Der Oberst hält
Astra Militarum (14. Hochtarn Gebirgsjäger) Munitorum (Abgleichkanzlei Valmark Süd) Renegaten (Oberst Dreyer)
„Der Berg gibt nichts her. Wir auch nicht.“
Oberst Anselm Aschbach, Abendansprache, Befehlsarchiv des Regiments, Spule 112
I. Tag zwei
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 02 · 06:00 · Stab an alle: Befehl des Obersten. Stellungen halten. Kein Schritt zurück.
Tag 02 · 13:52 · Batterie Süd an Stab: Drei Salven geschossen, Ziel Höhe 1140, Wirkung gut.
Tag 02 · 14:07 · Beobachtungsposten Ost an Stab: Gegenfeuer, das gilt uns. Oberst ist bei uns. Wir sind —
Tag 02 · 14:07 · Übertragung endet.
Tag 02 · 14:09 · Stab an Beobachtungsposten Ost: Posten Ost, bitte melden. Posten Ost, bitte melden.
Tag 02 · 14:36 · Stab an alle: Oberst unverletzt. Befehle des Obersten gelten unverändert. Gez. Weller, Major.
Kuhrt hatte den Oberst nie angefasst, bis er tot war.
Er trug ihn auf dem Rücken, die Arme des Toten vor seiner Brust gekreuzt, den Kopf an seinem Hals, und er zählte die Schritte, weil er sonst hätte nachdenken müssen. Der Hohlweg hinter dem Beobachtungsposten war ein ausgetrocknetes Bachbett aus Geröll, das den Hang nach Westen hinabführte, und hinter ihm schlugen die Granaten der Renegaten in den Posten, als wollten sie sichergehen. Bei hundert hörte er auf, auf die Einschläge zu achten. Bei dreihundert hatte er den Hut des Obersten im Gehen vom Boden gerissen und in den Gürtel gesteckt, und der Gamsbart kitzelte ihn bei jedem Schritt an der Hüfte. Die Absätze des Obersten schlugen gegen Kuhrts Waden, regelmäßig, wie bei einem Mann, der mit den Füßen den Takt hält.
Siebzig Kilo, dachte er. Dazu der Mantel, den der Alte auch im Sommer trug.
Es waren sechshundertzwölf Schritte bis zur Stahltür des Stabsbunkers. Dort stand er und konnte nicht klopfen, weil er beide Hände brauchte, und trat schließlich mit dem Stiefel dagegen.
Der Stab hatte sich in den Fels gegraben, dort, wo der Hang ein Maul aufmachte: drei Räume, ein Funkraum, ein Kartentisch so groß wie ein Scheunentor. In der Ecke stand der Stuhl des Obersten, ein Klappstuhl aus Kiefernholz mit einer eingebrannten Gams auf der Lehne, in dem noch nie jemand gesessen hatte. Der Alte ließ ihn überallhin mitschleppen und setzte sich nicht hinein, weil ein Mann, der sitzt, Zeit hat. Major Weller saß am Rand des Tisches über einem Stapel Bestandslisten. Er sah auf, als die Tür aufging, und er sah auf die Uhr, wie er immer auf die Uhr sah. Vierzehn Uhr einundzwanzig. Dann sah er, was Kuhrt trug, und seine Hand blieb auf der Liste liegen.
Weller kannte ihn, wie er jeden kannte, der je etwas bei ihm bestellt hatte. Gefreiter Kuhrt, Stabskompanie, zweiter Zug, Schuhgröße zweiundvierzig, zweimal besohlt.
„Herr Major“, sagte Kuhrt. „Der Oberst.“
„Verwundet?“
„Nein, Herr Major.“
Kommissarin Gerlinde Vorsch stand am Kopfende des Tisches mit dem Rücken zur Tür und drehte sich nicht um. Sie hatte es gehört, bevor jemand es sagte, an dem Geräusch, das ein Körper macht, wenn man ihn auf einen Tisch legt und er nicht mehr mithilft. Kuhrt legte den Oberst auf die Karte des Sattels, den Kopf auf den Ostsattel, den er hatte halten wollen. Ein Splitter, nicht größer als ein Daumennagel, hatte ihn unter dem linken Ohr gefunden. Mehr war nicht nötig gewesen.
Vorsch legte zwei Finger an seinen Hals, so wie man es lernt, und nahm sie wieder weg, so wie man auch das lernt.
„Das Kommando fällt an Sie, Major.“
„Ich weiß.“
„Die Meldepflicht gilt unverzüglich. Der Dienstälteste gibt den Tod des Kommandeurs dem Regiment bekannt. Der Wortlaut ist eindeutig.“
„Ich kenne den Wortlaut, Frau Kommissarin. Ich habe ihn abgeheftet.“
Es war keiner von Wellers guten Scherzen, und niemand lachte. Er stand auf. Er war ein großer, gebückter Mann von achtundvierzig Jahren, der den Kragen offen trug, weil er ihn würgte, und der in siebzehn Jahren Regimentsdienst nie einen Befehl gegeben hatte, den er nicht vorher aufgeschrieben hatte. Er ging um den Tisch herum und blieb vor der Karte stehen, auf der der Kopf des Obersten lag, und rechnete. Er rechnete mit den Lippen.
„Dreitausendeinhundert Mann“, sagte er. „Gegen neunzehntausend. Hinter uns eine Makropole mit sieben Millionen Menschen und keine zweite Linie. Und der Einzige, der den Leuten je ausgeredet hat, nachzurechnen, liegt auf dem Kartentisch.“
„Das ist eine Lage, Major. Keine Begründung.“
„Der Tod eines Obersten ist ein Befehl zum Rückzug, den niemand gegeben hat.“
Vorsch sah ihn zum ersten Mal an. Sie war vierundfünfzig, schmal, mit einem Gesicht wie ein gut gebügeltes Tuch, und ihre Pistole saß im Halfter wie ein Argument, das sie noch nicht gebraucht hatte. „Sie schlagen mir vor, ein Regiment zu belügen.“
„Ich schlage Ihnen vor, ihm einen Tag zu schenken. Dann noch einen.“
„Wie viele?“
„Das weiß ich nicht.“
„Und das hier?“ Sie deutete mit dem Kinn auf Kuhrt, der noch in der Tür stand, die Arme leer und ein wenig abgespreizt, wie jemand, der vergessen hat, wohin mit den Händen.
„Der Posten ist weg“, sagte Kuhrt. „Zwölf Mann, Frau Kommissarin. Ich bin der Einzige, der ihn gesehen hat.“
„Dann sind Sie auch der Einzige, der schweigen muss.“
„Ich sag nichts.“
„Das habe ich von besseren Männern gehört“, sagte Vorsch. „Bei zweien musste ich es danach nicht mehr hören.“
„Ja, Frau Kommissarin.“
Sie sah wieder auf den Toten. Draußen schlug eine Granate in den Hang, und der Staub rieselte von der Decke auf die Karte, auf den Mantel, auf das Gesicht des Obersten, das merkwürdig friedlich war und die Augen offen hatte und an Weller vorbei auf einen Punkt sah, an dem nichts war. Vorsch trat an den Tisch und schloss sie mit der flachen Hand, ohne Eile.
„Ich schreibe es auf“, sagte sie. „Mit Uhrzeit und Ort. Es kommt in meine Akte, und wenn das vorbei ist, kommt es in die richtige.“
„Tun Sie das.“
„Ich hasse das, Weller.“
„Ich weiß.“
„Nein. Aber Sie werden es lernen.“
Sie nahmen ihn zu dritt. Weller hatte dem Toten den Mantelkragen über das Gesicht gezogen und die Beine gefasst, Kuhrt die Schultern, und Vorsch ging voran und öffnete die Türen. Ein Versorgungsgang verband den Stab mit dem Sanitätsbunker, ein Gang für Tragen und Plasmakisten, und er endete in der Kühlkammer, hinter der letzten Tür, die kein Arzt ohne Not öffnete. Es war ein gekachelter Raum, in dem der Atem stehen blieb. Auf den Regalen lagen Blutbeutel, und über der Tür hing eine Uhr, die der Sanitätshauptmann dort aufgehängt hatte, damit man Frostzeiten ablesen konnte. Sie legten den Oberst auf die Stahlablage an der Rückwand. Vorsch faltete ihm die Hände. Es dauerte lange, weil sie nicht wollten.
Kuhrt nestelte an seinem Gürtel und hielt Weller den Hut hin. „Das ist seiner, Herr Major.“
Weller sah auf den Gamsbart. Der Bart war angesengt und roch nach Stein.
„Behalten Sie ihn“, sagte er. „Der Oberst wird ihn wieder brauchen.“
Vorsch drehte den Kopf. Sie sagte nichts, aber sie sah ihn an, als hätte er einen Satz gesprochen, der nicht zu ihm gehörte und trotzdem richtig war.
Im Funkraum saß Lenz an ihrem Pult, die Kopfhörer um den Hals, und hatte den Posten Ost fünfmal gerufen. Weller gab ihr den Zettel. Sie las ihn. Sie las ihn ein zweites Mal, länger, und sah dann auf seine Ärmel, an denen kein Blut war, und auf den Zettel, und dann auf nichts.
„Unverletzt“, sagte sie. Es war keine Frage.
„Senden Sie.“
Sie sendete. Die Uhr an der Funkwand sprang auf vierzehn Uhr sechsunddreißig.
Eine Viertelstunde hatte es gedauert, ein Regiment zu belügen. Um sechsunddreißig nach zwei war Oberst Anselm Aschbach unverletzt, und es sollte dreizehn Tage dauern.
II. Die Stimme
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 02 · 19:40 · Oberst an alle (Abendansprache). Quelle: Befehlsarchiv, Spulen 112, 340, 2291.
Tag 02 · 19:44 · Gegenstelle ohne Kennung an Oberst: Wir auch nicht, Herr Oberst.
Tag 03 · 05:30 · Oberst an alle: Ostsattel halten, bis nichts mehr da ist. Quelle: Befehlsarchiv, Spulen 77, 1904.
Tag 03 · 09:12 · 3. Bataillon (Major Teuber) an Stab: Erste Welle im Vorfeld, Stärke etwa zwei Bataillone. Wir halten.
