Die Träger

Iron Hands (Klan Torrand) Orks

46 Min. Lesezeit

„Du gehst nicht allein. Alle, die dies trugen, gingen vor dir, und keiner blieb stehen.“

Lesung der Träger, Klan Torrand, Gliederhalle von Hartstein

I. Der Stichel

PLATTE · Hand rechts · 0318 · Guss Medusa, 733.M41

Es trugen: Anno Hessler. Barthel Jung.

Die Hand kam in einem Leinensack aus dem Pass, und der Sack roch nach Ork.

Ilka Sorell legte sie unter die Lampe und schlug das Tuch zurück. Eine rechte Hand aus Plaststahl, fünf Finger mit Ceramitkuppen, am Gelenk sauber getrennt von den Servitoren, die draußen vor der Kerrowspalte die Toten ausgepackt hatten. Der Daumen war gebrochen. Über den Handrücken lief eine frische Furche, in der noch der Staub von Orrelan saß, grauer Staub, der nach Salz schmeckte, wenn man ihn in den Mund bekam. Er kam überall hin.

Ein Streifen Folie lag im Sack. Wehr, Ansbert. Kampfbruder, Eisenhände, Klan Torrand. Gefallen Tag vierzig, Kerrowspalte. Mehr schrieb der Techmarine nie auf.

Sie drehte die Hand um. An der Innenseite des Handwurzelblocks, dort, wo weder Handschuh noch Ork hinkamen, saß die Platte, vier Fingerbreit lang, bündig ins Metall gelassen. Zwei Zeilen standen darauf, in der engen Schrift der Halle. Zwei Männer, die diese Hand zusammen fast zweihundert Jahre getragen hatten, und beide waren tot. Der Dritte war es seit gestern.

Sie spannte die Hand in die Zwinge, setzte den Stichel an und hob den Hammer.

Der Stichel war älter als sie, älter als der Graveur vor ihr und der davor, ein Stift aus Wolframstahl mit einem Griff aus Horn, den ein paar Jahrhunderte Daumen glatt gerieben hatten. Ein Name brauchte im Mittel zweihundert Schläge und neun Minuten. Sie schlug das A: drei Schläge für den Strich, drei für den Gegenstrich, einen für die Querlinie. Dann das N. Sie schlug nicht fest. Fest schlug nur, wer sich etwas beweisen musste, und im Metall wurde jeder Beweis zu einer Kerbe an der falschen Stelle.

Einundvierzig Jahre machte sie das jetzt. Dreiundzwanzig war sie gewesen, ein Mädchen aus den Werkstattgassen der Klanburg, und sie hatte geglaubt, die Halle sei eine Strafe. Jetzt war sie vierundsechzig, ihre linke Hüfte knirschte auf den Treppen, und ihre Augen taugten nur noch für zehn Zentimeter Entfernung. Mehr brauchte sie hier nicht.

„Der Dritte also“, sagte Pellam hinter ihr.

Pellam Droste kam die Treppe herunter, wie er alles tat, mit einem Husten als Vorhut. Er war zweiundfünfzig und breit gebaut, ein abgewiesener Aspirant, den man als Jungen nicht für würdig befunden und zum Hallenwart gemacht hatte. Er hielt das für die bessere Hälfte des Handels, solange niemand nachfragte. Unter dem Arm trug er das Inventarbrett: vierhundertzwölf Zeilen, jede mit einer Nummer. Er kannte sie alle auswendig und prüfte sie trotzdem jeden Morgen, wie man eine Tür prüft, die man selbst abgeschlossen hat.

„Dritter Name für dreihundertachtzehn. Die bringt Unglück, die Hand.“

„Alle bringen Unglück. Es sind Hände aus einem Krieg.“

„Ansbert Wehr hat mir mal zwei Kisten Öl geschenkt, weil ich ihm seinen Namen auf dem Lieferschein richtig geschrieben hatte.“ Er hustete in die Faust. „Danach hat er sich geschämt, dass er sich bedankt hat.“

Sie schlug das S, das B, das E.

Teo kam mit dem Lappen. Teo Marwitz war sechzehn und der dritte Lehrling, den sie in elf Jahren hatte, und der erste, der beim ersten Namen nicht das Gesicht verzogen hatte. Er polierte die Haken der vordersten Reihe, weil er noch nicht an den Tisch durfte, und stellte sich jetzt neben ihren Ellbogen und sah zu.

„Der Gesandte hat gefragt, wie lange ein Name dauert“, sagte er.

„Und?“

„Ich hab gesagt, ich weiß es nicht.“

„Gut.“

Sie sah nicht auf, aber sie wusste, wo er stand. Der Gesandte des Eisenrats stand seit drei Tagen jeden Morgen in der Tür am oberen Ende der Treppe und sagte nichts. Hollis Karne. Von dem Mann war so viel Metall übrig, dass das Lampenlicht an ihm keine Falten fand: ein Arm aus Plaststahl bis hinauf zur Schulter, die untere Gesichtshälfte hinter einem Gitter, ein Auge, das nicht blinzelte. Er sah zu, wenn sie schlug, und das Gitter an seinem Kiefer zuckte im Takt der Schläge. Beim vierten Buchstaben hatte sie begriffen, dass er mitzählte.

Das R. Das T. Dann den Abstand und das W.

Unter ihren Füßen veränderte sich das Dröhnen des Bodens. Oben auf dem Landefeld senkte sich der Thunderhawk, und die Haken der Reihen fingen an, leise gegeneinanderzuschlagen, vierhundertzwölf Stück, wie ein Raum voll Leute, die sich räuspern.

„Der Vogel“, sagte Pellam. „Sechs Verwundete diesmal.“

Sie schlug den Namen zu Ende, das E, das H, das R. Ein halb stehender Name war schlimmer als keiner, das hatte der Graveur vor ihr gesagt, und der davor hatte es auch gesagt. Keiner von beiden hatte je erklärt, warum. Sie blies den Metallstaub aus den Furchen und fuhr mit dem Daumennagel über die dritte Zeile. Ansbert Wehr. Glatt, tief genug, gerade. Die Hand würde am Abend an einem Haken hängen, Nummer dreihundertachtzehn, und sein Name stand darauf, solange es das Metall gab.

Dann legte sie den Hammer weg und ging hinauf. Das tat sie bei jeder Landung, ob jemand sie rief oder nicht. Helfen wollte sie dabei nicht. Sie wollte wissen, wer als Nächster kam.

Oben stand der Wind auf dem Feld und trieb den Salzstaub waagerecht über den Beton. Die Rampe senkte sich in Dampf. Sechs Brüder kamen herunter, zwei auf eigenen Füßen, vier auf Tragen, und die Ordensdiener liefen ihnen entgegen und blieben einen Schritt zu weit weg, wie sie es immer taten. Auf der vierten Trage lag einer, dem das linke Bein unter dem Knie fehlte. Ein junger Kopf mit kurz geschorenem Haar, der an den Himmel sah und nichts sagte.

Ilka merkte sich sein Gesicht. Sie merkte sich die Gesichter aller, die lebend ankamen, denn irgendwann, in zehn Jahren oder in dreißig Stunden, würde sie ihre Namen schlagen müssen.

II. Die Lesung

PLATTE · Bein links · 0047 · Guss Medusa, 740.M41

Es trugen: Hargen Dolk. Ulf Brasch. Osbert Tholl. Kjell Madrow. Bastian Grell. Edric Vanth. Torsten Gall. Lenart Wirth. Cedric Haid. Sigurd Mehl. Ruprecht Nagel.

Das Bein hing seit achtzehn Jahren an demselben Haken, seit Ruprecht Nagel es zum letzten Mal abgegeben hatte, und es kam herunter, ohne zu klagen. Pellam und Teo trugen es zu zweit auf dem Wagen durch die Gänge. Neunzig Kilo, ohne Rüstung, und der Wagen hatte ein Rad, das quietschte.

Die Schmiedekammer lag neben dem Landefeld, ein Gewölbe aus grauem Beton, in dem es nach heißem Staub roch. In der Mitte stand die Pritsche, auf der Bruder Gerolt Brandis lag, die Hände neben dem Körper, das Gesicht zur Decke. Sein Stumpf war aufgeschlagen und gewaschen, die Schnittfläche glatt wie von einem Messer, das nie gezögert hatte. Er hatte kein Mittel gegen den Schmerz genommen. Ilka hatte gelernt, dass die Brüder das nicht deshalb ablehnten, weil sie nichts spürten. Sie spürten alles und ließen es nicht in die Stimme.

