Wiedergründung
Astra Militarum (1. Askerholder Stadtpanzerregiment, „Die Städte“) Iron Warriors (Kriegsband, hält die Festung Karstein)
Schauplatz: Karstein
„Eine Stadt besteht, solange ihre Glocke hängt.“
Gesetz der Städte, Artikel zwölf
I. Karstein
GESETZ DER STÄDTE · Artikel zwölf
„Eine Stadt besteht, solange ihre Glocke hängt.“
In das Ratsbuch vor die erste Seite geschrieben; vom Landammann bei der Übernahme des Buches zu lesen. Jahr 955.M41.
Ludger Tessmar zählte die Rathäuser, wie er sie seit dreiundfünfzig Jahren zählte, mit den Augen, ohne den Kopf zu bewegen.
Er stand auf der Kuppe, die man die Ratshöhe nannte, weil der Rat sie am ersten Abend gewählt hatte, ohne darüber zu sprechen, und unter ihm zog die Kolonne in die Ebene von Karstein ein, im Staub, in der Reihenfolge, die der Morgenschlag ihnen gab. Kaltenau zuerst, grau von der Straße. Sommerach, mit der Wäsche an der Heckluke, die der Wind aufblies. Hohenwart. Lindgrund. Falkenried, Eschenbruck, und zuletzt das eigene, Torgelow, mit dem Zwirn an der Brille und der Flanke, die er jeden Morgen mit der Hand berührte, wie man ein Pferd berührt. Sieben. Er hatte sie gezählt, bevor das erste unter ihm vorbei war, und er zählte sie noch einmal, weil es zu seinem Amt gehörte, die Zahl dreimal zu kennen.
Als er das Ratsbuch übernommen hatte, im Jahr 924.M41, waren es neun gewesen. Er war vierunddreißig und hatte den Tisch geerbt, den Zwirn nicht, den hatte er sich später selbst gebunden, und er hatte das Buch bei der ersten Seite aufgeschlagen, wo über dem Datum die Zeile stand, die jeder Landammann beim Antritt laut las. Er hatte sie gelesen, ohne zu verstehen, was an ihr verlangt war. Er verstand es nicht besser. Er hatte nur gelernt, dass ein Satz, den man jeden Abend sagt, irgendwann aufhört, einem etwas zu sagen, und von da an anfängt, einen zu halten.
An jedem Abend sprach er fünf Namen. Er kannte sie nach der Reihenfolge, in der sie gefallen waren, und er hatte, in einunddreißig Jahren Verlesung, gelernt, die Pausen dazwischen nicht zu verlängern, weil die Menge jede gedehnte Pause als Mitteilung las. Es war ihm trotzdem aufgefallen, in diesem Jahr, dass sie länger geworden waren. Nicht in der Stimme, die gleich blieb. In den Menschen, die dastanden und warteten, bis der nächste Name kam, und die ihm, in dieser Wartezeit, von Abend zu Abend ein wenig mehr von der Antwort abnahmen.
Die Festung lag vor ihm in der Ebene wie ein Stern, den jemand in den Boden getrieben hatte. Er sah drei Ringe aus grauem Stein, vierzig Meter hoch in der äußeren Mauer und am Nordtor von Geschützen gesäumt, die sich nicht bewegten, und hinter der Mauer, im Vorhof, einen Haufen aus verbogenem Metall, aus dem ein Rumpf ragte, ohne Turm, schief, wie ein Haus, das einmal gestanden hatte. Aus den Schloten des Kerns stieg dünner Rauch. Das war die Festung Karstein, die ein Regiment der Garde vor siebzig Jahren verloren hatte, und die jetzt einer Kriegsband der Iron Warriors gehörte, die niemand je hatte sprechen hören.
Die Verfügung steckte in seiner linken Manteltasche, wo er sie am Morgen hingesteckt hatte, ohne sie ein zweites Mal zu lesen. Er brauchte es nicht. Der Kurier hatte sie ihm auf dem Marsch gereicht, einen kurzen Bogen mit dem Stempel der Sektion, und er hatte sie im Gehen überflogen. Hohenwart und Lindgrund, zusammengelegt zu einem Verband, treten zum Sturm auf das Nordtor und das zweite Tor an. Die übrigen Städte halten die Linie. Es war die Phase zwei. Es war der Satz, vor dem er sich seit einem Jahr gefürchtet und den er seit zwei Wochen erwartet hatte, und jetzt, wo er da war, kam er ihm klein vor, als hätte man ihn zu eng gesetzt.
Der Rat hatte die Ankündigung am Abend zuvor behandelt, nach dem Funkspruch des Sektorstabs, und die Verfügung bestätigte nur, was dort gestanden hatte. Es war die kürzeste Sitzung des Jahres gewesen. Er hatte vorgetragen, und die Bürgermeister hatten gehört, und der Bürgermeister von Hohenwart, Notker Stalder, ein stämmiger Mann mit schlohweißem Bart und dem Gesicht eines Bäckers, hatte die Hand flach auf den Tisch gelegt und gesagt: „Der Rat widerspricht nicht.“ Er hatte es ohne Betonung gesagt. Dann hatte der von Lindgrund, Urs Kägi, hager, mit dem grauen Gesicht eines Menschen, der zu lang nichts gegessen hat, die Hand flach aufgelegt und dasselbe gesagt. Sie hatten es beide gesagt, als wäre es keine Frage, und Tessmar hatte nicht gewusst, was er sagen sollte, und deshalb nichts gesagt.
Die Kolonne zog unter ihm vorbei. Er hörte das Mahlen der Ketten, ein Geräusch, das er seit dreiundfünfzig Jahren kannte wie den eigenen Atem, und das ihm heute einen Ton hatte, den er nicht benennen wollte. Es war zu gleichmäßig. Er hörte neun Rathäuser darin, obwohl es nur noch sieben waren, und lauschte nach den beiden, die fehlten. Es gab keinen Unterschied.
Hinter den Rathäusern kamen die Wagen. Er sah die Planen, dunkel von Staub, die Kinder in den Luken, die Frauen an den Zügeln, und zwischen den Wagen den eigenen, den von Torgelow, auf dem die Fracht lag, die seit drei Jahren unter ihrer Plane fuhr, im Stroh, und deren Rand die Sonne einen Augenblick erwischte, ein dunkles Aufblitzen von Bronze. Auf der Deichsel dieses Wagens, wie jeden Tag, saß ein Junge.