Tag 03 · 13:40 · 3. Bataillon an Stab: Dritte Welle zurückgeschlagen. Munition knapp.
Tag 03 · 16:52 · 3. Bataillon (Major Teuber) an Oberst: Wir halten, Herr Oberst. Richten Sie dem Regiment aus, es war ein guter Platz.
Tag 03 · 16:53 · Stab an 3. Bataillon: Bitte melden. Bitte melden.
Der Oberst hatte jeden Befehl aufgenommen, seit er Oberst war.
Er traute dem Gedächtnis nicht, am wenigsten dem eigenen, und so standen im Befehlsarchiv des Regiments siebzehn Jahre seiner Stimme in Blechkisten, nach Feldzug und Jahr beschriftet, auf Band gesprochen, jeder Marschbefehl und jede Lagebesprechung und jede Abendansprache, dreitausend Stunden, die der Adjutant abgeheftet hatte, weil der Oberst es verlangte, und die niemand je abgehört hatte, weil niemand dafür Zeit gehabt hätte. Weller trug die ersten sechs Kisten selbst in den Funkraum und stellte sie neben das Schnittgerät.
Lenz sah sie sich an. Sie war achtundzwanzig und Funkerin geworden, weil ihr Vater Uhrmacher gewesen war, und sie schnitt Band, wie er Zahnräder gefeilt hatte, mit dem Daumennagel als Maß.
„Die Abendansprache“, sagte Weller.
„Er hat nie zweimal dasselbe gesagt.“
„Er hat dieselben Wörter gesagt. In anderer Reihenfolge.“
„Das ist Ihre Meinung.“
„Das sind siebzehn Jahre Protokollführung.“
Lenz zog eine Spule aus der Kiste, hielt das Etikett ins Licht und legte sie auf. Sie sah nicht auf, als sie die nächste Frage stellte, und sie stellte sie so, wie man fragt, wie spät es ist. „Wie lange?“
„Das weiß ich nicht.“
„Dann brauche ich mehr Spulen.“
Sie arbeitete drei Stunden. Den Anfang fand sie auf einer Spule aus Karthos, den Schluss auf einer Spule aus der Zeit, als das Regiment noch in der Kaserne gelegen hatte, und dazwischen klebte sie ein Wort an das andere, bis die Stimme des Obersten wieder sprach, rau und gleichmäßig, wie jemand, der eine Liste vorliest. Der ganze Satz stand auf der Karthos-Spule, aber mit Gewehrfeuer dahinter, und so nahm sie nur die erste Hälfte. Die zweite holte sie aus einer ruhigeren Aufnahme, einer Lagebesprechung vor vier Jahren, in der er einem Divisionsstab auf das Angebot von Verstärkung geantwortet hatte: Wir auch nicht. Trocken, ein wenig schwerer auf dem Auch als auf dem Wir. Sonst hatte er immer auf dem Wir gesessen.
„Das Auch ist schwer“, sagte sie.
Weller hörte es zweimal ab. „Ich höre keinen Unterschied.“
„Dann haben wir Glück, Herr Major.“
Kuhrt stand um zwanzig vor acht im Graben unterhalb des Kamms, mit dem Kochgeschirr in der Hand, und aß nicht. Weller hatte ihn zu seinem Zug zurückgeschickt, mit dem Satz, er solle essen, schlafen und das Gesicht stillhalten, und Kuhrt hatte es geschafft, die ersten beiden Dinge zu versuchen. Das Gesicht war schwieriger.
Die Lautsprecher hingen alle hundert Meter an den Grabenpfosten, Blechtrichter, die nach Kälte klangen. Um Punkt neunzehn Uhr vierzig knackten sie, und der Graben wurde still. Die Männer stellten ihre Kochgeschirre ab. Einer nahm die Mütze herunter, ohne zu wissen, warum.
„Männer.“
Es war seine Stimme. Es war die Stimme, die Kuhrt seit dem Tag gehört hatte, an dem er zum Regiment gekommen war, jeden Abend, durch Blech, ein dunkles Reden ohne Eile.
„Zwei Tage. Sie haben mit allem geschossen, was sie hatten, und wir stehen noch. Morgen schießen sie wieder. Der Berg gibt nichts her. Wir auch nicht. Gute Nacht.“
Dann brach der Graben auf. Ein Brüllen ging die Linie hinunter, von Pfosten zu Pfosten, dreihundert Kehlen, und Kuhrt sah Männer, die sich auf die Schultern schlugen und Männer, die weinten, und alle schrien das Wir auch nicht, als wäre es das Einzige, was sie je gesagt hatten.
„Der Alte!“, brüllte Pfeil neben ihm. Er war neunzehn, hatte die abstehenden Ohren seines Vaters und kannte weder Furcht noch Geduld. „Hab ich gesagt! Der lebt noch, wenn wir alle tot sind!“
Kuhrt nickte.
Er hatte den Satz tausendmal gehört. Er kannte den Atemzug, den der Oberst davor nahm, und den kleinen Husten dahinter, und er wusste, dass keiner von beiden da gewesen war. Aber das war es nicht, was ihm den Magen zusammenzog. Es war das Auch. Der Alte hatte nie auf dem Auch gesessen. Es war ein kleiner Unterschied, und er hörte ihn so deutlich, dass er sich wunderte, wie ein ganzer Graben darüber hinwegbrüllen konnte.
„Was hast du?“, fragte Pfeil. „Du bist weiß wie Kalk.“
„Mir ist kalt.“
„Dir ist immer kalt, du Flachländer.“
In der Nacht, als die Leuchtkugeln den Hang weiß färbten und wieder dunkel ließen, sagte Kuhrt etwas zu Pfeil. Es war kurz. Pfeil hörte zu, ohne den Kopf zu drehen. Danach saß er sehr lange still.
Am Morgen des dritten Tages befahl der Oberst, den Ostsattel zu halten, bis nichts mehr da war.
Weller hatte den Satz gewählt, weil er der einzige war, von dem er sicher wusste, dass der Oberst ihn gesagt hätte. Lenz hatte ihn aus zwei Spulen gebaut, und er klang genau so, wie er geklungen hatte, als der Oberst ihn bei Karthos gesagt hatte, über eine Kuppe, die danach nie wieder jemand brauchte. Es war Aschbachs Methode, und sie war einfach: Eine Stellung bekam den Befehl zu halten. Sie bekam keine Verstärkung, denn ein Mann, der weiß, dass Hilfe kommt, wartet auf sie. Sie bekam keine Erlaubnis zum Rückzug, denn ein Mann, der weiß, dass er zurückgehen darf, geht. Sie hielt, bis nichts mehr da war, und der Feind, der gesehen hatte, was es kostete, überlegte es sich beim nächsten Mal.
Dem dritten Bataillon hatte die Methode am Ostsattel den schwersten Platz zugewiesen. Sechshundertzwanzig Hochtarner unter Major Teuber, in Schneelöchern und Steinmulden an der Lippe des Passes, mit dem ganzen Talgrund vor sich.
Weller saß im Stab und hörte es durch den Fels. Er hatte siebzehn Jahre lang Gefechte abgerechnet und nie eines geführt. Er kannte sie als Verbrauchszahlen, Schuss pro Mann, Verbandspäckchen pro Stunde, und nun lernte er, dass es eine Zahl gab, die in keiner Liste stand und die man trotzdem lesen konnte: das Geräusch, das ein Bataillon macht, wenn es weniger wird. Es wurde leiser. Es wurde nicht ruhiger. Mittags rückte Vorsch einen Stuhl neben seinen und setzte sich, und sie sprachen nicht.
„Dritte Welle zurückgeschlagen“, meldete Lenz um zwanzig vor zwei. „Munition knapp.“
„Munition haben wir“, sagte Weller. „Zwei Kompanien in Reserve.“
„Er hat nie eine Reserve geschickt“, sagte Vorsch.
„Ich weiß, was er nie getan hat.“
Er schickte keine. Es war der härteste Befehl, den er je nicht gegeben hatte, und er wusste, dass er ihn nicht um des Sattels willen unterließ, sondern weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Der Oberst hätte es gewusst. Der Oberst hatte immer gewusst, wo ein Mann hingehörte, und er hatte es nie begründet, und so hatte man ihm geglaubt.
Um acht Minuten vor fünf meldete sich Teuber noch einmal. Seine Stimme war heiser und sehr ruhig, die Stimme eines Mannes, der ein Ende vor sich sah und es mit einer gewissen Höflichkeit betrachtete. Er sprach den Oberst an, nicht den Stab. Er sagte, sie hielten, und sie sollten dem Regiment ausrichten, es sei ein guter Platz gewesen. Dann war nur noch Rauschen, und Lenz rief ihn dreimal, und nach dem dritten Mal nahm sie die Hand vom Sprechknopf.
Das dritte Bataillon antwortete nicht mehr. Von sechshundertzwanzig Mann kamen am Abend neun über den Grat zurück, und keiner von ihnen sprach.
Weller schrieb die Zahl ins Hauptbuch. Sechshundertelf. Er schrieb sie in seiner Schrift, nicht in der des Obersten, und zum ersten Mal in siebzehn Jahren sah sie aus wie die Schrift eines Fremden.
„Es hat funktioniert“, sagte Vorsch hinter ihm.
„Das war immer der Teil, den ich an ihm nicht mochte.“
III. Weich geworden
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 06 · 23:12 · Zahnspitze (Hauptmann Falk) an Stab: Angriff im Dunkeln, ohne Beschuss. Sie sind am Draht.
Tag 06 · 23:19 · Oberst an Zahnspitze: Räumen. Zweite Linie, sofort. Das ist ein Befehl. Quelle: Direktsprache, Funkraum.
Tag 06 · 23:41 · Zahnspitze an Stab: Zweite Linie erreicht. Hundertachtunddreißig Mann, vollzählig.
Tag 06 · 23:50 · Mörserzug Hang an Stab: Feuer auf Zahnspitze, Feind in der Stellung.
Tag 07 · 19:40 · Oberst an alle (Abendansprache). Quelle: Befehlsarchiv, Spulen 112, 801, 2291.
Tag 07 · 19:44 · Gegenstelle ohne Kennung an Oberst: Wir auch nicht, Herr Oberst. Nur ein Stück.