Über ihm arbeitete der Eisenvater. Dormund Haskel war so alt, dass sein Gesicht zu einer Maske aus Narbengewebe geworden war, die er unter einer Kapuze aus Sackleinen trug. Auf seinem Rücken saß das Servogeschirr, vier Arme aus schwarzem Stahl, zwei davon am Stumpf. Er sprach über ein Gitter am Hals, ohne Betonung, jede Silbe gleich lang.

„Nummer?“

„Siebenundvierzig, Eisenvater.“

„Lies.“

Ilka trat ans Fußende. Pellam und Teo legten das Bein auf das Tuch, die Platte nach oben, und gingen zurück bis an die Wand. Am Eingang bewegte sich ein Schatten. Der Gesandte hatte sich in die Tür gestellt, wie er sich überall in die Tür stellte, und die Kammer wurde um eine Winzigkeit kleiner.

Sie atmete aus. Die Lesung war der einzige Teil ihrer Arbeit, bei dem man sie hörte.

„Dies ist Bein siebenundvierzig, links. Gegossen auf Medusa im Jahr 740.M41. Es trug Hargen Dolk.“

„Ich höre“, sagte Gerolt Brandis.

Er sagte es zur Decke. Es war die Antwort, die das Gesetz der Halle verlangte, nicht mehr, und sie hatte in einundvierzig Jahren gehört, wie unterschiedlich man zwei Wörter sagen konnte.

„Es trug Ulf Brasch.“

„Ich höre.“

„Es trug Osbert Tholl.“

Sie las die Namen, wie sie auf der Platte standen, ohne Schmuck. Hargen Dolk hatte das Bein als Erster getragen, sechzig Jahre lang. Edric Vanth dreiundachtzig Jahre, länger als jeder andere. Sigurd Mehl nur neun Monate. Das stand nicht auf der Platte, aber sie wusste es.

Bei Kjell Madrow hörte Gerolt Brandis auf, die Decke anzusehen, und sah das Bein an. Bei Torsten Gall lag sein Daumen auf der Kante der Pritsche und bewegte sich nicht, und das war auffälliger als jede Bewegung. Bei dem Zehnten sprach seine Stimme nicht anders als vorher, aber er sagte „Ich höre“ ein wenig später, als der Rhythmus es verlangte, wie ein Mann, der auf einer Treppe eine Stufe zu viel erwartet hat.

„Es trug Ruprecht Nagel.“

„Ich höre.“

Sie ließ die Stille einen Atemzug lang stehen. Dann das Letzte, den Satz, der auf keiner Platte stand, weil man ihn nicht schreiben konnte.

„Es trägt nun Gerolt Brandis.“

„Ich trage.“

„Du gehst nicht allein“, sagte der Eisenvater. Er sagte es ohne Wärme, wie er die Maße eines Gelenks genannt hätte. „Alle, die dies trugen, gingen vor dir, und keiner blieb stehen.“

Er hob das Bein mit zwei Armen des Geschirrs und schob es an den Stumpf. Die Anschlussringe griffen mit dem Geräusch eines Schlosses, das einrastet, und Gerolt Brandis zog einmal scharf die Luft durch die Zähne. Dann lag er still. Die Nervenleitung brauchte Minuten, bis sie anschlug, und niemand sprach in dieser Zeit. Die Zehen des neuen Fußes zuckten, einmal, dann richtig.

„Das Bein hat eine Eigenheit“, sagte Ilka. Es war nicht ihre Aufgabe, und sie sagte es trotzdem. „Beim ersten Schritt tritt es ein wenig nach außen. Wie ein Pferd, das den Reiter prüft.“

„Von wem?“

„Das weiß keiner mehr. Elf Kalibrierungen in einem Knie, Bruder, und keine löscht die andere ganz. Nach drei Tagen hat es sich auf Sie eingestellt.“

Er setzte sich auf. Er stellte beide Füße auf den Beton und stand, und das Bein trat tatsächlich nach außen, so genau, wie sie es gesagt hatte, und fing sich wieder. Gerolt Brandis sah an sich herunter. Er sah aus wie dreißig. Seine Augen waren älter.

„Und mein Name?“

„Der kommt danach.“

„Wann?“

„Wenn man Sie hergibt.“

Es klang härter, als sie es gemeint hatte. Er nickte, als sei es ein Befehl gewesen, den er verstand.

„Dann dauert es hoffentlich“, sagte er.

Der Gesandte in der Tür hatte sich nicht gerührt. Seine Plaststahlhand hielt eine Tafel, und sie schrieb darauf in Zahlen. Als Ilka hinsah, klappte die Hand die Tafel zu. Hollis Karne trat zur Seite, um sie hinauszulassen, und sagte kein Wort. Auf der Schwelle blieb sein Auge einen Moment an dem Bein hängen, am Knie, an dem Fuß, der jetzt fest auf dem Boden stand.

Elf Namen für ein Bein, das einem Mann jetzt gerade passte. Auf einer Tafel war das eine Zeile mit zwei Zahlen. Ilka wusste, dass die Tafel nicht log, und das war das Ärgerliche an ihr.

III. Der Gesandte

EISENRAT · Beschluss über gealterte Gliederbestände · Auszug

Glieder, die älter sind als vierhundert Jahre, sind bei Gelegenheit einzuschmelzen und im Standardguss zu ersetzen. Namensplatten entfallen. Die Prüfung im Einzelfall nehmen die Gesandten vor.

Hollis Karne zählte die Glieder zum dritten Mal, weil die ersten beiden Zählungen dasselbe ergeben hatten und er Gewissheit für etwas hielt, das man sich verdienen musste.

Vierhundertzwölf. Davon einhundertachtundachtzig älter als vierhundert Jahre. Er ging die Reihen ab, in der Kühle des frühen Morgens, und seine Schritte klangen anders als die von Fleisch, ein wenig zu gleichmäßig, mit einem Nachhall im linken Fuß, den kein Servitor in drei Jahrzehnten hatte abstellen können. Er hatte ihn behalten, weil er ihn nicht störte. An den Haken hingen Arme, Beine, Hände, Schultergelenke, alle mit der Platte nach innen, dem Gang zugewandt wie Gesichter, die einem Besucher nicht ausweichen.

Er hatte seinen eigenen Namen auf keinem seiner Glieder. Er war vierhundertneunzehn Jahre alt, davon dreihundertsechzig im Dienst des Eisenrats, und er hatte sich Stück für Stück ersetzen lassen, den linken Arm, dann die Beine, die Wirbelsäule, die untere Hälfte des Schädels. Jedes Mal hatte der Eisenvater gefragt, ob die alte Platte zurück in die Halle solle, und jedes Mal hatte er geantwortet, sie solle in den Schmelzofen. Was von ihm noch Fleisch war, saß unter dem Brustbein und in einem Rest von Hirn, und beides lag in Schichten von Metall.

Das Fleisch ist schwach. Er glaubte es, wie man ein Gesetz der Physik glaubt, ohne dass Glaube das richtige Wort dafür war.

Vor dem Haken mit der Nummer einhundertdreiunddreißig blieb er stehen.

Es war ein rechter Arm, Oberarm und Unterarm in einem Stück, mit einem Ellenbogenblock, der dunkler war als das übrige Metall. Siebzehn Namen standen auf der Platte. Der letzte war frisch, das Metall um die Kerben noch hell. Karne hatte die Akte gelesen, bevor er hergekommen war: Sergeant Roderic Salm, Klan Torrand, im Vorjahr auf einem Felsbrocken, den der Bericht nur mit einer Ziffer führte. Der Arm war neun Tage über die Frist gelaufen, die der Techmarine ihm gesetzt hatte. Beim Laden war der Ellenbogenblock in der Beugung hängen geblieben. Hinter Salm waren vier Brüder gefallen, die er hätte decken sollen.

Salm selbst hatte es nicht überlebt. Das war das Einzige, was den Fall in Karnes Augen sauber machte.

„Gesandter.“

Er drehte sich nicht gleich um. Sie stand am Ende der Reihe, die Graveurin, eine kleine Frau in einem Wollkittel mit einer Tasche am Gürtel, aus der der Griff ihres Stichels ragte. Sie hatte nicht angeklopft, aber es gab keine Tür.