Er kannte ihn aus dem Beschluss in seinem Buch, Zeile dreißig, ohne Namen, und hatte ihn nie angesprochen. Es war ein Junge von elf oder zwölf, dünn und dunkelhaarig, in einer Jacke, die ihm noch immer zu groß war, mit einer Schnur um den Hals, an der etwas hing, das er nicht losließ. Er gehörte zu Sommerach und saß doch dort jeden Tag, seit sie von Ordrath fort waren, ohne dass jemand es verfügt hätte, und niemand hatte ihn weggeschickt. Er sah nicht zur Festung. Er sah auf die Plane, wie man auf einen Menschen sieht, der schläft.
„Landammann.“
Der Weibel von Torgelow, Gantner, kam mit seinem Hinken die Böschung herauf, die Mütze in der Hand. „Die Zunft hat Stellung bezogen. Der Rat wartet.“
„Ich komme.“
Er stand noch einen Augenblick. Dann sah er auf die Festung, auf den Rumpf im Vorhof, und er dachte, ohne es zu wollen, an den Satz auf der ersten Seite des Buches, den er nie verstanden hatte und in diesem Augenblick, wie jeden Abend, nicht zu verstehen brauchte. Er ging die Böschung hinunter, in den Staub, in die Kolonne, in das Mahlen der Ketten, und zählte die Rathäuser im Gehen, noch einmal, bis er wieder bei sieben war.
II. Die Belagerung
KÜCHENBUCH · Torgelow · neunter Tag vor Karstein
Ofen gemauert, Ziegel vom äußeren Wall. Brot aus dem Ofen: neunzig Laibe, alle ganz. Der Ofen steht still.
Anmerkung der Küchenmeisterin: Das erste Mal seit Askerhold ein Ofen, der nicht fährt.
Sie gruben sich ein, und die Festung sah ihnen dabei zu.
Es war ein Anblick, an den Tessmar sich in den ersten Tagen nicht gewöhnte. Die Rathäuser fuhren in die Ebene hinaus, einer nach dem anderen, in Abständen, wie man Brotlaibe in einen Ofen schiebt, und die Zunft hob rund um sie Gräben aus, Bank neben Bank, und dann kamen die Pioniere der Zunft, die Männer, die sonst die Brücken und Wege flickten, und senkten die Wannen der Stadtpanzer bis zu den Ketten in den Boden, so dass nur noch die Türme, die Heckwände und die Luken der Ratsstuben aus der Erde ragten, in einem Kreis aus aufgeworfenem Lehm. Seit zweihundertvierundfünfzig Jahren hatten die Städte sich nirgends eingegraben: Sie standen, wo man sie hinstellte, mit warmer Maschine, bereit zur Abfahrt. Am vierten Tag hatten sie Stufen in den Lehm gegraben. Am achten Tag waren die Stufen mit Brettern belegt.
Er sah zu, wie sie sich einrichteten, mit einer Unruhe, die er für sich behielt.
Die Wäscheleinen, die sonst an den Haken der Rumpfwände hingen und mit der Kolonne zogen, bekamen Pfosten. Man schlug sie in den Boden, gerade, mit einem Abstand von drei Schritt, und band die Leine mit Knoten, die nicht in einer Stunde wieder aufgehen mussten. Die Küchen mauerten Öfen. Er hatte es für ein Gerücht gehalten, als man ihm sagte, die Torgelower hätten einen gemauert, mit Ziegeln vom äußeren Wall, und er hatte am neunten Tag auf dem Weg zum Rat den Geruch gerochen und war stehen geblieben, mitten im Lehmgang, mit der Hand an der Wand. Es war der Geruch von Brot aus einem Ofen, der nicht gefahren war. Er hatte ihn zuletzt als Kind in Ulmersfeld gerochen, und er wusste nicht, wie er ihn unterbringen sollte.
In der Ratsstube von Sommerach unterrichteten sie wieder. Sie hatten die Bänke an die Wand geschoben und den Boden mit Brettern ausgelegt, und die Tafel hing an ihrem Haken unter dem Messing, und die Kinder zeichneten Karstein. Er hatte es von Sattler gehört, am dritten Abend, als sie ihm den Stundenplan zur Unterschrift brachte, ohne Lächeln, mit dem genauen Gesicht, das sie bei Behörden hatte. „Heute zeichnen wir etwas, das wir sehen“, hatte sie gesagt. „Sie haben noch nie etwas gezeichnet, das sie sehen.“
Er hatte hineingesehen, vom Eingang aus, ohne die Stunde zu stören. Dreißig Kinder auf den Bänken, mit Heften auf den Knien, und durch die offene Luke sahen sie über den Wall, den Himmel, den Stern aus grauem Stein in der Ebene, und jedes hatte ein anderes Karstein gemalt. Ein Junge hatte die Festung gezeichnet, aber die Rathäuser hineingesetzt, in den Kern, in einer Reihe, als wären sie dort zu Hause. Ein Mädchen hatte keine Mauern gemalt, nur ein einzelnes Tor, offen, mit einem Licht dahinter. Und auf der letzten Bank, neben der Luke, saß der Junge mit der Schnur und zeichnete nichts. Er sah auf die Festung. Er hielt, was er um den Hals hatte, in der rechten Hand.
Die Festung schwieg.
Das war es, was ihn in den Nächten wach hielt. Er hatte mit Schüssen gerechnet, mit Beschuss auf die Gräben, mit den Geschützen am Nordtor, die der Kurier erwähnt hatte, mit allem, was ein Gegner tut, der in einer Festung sitzt und Leute vor ihr graben sieht. Es kam nichts. Zwanzig Tage lang schossen sie nicht, und kein Soldat der Städte fiel, und kein Kind. Man sah sie auf den Mauern, eine graue Gestalt, hier und da, in einer Rüstung, die so dunkel war, dass sie das Licht schluckte, und im Streifen der Warnfarben an den Armen, schwarz und gelb, wie auf einem Tor, das man nicht öffnen soll. Sie standen dort, aufrecht, ohne Bewegung. Manchmal sah er, nachts, in der Festung Lichter, die in einem Muster wechselten, das er nicht lesen konnte, und das, wenn man es lange ansah, nach einer Rechenaufgabe aussah.
Die Zeit, dachte er, arbeitete für die Festung.
Am neunzehnten Tag kam der Befehl: Sturm am einundzwanzigsten, bei Sonnenaufgang. Er las ihn im Stehen, an der Luke, und gab ihn dem Rat, und der Rat widersprach nicht. Stalder und Kägi saßen nebeneinander, die beiden, deren Städte man zu einem Verband gemacht hatte, und sie sprachen einmal miteinander, kurz, über den Tisch hinweg, als stritten sie darum, wer zuerst gehen dürfe. Stalder würde das Nordtor nehmen. Kägi das zweite. Es entschied sich von selbst, wie ein Weg, auf den man schon lange zugegangen ist.
Am Abend vor dem Sturm kam Stalder zu ihm.