Die Renegaten kamen ohne ein einziges Geschütz.
Das war es, was Weller später am meisten beschäftigte. Die Nacht war klar und kalt, der Schnee gab genug Licht, um Schatten zu zeigen, und dennoch hörte keiner der Posten sie, bis sie vor dem Draht lagen, Hunderte, flach im Schnee unterhalb der Zahnspitze, mit Messern zwischen den Zähnen und Lasergewehren, die sie nicht abfeuerten. Dreyer hatte sechs Tage lang mit Artillerie auf das Regiment eingeschlagen und es daran gewöhnt. Nun sparte er sie, weil er wusste, dass die Posten auf Lärm warteten.
„Zahnspitze meldet Angriff im Dunkeln“, sagte Lenz. „Sie sind am Draht.“
Weller stand schon. Er hatte im Stuhl geschlafen, die Wange auf der Kante des Kartentisches, und die Karte hatte ihm ein Muster in die Haut gedrückt: der Hang, die Kämme, die Zahnspitze, ein Felsrücken am Südrand des Ostsattels, der aussah wie ein abgebrochener Zahn. Dort lag die Zweite des Ersten, hundertachtunddreißig Mann unter Hauptmann Falk, und der Oberst hatte ihnen vor vier Tagen befohlen, sie zu halten. Er hatte es mit einem Satz begründet, den Weller auswendig kannte, weil er ihn abgeschrieben hatte: Die Zahnspitze gibt man nicht her. Gibt man sie her, gibt man die Hand her, und dann den Arm.
Hundertachtunddreißig Mann. Sechshundertelf.
Er sah auf die Karte und sah zum ersten Mal nicht den Zahn, sondern das Loch daneben. Die Zahnspitze war ein Maul. Wer sie nahm, stand in einem Trichter aus Fels, hundertfünfzig Meter unter dem Hang, und der Hang gehörte dem Mörserzug, und der Mörserzug hatte jede Rinne und jeden Graben dieser Stellung seit dem ersten Tag eingeschossen, weil ein Adjutant, der Munitionslisten führt, auch Schusstafeln führt. Er war der Einzige im Stab, der wusste, wie viele Granaten das Regiment hatte und wo jede von ihnen hinfallen würde.
„Funkerin“, sagte er. „Ich brauche das Wort Räumen.“
Lenz sah ihn an. „Es gibt kein Räumen.“
„Suchen Sie.“
„Ich habe es gesucht, Herr Major. Heute Mittag schon, für den Fall.“ Sie hatte die Hand auf der Kiste, in der siebzehn Jahre lagen. „Er hat es nie gesagt. Nicht ein einziges Mal. Er hat Verwundete geräumt, er hat Kisten geräumt, aber er hat nie einer Stellung befohlen, es zu tun.“
„Dann habe ich keins.“
„Dann haben Sie keins.“
Vorsch stand an der Wand mit den verschränkten Armen. Sie sagte nichts, und es war das Lauteste im Raum.
Weller setzte sich an das Mikrofon. Er hatte siebzehn Jahre lang die Briefe des Obersten diktiert bekommen, manchmal Stunden am Tag, und er hatte, ohne es je jemandem zu sagen, die Stimme dazu im Spiegel seiner Kammer geübt, so wie manche Männer heimlich singen. Es war ein kleines Talent, für das er sich geschämt hatte. Er senkte das Kinn. Er ließ die Stimme in die Brust fallen und nahm den Atem langsamer, als er ihn brauchte.
„Zahnspitze, hier Oberst.“
Es war ein Mann, der einen Mann nachmachte, und die Kehle war zu eng. Aber es reichte, und es ging über das Netz hinaus in die Nacht wie etwas, das schon immer dort gehangen hatte.
„Räumen. Zweite Linie, sofort. Das ist ein Befehl.“
Es blieb still. Dann Falks Stimme, atemlos, mit Lärm dahinter. „Herr Oberst? Räumen?“
„Räumen, Falk. Sie haben mich gehört.“
Die Pause war kurz und lang zugleich. Weller hörte Schüsse im Hintergrund, die ersten, und das Geräusch von jemandem, der etwas hinunterschluckt.
„Zu Befehl, Herr Oberst.“
Es dauerte zweiundzwanzig Minuten. Weller zählte sie nicht, er sah sie an der Uhr. Um dreiundzwanzig Uhr einundvierzig kamen sie durch die Rinne am Hang, einzeln und in Gruppen, mit Verwundeten auf den Armen, ein Strom von Schatten, der an den Stabsbunker herangespült wurde, und Falk zählte sie am Eingang, laut, mit tauben Lippen. Hundertachtunddreißig. Die Renegaten brauchten Minuten, um den Draht zu öffnen, und es waren die Minuten, die Falk brauchte. Als sie die Zahnspitze erreichten, fanden sie sie leer und warm und eng, und sie drängten hinein, Hunderte, in den Trichter, den ihnen jemand so freundlich offengelassen hatte.
Dann sprach der Hang.
Weller hörte es durch die Wand, ein sehr gleichmäßiges Husten, wie ein Tisch, auf den jemand mit der Faust schlug, immer wieder, immer an derselben Stelle. Er hatte die Zahlen im Kopf, jede einzelne, die Schusstafel für die Zahnspitze, Rohr für Rohr, und er sah sie fallen, ohne hinzusehen. Vorsch stand neben ihm. Sie hatte die Arme noch immer verschränkt.
„Das war gestohlen“, sagte er. „Die Stimme.“
„Das war gut“, sagte sie. „Beides geht.“
Am Morgen stand er in der Schlange vor der Küche und hörte, was die Männer sagten.
Er stand zwischen ihnen, weil er es als Adjutant immer getan hatte, um die Qualität der Suppe zu prüfen, und niemand sah einen Major, wenn er in der Schlange stand. Sie sprachen leise, und sie sprachen von nichts anderem.
„Geräumt. Der Alte. Hat er noch nie.“
„Wird weich.“
„Der wird nicht weich, der wird alt. Ich hab meinen Vater gesehen, mit sechzig …“
„Der Alte ist weich geworden, ich sag’s dir.“
Es war das, was er erwartet hatte, und es war doch etwas anderes. Es klang weniger nach Murren als nach einem Satz, den man oft genug gesagt hat, damit er stimmt.
„Maul halten.“
Sollbach stand am Kessel mit der Kelle in der Hand. Er war ein breiter, kurzhalsiger Mann von Mitte fünfzig, mit einer Narbe über dem rechten Auge, und er hatte das Regiment zusammengeprügelt, damals auf dem Kasernenhof von Hochtarn, dreitausend Holzfäller und Hirten und Minenjungen in sechs Monaten, und er sprach davon wie ein Tischler von Nägeln. Wenn er den Mund aufmachte, stand die Schlange gerade.
„Der Oberst hat gerechnet“, sagte er. „Ihr habt nicht gerechnet. Deshalb steht ihr in der Schlange und er sitzt im Stab. Essen.“
Die Männer aßen. Sollbach sah über ihre Köpfe hinweg zu Weller, nickte ihm knapp zu, den Blick auf den offenen Kragen gerichtet und nicht auf das Gesicht, und füllte die nächste Schüssel.
Weller ging zurück in den Stab. Er trug die Suppe in beiden Händen, vorsichtig, wie man etwas trägt, das man nicht verschütten darf, und dachte darüber nach, dass ein Oberst, der weich geworden war, jede Abweichung erklärte, die er sich in den nächsten Tagen erlauben würde, und dass das Regiment ihm diese Erklärung geschenkt hatte, ohne dass er darum gebeten hätte.
Er war nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte.
IV. Dreyer
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 08 · 05:10 · Offene Frequenz, Gegenseite, an Oberst: Anselm. Hörst du mich?
Tag 08 · 05:11 · Funkraum an Stab: Offene Frequenz, Sprecher unbekannt, ruft den Obersten beim Vornamen.
Tag 08 · 05:12 · Aufzeichnung läuft. Keine Antwort des Regiments.
Tag 08 · 05:19 · Oberst an Offene Frequenz: Der Berg gibt nichts her. Wir auch nicht. Quelle: Befehlsarchiv, Spule 112 (Karthos, neunter Tag).
Tag 08 · 05:20 · Offene Frequenz, Gegenseite: Gelächter, Dauer einunddreißig Sekunden.
Tag 08 · 19:44 · Gegenstelle ohne Kennung an Oberst: Wir auch nicht, Herr Oberst. Gute Nacht.
Lenz hörte ihn zuerst, weil sie die Einzige war, die in diesen Nächten noch auf der offenen Frequenz saß.
Sie hatte die Wache übernommen, ohne dass jemand sie darum gebeten hätte. Der Gegner redete im Schlaf, wenn man ihm zuhörte, in Zahlen und Marschrichtungen und Ortsnamen, und niemand sonst im Stab hatte noch die Ohren dafür. So hatte sie sechs Nächte lang Rauschen gehört, durchbrochen von dem Singsang fremder Funker, bis um zehn nach fünf am achten Tag eine Stimme ins Rauschen trat, die nicht sang.
„Anselm. Hörst du mich?“
Es war ein Mann Anfang sechzig, mit einer Stimme, die nicht schrie, weil sie es nie hatte müssen. Er sprach langsam und ein wenig zu freundlich, wie jemand, der weiß, dass der andere zuhört, und es ihm nicht nachträgt.
Lenz stand auf und weckte den Stab. Weller schlief neben dem Kartentisch im Sitzen, und Vorsch schlief nicht. Sie hatte die Mütze auf, und als Lenz in der Tür stand, nickte sie nur, als habe sie auf diesen Satz gewartet. Die beiden kamen in den Funkraum, Weller in Hemdsärmeln, und blieben hinter ihrem Stuhl stehen. Lenz drehte den Lautsprecher lauter.
„Ich weiß, dass du da bist, Anselm. Du hast die Funkerin an der Leitung, ein gutes Mädchen, ich höre sie atmen. Du lässt sie nie schlafen, das hast du schon bei Karthos mit deinen Leuten gemacht.“
„Dreyer“, sagte Vorsch leise.