„Graveurin. Hundertdreiunddreißig.“

„Ja, Herr Gesandter.“

„Siebzehn Namen. Den letzten haben Sie geschlagen.“

„Ja.“

„Wissen Sie, wie er starb?“

„Der Arm klemmte. Er hat ihn neun Tage über die Frist getragen. Vier Brüder sind hinter ihm gefallen.“

„Sie wissen es.“

„Ich habe seinen Namen geschlagen. Da erfährt man, wessen er ist.“

Karne wartete auf mehr. Es kam nicht.

„Und Sie haben ihn trotzdem geschlagen.“

„Er hat den Arm getragen. Das wird nicht anders, weil es falsch war.“

„Der Eisenrat sieht es anders.“

„Ich kenne den Beschluss. Pellam hat ihn mir vorgelesen, bis ich ihn selbst konnte.“ Sie trat näher, einen Schritt, mit der steifen Hüfte. „Sie haben recht mit dem Sergeanten. Ich wusste, dass der Arm an der Frist war, und ich habe nichts gesagt. Ich dachte, siebzehn Namen halten ihn.“

„Es war nicht Ihre Aufgabe, das zu beurteilen.“

„Doch. Das ist ja der Grund, weshalb es mich gibt. Einer muss wissen, was an dem Metall hängt, und es sagen können, ehe es klemmt.“

Er sah sie an, mit dem Auge, das nicht blinzelte. „Was bringt es?“

Die Frage kam ihm selbst zu nackt vor, kaum dass er sie gestellt hatte. Er hatte sie in dreißig Jahren vielen Ordensdienern gestellt und nie eine Antwort bekommen, die er hätte eintragen können. Die Graveurin sah an ihm vorbei auf den Arm. Sie dachte nach, das sah man, ohne dass sie es zeigen wollte.

„Ich weiß nicht, was es bringt“, sagte sie. „Ich weiß, was es kostet. Zweihundert Schläge. Neun Minuten.“

„Das habe ich gemessen.“

„Ich weiß. Sie haben mitgezählt.“ „Ein Bein hat so viele Kalibrierungen, wie Männer es getragen haben, Herr Gesandter. Man macht sie nicht rückgängig. Vielleicht ist es das.“

„Eine Kalibrierung hat keinen Namen.“

„Nein. Aber ich weiß, wessen sie ist.“

Er schwieg. Sie wartete nicht auf Erlaubnis zu gehen, und er hielt sie nicht auf. Dann wandte er sich dem Arm zu und las die Platte, von oben nach unten, siebzehn Zeilen. Er hatte keinen Grund dafür, den er in ein Formular hätte eintragen können.

Der Eisenrat verlangte Zahlen, und er hatte sie. Einhundertachtundachtzig Glieder über der Frist. Zwei Fälle von verzögertem Austausch in vier Jahren, einer davon mit Todesfolge. Eine Ordensdienerin, die im Jahr vierunddreißig Namen schlug, neun Minuten je Name, rund fünf Stunden Arbeit. Jedes Argument für die Abschaffung war gering, und die Summe war es auch, und doch hatte der Rat recht: Eine Gewohnheit, die einen Sergeanten dazu brachte, einen Arm bis in den Tod zu tragen, war keine Gewohnheit mehr, sondern ein Konstruktionsfehler.

Er schrieb die Zahlen auf die Tafel. Daneben hatte er sich zwei Spalten angelegt, über die der Beschluss nichts sagte: was die Lesung dem Träger gab und was sie ihm nahm. Er ließ beide leer. Er wusste nicht, was er hätte eintragen sollen, außer dem Daumen eines jungen Bruders, der sich auf der Kante einer Pritsche nicht bewegt hatte, und für Daumen sah der Eisenrat kein Feld vor.

IV. Zwei Uhr einundvierzig

FUNKSPRUCH · Klan Torrand an Rüstlager Hartstein · Tag 42 · 20:36 · 958.M41

Salzpfanne durchbrochen. Etwa dreihundert, Trukks, ein Mek. Kurs Hartstein. Die Spalte darf ich nicht freigeben. Vor dem Morgen kann ich niemanden schicken. Ommen, Hauptmann.

Der Kommandoraum lag unter dem Landefeld und war so niedrig, dass der Gesandte sich bücken musste. Er tat es ohne Ungeduld. Auf dem Tisch in der Mitte lag eine Karte der Salzpfanne, auf der jemand mit Kreide drei Pfeile gezogen hatte, alle auf einen Punkt zu, der Hartstein hieß.

Ilka stand an der Wand neben Pellam, weil man sie gerufen hatte, und sie wusste nicht, warum. Das Brett mit den vierhundertzwölf Zeilen hatte Pellam mitgebracht, aus Gewohnheit, wie andere einen Hut mitnehmen. Der Raum roch nach Öl, nach nasser Wolle und nach den Brüdern, die in einem Halbkreis um die Karte standen: Sergeant Osmund Keller mit einem frischen Verband um den rechten Unterarm, hinter ihm die anderen fünf, die gestern aus dem Vogel gekommen waren. Gerolt Brandis stand ganz außen, mit dem linken Fuß ein wenig nach außen gesetzt.

„Die Lage“, sagte Hollis Karne.

Er sprach, wie er ging, ohne Schwung. Dreihundert Orks, sieben Trukks, ein Mek, der sie sammelte. Der Hauptmann hielt die Spalte, weil die Spalte der Pfanne den Rücken deckte, und wer sie aufgab, ließ den Feldzug in einen Sack laufen. Die Klan-Kompanie hätte zwölf Stunden gebraucht, um zurückzukommen, und sie hatte sie nicht.

„Sie sind gegen drei an der Mauer“, sagte er. „Der Hauptmann sagt: frühestens um halb zwei. Mit Trukks auf Salz weiß man es nie.“

„Und der Vogel?“, fragte der Sergeant.

„Die Druckpumpe. Der Techmarine, der sie ersetzen sollte, liegt in der Kerrowspalte. Der Eisenvater sagt zwanzig nach zwei. Ich setze den Start auf zwei Uhr einundvierzig. Zwischen Pumpe und Start liegt das Beladen.“

„Wen laden wir?“

„Die sechs Brüder, soweit sie gehen können. Die vierzehn Ordensdiener.“

„Und die anderen?“

Er meinte den Eisenvater und den Ehrwürdigen, und alle im Raum wussten es. Dormund Haskel stand im Dunkel neben der Tür, unter seinem Sackleinen, die vier Arme des Servogeschirrs zusammengefaltet wie die Beine eines Insekts. „Der Ehrwürdige schläft in Halle Vier“, sagte er. „Ich wecke ihn. Er hält das Tor, bis der Vogel steht.“

„Ich bleibe bei ihm“, sagte Karne.

Es entstand eine kleine, harte Pause. Osmund Keller hob den Kopf. „Gesandter.“

„Ich habe sieben Jahre keinen Orkschädel mehr geschlagen. Das Gelenk braucht Übung.“ Es klang, als habe er einen Witz gemacht, und niemand lachte, weil man bei ihm nie sicher war. Dann sagte er, was er eigentlich sagen wollte. „Sechs verwundete Brüder sind dem Orden mehr wert als ein Gesandter. Ich habe es nachgerechnet.“

„Und die Halle?“, fragte Pellam.

Er hatte es nicht fragen wollen. Ilka hörte es an der Stimme. Karne wandte das Auge zu ihm.

„Orks sammeln Metall“, sagte er. „Vierhundertzwölf Glieder sind für einen Mek ein Vorrat auf ein Jahr. Das Lager wird beim Abflug gezündet. Hallenwart, Sie haben Thermit?“

„Siebenhundert Kilo. Im Magazin. Ich habe sie selbst gezählt.“ Pellam sprach, ohne zu husten. „Die Haken sind Stahl, Herr Gesandter, die schmelzen mit. Die Glieder schmelzen mit. Alles, was in der Halle ist.“

„Das ist die Absicht.“

Pellam nickte. Er nickte noch ein zweites Mal, ohne dass jemand ihn gefragt hatte, und dann sah er auf sein Brett, auf die Zeilen, die er jeden Morgen prüfte.

Ilka trat einen Schritt vor. Sie wusste vorher nicht, dass sie es tun würde. Ihre Hüfte meldete sich, und sie ließ sie.

„Herr Gesandter. Ich brauche Zeit.“

„Wofür?“

„Für die Kerne.“

Er schwieg. Ilka sprach schnell, weil sie nicht aufhören durfte, wenn sie anfing.