Er kam ohne Anmeldung, durch den Lehmgang, mit einem Laib unter dem Arm, in ein Tuch geschlagen, und er trat in die Ratsstube von Torgelow, wo Tessmar allein am Tisch saß, und legte ihn vor ihn hin. Es war ein Mann von Mitte sechzig, rund, mit dem weißen Bart, die Hände bemehlt, und er sah aus, als habe er die ganze Nacht Brot gebacken, in Wahrheit nur einen Nachmittag. „Das erste aus meinem Ofen“, sagte er. „Aus unserem. Wir haben ihn gestern fertig gemauert.“ Er hielt inne. „Ich habe in meinem Leben nie einen gehabt, der steht.“
„Er ist gut geworden?“
„Er ist ein Ofen.“ Er lächelte. „Ich bin Bäcker, Landammann. Ich war Bäcker, bevor ich Bürgermeister wurde, und ich bin es geblieben.“
Tessmar brach das Brot. Es war noch warm, und es war gut, wie ein einfaches Ding gut ist, und er aß ein Stück, und Stalder sah ihm zu. „Es ist gut“, sagte Tessmar.
„Dann ist es gut.“ Stalder nickte und ging zur Tür, im Gehen die Hand flach gegen den Rahmen gelegt, wie man es tut, wenn man einen Raum verlässt, in den man zurückkehren will. Er blieb dort stehen. „Landammann.“
„Ja.“
„Die Städte stehen.“
„Noch“, sagte Tessmar.
Er saß lange vor dem Brot. Er aß es nicht auf. Er wickelte den Rest in das Tuch und legte ihn neben das Buch, und er schrieb in die Spalte für den Tag, in der sonst nur Zahlen standen, eine Zeile, die im Ratsbuch nicht vorgesehen war: Brot von Hohenwart, gut.
III. Hohenwart
FUNKBUCH DES RATES · Tag einundzwanzig
05:52 Hohenwart an Rat: Wir gehen. 06:34 Hohenwart an Rat: Nordtor offen, Wanne im Torweg. 06:51 Hohenwart an Rat: Die Städte stehen. 06:51 Rat an Hohenwart: Noch.
06:52 bis 07:30: keine Meldung.
Am Morgen des einundzwanzigsten Tages schlugen sieben Glocken über der Ebene von Karstein, und Tessmar zählte sie auf der Ratshöhe, mit dem Funkgerät neben sich im Gras.
Er hatte sie so oft gezählt, dass er zu jedem Schlag das Bild der Heckwand hatte, an der die Glocke hing, die Bronze, den Eisenbock, die Hand, die den Schlägel führte. Kaltenau, hell. Sommerach, weich. Hohenwart, der dritte, mit dem kurzen, festen Anschlag eines Mannes, der einen Satz einmal sagt und dabei bleibt. Er hörte ihm zu. Er hörte Lindgrund, den vierten, und dann die letzten, und er zählte sieben, und in der Stille nach dem siebten, die sich über die Gräben legte, merkte er, dass er den Atem angehalten hatte.
Er war zwölf gewesen, als er zum ersten Mal auf einen Schlag gewartet hatte, der nicht kam. Das war in Torgelow, in den Tagen nach Ulmersfeld, auf der Deichsel eines Planenwagens, an dem jemand ihn abgesetzt hatte, weil es keinen Platz gab, an dem man ihn hätte anders absetzen können. Er hatte jeden Morgen zugehört und gezählt, und es hatte einer gefehlt, und er hatte auf ihn gewartet. Am dritten Morgen hatte er aufgehört zu warten. Man hatte ihm später gesagt, das sei bei den meisten so.
Dann fuhren sie los.
Hohenwart zuerst. Er sah es durch das Glas, das Gantner ihm gereicht hatte und das so oft geputzt worden war, dass die Linse an einer Stelle matt war. Das Rathaus kroch aus dem Wall, mit angehobener Wanne, den Turm nach vorn, und neben ihm, links und rechts, in einer Linie, die Viertel, zehn Leman Russ, und dahinter, in einem Ring, in dem jeder Mann auf den nächsten sah, die Zunft. In der Kommandantenluke stand ein Mann mit weißem Bart. Er hatte die Hand an den Rand gelegt, flach, und sah vor sich hin, über das Land, auf das Tor.
Es war so still, dass er die Ketten hörte, noch auf fünfhundert Meter, und jedes einzelne Glied.
Die Festung sprach, als die Spitze auf vierhundert Meter heran war.
Er hatte es erwartet und war nicht vorbereitet. Es kam von der Mauer, von den Türmen am Tor, von den Geschützen, die zwanzig Tage regungslos gestanden hatten, und es kam gestaffelt, in einem Takt, den man an den Einschlägen ablesen konnte. Jeder Treffer lag einen Schritt hinter dem vorigen. Die Reihe der Einschläge wanderte durch die Linie der Viertel, von links nach rechts, wie ein Schreiber eine Zeile zu Ende schreibt, ohne die Feder abzusetzen, und wo sie gewesen war, stand ein Leman Russ nicht mehr. Er zählte. Zwei. Vier. Sechs. Er sah einen Panzer brennen, und danach einen zweiten, und die Zunft schloss sich um das Rathaus wie ein Mensch, der die Arme um etwas legt.
Die Festung zielte nicht. Sie rechnete.
Er sah eine Bank der Zunft, die mit dem Mörser vorlief, und er sah, wie ein Einschlag sie aus dem Bild nahm, so sauber, als hätte sie nie dort gestanden. Er sah ein Rathaus, das nicht hielt. Es fuhr weiter, durch das Feuer, mit der Wanne tief, bis es unter den Türmen war, und es nahm das Tor auf dem Rücken. Er hörte es durch die Entfernung: ein langes, nasses Krachen, wie von einem Baum, der gefällt wird, und dann nichts, und dann das Geräusch eines Tores, das nachgibt.
„Hohenwart an Rat“, sagte das Funkgerät.
Es war Stalders Stimme. Sie war ruhig, so ruhig wie an jedem Abend, wenn er die Zahl seiner Stadt sagte, und hatte keine Spur von etwas in sich, das man hätte erklären können. „Nordtor offen. Wanne im Torweg.“
Tessmar nahm das Gerät. Er sah, durch das Glas, das Rathaus im Tor, schief, mit der Wanne zwischen den Türmen verkeilt, so dass man es nicht mehr schließen konnte. Er sah, dass der Heckbock leer war. Er sah, dass an der Stelle, an der die Glocke gehangen hatte, ein Loch in der Wand klaffte, schwarz, mit abstehenden Platten, und dass im Torweg auf der Seite etwas Rundes lag, dunkel, ein Stück Bronze, das ein Geschoss in zwei Teile gebrochen hatte.
