang so still, dass er den Schlag seines Herzens zählen konnte, und er wartete auf den hellen Ton mit dem Schnarren im Ausklang und wusste, dass er nicht kam.
Dann schlug die zweite Glocke, tiefer, rund, ohne Schnarren, als erste. Danach die dritte. Er zählte mit, mit den Fingern, an den Griff des Gewehrs gedrückt, einen nach dem anderen, bis er bei der letzten war, so tief, dass die Eisfläche vor ihm einen Moment lang schwang. Er hatte acht Finger gebraucht.
„Brendeck“, sagte er.
Er sagte es leise, zu niemandem, und sein Atem stand eine Weile vor ihm in der Luft, bevor der Wind ihn nahm.
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