„Die Namensplatte sitzt im Gelenkkern. Beim Arm im Ellenbogen, beim Bein im Knie, bei der Hand im Handwurzelblock. Der Kern lässt sich herausschneiden. Mit dem Plasmaschneider, zweiundzwanzig Minuten, wenn man sauber arbeitet. Er wiegt im Mittel sieben Kilo. Er geht in eine Kiste.“

„Mit wie vielen Schneidern?“

„Zwei. Mir und dem Hallenwart. Der Junge hält die Lampe.“

Karne rechnete. Das Gitter an seinem Kiefer zuckte, kaum sichtbar, die Zahlen liefen dahinter. „Bis zum Beladen bleiben Ihnen vier Stunden und sechzehn Minuten“, sagte er. „Elf Kerne je Schneider. Zweiundzwanzig.“

„Ja.“

„Von vierhundertzwölf.“

„Ja, Herr Gesandter.“

„Das ist einer von neunzehn.“ Er hielt inne. „Einer von achtzehn und ein Rest.“

Es war so still, dass man das Kühlwasser in den Rohren hörte. Ilka hielt seinem Auge stand. Er legte ihr eine Rechnung vor, die sie selbst schon gemacht hatte, jede Nacht seit zwei Tagen. Sie hatte nur gehofft, er würde sich verrechnen.

„Der Kern ist ein wirtschaftliches Ding“, sagte er. „Sieben Kilo gegen einen Namen. Es ist ungefähr die günstigste Art, etwas zu retten, was man nicht retten kann.“

„Heißt das ja?“

„Es heißt, Sie haben bis zum Abflug. Nicht länger. Kommen die Orks früher, hören Sie auf zu schneiden, wenn ich es sage, und wenn es sein muss, mitten im Schnitt.“

„Ja, Herr Gesandter.“

„Sie wählen.“

Er sagte es leicht, als gebe er eine Reihenfolge vor, die ohnehin feststand. Dann wandte er sich ab und zeigte dem Sergeanten die Stellungen am Tor, und Ilka wusste, dass sie gerade etwas bekommen hatte, das sie nicht tragen konnte. Zweiundzwanzig. Pellam hatte ihr das Brett in die Hände gedrückt, ohne dass sie es bemerkt hatte. Sie las irgendeine Zeile. Einhundertdreiundsiebzig, rechter Arm, neun Namen. Als wäre das eine Antwort.

V. Sechs Antworten

PLATTE · Arm rechts · 0133 · Guss Medusa, 611.M40

Es trugen: siebzehn. Zuletzt: Gunther Treyn. Roderic Salm.

Sie hatte keine Erlaubnis, die Brüder zu befragen, und keine Vorschrift verbot es. Das reichte ihr.

Die Stube der Verwundeten lag im Westflügel, ein langer Raum mit sechs Pritschen und sechs Rüstungsständern, auf denen das Ceramit im Lampenlicht stand wie Tiere, die man zum Schlafen hingestellt hatte. Es roch nach Waffenöl und nach Brüdern, ein Geruch, den sie in einundvierzig Jahren nicht mehr aus der Nase bekommen hatte. Als sie eintrat, hörte keiner auf, womit er beschäftigt war. Tiber Waldron fuhr mit einem Ölschwamm den Lauf seines Bolters hinunter. Edgar Fahl las in einem Buch, das keiner kannte. Der Jüngste, Matthes Wuld, saß auf der Kante seiner Pritsche und tat nichts, ein breiter Junge mit einer neuen Metallhand, der aussah wie fünfundzwanzig und zwölf Jahre im Dienst hatte.

Pellam hatte gesagt: Die sagen dir nichts. Sie hatte geantwortet: Dann sagen sie nichts.

„Graveurin“, sagte Sergeant Keller. Er hatte ihr den Rücken zugewandt und drehte sich nicht um. Er trug nur das Unterhemd, und sein rechter Unterarm lag in einem Verband, durch den ein dunkler Streifen schlug.

„Ich schneide zweiundzwanzig Kerne“, sagte sie. „Ich wähle. Ich will wissen, ob einer von Ihnen einen Namen kennt, der nicht verbrennen soll.“

Die Stille hatte Gewicht. Sie erwartete, dass man sie hinausschickte.

„Dreihundertachtzehn“, sagte Keller.

Er sagte es zur Wand. Dann drehte er sich um und sah sie an, ein Mann um die hundertzwanzig mit einer Nase, die dreimal gebrochen und nie gerichtet worden war.

„Die Hand. Ansbert Wehr. Wir sollten die Plätze tauschen in der Spalte, am Morgen von Tag vierzig. Mein Knie war schlecht. Er hat mich auf den Hang geschickt und ist selbst unten geblieben.“ Er hielt kurz inne. „Ich will nicht, dass die Hand verbrennt. Mehr gibt es dazu nicht.“

„Hundertdreiunddreißig.“

Es war Gerolt Brandis. Er stand bei der Tür, die Schulter an die Wand gelehnt, den linken Fuß nach außen. Keller drehte den Kopf. Matthes Wuld sah auf.

„Der Arm von Roderic Salm“, sagte Gerolt. „Siebzehn Namen.“

„Der Arm hat vier Brüder getötet“, sagte Ilka.

„Ja.“

„Und Sie wollen ihn.“

„Ich will die siebzehn.“ Er sagte es ohne Hitze, wie er alles sagte. „Sergeant Salm hat den Arm zu lange getragen, das weiß jeder in der Kompanie. Es ist wahr. Aber die sechzehn davor haben nichts davon gewusst. Wenn man den Arm verbrennt, weil einer ihn zu lange getragen hat, verbrennt man sechzehn für einen.“

„Der Gesandte würde sagen, dass es keine Rolle spielt.“

„Der Gesandte hat recht, dass es keine Rolle für den Arm spielt.“ Gerolt Brandis sah sie an. „Für uns schon.“

Sie schrieb die Nummern mit dem Kreidestück, das sie in der Tasche trug, auf die Rückseite von Pellams Brett: Dreihundertachtzehn, Hundertdreiunddreißig.

„Zweihunderteins“, sagte Tiber Waldron. Der Schwamm lag still. „Rechter Arm. Vier Namen. Der letzte ist Torsten Gall. Er hat mich ausgebildet.“

„Torsten Gall steht auch auf dem Bein von Bruder Gerolt.“

„Dann steht er auf zweien.“ Tiber hob den Bolter und blickte durch den Lauf. „Das Bein hat jetzt einen Träger, der aufpasst. Der Arm nicht.“

Edgar Fahl klappte sein Buch zu. Er hatte bisher nichts gesagt und sagte es jetzt zu seinen Händen. „Nehmen Sie eins, auf dem nur ein Name steht.“

„Es gibt neunundzwanzig.“

„Dann eins davon.“

„Warum eins?“

„Wenn Sie nach der Zahl wählen, nehmen Sie nie eins.“ Er blickte auf. „Wer allein steht, den holt keiner. Weil es ja nur einer ist.“

Sie sah ihn an. Sie hatte genau diesen Gedanken seit zwei Tagen im Kopf gehabt und ihn nicht ausgesprochen, weil sie sich geschämt hatte, ihn für klüger zu halten als sich selbst.

„Eins“, sagte sie.

„Eins.“

„Wählen Sie nach der Zahl.“

Kasimir Veyl hatte es gesagt, leise, ohne sich zu bewegen. Sie drehte sich zu ihm um. Er saß auf dem Rand seiner Pritsche, die Unterarme auf den Knien, und sah auf den Boden zwischen seinen Stiefeln.

„Nehmen Sie die mit den meisten Namen. Zwei Dutzend Kerne in einer Nacht: Das ist keine Stunde für Gefühle. Alles andere ist Sentimentalität. Es wäre schade um die Zeit.“

„Das ist die Rechnung des Gesandten.“

„Ja. Sie ist richtig.“

„Ich weiß.“

Sie wusste es. Sie hatte es in Karnes Auge gesehen, und jetzt hörte sie es von einem Bruder, der nicht die Absicht hatte, grausam zu sein.

Einer fehlte noch.

Matthes Wuld sah sie an, mit dem breiten, offenen Gesicht, und sie sah, dass er sich bemühte, etwas zu finden, das er hätte sagen können.

„Ich habe keinen“, sagte er schließlich.

„Keinen?“

„Zwölf Jahre im Dienst. Mir ist keiner gefallen, der mir gehörte. Ich habe nur Namen gehört, wenn Sie sie lesen.“ Seine neue Hand öffnete und schloss sich einmal, prüfend, mit dem leisen Ton von Servos, die noch zu lernen hatten. „Das ist wohl ein Glück.“

„Es ändert sich“, sagte Ilka.