„Hohenwart an Rat“, sagte Stalder noch einmal, und im Hintergrund hörte man etwas, das ein Rauschen war und ein Brüllen und ein Metall, das sich neigte. „Die Städte stehen.“
Tessmar drückte den Knopf. „Noch“, sagte er.
Es war das Einzige, was er sagen konnte, und er sagte es ohne Pause. Dann hörte er nichts mehr. Er hielt das Gerät noch lange am Ohr, bis Gantner ihm die Hand auf den Arm legte, ohne Druck.
Es war Mittag, als Lindgrund durch das offene Tor fuhr und im Vorhof in Stellung ging, im Schutz der inneren Mauer. Um vier Uhr nachmittags verstummte das Feuer von den Türmen. Am Abend, als sie die Reste von Hohenwart am Rand der Gräben zählten, kam die Küchenmeisterin von Hohenwart zu ihm, mit der Kelle noch in der Hand und einem Blatt in der anderen, und las vor, was sie zusammengezählt hatte, ohne die Stimme zu heben: „Hohenwart steht mit zweihundertvierundachtzig.“
Er schrieb es auf. Es waren vierhundertachtzehn gewesen, am Morgen. Er ließ den Federhalter über dem Papier stehen, bis die Tinte an der Spitze trocknete.
Vor dem Rathaus von Torgelow standen sie in Reihen, im letzten Licht. Er stieg auf die Kiste. In der Manteltasche lag das Tuch mit dem Rest des Brotes, das er nicht gegessen hatte, und er fühlte es durch den Stoff, hart geworden, mit einem Rand, der drückte. Er schlug das Buch nicht auf. Er sprach die Namen, einen nach dem anderen, Halmstadt, Gerrinsfurt, Ulmersfeld, Brendeck, Westerhall, und beim sechsten ließ er die Pause so lang, wie sie bei jedem war, und keinen Atemzug länger.
„Verlesen wird Hohenwart. Ihre Glocke hängt nicht mehr. Ihr Name ruht bis zum Sonnenaufgang.“
„Er ruht“, sagten sie, und von den Resten Hohenwarts kam es am leisesten, fast ohne Ton, von fünfundsechzig Mann in grauen Jacken und von Frauen und Kindern, die den Kopf gesenkt hielten, und Tessmar hatte, einen Atemzug lang, im Mund den Geschmack von Brot.
IV. Lindgrund
RATSBUCH DER STÄDTE · Sitzung im Gefecht · Ratsstube von Torgelow · Tag dreiundzwanzig
Aufruf: Kaltenau steht mit 581. Sommerach steht mit 393. Lindgrund steht mit 416. Falkenried steht mit 569. Eschenbruck steht mit 539. Torgelow steht mit 551.
Besetzt: sechs Stühle. Leer: sechs.
Der Rat tagte im Gefecht, weil Kägi es verlangt hatte.
Er hatte den Antrag am Morgen des dreiundzwanzigsten Tages gestellt, noch im Dunkeln, im Lehmgang vor der Ratsstube von Torgelow, mit der Hand am Rahmen und dem grauen Gesicht, das in der Lampe aussah, als sei es aus Asche gemacht, und er hatte keinen Grund genannt. Das hatte er nicht gemusst. Sie saßen an dem Tisch aus Ladebohlen, den man in den Lehmboden eingelassen hatte, die zwölf Stühle im Kreis, und sechs davon waren leer, ohne dass jemand hinsah. Draußen lag die Ebene im ersten Licht. Das zweite Tor lag geschlossen in der inneren Mauer, die Hohenwart nicht hatte durchbrechen müssen, ein Tor aus Plaststahl, zwanzig Meter hoch, und dahinter, im Kern, wartete, was dort wartete.
Tessmar sagte: „Aufruf.“
Sie sagten ihre Zahlen. Sie sagten sie ruhig, einer nach dem anderen, in der Reihenfolge, in der die Glocken schlugen, und als sie bei der dritten waren, bei Lindgrund, sagte Kägi: „Lindgrund steht mit vierhundertsechzehn“, in dem trockenen Ton, in dem er alles sagte, und fügte nichts hinzu. Torgelow kam zuletzt. Tessmar sah in die Gesichter. Er hatte Falkenried, die kleine, runde Frau, lange nicht so still gesehen, und Eschenbruck sah nicht auf, bis er an der Reihe war.
„Ich stelle den Antrag“, sagte Kägi, „vor dem Gang. Wohin mit uns, wenn wir nicht wiederkommen.“
Niemand sprach. Die Ratsstube war warm, und es roch nach nasser Wolle und Brot, und über ihnen, in der Erde, schlug etwas in großen Abständen ein, das nichts mit ihnen zu tun hatte. „Es ist besser, wenn man es vorher weiß“, sagte Kägi. „Nach Hohenwart haben wir zwei Tage gebraucht. Ich möchte, dass meine Leute nicht zwei Tage in der Gegend herumstehen, wenn es soweit ist. Die Zunft, die Besatzungen, der Tross. Nach Köpfen, auf die fünf, die bleiben. Ob wir bleiben, entscheidet das zweite Tor. Wer uns nimmt, entscheidet der Rat.“
So sprach ein Mann, der Listen führt, und Tessmar kannte den Ton. Er hatte ihn vor dreiundfünfzig Jahren zum ersten Mal gehört, als Kind, an einem Tisch in Torgelow, von einem Weibel mit der Liste in der Hand, der gesagt hatte, die Ulmersfelder kämen zu dem, der sie am nötigsten brauche, und der es als Rechnung gesagt hatte, ohne Mitleid, weil es nicht anders zu sagen war.
„Ich lasse abstimmen“, sagte er.
Fünf Hände legten sich flach auf den Tisch, nacheinander, ohne dass einer zögerte. Kaltenau, der Alte, der es mit einem Nicken tat, das das ganze Gesicht bewegte. Ruch, die Narbe weiß. Falkenried. Eschenbruck, mit der hellen Narbe unterm Haaransatz, wo einmal ein Verband gewesen war. Torgelow, schwer, mit dem Daumen über der Kante der Bohle. Kägi sah die Hände an, und etwas ging über sein graues Gesicht, das Tessmar nicht benennen konnte.
„Dann gilt es“, sagte Kägi. Er stand auf. Er legte die Hand flach auf den Tisch, kurz, zum Gruß, und sah nach dem leeren Stuhl, der der von Hohenwart war, und nach dem von Brendeck, und nach dem von Westerhall, wie ein Mann, der im Vorbeigehen die Plätze zählt, an denen er etwas gelassen hat.
Er ging hinaus. Sie hörten die Schritte im Lehmgang, schwer, ohne Eile, und dann das Rathaus von Lindgrund, das im Morgengrauen anfuhr.