„Ich sitze auf einer Munitionskiste und sehe zu eurer Kuppe hinauf. Weißt du noch die Bank vor der Kriegsschule? Wir haben dort geschworen, dass keiner von uns je einen Schritt zurückgeht. Du hast es gehalten. Ich nicht. Aber das weißt du.“
Er sprach wie einer, der von einem Zimmer erzählt, in dem sie beide gewohnt hatten. Lenz wagte nicht, Weller anzusehen.
„Ihr habt vorgestern Nacht die Zahnspitze geräumt“, sagte die Stimme. „Das hast du nie getan. Auch bei Karthos nicht, und bei Karthos hättest du es tun sollen, Anselm, elfhundert Mann für eine Kuppe, die heute keiner mehr braucht. Man hat mir danach mein Regiment genommen. Dir hat man einen Orden gegeben. Ich habe lange darüber nachgedacht, welcher von uns beiden recht hatte, und ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Aber ich habe eins bemerkt.“
Er ließ eine Pause. Der Lautsprecher rauschte.
„Du sagst seit Tagen nichts mehr, was du nicht schon einmal gesagt hast. Ich habe mir die Mühe gemacht, dir zuzuhören. Jeden Abend, Anselm. Es sind immer dieselben Wörter. Gute, alte Wörter, ich kenne sie alle, aber das ist nicht deine Art, du bist nie ein Mann gewesen, der sich wiederholt, es sei denn …“ Er lachte kurz. „Sag mir etwas Neues. Ich warte.“
Weller sah Vorsch an. Vorsch sah ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Lenz sah auf ihre Hände, die auf dem Pult lagen, ruhig und fremd wie die einer anderen.
„Nicht antworten“, sagte Vorsch. „Schweigen ist keine Antwort.“
„Schweigen ist die einzige, die er schon hat.“ Weller beugte sich über Lenz’ Schulter. „Spule einhundertzwölf. Karthos. Der Satz.“
„Das Original ist verrauscht, Herr Major. Dahinter ist Feuer.“
„Spielen Sie es.“
Sie legte die Spule auf. Es dauerte drei Atemzüge, bis das Band einlief, und dann sprach der Oberst wieder, nicht aus dem Archiv, nicht aus dem Blech eines Grabens, sondern aus einem Tag, den es nicht mehr gab: Der Berg gibt nichts her. Wir auch nicht. Dahinter prasselten Lasergewehre, ein Mörser setzte aus und wieder ein, und irgendwo schrie ein Mann einen Namen. Auf dem Wir lag das Gewicht, wie immer. Sie hatte vergessen, wie sehr.
Dreyer schwieg. Dann lachte er.
Es war ein langes Lachen, von unten herauf, das Lachen von jemandem, der etwas Altes in der Tasche findet. Einunddreißig Sekunden, sagte später das Protokoll. Lenz zählte nicht mit. Sie hörte nur, wie es nach und nach abnahm und wie die Stimme, als sie wieder sprach, kein bisschen gröber geworden war.
„Das ist Karthos. Das ist die Kuppe vierhundertzwölf, am neunten Tag, ich stand neben dir, Anselm. Ich höre die Gewehre. Ich höre sogar Ladner, der nach seiner Mutter ruft, er ist am Nachmittag gefallen.“ Eine Pause. „Du wiederholst dich. Das tust du nur, wenn du müde bist, oder wenn es dich nicht mehr gibt. Ich weiß nicht, welches von beiden mir lieber wäre.“
„Er sagt es nicht“, flüsterte Lenz.
„Er sagt es nicht, weil er es nicht weiß“, sagte Vorsch.
„Ich komme, wenn ich so weit bin“, sagte Dreyer. „Nicht heute. Grüß die Funkerin von mir. Sie soll schlafen.“
Dann nahm das Rauschen die Frequenz zurück.
Keiner im Raum sagte etwas. Weller stand mit den Händen auf der Rückenlehne von Lenz’ Stuhl, den Kopf gesenkt, und die Hemdsärmel waren noch hochgekrempelt, als habe er etwas Schweres heben wollen.
„Er weiß es“, sagte er.
„Er vermutet es“, sagte Vorsch. „Das ist etwas anderes.“
„Es ist dasselbe, wenn er recht hat.“
Vorsch ging hinaus, ohne zu antworten. Weller folgte ihr. Lenz blieb allein am Pult, mit der Spule auf dem Teller und dem Kopfhörer um den Hals.
Es war ein schlechter Morgen, und sie dachte an etwas anderes.
An den Sender ohne Kennung. Jeden Abend, vier Minuten nach der Ansprache, sprach jemand auf dem Netz, ein Mann, der den Sprechknopf zu lange hielt und leise antwortete. Wir auch nicht, Herr Oberst. Sie hatte nach ihm gesucht, am zweiten Abend und am dritten, und hatte aufgehört. Man konnte nicht lange böse sein auf einen Mann, der dem Oberst antwortete.
Sie spulte das Band zurück. Sie ließ den Satz noch einmal laufen, den echten, mit dem Gewicht auf dem Wir und dem Feuer dahinter, und sie hörte ihm zu, bis er zu Ende war und das Band nur noch Schnee spielte. Dann legte sie die Spule in ihre Kiste und schrieb die Quelle in das Protokoll, wie sie jede Quelle in das Protokoll schrieb, genau und mit Spulennummer, weil sie Funkerin war und nicht anders konnte.
V. Das Tal
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 10 · 03:30 · Panzerkompanie (Hauptmann Sandner) an Stab: Hangnester geräumt. Vierzehn Leman Russ in Marsch zu Rinne und Gabel. Attrappen stehen.
Tag 10 · 04:00 · Oberst an alle: Halten. Kein Schritt zurück. Quelle: Befehlsarchiv, Spulen 77, 1904. Wiederholung alle fünfzehn Minuten.
Tag 10 · 06:12 · Offene Frequenz, Gegenseite, an Oberst: Anselm. Ich komme jetzt.
Tag 10 · 07:52 · Panzerkompanie an Stab: Spitze der Gegenseite im Talgrund, Abstand neunhundert Meter. Warten auf Befehl.
Tag 10 · 08:07 · Stab an Panzerkompanie: Feuer frei.
Tag 10 · 10:30 · Panzerkompanie an Stab: Verluste fünf Leman Russ. Gegenseite zieht sich zurück.
Tag 10 · 19:44 · Gegenstelle ohne Kennung an Oberst: Wir auch nicht, Herr Oberst. Das war gut.
Der Oberst hätte die Panzer eingegraben.
Weller wusste es so sicher, wie er wusste, wo die Bestandslisten lagen. Aschbach hätte die vierzehn Leman Russ in die Hangnester gestellt, die Wannen bis an die Turmringe im Fels, die Rohre über den Rand nach Osten, und er hätte gewartet, bis der Feind in sie hineinlief, und er hätte sie dort gelassen, bis das letzte Rohr verstummte. So hatte er es bei Karthos gemacht und auf jedem Feldzug davor. Dreyer wusste es auch. Dreyer hatte es zweimal miterlebt.
Er hatte also am Abend des neunten Tages die Hangnester räumen lassen.
Er hatte gerechnet. Wenn man wusste, was der Gegner erwartete, und wusste, dass er es sicher erwartete, dann war das Gegenteil nicht Wagemut, sondern Buchführung. Er hatte es Vorsch erklärt, die zugehört hatte wie jemand, der vor Gericht sitzt und die Rechnung nicht anfechten kann. Er hatte es Sandner erklärt, dem Hauptmann der Panzerkompanie, einem gedrungenen Mann mit schwarzen Fingernägeln und dem Humor eines Schiffbrüchigen. Der hatte erst ungläubig gelacht und dann zwei Stunden lang kein Wort gesagt. Und dann hatte Sandner die vierzehn Panzer in der Dunkelheit aus dem Fels gerollt, sieben in die Rinne und sieben in die Gabel, die beiden Felsspalten, die sich an der Südflanke des Talgrunds öffneten wie zwei Kiefer, und die Pioniere hatten in den leeren Nestern sieben Attrappen aufgestellt, Tannenholz und Plane und etwas Ofenrohr als Kanone.
Der Tote hielt. Er sprach alle fünfzehn Minuten aus den Lautsprechern des Hangs, Halten, kein Schritt zurück, in die leeren Nester hinein, und die Lebenden gingen.
Weller saß im Kommando-Chimera, am Eingang der Gabel, die Luke einen Spalt geöffnet. Kuhrt fuhr. Weller hatte ihn mitgenommen, ohne zu wissen warum, und Kuhrt hatte nichts gefragt. Er saß mit beiden Händen am Steuer und sah geradeaus, und manchmal bewegten sich seine Lippen.
Um sechs Uhr zwölf sagte Dreyer: „Anselm. Ich komme jetzt.“ In der Stimme lag kein Triumph, nur die Geduld eines Mannes, der einen Gast erwartet.
Dann begann die Artillerie. Sie traf den Hang, wie Weller es vorhergesehen hatte, die leeren Nester und die Attrappen und die Gräben dahinter, anderthalb Stunden lang. Er sah die Tannenholzpanzer brennen. Sieben kleine, saubere Feuer an einem Hang aus Schnee. Aus den Lautsprechern kam alle fünfzehn Minuten, durch den Rauch, die Stimme: Halten.
Um zehn vor acht rollten die Renegaten in den Talgrund.
Weller zählte sie, weil er nicht anders konnte. Vierundzwanzig Leman Russ in zwei Staffeln, die Rohre den Hang hinauf, die Flanken der Rinne und der Gabel zugekehrt, zwischen ihnen Chimera mit Infanterie, die noch nicht abgesessen war. Es sah aus wie ein Aufmarsch zu einer Parade.
„Neunhundert Meter“, meldete Sandner. „Wir warten auf Befehl.“
„Warten Sie.“
Kuhrt atmete hörbar. Weller hielt den Daumen auf dem Sprechknopf. Sechshundert Meter. Fünfhundert. Er hatte vierzehn Panzer mit je achtzehn Schuss, zweihundertzweiundfünfzig Granaten, und er wusste nicht, wie viele davon treffen würden. Er wusste nur, dass die Zahl nicht größer wurde, wenn er länger wartete, und dass die vierhundert Meter, die er ihnen geben wollte, die Entfernung waren, in der ein Leman Russ von der Seite nicht mehr abprallte.