„Ja“, sagte er.

Sie ging hinaus. Niemand sah ihr nach. Auf dem Gang schrieb sie unter die Liste mit dem Kreidestück die Zahl, die übrig blieb, wenn man vier Wünsche von zweiundzwanzig abzog, und dann die Regel dafür. Achtzehn. Nach der Zahl. Sie stand lange vor den beiden Wörtern, und ihr war, als hätte jemand ihr eine Waffe in die Hand gelegt, mit dem Hinweis, sie sei nicht geladen.

VI. Zweiundzwanzig Minuten

PLATTE · Hand links · 0369 · Guss Medusa, 804.M41

Es trug: Valtin Orm.

Der Plasmaschneider hatte einen Ton wie ein Messer, das durch nasses Papier geht, nur höher, und er machte aus der Halle zwei Räume: den Kreis weißblauen Lichts um die Schneide und den Rest, in dem die Haken im Dunkeln hingen.

Sie schnitt zuerst die Hand mit der Nummer dreihundertachtzehn. Wer etwas versprochen bekam, sollte es zuerst bekommen, damit es nicht in der Mitte der Nacht verlorenging. Zwölf Minuten für den Schnitt, acht fürs Kühlen im Ölbad und fürs Glätten der Fläche, zwei fürs Etikett. Dann hatte sie einen Block in der Hand, kaum größer als eine Faust, mit einer Platte darin, auf der drei Namen standen. Der dritte war am Morgen noch ein Mann gewesen.

Teo wickelte ihn in Tuch und trug ihn quer durch die Halle zur Kiste, einem Ceramitkasten mit Schaumeinlagen, und legte ihn dort hinein, wie man Eier in Sägemehl legt. Er hielt dabei den Atem an. Dann kam er zurück und hob die Lampe.

„Wie viele noch?“

„Einundzwanzig.“

Er sah an den Reihen entlang, an den Haken, die im Dunkel hingen. „Und die anderen?“

„Die anderen nicht“, sagte sie. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Pellam arbeitete am anderen Tisch. Sie sah ihn nur an dem Licht, das gegen die Wand schlug, und hörte ihn an seinem Husten, der sich mit dem Zischen des Schneiders verwob. Er las die Zahlen laut vor, weil er ohne den Klang seiner Stimme nicht rechnen konnte. „Zweihundertzwo, linker Arm, fünfzehn Namen. Hundertsiebenundzwanzig, rechtes Bein, vierzehn.“ Danach nannte er jedes Mal den Nachbarn. „Zweihundertzwo hängt neben der Zweihundertdrei. Die hat elf.“ Dann ließ er den Schneider an. Die Zweihundertdrei blieb hängen.

Salm kam als Zweiter. Der Arm mit den siebzehn Namen löste sich schwerer, als er hätte müssen. Das Metall der Beugung war glasig, wo es heiß gelaufen war, und man sah noch die Stelle, an der es geklemmt hatte. Sie hielt den Ellenbogenblock in der Hand, kalt jetzt, und las die letzte Zeile mit dem Daumen, wie man eine Narbe liest. Roderic Salm. Ihre eigene Arbeit. Tief, gerade, glatt.

Vier Brüder waren gefallen, weil der Arm geklemmt hatte, und siebzehn Namen standen auf ihm. Sie legte den Block ins Tuch und gab ihn Teo.

Gegen Mitternacht hatten sie acht. Die Hand von Valtin Orm war darunter, die Hand, die Edgar Fahl gewollt hatte, ohne sie zu kennen: ein linker Handwurzelblock, einhundertvierundfünfzig Jahre alt, ein einziger Name, ein Träger, der vor sechzig Jahren gefallen war. Niemand hatte die Hand danach noch getragen. Sie hing zwischen zwei Armen mit je acht Namen und sah daneben aus wie ein Kind im Chor. Auch die Zweihunderteins lag darunter, rechter Arm, vier Namen, der letzte Torsten Gall.

Dann kam der Junge dazwischen. Teo hatte die Lampe nicht ruhig gehalten, ein einziges Mal, weil sein Arm müde wurde, und sie hatte den Schnitt einen Fingerbreit zu nah an die Platte gesetzt. Das Licht schlug auf, und eine Ecke der Platte lief schwarz an. Sie legte den Schneider hin. Auf der Platte stand Orsol Trent, und das nt war ein verlaufener Fleck.

Der Junge sah sie an. Sein Gesicht war grau.

„Gib mir den Stichel“, sagte sie.

Sie hatte den Namen zwölfmal gelesen, bei zwölf Lesungen in fünfunddreißig Jahren. Sie konnte ihn im Schlaf. Sie schlug das n neu und das t, bei schlechtem Licht, und es dauerte sieben Minuten, die sie nicht hatte. Als sie fertig war, stand der Name wieder da, nur die beiden Buchstaben waren eine Spur heller als der Rest.

„Hol Wasser“, sagte sie. „Du bist müde, das ist alles.“

Der Gesandte kam kurz vor ein Uhr. Sie hatte ihn nicht gehört. Er stand am Ende der dritten Reihe, so still, dass die Haken um ihn herum nicht schwankten, und sein Auge ging über die Tafel an der Wand, auf der sie die Nummern der Kerne mit Kreide abgestrichen hatte, dann über die Glieder, die jetzt ohne Gelenke hingen, ein Arm ohne Ellenbogen, ein Bein ohne Knie. Sie sahen aus wie vorher, nur kürzer.

„Nach welchem Schlüssel wählen Sie?“

„Nach der Zahl der Namen, Herr Gesandter. Außer vier.“

„Das ist ein vernünftiger Schlüssel.“

„Ich weiß.“

„Es ist das Richtige.“

„Ich weiß, Herr Gesandter.“ Sie wischte sich den Staub von den Händen. „Das ist ja das Schlimme daran.“

Er nickte, ein Zucken des Kopfes, das bei einem Mann aus Fleisch vielleicht eine Antwort gewesen wäre, und ging. Sie hörte seine Schritte auf dem Beton bis zum Aufgang, den Nachhall im linken Fuß.

Um zwanzig vor zwei zählte Teo. Er zählte laut, wie er alles tat, als müsse er Zeugen haben. Bei dreizehn brach seine Stimme, er räusperte sich und zählte weiter. Achtzehn. Dann lag nichts mehr im Tuch, und er stand mit dem Wasserkrug da und sah in die Kiste.

Achtzehn, dachte sie, und noch vier.

Draußen schlug ein Alarm an, einmal, kurz, ein Ton wie ein Husten in einem großen Raum. Pellam hörte auf zu schneiden. Das Licht an seinem Tisch erlosch. Die Stimme des Gesandten kam aus dem Lautsprecher über dem Aufgang, flach und gleichmäßig.

„Orks an der Nordmauer. Hallenwart Droste, zum Innentor.“

„Ich hab noch einen halben“, sagte Pellam in die Dunkelheit.

„Zum Innentor.“

Er legte den Schneider hin. Im Vorbeigehen blieb er an ihrem Tisch stehen, das Brett unter dem Arm.

„Auf meinem Tisch liegt einer, halb durch“, sagte er. „Zwölf Minuten, dann ist er fertig.“

„Ich mach ihn.“

„Ich weiß.“ Er hustete, lange. Dann ging er die Treppe hinauf, das Brett mit den vierhundertzwölf Zeilen unter dem Arm, und er hielt es so, dass keine herunterfallen konnte.

VII. Die Salzpfanne

TORBEFEHL · Rüstlager Hartstein · Tag 43 · 01:44

Äußeres Tor: Ehrwürdiger Ostrik, Sergeant Keller, Brüder Brandis, Wuld, Veyl, Fahl. Innentor: Hallenwart Droste mit vier Ordensdienern. Start des Thunderhawk um 02:41, es fliegt Bruder Waldron. Karne.

Sie kamen mit Licht.

Gerolt Brandis hatte Orks im Dunkeln erwartet, wie man es ihm beigebracht hatte, ein Murren hinter dem Horizont, Silhouetten gegen das Salz. Stattdessen kam die Salzpfanne ihnen entgegen als ein weißes, flaches Feld, über das sich Scheinwerfer schoben, ein Dutzend, zwanzig, ungleichmäßig, wie die Augen eines Tiers, das sich nicht entschließen kann, welches es zuerst öffnet. Dahinter ein Dröhnen. Es kam nicht aus der Luft. Es kam aus dem Boden, durch die Sohlen in die Knie, und im linken Knie, im fremden, antwortete etwas darauf, ein feines Summen im Metall.