Die Sitzung ging weiter, wie sie in dreiundfünfzig Jahren immer weitergegangen war, mit der Tagesordnung, die der Schreiber am Abend zuvor geschrieben hatte. Es gab die Sorgen des Tages, die Brotzuteilung für die Hohenwarter, das Wasser, die Pioniere, die einen Graben vertieften, und sie sprachen darüber in dem ruhigen Ton, in dem man über das Wetter spricht, während über einem die Erde bebt. Tessmar hörte zu. Das Funkgerät lag zwischen ihnen auf der Bohle, wie ein Messer beim Essen.
„Lindgrund an Rat.“
Es war Kägis Stimme, trocken, ruhig, ohne Hast. „Wir sind am zweiten Tor. Es gibt nach. Wir gehen durch.“
„Verstanden“, sagte Tessmar.
Er hörte das Rathaus im Funk, das Mahlen der Ketten, den Ruf eines Weibels. Er hörte, nicht lang, aber genau, die Mauern. Sie sprachen in demselben Takt wie am einundzwanzigsten, Einschlag hinter Einschlag, und er sah, ohne hinzusehen, wie die Reihe der Treffer durch die Linie der Viertel wanderte, und wie die Viertel lichter wurden. Die Bürgermeister saßen am Tisch. Niemand hatte die Hand gehoben. Ruch sah auf seine Faust.
Es dauerte vierzig Minuten. Dann kam der Funk noch einmal, und Kägi sprach nicht. Es kam ein Geräusch, tief, ein Mahlen und Bersten, und dann eine Stimme, die nicht die seine war, ein Weibel, jung, rau, der in das Gerät sagte, als wäre es jemand, den er kannte: „Wir sind in der Mitte. Das Rathaus steht. Der Bürgermeister –“ Es riss ab.
Tessmar nahm das Gerät und drückte den Knopf.
„Die Städte stehen“, sagte er.
Es kam nichts zurück, nur Rauschen. Er hielt das Gerät, und in der Stille der Ratsstube, in der man nur das Atmen von sechs Menschen hörte und das Beben über sich, sagte der Alte von Kaltenau, rau, mit einer Stimme, die er nicht erwartet hatte: „Noch.“ Dann Ruch. Dann Falkenried, Eschenbruck, Torgelow. Sie sagten es nacheinander, am Tisch, in den Raum, nicht in das Gerät, wie man eine Antwort gibt, die der andere nicht mehr hören kann und trotzdem erwartet hat.
Am Nachmittag verstummten die Mauern. Die Kriegsband, hieß es später, habe sich in den Kern zurückgezogen, ohne dass jemand es gesehen hätte, wie ein Gast, der geht, ohne Abschied. Der Vorhof gehörte den Städten. Man zählte die Reste von Lindgrund, siebzig Mann der Zunft und der Besatzungen, und am Abend schrieb er die Zahl der Stadt in das Buch, zweihundertsiebenundachtzig, und las vor dem Rathaus von Torgelow die Namen, sieben, und beim siebten, den er so sprach wie die anderen, hörte er sich selbst und konnte nichts daran ändern.
Er stieg von der Kiste und ging in die Ratsstube, in der die Stühle noch standen. Er zählte sie, wie er alles zählte. Fünf waren besetzt. Sieben standen leer, im Kreis, im gleichen Abstand, und die Armlehnen glänzten bei allen, bei den ersten drei, bei dem von Brendeck, bei dem von Westerhall, bei dem von Hohenwart, und bei dem von Lindgrund, der heute noch warm war.
V. Der Rumpf
ANTRAG AN DEN RAT · eingegangen am Tag sechsundzwanzig
Die Überlebenden von Brendeck und von Westerhall bitten um den Rumpf im Vorhof. Unterschrieben: Weibel Rüegg für Brendeck, Ratsherrin Zumbrunn für Westerhall.
Zahl der Unterzeichner: 153 Soldaten, 426 im Tross.
Der Rumpf lag im Vorhof, wo ihn ein Regiment der Garde vor siebzig Jahren verloren hatte, und Tessmar ging am Morgen des sechsundzwanzigsten Tages mit Gantner hin, um ihn zu sehen.
Aus der Entfernung hatte er wie ein Hügel ausgesehen. Aus der Nähe war er ein Schiff, das auf Grund gelaufen war. Die Wanne war eingedrückt, am Bug aufgerissen, so dass man in den Kampfraum sehen konnte, in dem Rost die Wände zu einer Tapete aus Schuppen gemacht hatte, der Turm fehlte, und auf dem Ring, wo er gesessen hatte, lag ein Nest aus Draht und Kabeln, in dem ein Vogel gebrütet haben musste, vor vielen Jahren, und nicht wiedergekommen war. Die Ketten fehlten zur Hälfte. Er war so groß wie ihre Rathäuser und kleiner als jedes von ihnen, weil niemand in ihm wohnte.
Sie standen davor, in einer Reihe, als hätten sie dort schon lange gestanden.
Sie waren in der Nacht gekommen und beim Morgenschlag nicht fortgegangen, die Brendecker und die Westerhaller, wie sie sich nannten, die, die in anderen Städten untergekommen waren und die dort gegessen und geschlafen und gewohnt hatten, einen Winter, zwei, drei. Er sah Rüegg, den kleinen Zähen mit dem grauen Bart, der aussah, als sei er in der Kälte stehen geblieben, und neben ihm einen großen rothaarigen jungen Mann, Wassmer, der zwanzig gewesen war, als die Eisbucht brannte, und mit dreiundzwanzig die Hände eines Älteren hatte. Er sah die Ratsherrin Zumbrunn, rund fünfzig, mit dem grauen Zopf, der ihr unter dem Helm hervorhing, und hinter ihr in drei Reihen, in grauen Jacken und Overalls und Röcken, die Zunft von Brendeck und die von Westerhall, einhundertdreiundfünfzig Menschen, Frauen darunter und Männer, die Waffen auf dem Rücken, ohne Befehl, als wüssten sie nicht, ob sie stehen sollten oder gehen. Hinter ihnen stand der Tross.
Es war eine Menge, wie sie einmal vor einem Rathaus gestanden hatte.
„Landammann“, sagte Rüegg. Er legte die Hand flach auf die Flanke des Rumpfes, nicht auf den Tisch, weil es keinen gab, und das Metall hatte unter seiner Hand die Farbe von Asche. „Wir bitten um das da.“
„Wofür?“
„Für ein Rathaus.“ Er gab die Antwort so ruhig, als habe er sie nie anders gegeben. „Wir haben nachgesehen. Der Ring ist gut. Die Wanne ist nicht zu retten, das stimmt, aber der Kampfraum ist es. Es fehlen Turm und Kanone und Maschine, die Ketten und die Ratsstube. Die Maschine hat Hohenwart im Tor. Turm und Kanone hat Lindgrund. Was an Hohenwart und an Lindgrund geblieben ist, gehört dem Rat, und wir bitten den Rat darum.“
Er hatte es sich zurechtgelegt. Tessmar sah es an den Pausen, die an den richtigen Stellen standen, wie Stufen, die man vorher gezählt hat, und sah, dass er die Hand von der Flanke nahm und wieder zurücklegte, als wolle er nicht loslassen.