Bei vierhundertzwanzig Metern drehte die erste feindliche Staffel die Türme.
Zu spät. Er hatte es nicht gewusst, er hatte es gehofft. Er sagte: „Feuer frei.“
Es war seine eigene Stimme. Sie klang schlechter, als er erwartet hatte, rau und ein wenig zu hoch, aber niemand hörte es, denn im selben Atemzug sprachen vierzehn Rohre.
Er hatte nie etwas Ähnliches gehört. Es war weniger ein Knall als ein Schlag auf den Brustkorb, der ihm die Luft aus den Lungen nahm, und dann ein zweiter, und der Schnee im Talgrund stieg auf in einem einzigen weißen Vorhang, aus dem es rot hervorleuchtete. Die erste Staffel lag mit den Flanken zur Rinne, und die Rinne schoss auf zweihundert Meter. Sieben Panzer brannten, bevor die anderen den Turm um das letzte Stück gedreht hatten. Einer ging in einem Stück hoch, der Turm stieg in die Luft wie ein Hut, den jemand lüftet, und fiel drei Wagenlängen weiter in den Schnee.
Dann antworteten sie.
Dreyers Panzer waren keine Strohpuppen. Sie schossen aus der Bewegung und aus dem Stand, auf die Mündungsfeuer in den Felsspalten, und die Granaten schlugen links und rechts vom Chimera in den Hang und warfen Steine, so groß wie Köpfe. Kuhrt duckte sich. Weller sah durch den Spalt, wie ein Leman Russ der Gabel, der Gamsbock mit dem weißen Horn am Turm, einen Treffer in die Bugplatte nahm und stehen blieb, den Rauch aus der Luke, und wie der Turm sich trotzdem weiterdrehte und noch einmal schoss.
„Sandner!“, rief er. „Sandner, Meldung!“
„Gabel hält.“ Es war die Stimme des Hauptmanns, ruhig und zu laut, jemand, der sich die Ohren zuhält und trotzdem weiterspricht. „Zwei Verluste. Ich ziehe Nummer vier und fünf nach vorn, wir schneiden sie ab. Gehen Sie aus der Leitung, Major.“
Er ging aus der Leitung. Es war das Klügste, was er an diesem Tag tat.
Um halb elf war der Talgrund still. Siebzehn der vierundzwanzig brannten, die übrigen sieben fuhren rückwärts nach Osten, die Chimera hinter sich lassend, und die abgesessene Infanterie rannte zwischen den Wracks in den Schnee, ohne sich umzusehen. Fünf von Sandners Panzern waren verloren. Sandner selbst saß auf dem Turm des Gamsbocks, den Helm im Schoß, und hustete schwarz.
Weller stieg aus dem Chimera und stellte fest, dass er nicht stehen konnte.
Er setzte sich auf die Kette. Kuhrt reichte ihm die Feldflasche, ohne ein Wort, und Weller trank und gab sie zurück und sah auf seine Hände, die zitterten.
Das Funkgerät im Chimera knackte. „Hier Funkraum“, sagte Lenz. „Offene Frequenz, Herr Major. Er will Sie sprechen. Er sagt, den Oberst.“
„Geben Sie ihn her.“
Das Rauschen hörte auf. Dreyer sprach, und die Freundlichkeit war noch in seiner Stimme, aber sie war dünner geworden, wie ein Tuch, das man zu oft gewaschen hat.
„Du hast die Nester nicht gehalten.“
Weller sagte nichts.
„Du hast sie nie verlassen. Nicht bei Karthos, nicht bei Eldrach, nicht an dem Tag, als sie dir den Befehl dazu geben wollten. Ich habe meine Panzer auf jede Stellung geschossen, in der du stehen würdest. Du bist nicht dort gewesen.“ Eine Pause. Der Wind trug Rauch über den Talgrund. „Das war nicht deine Hand, Anselm. Ich kenne jeden Zug davon seit vierzig Jahren, und das war eine andere.“
Weller sah auf den Schnee zwischen seinen Stiefeln. Kuhrt stand sehr still.
„Ich weiß nicht, wer du bist“, sagte Dreyer. „Aber das war gut.“
Dann nahm das Rauschen ihn wieder.
Weller blieb auf der Kette sitzen, bis die Brände unten kleiner wurden. Es war das erste Mal seit dem zweiten Tag, dass er einen Befehl mit der eigenen Stimme gegeben hatte. Der Tote hatte nicht geholfen, und niemand hatte es gemerkt, und das war, so schien es ihm, das Schlimmste daran. Er hatte den Oberst nicht kopiert. Er hatte ihn überholt, und es gab niemanden, dem er es sagen konnte.
Hinter ihm räusperte sich Kuhrt. Er sagte nichts. Er hielt die Hand ein Stück ausgestreckt, wie jemand, der jemandem aufhelfen will und nicht weiß, ob er darf.
Weller nahm sie.
VI. Sollbach
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 11 · 02:15 · Sanitätsbunker an Stab: Stromausfall, Kühlaggregat steht. Generator Süd beschädigt.
Tag 11 · 02:41 · Sanitätsbunker an Stab: Reparatur abgeschlossen. Kühlkammer wieder bei minus vier Grad.
Tag 11 · 19:40 · Oberst an alle (Abendansprache). Quelle: Befehlsarchiv, Spulen 112, 1530, 2291.
Tag 11 · 19:44 · Gegenstelle ohne Kennung an Oberst: Wir auch nicht, Herr Oberst. Wir sind müde.
Um fünfzehn Minuten nach zwei fiel der Strom aus, und Vorsch saß im Dunkeln.
Sie hörte das Kühlaggregat leiser werden, so wie ein Tier leiser wird, das sich hinlegt. Es war nichts Neues, dass sie hier saß. Sie kam seit der ersten Nacht, zehn Minuten oder zwanzig, auf dem umgedrehten Blutkasten neben der Stahlablage, und sie hatte sich nie gefragt, warum, weil die Antwort nicht gut genug gewesen wäre. Sie schrieb jeden Abend in ihr Heft, eine Seite pro Tag, mit Uhrzeit und Ort und Zeugen, und las sie niemandem vor. Und dann ging sie hierher und sagte dem Toten, was sie sonst nirgends sagen durfte.
„Wir haben Ihre Panzer ausgegraben, Herr Oberst“, sagte sie in die Dunkelheit. „Weller hat Ihre Methode umgedreht und siebzehn von vierundzwanzig vernichtet. Sie hätten ihn dafür degradiert.“
Der Oberst antwortete nicht. Er war ein guter Zuhörer geworden.
„Ich habe vor zwölf Jahren einen Hauptmann erschießen lassen“, sagte sie, „weil er dem Regiment verschwiegen hat, dass die Verstärkung nicht kommt. Ich habe es damals für richtig gehalten. Ich halte es noch immer für richtig.“ Sie lauschte. „Das ist das Schlimmste daran.“
Schritte.
Sie kamen aus dem Versorgungsgang, schwer und gleichmäßig, die Schritte eines Mannes, der es gewohnt war, unter Last zu gehen. Sie stand auf, ohne es zu merken. Die Tür ging auf, und ein Lampenkegel schnitt in den Raum, über die Kacheln, über die Regale mit den Blutbeuteln, und blieb auf der Stahlablage liegen.
Das Gesicht des Toten lag sofort im Licht, grau und friedlich, die gefalteten Hände darunter.
Vorsch hatte die Pistole in der Hand. Sie wusste nicht, wann sie sie gezogen hatte.
Im Licht stand Feldwebel Sollbach, die Mütze in der linken Hand, die Lampe in der rechten. Er hatte kurz hinter der Schwelle angehalten und sah auf den Oberst, nicht auf die Waffe. Er sah ihn an, wie man einen Mann ansieht, dessen Adresse man gehabt hat und der nie zu Hause war.
„Schließen Sie die Tür“, sagte sie.
Er schloss sie. Die Lampe zeigte ihr sein Gesicht von unten, die Narbe, den kurzen Hals, die Backenknochen wie zwei Fäuste. Es war kein Gesicht, das etwas zugab. Aber der Mund hatte sich verändert. Er stand offen, als hätte er einen Satz begonnen und ihn nicht weiter hinausgebracht.
„Ich weiß es seit Tag drei“, sagte er.
Sie hatte erwartet, dass er etwas fragte. Dass er sich entsetzte, oder wenigstens überrascht tat. Stattdessen sagte er es hart, ohne Vorwurf im Wortlaut, aber mit etwas darunter, das sie in dreißig Dienstjahren als Wut zu lesen gelernt hatte: die Wut eines Mannes, der acht Tage lang etwas gewusst und niemanden gehabt hatte, dem er es sagen durfte. Sie senkte die Pistole nicht.
„Seit Tag drei“, wiederholte sie. „Wer hat es Ihnen gesagt?“
„Niemand.“
„Dann haben Sie es erraten.“
„Ja.“
Das Wort hatte keinen Spielraum. Sie hatte Männer verhört, die logen, und Männer, die nicht logen, und sie hatte gelernt, dass es einen Ton gab, an dem man nicht weiterfragte. Er hatte ihn. Sie fragte nicht weiter.
„Wer noch?“
„Keiner, den ich kenne.“
Sie sah ihn an. Sollbach kannte jeden Mann im Regiment mit Namen, dreitausend Namen, und er kannte die Namen ihrer Väter und die Gerüche ihrer Schlafsäcke. Wenn er sagte, keiner, den er kenne, dann gab es keinen.
„Und Sie haben acht Tage geschwiegen.“
„Ich habe Suppe ausgeteilt.“ Er sagte es, ohne dass sich etwas in seinem Gesicht regte. „Und gewartet, ob Sie es mir sagen.“
„Das war nicht vorgesehen.“
„Das merkt man.“
Sie dachte, dass sie ihn erschießen müsste. Das war der Wortlaut der Ordnung und ihr Beruf. Dreißig Jahre lang war sie das gewesen: ein Mensch, der wusste, was zu tun war, und es tat, bevor er sich die Frage stellte, ob es richtig war. Sie hob die Pistole noch ein Stück und sah, dass er es bemerkte und nicht zuckte, und sie begriff, dass sie die ganze Zeit etwas anderes hatte tun wollen, nämlich sich hinsetzen.