Er stand an der Nordmauer. Vier Meter Plaststahl, Zinnen, ein Tor mit zwei Flügeln, das einen Trukk durchgelassen hätte und jetzt keinen mehr durchlassen sollte. Links von ihm Matthes Wuld mit dem Flammenwerfer, rechts Edgar Fahl und Sergeant Keller. Auf der Mauer, hinter dem Schweren Bolter, lag Kasimir Veyl. Im Torbogen aber stand der Ehrwürdige.

Ostrik sprach selten. Jetzt öffnete sich ein Spalt in seinem Sarkophag, ein Gitter, hinter dem etwas atmete, und eine Stimme, die so tief war, dass man sie mehr im Brustkorb als im Ohr hörte, sagte nur ein Wort. „Gut.“

Er meinte nicht die Lage. Er meinte, wie es Gerolt später schien, dass es endlich begann.

Die ersten Trukks erreichten die Mauer um zehn vor zwei. Sie fuhren nicht, um zu halten, sie fuhren, um zu treffen. Der erste schlug in den linken Torflügel und blieb stecken, ein Haufen Blech, Ketten und johlende Leiber, die schon während des Aufpralls aus ihm hinauskletterten, grün, breit, mit Beilen, die die Größe von Türflügeln hatten. Der Lärm war so vollständig, dass er aufhörte, Lärm zu sein. Gerolt hörte seinen Bolter nur noch an der Erschütterung in den Armen. Er feuerte, wie er es gelernt hatte, in kurzen Salven, auf Brusthöhe, und die Boltergeschosse sprengten die ersten Orks in grüne Stücke, und die nächsten stiegen darüber hinweg, ohne langsamer zu werden.

Er war vierhundert Kilo Ceramit und Muskel, ein Halbgott nach der Rechnung des Ordens, und in ihm saß noch das Kind aus Medusas Gassen, das gelernt hatte, wie Angst sich anfühlte. Niemand hatte sie ihm weggeschnitten. Er trug sie bei sich wie das Bein, als eine Sache, die er nicht ausgesucht hatte und nicht abgeben konnte.

Ein Ork sprang vom Wrack des Trukks auf den Tormauersims und holte aus.

Gerolt sah den Schlag kommen. Er sah ihn in der Mitte des Bogens, ein Beil, das ihm den Oberschenkel vom Knie bis zur Hüfte hatte öffnen sollen, und sein Körper wollte nach vorn und nach links, wie er es dreißig Jahre getan hatte, in einer Bewegung, die er nicht mehr dachte. Der Fuß ging nach außen. Er trat in die Luft, genau in den Raum, den das Bein seit zwei Tagen verlangt hatte, und die Beilspitze fuhr dort durch, wo vor einem Atemzug sein Knie gewesen war. Der Ork verlor das Gleichgewicht. Er schoss ihm ins Gesicht.

Torsten Gall, dachte er, ohne zu wissen, woher der Name kam. Oder einer von den anderen, die dieses Knie so oft in dieser Richtung gebeugt hatten, dass das Metall es nicht mehr vergaß. Elf Männer, alle tot, und einer von ihnen rettete ihm gerade die Beine.

Matthes Wuld fiel zuerst.

Er stand bei der Torbresche mit dem Flammenwerfer und leerte den Tank in die Hälfte der Orks, die hereinkletterten, und für ein paar Sekunden war der ganze Torraum eine Wand aus gelbem Feuer. Dann kam der Killa Kan. Es war ein Ding aus Eisenschrott, nicht größer als ein Dreadnought, mit einem Rohr statt eines Armes und einem Grot im Bauch, das etwas schrie, und das Rohr fuhr Matthes in die Brust, ehe er sich umgedreht hatte. Gerolt sah es von der Seite. Er sah den Jungen auf den Rücken fallen, die neue Metallhand ausgestreckt, offen. Die Finger schlossen sich. Öffneten sich. Schlossen sich, mit dem leisen Servoton, den er am Abend vorher in der Stube gehört hatte.

Mir ist keiner gefallen, der mir gehörte. Jetzt war einer.

Der Ehrwürdige trat in den Torbogen und schlug den Killa Kan zur Seite wie ein Möbelstück.

Kasimir Veyl kam von der Mauer, als der Schwere Bolter leergeschossen war. Es war der zweite Fall in zehn Minuten, und Gerolt sah ihn nicht, er hörte ihn: ein dumpfes Geräusch, als würde ein Sack von einem Dach geworfen, dann Keller, der etwas brüllte, das kein Wort war. Edgar Fahl ging mit zwei Melterbomben nach vorn, zur Bresche, wo die größten Orks hereinkamen, und nahm einen Deff Dread mit, der eine Ecke der Mauer zerlegt hatte. Das Feuer war weiß. Als es verlosch, lag auf dem Beton ein Stiefel, und sonst nichts, was man hätte benennen können.

Drei, dachte Gerolt. Drei in einer Viertelstunde.

„Rückzug zum Innentor“, sagte die Stimme des Gesandten in seinem Ohr. Sie war so flach wie immer. „Keller, Brandis. Der Ehrwürdige hält das Äußere.“

„Der Ehrwürdige allein?“

„Der Ehrwürdige und ich.“

Er drehte sich um. Hollis Karne stand zehn Meter hinter ihm auf dem Hof, in einer Kraftrüstung, die zwei Jahrhunderte älter war als die der Brüder, den Plaststahlarm halb erhoben, die Faust von einem Energiefeld umkleidet, das aufflammte, als er es zuschaltete. Er sah aus, als probiere er ein Gerät aus. Orks stürzten auf ihn zu.

Keller packte Gerolt am Gurt und zog. Sie liefen quer über den Hof, vom Tor weg, auf den dunklen Bogen zu, hinter dem die Stufen zur Halle führten. Unter Gerolts Stiefeln spritzte Blut, und das linke Bein setzte bei jedem dritten Schritt ein wenig nach außen auf.

Er ließ es.

VIII. Der Ehrwürdige

PLATTE · Sarkophag · Dreadnought · Guss Medusa, 411.M41

Es trägt: Ostrik.

Karne überspielte die Tafel, während die Mauer hinter ihm brannte.

Er tat es im Gehen, mit dem Daumen der Plaststahlhand, zwei Griffe auf der Fläche, ein Befehl an den Vogel auf dem Landefeld. Zweiundvierzig Zeilen Zahlen gingen hinüber in den Speicher des Thunderhawk.

Zwei Spalten waren noch leer. Er sah sie an, den Bruchteil einer Sekunde lang, während ein Ork den Torflügel eindrückte. Dann schrieb er in die erste ein Wort, das er sich in dreißig Jahren Prüfdienst nicht erlaubt hatte. Unbekannt. In die zweite, aus einem Gefühl, das er nicht benennen konnte und deshalb als Befund behandelte, dasselbe. Darunter setzte er: Prüfung unvollständig. Einschmelzen ausgesetzt bis zur Klärung. Er zeichnete mit seinem Namen und schickte es ab. Es war der kürzeste Beschluss, den er je verfasst hatte, und der einzige, über den der Rat sich ärgern würde.

Dann steckte er die Tafel weg und ging dem Ehrwürdigen zur Seite.

Ostrik stand im Torbogen, wie er seit dem Beginn gestanden hatte, ein grauer Berg mit Armen. Sein Sarkophag war an drei Stellen aufgerissen, und aus einer Spalte in der Panzerung tropfte eine Flüssigkeit, die im Licht der Scheinwerfer schwarz aussah. Er hatte keine Munition mehr für die Autokanone. Er hielt den Torbogen jetzt mit der Faust, dem rechten Arm, der älter war als die Mauer, und jeder Ork, der in den Raum zwischen Mauer und Tor kam, hörte auf, ein Ork zu sein.

„Gesandter“, sagte er. Die Stimme war in den letzten Minuten tiefer geworden, als käme sie aus einem Brunnen.

„Ehrwürdiger.“

„Du bist nicht gekommen, um zu kämpfen.“

„Ich bin gekommen, um zu prüfen.“ Er hob die Faust, und das Energiefeld darum zischte. „Die Prüfung ist unvollständig.“

„Dann prüfe weiter“, sagte der Ehrwürdige.