„Ihr habt keine Stadt“, sagte er.
„Nein.“
„Es gibt keinen Artikel, der eine neu macht.“
„Es gibt einen“, sagte die Ratsherrin Zumbrunn. Sie sagte es, ohne die Stimme zu heben, mit einem Mund, der lächelte, kaum, auf einer Seite. „Der Zwölfte, Landammann. Ich habe ihn jeden Morgen meines Lebens über der Tafel gelesen. Eine Stadt besteht, solange ihre Glocke hängt.“
„Eure Glocke hängt nicht. Die von Westerhall liegt im Torf.“
„Die von Brendeck hängt auch nicht“, sagte Wassmer. Er sprach zum ersten Mal, leise, und die Stimme war rauer, als Tessmar sie in Erinnerung hatte. „Sie liegt, Landammann. Auf dem Wagen von Torgelow, unter der Plane, seit drei Jahren. Ich habe sie getragen. Ich habe sie auf den Wagen gelegt.“
Es klang wie eine Auskunft, die man dem gibt, der danach gefragt hat, auch wenn er nicht gefragt hat.
Er ging um den Rumpf herum. Er ließ sich Zeit, denn er hatte seit dreiundfünfzig Jahren gelernt, dass die Menschen mehr verraten, wenn man ihnen den Rücken zudreht. Er legte die Hand auf die Wanne, wie er es bei seinem eigenen Rathaus jeden Morgen tat, und das Metall war kalt und trocken, mit einer Rauheit, die nicht von Rost kam. Am Heck, wo der Bock hätte sitzen müssen, war die Wand glatt. Dort hatte nie eine Glocke gehangen. Er blieb stehen.
Neben dem Heck, im Schatten, auf einem Haufen Schrott, saß der Junge.
Er hatte ihn nicht kommen sehen. Er saß dort, wie er auf der Deichsel gesessen hatte, mit den dünnen Knien hochgezogen und der Jacke, die ihm noch immer zu groß war, und er hatte das Ohr an die Wand des Rumpfes gelegt, flach, wie ein Arzt an einer Brust horcht. Er hatte die Augen geschlossen. In der rechten Hand, an der Brust, hielt er das Glöckchen, dessen Klöppel mit einem grauen Lappen umwickelt war, seit Jahren.
„Was hört er?“, fragte Tessmar leise. Er fragte Wassmer, der neben ihn getreten war.
„Nichts“, sagte Wassmer. „Er hört ihm zu.“
Er sah den Jungen lange an, den Fremden, über den er sich damals im Rat enthalten hatte, und der Grund, aus dem er es getan hatte, wollte ihm auch jetzt nicht nahe kommen. Er hatte ihn für einen Zufall gehalten, und der Zufall saß ihm seither in der Brust. Er nahm die Hand von der Wanne.
„Der Rat entscheidet, wenn der Rumpf eine Stube hat, in der er tagen kann“, sagte er.
„Dann fangen wir mit der Stube an“, sagte die Ratsherrin Zumbrunn. Sie sagte es freundlich. „Wir fangen heute an, Landammann. Wenn der Rat Nein sagt, haben wir eine Wanne gewaschen.“
Er sah sie an, die Frau, die in Westerhall das zweite Viertel geführt hatte, die in einem Wagen durch das Moor gefahren war und gewusst hatte, wohin. Er nickte. Sie drehte sich um und gab, mit der flachen Hand, ein Zeichen, und hinter ihr bewegte sich der Tross, als hätte er auf nichts anderes gewartet. Er stand noch eine Weile dort. Dann hörte er, zum ersten Mal an diesem Morgen, das Geräusch, das ihm fehlte: Hämmer. Viele, in verschiedenen Takten, auf Eisen, im Vorhof von Karstein, wo seit siebzig Jahren niemand gehämmert hatte.
VI. Wiedergründung
RATSBUCH DER STÄDTE · Sitzung am Tag einunddreißig · Vorhof von Karstein, im Rumpf
Beschluss: Die Stadt Brendeck wird neu gegründet, aus den Resten von Brendeck und von Westerhall. Bürgermeisterin: Agnes Zumbrunn. Stimmen: fünf Hände flach.
Anmerkung des Landammanns: Der Name der Stadt bleibt, wie er auf der Glocke steht.
Fünf Tage lang hämmerten sie, und in den fünf Tagen hörte Tessmar auf, das Geräusch zu zählen.
Er ging jeden Morgen nach dem Schlag der Glocken, fünf waren es jetzt, in den Vorhof, ohne sich anzukündigen, und stand am Rand und sah zu. Die Maschine kam am ersten Tag. Sie holten sie aus dem Nordtor, wo Hohenwart lag, aus dem Heck des Rathauses, das dort im Torweg verkeilt stand, und sie legten sie auf einen Schlitten aus Brettern, in zwanzig Händen, und zogen sie über das Pflaster des Vorhofs, mit dem Geräusch eines Tieres, das man nicht stören will. Der Turm kam am dritten Tag, aus dem zweiten Tor, wo Lindgrund geblieben war, in zwei Stücken, die man schweißte, und die Kanone mit ihm, deren Rohr, als man es aufrichtete, einen einzigen Ton gab, tief, unter dem Himmel von Karstein, den alle für Metall hielten.
Er sah ihnen zu, wie sie ein Haus aus vier Städten bauten.
Die Ketten fanden sich bei Eschenbruck, die Bleche für die Wände in der Wanne des zerstörten Rathauses von Lindgrund, und die Ratsstube, die sie wölbten, im Dach eines Lagerhauses im äußeren Wall. Es fehlte der Bock. Man hatte einen gesucht, und sie hatten keinen, und am vierten Tag kam Gantner, mit seinem Hinken, den Lehmgang entlang, und gab Rüegg vier Kettenbolzen aus der Kette von Torgelow, die er mit dem Hammer aus dem eigenen Glied geschlagen hatte. „Für den Bock“, sagte er. Mehr sagte er nicht. Rüegg nahm sie, wog sie in der Hand und nickte.
Am einunddreißigsten Tag, nach dem Morgenschlag, tagte der Rat im Rumpf.