Sie steckte die Pistole weg.
„Er hat immer gesagt, er geht keinen Schritt zurück“, sagte Sollbach.
„Das hat er.“
„Und?“ Er nickte zur Stahlablage. „Hat er keinen getan.“
Es war ein schwarzer Scherz, und er sagte ihn so ernst, dass sie nicht lachen konnte.
„Dreyer kommt“, sagte Sollbach. „In drei Tagen, vielleicht vier. Mit allem, was er hat.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich es täte. Er hat gestern gesehen, dass der Alte nicht mehr der Alte ist. Das lässt er nicht stehen. Er braucht drei Tage, um die Bataillone zu sammeln.“
„Wir haben ihm siebzehn Panzer abgenommen.“
„Sie haben Siege gesehen.“ Er drehte die Mütze in den Händen. „Die Jungs. Sie haben Siege gesehen, aber das ist nicht Mut. Mut kommt von dem, woran man sich festhält, und sie halten sich an einer Stimme fest. Eine Stimme ist ein Gerücht.“ Er sprach langsam, wie jemand, der das schon lange mit sich herumträgt und es zum ersten Mal ausspricht. „Ich habe sie gemacht, Frau Kommissarin. Ich weiß, wann sie brechen. Sie sind leer. Wenn Dreyer in drei Tagen kommt, brechen sie auf halber Linie, wenn sie nicht etwas sehen.“
„Ihn.“
„Ihn.“
„Er ist tot, Feldwebel.“
„Er ist gefroren“, sagte Sollbach. „Das ist ein Unterschied. In der Haltung.“
Vorsch öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie wollte sagen, dass es Leichenschändung war, dass es ein Verstoß gegen sechs Paragrafen war, dass es gegen alles verstieß, was sie unterschrieben hatte. Sie sagte: „Er muss stehen.“
„Ja.“
„Wie?“
„Das weiß der Major. Er ist der Mann mit den Listen.“
Sie sah noch einmal auf das Gesicht des Obersten, das friedlich und fremd in der Dunkelheit lag, ein Gesicht, das sie sechs Jahre lang gekannt hatte und nie sehr gemocht.
„Wenn es vorbei ist, schreibe ich es auf“, sagte sie. „Mit dem richtigen Datum.“
„Das sollen Sie“, sagte Sollbach.
Er setzte die Mütze auf und ging. Sie hörte seine Schritte den Versorgungsgang hinab, schwer und gleichmäßig, bis der Fels sie schluckte.
Um einundvierzig nach zwei sprang das Aggregat wieder an. Die Lampe an der Decke flackerte und blieb dann hell. Der Oberst lag im Licht, grau, mit gefalteten Händen, und sah an die Decke, wie er es bei Tag und bei Nacht tat. Sie löschte die Lampe wieder.
VII. Der Aufrechte
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 14 · 04:20 · Beobachtungsposten Kamm an Stab: Artillerie der Gegenseite, alle Rohre. Ziel Kamm und Hang.
Tag 14 · 06:31 · Stab an alle: Oberst fährt die Linie ab.
Tag 14 · 06:38 · Oberst an alle: Der Berg gibt nichts her. Quelle: Befehlsarchiv, Spule 112. Wiederholung alle drei Minuten.
Tag 14 · 06:39 · Kanal 0: Sprechchor, Stärke nicht erfasst, Pegel übersteuert. Wir auch nicht.
Tag 14 · 17:10 · Mittelabschnitt an Stab: Feind weicht. Linie steht.
Tag 14 · 19:44 · Gegenstelle ohne Kennung an Oberst: Wir auch nicht, Herr Oberst. Danke.
Kuhrt gab dem Oberst den Hut zurück.
Er tat es um drei Uhr morgens in der Kühlkammer, vor vier Leuten, und er hatte den Hut zwölf Tage lang am Gürtel getragen, bis der Gamsbart nach Kälte roch und nach der Hand, die ihn immer wieder glatt gestrichen hatte. Er setzte ihn dem Toten auf, wie man es einem Lebenden tut, mit zwei Fingern am Rand, und rückte ihn ein Stück nach links, weil der Alte ihn immer ein wenig links getragen hatte. Es war das Genaueste, was er je getan hatte.
„Ein bisschen höher“, sagte Vorsch.
Er rückte ihn höher.
Das Gestell hatte Weller beim Munitorum losgeeist, mit einem Antrag, der drei Stempel brauchte, und er hatte alle drei selbst gesetzt. Es war ein Ladegestell für den Geschützdienst, ein Gerüst aus Stahlrohr mit zwei hydraulischen Armen und Gurten für Hüfte und Brust, in dem ein Mann Granaten in ein Geschütz heben konnte, ohne sich zu bücken. Sie hatten es neben die Stahlablage gestellt, und dann hatten sie den Oberst hineingehoben, zu fünft, den Rücken gegen die Rohre gelehnt, das Gesicht gegen die Decke. Er war hart wie ein Brett. Es hatte etwas Unanständiges, wie leicht er sich richten ließ.
Sollbach zog die Gurte an. Lenz hielt die Lampe. Weller stand an der Tür, die Hände hinter dem Rücken, und sah dem Toten ins Gesicht, wie ein Mann, der eine Rechnung noch einmal nachliest, bevor er sie abschickt. Dann sagte er: „Fertig.“ Er sagte es sehr leise.
Der Oberst stand. Die Arme hielten den Mantel vorn auf, so wie er es getan hatte, wenn er etwas zählte, und der Hut saß ein wenig links, und das Gesicht war ruhig. Er sah auf einen Punkt über ihre Köpfe.
„Er hat nie krumm gestanden“, sagte Vorsch, und es war das Einzige, was jemand sagte.
Um zwanzig nach vier kam die Artillerie.
Es war nicht mehr das Hämmern der ersten Tage. Dreyer hatte alles zusammengezogen, was er besaß, und auf den Kamm und den Hang gerichtet, und es fiel ohne Pausen. Der Fels bebte. Staub kam aus den Rissen im Bunker, und Kuhrt, der auf dem Fahrersitz saß und auf Weller wartete, hörte seine eigenen Zähne gegeneinanderschlagen.
Um sechs Uhr siebenundzwanzig hörte es auf.
Er hörte die Stille, die danach kam, und sah in der Sehscharte die Linie der Renegaten über den Schnee hereinkommen, in einer Breite von zwei Kilometern, Männer in Schwarz und Grau und in den Resten von drei Regimentsuniformen, und er sah, wie die Hochtarner in den Gräben die Gewehre hoben. Es waren noch etwa zweitausend. Er sah sie von hinten, die Rücken gebeugt, und er sah, was Sollbach meinte. Man hatte ihnen im Lauf der Tage etwas herausgeschnitten, ein Stück nach dem anderen, bis sie nur noch aus Haltung bestanden.
„Fahren“, sagte Weller, hinter ihm im Dunkeln.
Er fuhr.
Gams Eins schob sich aus dem Schatten des Hangs, den Turm voran, und auf dem Turm stand der Oberst. Kuhrt sah es nicht, er sah durch die Sehscharte nur den Graben, aber er hörte es: Die Lautsprecher am Chimera sprachen. Der Berg gibt nichts her. Es kam über die ganze Linie, laut und rau, die Stimme aus Spule einhundertzwölf, und danach wieder, und dann sah er die Köpfe.
Sie drehten sich zum Turm, einer nach dem anderen. Er sah sie sehen. Sie sahen zu dem hinauf, der auf dem Fahrzeug stand, den Hut ein wenig links, den Mantel offen. Dann sahen sie den Mann neben sich an. Es war ein sehr kurzer Blick.
„Wir auch nicht“, sagte jemand.
Es war ein einzelner Mann, links vom Chimera, irgendwo im Graben, und er sagte es nicht laut. Dann sagte es der Mann neben ihm. Dann alle.
Es ging wie eine Welle durch den Graben, die sich nicht überschlägt, und es wurde lauter, je weiter der Chimera fuhr, ein Wir auch nicht, ein Wir auch nicht, zweitausend Mal. Kuhrt hörte es durch Panzerplatte und Motorenlärm, und er hörte, dass das Gewicht auf dem Wir lag, wie immer.
Er hielt das Steuer fest, weil er die Hände sonst nicht hätte beherrschen können.
Die Renegaten kamen. Sie kamen bis auf dreihundert Meter und dann auf zweihundert, und die Hochtarner schossen, wie Männer schießen, die vorher nicht wussten, ob sie noch konnten, und er hörte die Treffer auf dem Chimera, Splitter und Streifschüsse, dumpf wie Faustschläge auf eine Tür. Sie schossen auf den Turm. Natürlich schossen sie auf den Turm. Der Oberst bekam in diesen Stunden mehr Treffer ab als in dreißig Dienstjahren, im Mantel, im Ärmel, einmal in die Schulter, und er blutete nicht, und die Männer sahen auch das.
Um zwanzig nach elf riss die linke Kette. Es gab einen Schlag, der den Chimera quer stellte, und Weller schrie nach dem Fahrer, und Kuhrt sagte: „Es geht noch.“ Er fuhr auf einer Kette weiter. Der Chimera zog einen Halbkreis in den Schnee, schief und schwerfällig, mit knirschendem Laufwerk, und das Gestell auf dem Turm bog sich unter den Erschütterungen, und der Hut fiel.
Er sah ihn durch die Sehscharte vom Turm kippen, mit dem Gamsbart voran, in den Schnee des Grabenrandes.
„Halten“, sagte er. Er sagte es nicht zu Weller. „Halten, Herr Major.“
Er riss die Luke auf und stieg aus. Der Körper entschied es für ihn. Er sprang in den Schnee, in das Feuer, hundert Schritte von den Renegaten, und hob den Hut auf. Dreck und Eis daran, der Bart halb ausgerissen. Er klopfte ihn an der Hose ab. Er kletterte auf die Kette, auf den Turm, an der Seite des Toten, in den Kugelhagel, der ihm links und rechts in die Panzerplatte schlug, und setzte dem Oberst den Hut auf. Mit zwei Fingern am Rand. Ein wenig höher. Ein wenig nach links.
Es wurde sehr still.