Hinter dem Tor, in der Pfanne, bewegte sich das Licht. Der Mek hatte seinen Wagen nach vorn gebracht, ein Gerüst aus Rohren und Rädern, auf dem sich ein Ding drehte, das einmal eine Kanone gewesen war und jetzt vielleicht ein Kran. Daneben stand ein kleinerer Ork mit einem Schlächterschurz und einer Schweißflamme, und Karne begriff erst, was er sah, als er ihm einen Moment zu lang zusah. Der Ork schweißte einem verwundeten Boy eine Hand an. Er hatte sie aus einem Beutesack gezogen, eine Hand aus Plaststahl, die zu groß war für das Handgelenk, an das er sie hielt. Es war Matthes Wulds Hand. Karne erkannte sie an dem Servoton, der noch nicht richtig lernen konnte.

Der Boy hob den Arm. Er öffnete die Hand, schloss sie. Öffnete. Schloss. Dann brüllte er etwas, das zufrieden klang, und rannte zurück in den Kampf.

Er stand eine Weile still. Er hatte seinen linken Arm viermal ersetzen lassen und viermal den alten in den Ofen gegeben. Der Painboy dort hinten behandelte das Metall nicht anders als er. Ihm fehlte nur die Platte, die ein Mensch in neun Minuten hinzufügte und die Karne in dreißig Jahren als überflüssig verbucht hatte. Er hatte nie gefragt, wessen Hand es gewesen war, die er in den Ofen gab. Der Painboy fragte auch nicht.

„Gesandter“, sagte der Ehrwürdige.

Ein Schatten fiel auf den Hof. Der Mek hatte seinen Wagen gezündet, und über die Mauerkrone schob sich etwas Neues in die Dunkelheit, zehn Meter hoch, mit einem Arm, an dem ein Haken hing, und einem Maul, aus dem Funken sprühten. Es wollte ein Stompa werden und war im Werden stecken geblieben, ein Ding, das ein Mek in einer Woche zusammengeschweißt hatte, aus allem, was er fand.

Ostrik trat vor.

„Ich trage“, sagte er.

Karne kannte die Formel. Er hatte sie vorgestern in der Schmiedekammer gehört, von einem jungen Bruder auf einer Pritsche. Sie gehörte dem, der ein Glied empfing, nicht dem, der ein Tor hielt. Er verstand trotzdem, was der Ehrwürdige damit meinte. Der Ehrwürdige hatte etwas festgestellt.

Dann stieß der Ehrwürdige den Haken zur Seite, den der Stompa ihm entgegenstreckte, ergriff die Mauerkrone und riss die ganze Seite des Tores auf sich herab.

Es dauerte vier Sekunden. Der Torbogen kam herunter, mit dem Ork-Ding darüber, und unter dem Staub, der aufstieg, blieb von Ostrik nur ein Arm sichtbar, mit geballter Faust, der im Beton steckte, als hielte er ihn. Das Gittertor, das Bruchstück der Mauer, die Trümmer: Die Orks mussten darüberklettern, und das dauerte.

Neun Minuten, rechnete Karne, vielleicht zehn.

Seine Vox knackte. Es war der Eisenvater, vom Innentor. „Gesandter. Der Vogel läuft. Start in dreizehn Minuten.“

„Die Halle?“

„Ich zünde sie.“ Eine Pause, in der man Dormund Haskel atmen hörte, durch das Gitter, gleichmäßig. „Ich habe in vierhundert Jahren keine Platte getragen, Gesandter. Nicht einmal als Sergeant.“

„Ich auch nicht.“

„Dann sind wir keine Träger.“

„Nein“, sagte Karne. „Wir sind, was man trägt.“

Er wusste nicht, ob es ein guter Satz war. Er hatte ihn nicht vorbereitet. Er hörte, wie die Vox abgeschaltet wurde, und sah, wie die ersten Orks über das Trümmerfeld kamen, einer, dann zehn, und er ging ihnen entgegen, den Arm halb erhoben, mit dem Gang eines Mannes, der Metall ist und weiß, wie wenig Fleisch es braucht, um zu fallen.

Er zählte sie nicht.

IX. Die Tür

INVENTARBRETT · Gliederhalle Hartstein · Tag 43 · 02:30 · 958.M41

Bestand: 412. Davon geschnitten: 20.

Über ihr kam die Decke herunter, in kleinen Mengen.

Staub löste sich aus den Fugen, wenn oben im Hof etwas Schweres einschlug. Ilka pustete ihn von der Schnittfläche. Der Block in ihrer Hand war der zwanzigste. Er lag warm in der Handfläche, sieben Kilo, auf der Platte neun Namen, einer davon in einer Schrift, die älter war als der Rest.

Pellams halber Kern war der neunzehnte gewesen. Sie hatte ihn beendet, zwölf Minuten, den Schneider so haltend, wie er ihn gehalten hatte, und beim Ansetzen hatte sie gemerkt, dass sein Schnitt schief begonnen war. Er hatte sich verschätzt, um einen Millimeter, und ihre Hand hatte die Kurve ausgleichen müssen, ohne dass man es dem Metall ansah. Sie hatte es ihm nicht gesagt. Er hätte sich geschämt.

„Zwanzig“, sagte Teo.

Er wickelte den Block ein. Seine Hände zitterten nicht mehr. Sieben Ordensdiener standen an der Treppe, mit Seilen und Gurten, bereit, die Kiste hinaufzutragen, und sie warteten, wie man wartet, wenn jemand anderes entscheidet, wann.

Über die Lautsprecher sagte der Gesandte: „Beladen.“ Das war um halb drei. Danach kam nichts mehr.

„Graveurin“, sagte einer der Ordensdiener an der Treppe. Er wusste nicht, wohin mit den Seilen. „Das heißt Beladen.“

„Ich hab's gehört.“

„Der Vogel startet um —“

„Zwei Uhr einundvierzig. Ich bin nicht fertig. Acht Minuten.“

Sie hatte den Schneider am Knie von Nummer hundertneunzehn, linkes Bein, dreizehn Namen, und sie hatte ihn dort seit vierzehn Minuten. Schneller ging es nicht, sie schnitt gleichmäßig weiter, mit einem Arm, der zu schwer wurde, und sie nahm es hin. Über ihr rollte etwas Großes über den Hof, ein Brüllen, das nicht endete.

Um zwei Uhr achtunddreißig lag der Block in ihrer Hand.

Einundzwanzig. Dreihunderteinundneunzig Glieder hingen noch mit ihren Namen da. Sie sah nicht hin.

Die Treppe war lang. Sie hatte hundertachtzehn Stufen, und die Hüfte machte bei jeder eine Aussage. Hinter ihr stolperten die Ordensdiener mit der Kiste, Teo zuvorderst, der die Last vorne nahm, ohne gefragt zu werden. Oben, im Vorraum hinter dem Innentor, war es hell und laut. Dort standen die Brüder, Keller und Gerolt Brandis, mit den Schultern an der Wand, und vor dem Bogen lagen drei Ordensdiener. Eine Frau, die sie gekannt hatte, hatte ihr Gewehr noch in der Hand.

Haskel lag auf dem Boden. Das Servogeschirr war auseinandergeklappt wie ein getretenes Insekt, die Arme zuckten in langen Abständen, als suchten sie noch etwas zum Halten. Die Kapuze war fort. Zum ersten Mal sah sie sein Gesicht, und es war schmaler, als sie es sich vorgestellt hatte, ein altes, gewöhnliches Gesicht, das jemand Jahrhunderte unter Narben versteckt hatte.

Pellam kniete neben dem Pult an der Wand.

„Die Zündleitung ist durch“, sagte er. Er hielt einen Kabelstumpf in der Hand, Kupfer, abgerissen. „Als der Eisenvater gefallen ist. Von oben geht nichts mehr.“

„Du hast gesagt, es geht von oben.“

„Es geht von unten auch. Am Verteiler, am Fuß der Treppe. Von Hand.“

Sie sah ihn an. Er sah nicht zurück. Er hustete in die Faust, und es klang wie Klopfen an einer Tür, hinter der niemand mehr ist.