Sie hatten den Kampfraum frei gemacht, den Rost gekratzt, den Boden mit Brettern belegt, und die Stühle standen darin, im Kreis, so eng, dass die Lehnen sich berührten: zwölf, aus Eschenholz, die Siegel in die Lehnen gebrannt. Er sah sie an. Fünf waren besetzt, mit den Bürgermeistern, die er seit Jahrzehnten kannte, und die Hände flach auf den Armlehnen. Sieben standen leer. Auf dem der Brendecker hatte seit drei Jahren niemand gesessen, und er war der einzige der leeren, den der Schreiber jeden Morgen abwischte.
„Aufruf“, sagte er.
Sie sagten ihre Zahlen. Es waren fünf, und er hörte die Lücke, die vorn lag, in der Reihe, wo der erste Name hingehörte.
Agnes Zumbrunn trat in die Mitte, ohne zu fragen, mit dem Zopf über der Schulter, den Helm unter dem Arm, und sie sagte es, ohne Vorrede, so ruhig, als bestelle sie Brot. „Wir beantragen, was in der Bittschrift steht. Wir wollen eine Stadt sein.“
„Aus zwei, die es nicht mehr gibt“, sagte der von Kaltenau, der Alte, und er sagte es ohne Härte. Er hatte die Hand zur Faust gelegt, locker.
„Aus zwei, die es gegeben hat.“
„Das Gesetz sagt“, begann der von Eschenbruck, der in Ordrath zwei Panzer verloren hatte, „dass eine Stadt besteht, solange ihre Glocke hängt. Eine Wiedergründung kennt es nicht. Es sagt nicht, dass eine entsteht, wenn man eine aufhängt.“
„Nein“, sagte Zumbrunn. „Es sagt es nicht.“
Es wurde still. Tessmar sah, wie sie dastand und nicht weiterredete, und er sah, dass sie nicht wusste, was sie als Nächstes sagen sollte. Es war ihm, als sehe er eine Frau am Rand einer Tafel stehen, an der nur der erste Satz geschrieben ist, und ihr fällt kein zweiter ein. „Ich weiß nicht, ob es stimmt“, sagte sie schließlich. „Wir waren Westerhall. Wir sind, wo die Glocke hängt. Ich weiß nicht, ob das ein Satz ist, den man sagen darf. Wir probieren es.“
„Und die Namen?“, fragte Falkenried, die kleine, runde Frau, die lange nichts gesagt hatte. „Was wird mit dem Namen in der Verlesung? Brendeck steht darin.“
„Er wird nicht mehr gelesen“, sagte Tessmar.
Er hörte es, als er es sagte. Er hatte es nicht überlegt, es kam aus dem Teil, in dem man Dinge weiß, die man nicht nachgesehen hat. „Brendeck steht nicht mehr in der Reihe. Ich nehme es heraus.“
„Und Westerhall?“
„Der Name bleibt. Seine Glocke liegt im Torf.“
Er sah sich den Kampfraum an. Es roch nach Rost und nach Schmieröl, und durch die aufgerissene Wanne fiel das Licht des Vorhofs in einem langen Streifen auf den Boden, in dem der Staub stand. Er dachte an Ulmersfeld. Es war ein Gedanke, den er in dreiundfünfzig Jahren zehnmal gedacht und zehnmal beiseitegelegt hatte: dass es damals keinen Rumpf gegeben hatte, im Jahr 902.M41, und niemand, der gefragt hätte, ob einer zu finden wäre. Man hatte die Ulmersfelder in die anderen Städte genommen, nach Köpfen, wie Kägi es für die seinen erbeten hatte, und sie waren eingegangen und geblieben. Er hatte nie gefragt, was gewesen wäre.
„Ich lasse abstimmen“, sagte er.
Sie hoben die Hände. Kaltenau, der Alte, öffnete die Faust. Er legte sie flach, mit einem Nicken, das ihm das Gesicht verschob. Ruch. Falkenried. Eschenbruck, nach einer Pause, die eine Sekunde dauerte, in der man hätte zählen können, wie viele Wörter er hatte. Torgelow. Fünf Hände auf dem Tisch, den man in den Rumpf getragen hatte, aus Ladebohlen, mit den Maserungen der Hände vieler Jahre.
Dann die zweite Frage, die Bürgermeisterin. Es waren wieder fünf. Tessmar schrieb es auf, in dem Buch, das er aufgeschlagen hatte, mit der Feder, die er von seinem Vorgänger geerbt hatte, und seine Hand zitterte nicht. Er schrieb: Die Stadt Brendeck wird neu gegründet. Das Wort wieder schrieb er nicht. Er sah lange auf die Stelle, an der es gestanden hätte.
Als er aufsah, stand Zumbrunn schon an der Luke. Sie sah in den Vorhof hinaus, wo sich Tross und Zunft vor dem Rumpf gesammelt hatten, ruhig, in Reihen, ohne dass jemand es verlangt hätte. Sie atmete einmal.
„Brendeck steht mit fünfhundertneunundsiebzig“, sagte sie.
Es war eine Stimme, die er seit Westerhall aus dem Funk des Rates kannte, rissig, gerade, die Stimme einer Frau, die zählt, was ihr gehört, und die in diesem Augenblick den Namen einer anderen Stadt in den Mund nahm, der ihr nie gehört hatte.
„Hier“, sagte der Vorhof.
VII. Die Glocke
RATSBUCH DER STÄDTE · Sitzung am Tag zweiunddreißig, nach dem Morgenschlag
Aufruf: Brendeck steht mit 579. Kaltenau steht mit 547. Sommerach steht mit 502. Falkenried steht mit 529. Eschenbruck steht mit 495. Torgelow steht mit 552.
Besetzt: sechs Stühle. Leer: sechs. Nachtrag zum Beschluss nach Artikel eins, Jahr 953.M41: Zeile ergänzt.
Sie hängten die Glocke am Abend des einunddreißigsten Tages, ohne Zuschauer, im letzten Licht.
Gantner zog die Plane vom Wagen. Er tat es, wie er alles tat, mit dem Hinken, das man hörte, bevor man ihn sah, und mit den Händen, die kein Tuch je so abgenommen hatten, dass es hätte flattern können, und darunter, im Stroh, auf der Seite, lag die Bronze. Sie war dunkel von Ruß. Der Ruß saß so fest, dass drei Jahre Wind ihn nicht gelöst hatten. Auf der Schulter, in großen Buchstaben, die man kaum noch sah, standen zwei Zeilen, und Tessmar, der sie seit drei Jahren nicht gelesen hatte, las sie, wie man etwas liest, das man auswendig kennt. BRENDECK. WER HÖRT, KOMMT.