Er stand auf dem Turm, neben einem toten Mann, im Feuer, und zweitausend Hochtarner sahen ihm zu. Dann brüllten sie. Er hatte nicht geglaubt, dass ein Mensch so brüllen konnte. Es war nur noch das Wir darin, und es rollte über den Kamm bis zum Hang und zurück.
Die Renegaten kamen nicht durch.
Sie versuchten es noch viermal. Um dreizehn Uhr brach Dreyer im Nordabschnitt ein Stück aus der Linie, zweihundert Meter, und Sollbach stand selbst im Graben und schrie, und der Chimera fuhr, so schwer er konnte, an der Lücke vorbei, einmal und noch einmal, bis sie sich schloss. Um zehn nach fünf wichen sie. Der Schnee vor dem Kamm war schwarz von ihnen.
Um achtzehn Uhr zwei knackte das Funkgerät.
„Offene Frequenz“, sagte Lenz leise. „Er will Sie sprechen, Herr Major.“
„Geben Sie.“
„Anselm.“ Es war nur das Rauschen und eine Stimme, die sehr müde war. „Ich habe ihn gesehen. Heute Mittag, durch das Glas, auf deinem Turm. Er stand sehr gerade. So wie früher.“
Weller sagte nichts. Kuhrt, der den Kopf in den Nacken gelegt hatte, sah durch die offene Luke zu dem Mann auf dem Turm hinauf, der noch immer stand, den Hut ein wenig links, den Mantel durchlöchert und offen, und den Kopf, so schien es ihm, ein wenig geneigt, als höre er zu.
„Wer immer ihm die Briefe getippt hat“, sagte Dreyer, „er hat ihn gut gehalten. Ich ziehe ab. Es hat keinen Zweck, gegen einen zu kämpfen, der nicht mehr umfallen kann.“
Eine Pause.
„Grüß ihn von mir.“
Dann war das Rauschen wieder da, und in der Dunkelheit draußen begann irgendwo im Graben jemand sehr leise zu singen, etwas Altes aus den Bergen, und dann sangen mehr.
VIII. Die Zählung
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 14 · 19:02 · Stab an Division: Sattel gehalten. Oberst Aschbach tot. Kommando übernommen Major Weller. Näheres bei Prüfung. Gez. Weller.
Tag 17 · 09:00 · Abgleichkanzlei Valmark Süd an Stab: Subadjutrix Marlow trifft ein. Prüfauftrag: Kommandoübergang, Aktenschluss.
Tag 17 · 09:50 · Prüfvermerk Marlow: Funkprotokoll Tag 02 bis Tag 14 liegt vor. Führung ungewöhnlich sorgfältig.
Tag 17 · 10:15 · Prüfvermerk Marlow: Todeszeitpunkt Oberst Aschbach nach Befund des Sanitätshauptmanns Tag 02, nicht Tag 14.
Das Munitorum hatte für den Tod eines Regimentskommandeurs den Vordruck 14-B, für die Übernahme des Kommandos den Vordruck 14-C und für den Fall, dass der Kommandeur nach seinem Tod noch zwölf Tage lang Befehle gab, nichts.
Subadjutrix Marlow wusste das, weil sie den Katalog auswendig kannte. Sie war einunddreißig, hager, mit einem Aktenkoffer, in dem sich Vordrucke, Stempel und eine Thermosflasche befanden, und sie war aus der Abgleichkanzlei Valmark Süd mit der ersten Entsatzkolonne den Sattel hinaufgefahren, weil die Division den Kommandowechsel des Regiments dort oben für eine Formsache hielt. Sie hatte das auch gedacht. Bis sie den Platz sah.
Er lag hinter dem Hang, eine Mulde im Fels, in der man Appelle abhielt, und mitten darauf stand ein Chimera, die linke Kette gerissen, die Wanne von Einschlägen genarbt, mit einem Gestell aus Stahlrohr auf dem Turm. Neben dem Chimera stand ein Klappstuhl aus Kiefernholz, leer, mit einer eingebrannten Gams auf der Lehne, den jemand dort hingestellt hatte, ohne dass einer es erklärte. Im Gestell stand ein Mann in einem Mantel. Er hatte einen Hut auf, ein wenig nach links gerückt, mit einem angesengten Gamsbart. Der Mantel war an vielen Stellen durchschossen.
Rundum arbeiteten die Hochtarner. Sie trugen Verwundete und Wasserkanister, sie flickten Zelte und reihten Munition auf, und keiner von ihnen sah zu dem Chimera hin. Es war auffälliger, als wenn sie es getan hätten.
„Major Weller“, sagte sie.
„Frau Subadjutrix.“ Weller war ein großer, gebeugter Mann mit offenem Kragen. Er hatte Ringe unter den Augen wie Untertassen, und er stand vor ihr, als hätte er auf sie gewartet und gleichzeitig gehofft, sie käme nie. „Das ist Oberst Aschbach.“
„Seit wann steht er dort?“
„Seit Tag vierzehn, sechs Uhr einunddreißig.“
„Und seit wann ist er tot?“
Er sah sie lange an, wie jemand, der eine Last absetzt und noch nicht weiß, ob er sie wieder aufnehmen muss.
„Seit Tag zwei. Vierzehn Uhr sieben.“
Marlow nahm den Stift und schrieb es auf. Sie schrieb länger, als nötig gewesen wäre, weil sie die Zahl dreimal ansetzte. Die Sonne stand tief über dem Kamm, und der Mann im Gestell warf einen langen Schatten über den Platz.
„Zwölf Tage“, sagte sie.
„Dreizehn. Mit dem Tag, an dem er fiel.“
„Der Sanitätshauptmann sagt, der Splitter unter dem Ohr ist alt. Er sagt, die Treffer im Mantel haben nicht geblutet.“
„Nein.“
„Wer wusste es?“
„Frau Kommissarin Vorsch. Gefreiter Kuhrt, der ihn getragen hat. Funkerin Lenz, die seine Stimme geschnitten hat.“ Weller stockte. „Und ich. Sonst niemand.“
„Vier.“
„Vier, Frau Subadjutrix.“
„Und Sie haben dreitausend Mann dreizehn Tage lang von einem Toten führen lassen, ohne dass es einer merkte.“
„Ja“, sagte Weller.
Sie sah wieder auf den Chimera, dann auf die Männer, die nicht hinsahen. Etwas daran stimmte nicht, und sie fand es nicht, weil sie es nicht suchte. Sie suchte einen Paragrafen.
„Ich werde jeden Zug fragen“, sagte sie.
„Das ist Ihr Recht.“
Es dauerte zwei Stunden, sie antreten zu lassen. Sie standen in der Mulde, nach Zügen geordnet, in Reihen, die nicht gerade waren, weil keiner mehr die Kraft hatte, gerade zu stehen. Es waren siebzehnhundertachtundvierzig Mann. Sie zählte es später nach, weil sie nicht anders konnte. Vor Tag eins waren es dreitausendeinhundert gewesen.
Marlow stieg auf eine Munitionskiste. Sie war nicht groß, und die Kiste half nur wenig. Sie hatte sich die Rede nicht zurechtgelegt, sie hatte nie Reden gehalten, aber sie hatte einen Satz, und den sprach sie so laut, wie sie konnte, ohne dass die Stimme ihr wegbrach.
„Ich bin Subadjutrix Marlow, Abgleichkanzlei Valmark Süd. Ich frage jeden Zug einzeln. Wer wusste, dass der Oberst tot war?“
Der Wind ging über den Platz.
Es war sehr still. Sie hörte eine Zeltbahn knattern und in den hinteren Reihen einen Husten, der sofort erstickt wurde. Sie wartete. Sie hatte gelernt zu warten, in einem Beruf, der aus nichts anderem bestand.
„Erstes Bataillon, Erste Kompanie, Erster Zug?“
„Nein, Frau Subadjutrix“, sagte der Zugführer. Er sagte es sehr deutlich, den Blick geradeaus.
„Zweiter Zug?“
„Nein.“
Sie fragte weiter, Zug für Zug, durch die Kompanien, durch die Bataillone. Fünfunddreißig Mal bekam sie dasselbe Wort, in verschiedenen Stimmen, hoch und tief und heiser, und jedes Mal war es das Wort, das man ihr hätte erwarten lassen, und trotzdem klang es nicht wie eine Lüge. Es klang wie etwas, das man bei sich trägt, um nicht fallen zu lassen. Sie sah in die Gesichter. Männer, die nicht aufsahen. Männer, die sie ansahen und nichts darin zeigten. Ein alter Soldat mit grauem Bart, der sehr leise weinte, ohne dass sich etwas in seinem Gesicht bewegte.
Als sie bei der Stabskompanie ankam, trat Weller vor, ehe sie die Frage gestellt hatte.
Er trat nicht weit vor. Zwei Schritte, die Hacken zusammen, mit offenem Kragen, und er sah zur Kiste hinauf wie ein Mann, der eine Treppe ansieht.
„Ich“, sagte er. „Seit Tag zwei, vierzehn Uhr einundzwanzig. Ich habe die Meldung abgeschickt und die Stimme befohlen und den Rest, und es war meine Entscheidung. Die Kommissarin hat es gedeckt, weil ich ihr keine andere ließ.“
Vorsch trat aus der Reihe, einen Schritt hinter ihm. „Ich auch.“
„Gefreiter Kuhrt, Stabskompanie, Zweiter Zug“, sagte Kuhrt, ohne dass jemand ihn fragte.
„Funkerin Lenz.“
Vier Personen standen in der Mulde, vor siebzehnhundertachtundvierzig Männern, und der Wind ging über sie hinweg. Marlow sah auf ihr Heft. Sie schrieb Vier, und sie unterstrich es, und sie fühlte, dass etwas daran nicht ging, wie eine Zahl, die man abgeschrieben hat und die in der Summe nicht aufgeht, ohne dass man den Fehler findet.
Sie stieg von der Kiste.
Epilog. Zweimal gefragt
FUNKPROTOKOLL · Regimentsnetz 14. Hochtarn Gebirgsjäger · Sattel von Ormund
Tag 17 · 15:20 · Prüfvermerk Marlow: Kanal 0, Tag 02 bis Tag 14. Dreizehn Antworten auf Ansprachen des Obersten, Absender ohne Kennung. Geräte: dreizehn verschiedene, aus allen Teilen des Regiments.