„Ich hab ihn eingebaut“, sagte er. „Ich weiß, wie.“

„Pellam.“

„Du hast zweiunddreißig Jahre lang gesagt, der Hallenwart sei der, der weiß, wo alles ist. Jetzt weiß ich, wo alles ist.“

Oben vor dem Bogen kam ein Schrei, ein hoher, und Keller schoss. Etwas Schweres fiel. Gerolt Brandis stellte sich vor den Spalt, das Bein ein wenig nach außen, und rief über die Schulter: „Zwei Minuten, Hallenwart.“

Pellam stand auf. Er legte ihr das Brett in die Hände, das Inventarbrett, das Holz warm von seinem Arm. Vierhundertzwölf Zeilen. „Streich sie“, sagte er. „Die einundzwanzig.“

„Ich hab den Stift nicht.“

„Dann streich sie im Kopf.“ Er lächelte schief. „Ich geh die Zeilen noch einmal durch. Einmal noch. Ich muss ja eh hin.“

Er ging die Treppe hinunter, in den Gang, den sie eben heraufgekommen war. Teo wollte ihm nachlaufen. Ilka hielt ihn am Gurt fest, mit einer Hand, die sie lange nicht benutzt hatte, und er riss sich nicht los. Unten fiel eine Eisentür ins Schloss. Sie hörte den Riegel, laut, ein einziges Mal, und danach ihren eigenen Atem.

„Der Vogel“, rief Keller. „Jetzt!“

Sie liefen. Die Kiste trugen sie zu zweit, zu viert, die Treppe hinauf aufs Dach. Der Thunderhawk stand mit laufenden Triebwerken da, die Rampe unten, Tiber Waldron im Cockpit, grün beleuchtet. Die Ordensdiener drängten hinein. Gerolt trug den Eisenvater an Bord, ohne Mühe, wie man ein Kind trägt, das eingeschlafen ist; das Servogeschirr schleifte an einem Arm hinterher, bis er es abstreifte und liegen ließ. Keller zählte die Köpfe, zehn Ordensdiener, die Graveurin und den Lehrling darunter, drei Brüder, ein Mal, zweimal, und kam zu keinem anderen Ergebnis.

Zwei Uhr einundvierzig.

Der Boden unter dem Vogel zitterte, kurz und scharf, als sei ein Stein in einen Schacht gefallen. Dann stieg Rauch aus dem Treppenschacht, schwarz, mit einem rötlichen Rand, der im Licht der Triebwerke aufleuchtete. Das Dach begann zu singen, ein tiefer, gleichmäßiger Ton, wie Metall, das wärmer wird.

Ilka stand in der offenen Rampe, die Kiste zu ihren Füßen, das Brett in der Hand. Teo stand neben ihr und sah nach unten.

„Vierhundertzwölf“, sagte er leise.

„Einundzwanzig“, sagte sie. „Und der Hallenwart.“

Der Vogel hob ab.

X. Der Deckel

KISTE · Gelenkkerne, Ceramit mit Schaumeinlage · Deckel, Innenseite

Unbeschrieben.

Hartstein brannte, und von oben sah es klein aus.

Durch das runde Fenster an der Heckrampe war es ein roter Fleck mitten auf der Salzpfanne, mit einem Kranz bewegter Lichter darum, den Scheinwerfern der Trukks, die um die Mauer kreisten wie Fliegen um einen Mund. Dort unten verschmolzen gerade dreihunderteinundneunzig Glieder mit den Haken, an denen sie hingen, und mit den Platten, auf denen ihre Namen standen. Niemand würde sie je lesen. Ilka sah hin, solange das Fenster es erlaubte, und als der Vogel in die Wolken hineinging, sah sie nur noch das Glas.

Der Thunderhawk rüttelte. Im Laderaum saßen acht Ordensdiener auf den Bänken, die Köpfe gesenkt, und niemand sprach. Jemand weinte, ohne Laut, nur das Gesicht in den Händen. Gerolt Brandis hatte sich neben den toten Eisenvater gesetzt und hielt ihm die Schulter fest, damit der Körper bei jedem Ruck nicht fiel. Sergeant Keller blutete aus dem Verband am Unterarm und achtete nicht darauf.

Aus dem Cockpit sprach Tiber Waldron in die Vox. Er sprach, ohne sich umzudrehen, in dem gleichen flachen Ton wie immer. „Hartstein gefallen. Dreizehn Überlebende. Tot sind der Eisenvater, drei Brüder, der Hallenwart und drei Ordensdiener. Der Gesandte ist nicht an Bord. Der Ehrwürdige ist nicht an Bord. Einundzwanzig Kerne.“

Das Rauschen antwortete eine Weile. Dann Hauptmann Garrit Ommen, aus der Kerrowspalte, mit einer Stimme, die sehr müde war und ihr Gewicht trotzdem behielt. „Einundzwanzig von welcher Zahl?“

„Vierhundertzwölf, Herr Hauptmann.“

„Vierhundertzwölf.“ Ein Atemzug. „Was habt ihr noch?“

„Eine Tafel. Der Gesandte hat sie vor dem Fall in den Speicher überspielt.“ Tiber schwieg kurz. „Letzte Zeile: Prüfung unvollständig. Einschmelzen ausgesetzt bis zur Klärung. Gezeichnet Karne.“

Es blieb lange still.

„Das wird dem Rat nicht gefallen“, sagte Ommen.

„Nein, Herr Hauptmann.“

„Gut.“

Das war alles. Die Vox ging zu.

Ilka öffnete die Kiste.

Sie tat es ohne Absicht, nur um nachzusehen, ob die Tücher noch lagen. Einundzwanzig Blöcke in Reihen auf dem Schaum. Teo hatte nicht einen verschoben. Sie klappte den Deckel zurück, und seine Unterseite sah sie an, grauer Plaststahl, glatt und ohne einen Strich.

Sie sah es lange an.

Dann zog sie den Stichel aus der Tasche am Gürtel, den Horngriff warm von ihrer Hüfte, und den Hammer.

„Was machen Sie?“, fragte Gerolt Brandis.

„Der Deckel.“

„Auf dem Deckel stehen keine Namen.“

„Heute schon.“

Er hätte widersprechen können, mit allem Recht, das einem Bruder gegenüber einer Dienerin zustand. Er schloss den Mund wieder und sah auf das Bein, das den Fuß ein wenig nach außen setzte, auch jetzt, im Sitzen.

„Und meiner?“

„Noch nicht.“

„Gut“, sagte Gerolt Brandis.

Teo hielt die Lampe. Das Licht war gelb und zitterte mit dem Flug, und sie wartete, bis ihre Hände ruhig waren, was länger dauerte als sonst. Dann setzte sie den Stichel an.

Pellam Droste.

Der senkrechte Strich, dann der Bogen. Das P war schwierig, es war immer das P, das sich den Bogen nicht in einem Zug gefallen ließ. Die Schläge klangen in dem Rumpf anders als in der Halle, heller, ohne Echo, und der Hammer sprang manchmal mit dem Rütteln des Vogels aus dem Takt. Die Ordensdiener hatten die Köpfe gehoben. Keller saß still.

Neun Minuten. Sie blies den Staub aus den Furchen. Dann Matthes Wuld, Kasimir Veyl und Edgar Fahl, in der Reihenfolge, in der sie gefallen waren. Der Thunderhawk stieg und sank. Draußen im Dunkel zog die Kerrowspalte als Feuerlinie am Horizont heran, und es waren immer noch vier Namen, die sie hatte schlagen können, und sechs, die nicht darauf standen: der Eisenvater, der Ehrwürdige, die drei, die vor dem Bogen gelegen hatten, und der Gesandte. Ihre Arme zitterten.

„Ich mach den Gesandten“, sagte Teo.

Sie blickte auf. Er stand da, die Lampe in der Hand, und sah sie nicht an, sondern den Deckel.

„Er hat keine Platte. Sie haben gesagt, er hat sie alle in den Ofen gegeben.“

„Ja.“

„Aber er hat die Tafel geschickt.“

Sie schwieg. Das Licht zuckte. Hollis Karne, der mitgezählt hatte, Schlag für Schlag, und sich nie erklärt hatte, wofür.

Sie reichte ihm Stichel und Hammer.

Es war ein kleines Gewicht, das sie dabei loswurde, kaum ein halbes Pfund Stahl und Horn, und trotzdem fühlte sich ihre Hand an, als hätte jemand ihr einen Sack Salz abgenommen. Teo nahm den Stichel in die Faust, zu fest, zu weit vorn. Sie schob seine Finger zurecht, den Daumen auf den Horngriff, die Spitze flach. Er hielt den Atem an.

Er setzte an. Das H, den Strich, drei Schläge, dann den Gegenstrich. Ilka zählte mit, sie konnte es nicht lassen. Ein Schlag zu hart, ein Schlag zu leicht, die Furche lief ein wenig schief. Sie sagte nichts. Das Metall würde es ihm beibringen, wie es ihr beigebracht hatte, Name für Name.

Am Rand der Pfanne wurde der Himmel grau. Der Hammer fiel. Der Junge zitterte, aber er schlug nicht fest.

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