Vier Männer hoben sie. Rüegg an der Krone, Wassmer und zwei Zunftleute an den Seiten, und sie trugen sie über den Vorhof zur Heckwand des Rumpfes, die jetzt eine Heckwand war, und stellten sie auf dem Absatz der Leiter ab, wo der neue Bock saß, vier Kettenbolzen, die nach Torgelow rochen. Sie hoben sie noch einmal. Rüegg setzte den ersten Bolzen, und der zweite saß, und der dritte, und beim vierten sagte er etwas, das Tessmar nicht hörte, nur die Lippen sah, und schlug zu.
Die Glocke hing.
Sie schwankte einmal, einen Fingerbreit, in dem Bock, in dem sie sitzen würde, und kam zur Ruhe. Es war so still, dass man den Wind in der Kette hörte. Niemand sprach. Tessmar sah, dass die Frauen aus dem Tross, die in einer Reihe gekommen waren, wie zu einer Verlesung, die Hände vor dem Körper gefaltet hatten, und dass die Kinder in der ersten Reihe hinaufsahen, wo sie sonst die Köpfe senkten.
Am Abend ließ er bei der Verlesung den vierten Namen aus.
Er hatte es sich nicht vorgenommen. Er stand auf der Kiste, das Buch in der Hand, und sprach sie der Reihe nach, wie er sie jeden Abend sprach, Halmstadt, Gerrinsfurt, Ulmersfeld, und die Stelle, an der der vierte hingehörte, kam, und er ließ sie, ohne eine Pause zu machen, ohne den Atem zu verändern, und sagte den fünften: Westerhall. Es war die Stimme von einunddreißig Jahren. Er hörte, wie mehr als dreitausend Menschen auf ein Wort verzichteten, das sie seit drei Jahren jeden Abend erwartet hatten, einen Atemzug lang, in dem niemand etwas sagte und alle etwas hielten. Dann kamen Hohenwart und Lindgrund, sechs Namen, und das Er ruht aus der Menge, ein wenig versetzt, dünner, als er es kannte, und doch an keiner Stelle schwach.
In der Nacht schlief er nicht. Er lag im Torgelower Rathaus auf der Bank, unter dem Messing, und hörte den Vorhof atmen, und er stand vor dem ersten Licht auf.
Sie versammelten sich um den Rumpf, ohne dass jemand sie gerufen hatte. Es war kalt, und der Himmel über Karstein war grau und glatt wie ein Flusskiesel, und von der Mauer her kam kein Laut. Sie standen in Reihen, die nicht gerade waren, die Zunft von Brendeck und die von Westerhall, in einer Reihe, die keine Stadt je gehabt hatte, die Frauen, die Alten, die Kinder, und sie sahen auf die Heckwand, auf den Absatz der Leiter, auf die Glocke im neuen Bock. Er sah Sattler zwischen den Kindern von Sommerach, ohne Lächeln, mit dem genauen Gesicht. Er sah den Jungen.
Er stand am Fuß der Leiter, allein. Er hatte die Jacke an, die zu groß war, und die Schnur um den Hals, und er sah auf die Bronze, wie er auf die Plane gesehen hatte, im Wagen, drei Jahre lang.
Die Bürgermeisterin trat vor, mit dem Schlägel in der Hand. Sie war eine halbe Stunde zu früh. Sie blieb auf der untersten Sprosse stehen, den Zopf über der Schulter, und sah in die Menge, und sagte nichts, und es dauerte, bis der Rand der Sonne die Mauer von Karstein erreichte. Dann sah sie hinunter zu dem Jungen.
Sie hielt ihm den Schlägel hin.
Die Geste erklärte niemand. Nur Wassmer, neben ihm, sagte halblaut, als hätte Tessmar gefragt: „Tilo.“ So hieß er also. Der Junge sah den Schlägel an, dann sie, und Tessmar sah, wie sich etwas in seinem Gesicht zusammenzog, ein Kind, das etwas versteht, das es nicht gelernt hat. Er nahm das Glöckchen in die Linke und stieg die Leiter hinauf. Er nahm den Schlägel mit beiden Händen. Er war zu klein dafür, und es störte keinen.
Die Sonne kam über den Rand der Mauer.
Er schlug.
Der Ton ging über den Vorhof, hell, mit einem leisen Schnarren im Ausklang, einem Riss, den die Bronze seit dem Eis hatte, und er stand lange in der Luft, in der Stille der Reihen, bevor er verging. Dann kam, nach einer Pause, die genau so lang war wie früher, der zweite Schlag, von Kaltenau, den ein Mann an einer anderen Heckwand führte, und der dritte, weich, von Sommerach, und der vierte, von Falkenried, und der fünfte, von Eschenbruck. Zuletzt Torgelow. Er hörte ihn im Brustbein.
Es waren sechs.
Er hatte sie gezählt, ohne es zu wollen, an den fünf Fingern der rechten Hand und dem Daumen der linken, und er sah, dass die Menschen um ihn herum es ebenso getan hatten und dass keiner von ihnen die Hände ansah. Die Sonne stand über der Mauer. Er sagte, in die Stille nach dem sechsten Schlag: „Die Städte stehen.“
„Noch“, sagten sie.
Er ging in den Rumpf. Der Rat tagte, und der Aufruf war schnell vorbei, sechs Zahlen, die man in der Reihenfolge des Schlages nannte, und diesmal fehlte keine am Anfang. Er schrieb sie auf. Dann schlug er das Buch bei dem Beschluss aus dem dritten Jahr auf, bei der Zeile, die seit dem Tag in Ordrath offen stand, weil man ihm den Namen nie gesagt hatte und er nie gefragt, und er tauchte die Feder.
Er glaubte jetzt zu wissen, warum er sich enthalten hatte. Er hatte in den Tagen nach Ulmersfeld in Torgelow am Rand eines Tisches gesessen, zwölf Jahre alt, ein Gast, und ein Zunftmann mit schwarzen Händen hatte ihm das Brot gereicht, ohne zu fragen, ob er es verdiene, und er hatte sich seither nicht mehr für jemanden gehalten, der zu entscheiden hat, wer dazugehört. Er schrieb: Tilo, Bürger von Brendeck.
Er sah die Zeile lange an. Draußen, am Heck des Rumpfes, schlug etwas an, hoch und dünn, ein einziges Mal, kaum lauter als ein Tropfen auf Blech. Er hob den Kopf. Niemand rief. Er wartete, ob es noch einmal kam, und es kam nicht. Dann schrieb er die Zahl der Stadt in die Spalte, fünfhundertneunundsiebzig, in der Handschrift, die er seit einunddreißig Jahren hatte, und sie sah genau so aus wie jede andere.
Geschichte als PDF oder EPUB herunterladen
Trag deine E-Mail-Adresse ein. Nach Bestätigung der Anmeldung bekommst du sofort und per Mail die Download-Links.