Tag 17 · 15:24 · Prüfvermerk Marlow: Tag 14, 19:44. Antwort ohne vorangegangene Ansprache.
Tag 17 · 16:05 · Prüfvermerk Marlow: Frage wird wiederholt.
Tag 19 · 11:00 · Stab an alle: Begräbnis des Obersten. Antreten auf dem Platz.
Wenn Marlow etwas nicht begriff, ging sie zu den Zahlen.
Lenz saß noch am Pult. Sie hatte sich nicht gewehrt, als die Subadjutrix die Kisten verlangte, die Spulen und das Protokoll, sie hatte nur gefragt, ob sie dabei sein dürfe, wie jemand, der zusehen will, wie sein Haus durchsucht wird. Marlow las. Das Protokoll war das Ungewöhnlichste, was sie je in der Hand gehalten hatte: Jede Sendung stand mit Uhrzeit, Absender, Empfänger und Quelle darin, jede Spulennummer, jede Zusammensetzung, als hätte jemand Buch geführt für einen Prozess, den er selbst nicht führen würde.
„Sie haben die Quellen hingeschrieben“, sagte Marlow.
„Ich bin Funkerin.“ Lenz hob die Schultern. „Man schreibt hin, woher etwas kommt. Gebeten hat mich niemand, es zu lassen.“
„Hat je jemand dieses Protokoll gelesen?“
„Sie, Frau Subadjutrix.“
Marlow blätterte. Es gab da eine Sendung, die jeden Abend wiederkehrte, vier Minuten nach der Ansprache, ohne Kennung, ein Satz von immer demselben Wortlaut mit einem kleinen Zusatz, der sich von Tag zu Tag änderte. Wir auch nicht, Herr Oberst. Lenz hatte die Gerätenummern mitgeschrieben, weil das Gerät sie lieferte, und sie standen in der Spalte ganz rechts, die niemand las. Marlow las sie. Gerät 0412, zweites Bataillon. Gerät 1108, erstes. Gerät 3340, viertes. Sie legte die Zettel nebeneinander wie Karten. Dreizehn Abende, dreizehn verschiedene Geräte, keines zweimal.
Und eine letzte Zeile. Am vierzehnten Tag hatte es keine Ansprache gegeben, und trotzdem stand um vierundvierzig nach sieben eine Antwort da. Danke.
„Wer antwortet auf nichts?“
Lenz sah auf ihre Hände. „Einer, der weiß, dass nichts kommt.“
Marlow saß lange still. Sie dachte nicht an Vordrucke. Sie dachte, dass man, um an dreizehn Abenden von dreizehn Stellen dem Oberst zu antworten, mehr als vier Mitwisser brauchte, und dass auf dem Platz zu viel Stille gewesen war für vier.
Sie ging hinaus und stieg wieder auf die Kiste.
Sie standen noch in der Mulde. Niemand hatte sie entlassen, und niemand war gegangen. Der Schatten des Chimera hatte sich über den ganzen Platz gelegt, bis an die Stiefel der ersten Reihe.
„Vier Personen haben gestanden“, sagte Marlow. „Das Funkprotokoll sagt, es waren mehr. Es nennt dreizehn Geräte aus dem ganzen Regiment und eine Antwort auf eine Ansprache, die es nicht gegeben hat. Ich lese die Frage ein zweites Mal vor.“
Sie holte Luft.
„Wer wusste, dass der Oberst tot war?“
Eine Weile geschah nichts. Dann sagte Sollbach, der in der ersten Reihe der Stabskompanie stand, mit seiner dunklen Stimme: „Tag drei, Frau Subadjutrix.“
„Tag drei“, sagte ein Mann hinter ihm.
„Tag vier.“
„Tag drei.“
„Tag fünf. Wir lagen draußen auf der Zahnspitze, bis zur Ablösung.“
„Tag drei.“
Es lief über den Platz, zuerst zögernd, ein einzelner Mann, dann zwei, dann Reihe für Reihe, Zug für Zug, wie sie vorhin ihr Nein gesagt hatten, nur dass es jetzt ein anderes Wort war und von allen zugleich. Tag drei. Tag drei. Tag vier. Tag fünf. Ein alter Soldat mit grauem Bart sagte „Tag vier“ und fing an zu weinen, und kein Mensch drehte den Kopf nach ihm. Marlow stand auf der Kiste und hörte zu. Sie hatte eine Zahl erwartet. Sie bekam dreitausend.
„Wer hat es Ihnen gesagt?“, fragte sie Sollbach.
„Das behalte ich bei mir.“
„Gefreiter Kuhrt.“
Kuhrt trat noch einmal vor. Er sagte es leise. „Ich habe es am zweiten Abend dem Mann neben mir gesagt, im Graben. Pfeil. Ich habe es nicht ausgehalten. Ich habe gesagt: Sag es keinem.“
„Und Pfeil?“
„Pfeil ist am Kamm gefallen. Am vierzehnten.“ Kuhrt schluckte. „Er hat es dem Nächsten gesagt, hat er mir erzählt. Mit denselben Worten.“
„Mit welchen Worten?“
„Sag es keinem.“
Hinter ihm sagte ein Mann: „Ich habe es von Pfeil.“ Neben ihm ein anderer: „Ich von dem da.“ Und ein Dritter: „Ich hab’s gesagt, dass ich’s gehört hab. Sag es keinem, hab ich gesagt.“ Es kam von allen Seiten, in allen Dialekten des Hochlands, und es klang jedes Mal gleich, ein Satz, der durch dreitausend Mäuler gegangen war und nichts verloren hatte.
Dann traten neun Männer aus der hintersten Reihe vor, in Fetzen von Uniformen, und der Älteste von ihnen sagte: „Drittes Bataillon. Tag drei, vor Sonnenaufgang.“ Sie standen nebeneinander, und der Älteste sagte, ohne dass jemand fragte: „Wir sagen es für sechshundertelf.“
Marlow wusste nicht, was sie dazu hätte sagen können, und es gab auch nichts.
Siebzehnhundertachtundvierzig Lebende nannten ihren Tag. Für die tausenddreihundertzweiundfünfzig Toten sprachen die, die neben ihnen gelegen hatten, und sie wussten es, weil jeder wusste, von wem er es hatte und wem er es gegeben hatte, und die Kette schloss sich bis zu jedem Namen in den Büchern. Es dauerte bis zum Abend.
Wer in den Vorfeldlöchern lag oder in den Stollen oder auf der Zahnspitze, erfuhr es mit der Ablösung, am dritten Tag, am vierten, am fünften. Jeder hatte es für ein Geheimnis gehalten, das nur er kannte und der eine Mann, der es ihm gegeben hatte. Jeder hatte es dem Nächsten zugesteckt wie eine Last, die sich nur teilen ließ, und war dann am nächsten Abend im Graben gestanden und hatte dem Oberst zugejubelt, damit der Nebenmann nicht merkte, dass er es wusste. Dreitausendeinhundert Mann hatten dreizehn Tage lang vor Weller und vor Vorsch so getan, als glaubten sie an einen lebenden Oberst, und jeder hatte sich für den Einzigen gehalten, der schwieg, um die anderen zu schonen.
Die Linie hatte nicht dem Toten gehalten, sondern sich selbst.
Am Abend schlug Marlow in ihrem Zelt die Felddienstordnung des Astra Militarum auf, Abschnitt Führung, Paragraf vierzehn, und las ihn, bis sie ihn auswendig konnte. Er kannte den Dienstältesten, den Adjutanten, den Kommissar und den Zeugen, die es nicht verschweigen durften, und er kannte für jeden von ihnen dieselbe Strafe. Er kannte, wenn man ihn recht las, höchstens ein Dutzend Mitwisser. Für dreitausendeinhundert hatte er nichts. Es war nie jemand auf den Gedanken gekommen, dass so viele schweigen könnten.
Sie suchte in den Anhängen, in den Ausführungsbestimmungen, in den Mustern für Kriegsgerichtsverfahren, und sie fand keinen Paragrafen, der ein Regiment erschoss, das einen Pass gehalten hatte.
Am nächsten Morgen legte sie Vorsch die Verlustliste vor, die letzte Seite, auf der die Kommandeure standen. Der Vordruck 14-B verlangte die Unterschrift des Kommissars.
Vorsch nahm den Federhalter. Sie stand eine Weile über dem Blatt, die Spitze in der Luft, und Marlow sah, dass die Hand nicht zitterte, aber dass sie lange brauchte, um sich zu entschließen, sie zu senken. Dann schrieb sie.
Oberst Anselm Aschbach, gefallen am vierzehnten Tag in der Schlacht um den Sattel von Ormund.
„Das stimmt nicht“, sagte Marlow.
„Es steht jetzt so da.“
„Ich bin hier, um die Akte zu schließen.“
„Dann schließen Sie sie.“ Vorsch gab ihr den Federhalter zurück. „Meine eigene ist vollständig. Mit Uhrzeit und Ort und Zeugen, Tag für Tag. Sie liegt in meinem Koffer, und ich werde ihn nicht öffnen.“
Marlow sah auf die Zeile. Sie hatte im Koffer für jeden Fall einen Vordruck und einen Stempel, und für das, was sie jetzt tat, gab es keinen. Sie setzte den Stempel. Er schlug mit einem dumpfen Laut auf das Papier, und so stand es in den Akten.
Am neunzehnten Tag begruben sie ihn in der Mulde unter dem Kamm, in einem Sarg aus Kiefernholz, den die Pioniere in einer Nacht gezimmert hatten. Kuhrt löste die Gurte am Gestell, einen nach dem anderen, und nahm ihm den Hut ab, und trug ihn dann mit sieben anderen, die keiner bestimmt hatte, über den Platz.
Auf dem Platz stand ein Klappstuhl aus Kiefernholz, mit einer Gams auf der Lehne. Er war leer. Er war immer leer gewesen.
Siebzehnhundertachtundvierzig Männer standen vor dem Stuhl in der Mulde, in Reihen, die nicht gerade waren, und als der Hornist den Ruf blies, hoben sie die Hand an die Mütze, alle zugleich, und grüßten ihn.
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